Ich nenne es Novelle

Ich lese nicht nur gerne, ich erfinde in meiner Freizeit auch gerne mal Geschichten. Dies hier ist kurze Geschichte, die ich vor einigen Jahren geschrieben habe, und als ich sie kürzlich mal wieder hervorkramte, stellte ich fest, dass ich mich trotz der langen Zeit erstaunlich wenig dafür schäme.

Ich freue mich wie immer über jeden Kommentar und wäre euch ganz besonders dankbar, wenn ihr mich möglichst zahlreich wissen ließet, ob ihr so etwas hier noch öfter lesen wollt, oder ob ich lieber bei den nichtliterarischen Artikeln bleiben soll.

Wer nicht sicher ist, ob er mich knapp achtzehn Seiten lang ertragen kann, ignoriert diesen Eintrag bitte, die anderen folgen mir einfach hier entlang…

Ergänzung, 28. Juni 2009: Auf Vorschlag in den Kommentaren gibt es die Geschichte jetzt auch als pdf.

So, da wären wir, und jetzt kann es losgehen mit der Geschichte.  Wir nennen sie

Mein Sonderbarer Onkel Simon

Danielas Geschichte
„Danny, willst du Tequila in dein Bier?“
Pflichtbewusstes prustendes Gelächter beantwortete den Running Gag. Nur Myra hatte den Anstand, das Lachen mühevoll zu unterdrücken und mir aufmunternd zuzuzwinkern.
„Danke, nein“, sagte ich mit soviel Würde, wie ich aufzubringen vermochte.
Ich hasse meine Mutter. So ähnlich, wie das alle sechzehnjährigen Mädchen tun, bestimmt. Aber ich rede mir gerne ein, dass es schon ein bisschen anders ist. Ich habe jedenfalls bessere Gründe dafür als die meisten anderen. Meine Mutter ist Bischöfin. So. Das ist schon furchtbar. Außerdem hat mir meine Mutter alles verboten, was man als Tochter einer Bischöfin eben nicht tun sollte. Das gehört ja sozusagen noch dazu. Und sie hat es mir so nachdrücklich verboten, dass ich es sogar tatsächlich nicht tue. Und das ist nun das eigentliche Problem.
Sie können sich sicher vorstellen, was meine Freunde von einem sechzehnjährigen Mädchen halten, das keine bösen Wörter benutzt, keinen Alkohol trinkt, nicht raucht und Männer ausschließlich berührt, um ihnen die Hand zu schütteln.
Ich darf nicht mal Kaffee trinken. Meine Mutter sagt, das wäre im weiteren Sinne auch eine Droge. Sie hat mir nie gesagt, warum es so furchtbar wichtig ist, dass ich das alles nicht tue, aber irgendwie hat sie mich doch konditioniert.
Man könnte meinen, sie hätte Psychologie studiert statt Theologie oder so was. Sie hat mich von klein auf so damit zugetextet, dass –ganz ehrlich, ich spinne nicht rum- meine Hand zu zittern beginnt, wenn ich nach einem Glas Tequila greife. Ich kann das Zeug nicht mal anfassen! Sie muss seit meiner Geburt jede freie Sekunden damit zugebracht haben, mich darauf zu trainieren. Ich kann mir das anders gar nicht erklären.
Aber lassen wir das. Der ganze Sermon sollte Ihnen ja eigentlich bloß verdeutlichen, worüber meine dämlichen Freunde da gelacht haben. Dämlich liegt übrigens schon hart an der Grenze zu den bösen Wörtern. Nur damit Sie wissen, wie ernst meine Lage ist. Jetzt können wir uns wieder der Geschichte zuwenden.
„Myra?“
Sie schüttelte mit zusammengekniffenen Lippen den Kopf. Myra ist süß. Sie trinkt immer das erste Glas mit, um nicht ganz uncool zu sein; aber dann bleibt sie standhaft, weil sie ja schließlich meine Freundin ist. Sie versucht sogar meistens, nicht zu schimpfen, wenn ich zuhöre. Was eigentlich gar nicht nötig ist, weil… Ach ja. Wir wollten ja bei der Geschichte bleiben. Obwohl jetzt gerade eh nichts so besonders Spannendes passiert… Ja, schon gut.
„Danny, wir sind in Argentinien. Mama kann dich nicht sehen!“
Paul hatte seine Hand auf meinen Unterarm gelegt, während er mit mir sprach. Eine ganz harmlose Geste, aber ich musste meine Zähne zusammenbeißen, um ihn nicht wegzuziehen. Ich atmete auf, als er mich wieder losließ.
„Lass sie doch, sie will eben nicht.“
„Danke, Myra. Seid mir nicht böse, Jungs, ihr wisst doch, dass ich eben so bin.“
„Kein Problem, da bleibt mehr für uns“, sagte Bill.
„Und nachdem wir gebeichtet haben, kann sie uns freisprechen.“
Jake zwinkerte mir zu und lächelte. Ich glaube, er steht ein bisschen auf mich, traut sich aber nicht ran. Man kann ihm das kaum verübeln. Sogar meine Freunde nennen mich die Eiserne Jungfrau.
„Das mit der Absolution sind die Katholiken, Jake“, sagte ich.
„Oh. Entschuldige…“ Er sah wirklich ein bisschen betroffen drein.
Ich zwinkerte ihm zu.

Sehr, sehr weit entfernt, wenn diese Angabe einen Sinn hat, weht ein nimmermüder Wind über eine endlose Ebene aus schwarzem Sand. Die Ebene hat keine Grenzen, und doch ist sie ein Gefängnis. Gewissermaßen. Ein Körper hängt an einem Kreuz. Seine Hände und Füße sind mit vielfarbig schillernden Nägeln daran geschlagen. Mit dem Sand, in dem er bis zur Hüfte begraben ist, der seine Haut bedeckt und seinen Mund und seine Nase füllt, wird er vom Wind getrieben, der in dieser endlosen Wüste stetig in die gleiche Richtung weht. Zeit existiert nicht auf der Ebene aus schwarzem Sand, aber wenn es sie gäbe, verginge sie quälend langsam. Der sandbedeckte Körper hängt reglos an seinem Kreuz, das auf dem Fluss aus schwarzem Sand treibt. Er träumt, und er denkt, und er erinnert sich. Wo Zeit nicht existiert, ist das alles eins. Am Anfang hat er getobt und geschrien, aber Sand hört nicht, und Sand sieht nicht. Sand fließt und Sand begräbt, aber Sand interessiert sich nicht. Was ist überhaupt ein Anfang, wenn es keine Zeit gibt? Es ist Unsterblichkeit. Gewissermaßen.

Später am Abend fand Jake schließlich tatsächlich den Mut, sich zu mir zu setzten. Also, eigentlich saß er neben Myra, aber es ging eindeutig um mich. Das merkte ich daran, dass er mir ständig zustimmte und alle meine Scherze ganz besonders lustig fand.
„Wenn Jesus gestorben ist, um uns für unsere Sünden zu befreien, warum sind wir dann eigentlich immer noch Sünder?“ überlegte Myra. „Ich meine, er hat uns doch erlöst. Warum muss ich dann immer noch jeden Sonntag ich die Kirche?“
Irgendwie hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass ich in religiösen Fragen mächtig Ahnung habe.
„Ich schätze, es ist wohl irgendwie ziemlich in die Hose gegangen. Vielleicht wollte er uns noch eins auswischen, weil er sauer auf uns war.“
Jake lachte natürlich.
„Ich wäre jedenfalls ziemlich angepisst, wenn mein Vater mich qualvoll am Kreuz verrecken ließe und dann hinterher gar nichts dabei rauskommt.“
Myra stieß ihm ihren Ellenbogen in die Rippen.
„Oh, Entschuldigung, Danny.“
„Ihr sollt nicht immer so tun, als wäre ich eine Nonne oder so, ver…“
Ich hätte es wirklich gerne gesagt. Für einen Moment dache ich sogar, ich könnte es sagen. Aber meine Kehle war wie zugeschnürt.
Paul musste wohl mit halbem Ohr zugehört haben, denn er stand auf und begann, rhythmisch in die Hände zu klatschen.
„Dan-ny, Dan-ny, Dan-ny! Na los, du kannst es schaffen, wenn du fest an dich glaubst!”
„Ja, los Danny, zeig’s uns!“ stimmte Bill ihm zu.
„Halt die Klappe, Blödmann!“
Paul hob zwei Hände abwehrend vor sich, riss Augen und Mund weit auf und trat ein paar Schritte zurück. Er wurde sogar ein bisschen blass, glaube ich.
„Ho, ho, Danny. Jetzt willst du sicher ein Stück Seife, um dir den Mund auszuwaschen, was?“
Bill nickte eifrig.
„Man könnte meinen, sie wäre ein richtiges Ghetto-Kid.“
Ich warf einen Taco nach ihm. Und wenig später waren wir in eine schreckliche Essensschlacht verwickelt. Es war ein Alptraum. Sie können das nicht verstehen, Sie waren ja nicht dabei. Überall war Salsa-Sauce.

Eine irdische Wüste, so lebensfeindlich sie auch wirken mag, bietet zahllosen verschiedenen Tieren und Pflanzen Heimat und Nahrung. Auf den ersten Blick wirkt sie völlig leer, aber sie ist erfüllt von verborgenen Käfern, Skorpionen, Schlangen, Flechten und Mikroorganismen. Im Boden ruhen die Samen zahlloser Pflanzen und warten auf den Regen, der ihnen die Kraft gibt, zu knospen und zu erblühen und die Wüste mit einem Teppich aus bunten Blüten zu bedecken. Der Regen kommt immer.
Auf der Ebene aus schwarzem Sand ist nur der Körper am Kreuz lebendig. Gewissermaßen. Es regnet hier niemals, und die einzige Bewegung, die das Auge eines Beobachters wahrnähme, wenn es denn einen gäbe, ist die des Sandes, der von dem stetig wehenden Wind getrieben wird. Im Großen strömt er wie ein Fluss, im Kleinen kann man sehen, wie der Wind einzelne schwarze Körner übereinander schiebt, wie er gelegentlich ein einzelnes Korn über die anderen springen lässt. Doch die Bewegung ist ziellos und stumpfsinnig, und sogar die hüpfenden Sandkörnchen betonen nur die verzweifelte Stimmung, die in dieser Welt herrscht. Denn Verzweiflung ist die Abwesenheit von Sinn und Hoffnung, und Sinn und Hoffnung braucht eine Richtung, und die Richtung ist die Zeit, und Zeit gibt es nicht auf der Ebene aus schwarzem Sand. Es ist ewiges Leben. Gewissermaßen.

