Wir zahlen nicht für eure Krise!

Ich habe mich einige Zeit lang immer über diesen Spruch geärgert, weil ich ihn für fürchterlich dumm und ein Symptom der antikapitalistischen Krankheit hielt. Ich dachte dabei immer in die Richtung, dass es schon völlig abwegig sei, diese Trennung zwischen “uns” und “euch” zu konstruieren, weil Krisen nun einmal zur freien Marktwirtschaft gehören und weil von der fast alle gemeinsam profitieren.

Aus meiner Sicht besteht der Unterschied zwischen der freien Marktwirtschaft und einer sozialistischen und einer “solidarischen Gesellschaft”, oder wie auch immer man das nennen will, vor allem darin, dass freie Marktwirtschaften regelmäßige Krisen hervorbringen, die Fehlentwicklungen beheben und Raum für Innovationen und neue Wege schaffen, während Planwirtschaften einfach so lange unverändert weiter machen, bis wirklich das ganze System zusammenbricht. Das ist natürlich eine ganz knappe Zusammenfassung meiner Meinnung, aber kommt so ungefähr hin.

Und ganz kurz nochmal: Diese Idee von einer strengeren Finanzaufsicht, die dann Risiken frühzeitig erkennt… Ähh… Ist uns klar, dass das die gleichen Leute organisieren sollen, die heute noch leugnen, dass unser Renten- und Gesundheitssystem grundsätzlich nicht funktionieren kann, so wie es ist? Die gleichen Leute, die wir für zu dumm halten, eine vernünftige Regelung zum Nichtraucherschutz zu finden und die gerade beschlossen haben, dass es die ultimative Maßnahme gegen Kinderpornographie ist, sie ein bisschen zu verstecken?
Aber ich schweife ab.

Dass ich jetzt darüber schreibe, liegt teilweise daran, dass ich gerade eben Peter Schiff in der Daily Show gesehen habe. Peter Schiff ist der Präsident von Euro Pacific Capital, Inc., er hat die Krise kommen sehen, und er hat bei John Stewart sinngemäß gesagt, dass unsere Regierungen durch ihren blinden Rettungsaktionismus nicht viel mehr bewirken, als die Krise zu verlängern und zu vertiefen. Kein Unternehmen ist “too big to fail”, und AIG und GM zum Beispiel sind eigentlich “too big to bail out”. Ich fühle mich bei ihm in guter Gesellschaft.

Besonders deutlich wird das natürlich an den aktuellen Beispielen Karstadt und Quelle und meinetwegen auch noch Opel. Zumindest die ersten beiden waren schon vor der Krise tot und bloß zum träge zum Umfallen. Bei Opel ist das vielleicht nicht so offensichtlich, aber da kann mir nun trotzdem wirklich keiner erzählen, dass die systemrelevant sein sollen. Und noch was: Ich weiß gerade nicht mehr, welcher Politiker das war, der im Zusammenhang mit einer Insolvenz von Opel von “ein Leben lang arbeitslos” gesprochen hat, aber ich finde diesen Spruch bodenlos dumm und respektlos gegenüber den Opelmitarbeitern. Als ob die nie wieder für etwas anderes zu gebrauchen wären.

Erstens verschwindet ein Unternehmen ja nicht spurlos, wenn es ein Insolvenzverfahren durchläuft. Zweitens gibt der Untergang der alten Unternehmen, die den Schuss nicht gehört haben, jüngeren, innovativen Unternehmen die Chance zu wachsen und sich zu entwickeln. Diese Unternehmen brauchen dann wiederum Mitarbeiter.

So gesehen, kann ich diesen scheinbar so dummen Spruch da im Titel durchaus unterschreiben. Ich will auch nicht für die Krise zahlen. Leider fragt mich keiner.

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8 Antworten zu Wir zahlen nicht für eure Krise!

  1. juliaL49 sagt:

    Ja, was ist eigentlich so schlimm daran, wenn eine Firma pleite geht? Ist ja nicht das erste Mal und du hast gute Gründe angeführt, warum das nicht zur angedrohten Katastrophe führt.
    Die Frage ist, ob die Rettungsaktionen auch in einem nicht-Superwahljahr ausgeführt worden wären, aber auch da wurden wir nicht gefragt…

  2. pyrrhussieg sagt:

    Eigentlich komisch: Gammelfleisch in Restaurants ist pures Grauen. Aber von wirtschaftlichem Gammelfleisch, also von Geschäftsmodellen, die ihr Haltbarkeitsdatum längst überschritten haben, kann unsere Gesellschaft gar nicht genug haben. Also liebe Populistiker: Rettet die vergammelten Unternehmen!

