Gib ihm Tiernamen, Heiner

18. Februar 2010

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich mich an der Diskussion um Guido Westerwelles Äußerungen und das ALGII beteiligen möchte. Dann fiel mir auf, dass ich das sowieso schon getan habe. Da mir die Hysterie, mit der diese Diskussion teilweise geführt wird, doch sehr kontraproduktiv vorkommt, versuche ich mich mal an einem etwas gelasseneren, sachlichen Beitrag.

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Keiner macht mich mehr an

16. Februar 2010

Nennt mich einen Kindskopf, aber der Besuch eines Supermarktes ist für mich immer wieder ein fantastisches Abenteuer voller Überraschungen. Da findet man zum Beispiel solche Sachen:

Wenn ihr genau hinschaut, könnt ihr erkennen, dass in dem Maisjoghurt tatsächlich ein paar ganze Maiskörner treiben, während der Popcornjoghurt nur so kleine Trümmer beinhaltet.

Das Ganze schmeckt nicht so eklig, wie man es sich vielleicht vorstellt, aber so richtig gelungen finde ich das Konzept doch nicht. Der Maisjoghurt riecht und schmeckt immerhin nach Mais. Wer sich so was also schon immer gewünscht hat, sollte mal einen Versuch wagen. Das Popcornzeug schmeckt für mich nur nach Nussjoghurt, den man zu lange stehen lassen hat. Beides ist natürlich ziemlich süß.

Ich bin Muriel Silberstreif, und ich probiere solche Sachen – damit ihr es nicht müsst.


Menschenähnlich (8)

16. Februar 2010

So, diesmal musstet ihr ziemlich lange warten. Die Geschichte wollte nicht ganz so wie ich, und die Zeit war auch ein bisschen knapp. Trotzdem ist hier jetzt der achte Teil unseres Fortsetzungsromans “Menschenähnlich”. Ich hoffe, dass er euch gefällt.

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Kernaufgaben

14. Februar 2010

Ich weiß, ich habe gesagt, es wäre erstmal Schluss… Aber eine Weile habe ich ja auch durchgehalten. Bis ich dann hier gelesen habe, dass die Kirchen wegen der geplanten Steuerreform Einnahmeverluste befürchten und deshalb protestieren wollen. Zum Schluss steht da:

“Sollte [die Steuerreform] aber verwirklicht werden, werde man als erstes bei den Beratungsleistungen und den Kindertagesstätten sparen müssen, um den Kernaufgaben der Kirche weiter nachkommen zu können.”

Den Kernaufgaben, soso. Man muss also bei der Betreuung von Kindern sparen, damit Bischöfe auch weiterhin ein sechsstelliges Jahresgehalt beziehen können? Damit der Papst weiterhin in seiner eigenen Stadt voller zusammengeraubten und ergaunerten Reichtums leben kann? Man könnte wirklich nicht auch noch irgendwoanders sparen, um die Kernaufgaben - mutmaßlich ist hier das Verbreiten von Lügen und schwachsinnigen Beschimpfungen Homosexueller gemeint - weiter erfüllen zu können? Sonst ist nirgendwo mehr ein bisschen Luft? Nirgends?

Hätte ich nicht gedacht.


Restebloggen zum Wochenende (28)

13. Februar 2010
  1. Ich sehe mich als Arbeitsklimaskeptiker.
  2. Alice Schwarzer hat diese Woche offenbar irgendwas über Bushido gesagt. Ich hab’s nicht gelesen, weil ich nicht sicher bin, wer die beiden Leute sind. Alice Schwarzer ist doch jedenfalls die Tante, die Werbung für BILD macht, oder?
  3. Axolotl Roadkill. Finde ich Klasse. Ist so ein Buch, bei dem mir schon der Titel verrät, dass ich lieber die Finger davon lasse, weil es spontanen Brechdurchfall auslösen würde. Ich mag ehrliches Marketing.
  4. Aufgrund der großen Nachfrage noch mal jemand, der sich über Religion lustig macht.