„Danny?“
„Ja?“
Ich war eigentlich schon eingeschlafen, aber ich war Myra nicht böse. Ich finde das irgendwie romantisch, nachts in einem Schlafsack zu liegen, zu den Sternen aufzusehen und sich zu unterhalten. Wir lagerten an einem Waldweg, ein paar Kilometer von der Hauptstraße zwischen Rosario und Buenos Aires entfernt.
„Als dein Großvater gestorben ist, warst du da… Ich mein, das ist jetzt ne doofe Frage, aber… War das schlimm?“
Ich atmete durch und dachte kurz nach, bevor ich antwortete:
„Irgendwie natürlich schon. Also, ich hatte ihn immer gern und so. Wir waren richtig gut befreundet, und er war richtig cool.“ Ich lachte leise. „Er hat mal… Also, als wir mal aus dem Kino nach Hause gegangen sind, da sprang plötzlich so ein Typ vor uns auf den Weg mit einem Messer und hat gesagt, er wollte meinen Schmuck und unser Geld.“
Ich trage nicht viel Schmuck, aber seit ich sechs war, trage ich ständig ein Halsband mit einem Anhänger in Form einer Sanduhr. Mein Vater hat es mir geschenkt, zwei Wochen, bevor er gestorben ist. Ich hänge sehr daran.
„Al hat ihn verjagt!“
Al war mein Großvater. Eigentlich hieß er Albert.
„Echt?“
„Ja, das war richtig cool. Er hat nach dem Unterarm von dem Typen gegriffen, hat ihn angesehen und gesagt: ‚Wenn du noch mal einen einzigen glücklichen Tag in deinem armseligen Leben haben willst, dann verschwinde jetzt und lass uns in Ruhe, du Wurm.’ Und wie er das gesagt hat! Er klang richtig fies. Sogar ich hatte ein bisschen Angst vor ihm. Der Kerl hat geguckt wie ein Auto, und dann ist er wirklich weggelaufen. Al hat mir danach noch einen Eisbecher ausgegeben, auf den Schrecken, und dann sind wir wirklich nach Hause gegangen.“
„Wahnsinn. Warum hast du mir das nie erzählt?“
„Naja… Die Geschichte ist schon irgendwie komisch, oder? Ich dachte immer, das glaubt mir eh keiner.“
„Mhm… Und wie war das jetzt, als er… Ich meine, wenn dus mir nicht erzählen magst, ist das OK, bloß“
„Schon in Ordnung. Also, er ist ja an Herzversagen gestorben. Aber er war auch schon Fünfundneunzig oder so. Er war noch zwei Tage im Krankenhaus, bevor es dann schließlich vorbei war. Am ersten Tag hab ich ihn noch besucht und mich mit ihm unterhalten. Da hab ich natürlich viel geweint, obwohl er mir natürlich immer gesagt hat, ich soll nicht traurig sein und dass er stolz auf mich ist und so…“
Ich machte eine Pause, weil ich einen Kloß im Hals hatte. Ich hab immer gedacht, dass die Leute nur in Filmen noch ganz ergreifende Ansprachen halten, bevor sie sterben. Aber was Al mir gesagt hat, war echt rührend.
„Er hat gesagt, dass er nicht an den Himmel und an Gott glaubt, aber der Tod ist nicht das Ende.“ Ich lächelte ein bisschen traurig, als ich mich an den Schluss seiner Rede erinnerte. „Er sagte, ich sollte mich zusammenreißen, denn er würde ab und zu nach mir sehen, damit ich nichts anstelle. Er hat gesagt, ich sollte gut sein, und wenn ich das nicht könnte, dann so wenig böse wie möglich. Er war gut drauf, für einen alten Mann.“
Ich sprach ein bisschen leiser, damit Myra nicht hörte, wie meine Stimme zitterte. Eigentlich waren das nicht seine letzten Worte, aber was er eigentlich gesagt hat, bevor er dann ins Koma fiel, hätte Myra nicht verstanden; und ich wollte nicht, dass sie glaubt, Al wäre verrückt gewesen. Die letzten Worte meines Großvaters waren: „Nimm dich vor Simon in Acht, meine Süße. Vielleicht bietet er dir mal seine Hilfe an, aber den Preis wird er nicht erwähnen. Ruf ihn nicht, solange es noch eine andere Hoffnung gibt. Ruf ihn am besten gar nicht. Er ist gefährlicher als alles, wovor er dich beschützen könnte.“
Natürlich habe ich meine Mutter danach wieder nach Simon gefragt. Sie hat versprochen, es mir zu erklären, wenn ich Achtzehn bin. Toll. Danke, Mama.

Auf der Ebene aus schwarzem Sand herrscht ständig das Licht einer grellen, blendenden, gleißend orangegelben Wüstensonne. Dieses Licht schmerzte die Augen, wenn es auf der Ebene aus schwarzem Sand Augen gäbe, die es schmerzen könnte. Obwohl dieses scheußliche grelle Licht die gesamte endlose Ebene erfüllt, so dicht, dass man meint, man könnte es schneiden, ist keine Sonne am Himmel zu sehen. Der Himmel über der Ebene aus schwarzem Sand ist einheitlich dunkelgrau. Nicht grau wie ein bedeckter Erdenhimmel, sondern ganz monoton dunkelgrau. Es gibt keine Wolken über der Ebene, und es gibt kein Wetter, denn es gibt ja keine Zeit. In Anbetracht der Abwesenheit von Zeit ist es vielleicht überraschend, dass die Kleider des Körpers an dem Kreuz zerschlissen sind und in Fetzen von seinem Körper und seinen ausgebreiteten Armen herabhängen und im Wind flattern. Und obwohl keine Sonne am Himmel steht, wirft das grelle orangegelbe Licht einen Schatten auf den schwarzen Sand. Es ist ein langer Schatten, der sich über Hunderte Meter hinter dem Kreuz erstreckt. Die Schatten der Stofffetzen, die von den Ärmeln des Körpers am Kreuz herab hängen, flackern über den schwarzen Sand wie die Flammen eines riesigen schwarzen Feuers. Der Körper am Kreuz rührt sich nicht. Wie kann es Bewegung geben in einer Welt ohne Zeit? Es ist ewiges Leben. Gewissermaßen.

