Menschenähnlich (20)

Was, schon so spät? Na gut, falls der eine oder die andere von euch nicht schlafen kann, habe ich hier genau das Richtige: Ein neues Kapitel “Menschenähnlich”, diesmal mit einer ganz neuen Perspektive. Viel Spaß!

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel wohnen wir dem Aufbruch zweier Raumfahrer namens Jake und David bei, die eine kostbare Fracht aus 13 Androiden zu einem fremden Planeten transportieren sollen.
Bereits im zweiten Kapitel folgt der abschussbedingt gewaltsame Abbruch dieser Reise. Dafür lernen wir Kalon und An’Yik kennen, die sich als reisende Helden betätigen und dabei anscheinend auch manchmal vor ethisch nicht ganz einwandfreie Vorgehensweisen zurückschrecken. Sie sehen den Absturz des Raumschiffes und hoffen auf reiche Beute.
Im dritten Kapitel erwachen Jake und David in ihrem abgestürzten Raumschiff und retten sich, einen der Androiden und ein paar andere Kleinigkeiten in ein Rettungsboot, bevor das Schiff im Meer versinkt. Gleichzeitig lauert ein Schlichter gemeinsam mit ihrem verräterischen Gefährten Berren den beiden reisenden Helden auf, um sie einem unerfreulichen Schicksal zuzuführen.
Im vierten Kapitel packen David und Jake ihr neues Spielzeug aus, und Kalon erwacht aus der Betäubung, in die der Blasrohrpfeil des Schlichters in versetzt hat. Er stellt fast, dass seine Gefährtin An’Yik ihn zwar aus der unmittelbaren Gefahr retten konnte, nun aber ihre ganz eigenen Probleme mit dem Pfeilgift hat.
Im fünften Kapitel haben wir den Autokraten und seinen Ersten Sekretär Larn kennengelernt, die gemeinsam danach streben, die kostbare Ladung der Emerald-17 in die Hände zu bekommen. Währenddessen lernten David und Jake ein Stück dieser Ladung noch etwas näher kennen, und Kalon und An’Yik fanden ihre Spuren im Sand.
Auch im sechsten Kapitel kam noch mal jemand Neues dazu: Shianuk und ihr Onkel Noot haben einen unserer Androiden am Strand gefunden, werden aber leider unterbrochen, bevor sie ihn näher kennenlernen können. Währenddessen erklärt Jake David, was genau ihn an der Maschine so sehr stört, bis die mit Kalon und An’Yik ans Lagerfeuer zurückkehrt.
Im siebten Kapitel muss der Erste Sekretär unter äußerst widrigen Umständen eine Reise beginnen, Kalon bietet sich und An’Yik als Führer an, wird aber von der überraschenden Ankunft weiterer Besucher unterbrochen, und Shianuk lernt den Mann aus der Kiste kennen.
Jake findet im achten Kapitel seine Munition nicht, aber Kalon kann die Gruppe mit einem gewagten Bluff retten. Shianuk beantwortet die Fragen des Mannes aus der Kiste, so gut sie kann, und lässt sich überreden, sich mit ihm auf die Reise zum Autokraten zu machen.
Im neunten Kapitel lernt der Zweite Sekretär den Autokraten kennen, und der Erste Sekretär erfährt von der Begegnung der vier Soldaten mit den Weltraumfahrern. Seine Patrona macht einen Vorschlag.
Im 10. Kapitel baut der Mann aus der Kiste ein Floß für Shianuk, Jake, David, An’Yik, Kalon und die Androidin teilen sich auf.
Der Autokrat besucht im 11. Kapitel eine alte Freundin, die ihm bei der Suche nach den Flüchtlingen helfen soll, und An’Yik, Jake und die Androidin lernen sich unterwegs etwas besser kennen.
Im 12. Kapitel lässt der Erste Sekretär sich erwehttp://ueberschaubarerelevanz.wordpress.com/wp-admin/post-new.phpichen, und Shianuk und der Androide erobern den Palast des Autokraten, nachdem sie den sonderbaren und völlig unpassend benannten Kopfkäfer kennengelernt haben.
Im 13. Kapitel werden David und Kalon von Dick und Doof verhaftet, und die An’Yik macht sich Sorgen, weil die beiden nicht pünktlich am Treffpunkt erscheinen, nachdem sie entschieden hat, Jake vorerst nicht zu essen.
Shianuk und der Androide werden im 14. Kapitel vom Autokraten überrascht, und David, Kalon, Dick und Doof fallen in die Hände einer Einheit der Autokratischen Armee.
Im 15. Kapitel werden die Gefangenen dem Ersten Sekretär vorgeführt, aber etwas kommt dazwischen, und genau dieselbe Störung nutzen An’Yik, Shu’Nim und Jake, um einen Befreiungsversuch zu unternehmen. Shu’Nim macht einen Witz.
Im 16. Kapitel kommen die drei gerade rechtzeitig, um einen Versuch zu vereiteln, David und Kalon aus der Gefangenschaft zu entführen und sie dann selber zu befreien. Gleichzeitig muss die Pontifex an J2 herumbasteln, obwohl sie gar nicht will.
Shianuk wird im 17. Kapitel von der Pontifex aus ihrem Gefängnis befreit. David und An’Yik streiten darüber, ob sie die Inquisitoren töten, und Larn lernt die hübsche Doppelgängerin kennen, die An’Yik im 16. Kapitel getötet hatte.
Im 18. Kapitel befreit J2 Shianuk von den autokratischen Soldaten, und die Doppelgängerin bereitet Larn eine unerfreuliche Überraschung.
Die Doppelgängerin und Jeana lernen sich im 19. Kapitel besser kennen, während David, Jake und die anderen eine Sklavenbefreiung planen.

