Das alltägliche Grauen (2)

24. Juni 2009

Vor Kurzem stellte ich fest, dass in meiner Sporttasche nur noch ein einzelner linker Sportschuh steckte. Der rechte war nirgends in meiner Wohnung zu finden, und im Auto auch nicht. Ich rief also das Fitnessstudio meiner Wahl an, um zu fragen, ob jemand einen schwarzen rechte Asics-Schuh gefunden hatte.

Die freundliche junge Dame am Telefon sagte mir, es gebe in der Herrenumkleide einen Behälter mit Fundsachen. Ihr Stimme klang ein bisschen belegt, als sie das sagte. Da müsste ich aber selbst nachsehen. Sie könnte das auf keinen Fall für mich tun. Sie würde mir da zwar echt gerne helfen, aber wenn sie das so machen würde, würde sie den ganzen Tag nur zwischen dem Telefon und den Fundsachen hin und her laufen. Sie kicherte ein bisschen zu schrill. Deswegen ginge das leider nicht. Tue ihr wirklich Leid. Ich konnte die Angst in ihrer Stimme hören.

Vielleicht wollte sie mir wirklich helfen. Aber dass sie das nicht tat, hatte ganz bestimmt nichts mit der Flut von Anrufen zu tun, mit der sie sonst nicht fertig werden würde. Ich wusste das, und sie wusste es natürlich auch. Ich habe es trotzdem dabei belassen. Ich bin ja sowieso öfter dort.

Gestern war es wieder soweit. Ich betrat die Umkleide und sah so eine Art hellgrüner Plastiktonne mit blauem Deckel, die mich neben den Waschbecken bereits erwartete. Ich hatte sie schon öfter gesehen, mit ihrem kleinen laminierten Schild, auf dem “Fundsachen” stand, und hatte mir nie viel dabei gedacht; außer, dass ich die Leute bemitleidete, die darin etwas suchen mussten. Heute war ich einer dieser Leute. 

Ich atmete tief durch. Und öffnete mit kaltem Schweiß auf der Stirn und zitternden Händen den Deckel. Ein Schwall warmer feuchter Luft erhob sich aus dem Abgrund. Ich hatte den Atem angehalten, aber das half nicht viel. Ich verfluchte mich selbst, weil ich nicht daran gedacht hatte, Handschuhe mitzubringen. Ganz oben lag eine dicke Schicht von klebrigen schmierigen Handtüchern. Ich versuchte, nicht daran zu denken, wie lange die schon da drin vor sich hin gärten. Dann kam eine zugebundenene Plastiktüte, die mit irgendetwas schwammig weichem Klumpigem gefüllt war. Es folgte eine Lage schweißnasser dreckiger Socken und schließlich die Schicht mit den Schuhen. Ich war mir in dem Moment schon nicht mehr sicher, ob ich meinen überhaupt wieder haben wollte.

Ich werde diesen Schuh in Zukunft mit völlig anderen Augen sehen. Und ich weiß jetzt, dass es wirklich versteckte Eingänge zur Hölle gibt.


Selber!

23. Juni 2009

Ich habe mich gerade beim Blasphemie Blog ein bisschen umgesehen und dort einige klassische Zitate über den Atheismus gelesen, die ich zum Teil schon kannte, die in mir aber trotzdem den Wunsch geweckt haben, mit euch zusammen ein bisschen über das Thema nachzudenken. Gläubige Denker scheinen häufig auf die Idee zu kommen, dass es ohne Gott keine Moral gibt und dass Atheisten zwangsläufig unmoralisch sind. Ich finde, das ist Unfug. Ich finde, man kann sogar ganz bequem das Gegenteil vertreten. Es gibt zwar sicherlich auf beiden Seiten gute und schlechte Menschen, aber ist es nicht so, dass Christen von ihrem Gott bestraft werden, wenn sie sich nicht an seine Gebote halten, während Atheisten so unmoralisch handeln können, wie sie wollen, ohne irgendeine (nicht weltliche) Strafe zu befürchten zu haben?
Ergänzung, 28. Juni 2009: Niels hat in den Kommentaren (offenbar zurecht) darauf hingewiesen, dass zumindest Protestanten nicht direkt für ihre Taten Lohn oder Strafe erwarten können. Auch ansonsten ist mir klar, dass die christliche(n) Glaubenslehre(n) erheblich komplexer sind als das in diesem Beitrag zum Ausdruck kommt.