Am nächsten Morgen standen wir ziemlich geordnet auf, wuschen uns in dem nahe gelegenen Fluss, packten unsere Sachen zusammen und stiegen ins Auto. Wir hatten einen Porsche Cayenne. Pauls Eltern besitzen ein Landgut in Argentinien und haben uns für unseren Urlaub den Wagen dort geliehen. Der Kofferraum war ein bisschen knapp für das Gepäck von fünf Leuten, aber natürlich waren alle begeistert von dem Ding. Ich würde den Lincoln meiner Mutter nicht für fünf solcher Kisten eintauschen.
„Heute Nacht schlafen wir aber mal wieder in einem Hotel, ja? Ich will mal wieder duschen, und ordentlich frühstücken.“
Sicher, draußen schlafen ist romantisch, aber mehrmals hintereinander wird es irgendwie eklig.
„Wir hoffen ja insgeheim immer noch, dass wir euch mal beim Baden zusehen können. Nicht wahr, Jake?“
Bill drehte sich zu mir um und grinste mich herausfordernd an, aber ich glaube, Jake war viel mehr getroffen. Er wurde knallrot. Dabei fand sogar ich das ziemlich harmlos verglichen mit den anderen Sticheleien von Jake und Bill. Ich grinste zurück, fuhr mir mit der Zunge über die Lippen und zwinkerte ihm zu. Seine Kinnlade fiel runter, er drehte sich wieder nach vorne, lehnte sich in seinen Sitz und schnaufte.
„Nein, das hab ich nicht gesehen“, murmelte er.
„Was?“ rief Paul. „Was war los? Verdammt, ich will nicht mehr fahren, immer verpass ich alles.“
„Danny ist ein Vamp“, sagte Myra in ganz sachlichem Tonfall.
„Das hab ich nicht gesehen“, murmelte Bill noch einmal in gespielter Fassungslosigkeit.
„Verdammt, was denn?“
Paul drehte sich jetzt auch zu uns um. Jake war immer noch sprachlos. Im Nachhinein habe ich den Verdacht, dass ihm zum ersten Mal richtig klar geworden war, dass jeder wusste, was er bisher für sein persönliches Geheimnis gehalten hatte. Das kann einen Menschen ziemlich erschüttern, unter Umständen. Trotzdem hat er eigentlich ein bisschen überreagiert. Ich wüsste gerne, warum.
„Schon gut, so toll war es auch wieder nicht“, murmelte ich.
„Na komm schon, machs noch mal!“
„Quatsch nein. Es war echt nicht besonders“
„Pass auf!“ schrie Myra, und Paul trat auf die Bremse, noch bevor er seinen Kopf wieder ganz nach vorne gedreht hatte. Seine Reaktionsschnelligkeit rettete den Wagen. Damals war das für uns alle eine beträchtliche Erleichterung, auch wenn es im Nachhinein natürlich völlig bedeutungslos erscheint.
Quer über dem Waldweg lag ein Baumstamm.
„Das war knapp“, keuchte Jake.
Vielleicht war er froh darüber, dass sich ein Themenwechsel geradezu aufdrängte. Sogar Paul wirkte ein bisschen erschrocken. Das ist bei ihm was ganz Besonderes. Einige Sekunden vergingen, in denen niemand etwas sagte. Dann riss Bill die Knie an seine Brust, umschlang sie mit den Armen, schloss die Augen und kreischte:
„Brems!“
Wir lachten. Bis Paul sagte:
„Der Stamm ist komisch.“
„Was?“ fragte Myra. „Ich dachte, wir hätten über Bill gelacht.“
„Bah. Nein, ich meine, seht doch mal. Da sind kaum Äste dran, der sieht gar nicht aus wie ein umgefallener Baum.“
„Und da hinten hängt eine Kette dran“, sagte Bill. „Vielleicht ist das so eine Art Schranke. Argentinier nehmen es mit solchen Sachen sicher nicht so genau.“
Dann sah ich die drei Männer aus dem Wald kommen. Sie trugen Skimasken. Einer hatte ein Gewehr über seine Schulter gelegt, ein anderer hielt eine Maschinenpistole in seiner Hand. Der Dritte hatte ein Messer am Gürtel. Sie trugen schwarze Handschuhe. Außer mir schien sie noch niemand bemerkt zu haben.
„Paul, fahr zurück“, sagte ich.
Man hörte mir wohl deutlich an, dass ich mich beherrschen musste, um nicht zu schreien. Alle sahen mich an.
„Fahr zurück!“ schrie ich, „Rückwärtsgang und Gas geben!“
„Was ist denn in dich gefahren?“ fragte er.
Immerhin legte er den Rückwärtsgang ein und fuhr an, während er sprach. Aber er gab nicht genug Gas. Ich glaube, wenn er das Pedal richtig durchgetreten hätte, hätten wir eine Chance gehabt. Es war immerhin ein Porsche.
Der zweite Mann hielt seine MP mit einer Hand in unsere Richtung und drückte ab. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass es unmöglich ist, auf diese Art mit einer MP zu treffen, aber Mr. Straßenräuber hatte jedenfalls gut genug gezielt, um unsere Reifen zu erwischen.
„Verdammt was war das denn?“ rief Paul.
Der Wagen stand wieder. Er hatte gebremst, als der Mann geschossen hatte. Ich verstehe nicht viel davon, aber ich glaube, dass wir immer noch hätten entkommen können. Man kann auch auf den Felgen schneller fahren, als ein Mensch laufen kann.
Jetzt blickten alle in Richtung der drei maskierten Männer.
„Was wollen die?“ schrie Myra mit sich überschlagender Stimme.
Ich glaube nicht, dass sie eine Antwort erwartete, und sie bekam auch keine.
Der mit der Maschinenpistole zielte wieder auf den Wagen, diesmal aber hoch genug, um klar zu machen, dass er ganz sicher nicht vorhatte, uns entkommen zu lassen. Er fuhr sich mit dem Daumen über die Kehle. Myra schrie auf, und Jake neben mir murmelte irgendwas Erschrockenes. Ich wusste einfach nicht, was er meinte. Paul verstand das Zeichen richtig und stellte den Motor ab. Die drei Männer kamen näher.
„Scheiße“, murmelte Bill.
„Abenteuerurlaub“, sagte Paul.
Niemand wusste den Versuch zu schätzen.
Ein paar Meter entfernt blieben die drei stehen. Der mit dem Messer forderte uns mit Gesten auf, auszusteigen.
„Ich geh da nicht raus“, sagte Myra.
„Wir müssen“, sagte Bill.
„Die kommen sonst rein, glaube ich.“ Paul versuchte immer noch lustig zu sein. Das ist einfach seine Art.
„Ich kann da nicht rausgehen.“ Ihre Stimme hatte etwas entschieden Hysterisches an sich.
Ich nahm ihre Hand und versuchte mich an einem aufmunternden Lächeln, als sie mich ansah.
„Die wollen bestimmt Lösegeld. Das kriegen sie nur, wenn sie uns nichts tun.“
In Wirklichkeit war ich mir da mit beidem nicht so sicher. Ich habe genug Bücher gelesen, um zu wissen, dass Entführer manchmal Körperteile ihrer Opfer an die Verwandten schicken, um zu zeigen, dass es ihnen ernst ist. Naja. Also, es funktionierte jedenfalls, Myra beruhigt sich wieder ein bisschen. Genug, um einzusehen, dass es ihr nicht helfen würde, den Verriegelungsknopf an ihrer Tür zu drücken und auf Hilfe zu warten.
Paul war schließlich der erste, der ausstieg. Die drei Maskierten standen auf der rechten Seite des Autos, und als ihnen das klar wurde, rannte der mit dem Messer zur Fahrertür, packte Pauls Oberarm, schüttelte ihn ein bisschen und stieß ihn dann gegen den Wagen. Dabei hatte er nicht einmal versucht, zu entkommen. Mir wurde klar, dass der mit dem Messer nervös war. Und dass das nicht gut war, und ein Grund, alles genau so zu machen, wie er es wollte.
„Bill, Jake, macht die Türen auf, verd…d…“ zischte ich. Ich bekam es wieder nicht über die Lippen, aber ich war noch nie zuvor so dicht dran gewesen.
Für einen Moment dachte ich, ein leises Flüstern zu hören, aber dann war es schon wieder weg, und Jake und Bill öffneten gleichzeitig ihre Türen und stiegen aus. Ich folgte Jake, und Myra rutschte auch rüber, um auf der gleichen Seite auszusteigen. Vielleicht hatte sie auch bemerkt, dass Mr. Messer einen schlechten Tag hatte, oder sie wollte einfach bei mir bleiben.
„Niecht beweggen“, sagte der mit der MP mit einem schweren spanischen Akzent. Ich kann mich für mein Leben nicht dran erinnern, warum ich darauf geachtet habe, aber mir fiel auf, dass er tatsächlich nur die Reifen zerschossen hatte. Der Rest des Wagens hatte keinen Kratzer abbekommen.
Der Messermann hatte Paul inzwischen auf unsere Seite des Wagens geschubst, tastete ihn kurz ab und begann dann, ihn mit einem Strick zu fesseln.
„Wier werrden euch bienden jetzt“, sagte der MP-Mann mit seinem Akzent, „Niecht beweggen dabai.“
Er zog einen zusammengefalteten Zettel aus der Brusttasche seines khakifarbenen Hemdes hervor und las einen Namen vor:
„Paul David Dawson.“
Paul zögerte kurz, bevor er antwortete: „Das bin ich.“
Für einen Moment keimte in mir die völlig alberne Hoffnung, dass die drei maskierten Männer doch irgendwie so etwas wie Polizisten waren, die uns aus irgend einem Grund gesucht hatten und uns einfach nach Buenos Aires zurückbringen würden.
„Daniela Brice.“
„Ja“, sagte ich.
„Euch haben wier gäsucht“, sagte er. „Eure Elterrn werrden zahlen.“
Ich war ein bisschen überrascht. Sicher, meine Mutter hatte Geld wie Heu, und Albert hatte in einem veritablen Schloss gewohnt, aber dass unser Reichtum sich bis nach Argentinien herumgesprochen haben sollte, kann ich mir bis heute nicht erklären. Bei Paul ist das was anderes. Die Dawsons stehen auf der Forbes-Liste, und ganz sicher unter den obersten Fünfzig. Naja, vielleicht kannten sie meine Mutter aus dem Fernsehen. Sie hatte ein paar Auftritte in diesen Evangelium-Shows.
„Iehr anderen brauchen wier niecht“, sprach er weiter. „Iehr seit nur, damiet die beiden sich behnämmenn. Also wenn iehr beide auf clevere Ideen kommt…“
Er richtete seinen linken Zeigefinger auf Bills Stirn und feuerte eine imaginäre Waffe ab.
„Siend Eure Freundä tott“, vollendete er den Satz unnötigerweise.
Sein Kamerad hatte inzwischen auch Bill gefesselt und wandte sich nun mir zu. Er tastete auch mich ab und begann dabei originellerweise mit meinen Haaren. Ich trage sie nicht besonders lang und, hey, was schätzen Sie, wie viele amerikanische Touristinnen gefährliche Waffen in ihrer Frisur verstecken? Eben.
Deshalb war ich mir ziemlich sicher, dass er einfach ein widerliches Schwein war, als er anfing, mit seinen Händen durch meine Haare zu fahren und meine Ohren und meinen Hals abzutasten. Ich dachte mir, dass das sicher nicht der richtige Moment wäre, auf meine sexuelle Selbstbestimmung zu pochen und biss die Zähne zusammen.
Als er dann schließlich meine Schultern erreicht hatte, wurde es kurz wieder ein bisschen besser, bis dann plötzlich eine Hand unter meinem Shirt war. Ich halte mich für ein tapferes Mädchen, aber ich werde auch nicht jeden Tag als Geisel genommen. Ich zuckte zusammen und rief wohl so was wie „Hey!“. Und dann ging es ganz schnell.
Jake sah, was der Kerl da machte, und das veranlasste ihn zu dem dämlichsten Fehler seines ganzen Lebens. Er versuchte, den Mann von mir weg zu stoßen. Der rief nun auch irgendwas, wahrscheinlich auch „Hey!“, nur halt auf Spanisch, und hatte plötzlich sein Messer in der Hand. Ich erwähnte ja schon, dass Mr. Messer kein besonders verständnisvoller Typ war, und es war wahrscheinlich reines Glück, dass Jake seine Hand abfangen konnte.
Für einen kurzen Moment entspann sich eine Rangelei zwischen den beiden, und der Ausgang schien tatsächlich ungewiss. Jake ist im Ringteam meiner Schule. Das hat ihm aber auch nicht geholfen. Sie wissen wahrscheinlich nicht, was eine MP-Salve aus einem menschlichen Gesicht macht. Seien Sie froh drüber.
Ich erinnere mich nicht mehr genau an das, was danach kam. Ich weiß noch, wie ich über Jake kniete und abwechselnd schluchzte und mich übergab, wie Myra gar nicht mehr aufhörte zu kreischen und wie die anderen wirr durcheinander riefen. Irgendwann drückte mir jemand ein feuchtes Tuch ins Gesicht.

Der Wind weht stetig über die Ebene aus schwarzem Sand und treibt den Fluss aus Sand mit dem Kreuz darin langsam aber stetig voran. Kann es Bewegung geben in einer gleichförmigen Ebene ohne Zeit, die sich ohne Grenzen in alle Richtungen erstreckt? Vielleicht gibt es auf der Ebene doch so etwas wie Zeit. Gewissermaßen. Nicht Zeit wie in unserer Welt, aber doch eine Art Zeit. Ein Zeitderivat vielleicht. Für den Körper an dem Kreuz ist all das ohne Bedeutung, denn es gibt keinen Ort, an den das Kreuz ihn tragen könnte, sogar wenn es sich bewegt. Für den Körper am Kreuz gibt es ganz sicher keine Zeit und keine Bewegung. Für ihn gibt es nur die Erinnerung, und seine Fieberträume von einer Zukunft, die es nicht geben wird. Der Körper gehört nicht auf die Ebene aus schwarzem Sand. Die Gesetze der Ebene passen nicht zu ihm, und er passt nicht auf die Ebene. Vielleicht entstehen dadurch die Widersprüche von Bewegung ohne Raum und Veränderung ohne Zeit. Vielleicht verändert der Körper die Ebene in dem gleichen Maße, in dem er von ihr verändert wird. Die Ebene ist ein seltsamer Ort. Und der Körper am Kreuz gehört einem seltsamen Menschen. Es ist eine Art Unsterblichkeit.