    Er hat noch viel mehr Videos, die alle ungefähr genauso spaßig sind. Ansehen!
  5. Herm hat sich “Der Goldene Kompass” angesehen und für alle, die das nervlich nicht aushalten, mal die Handlung zusammengefasst.
    “Jetzt hält sie eine Rede, dass sie doch nur Gutes will und so. Ich verstehe leider nichts weil Jurek ins Zimmer gelaufen kommt, singt, tanzt und pfeift. Nein, nicht der Eisbär sondern mein Halbbruder.” 
    Klingt wirr? Ich kenne den Film. Ist so.
  6. “Bissige Liberale Ohne Gnade” (B.L.O.G.) hätte ich jetzt nicht als Titel für mein Blog haben wollen. Aber darüber sehe ich gnädig hinweg, weil es sich lohnt, dort zu lesen. Zum Beispiel diesen Artikel darüber, wie der fiese Kapitalismus uns zwingt, alles selbst zu machen.
  7. Nach Rassenhass, Schwulenhass und Hans-Hass jetzt neu in einem Supermarkt in Ihrer Nähe:

Demaskiert

12. Februar 2010

Viele Menschen können Guido Westerwelle nicht leiden. Sie haben dafür gute Gründe. Ich glaube nicht, dass man Bundesminister werden kann, ohne anderen Leuten gute Gründe zu liefern, einen nicht leiden zu können.

Ich selbst finde Guido Westerwelle noch relativ sympathisch, verglichen mit den anderen Parteivorsitzenden, aber das heißt natürlich nicht viel. Ich habe auch kein Problem damit, wenn man ihn kritisiert, und sogar mir würden ein paar ziemlich dumme Sachen einfallen, die er im Laufe der Zeit von sich gegeben hat.

Was Frédéric Valin aber gerade bei Spreeblick über Westerwelle geschrieben hat, das ist - wenn ich ihn richtig verstehe - Unsinn. Zunächst zitiert er das FDP-Mantra “Leistung muss sich wieder lohnen” lustig. Das ist tatsächlich so ein Spruch, den ich selbst auch nicht mehr hören kann, weil er eigentlich nichts aussagt. Ich bin außerordentlich dafür, sich über diesen bis zur Sinnlosigkeit abgegriffenen Slogan lustig zu machen. Dann aber schlägt der Spreeblicker eine Volte, bei der ich nicht mitkomme. Er zieht eine Verbindung zu Mindestlöhnen, denn die brauche man ja, damit Leistung sicht lohn. Gutes Geld für gute Arbeit und so. Aber Mindestlöhne seien laut Westerwelle Planwirtschaft. Frédéric kommt zum Schluss:

“Leistung muss sich zwar wieder lohnen, aber wenn man tatsächlich etwas dafür tun könnte, dass sie sich wieder lohnt, ist das auch Sozialismus. [...] Sich derart zu demaskieren, das hat seit Rudolf Scharping keiner mehr hinbekommen.”

Was ich von gesetzlichen Mindestlöhnen halte, habe ich schon woanders aufgeschrieben. Hier geht es mir um Frédérics These, Westerwelle sei hier eine politische Selbstdemaskierung gelungen, wie sie seit Rudolf Scharping (!) kein anderer Politiker vollbracht hat. Eine echte Sensation also, schon fast Skandal. Weil er für Leistungsgerechtigkeit ist und gleichzeitig gegen Mindestlöhne. Man ist also für Mindestlöhne, oder man ist gegen Leistungsgerechtigkeit. Beides geht nicht.

Aus meiner Sicht sind dafür nur zwei Erklärungen denkbar:

  1. Frédéric benutzt hier bewusst einen billigen rhethorischen Trick, um seine Leser davon zu überzeugen, dass Westerwelle unehrlich oder ein Spinner ist, und dass außerdem nur durch die Einführung von Mindestlöhnen sichergestellt werden kann, dass Arbeit gerecht entlohnt wird. Er verzichtet bewusst darauf, echte Argumente zu recherchieren – die es sicher gäbe – und verlässt sich stattdessen auf eine rhethorische Nebelwand.
  2. Frédéric hat sich an seiner verständlichen Abneigung gegen Westerwelle so berauscht, dass er es versehentlich nicht mehr geschafft hat, seine Argumentation zu Ende zu denken.