Was heute geschieht

Zwei Arme ergriffen Shianuk mit der inzwischen beinahe vertrauten Mischung aus sorgsamer Präzision und unwiderstehlicher Kraft, um sie aufzuheben. Sie versuchte halbherzig und resigniert, J2 zu widerstehen, aber sie wusste von vornherein, dass sie seinem Griff genauso wenig entkommen konnte wie der Schwerkraft. An einem Bein spürte sie seine linke Hand, die Klaue, deren Haut in Fetzen herabhing. Die Finger waren dünn und hart und spitz, und eine Gänsehaut überzog ihren ganzen Körper.
„Lass mich los“, schluchzte sie, und kam sich dabei selbst sehr kindisch und erbärmlich vor.
„Nein“, antwortete er freundlich und mit diesem widerwärtigen Lächeln in seiner Stimme, dass anscheinend sogar dann blieb, wenn er gerade einen Massenmord begangen hatte.
„Lass mich los! Ich hasse dich!“ Sie versuchte abermals, sich seinem Griff zu entwinden, sie trat mit ihren Beinen und schlug mit Fäusten auf ihn ein. Er verteidigte sich nicht, und sie traf seine Brust, seine Schulter, sein Gesicht. Natürlich hinterließen ihre Schläge keinerlei Spuren.
„Ihre heftige Reaktion auf den Tod Ihrer Artgenossen ist verständlich“ sagte J2. „Bitte achten Sie aber darauf, sich nicht zu verletzen. An den meisten Stellen ist mein Endoskelett ausreichend gepolstert, um Ihre Sicherheit zu gewährleisten, aber es besteht ein Risiko, dass Sie sich an meinen Zähnen ihre Knöchel aufschlagen oder sogar Knochen Ihrer Hand brechen könnten. Ihre Nützlichkeit für mich könnte dadurch eingeschränkt werden, und ich verfüge nicht über adäquate Mittel, eine Verletzung zu behandeln.“
Ihre Wut legte sich mit der Zeit. Es war schwer, immer weiter zu versuchen, auf ihn einzuschlagen und ihn zu beschimpfen, wenn es so offensichtlich keinen Zweck hatte. Sie lag noch eine lange Zeit still weinend in seinen Armen, während die Landschaft in dieser grotesken Geschwindigkeit an ihr vorbeizog, in der J2 lief.
Sie verstand nicht, was er war. Daran war natürlich eigentlich nichts Ungewöhnliches, denn er war ein Geschöpf derselben Technologie, die es den Kehlar erlaubte, riesige Schiffe zu bauen, die zwischen den Sternen fuhren, und Waffen, die aus der Entfernung ganze Städte auslöschen konnten. Aber sie rätselte auch nicht darüber, was seinen unvorstellbar starken Körper antrieb, wie diese sonderbare Nichthaut geschaffen wurde, die seinen Körper überzog oder was das für ein sonderbares kaltes, glattes, weißes Material war, aus dem sein Skelett zu bestehen schien.
Es war ein sonderbares Gefühl, so von ihm getragen zu werden. Sie hatte Angst vor ihm, und er war auf seine Art furchtbar, aber dennoch konnte sie sich nicht ganz der beruhigenden Wirkung dieser starken Arme entziehen, und seiner Sicherheit, seiner schieren Unbesiegbarkeit. Aber sie fürchtete ihn. Sie konnte dieser Furcht nicht nachgeben. Sie musste stark sein, damit sie zu ihrem Onkel zurückkehren konnte. Weil Noot ihre Hilfe brauchte.