„Willst du sterben, Daniela?“
Die Stimme klang seltsam. Gar nicht menschlich, irgendwie fern und verzerrt. Ein bisschen wie die Stimme des Mörders in Scream, nur tiefer.
„Wer bist du?“
„Meredith“, sagte die Stimme. Aber es war nicht die Antwort auf meine Frage. Das konnte ich am Tonfall hören. Außerdem ist Meredith der Name meiner Mutter, und meine Mutter klingt nicht wie ein Wahnsinniger am Telefon mit Scrambler. „Sie hat nie von mir erzählt.“
„Wer bist du?“
Ich hatte natürlich schon so einen Verdacht. Wenn man bewusstlos ist, scheinen manche Dinge ganz offensichtlich. Es ist dann viel leichter, darüber hinweg zu sehen, dass sie gar keinen Sinn ergeben.
„Meredith. Diese Schlampe. Sie hat mir versprochen, an mich zu denken, weißt du.“
„Wer bist du?“
„Sie hat mich verraten, Daniela. Für ihren jämmerlichen Gott. Sie glaubt, er könnte sie vor mir schützen. Es gibt andere Götter als ihren.“
„Onkel Simon?“
„Du folgst nicht dem Gott deiner Mutter, Daniela. Er wird dich nicht beschützen. Er beschützt niemanden. Es gibt andere Götter als diesen. Mein Gott ist stark, Daniela. Willst du sterben?“
„Natürlich nicht. Was… Wer bist“
„Danny! Danny!“
Jemand schüttelte mich und rief meinen Namen. Es dauerte nicht allzu lange, bis ich wieder genügend beieinander war, um die Stimme als Bills zu erkennen. Dafür dauerte es ziemlich lange, bis ich wieder vernünftig sehen konnte. Als ich zum ersten Mal die Augen öffnete, murmelte Bill: „Na also.“ Meiner Meinung nach mit entschieden zu wenig ehrlicher Erleichterung. Gleich als nächstes fragte er:
„Wie viele Finger?“
Bill ist Rugby-Spieler.
„Ich helf dir mit deinem Fingerproblem, sobald ich wieder mehr als verschwommene Flecken sehe. Wo sind die anderen? Oh G-G…“ Ich kann es einfach nicht. „Jake! Das hab ich doch nur geträumt, oder? Was ist mit Jake?“
Eine ganze Weile sprach niemand, und ich begann mich schon zu fragen, ob auch meine Ohren gelitten hatten. Meine Augen waren inzwischen so weit, dass ich einigermaßen sicher an Bills Körperhaltung und seiner Miene die Antwort auf meine Frage erraten konnte.
„Danny…“ sagte Paul, der offenbar hinter mir stand. Ich war noch nicht so weit, dass ich Lust gehabt hätte, mich nach ihm umzudrehen. „Jake… Du hast das nicht geträumt.“
„Dieser Idiot!“ rief ich.
Ich will das jetzt nicht ins Melodramatische abgleiten lassen und erspare Ihnen deshalb weitere Einzelheiten. Jake war ein guter Freund, und es kann sein, dass ich eine Weile geweint habe, bevor es schließlich weiterging mit dem Teil der Geschichte, der Sie interessiert.
Ich war mit Paul und Bill in einem lieblos verputzten kleinen Kellerraum ohne Fenster eingesperrt. Die Tür war aus unlackiertem dunklem Holz und wirkte alt, aber robust. Wir hatten eine schwache nackte Glühbirne, die an einem weißen Kabel von der Decke hing. Ansonsten war der Raum leer. Was gleich zu meiner nächsten Frage führte:
„Wo ist Myra? Sie ist doch nicht auch…“
„Nein, keine Sorge.“ Bill schüttelte heftig den Kopf. Dann setzte er eine ernstere Miene auf und sagte: „Sie haben sie mitgenommen. Sie ist vor dir aufgewacht.“
„Was haben sie denn mit ihr vor?“
„Haben sie nicht gesagt. Anscheinend kann ohnehin nur einer von ihnen Englisch, und der hat nur gesagt, dass wir ruhig sein sollen, damit niemandem was passiert.“
Das war dann wohl Mr. Maschinenpistole.
Ich dachte kurz darüber nach, ihnen von meinem Traum zu erzählen, aber mir wurde ziemlich bald klar, dass Erscheinungen von toten Verwandten unter Einfluss von Betäubungsmitteln nicht besonders glaubhaft sind. Trotzdem konnte ich das Gefühl nicht loswerden, dass an meinem Traum etwas dran war. Albert hatte mich vor Onkel Simon gewarnt, und mein Großvater war kein seniler Trottel, der sich vor Gespenstern fürchtete und Stimmen hörte.
„Was können sie von Myra wollen? Paul, es geht doch um uns beide, das haben sie doch gesagt. Was haben sie mit ihr vor?“
Er blickte zu Boden und schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es auch nicht.“
Natürlich hatten wir alle so eine Befürchtung. Aber niemand ging so weit, es auszusprechen.
Paul sagte: „Sie müssen ein Bild von uns machen, damit sie unsere Eltern erpressen können. So läuft so was doch, oder?“
„Sie wollten sicher warten, bis Danny wach ist“, meinte Bill.
„Vielleicht können wir uns irgendwie bemerkbar machen. Je schneller das geht, desto schneller kommen wir hier raus.“
„Was glaubst du, was deine Mum macht? Ich mein, bezahlt sie oder ruft sie die Polizei? Hey, glaubt ihr, wir erleben hier so eine Rettungsaktion mit Hubschrauber und SWAT und so?“
Früher habe ich manchmal gezweifelt, ob Paul wirklich jeder denkbaren Situation noch etwas Gutes abgewinnen könnte. Heute weiß ich es besser.
„Ich glaube kaum, dass die Polizei von Los Angeles Einsatzkräfte in Argentinien hat.“
Bill kann so ein Spielverderber sein.
„Vielleicht hat die argentinische Polizei ja auch so was wie SWAT, Mr. Siebengescheit.“
„Mr. Wissenschaft.“
„Äh, Jungs? Sollten wir uns nicht vielleicht Gedanken darüber machen, wie wir hier rauskommen?“
„Die Tür ist abgeschlossen. Siehst du noch einen anderen potentiellen Ausgang?“
Bill. Wie gesagt.
Als Myra schließlich zu uns zurückkehrte, wurde sie einfach von einem der Entführer zu uns in den Kellerraum gestoßen. Sie blieb wimmernd und zusammengekrümmt am Boden liegen. Ihre Kleider waren verrutscht. Unsere Befürchtung war berechtigt gewesen. Vielleicht macht mich das zu einem Egoisten, aber ich bin im Nachhinein doch froh, dass ich nicht als erste aufgewacht bin. Bill versuchte, sie zu beruhigen, aber sie schrie nur, wir sollten sie in Ruhe lassen. Irgendwann schliefen wir ein.

„Sie werden euch alle umbringen.“
„Sie wollen doch Lösegeld! Wer bist du?“
Ein leises verzerrtes Lachen war die einzige Antwort, die ich bekam.
„Onkel Simon?“
„Wenn du leben willst, brauchst du mich, Daniela.“
„Ich brauche ein SWAT-Team.“
Wieder ein leises Lachen.
„Wie viele Männer von SWAT haben dir ihre Hilfe angeboten, seit du hier in diesem Loch gefangen bist?“
Er hatte nicht ganz Unrecht.
„Wenn du mich unbedingt retten willst, habe ich nichts dagegen.“
Ich bereute die Worte sofort, nachdem sie heraus waren. Im Traum kommen einem die Dinge noch viel schneller und unerwarteter von den Lippen als im richtigen Leben. Ich erinnerte mich an die Worte meines Großvaters. ‚Er ist gefährlich, Daniela. Du solltest nicht mal an ihn denken.’
„Das ist nicht so einfach“, sagte die Scream-Stimme. „Unsere treu sorgende Familie hat alles getan, um dich vor mir zu schützen.“
„Warum eigentlich?“
Vielleicht hatte ich hier endlich jemanden gefunden, der mir erklären konnte, warum Onkel Simon für meine Familie so etwas wie das Monster im Schrank war. Sicher, er war nicht unbedingt ein objektiver Zeuge, aber man nimmt, was man kriegt. Wenn ich schon hier sterben musste, würde ich vielleicht wenigstens vorher noch die Antwort auf meine Fragen finden. Das wäre doch schon mal was.
„Das ist eine lange Geschichte, und wir haben nur wenig Zeit.“
Wunderbar. Einfach wunderbar. Sogar er war auf ihrer Seite.
„Ich habe nicht den Eindruck, dass wir was Besseres zu tun hätten.“
„Oh, aber das haben wir. Es ist nicht leicht, mich zu befreien, aber wir können es schaffen.“
„Befreien?“
Da hatte er einen Fehler gemacht. Befreien ist ein Wort, das bei mir mit Sträflingen und Verbrechern konnotiert ist. Er hätte das anders formulieren sollen.
„Wenn du leben willst, brauchst du mich.“
Das Argument war natürlich kaum zu schlagen. Und, hey, mein Großvater war nicht besonders spezifisch mit seiner Warnung gewesen. Wer weiß, wie er das gemeint hat.
„Hm. Du bist mein Onkel Simon, habe ich recht? Und antworte, verd-d-d…! Wenn du jetzt wieder mit was ganz anderem anfängst, ist unser Gespräch zu Ende.“
„Ich bin es.“
„Na also. Was muss ich tun?“

An manchen Stellen ist die Haut des Körpers am Kreuz aufgeplatzt, doch aus den Wunden läuft weder Blut noch Eiter. Sie sind ausgetrocknet und verstopft mit schwarzem Sand.
Der Körper spürt keinen Schmerz, aber er spürt den schwarzen Sand. Der Sand spricht zu ihm, leise aber stetig, und weil auf der Ebene keine Zeit existiert, hat der Sand die Ewigkeit, um sich verständlich zu machen.

