Menschenähnlich (21)

Ich hatte gestern schon eine Ausnahme für Menschenähnlich reklamiert, die ich nun also in Anspruch nehme. Ab morgen erscheinen dann Beiträge, die ihr so hier noch nicht gesehen habt. Baue ich hier gerade eine Erwartung auf, die ich unmöglich erfüllen kann? Ich fürchte schon. Aber das ist ja noch lange hin. Jetzt erst mal habe ich ein neues Kapitel unseres Fortsetzungsromans fertig und kann zu Bett gehen. Viel Spaß!

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel wohnen wir dem Aufbruch zweier Raumfahrer namens Jake und David bei, die eine kostbare Fracht aus 13 Androiden zu einem fremden Planeten transportieren sollen.
Bereits im zweiten Kapitel folgt der abschussbedingt gewaltsame Abbruch dieser Reise. Dafür lernen wir Kalon und An’Yik kennen, die sich als reisende Helden betätigen und dabei anscheinend auch manchmal vor ethisch nicht ganz einwandfreie Vorgehensweisen zurückschrecken. Sie sehen den Absturz des Raumschiffes und hoffen auf reiche Beute.
Im dritten Kapitel erwachen Jake und David in ihrem abgestürzten Raumschiff und retten sich, einen der Androiden und ein paar andere Kleinigkeiten in ein Rettungsboot, bevor das Schiff im Meer versinkt. Gleichzeitig lauert ein Schlichter gemeinsam mit ihrem verräterischen Gefährten Berren den beiden reisenden Helden auf, um sie einem unerfreulichen Schicksal zuzuführen.
Im vierten Kapitel packen David und Jake ihr neues Spielzeug aus, und Kalon erwacht aus der Betäubung, in die der Blasrohrpfeil des Schlichters in versetzt hat. Er stellt fast, dass seine Gefährtin An’Yik ihn zwar aus der unmittelbaren Gefahr retten konnte, nun aber ihre ganz eigenen Probleme mit dem Pfeilgift hat.
Im fünften Kapitel haben wir den Autokraten und seinen Ersten Sekretär Larn kennengelernt, die gemeinsam danach streben, die kostbare Ladung der Emerald-17 in die Hände zu bekommen. Währenddessen lernten David und Jake ein Stück dieser Ladung noch etwas näher kennen, und Kalon und An’Yik fanden ihre Spuren im Sand.
Auch im sechsten Kapitel kam noch mal jemand Neues dazu: Shianuk und ihr Onkel Noot haben einen unserer Androiden am Strand gefunden, werden aber leider unterbrochen, bevor sie ihn näher kennenlernen können. Währenddessen erklärt Jake David, was genau ihn an der Maschine so sehr stört, bis die mit Kalon und An’Yik ans Lagerfeuer zurückkehrt.
Im siebten Kapitel muss der Erste Sekretär unter äußerst widrigen Umständen eine Reise beginnen, Kalon bietet sich und An’Yik als Führer an, wird aber von der überraschenden Ankunft weiterer Besucher unterbrochen, und Shianuk lernt den Mann aus der Kiste kennen.
Jake findet im achten Kapitel seine Munition nicht, aber Kalon kann die Gruppe mit einem gewagten Bluff retten. Shianuk beantwortet die Fragen des Mannes aus der Kiste, so gut sie kann, und lässt sich überreden, sich mit ihm auf die Reise zum Autokraten zu machen.
Im neunten Kapitel lernt der Zweite Sekretär den Autokraten kennen, und der Erste Sekretär erfährt von der Begegnung der vier Soldaten mit den Weltraumfahrern. Seine Patrona macht einen Vorschlag.
Im 10. Kapitel baut der Mann aus der Kiste ein Floß für Shianuk, Jake, David, An’Yik, Kalon und die Androidin teilen sich auf.
Der Autokrat besucht im 11. Kapitel eine alte Freundin, die ihm bei der Suche nach den Flüchtlingen helfen soll, und An’Yik, Jake und die Androidin lernen sich unterwegs etwas besser kennen.