Sie rätselte, wie es war, er zu sein. Sie versuchte, sich vorzustellen, wie es sein musste, niemals müde zu werden, niemals Trauer oder Angst oder Schmerzen zu spüren, niemals Zweifel zu haben und zwanzig Menschenleben als nichts weiter zu sehen als ein weiteres Hindernis auf dem Weg zum Ziel. Sie konnte es sich nicht vorstellen. Sie konnte es einfach nicht verstehen.
Hatte er wirklich keine Angst? Spürte er wirklich kein Bedauern über den Tod der Soldaten, die er im Schlaf ermordet hatte? Oder zeigte er sie nur nicht?
Oder war das genauso unsinnig, wie die Frage, was ein Messer fühlte, wenn es der Schmiedehammer traf? Konnte es sein, dass J2 einfach nur ein Ding war, ein Gegenstand? Ein Werkzeug wie ein Messer oder ein Karren, nur unermesslich viel komplizierter, aber genauso leb- und seelenlos?
Aber was unterschied denn einen Menschen von einem Karren, einem Baum, einem Kulter, abgesehen davon, dass er eben viel komplizierter war? Wo begann seelenlos? Gab es eine absolute Qualität, die ein Leben wertvoll machte, und die entweder da war oder nicht? Die ein Mensch hatte, aber ein Baum nicht, und ein Kulter auch nicht, aber ein Kehlar wahrscheinlich schon?
Was war mit den Konstrukten der Kehlar? Noot hatte ihr früher manchmal Geschichten über Doppelgänger erzählt, die die Gesichter von Menschen stahlen, um sich für sie auszugeben. In den Geschichten waren die Konstrukte dämonische Gestalten, die stets danach trachteten, anderen Schaden und Leid zuzufügen und deren Vernichtung eine große Heldentat war.
Shianuk hatte in ihrem kurzen Leben die Erfahrung gemacht, dass das wahre Leben meistens nicht so einfach war wie die Geschichten.
„Ist dies die Basis, zu der Sie mich führen wollten?“
Sie öffnete ihre Augen und sah, dass die Basis der Kehlar sich kaum verändert zu haben schien, obwohl sie nun verlassen war. Natürlich konnte sie von hier aus auch nicht viel erkennen außer der gewaltigen stählernen Mauer, die sich beinahe einen halben Lauf aus der Landschaft erhob, und dem unwirklichen Turm, der dahinter in den Himmel aufragte. Sie hatte direkt vor dem Turm gestanden und wusste deshalb, dass er mehr Fläche bedeckte als jedes Dorf, das sie kannte, aber aus dieser Entfernung wirkte er dünn wie eine matt glänzende Nadel, die sich endlos nach oben erstreckte, bis sie in den Wolken verschwand.
„Ja…“, antwortete sie, „Das ist die Basis.“
Der Turm wirkte unüberwindlich und makellos, aber gleichzeitig beängstigend und auf eine schwer beschreibbare Weise falsch. Ein bisschen wie J2 selbst. Sie spürte Erleichterung darüber, dass es nun bald vorbei war. Sie fragte sich, ob er sie gehen lassen würde, oder ob…