Ich frage mich deshalb immer, ob jemand moralisch besonders hoch einzuordnen ist, der sich nur deshalb anständig benimmt, weil er sonst bestraft wird. Handle ich ethisch, wenn ich das tue, wofür ich belohnt werde, also in den Himmel komme? Ich finde, dass das nichts mit Ethik oder Moral zu tun hat, sondern nur mit schlichter Nutzenmaximierung.

Ein Atheist hingegen hält sich – wenn er es denn tut - nur deshalb an seine ethischen Regeln, weil er sie für richtig hält. Er maximiert also nicht seinen Nutzen, sondern hat wirklich so etwas wie Moral.

Außerdem hat der Atheist – im Idealfall – über seine Ethik nachgedacht und sich aus eigenem Entschluss Regeln auferlegt. Religiöse Menschen haben diese Möglichkeit zum Großteil gar nicht, weil sie ihre Regeln vorgegeben bekommen. Sie müssen oder dürfen darüber gar nicht nachdenken, denn diese Regeln kommen ja von Gott, und der muss es ja wissen. Dabei kommt dann im ungünstigsten Fall sowas wie ein Kreuzzug oder eine Hexenverfolgung raus, im günstigeren Fall unsinnige kleine Albernheiten wie der Zölibat oder ein Schweinefleischverbot.

So gesehen könnte ich pointiert die Frage stellen, ob es überhaupt möglich ist, dass jemand gleichzeitig an Gott glaubt und im ethischen Sinne ein guter Mensch ist. Aber das wäre natürlich ziemlich unfair.


Liegt das an mir, oder an denen?

22. Juni 2009

Es ist gar nicht so lange her – drei Jahre vielleicht -, dass ich über Leute geschmunzelt habe, die sowas sagten wie: “Ich sehe eigentlich überhaupt nicht fern.”
Das klang für mich immer so ähnlich wie: “Ich brauche kein fließendes Wasser”, oder: “Ich lehne die Schulmedizin grundsätzlich ab.” Irgendwie fortschrittsfeindlich, oder weltfremd, oder zumindest kulturarrogant (“Fernsehen? Wenn, dann nur Arte!”).

Heute… ist das anders. Heute sehe ich nämlich selbst eigentlich überhaupt nicht mehr fern. Und ich frage mich jeden Tag aufs Neue, wie das passieren konnte. Bin ich anspruchsvoller geworden? Oder ist das Fernsehprogramm wirklich schlechter? Ich glaube, dass in diesem Fall die Wahrheit ausnahmsweise wirklich mal in der Mitte liegt.

Einerseits würde ich heute so einen Kokolores wie “Ein Colt für alle Fälle” (der deutsche Titel der Serie war mir früher schon peinlich) oder “Hart aber Herzlich” sicher nicht mehr ertragen, und wiederholte Folgen von “Star Trek: The Next Generation” meide ich mit abergläubischer Furcht vor der Entzauberung. Großer Gott, meine Zähne fangen an zu klappern, wenn ich daran denke, dass ich früher sogar mal “Wer ist hier der Boss?” freiwillig gesehen habe.

Andererseits läuft heute ja nicht mal mehr sowas. Stattdessen kann ich mir auf den Sendern, bei denen Nachrichten groß geschrieben werden, jeden Tag dreimal ansehen, wie ein Reporterteam einen Pizzaboten auf seinem Arbeitstag begleitet oder – ganz großer Klassiker – wie so ein Schwertransport eigentlich abläuft. Alternativ steht mir dann noch der dritte Spin-Off der vierten Kopie irgendeiner Gerichtssendung zur Auswahl oder eine Dokusoap über die Hochzeit von zwei Leuten, die ich auch früher schon nicht gekannt hätte, als ich noch regelmäßig fernsah.

Kurzer Exkurs: Ich will das hier nicht vertiefen, aber ich muss es einfach mal gefragt haben: Wer ist eigentlich beim deutschen Fernsehen für die Titel zuständig? “Eine schrecklich nette Familie” ist so ein Beispiel, das ich nicht mal aussprechen mag, so unangenehm ist mir das. Und das ist nicht nur bei Titeln so, die übersetzt werden müssten. “Peng! Die Westernshow” – geht’s noch? Oder der universell einsetzbare Evergreen “Ein [beliebiges sinnloses Substantiv einsetzen] kommt selten allein.” Die machen das doch mit Absicht, oder?