Habe ich noch eine Möglichkeit übersehen? Seid ihr anderer Meinung? Bitte lasst es mich wissen. Vielleicht sehe ich das ja einfach nicht sachlich genug.


Neues Spielzeug!

11. Februar 2010

Ich hatte mich entschieden, mir keinen Kindle zu kaufen. Ich habe mich nicht mal richtig mit dem Teil befasst. Ich dachte so ungefähr: Wäre natürlich cool, in Zukunft einhändig lesen zu können. Viel kompakter als ein richtiges Buch. Und ein richtiger Bringer ist natürlich die Suchfunktion. Ich weiß nicht, ob es euch auch manchmal so geht, aber oft fallen mir noch nach langer Zeit fantastische Stellen in Büchern ein, die ich zitieren oder jemandem zeigen will, und dann finde ich sie natürlich nicht wieder. Das wäre ein für alle Mal vorbei. Naja, aber wahrscheinlich gibt es darin nur so blöde Bestseller, die ich nicht lesen will, und Whispernet funktioniert doch garantiert nicht in Deutschland, das ist ja nur für die USA gedacht. Lieber warten, bis das ganze System ausgereift ist und feststeht, welches Modell sich durchgesetzt hat.

So hatte ich also für mich gerechtfertigt, keinen Kindle anzuschaffen, obwohl ich eigentlich wollte. Und nun schaut mal, was Keoni mir heute zum Geburtstag geschenkt hat:

Ich habe ihn nun erst seit ein paar Stunden und hatte also noch nicht vo viel Zeit, ihn auszuprobieren, aber ich bin schon begeistert. Allein die Tatsache, dass ich auf diese Weise Analog und die New York Times abonnieren kann, und dass der Kindle mir beide sogar vorliest, wenn ich will, wäre schon Grund genug, Keoni um den Hals zu fallen. Außerdem ist das Ding genau richtig, um die vielen pdfs zu lesen, die ich für meine Dissertation brauche.

Ich finde, genauso müssen Geschenke sein. Dinge, die man sich eben gerade nicht sowieso selbst in zwei Wochen gekauft hätte, die man aber trotzdem irgendwie schon lange gewollt hat - vielleicht, ohne es zu wissen. Dinge, die einen bereichern, neue Möglichkeiten eröffnen und einfach Freude machen. Danke, Keoni! Ein vorerst letztes Lob geht an Amazon für einen Punkt, der irgendwie trivial klingt, aber alles andere als selbstverständlich ist:

Der Kindle funktioniert. Und zwar von Anfang an, völlig problemlos, ohne, dass ich irgendwas groß konfigurieren oder eine Anleitung hätte lesen müssen. Vom ersten Einschalten an hat alles geklappt. Das Übertragen von Dateien vom PC, die Verbindung zu Whispernet, das Laden der abonnierten Magazine, Zeitungen und Bücher, eben alles. So muss das sein!


Widdershins (3)

10. Februar 2010

Ich habe in der letzten Nacht nicht sehr gut geschlafen, da eine Horde der in dieser Gegend sehr zahlreich auftretenden Sandaale sich auch von mehreren gezielt geworfenen Pantoffeln, die ich vorsorglich mit auf die Reise genommen hatte, nicht davon abhalten ließ, eine mir bisher unbekannte Operette leidenschaftlich und nicht ohne Originalität, aber letztendlich doch sehr laienhaft, in Szene zu setzen. Diese einzigartige Erfahrung ist zwar durchaus geeignet, mich über die verlorene Ruhezeit hinweg zu trösten, das ändert aber nichts daran, dass ich unausgeschlafen und übellaunig bin und mein Tagespensum nicht ganz erreichen konnte. Zu allem Übel wurde mir auch noch über Nacht – wahrscheinlich von einem verzweifelten, orientierungslosen Uhrmacher, den nicht wie mich die Freude am Fremden immer wieder in diese Einöde führt – mein Wecker gestohlen. Ich vergebe ihm; sicher braucht er ihn nötiger als ich.