Es sitzt auf dem Stuhl des Ersten Sekretärs, führt die Gespräche des Ersten Sekretärs und gibt Befehle des Ersten Sekretärs. Es weiß nicht, was er weiß, aber es kommt zurecht.
Das Zelt ist erfüllt von dem Gestank von Menschen, die seit Wochen in einem Lager leben, sich nicht oft genug waschen und sich nicht angemessen ernähren.
„Exzellenz, ich denke nicht daran, aufzugeben, ich schlage nur vor, dass wir dieses Lager auflösen und die Suche nach dem Schiff und den Reisenden neu organisieren Darüberhinaus“
Der sprechende Mann vor dem Schreibtisch ist General Karschekk. Er hat ein sehr breites Gesicht mit flachen Ebenen und scharfen Kanten, und während er spricht, hebt er oft seine Oberlippe an und schiebt die Unterlippe ein wenig vor. Seine Brauen sind heruntergezogen und bilden kleine Krähenfüße um seine Augen. Die Veränderungen sind in der linken Seite seines Gesichts deutlicher als in der rechten. Karschekks Gesicht zeigt, dass er den Ersten Sekretär verachtet. Sein Atem riecht nach Wein und Fäulnis. Mindestens einer seiner Zähne ist krank und wird entweder entfernt werden müssen oder ihn töten.
„muss das Imperium auf den dreisten unprovozierten Angriff der Andarssianer reagieren.“
Es genießt die Macht, die mit seiner neuen Gestalt zu ihm gekommen ist, und besonders genießt es, dass es nicht mehr vor dem Botschafter oder einem anderen nichtswürdigen Andarssianer kriechen und winseln und betteln muss, um die Droge zu bekommen. Aber es fürchtet auch die schiere Exponiertheit seiner neuen Rolle. Es hasst die vielen Menschen, die es ständig umgeben, mit ihren Blicken, ihrem Gestank, ihrer Aufmerksamkeit, ihren Erwartungen und ihren Gedanken, und die es zwingen, sich ununterbrochen wie einer von ihnen zu verhalten, zu sein, was es nicht ist, sich zu konzentrieren, sich zu beschränken, so zu sein, wie sie. Es hasst sie, weil es nicht so ist wie sie, und doch so sein muss, und gleichzeitig genießt es das Spiel. Es ist wie mit der Droge, die es auch genießt und hasst zugleich.
„Ich schlage eine Strafexpedition“
Die Zeltklappe hinter ihm ist halb offen, und es kann dadurch einen Vogel sehen, der reglos auf dem Boden sitzt und mit seinem ausdruckslosen Vogelgesicht geduldig nach unten schaut, als würde er darauf warten, das etwas vor seinen Füßen aus der Erde herauskommt. Vielleicht sucht er auch nur nach etwas.
Es kann die Mimik und Gestik der Soldaten und Höflinge lesen, und aus ihren Erwartungen und seinem eigenen Willen formt es seine Reaktion.
„in der Dimension zweier Karulen vor, die eine oder zwei mittelgroße andarssianische Städte anektiert oder vernichtet. Die Annexion hätte den Vorteil,“
Das Gesicht eines der Männer hinter General Karschekk ist ein wenig ins Gelbliche verfärbt, und es kann sehen, wie seine Wangenknochen hervortreten und gelegentlich seine Lider zucken. Seine rechte Hand umfasst den Speer viel zu fest. Er atmet unregelmäßig. Er unterdrückt Schmerzen. Wahrscheinlich leidet er unter einer Krankheit oder einem Parasiten.
Jeana erweist sich als eine unschätzbare Bereicherung. Sie stellt Fragen für es, damit es seine Unwissenheit verbergen kann, sie gibt unauffällige Hinweise, wenn es die richtige Antwort nicht selbst erschließen kann.
„dass wir mit einer plausiblen Rechtfertigung das Reich vergrößern und von dem Handel beispielsweise Aruulas und Juils profitieren könnten, andererseits wäre aber die Vernichtung der Städte“
Am Anfang war jedes Lächeln, das sie ihm geschenkt hatte, noch falsch gewesen, doch inzwischen scheint sie Vertrauen in es zu fassen. Sie kontrahiert die Ringmuskeln um ihre Augen, wenn sie lächelt und zeigt nur noch selten das zurückgezogene Kinn, die gehobenen Augenlieder und Brauen und die horizontal gespannten Lippen, die Angst signalisieren. Es ist zufrieden mit seiner Entscheidung, sie eingeweiht zu haben.
Das Gerede des Generals ist unerträglich langweilig. Es tut beinahe körperlich weh, dass es sich zwingen muss, ihm zuzuhören.
Eine Windböe bläst die Zeltklappen auf und trägt salzige Meeresluft hinein, die für eine kurze Zeit den muffigen säuerlichen schalen Dunst der Menschen vertreibt. Sie bringt außerdem einen Scheepa mit in das Zelt, ein daumengroßes hellgelbes Insekt, das sich von den kleinen Parasiten ernährt, die auf größeren Tieren leben. Dieses Lager muss ein Bankett sein für den kleinen Scheepa.
„eine deutlichere Demonstration unserer Macht und Vergeltung. Wir würden uns nicht dem Verdacht aussetzen, die Operation aus Eigennutz“