So. Genug aufgeregt. Das sind also wohl die Gründe, aus denen ich heute eigentlich nicht mehr fernsehe. Eigentlich, weil ich schon an ein paar Sendungen Freude habe. Und um die soll es in diesem Artikel auch gehen. Allen von euch, die das gleiche Problem haben wie ich, biete ich hier zehn ganz persönliche, und natürlich streng subjektive Empfehlungen meiner liebsten Fernsehserien. Von denen natürlich keine einzige aus Deutschland kommt:

  1. “Dead like me” - Eine bezaubernd groteske  Serie über ein Mädchen, das von einem Toilettensitz aus dem All erschlagen wird und fortan als “Grim Reaper” anderen Seelen aus deren Körper hilft.
  2. “Firefly” – Science-Fiction-Serie mit herrlich campigem Western-Charme und herrlich bissigen Dialogen.
  3. “Dexter” - Ein Serienmörder als Protagonist, das sollte euch schon reichen. Unbedingt ansehen!
  4. “Terminator – The Sarah Connor Chronicles” - Auch wer Terminator nicht besonders mag (wie ich), könnte an dieser Serie Spaß haben. Die unglaubliche Summer Glau aus Firefly alleine ist es schon wert, hier mal reinzuschauen.
  5. “Pushing Daisies” – Der Kuchenbäcker hat eine unglaubliche Gabe: Er kann Tote zum Leben erwecken, indem er sie berührt. Berührt er sie noch einmal, sind sie für immer tot. Tut er es nicht, muss ein anderer an ihrer Stelle sterben. Wunderbar grotesk umgesetzt.
  6. “Babylon 5″ – Die möglicherweise beste Science-Fiction-Serie aller Zeiten. Nicht abschrecken lassen, es wird mit der Zeit immer besser und besser.
  7. “Twin Peaks” – Nicht nur ein Klassiker. Der Klassiker.
  8. “Picket Fences” – In der Kleinstadt Rome, Wisconsin, passieren seltsamen Menschen seltsame Dinge, und auf seltsame Weise lernen wir dabei viel über die grundsätzlichen Fragen unseres Lebens. Es ist eine Sünde, dass man von dieser Serie nur die erste Staffel kaufen kann.
  9. “True Blood” – Behandelt das Thema Vampirismus in der heutigen Zeit nicht außergewöhnlich originell, aber trotzdem sehr gelungen.
  10. “In Plain Sight” – Zwei U.S. Marshals führen ihre eigenwilligen Klienten durch das amerikanische Zeugenschutzprogramm und kämpfen nebenbei mit ihren eigenen Problemen. Das ist sicher nicht die stärkste Serie aus dieser Aufzählung, aber jetzt zum Ende der ersten Staffel habe ich sie richtig liebgewonnen.

Die Reihenfolge ist übrigens vollkommen zufällig und die Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sollte in dieser Liste eine Serie stehen, die ihr noch nicht kennt, dann solltet ihr das unbedingt ändern. Auf Links zum Versandhändler meines Vertrauens habe ich bewusst verzichtet, um mich keinem Schleichwerbeverdacht auszusetzen. Außerdem traue ich euch bedenkenlos zu, die Titel dort selbst einzutippen.

Und solltet ihr zu einer dieser Serien was zu sagen haben, oder eigene Tipps für mich haben – da unten ist jede Menge Platz…


If all dead men lose control of their bowels, even heroes must die without dignity.

21. Juni 2009

Der Bundestag hat seine Entscheidung über die Patientenverfügung getroffen. Für mich ist das Grund genug, hier einmal meine eigenen, nicht immer ganz geordneten Gedanken zu dem Thema niederzulegen.

Es geht mir hier nicht darum, die neue Rechtslage im Detail zu erklären. Wer sich sowas wünscht, findet zum Beispiel hier einen lehrreichen Artikel drüber. 

Vielleicht vorher noch so viel zur grundsätzlichen Erläuterung: Bereits jetzt ist der Wille des Patienten maßgeblich für die Entscheidung, ob und welche Behandlung erfolgt und ob und wann sie abgebrochen wird. Kein Arzt hat das Recht, jemanden gegen seinen Willen zu behandeln. Problematisch ist nur, wie dieser Wille ermittelt wird, wenn der Patient ihn nicht äußern kann, zum Beispiel, weil er bewusstlos ist.