Wir wachten auf, als die Tür geöffnete wurde und einer der Maskierten ein Tablett mit einem Tonkrug und einer großen Schüssel mit Essensresten auf den Boden stellte. Er verließ den Raum und warf die Tür hinter sich ins Schloss.
„Sind da Erbsen drin? Ich mag keine Erbsen“ rief Paul.
Ich glaube, er versuchte lustig zu sein. Das versucht er dauernd.
„Halts Maul“, murmelte Myra.
„Ho…“ Paul wollte wohl noch mehr sagen, aber in dem Moment fiel ihm ein, warum sie so schlecht gelaunt war. Außerdem war mein Benehmen gerade sowieso viel interessanter als der Erbsenwitz.
„Danny, was machst du da?“
„Ich kenne eine Möglichkeit, hier herauszukommen. Lasst mich einfach machen. Ich werde gleich ein paar sehr seltsame Dinge tun. Wundert euch nicht, wartet einfach ab.“
Ich hatte Simon gesagt, dass es sehr schwierig werden würde, sie zu überzeugen. Glücklicherweise mussten sie nicht mithelfen. Es reichte, wenn sie einfach zusahen, ohne mich zu stören.
„Was hast du vor?“ fragte Bill.
„Das… würdet ihr mir sowieso nicht glauben. Wartet einfach ab.“
„Willst du an dem Ding reiben, bis der Geist rauskommt?“
Ich hielt den Krug in der Hand.
„Nicht ganz… Aber ihr seid dichter dran, als euch wahrscheinlich lieb ist. Also…“
Die Tür öffnete sich wieder. Einer der Maskierten trat ein und ging auf Myra zu. Er trug ein Messer an seinem Gürtel; was nicht unbedingt heißen musste, dass er der schlecht gelaunte Messermann war. Er packte ihren Arm und versuchte sie hoch zu zerren.
„Nein!“ riefen wir alle ziemlich gleichzeitig.
Bill sprang auf, um Myra zu helfen. Ich fühlte mich unangenehm an Jake erinnert, aber diesmal ging es glimpflicher aus. Einige Kugeln sprengten Stückchen aus dem Putz an der Wand knapp hinter ihm. Mr. MP war ein guter Schütze, kein Zweifel.
„Niemahnd beweggt siech!“ sagte die Stimme von Mr. MP aus dem Flur.
Ich weiß nicht, ob uns das zu erbärmlichen Feiglingen oder zu überraschend vernünftigen jungen Leuten macht, aber niemand von uns unternahm noch etwas, als Myra leise wimmernd und weinend aus dem Raum gezerrt wurde. Bill hatte die Fäuste geballt, und seine Lippen waren zu einer dünnen Linie zusammengepresst. Paul starrte stumm auf den Boden. Ich dachte darüber nach, ob Simon es noch rechtzeitig schaffen würde.
„Schweine“, murmelte Bill, nachdem die Tür sich geschlossen hatte. „Scheiß-Schweine. Diese…“
„Es ist ziemlich feige, sie zu beschimpfen, wenn sie schon weg sind, findest du nicht?“
„Halts Maul.“
Paul schien sich vorgenommen zu haben, noch sämtliche Freunde zu verlieren, bevor er hier rauskam.
„Danny“, sagte er, „Wenn du uns wirklich helfen kannst, wäre das jetzt der richtige Zeitpunkt. Schnell.“
„Versprecht mir, mir einfach zu vertrauen.“
Er hob zwei Finger und nickte mit staatstragend in Falten gelegter Stirn.
„Mach schon“, knurrte Bill.
„Also gut…“
Ich stand auf. Den Krug hielt ich in der linken Hand, die Schüssel mit dem Essen in der rechten. Das war jetzt wirklich ein bisschen komisch. Ich nahm mein ganzes Selbstbewusstsein zusammen und fing an. Der richtig schwierige Teil lag bei ihm, hatte er gesagt. Naja.
„Jahwe, Gott der Christen, hör mich an“, sagte ich. „Ich bin Daniela Brice. Erkenne mich, Jahwe!“
Paul und Bill sahen sich an und standen offensichtlich kurz davor, mich zu fragen, ob ich das witzig fand oder einfach völlig den Verstand verloren hatte. In diesem Moment aber erhellte sich der Raum merklich, ohne dass eine zusätzliche Lichtquelle zu erkennen gewesen wäre. Unser Kellerloch füllte sich mit einem gleißenden Licht, das wärmte und erleuchtete, ohne die Augen zu schmerzen.
„Jahwe, sieh mich an. Dies ist dein Blut. Und dies ist dein Fleisch.“
Ich hob zuerst die Hand mit dem Krug, dann die mit der Schüssel, während ich sprach. Paul und Bill sahen nun mich an, die Augen ebenso weit aufgerissen wie ihre Münder. Als die Stigmata in meinen Händen aufbrachen und Blut zu fließen begann, sahen sie aus, als würden sie gleich in Ohnmacht fallen. Ich konnte auch die Stigmata in meinen Füßen spüren, und die warme Feuchtigkeit, die meine Schuhe erfüllte. Das war ziemlich eklig. Stigmata, so hatte mir Onkel Simon erklärt, waren ein Ausdruck göttlicher Unzufriedenheit. Er wusste, was wir vorhatten, und es gefiel ihm nicht. Na, er hatte schließlich seine Chance, mich hier rauszuholen, und er hat sie nicht genutzt.
„Dein Bannfluch liegt auf Simon Bryce, Jahwe. Erkenne mich, sieh dein Fleisch, sieh dein Blut, und gib ihn frei!“
Ich war trotz allem noch ein bisschen erschrocken, als ich den Krug auf den Boden warf und tatsächlich Blut daraus hervorquoll, als er zerbrach. Paul und Bill schrien und sprangen auf. Die Blutlache zerfloss in viele dünne Ströme und formte auf dem hellen Betonboden kurz ein scharlachrotes Bannsiegel mit seltsamen Symbolen auf dem Boden, dann war es plötzlich vorbei. Auf dem Boden war nur ein bisschen Wasser, und in der Schüssel in meiner Hand lagen nur Essensreste. Ich habe während des ganzen Rituals nicht einmal hingesehen, deswegen weiß ich nicht, ob die sie auch irgendwie verändert haben. Das gleißende Licht war verloschen, und meine Stigmata hatten sich geschlossen. Das Blut an meinen Händen und in meinen Schuhen war aber noch da.
„Ver-dammt!“ rief Paul. „Warum bringt deine Mutter DAS nicht mal in ihren Gottesdiensten?“
Leise hörten wir ein Telefon irgendwo im Haus klingeln.

„Und ist es denn nicht die Liebe zu seinen Mitmenschen, die einen Christen ausmacht? Ist es denn nicht das Vergeben und das Verstehen, das einen Christen ausmacht? Ist es denn nicht das Wesentliche am Christsein, dass ich NICHT die Blutrache will und dass ich die linke Wange hinhalte, wenn man mich auf die rechte schlägt?“
Die Männer und Frauen auf den Bänken der riesigen Kirche lauschten gebannt den Worten der Bischöfin. Selten hatten sie eine so mitreißende Predigt gehört. Sie schien wirklich durchdrungen vom Heiligen Geist.
„Vor Gottes Antlitz kann ein jeder Vergebung finden. Der Dieb, der Räuber, sogar der Mörder kann Aufnahme finden in Sein Reich. Weil Gottes Botschaft eine Botschaft der Liebe ist. Und steht es uns Menschen denn an, unseren Mitmenschen die Vergebung zu verweigern? Steht es uns an, über unsere Mitmenschen zu richten?“
Sie bekam natürlich keine Antwort, aber sie sah an den Gesichtern der Gläubigen, dass sie verstanden wurde.
„Der Apostel Paulus hat hierzu einmal geschrieben, und ich finde, das ist eine der schönsten Stellen in der ganzen Schrift…“
Die Bischöfin keuchte und erblasste. Ein Raunen ging durch die Menge. Mit offenem Mund starrte die Frau in ihrem prachtvollen Ornat auf das Buch, das vor ihr auf dem Pult lag. Die Seite, die sie aufgeschlagen hatte, die Seite, auf der sie die Worte des Apostels Paulus erwartet hatte, war leer. Nun, ganz leer war sie natürlich nicht, aber das Wort Gottes, der Text der Bibel, war davon verschwunden. Stattdessen stand nun schräg über beiden Seiten etwas in einer Schrift, die sie gut kannte und die ihr Furcht einflößte. Es war eine sonderbare Schrift, einerseits gestochen klar und präzise, andererseits eine Handschrift. Wie eine Drucktype, die entworfen worden war, um eine von Menschenhand geschriebene Druckschrift nachzuahmen. Die Worte auf den beiden Seiten waren:

Schwester Schwester, was hast du getan?

Myra biss ihre Zähne zusammen, doch damit konnte sie das Wimmern nicht unterdrücken, das unkontrolliert aus ihr hervorbrach. Sie zitterte, als sie die Berührung der rauen Finger des maskierten Mannes auf ihrer Haut spürte. Er knöpfte langsam ihre Bluse auf. Beim letzten Mal war es wenigstens schnell gegangen, aber diesmal hatte er sich offenbar vorgenommen, es zu genießen. Er grinste sie an. Er hatte seine Maske abgenommen und ein ziemlich scheußliches, aufgequollenes Gesicht mit einem ungepflegten struppigen Schnurrbart offenbart. Ab und zu sagte er etwas auf Spanisch zu ihr. Sie wusste nicht, ob es Komplimente waren oder ob er sie beschimpfte. An seinem Tonfall konnte sie es nicht erkennen. Sie war in gewisser Weise froh, dass sie nie einen der Spanischkurse an ihrer Schule besucht hatte.
Er war gerade am letzten Knopf angelangt, als das Telefon klingelte. Myra zuckte zusammen. Das schrille Geräusch, dieses gewöhnliche, vernünftige Geräusch einer Telefonklingel, passte gar nicht in diese wahnsinnige Situation.
Auch der Geiselnehmer schien sich ein wenig erschrocken zu haben. Nun stand er auf, um den Hörer abzunehmen. Es war ein altes, billiges Telefon aus schwarzem Kunststoff, mit Wählscheibe. Er hielt den Hörer an sein Ohr und bellte hinein:
„Qué?“
Myra konnte hören, dass jemand am anderen Ende sprach. Nur ganz leise, keine Worte, aber sie hatte den Eindruck, dass irgendetwas an der Stimme seltsam war. Sie klang nicht wie eine normale Telefonstimme. Auch dem Entführer schien die Stimme nicht zu gefallen. Er wirkte verwirrt, vielleicht sogar ein bisschen verunsichert.
„Qué?“ fragte er wieder.
Diesmal klang es nicht so schroff wie beim ersten Mal. Es klang diesmal viel mehr wie eine echte Frage.
„Quién eres?“
Myra hörte etwas, was wie ein Lachen klang, aus dem Hörer, dann das Freizeichen.
„Maldita sea!“ rief der Entführer. „Miguel!“
Dann lief er zur Tür hinaus. Myra saß noch immer auf ihrem Stuhl, an den sie mit Handschellen gefesselt war, und fragte sich, was den Messermann so verängstigt hatte.