Glückliche Wendung fürwahr, dass just zur rechten Zeit ein Dynamitotter einen zum Scheitern verurteilten Jagdversuch unternahm, glücklicherweise in sicherer Entfernung. Diese possierlichen Tierchen halten sich üblicherweise in der Nähe von Flüssen oder Seen auf. Sie ernähren sich von Fischen, die, durch die von ihnen verursachte plötzliche Druckveränderung betäubt oder gar getötet, an die Oberfläche treiben. Was eine so hydrophile Kreatur in eine daueraride Wüstenei führt, ist mir ein Rätsel, doch die Wege unseres Herrn sind oft unergründlich und immer wunderbar.

Immerhin hat mich der freundliche IPS-Kurier gestern versehentlich an der falschen Düne abgesetzt (Es kann auch die richtige gewesen sein, die aber während meiner Abwesenheit weiter gewandert ist; ich kann mir Gesichter nicht gut merken.), weshalb ich möglicherweise trotz allem bereits morgen den Ozean erreichen könnte, falls ich gut vorankommen. Ob ich ihm wohl einen Namen geben darf? Ich glaube, er hat noch keinen.

Weil ich auch heute wieder keinen Schattenwirt entdecken konnte und unter keinen Umständen bereit war, noch einmal eine wandelnde Dattelpalme anzulocken, schreibe ich diesen Bericht in einer selbstgegrabenen Höhle. Es war recht mühsam, sie mit bloßen Händen auszuheben, aber sie spendet mir die tröstliche Gewissheit, die Grubenlampen, hölzernen Stützbalken und Verschalbretter nicht vergebens mitgenommen zu haben. Bevor ich nun endlich zu Bett gehe, werde ich vielleicht noch einige Partien Schach gegen ein Schlargpapittl spielen. Sie mogeln und geben vor, die Regeln nicht zu kennen, aber wenn man sie gewinnen lässt, führen sie einen musikalisch untermalten Siegestanz von hypnotischer Schönheit auf. Leider versuchen sie manchmal, dazu zu singen, und zerstören so einen Großteil der Wirkung.

 Wenn alles nach Plan läuft, muss ich morgen, bevor ich den Ozean erreiche, noch das Tal der (trotz ihres appetitlichen Aussehens leider ungenießbaren) Kekspilze durchqueren. Das ist nicht ungefährlich, aber möglicherweise eine einzigartige Chance, da in diesem Tal die Fluxkompensatortapire wohnen. Ihr habt wahrscheinlich noch nie von dieser Rasse gehört. Fluxkompensatortapire gibt es auch in unserem Teil der Welt, aber ihr Gebrauch ist dort einigen wenigen streng geheimen Regierungsorganisationen vorbehalten.

 Ihr könnt euch also vorstellen, wie aufregend es für mich wäre, eine solche Kreatur hier in Freiheit in ihrer natürlichen Umgebung zu entdecken. Ich bin schon gespannt, ob ich wohl herausfinde, wie diese putzigen kleinen Nager (Sie ähneln einem gewöhnlichen Tapir nicht im Geringsten!) funktionieren. Vielleicht kann ich euch schon in meinem nächsten Bericht von meinen ersten unbeholfenen Versuchen erzählen.


Wie Weihnachten und Ostern

10. Februar 2010

an einem einzigen Tag kommt es mir vor, wenn ich sowohl zum Spiegelfechter als auch zum Bundesverfassungsgericht sagen kann: “Joa, kommt ganz gut hin, sehe ich auch so.” Und weil Weihnachten und Ostern nicht besonders oft auf einen Tag fallen – also, auf einen Tag fallen sie immer, aber nur selten auf denselben, naja, egal -, will ich diese seltene Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen. Nach dem ersten Blick in meinen Feedreader dachte ich kurz sogar, dass ich außerdem noch Gelegenheit bekommen könnte, mich wieder ein bisschen mit Frédéric Valin zu kabbeln, aber dann musste ich leider feststellen, dass er sich merkwürdigerweise entschieden hat, einen Artikel zu dem Thema zu schreiben, in dem gar nichts drin steht. Macht aber nichts, zwei von dreien sind gut genug für mich.

