Ruckediguh

09:51: Muriel findet, dass es echt clever von ihm ist, zu Fuß zur Messe zu gehen. Mit dem öffentlichen Nahverkehr wäre er doppelt so lange unterwegs, und mit dem Auto müsste er horrende Gebühren für den Parkplatz bezahlen, ohne nennenswert schneller anzukommen. Muriel ist ziemlich stolz auf sich und grinst mitleidig und ein bisschen herablassend auf die anderen Messebesucher herab.

10:14: Muriel kommt bei der Messe an. Die Schuhe haben auf dem Weg angefangen, an den Fersen ziemlich unangenehm zu scheuern. Muriel weiß, dass er noch den ganzen Tag lang mit diesen Schuhen laufen muss und ahnt, dass es ein sehr schmerzhafter Tag wird.

11:39: Die Schmerzen beginnen, sich sichtbar auf Muriels Gang auszuwirken. Er versucht tapfer, sich nichts anmerken zu lassen, weiß aber, dass es dadurch nur noch schneller schlimmer wird.

13:08: Zeit fürs Mittagessen. Muriel nimmt in einem dieser Messerestaurants Platz, in denen man schlechtes Essen zu abwegigen Preisen kaufen kann und versucht, die Sitzgelegenheit zu nutzen, um den Sitz seiner Schuhe zu überprüfen und nach Möglichkeit zu verbessern. Natürlich ist das völlig sinn- und erfolglos.

15:10: Muriel erkennt für sich persönlich die tiefe Bedeutung des Satzes “Meine Schuhe bringen mich um” und gibt jede Bemühung auf, ein normales Gangbild vorzutäuschen. Die Socken sind an den schmerzenden Stellen nass. Muriel hofft, dass es sich nur um seröse Flüssigkeit aus aufgeplatzten Blasen handelt, glaubt aber insgeheim, dass es Blut sein muss.

17:34: Zeit, die Messe zu verlassen. Bis zum Ausgang Nord ist es weit, denn Muriel befindet sich naturgemäß nun am anderen Ende des Messegeländes. Er hat aber beim Betreten seinen Mantel abgegeben und kann deshalb nicht einfach den Ausgang Süd benutzen. Auf dem Weg tut er so, als würde er etwas auf seinem Mobiltelefon lesen, damit es nicht gar so auffällt, wie langsam und schleppend er sich fortbewegt. In Wahrheit kann er aufgrund der Schmerzen den geöffneten Artikel im Google-Reader gar nicht entziffern.

18:07: Muriel widersteht nur unter Aufbietung äußerster Willenskraft der Versuchung, auf Knien vom Ausgang Nord bis zum Taxistand zu kriechen. Der Fahrer grinst mitleidig und ein bisschen herablassend auf Muriel herab. Als er erfährt, wohin die Fahrt geht, wird er sehr missmutig und einsilbig. Er versteht nicht, warum Muriel dieses kleine Stück nicht einfach zu Fuß gehen kann.

18:14: Muriel steigt aus dem Taxi und entscheidet, dass er die letzten Schritte bis zu seinem Ziel so nicht mehr schaffen wird. Er zieht die verdammten Schuhe aus und trägt sie in den Händen, während er auf Socken weitergeht. Das Lachen und die hämischen Rufe der auf der Straße spielenden Kinder ignoriert er genauso stoisch wie die verunsicherten Blicke der Erwachsenen.

18:18: Das Ausziehen der Socken gestaltet sich außerordentlich kompliziert und unerfreulich. Muriel ist fast ein bisschen enttäuscht, kein Blut vorzufinden. Naja. Morgen ist ja auch noch ein Tag.

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10 Antworten zu Ruckediguh

  1. Wie, morgen ist auch noch ein Tag? Morgen nochmal das gleiche? :-)

  2. Guinan sagt:

    9:51 bis 10:14 – Das waren dann ja fast 2 km – mutige Leistung für einen Messetag! Tipp für den nächsten Versuch: Wechselschuhe mitnehmen, bevorzugt mehrere sehr unterschiedlich geformte, für den letzten Rest des Rückwegs am Besten Badelatschen.

  3. quadratmeter sagt:

    Ich soll dir von der Frauenwelt ausrichten, dass wir deine Solidarität sehr zu schätzen wissen ;-)

  4. Mella sagt:

    #lol
    eine Runde Mitleid – ohne Ironie. Schön, dass es nicht nur Frauen so geht, doch kann ich mir ein Grinsen leider nicht ganz verkneifen.
    Mella

  5. Ron sagt:

    Genau das gleiche ist mir auch schon passiert. Und jetzt laboriere ich schon seit anderthalb Jahren an den Folgen rum … (seit dem sind auch immer zwei passend geschnittene Pflaster für solchen Gelegenheiten mit dabei).

  6. Ana sagt:

    Mein Mitgefühl ist Dir sicher!

    Auch wenn ich lächeln und stellenweise lachen musste – ich bin sehr froh, dass es nicht nur uns Frauen so geht.

  7. Schonzeit sagt:

    ätzend. Ich hatte mal das Problem auf der Cebit, dass ich als Mitarbeiter meines Unternehmens dort den ganzen Tag rumlaufen musste. Meine Schuhe brachten mich um und letztlich wechselte ich irgendwann auf wenig seriöse Flip Flops, die unser Unternehmen als Give Aways mit führte und machte mich am Abend auf in Hannover noch ein paar neue Schuhe zu kaufen, die besser sitzen.

  8. ruediger sagt:

    Duplizität der Ereignisse. Gestern den ganzen Tag auf den Beinen in Berlin unterwegs und konnte das sexuell anmutenden Seufzen beim entfernen der relativ neuen und eigentliscon auch schon eingelaufenen Schuhe leider nicht unterdrücken. Damit ist nun aber auch bewiesen das diese so oft zitierte “geteiltes Leid ist halbes Leid” Sache ausgemachter Schwachsinn ist und nur Kindergartenkinder gesprächig machen soll. Sauerei ist das. Dafür habe ich in die Spree gespuckt.

  9. ruediger sagt:

    …. das sexuell anmutende Seufzen beim entfernen der relativ neuen und eigentlich auch schon eingelaufenen Schuhe leider nicht unterdrücken. …

    sorry.

  10. rebhuhn sagt:

    tortur!! ich hatte mal 8h paris mit schuhen ohne einlagen und ‘nem ausgeprägten knick-senk-spreizfuß :(… danach war hochlegen angesagt, für einen tag.

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