Ich finde, das ist vom Grundsatz her richtig so. Gesamtgesellschaftlich gesehen. Weil ich glaube, dass jeder Mensch ohne Einschränkung über sich selbst verfügen darf. Wenn ein Mensch sterben will, hat meiner Meinung nach niemand das Recht, ihn davon abzuhalten. (Natürlich nur, wenn derjenige bei klarem Bewusstsein ist.) Basis meiner politischen Weltsicht ist die These, dass Menschen frei sind, und dass diese Freiheit nur dort Schranken findet, wo sie anderen schadet. (Nein, die Trauer um einen Verstorbenen zählt für mich in diesem Sinne nicht als Schaden.) Daraus folgt meine Überzeugung, dass aktive Sterbehilfe, Selbstmord und Tötung auf Verlangen völlig in Ordnung sind. Aber das ist eine andere, lange Geschichte.

Ich selbst käme übrigens nie auf die Idee, in einer Patientenverfügung festzulegen, dass unter bestimmten Bedingungen auf medizinische Maßnahmen verzichtet werden soll. Ich habe dafür ein sehr kurzes, klares, für mich restlos unwiderlegbares Argument, das natürlich nur Atheisten einleuchten kann: Ich bin noch lange genug tot. Weil ich glaube, dass nach diesem Leben nichts mehr kommt, glaube ich auch, dass dieses Leben bis in die letzte Sekunde hinein auszuschöpfen ist. Und wenn diese letzte Sekunde eben schmerzhaft ist, und qualvoll, naja. Immerhin erlebe ich was. Bevor jemand fragt: Nein, ich habe noch nie echte Schmerzen erlebt. Vielleicht würde ich es dann anders sehen.

Die Idee von einem würdevollen Tod akzeptiere ich auch nur ganz schwer. Noch mal: Wenn jemand sterben will, muss er das selbst wissen, und natürlich hat jeder seine eigene Vorstellung von Würde, die ich ihm nicht streitig machen will. Ich selbst finde allerdings, dass ein würdevoller Tod ohnehin eine sehr unrealistische Erwartung darstellt. Ich weiß nicht, ob er schon einmal einem Menschen vergönnt war, aber ich bin überzeugt, dass er höchstens so wahrscheinlich ist wie ein Lottogewinn. Und wenn ich mir mal überlege, wie wenig der durchschnittliche Mensch zu Lebzeiten auf seine Würde achtet, dann wundere ich mich doch schon ein bisschen, dass sie ihm beim Sterben plötzlich so wichtig sein soll. Sei’s drum. Jeder entscheidet das für sich selbst. Ich will ja auch nicht, dass mir jemand reinredet.

Schwierig wird es, wenn wir uns nun dem Thema Patientenverfügung annähern. Da geht es ja um jemanden, der möglicherweise noch einen Willen hat, ihn aber nicht äußern kann. Die bisherige Regelung war meines Wissens, dass der so genannte mutmaßliche Wille festzustellen war, und dafür gab es keine festen Regeln. Eine Patientenverfügung floss da also ein, ebenso wie andere schriftliche oder mündliche Äußerungen, ebenso wie die Ansicht von nahen Angehörigen und so weiter. Das steht nicht besonders hoch auf der Rechtssicherheitsskala, aber wir sind hier wohl in einem Bereich, in dem Patientenautonomie und Rechtssicherheit sich nicht gut vertragen. Das Gegenstück wäre eine schrankenlose Maßgeblichkeit einer Patientenverfügung. Schön und gut, könnte ich sagen, passt doch zu dem, was ich oben gesagt habe. Andererseits kommt sogar einem Selbstbestimmungsfundamentalisten wie mir ein bisschen das Grausen, wenn ich mir vorstelle, dass jemand stirbt, weil er dreißig Jahre zuvor mal was aufgeschrieben und dann womöglich vergessen hat. Medizinische Möglichkeiten können sich ändern, ebenso wie persönliche Überzeugungen, und wie sehr man am Leben hängt, hat wohl oft auch einfach mit der aktuellen Laune zu tun.