„Hat es denn funktioniert?“ fragte Bill, dann: „Was hast du überhaupt gemacht?“
„Und warum hast du uns das vorher nie gezeigt? Das war cool! Wie geht das? Kann ich das lernen?“
Ich seufzte und antwortete zunächst mal gar nicht. Ich war mir bis zum Schluss nicht ganz sicher gewesen, ob ich mir nicht einfach alles bloß eingebildet hatte. Aber als der Krug zerbrach und das Blut daraus herausspritzte, hatte ich gewusst, dass ich tatsächlich dabei war, meinen Onkel Simon zu befreien. Von was auch immer. Oder aus was? Oder von wem? Und seitdem dachte ich an die Warnung meines Großvaters. Und fragte mich, was er und meine Mutter mir sonst noch alles verschwiegen hatten. Sie sehen also, ich hatte selbst ein paar Fragen, mit denen ich viel zu beschäftigt war, um mich um Paul und Bill zu kümmern.
Erst als Paul aufstand und mir seine Hände auf die Schultern legte, gewann er einen gewissen Teil meiner Aufmerksamkeit.
„Danny, was ist los? Was ist da gerade passiert?“
„Ich… weiß nicht. Ich meine… Ich weiß nicht.“
„Dafür hat es aber ziemlich professionell ausgesehen, finde ich.“
„Er hat es mir erklärt. Er hat gesagt, dass ich keinen Fehler machen darf. Es war ja wichtig, deshalb habe ich… Ich weiß nicht, ob es funktioniert hat. Er… Er hat nicht gesagt, wie lange es dauert, bis er da ist.“
„Wer?“
„Onkel Simon.“

„Was soll der Blödsinn?“ fragte Miguel. „Dann hat dir eben so ein Depp einen Telefonstreich gespielt. Reiß dich zusammen und nerv mich nicht.“
Miguel mochte Jardín nicht. Er hatte eine kleine Schwester und fand es widerlich, was sein Mittäter dem Mädchen antat. Er hätte Jardín gar nicht dabei haben wollen, aber er war eben Ronaldos Bruder, und Ronaldo hatte darauf bestanden, dass Jardín mitmachte.
„Er klang nicht wie irgendein Depp.“
„Und?“
„Ich finde, wir sollten nachsehen.“
„Nachsehen was? Ob der schwarze Mann ums Haus schleicht?“
„Verarsch mich nicht, Miguel, ich bin kein Idiot. Du hast die Scheiß-MP, und ich will, dass du jetzt nachsiehst, ob dieser Arsch wirklich da draußen ist.“
Miguel verdrehte die Augen und stand aus seinem Sessel auf.
„Pass auf, Jardín. Ich gehe jetzt da raus und suche nach schwarzen Männern. Und wenn ich da niemanden finde, dann werde ich Ronaldo wecken und ihm sagen, dass er dir so kräftig in den Arsch treten soll, dass du erst in Panama wieder zu dir kommst.“
„Ich hab dir gesagt, verarsch mich nicht, sonst trete ich dir in den Arsch, Miguel. Ich bin bloß vorsichtig.“
„Jaja…“
Er zeigte Jardín den ausgestreckten Mittelfinger, während er zur Tür ging. Er nahm die Taschenlampe von dem Bord und ging hinaus. Er leuchtete nach links und nach rechts und sah natürlich nichts außer den beiden Wagen, dem Weg und dem Dschungel. Und es würde schon ein bisschen mehr brauchen als einen dämlichen Telefonstreich, um ihn dazu zu bringen, bei Nacht durch den Dschungel zu laufen, wo er mit jedem Schritt auf eine Grüne Mamba treten konnte.
„Alles sauber.“
„Du musst auch hinter dem Haus nachsehen.“
„Natürlich.“
Er murmelte eine sehr grobe Beleidigung, während er sich auf den Weg zur Rückseite des Hauses machte.

„Du hast uns nie von einem Onkel erzählt.“
„Na rat mal warum.“
„Was ist mit dem los? Sei mir nicht böse Danny, ich bin immer noch nicht ganz sicher, ob du uns hier bloß verarschst.“
„Ich weiß das selbst nicht so genau…“ Ich zuckte die Schultern.
„Was mit dem los ist oder ob du uns“
„Beides. Ich kenne Simon nicht viel besser als ihr. Er hat… irgendwie Zugang zu mir gefunden, als ich betäubt war. Vielleicht hat das Chloroform meinen Schutz geschwächt.“
Bill saß einfach nur da und dachte nach. Vermutlich. Pauls Verwirrung war ein bisschen beredter.
„Und was genau passiert jetzt?“
Ich zuckte wieder mit den Schultern.
„Ich nehme an, er kommt und rettet uns. Ich weiß ja auch nicht, ich dachte nur, es ist unsere beste Chance.“

„Hols der Teufel, da ist er!“
Jardín zeigte auf die Gestalt, die aus der Dunkelheit auf ihn zukam und rief nach Miguel. Dann zog er sein Messer und stapfte auf den Fremden zu. Seine Unsicherheit war völlig verschwunden, nun, da er seinen Gegner sehen konnte.
„Ich hab dich, du Wichser! Jetzt komm her und zeig mir, wie du uns holst.“
„Es ist ein grimmer Schnitter, heißt der Tod.“
Die Stimme des Fremden klang noch immer verzerrt. Er trug eine weite weiße Robe, die beinahe in der Dunkelheit zu leuchten schien. Die Kapuze hatte er zurückgeschlagen, aber es war zu dunkel, als dass Jardín sein Gesicht hätte erkennen können. Er ging auf den Fremden zu, packte seine Schulter und rammte ihm sein Messer bis ans Heft in den Bauch.
„Da hast du deinen Schnitter, du Scheiß…“
Jardín verstummte, als er statt des erwarteten warmen Stroms ein trockenes Rieseln auf seiner Hand spürte.
„Was…?“

Als sich die Tür öffnete, sah Myra mit einer Mischung verschiedenster Gefühle auf. Angst natürlich, weil ihr Peiniger wahrscheinlich zurückgekehrt war. Auch Erleichterung, weil das Warten nun endlich vorbei war. Verzweiflung, weil es noch nicht vorbei war. Und, entgegen aller Vernunft, ein kleiner Funke Hoffnung. Dieser Funke loderte für einen Augenblick hell auf, als sie den Mann mit der Robe in der Tür stehen sah. Das Ding war in seiner strahlend weißen Makellosigkeit hier im Dschungel so fehl am Platz wie ein Starbuck’s. Dann sah sie den Blick in seinen Augen, die nur oberflächlich wie Augen aussahen, aber Löcher in der Realität waren, und fühlte wiederum etwas völlig Neues.
„Du musst Myra sein“, hörte sie die unmenschliche Stimme des Mannes sagen. „Wusstest du, dass Kain Abel gar nicht erschlagen hat?“
Dann lachte er. Und plötzlich hörte er auf zu lachen und sprang mit einem wütenden, bellenden Schrei auf sie zu. Kurz vor ihrem Gesicht hielt er inne, wie ein Hund, der von einer nur knapp zu kurzen Kette zurückgehalten wird. Es sah sogar ein bisschen aus, als würde er an der unsichtbaren Kette zerren, als er sich nach vorne lehnte und sie anschrie.
„Hure!“ brüllte er. „Hure! Hure! Hure! Hure!“
Speichel aus seinem Mund sprühte in ihr Gesicht und lief in Tropfen ihre Wangen hinab. Es dauerte nicht lange, bis sie völlig in Panik geriet und hysterisch kreischte und die Augen schloss und den Kopf schüttelte und vor Angst fast die Kontrolle über ihre Schließmuskeln verlor. Dann hörte sie ihn gellend lachen, und als sie die Augen wieder öffnete, war er verschwunden.

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber ich war jedenfalls ein bisschen enttäuscht. Wir hockten auf dem Boden und warteten, auf was auch immer. Wie es einem in solchen Situationen eben oft geht, wussten wir nicht so recht, was wir sagen sollten. Nachdem sich die erste Aufregung über meine Beschwörungszeremonie gelegt hatte, war Paul klar geworden, dass ich ihm nicht viel erzählen konnte.
„Ich hatte echt Panik, dass einfach gar nichts passiert“, sagte ich, einfach weil mir die Stille auf den Geist ging. „Das wär richtig peinlich gewesen…“
Bill schnaubte ein Lachen. Paul nickte.
Vielleicht kommt er einfach nicht, dachte ich. Es gab viele Gründe. Vielleicht hatte es nicht funktioniert. Vielleicht hatte er mich angelogen und war schon auf dem Weg nach Disneyworld, um seine wiedergewonnene Freiheit zu genießen. Oder die Kerle, die uns entführt hatten, hatten ihn einfach in Stücke geschossen.
„Was glaubt ihr, was mit Myra ist?“ fragte Bill.
Paul seufzte, ich blickte zu Boden.
„Hoffentlich… vielleicht…“ Ich wusste nicht weiter.
„Sie wird’s überleben“, murmelte Bill.
„Hoffen wir’s.“ Paul wusste einfach nicht, wann er die Klappe halten sollte.
„Vielleicht ist es ja schon vorbei“, meinte ich. „Es könnte ja sein, dass Myra schon frei ist. Vielleicht sind sie jetzt gerade auf dem Weg…“
Ich hatte eigentlich nur so dahergeplappert, um irgendwas zu sagen. Deshalb war ich überrascht, als sich die Tür öffnete und ein Mann in einer weiten weißen Robe eintrat. Er wäre eine ziemlich unauffällige Erscheinung gewesen, hätten nicht seine Augen so sonderbar gefunkelt und seine Mundwinkel so merkwürdig gezuckt.
Er breitete die Arme aus, ließ seinen flackernden Blick durch den Raum schweifen und kreischte mit einer eigenartig verzerrten, sich überschlagenden Stimme: „Gesegnet seien die Sanftmütigen!“
Nach einem unwahrscheinlichen Sprung landete er direkt über Bill und hatte ihm, bevor einer von uns ganz begriffen hatte, was los war, die Nase abgebissen. Er hielt ihm mit einer Hand den Mund zu und drehte sich zu mir um.
„Hallo Daniela. Es tut mir leid, dass ich mich verspätet habe.“ Seine Stimme klang immer noch so verzerrt, als käme sie aus einem kaputten Lautsprecher. Er sprach in einem Tonfall überbordender Freude, der mir die ganze Situation völlig surreal scheinen ließ. „Dein kleiner Freund hier wird an seinem eigenen Blut ersticken. Oder er verblutet; kommt ganz darauf an, wann ich ihn loslasse.“
Paul knurrte und fluchte und zerrte an dem Arm dieses Wahnsinnigen, der offenbar mein Onkel Simon war. Er schien es nicht einmal zu bemerken.
„Danny, hilf mir doch verdammt!“
„Ich… Ich weiß nicht…“
Ich fühlte mich gelähmt. Das war alles so unglaublich. Versuchen Sie, sich in meine Situation zu versetzen, dann werden Sie es vielleicht verstehen.
„Du bist ein hübsches Mädchen geworden, Daniela“, sagte Onkel Simon, jetzt in nachdenklichem Tonfall. „Und klug bist du auch. Gutes Mädchen. Bestimmt schulde ich dir einen Haufen Geld für all die guten Zeugnisse.“
„DANNY!“ rief Paul, der immer noch versuchte, gegen den unnachgiebigen, einfach statuenhaft dasitzenden Simon zu kämpfen.
Schließlich packte Simon Bills Kragen und hob ihn über sich in die Luft.
„Siehe, Jahwe!“ kreischte er, „DIES ist dein Fleisch und DIES ist dein Blut! ERKENNE MICH, JAHWE, UND ERZITTERE.“
Ich weiß nicht mehr, was dann geschah.