Im 12. Kapitel lässt der Erste Sekretär sich erwehttp://ueberschaubarerelevanz.wordpress.com/wp-admin/post-new.phpichen, und Shianuk und der Androide erobern den Palast des Autokraten, nachdem sie den sonderbaren und völlig unpassend benannten Kopfkäfer kennengelernt haben.
Im 13. Kapitel werden David und Kalon von Dick und Doof verhaftet, und die An’Yik macht sich Sorgen, weil die beiden nicht pünktlich am Treffpunkt erscheinen, nachdem sie entschieden hat, Jake vorerst nicht zu essen.
Shianuk und der Androide werden im 14. Kapitel vom Autokraten überrascht, und David, Kalon, Dick und Doof fallen in die Hände einer Einheit der Autokratischen Armee.
Im 15. Kapitel werden die Gefangenen dem Ersten Sekretär vorgeführt, aber etwas kommt dazwischen, und genau dieselbe Störung nutzen An’Yik, Shu’Nim und Jake, um einen Befreiungsversuch zu unternehmen. Shu’Nim macht einen Witz.
Im 16. Kapitel kommen die drei gerade rechtzeitig, um einen Versuch zu vereiteln, David und Kalon aus der Gefangenschaft zu entführen und sie dann selber zu befreien. Gleichzeitig muss die Pontifex an J2 herumbasteln, obwohl sie gar nicht will.
Shianuk wird im 17. Kapitel von der Pontifex aus ihrem Gefängnis befreit. David und An’Yik streiten darüber, ob sie die Inquisitoren töten, und Larn lernt die hübsche Doppelgängerin kennen, die An’Yik im 16. Kapitel getötet hatte.
Im 18. Kapitel befreit J2 Shianuk von den autokratischen Soldaten, und die Doppelgängerin bereitet Larn eine unerfreuliche Überraschung.
Die Doppelgängerin und Jeana lernen sich im 19. Kapitel besser kennen, während David, Jake und die anderen eine Sklavenbefreiung planen.
Im 20. Kapitel reist Shianuk mit J2 zum Kehlar-Turm, und wir sehen die Welt durch die Augen des Doppelgängers.

Was heute geschieht

„Alle 22?“
„Ja, Pontifex.“
„Kein einziger Überlebender?“
„Keiner, Pontifex.“
Denianda wusste gar nicht genau, warum sie diese unangenehme Hitze in ihrem Gesicht spürte, warum sie zu schwitzen begann. Es war nicht ihre Idee gewesen, sie hatte nur den Stecker in den Androiden gesteckt, und es war ganz sicher nicht ihr Fehler, dass, was immer der Autokrat mit ihm angestellt hatte, offenbar nicht funktioniert hatte.
„Wie sind sie gestorben?“
Der Schlichter verzog sein Gesicht in einer zähnefletschenden Mischung aus Abscheu und Zorn. Die Ketten seiner zwei Morgensterne klirrten leise, als er sein Gewicht auf sein rechtes Bein verlagerte.
„Die meisten im Schlaf.“
„Ich meine, wie hat er sie getötet?“
„Ich weiß es nicht. Es waren keine Wunden zu sehen, keine Male, keine Spur eines Kampfes.“
Technologie. Denianda hatte die Relikte der Kehlar immer gehasst. Ihre Artefakte, ihre widerwärtigen lebendigen Konstrukte, all diese unverständlichen Geräte, die Dinge taten, die gar nicht möglich sein sollten.
„Wurden die Leichen schon geöffnet?“
„Ich wollte Ihnen die Nachricht so schnell wie möglich überbringen, Pontifex, ich habe die Öffnung nicht abgewartet.“
Sie seufzte und schüttelte ihren Kopf. Wahrscheinlich hatte er ihnen einfach das Genick gebrochen. Sie hatte selbst gesehen, wie er dem grünen Monster, das sie für unbesiegbar gehalten hätte, mit bloßen Händen den Kopf abriss. Die Maschine war unglaublich stark; es war offensichtlich, dass sie kein Schwert brauchte, um ein paar Soldaten zu töten. Wahrscheinlich hatte der Schlichter einfach nicht richtig hingesehen. Er fing Verbrecher, er war kein Arzt.