Zuerst mal bin ich natürlich damit einverstanden, dass das Gericht die Berechnung der ALG II-Sätze für verfassungswidrig befunden hat. Das ging aber eigentlich auch gar nicht anders. Mir ist vollkommen schleierhaft, wie jemand mit so gewaltigen Ressourcen, wie sie unserem Gesetzgeber zur Verfügung stehen, es immer wieder fertig bringt, so wichtige Dinge, wie es Gesetze eben sind, so lieblos unreflektiert hinzuschludern. Wenn jemand eine so bedeutende Regelung trifft wie die Festlegung der Höhe des ALG II, und dann vor dem Bundesverfassungsgericht nicht mal in der Lage ist, seine Berechnungen vernünftig zu begründen, dann gehört er eigentlich geschlagen. Leider machen Verfassungsrichter sowas aber nicht.

Dieser Teil der Entscheidung war also eigentlich vorher klar. Viel mehr freue ich mich deshalb darüber, dass das Gericht der Versuchung widerstehen konnte, sich zur konkreten Höhe der Leistung zu äußern. Manch anderer Beobachter hatte sich ja gewünscht, dass das BVerfG in seiner Entscheidung einen bestimmten Betrag festlegt und damit eine Art de-facto-Mindestlohn einführt. Das hat es nicht getan, und ich bin der Meinung, dass es genau richtig so ist, und zwar unabhängig davon, ob man die ALGII-Leistungen nun generell für zu gering hält oder nicht. Wer sich jetzt darüber beklagt, dass das Gericht dem Gesetzgeber damit die Möglichkeit gelassen hat, im Grunde das gleiche Gesetz noch einmal zu verabschieden, nur mit einer besseren Begründung, der denkt aus meiner Sicht zu kurz.

Es kann nicht Aufgabe eines Verfassungsgerichts sein, dem Gesetzgeber in seine Politik hineinzureden. Auch nicht da, wo wir mit dieser Politik nicht einverstanden sind. Im Gegensatz zu den Mitgliedern des Bundestages, die vom Volk gewählt werden, sind Verfassungsrichter nicht direkt demokratisch legitimiert. Gleichzeitig verfügen sie über die Macht, jedes Vorhaben des Gesetzgebers für nichtig zu erklären, ohne dass es noch irgendeine Instanz gäbe, die ihre Entscheidung überprüfen könnte. Sie könnten - etwas pointiert ausgedrückt – im Prinzip die wildesten Dinge vorgeben, und Legislative und Exekutive wären daran gebunden. Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts erwachsen unmittelbar in Gesetzeskraft, und der einzige Zügel dieser besorgniserregenden Macht liegt in den Händen der Richter selbst. Das ist der Grund, aus dem gute Verfassungsgerichte bei ihren Entscheidungen extreme Zurückhaltung üben und sich auf ihre eigentliche Aufgabe beschränken: Hüter der Verfassung zu sein und die anderen Gewalten an verfassungswidrigem Handeln zu hindern. Unser BVerfG ist nun weiß Gott nicht immer ein gutes. Aber diese Mal hat es geklappt. Schön, oder?


Zu vorsichtig

8. Februar 2010

Kürzlich habe ich in einem Artikel zu den Missbrauchsfällen am Berliner Canisius-Kolleg geschrieben:

“Ich denke nicht, dass Geistliche generell schlechte Menschen sind. Ich halte sie für intellektuell unehrlich, entweder gegenüber sich selbst oder gegenüber anderen. Aber ich bin nicht der Ansicht, dass sie schlechte Menschen sind. Es gibt bestimmt sehr viele sehr sympathische Geistliche, die sicher viel Gutes tun.”

Ich habe das getan, um deutlich zu machen, dass ich keinesfalls der Meinung bin, jeder Geistliche wäre zwangsläufig ein krimineller Menschenfeind oder zumindest ein potentieller Kinderschänder. Bin ich nämlich wirklich nicht. Trotzdem wurmt mich dieser Absatz, seit er da steht, weil er ein bisschen so klingt, als fände ich es gut, dass es Geistliche und Kirchen gibt.  Finde ich nämlich überhaupt nicht. Organisierte Religion baut darauf auf, Menschen durch gezieltes Verbreiten der Unwahrheit zur Unmündigkeit zu erziehen und dafür Geld von ihnen zu verlangen. 