Diese extreme Verbindlichkeit einer Patientenverfügung ist im neugefassten § 1901a BGB aber auch nicht ganz so vorgesehen. Die Verfügung muss sich erstens auf ganz konkrete Behandlungsmethoden beziehen; zweitens ist zu prüfen “ob diese Festlegungen auf die aktuelle Lebens- und Behandlungssituation zutreffen”. Ist dies der Fall, ist die Verfügung bindend. Anderenfalls ist wieder der mutmaßliche Wille zu ermitteln. Ich denke das nicht oft über Gesetze, und bestimmt gibt es da noch einige Feinheiten, die man besser regeln könnte, aber ich glaube, dass diese Norm damit ziemlich genau meine eigenen Vorstellungen trifft. Und weil ich das noch nie gesagt habe und wahrscheinlich auch so bald nicht wieder sagen werde, will ich es an dieser Stelle wenigstens einmal gesagt haben: Gut gemacht, Bundestag!

Ach ja, für die, die es interessiert: Die Überschrift ist aus der Genesys-Trilogie von Brian Stableford. Ganz merkwürdiger Stoff (ohne Bezug zu Sterbehilfe), aber brillant. Kurz gesagt: Wenn euch der Spruch gefällt, gefällt euch auch der Rest. Wenn nicht, lasst lieber die Finger davon.


Here’s to you, Winston Churchill

21. Juni 2009

Ich komme gerade vom Joggen. Es war furchtbar. Warum macht das jemand freiwillig?

Es fängt damit an, dass ich mich umziehe und das Haus verlassse, und dann gibt es diesen unangenehmen Moment, in dem ich denke:
“Eigentlich habe ich gar keine Lust. Warum gehe ich nicht einfach zurück und sehe die Sendung mit der Maus?”
Ich beschließe dann aber, dass es nun einmal sein muss und laufe los. Die ersten paar Schritte gehen noch, dann wird es allmählich unangenehm, meine Beine werden schwerer, das Atmen wird anstrengend, die Füße tun weh, und ich schau mal auf die Uhr, um zu sehen, ob es bald vorbei ist. Fünf Minuten schon. Okay. Nur noch eine knappe Dreiviertelstunde.

Mit der Zeit fange ich dann an zu schwitzen, alles wird klebrig und juckt, irgendwelche ekligen Tiere fliegen mir ins Gesicht oder verfangen sich in meinen Haaren, meine Schuhe nehmen den Tau vom Gras auf und werden nass, bis es bei jedem Schritt richtig quitscht, und wenn das Wasser in den Schuhen warm wird, wird es erst richtig eklig. Mein Gesicht wird viel zu heiß, und meine Arme aus irgendwelchen Gründen immer zu kalt. Mal wieder ein Blick auf die Uhr. Schon 10 Minuten. Prima.

Wenn ich es dann schließlich hinter mir habe, ist beim Duschen das warme Wasser zu warm, weil mir ja eh schon heiß ist, und das kalte Wasser ist eben zu kalt.

Joggen ist meiner Meinung nach das Schlimmste, was sich ein Mensch antun kann. Morgen mache ich es wieder.


Piraten Ahoi!

20. Juni 2009

Diese Woche lautete das Thema bei Projekt 52 “Piraten Ahoi!”

Das fand ich überhaupt nicht einfach, und ich bin mir mit den Ergebnissen entsprechend nicht ganz sicher. Ich zeig sie euch trotzdem.

Ich habe zwei Fotos im Angebot. Das erste:

Piraten Ahoi! 1

Und das zweite. Das hat eine ganze Menge ARRRRbeit gemacht.

Piraten Ahoi! 2

Was meint ihr?


And I could go on and on and on…

19. Juni 2009

Ich lese gerne. Nicht nur im Netz, gerne auch mal offline, richtige Bücher. Und ich lese auch gerne Serien, die aus mehreren Büchern bestehen, weil es mir schwerfällt, mich von liebgewonnen Charakteren zu trennen und weil mir die etwas großräumigere (um den Ausdruck “episch” zu vermeiden) Erzählstruktur gefällt, die mehrbändige Serien ermöglichen. Es gibt da aber ein paar Dinge, die mir an diesen Serien überhaupt nicht gefallen, und über die möchte ich heute sprechen. Das wird mal wieder eine Weile dauern, deswegen bitte ich alle ungeduldigen Leser mit niedriger Labertoleranz, einfach weiterzugehen, für euch gibt es hier nichts zu sehen. Die anderen folgen mir bitte hier entlang…

Den Rest des Beitrags lesen »


Sie sehen nicht so aus, als dürften Sie hier sitzen…

18. Juni 2009

Ich habe eine bahn.comfort-Card. Das heißt, dass ich diverse Sonderrechte genieße, weil ich viel mit der Bahn fahre. Zum Beispiel darf ich bei Rot über die Ampel gehen, ich darf so lange auf bleiben, wie ich will, und ich kann Stefanie Heinzmann gut finden und es ist trotzdem cool. Augenblick… Oh, ich höre gerade, dass das gar nicht stimmt. Entschuldigung.