Wenigstens wussten sie, wo sie das vermaledeite Ding finden konnten.
Denianda erhob sich aus ihrem Sitz und bedeutete dem Schlichter mit einem Wink, ihr Büro zu verlassen, und folgte ihm nach, bevor er die Tür hinter sich schließen konnte.
Wenn es eine unangenehme Aufgabe zu erledigen gab, versuchte sie, das sofort hinter sich zu bringen, und dies war so ein Fall.
Die Leibgardisten öffneten die Mannluke im Tor zu den Gemächern des Autokraten vor ihr, und als sie eintrat, blickte er wie immer von seinem Schreibtisch zu ihr auf, mit diesen weißen Augen mit den winzigen Stecknadelpupillen in dem tiefschwarzen Gesicht.
Sie trat vor seinen Schreibtisch und kniete nieder.
Für einige Herzschläge musterte er ihr Gesicht. Er hob eine seiner Hände vor sein Gesicht, zupfte schweigend und sehr langsam den Handschuh von seinen langen Fingern – sie hatte nie richtig erkennen zu können, ob sie ein oder zwei Glieder zuviel hatten – und kratzte mit einem langen klauenartigen Nagel die Haut an der Stelle, an der die vergilbte Knochenleiste aus seinem schwarzen Schädel ragte.
„Sie sind alle tot?“ fragte er.
Sie sog hörbar Luft ein. „Woher…?“ Sie war es eigentlich gewohnt, von ihm überrascht zu werden, aber dennoch… „Ja, Gebieter.“
Er nickte abrupt, mit einem säuerlichen Lächeln.
„Ich hätte mir denken können, dass es nicht so einfach sein kann. Wahrscheinlich gibt es einen Override, der die Anweisungen des Besitzers außer Kraft setzen kann.“ Er zuckte die Schultern. „Wer weiß, vielleicht haben sie sogar mit voller Absicht eine Art Scheinzugang gebaut, um eine Reprogrammierung zu verhindern.“
Er schwieg eine lange Zeit, und sie begann, fieberhaft zu überlegen, was sie erwidern konnte, ohne entweder hoffnungslos dumm zu klingen, oder vorzuspiegeln, sie hätte verstanden, wovon er sprach, was er natürlich sofort durchschauen würde. Zu ihrer Erleichterung sprach er schließlich von selbst weiter.
„Wir könnten einfach abwarten und hoffen, dass er von selbst verschwindet. Das wäre die einfachste und sicherste Lösung.“
Wieder schwieg er. Sie hätte antworten können: „Ja, mein Gebieter“, aber sie wusste, dass ihm diese Lösung nicht gefiel, deswegen schwieg sie abermals.
„Aber die einfachste und sicherste Lösung wäre gewesen, von vornherein nicht auf diesen Planeten hier zu kommen, aber ich habe mich anders entschieden. Spuck auf die einfachste Lösung. Ich kümmere mich selbst darum.“
Er streifte seine Handschuhe wieder über, griff nach seinen Krücken und begann, sich mühsam aus seinem Sessel zu manövrieren.
„Denianda, lauf und sorge dafür, dass mein Geleitzug bereit steht, wenn ich den Hof erreiche. Ich warte nicht gerne.“
„Selbstverständlich, mein Gebieter.“
Sie sprang auf, so schnell es ihre alten Knochen und ihre lautlos aber schmerzhaft protestierenden Gelenke erlaubten, und lief wirklich – sie hatte es ewig nicht mehr versucht und war erleichtert, dass es trotz der Schmerzen noch einigermaßen ging, zur Tür und durch den Großen Saal. Sie wusste, dass sie wahrscheinlich nicht allein wieder aufstehen konnte, falls sie stürzen sollte, aber sie musste eben vorsichtig sein.