Dennoch sieht es auch das Risiko, das Jeana darstellt. Sie bringt ihm das Larkoom, das es braucht, aber es hat den Eindruck, das sie ihm jedes Mal ein bisschen mehr bringt, und vielleicht kommt sie irgendwann auf die Idee, die Droge zu vergiften. Es ist sich ziemlich sicher, dass es die gefährlichen Absichten in ihrem Gesicht und ihren Bewegungen erkennen könnte, aber es weiß, dass auch Menschen ihre wahren Gedanken und Gefühle verbergen können, obwohl sie nicht besonders gut darin sind.
„durchgeführt zu haben und könnten unmissverständlich zum Ausdruck bringen, dass wir unseren Feinden gegenüber unter keinen Umständen Gnade zeigen.“
Karschekk beendet seine Erläuterung und wartet auf eine Antwort. Er hält die zweite Lösung für die bessere, aber er erwartet, dass der Erste Sekretär sich für die Annexion der beiden Städte entscheidet. Er befürchtet, dass die Entscheidung sogar gegen jede Art von Vergeltung fallen könnte. Er versteht die Politik des Ersten Sekretärs nicht und hält ihn für schwach und furchtsam.
Der Scheepa ist auf einem der Standbilder gelandet und sitzt seitdem dort. Es wundert sich, dass er nicht einen der Menschen gewählt hat. Vielleicht ist er nicht hungrig.
Es zeigt dem General ein falsches Lächeln, das deutlich zum Ausdruck bringt, das die Meinung des Generals dem Ersten Sekretär bewusst sind, ihm aber nicht mehr als ein leichtes Amüsement bereiten.
„Wir werden Andarssia annektieren“, antwortet es, obwohl es viel lieber aufgestanden wäre, um einen der Soldaten zu küssen, einfach, um zu sehen, was passiert. Das wäre wenigstens interessant.
Für einen Moment hebt der General seine Brauen, und seine Augen weiten sich. Es lässt sein Lächeln für einen ebenso kurzen Moment ein echtes werden, indem es den Augenringmuskel anspannt und die Mundwinkel etwas weniger nach außen und mehr nach oben zieht, sodass sich Grübchen bilden. Es zieht den linken Mundwinkel etwas höher als den rechten und senkt dabei die Augenlider, um Selbstzufriedenheit und Verachtung für den General zu zeigen.
„Aber zuerst finden wir die Weltraumreisenden und den Androiden. Sie können nicht weit sein, und wir wissen, in welche Richtung sie geflohen sind. General, ich muss sicher nicht erwähnen, dass ein weiterer Fehler wie der, der zur Flucht der beiden Gefangenen geführt hat, Sie nicht nur Ihren Rang kosten wird, sondern je nach Schwere auch noch einige mehr oder weniger wichtige Körperteile. Wir verstehen uns, nicht wahr?“
Es beugt sich ein Stück vor und stützt sich auf seine Ellenbogen, um die Wirkung der Worte zu verstärken.
Die Überraschung im Gesicht des Generals geht für einen Bruchteil eines Herzschlags in Furcht über, bevor er sich zu einem Gesichtsausdruck zwingt, der für die meisten Menschen neutral wirken würde. Es erkennt weiterhin die unterdrückte Furcht, die sich mit der bekannten Verachtung für den Ersten Sekretär und einer Spur von Zorn mischt. Sein Gesicht läuft rot an, und es kann sehen, wie sich die Muskeln in seinen Fingern anspannen, als er sich bewusst davon abhält, seine Hände zu Fäusten zu ballen.
„Selbstverständlich, Exzellenz.“
Er verneigt sich und verlässt mit den anderen Soldaten das Zelt. Der Scheepa sitzt noch immer reglos auf der Statue und putzt seine Antennen, indem er sie abwechselnd durch seine Mandibeln zieht.
Es ist jetzt wieder allein mit der Patrona des Ersten Sekretärs. Vor ihr muss es sich nicht verbergen. Vor ihr muss es nicht der Erste Sekretär sein. Es hasst sie trotzdem. Es hat immer jeden gehasst, der ihm das Larkoom gegeben hat, weil es die Droge hasst und sie dennoch braucht. Der Botschafter hatte Freude daran, es zu demütigen, bevor er ihm die Droge gab. Er hat es gezwungen, darum zu betteln und sich vor ihm zu erniedrigen.
Der Scheepa breitet seine Flügel aus und erhebt sich in die Luft, während ein neuer Windhauch in das Zelt hineinweht und eines der Papiere auf dem Schreibtisch um ein kleines Stück verschiebt. Ein Sonnenstrahl dringt ein und wirft für den Moment, bis die Zeltklappe wieder zurückfällt, ein farbiges Muster durch das halb leere Tintenfass auf die Tischplatte.
Es glaubt, dass es ein kleines bisschen wahnsinnig ist, und fragt sich, ob das schon immer so war.
Es dreht sich zu Jeana um und verzieht sein Gesicht zu einem vertraulichen warmen Lächeln, zwinkert ihr zu und entscheidet, als Draufgabe noch die Zunge in Richtung der Zeltklappe herauszustrecken, durch die der General eben gegangen ist. Jeanas überraschtes, aber ehrliches Grinsen bestätigt die Entscheidung. Es hat die Erfahrung gemacht, dass es vor allem die Summe der kleinen freundlichen und vertraulichen Gesten ist, die Menschen dazu bringen, sich zu öffnen.