Egal. Eines dieser Sonderrechte besteht jedenfalls darin, dass ich einen bestimmten Sitzplatzbereich in den ICs und ICEs nutzen darf, der für bahn.comfort-Kunden reserviert ist. Die Plätze dort müssen für uns elitäre Bonzen freigegeben werden.

Das ist eine dumme Idee. Wie soll das funktionieren? In der Praxis sieht es natürlich so aus, dass in einem vollen Zug auch diese Plätze besetzt sind. Soll ich mich dann in den Gang stellen und laut rufen:
“Alle ohne bahn.comfort aufstehen!”
Aus der zitternden Menschenmengen wähle ich dann einen aus, zeigen mit dem Finger auf ihn und rufe:
“Du da! Verschwinde!”
Und dann nehme ich seinen Platz. Oder soll ich einzelnen von Fahrgast zur Fahrgast gehen und fragen:
“Entschuldigen Sie bitte, ich möchte Sie wirklich nicht stören, das ist mir selbst auch ein bisschen unangenehm, aber falls Sie nicht den bahn.comfort-Status haben, muss ich Sie leider bitten, mir diesen Platz zu überlassen.”

Ich habe zugegebenermaßen noch keinen Bahn-Mitarbeiter gefragt, wie das gedacht ist. Ich bin mir aber sicher, dass die das auch nicht wissen.


Wer hat uns verraten?

17. Juni 2009

Ich wollte eigentlich nicht. Ich hatte keine große Lust auf das Thema, und ich sympathisiere eigentlich ja auch mit den Leuten, denen ich hier jetzt widersprechen muss. Außerdem ist eigentlich alles dazu gesagt. Aber jetzt schreibe ich trotzdem über das Zugangserschwerungsgesetz. Mit ein bisschen Glück wird im Laufe dieses Beitrags noch deutlich, warum ich das tue.

Zuerst mal: Ich bin dagegen. Ich halte das Zugangserschwerungsgesetz und die ganze Idee dahinter für schwachsinnig, wirkungslos, weltfremd und ein Symptom eines moralisierenden Aktionismus, der mich immer an Helen “Won’t somebody please think of the children?” Lovejoy aus Die Simpsons erinnert und der mir im wirklichen Leben extrem zuwider ist. Ursula von der Leyen konnte ich noch nie leiden, schon von Anfang an war mir ihre Selbstgerechtigkeit und ihr Stolz auf ihre hundersiebzehn Kinder sehr suspekt.

Trotzdem finde ich es albern, den Untergang des Abendlandes zu betrauern, sich trommelnd auf den Boden zu werfen und aus pubertärem Trotz allerlei Streiche auszudenken, die wirklich niemanden treffen. Mal im Ernst: Seht ihr alle richtig vor euch, wie traurig Frau von der Leyen sein wird, wenn sie feststellt, dass sie nicht mehr auf all die lustigen Blogs zugreifen kann, die ihr bisher den tristen Tag versüßt haben? Wie Wolfgang Schäuble weint, weil er netzpolitik nicht mehr lesen darf? Glaubt ihr wirklich, dass das eurem unserem Anliegen dient, in der Diskussion ernstgenommen zu werden? Kommt ihr euch nicht selbst ein kleines bisschen weltfremd und moralisierend alarmistisch vor?

Ich finde, dass die geplanten Internetsperren eine richtig blöde Idee sind, und sie schmecken wirklich ein bisschen nach Zensur. Ich finde aber auch, dass dieser Gesetzentwurf, sogar, wenn er genau so in Kraft tritt, noch nicht das Ende der Demokratie und der Meinungsfreiheit markiert. Er wäre dann erstmal einfach nur ein weiteres blödes Gesetz, das keinen Sinn hat und die Menschen gängelt und ärgert. Ob das später noch ausgeweitet wird, ist eine andere Frage, über die wir dann reden müssen. Jetzt ein Geschrei anzustimmen, als würde morgen auf Helgoland das deutsche Guantanamo Bay eröffnet, lässt uns doch für die Leute, die unsere Argumente sowieso nie verstanden haben, noch bekloppter aussehen.