Der Geleitzug des Autokraten wurde ständig abrufbereit gehalten, aber es war ein großer Geleitzug. Es dauerte einige Zeit, bis alle Wagen, alle Reiter, alle Karss und alle Männer und Frauen, die dazu gehörten, tatsächlich auf dem Hof versammelt waren. Und der Autokrat wartete wirklich nicht gerne.

Bemerkenswert, wie schnell man sich daran gewöhnte, auf andere Sinne zu vertrauen, wenn das Augenlicht zu nichts mehr Nutze war. Larn erkannte sofort am Geräusch ihrer Schritte, dass es Jeana war, die sich ihm näherte.
Natürlich war das keine so außergewöhnliche Leistung, wenn man bedachte, dass jeder andere hier entweder schwere Stiefel trug oder, nun ja, er selbst war. Und dass darüber hinaus niemand außer Jeana und der verteufelten Doppelgängerin wusste, dass er hier gefangen war.
Er hörte den Schlüssel im Schloss der Truhe, er hörte das leise Quietschen der Scharniere, und das flackernde warme Licht einer Kerze fiel in seine entwöhnten Augen und blendete ihn, als wäre es die Sonne.
Er stöhnte, als er die Gelegenheit nutzte, seine verkrampfen Muskeln ein wenig zu lockern und sein schmerzendes Rückgrat zu strecken. Es war eine große Truhe, aber sie war nicht für den Transport von Menschen gedacht.
„Er bringt uns beide um, wenn Sie um Hilfe rufen, Exzellenz…“ murmelte sie.
Er schmunzelte. Von Anfang an schien sie noch viel mehr unter der Situation zu leiden als er selbst.
Er nickte, und sie entfernte vorsichtig den Knebel, und gab ihm einen Teller mit ein wenig Fleisch und Montaren, einer Gemüsemischung und einer großzügigen Portion Soße. Es war das gleiche, was er auch als Erster Sekretär gespeist hätte, aber es war kalt. Er aß es trotzdem. Es war auch bemerkenswert, wie schnell Ansprüche sich an die Umstände anpassten.
„Es… Ich… Es ist… Kann ich noch etwas für Sie tun, Exzellenz?“ stammelte sie. Ihr Blick irrlichterte vom Boden zum Schloss der Truhe zur Zeltwand zu ihren Händen. Überallhin, nur nicht in sein Gesicht.
„Gemeinsam können wir sie überwinden“, flüsterte er. „Wir kennen ihre Schwäche, und du bringst ihr das Larkoom, oder?“
Ihr Blick wanderte furchtsam durch das ganze Zelt, bevor sie den seinen kurz erwiderte und so heftig ihren Kopf schüttelte, dass ihre knapp schulterlangen Locken flogen.
Er nickte zweimal mit geschlossenen Augen, bevor er sich wieder seinem Essen zuwandte.
Es war kein ‚Nein, ich kann Ihnen nicht helfen’-Kopfschütteln gewesen, sondern ein ‚Darüber dürfen wir nicht einmal nachdenken, hier sind überall Ohren’-Kopfschütteln. Sie wusste, was sie zu tun hatte. Sie würde es versuchen. Zumindest hoffte er das.
„Wo sind wir?“ flüsterte er hastig zwischen zwei Bissen.
Sie sog hörbar die Luft ein und zögerte einen Moment, bevor sie sich näher zu ihm vorbeugte und beinahe unverständlich in sein Ohr hauchte: „Kurz vor Faergwyn.“
„Sie wollen zur Kehlar-Basis“, murmelte er. „Natürlich.“ Er schwieg einen Moment, während er nachdachte. Ob sie wohl einen Eingang finden würden? Die Kehlar hatten ihre Basis versiegelt, und niemand wusste, wie man sie öffnen konnte. Natürlich hatte es noch niemand versucht, der ein Raumschiff fliegen konnte und einen Androiden bei sich hatte. Es war wahrscheinlich Eile geboten. Wenn sie erst einmal in der Basis waren, konnten sie sie gewiss hinter sich wieder verschließen, und niemand würde ihnen folgen können.