Lesegruppenfragen

  1. In der ersten Szene philosophiert Shianuk ein bisschen über J2. Fandet ihr das langweilig, oder war das in Ordnung?
  2. Könnt ihr ihre Gefühle ihm gegenüber verstehen, oder kommen sie euch unpassend vor?
  3. Wahrscheinlich ist es euch beim Lesen aufgefallen, aber trotzdem: In der zweiten Szene habe ich versucht, einen Kompromiss zu finden zwischen der Fremdartigkeit des Doppelgängers, die ich betonen wollte, und der Lesbarkeit und Zugänglichkeit für euch. Es war mir dabei wichtig, ihn einerseits nicht bloß wie einen Menschen mit einer Superkraft wirken zu lassen, euch aber andererseits auch beim Lesen nicht völlig zu verlieren. Wie fandet ihr es?
  4. Etwas spezifischer: Ich schreibe in dieser zweiten Szene viel über die Einzelheiten von Mimik und ihre Deutung. War euch das zu aufdringlich?
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5 Antworten zu Menschenähnlich (20)

  1. Andi sagt:

    1. Das war so in Ordnung und vor allem auch nachvollziehbar. Den Vergleich zwischen Basis und J2 am Ende fand ich richtig gut.

    2. Siehe Antwort 1 – nachvollziehbar. Alles. Eine große weise Dame des Literaturbetriebs hat mal geschrieben, dass auch das Extreme glaubhaft klingen muss. Oder so ähnlich. :) Auf jeden Fall: haste geschafft.

    3. Ich fand die Szene klasse, mit all den Beobachtungen die “es” macht, was das Insekt betrifft oder eben die Soldaten. Das Kapitel hatte auch irgendwie eine andere Sprache als die anderen Kapitel, es las sich anders. Das haste gut hingekriegt.

    4. Ich glaub, ich hab schon wieder zwei Fragen in einer beantwortet.

  2. Guinan sagt:

    Dann kann ich es mir heute ja mal einfach machen: Ich stimme Andi zu.

  3. Muriel sagt:

    @Andi, Guinan: Danke. Freut mich sehr, dass das anscheinend so funktioniert, wie ich es mir vorgestellt habe.

  4. Chlorine sagt:

    1. Völlig in Ordnung. Hier hätte auch ein wenig Poesie gepasst.

    2. Ich sage nur Stockholm-Syndrom.

    3. Ich habe mich aufgrund der Schriftart zunächst ständig verlesen. Inhaltlich aber sehr gelungen!

    4. Aufdringlich wäre, wenn du deinen Stammlesern Kopien des von dir gelesenen Kapitels auf dem Postweg zusenden würdest. ;) Ich dachte mir beim Lesen: “Da hat er aber ein Weilchen recherchiert oder aber eine Folge `Lie To Me´ geschaut”.

  5. Muriel sagt:

    @Chlorine: Vielen Dank!
    2. Schön, dass du das ansprichst. Ich fand es zu denfensiv, das selbst ins Spiel zu bringen.
    3. Ich merke mir das mal und versuche, den Kursivsatz in Zukunft zu vermeiden.
    4. Lie To Me war leider gar nicht mein Fall. Da fand ich es zum Beispiel furchtbar aufdringlich und unlustig gemacht. Aber der mein Buch geschrieben hat, hat auch für Lie To Me consulted.

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