  3. Muriel sagt:

    Da dachte ich, jetzt schreib ich mal was Kontroverses, jetzt werd ich bestimmt als Sozialdarwinist beschimpft… War wohl nix.

    @JuliaL49:Den Einfluss der Wahl werden wir wohl nie ganz rauskriegen, aber Obama hat ja auch weiter den Bail-Out-Kurs gehalten, obwohl er gerade erst gewonnen hat.

  4. [...] halte ich für eine grobe Vereinfachung an der Grenze zur schlichten Unwahrheit. Dazu habe ich hier vor einiger Zeit schon mal ein bisschen was geschrieben. Kurz gesagt hat die Krise meiner Meinung [...]

  5. Oliver sagt:

    Irgendwer zahlt halt immer ;-)
    Viele versuchen natürlich möglichst wenig zu zahlen.
    Ob nun AIG too big to fail oder too big to bail ist, kann auch ein Herr Schiff nicht beurteilen.
    Die Meinungen in diesen Dingen sind, und das auf beiden Seiten, nichts weiter als wagemutige Prognosen.
    Was passiert wenn AIG umkippt, kann niemand sagen.
    Im übrigen kann natürlich Herr Schiff die Krise vorhergesehen haben. Aber hätte er sie so richtig, richtig, richtig vorhergesehen bräuchte er heute keine Interviews mehr zu geben.

  6. Muriel sagt:

    @Oliver: Klar. Egal, was passiert, man findet immer mindestens einen, der’s vorher gewusst hat.
    Und klar: Irgendwer zahlt immer. Aber wenn wir ernsthaft wollen, dass solche Fehler in Zukunft seltener vorkommen, sollten wir darauf achten, dass diejenigen möglichst viel zahlen, die die Fehler gemacht haben, und die anderen möglichst wenig. Jetzt mal auf demagogisch formuliert.
    Übrigens schön, dass mir endlich mal jemand widerspricht. Ich fing schon an, mir Sorgen zu machen.

  7. Oliver sagt:

    Das stimmt. Das passiert ja teilweise. Doch die meisten kommen davon. Sicher den Chef von Lehman wird es schon schmerzen, weil er auch viel Geld verloren hat, aber ihm wird es immer noch besser gehen, als 99,9% der Normalos.

    Es ist aber eine heikle Sache. Wenn ich sage Okay, Lehman Crashed, und danach fallen anderen, dann chrashed auch Merril Lynch, dann crashed auch Bear Sterns, dann chrashed Goldman Sachs, dann chrashed HRE, dann crashed AIG, dann crashed HSH, dann crashed Deutsche Bank, dann crashed Dresdner Bank, dann crashed die Commerzbank und viele andere auch. Ich habe noch keine der englischen Banken wie Halifax und Versicherungen wie Northern Rock erwähnt. Dann ist vieles im Eimer, aber das Ende ist noch nicht erreicht. Dann bekommen Unternehmen keine Kredite, schlicht weil die Kreditgeber ausgestorben sind. Diese gehen pleite, Entlassungswellen setzen sich in Bewegung.
    Klar irgendwann ist alles wieder in Butter, in zwei, drei Jahren vielleicht. Das ist aber zu viel Zeit in der Realität.
    Man muss klar sagen, dass niemand dem Kapitalismus diesen Gesundungsprozess zugetraut hat. In der Hinsicht hat der Kapitalismus ganz klar versagt.
    Natürlich ist einiges auch durch staatliche Eingriffe verursacht worden (Fanny Mae und Co.), aber das Grundübel hat die Finanzwirtschaft verursacht, weil sie zu hoch geflogen ist und auf Geschäftsmodelle gebaut hat, die irrealistisch waren.

  8. Muriel sagt:

    Ob diese Domino-These stimmt, dass alle anderen mit Lehman gefallen wären, werden wir nun wohl nie herausfinden. Ich zweifle daran.
    Die Finanzwirtschaft hat sicher die falschen Geschäftsmodelle gewählt. Ich halte diese Entscheidung aber nicht für das Grundübel. Das Grundübel sehe ich in den Rahmenbedingungen, die diese Geschäftsmodelle so lange begünstigt haben.
    Dass ich in Krisen kein Versagen des Kapitalismus sehe, steht ja da oben schon.
    Vielleicht können müssen wir uns einfach darauf einigen, uns nicht zu einigen.

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