Der schwarze Sand wird von dem Wind über die Ebene getrieben, stetig und ohne Ende, denn es gibt hier keine Zeit. Der Körper am Kreuz treibt auf dem Strom aus Sand, ohne dass es eine Richtung gäbe, in die er treiben könnte.
Ich weiß nicht, wie lange ich schon an diesem Kreuz hänge. Ich weiß nicht mal, ob es überhaupt einen Sinn hat, diese Frage zu stellen. Der Sand spricht zu mir. Sehr leise, aber ich kann ihn hören. Ob er wohl auch zu Simon gesprochen hat? Und wenn ja, hat der Sand ihn in den Wahnsinn getrieben? Oder wurde er hierher verbannt, weil er wahnsinnig war? War Simon überhaupt hier? Viele Fragen. Ich habe Zeit, darüber nachzudenken. Oder eben nicht, denn es gibt hier ja keine. Ich erinnere mich. An Bill, der jetzt tot ist, und an Albert, der auch tot ist. Ich erinnere mich an meinen Vater, und an Jake. Die tot sind. Ich erinnere mich auch an Paul und Myra, die möglicherweise noch leben. Und weil es keine Zeit gibt, gibt es hier keinen Unterschied zwischen erinnern und erleben, und keinen zwischen Leben und Tod. In meiner Erinnerung leben sie alle. Gewissermaßen.
Der Sand spricht zu mir. Manchmal verstehe ich ihn. Und wenn ich ihn verstehe, dann spüre ich das Wesen der Ebene aus schwarzem Sand. Und manchmal fühle ich mich dann auch ein kleines bisschen wahnsinnig. Das ist fast wie Kitzeln, nur im Geiste.
Es ist ewiges Leben. Gewissermaßen.

Myras Geschichte: Ein Epilog.
Nachdem der Wahnsinnige verschwunden war, befand ich mich für eine Weile in einem halbbewussten Zustand abklingender Panik. Ich zitterte und hechelte, und meine Zähne klapperten. Ich wusste gar nicht, dass es das wirklich gibt. Deshalb kann ich nicht so genau sagen, wie viel Zeit vergangen war, bis der Maskierte mit der MP durch die Tür kam.
„Wahs ist hier pahßiert?“
„Ich… ich… weiß nicht“, stammelte ich.
Er zog die Maske von seinem Gesicht.
„Sie siend ahle tot.“
„Was?“
„Jardín. Ronaldo. Hast du wahs ge“
„DA!“ schrie ich. „Hinter Ihnen!“
Er wirbelte herum und richtete seine Waffe auf die Gestalt in der weißen Robe.
„Alto!“ rief er. „Qué has hecho, cerdo?”
„Oh ich fürchte, mein Spanisch ist ein bisschen eingerostet“, antwortete der Fremde mit seiner merkwürdigen Stimme.
„Stopp!“ rief der MP-Mann. „Blaibenn Sie stehn!“
Der andere ging einfach weiter. Der Entführer schoss. Die Kugeln rissen vier daumendicke Löcher in das Gesicht des Wahnsinnigen, aber es floss kein Blut. Feiner schwarzer Sand rieselte stattdessen aus den Wunden. Ich konnte hören, wie es zu Boden fiel. Ganz leise. Dann schlossen die Wunden sich wieder.
„No! El diablo, no es posible!“
Mein Entführer machte ein paar Schritte zurück, dann schoss er wieder. Der Wahnsinnige blieb stehen und lachte, während sich vor seinen Füßen kleine Hügel aus dem schwarzen Sand bildeten. Ein trockenes Klicken erklang, als das Magazin in der MP leer war.
„Alto! No me toca!” schrie der Entführer, und der Fremde lachte.
„Donde esta un restaurante?“ fragte er mit der bemüht deutlichen Aussprache von jemandem, der seine Frage aus einem Reiseführer abliest. Dann kreischte er plötzlich: „Wahrscheinlich gibt es in diesem Scheißkaff nicht mal ein vernünftiges Restaurant!“ und sprang auf den Entführer zu. Der stand einfach nur da, Mund und Augen weit aufgerissen, bis der Fremde ihm zwei V-förmig gespreizte Finger in die Augen stieß. Der Entführer verbarg das Gesicht in seinen Händen und sank leise wimmernd zu Boden.
Der Wahnsinnige wirbelte zu mir herum, funkelte mich aus seinen blauen Augen an und sagte: „Idealtypisch können bei grenzüberschreitenden Akquisitionen vier Varianten von Akkulturationsprozessen unterschieden werden.“ Er sprach weiter, während er neben meinem Stuhl niederkniete und sich an den Handschellen zu schaffen machte. „Bei der Assimilation passt sich die akquirierte Tochtergesellschaft mit der Zeit von selbst an die Kultur der Muttergesellschaft an; bei der Integration bewahrt sie ihre eigene Kultur; bei der Dekulturation wird die Tochtergesellschaft VERDAMMT, ich krieg das Ding nicht auf.“
Er hielt sein Gesicht so nah an meins, dass ich die Wärme seiner Haut spüren konnte. Er sah tief in meine Augen und fragte: „Hast du einen Führerschein?“
Ich versuchte seinem Blick auszuweichen, weil es in Wirklichkeit gar kein Blick war. Ich nickte.
„Das ist gut. Ich habe nämlich meinen Feenstaub aufgebraucht, und ich glaube, Tinkerbell ist ein bisschen beleidigt.“
Er brauchte etwa zehn Minuten, bis er die Schlüssel zu meinen Handschellen gefunden hatte. In dieser Zeit hörte ich ihn ab und zu aus verschiedenen Räumen des Hauses fluchen, kichern oder murmeln. Ich wäre vor Angst fast gestorben. Dann führte er mich zu einem weißen Pick-up, öffnete mir die Fahrertür und stieg dann auf den Beifahrersitz.
„Darf ich annehmen, dass du entweder zu feige oder zu klug bist, um fliehen zu wollen?“
Ich nickte wieder. Er lachte.
„Bring mich zum Flughafen.“
Ich schluckte.
„Aber… Ich…“ Ich brachte nicht den Mut auf, ihm zu widersprechen, aber ich glaube, er verstand, was ich sagen wollte.
„Der Herr spricht suchet, so werdet ihr finden, klopfet, so wird euch aufgetan, fürchtet euch nicht, denn ich bin bei euch und JETZT FAHR ENDLICH LOS BEVOR ICH DIR DEINE BEINE BRECHE!“
Es kostete mich eine unglaubliche Menge an Selbstbeherrschung, um mich daraufhin nicht einfach zwischen den Pedalen zu einer wimmernden Kugel zusammenzurollen und zu weinen, bis er kam, um mich zu holen. Sicher hat mir dabei auch die völlige Gewissheit geholfen, dass er nicht der Typ für leere Drohungen war.
Das war gestern. Wir haben inzwischen eine Hauptstraße gefunden, und wenn ich die Schilder richtig lese und nicht vorher am Steuer einschlafe, werden wir in ein paar Stunden einen Flughafen erreichen. Ich versuche gar nicht erst, Ihnen zu beschreiben, in was für einem Zustand ich mich befinde. Manchmal höre ich Stimmen. Sie klingen ein bisschen wie Danny, und das ist furchtbar, denn das bringt mich dazu, darüber nachzudenken, was mit Danny und Bill und Paul passiert sein könnte, da unten in diesem Kellerloch. Ich weiß nicht, ob der Wahnsinnige sie umgebracht hat, oder ob er gar nicht bei ihnen war und sie immer noch da unten eingesperrt sind. Vielleicht will ich es auch gar nicht wissen. Ich verstehe nicht, was die Stimmen mir sagen, sie sind zu leise. Aber das ist gut, denn das will ich eigentlich auch nicht wissen. Wenn sie nur nicht so verdammt nach Danny klingen würden, würden sie mich wahrscheinlich überhaupt nicht stören. Wie Dannys Stimme, nur ein bisschen verzerrt. Als würde sie durch einen dieser Scrambler sprechen, die man im Supermarkt als Kinderspielzeug kaufen kann. Sonderbar, oder?

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20 Antworten zu Ich nenne es Novelle

  1. pyrrhussieg sagt:

    Die Form: Ein so langer Text ist sicher nicht fürs Internet geeignet. Habe mir eben schnell ein zweispaltiges Drucklayout gebaut, um mich da überhaupt dran zu wagen. Vielleicht solltest du den Text einfach vernünftig layouten und als PDF anbieten. Zum Aufsplitten in Einzelbeiträge bietet sich die Dramaturgie leider nicht an.

    Der Inhalt: Jungendprosa, Action, Religionskritik, Stigmata- und Teufelserlebnisse – irgendwie eine Menge “Holz”, vielleicht zu viel auf einmal, zu viel Mashup. Insbesondere die Ebene mit dem schwarzen Sand, die hinterher umgedreht wird, haut einen teilweise raus. Vielleicht stimmt da auch einfach der Rythmus noch nicht so ganz.