Dieser Vorwurf ist nun ziemlich generalisiert und kann unmöglich im selben Umfang auf jede einzelne religiöse Organisation dieser Welt zu treffen. Bei Scientology ist es sehr offensichtlich, beim Buddhismus vielleicht ein bisschen weniger. Um es mir und euch ein bisschen leichter zu machen, wähle ich ein konkretes Beispiel, und zwar die römisch-katholische Kirche, die hier in Deutschland meines Wissens noch immer die meisten Mitglieder hat. Diese Organisation behauptet, die Lehren Jesu Christi verbreiten zu wollen. Sie wird geleitet von jemandem, der sich als Statthalter Gottes auf Erden sieht und gelegentlich gerne mal was mit dem Anspruch verkündet, unfehlbar zu sein. Sie ist die reichste Privatorganisation der Welt. Sie verfügt über ihren eigenen theokratisch organisieren Staat. Ihre Repräsentanten leben in Palästen. Ein Erzbischof verdient monatlich rund 10.000 EUR, und er wird ausschließlich aus Steuergeldern bezahlt. Was wohl Jesus davon gehalten hätte? Die Frage ist gar nicht so schwierig, er hat es uns nämlich gesagt:

  • Lukas 3,11: Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Wer zwei Röcke hat, der gebe dem, der keinen hat; und wer Speise hat, der tue auch also. [Ich weiß jetzt nicht, wie viele Röcke der Papst hat. Aber wir können uns wohl darauf einigen, dass er Speise hat, und dass es reichlich Leute auf der Welt gibt, die keine haben.]
  • Lukas 14, 33: So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein. [Kennt jemand einen Christen, der sich von allem losgesagt hat, was er hat?]

Und noch mal zum Thema, wieviel Selbstbetrug eigentlich dazugehört, noch an die Bibel und das Wort Jesu Christi zu glauben, wenn man sie wirklich gelesen hat:

  • Markus 11, 24: Darum sage ich euch: Alles, worum ihr betet und bittet – glaubt nur, dass ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil. [Hervorhebung von mir.]

Ich weiß schon ungefähr, was ein Geistlicher dazu zu sagen hätte: Jesus hat das nicht so gemeint. Er meinte das im übertragenen Sinne. Nicht wörtlich. Er meinte… (und dann kommt eben das, was der befragte Geistliche für richtig hält, zum Beispiel, dass Homosexuelle nicht heiraten dürfen).

Soweit Jesus. Reden wir doch auch mal über das Alte Testament. Ist euch mal aufgefallen, wie viele Kinder, Tiere und sonst wie Unbeteiligte Unschuldige Gott dort auf teilweise grausamste Art tötet? Man muss dafür nicht einmal auf irgendwelche obskuren Sachen zurückgreifen, von denen noch keiner gehört hat. Schon die bekannte Geschichte von Moses und dem Pharao ist ein Dokument atemberaubender Grausamkeit und sinnlosen Mordens des biblischen Gottes, der die Quelle unserer moralischen Werte und der Schöpfer unseres Universums sein soll.

Weil sich sogar im religionsfreien faktenorientieren Teil der Bevölkerung hartnäckig die Überzeugung hält, die Bibel wäre prinzipiell schon eine ganz brauchbare Quelle moralischer Orientierung, und weil wohl sogar der größere Teil der christlichen Bevölkerung dieses unerträgliche Machwerk nicht gelesen hat, biete ich noch ein paar andere, weniger bekannte Zitate aus der Heiligen Schrift:

2. Mose 21: 20 Wer seinen Sklaven oder seine Sklavin schlägt mit einem Stock, dass sie unter seinen Händen sterben, der soll dafür bestraft werden.21 Bleiben sie aber einen oder zwei Tage am Leben, so soll er nicht dafür bestraft werden; denn es ist sein Geld. [Ja, das steht da wirklich so. Denn es ist sein Geld. Deswegen darf man seine Sklaven nach Herzenslust verprügeln, solange sie danach noch ein paar tage lang überleben.]