Denken wir zum Beispiel mal an die e-Petition. Natürlich kann man sich darüber ärgern, dass die ihr Ziel nicht erreicht hat. Ich ärgere mich darüber auch. Aber wenn wir mal ganz ehrlich sind, müssen wir doch anerkennen, dass 130.000 Unterzeichner nicht besonders viel sind angesichts von über 80 Millonen Bundesbürgern. Natürlich hat nicht jeder, der gegen das Gesetz ist, unterzeichnet. Aber wir können uns wohl schon ziemlich sicher sein, dass der ganz überwiegende Großteil der Deutschen dafür ist oder den geplanten Sperren zumindest gleichgültig gegenübersteht. Jetzt so zu tun, als sei es ein Verrat an der Demokratie, dass diese Petition ignoriert wurde ihr Ziel nicht erreicht hat, zeugt von einem merkwürdigen Demokratieverständnis. Zur Demokratie gehören nämlich auch Gesetze, die man für falsch und unsinnig und dumm hält. Und wenn sie verfassungswidrig sind, haben wir dafür auch noch die richtige Institution

Und zum Schluss noch mal: Wer ernsthaft gedacht hat, dass die SPD diese Sache verhindern würde und sich jetzt verraten fühlt, dem kann ich auch nicht helfen. Aber vielleicht die Ruhrbarone.


Parallelwelten

16. Juni 2009

Vor einiger Zeit saß ich in einem Großraumabteil eines IC der Deutschen Bahn hinter einem älteren Ehepaar. Dieses Erlebnis machte mir auf durchaus erschütternde Art bewusst, wie weit Menschen auseinander leben können, obwohl sie sich räumlich so nah sind.

Es begann, als der junge Mann mit seinem Tablett erschien und ihnen Kaffee anbot. Die Dame fragte ihn:
“Schaffe ich das denn überhaupt noch, den zu trinken? Wir müssen in Göttingen aussteigen.”
(Wir waren ziemlich in der Mitte zwischen Hamburg und Hannover.)
“Da sind wir noch über eine Stunde unterwegs.”
“Ja, aber schaffe ich das denn dann noch, den zu trinken?”
“Bestimmt”, antwortete der Kaffeemann mit bemerkenswertem Gleichmut.
“Aber der ist bestimmt sehr heiß?”

Man darf sich das nicht so vorstellen, dass da eine liebenswerte, aber etwas verwirrte Omi saß und schüchtern nachfragte. Die Dame sprach in dem herrisch-arroganten Ton derer, die nicht nur wissen, dass früher alles besser war, sondern auch, dass es immer noch so sein könnte, wenn die anderen es nicht versaut hätten.

Sie kaufte ihm schließlich einen Becher Kaffee ab, und nachdem ihr Mann einen kurzen Vortrag darüber gehalten hatte, dass mit der D-Mark noch alles billiger besser war, fragte sie voller Misstrauen:
“Das war aber kein Deutscher, oder?”
“Nein, glaub ich auch nicht”, antwortete ihr Mann.
“Das werden auch immer mehr.”

Es herrschte einige Minuten Schweigen, dann begann die Frau leise tuschelnd über ein Kind zu schimpfen, dass schräg gegenüber an einem Tisch spielte. Nun könnte man auch das verständlich finden, wenn man schon einmal eines dieser unsäglichen Blagen in seiner Nähe hatte, die ununterbrochen herumkrakelen und abwechselnd irgendetwas gegen die Tischplatte hauen und ihrer neben ihnen sitzenden Mutter in orkangeeigneter Lautstärke ihre Gemütslage zurufen. Hier ging es aber um ein wirklich sympathisches Kind, das ohne besondere Lärmentfaltung irgendeine Puppe kämmte. Offenbar störten sich die beiden nur daran, dass die Kleine ohne rechtschaffenen Anlass gut gelaunt war.

Etwas später begann die ältere Dame, sich mit gerecktem Hals und argwöhnisch zusammengekniffenen Augen umzusehen.
“Ist das hier die erste Klasse?” fragte sie.
“Ich glaub nicht”, antwortete ihr Mann.
“Haben wir uns hier aus Versehen in die erste Klasse gesetzt, oder ist der ganze Zug mit Polstersitzen? Das kann doch keiner bezahlen!”

Sie sind unter uns.


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