    Rechtschreibung (auf die Schnelle):
    - geschrieen -> geschrieen
    - ich Sechs war -> ich sechs war
    - Khakifarbenen -> khakifarbenen
    - “Ja”; sagte ich. -> “Ja”, sagte ich.
    - den obersten fünfzig -> den obersten Fünfzig
    - die Stimme als Bills -> die Stimme als die von Bill
    - wirkte alt aber robust -> wirkte alt, aber robust
    - Sein Reich -> sein Reich
    - schräg über beide Seiten -> schräg über beiden Seiten
    - Grüne Mamba/grüne Mamba
    - “Was mit dem los ist oder ob du uns” -> “Was mit dem los ist oder ob du uns…”
    - wieder die Schultern -> wieder mit den Schultern
    - Schnitter?
    - Ich weißt nicht -> Ich weiß nicht
    - Der Herr spricht suchet -> Der Herr spricht: ‘Suchet

    Sprache: Manchmal etwas zu sehr umgangssprachlich. Klar ist das in Ordnung, um die Story raussprudeln zu lassen. Im Nachhinein vielleicht noch stärker daran feilen.

    Weitere Kritik:
    - die förmliche Ansprache des Lesers wirkt steif
    - sprechen die Bösen eigentlich alle mit Akzent – oder nur einer? (vorm Ende verschwindet der Akzent nämlich)
    - Wortmarken wie “Scream” kommen nicht so toll (ist aber Geschmackssache)

    Fazit (trotz der vielen Kritik): Eine tolle Entscheidung, die Geschichte hier im Blog zu präsentieren! Vielleicht muss man bei der Onlineerzählung aber eine bessere Dramaturgie entwickeln und kleine Pakete schnüren (-> Länge: normaler Blogeintrag). Oder eben ein langes PDF anbieten. Auf alle Fälle weiter so!

  2. Muriel sagt:

    Oha, das nenn ich mal einen Kommentar. Vielen Dank, dass du dir damit so viel Mühe gegeben hast! Das ist mehr, als ich zu hoffen gewagt hätte.
    Die Rechtschreibfehler habe ich gleich erledigt (bis auf die Schreibweisen, die ich absichtlich gewählt habe), und das pdf schaffe ich hoffentlich morgen. Über den Rest denke ich an den kommenden Tagen noch nach. Nochmal vielen Dank!
    Antwort auf deine Frage: Der Akzent verschwindet, weil die Bösen zum Schluss miteinander reden, und dann natürlich in ihrer Muttersprache. Nur einer von ihnen ist überhaupt des Englischen mächtig.
    Frage von mir: Was gefällt dir denn nicht an “Schnitter”?

  3. pyrrhussieg sagt:

    Mir ist der Begriff Schnitter nicht geläufig. Dank Wiki weiß ich aber nun:

    “Der Schnitter (Mäher) ist ein, heute in Europa fast ausgestorbener, Beruf des Erntehelfers bei der Getreideernte, der das Korn abmäht.”

    Vielleicht stirbt der Begriff mit dem Beruf aus…

  4. Muriel sagt:

    Wow, danke! Du gibst dir ja richtig Mühe mit meiner kleinen Geschichte.

  5. pyrrhussieg sagt:

    Kreatives muss gefördert, um nicht zu sagen: gepushed werden. Gerade in dieser Aufmerksamkeits-Geizkragen-Zeit. :-)

  6. juliaL49 sagt:

    So, jetzt bin ich auch durch – ist wirklich etwas lang für einen Blogeintrag, aber das soll es ja auch gar nicht sein.

    Ich fand die zwei Ebenen sehr gut und den Twist am Ende gelungen.
    Nur die amerikanischen Bezüge waren etwas seltsam. Hast du mal in den USA gelebt oder Verwandte dort oder so?

  7. Muriel sagt:

    Danke, dass du dich da durch gearbeitet hast.
    Nein, ich kenn mich in den USA nicht so sehr aus, der Bezug hat sich einfach irgendwie aufgedrängt, auch wegen der Televangelistin als Mutter.

  8. [...] Zu meinem letzten literarischen Experiment wurde mir geraten, beim nächsten Mal doch eine Geschichte in kleineren Häppchen zu [...]

  9. Oliver sagt:

    Die Geschichte ist gut.
    Ich würde den Akzent der Spanier weglassen oder anders darstellen. So könnten es auch Russen sein.
    Ich hätte gerne mehr gore-Darstellungen, da die Story nun mal blutig ist. Da hält man mit der Kamera hin ;-)
    Myra ist zu förmlich, zu evangelistisch, zu sehr wie zwölf, vor allem weil sie mit der Gruppe wegfährt.
    Die Ami-Namen und Hintergrund sind IMO nicht passend. Wirken wie Jessica, Kevin, Sandy, Mandy und Jason.

    Die zwei Ebenen finde ich gut. Zum Ende hin sogar noch mal die Mutter eingeblendet.

    Noch besser wäre es, wenn Du die Story um die Hälfte kürzen würdest. Dich auf das Entscheidende konzentrieren. Aber hängt auch davon ab, was Du dir erwartest.
    Für eine erste Geschichte ist sie auf jeden Fall sehr gut.

  10. Muriel sagt:

    Danke schön, ich freue mich über deine Meinung. Teilweise (insbesondere bei den Akzenten) sehe ich das genauso. Auf jeden Fall schön, dass es dir gefallen hat.
    (Ich muss allerdings gestehen, dass es nicht die erste ist, die ich geschrieben habe. Die erste würde ich überhaupt nicht gerne herzeigen.)

  11. Salomea sagt:

    Hallo Muriel,

    ich schließe mich meinen Vorredner an, es ist eine gute Geschichte.

    Was mir wie z.B. Oliver aber auch aufgefallen ist, ist, dass das mit den Namen nicht so ganz passt, wobei eine in den USA spielende Geschichte – bzw. wie hier mit US-Amerikanischen Charakteren – natürlich ohne englische Namen nicht auskommt. Und das ist was mir aufgefallen ist: Deine Heldin hat einen Namen der partout nicht in den Kontext passt. Der Name “Daniela” ist in den USA nicht gebräuchlich und insbesondere in konservativen Kreisen – wo sie, da sie ja nicht fluchen will/kann/darf – ja her zu sein scheint würde wohl auch keiner so ein Experiment wagen. Geben als weibliche Form von Daniel tut es “Danielle”. Das ist schon verwirrend, wenn du bedenkst, dass die anderen Jugendlichen im Text durchaus gängige Namen für amerikanische Charaktere haben.

    Liebe Grüße

    Salomea

    PS. Wenn du einen Link magst falls du nochmal für eine Geschichte in dem Kulturkreis auf Namensuche gehen willst oder sogar musst: http://www.behindthename.com. Dort gibt es zu einigen Namen auch Statistiken in Bezug auf Häufigkeit etc.

  12. Muriel sagt:

    Hallo Salomea, vielen Dank für deinen Kommentar. Namen sind generell so ein kleines Problem, mit dem ich in meinen Geschichten zu kämpfen habe. Ich erinnere mich noch vage, dass ich Daniela bewusst gewählt habe, aber ich weiß beim besten Willen nicht mehr, warum… Danke auch für den Link, der hilft mir in Zukunft bestimmt noch weiter.

  13. Salomea sagt:

    Hallo Muriel,

    bitte, bitte und falls du auch mal “Probleme” mit Namen für eine in Deutschland angesiedelte Geschichte haben solltest: http://www.beliebte-vornamen.de Die haben auch Hitlisten der beliebtesten Namen der letzten 100 Jahre oder so. Ich mag diese Seite gern, wenn ich für Charaktere so etwas wie Modenamen brauche. Dann suche ich das Geburtsjahr und suche was unter den ersten 30 Plätzen aus. Es gibt auch das Diskussionsforum http://www.baby-vornamen.de und es ist sicher nützlich wenn man mal gucken will was es überhaupt alles an Namen gibt, aber das Niveau dort ist zum Teil unter aller Kanone und wie die Hitlisten da entstehen weiß der Geier. Wenn du da zum Beispiel unter “Muriel” guckst findest du erstmal ewig lang wie das denn gesprochen wird und “Find ich gut”/”find ich scheiße”, also nichts was man wirklich als Hilfestellung – weder als Autor noch als Eltern – werten kann. Und zusätzlich hilft es bei der Namensvergabe für Charaktere auch immer auf so Phänomene zu achten, wie als Beispiel “Kevinismus”, damit sowohl man selbst als auch die Geschichte glaubwürdig rüberkommt,

    Liebe Grüße

  14. pampashase sagt:

    So, jetzt bin ich endlich mal dazu gekommen, etwas von dir zu lesen.

    Die Story fand ich spannend bis zum Schluss, ich hatte keine Probleme flüssig durchzukommen und wundere mich gerade über Kritik, in bezug auf die Länge der Geschichte. Akzente und Namensgebung ist meiner Meinung nach die Freiheit des Schreibers, den Akzent fand ich einleuchtend.

    Das einzige was ich mich frage ist, warum oder durch was wurde er von Myra abgehalten? Alle anderen hat er doch niedergemetzelt. Apropos Metzelei, ich fand gut, dass du das nur angerissen hast und nicht zu sehr ins Detail gegangen bist. Die meisten Menschen, die lesen, haben genug Phantasie…

  15. Muriel sagt:

    @Pampashase: Du warst aber fleißig in dieser Nacht. Vielen Dank für die vielen Kommentare, damit hast du dir die Antwort auf deine Frage auch reichlich verdient:
    Ich halte zwar nichts davon, dem Leser als Autor die Interpretation von Dingen vorzugeben, die nicht ausdrücklich im Text stehen, aber ich habe mir das so vorgestellt, dass Simon einfach jemanden braucht, der ihn fährt, und keine Vorurteile gegen Frauen am Steuer hat.

  16. Mara (Pampashase) sagt:

    Da hab ich mir das ja richtig gedacht, aber ich war irritiert, dass er gleich am Anfang jemanden hat leben lassen…was bei so einem Irren ja schon recht gut überlegt war.

    Und wenn man dann schon mal den Autor persönlich fragen kann…Danke :-)

  17. Muriel sagt:

    @Mara: Naja, er muss das ja nicht von Anfang an so geplant haben.

  18. [...] “Mein sonderbarer Onkel Simon” sollte es sein. Warum? Naja, wir reden ja nicht von besonders ausgefeiltem Literaturgeschmack, sondern davon, woran ich erkenne, dass sie die Richtige für mich ist, oder er, weiß man ja nicht, und das erkenne ich natürlich nicht daran, dass er (oder sie) sowas mainstreamiges, rundum Gelungenes, einfach unbestreitbar Gutes wie Bright Outlook liest, sondern daran, dass sie (oder er) sich auch für so skurrile, amateurhafte kleine Fragmente wie dieses begeistern kann. Klar, oder? [...]

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