2. Petrus 2, 18: Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Furcht den Herren unter, nicht allein den gütigen und freundlichen, sondern auch den wunderlichen. [Ja, das ist sogar Neues Testament! Mein Geschichtslehrer hat mir früher mal gesagt, Sklaverei hätte der HERR nur im Alten noch gut gefunden.]

5. Mose 22,5: Eine Frau soll nicht Männersachen tragen und ein Mann soll nicht Frauenkleider anziehen; denn wer das tut, der ist dem HERRN, deinem Gott, ein Gräuel. [Und wir wissen alle, was mit Leuten passiert, die dem HERRN ein Gräuel sind, nicht wahr? Es tut einem fast ein bisschen Leid um all die Schotten.]

4. Mose 31: 17 So tötet nun alles, was männlich ist unter den Kindern, und alle Frauen, die nicht mehr Jungfrauen sind;18 aber alle Mädchen, die unberührt sind, die lasst für euch leben. [Da steht nicht ausdrücklich, zu welchem Zweck man die unberührten Mädchen leben lassen soll. Aber ich denke nicht, dass viel kranke Phantasie dazu gehört, sich vorzustellen, wie das gemeint ist. Oder?]

Sehr gerne zitiere ich auch

Exodus 22: 18 Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen. 19 Wer bei einem Vieh liegt, der soll des Todes sterben. 20 Wer den Göttern opfert und nicht dem HERRN allein, der sei verbannt.

Auch hier bin ich sicher, dass die Apologeten der Kirche zahlreiche alternative Deutungen und Erklärungen bereithalten, um uns vorzuspiegeln, das wäre ja alles gar nicht so zu verstehen, wie es da steht. Aber wenn ich mir immer von Fall zu Fall aussuchen darf, ob die Worte der Bibel so oder anders gemeint sind, wie sie da stehen, oder ob sie vielleicht auch mal das Gegenteil bedeuten, wofür brauche ich dann noch eine Heilige Schrift?

Das meine ich, wenn ich sage, dass jemand, der die Bibel gelesen hat, sie sogar jahrelang studiert hat, und trotzdem auf eine Kanzel klettert und Leuten erzählt, sie wäre das Wort Gottes und die Wahrheit und die Grundlage seines Glaubens, in höchstem Maße unehrlich sein muss. Es geht nicht anders.

Trotzdem sind die Repräsentanten dieser Kirche sich nicht zu schade, allen, die nicht an ihren unsinnigen Hokuspokus glauben, die wildesten Vorwürfe zu machen:

Von atheistischen Positionen geht keinerlei orientierende, zukunftsweisende Kraft aus. Die Nichtglaubenden essen die Früchte von dem Baum, den sie vorher mit Begeisterung gefällt haben. Der Atheismus ist nur erdacht worden, um die Menschen zur Verantwortungslosigkeit zu erziehen und so leichter ideologisch manipulieren zu können – so könnten wir der flachen Religionskritik entgegenhalten. Es gibt keine atheistisch begründete Ethik.
Gerhard Ludwig Müller, Bischof von Regensburg [via Astrodicticum Simplex]

Ist klar. Ideologische Manipulation. Damit muss man sich als Bischof wohl auskennen, schätze ich. Und wir wissen alle, dass kaum etwas so gut zu Bewusstsein für die eigene Verantwortung erzieht wie das Wissen, dass ein allmächtiges, allwissendes Spaghettimonster Wesen uns über alles liebt und uns alle unsere Sünden vergibt, solange wir uns nur zu ihm bekennen, uns aber ewiger Qual und enlosem Leiden überlässt, wenn wir das nicht tun, egal, wie vorbildlich wir ansonsten gelebt haben.

Und wer auf der Grundlage solcher offenkundigen Unwahrheiten, so schreiend offensichtlicher Heuchelei, so unfassbar dreister Unehrlichkeit noch immer versucht, Menschen in die Kirche zu locken, der ist, wenn ich noch einmal darüber nachdenke, eigentlich doch - ein schlechter Mensch.


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