Oder? Was war mit der Doppelgängerin? Die Kehlar hatten sie geschaffen, vielleicht wusste sie, wie man die Basis betrat. Aber was wollte sie überhaupt von den Weltraumreisenden?
Jeana räusperte sich leise und blickte starr zu Boden. „Ich… Es… Exzellenz, es wird Zeit… Es tut mir Leid.“
Er nickte und seufzte und gab ihr den leeren Teller zurück. Sie legte seinen Knebel wieder an. Für einen Moment trafen sich ihre Blicke, bevor sie den Deckel der Truhe schloss, und die Angst und das Flehen um Verzeihung in ihren Augen gab ihm ein wenig Trost.
Dass sie ihn um Verzeihung bat, und sei es nur mit einem Blick, bewies doch, dass sie damit rechnete, dass er lebend aus dieser verwünschten Truhe herauskommen würde. Oder vielleicht auch nur, dass sie ein Gewissen hatte; aber die erste Variante gefiel ihm besser.

„Du hast ihn verletzt!“
An’Yik fletschte ihre Zähne auf diese besorgniserregende Weise, während ihr Schwanz hinter ihr wild hin und her peitschte. Sie hielt den Klingenstab in beiden Händen, und für einen Moment dachte David, sie würde ihn angreifen, aber sie tat es nicht.
„Ich habe sie alle am Leben gelassen. Fang eine Diskussion mit mir darüber an, dass ich in meinen Versuchen, bei euren schwachsinnigen Aktionen nicht zu sterben, während ich für euch kämpfe, einem von diesen Wiederkäuern wehgetan haben könnte, ja, tu’s, bitte!“
David wich unwillkürlich zwei Schritte zurück und wandte seinen Blick von ihren gelben Reptilienaugen ab.
Sie waren drei Tage unterwegs gewesen, bevor sie die Kehlar-Basis erreicht hatten, und kurz vor der Mauer, die den verlassenen Raumhafen umgab, waren sie auf eine Patrouille gestoßen.
Aus der Entfernung hatte die Mauer im Vergleich mit dem unfassbaren Turm sehr klein ausgesehen, aber nun, da sie unmittelbar davor standen, konnte David erkennen, dass es sich um schätzungsweise zehn Meter blanken, senkrecht aufragenden Stahls handelte.
Wenigstens hatten die Soldaten ihnen keine zu großen Schwierigkeiten gemacht. An’Yik hatte sie schnell in die -
Er hörte ein Geräusch und wirbelte herum. Er brauchte ein paar Sekunden, bevor ihm klar wurde, dass Shu’Nim einen Pfeil in ihrer Hand hielt, der vorher auch noch nicht da gewesen war. Und dann plötzlich noch einen, und ihr Arm war in einer etwas anderen Position, ohne dass er die Bewegung gesehen hätte, obwohl er sie diesmal genau beobachtet hatte.
„Was…?“ hörte er Kalon hinter sich murmeln.
An’Yik reagierte als Erste, warf sich zu Boden und spähte angestrengt in Richtung der wenigen Büsche und Sträucher, die die Ebene um die Kehlar-Basis herum sehr spärlich säumten. Hinter einem davon musste der Schütze sich verstecken.
Jake war der Nächste. Er ging nur etwas unschlüssig in die Knie. Es gab nicht viel Wirksames zu tun, denn hier vor dem Stahlwall saßen sie wie die Zielscheiben, ohne Möglichkeit, Deckung zu suchen.
David fluchte und ließ sich ebenfalls fallen, gefolgt von Kalon.
„Sie befinden sich nicht in Gefahr“, erklärte Shu’Nim, die noch immer aufrecht da stand. „Es ist nur noch einer von ihnen dort drüben, und ich kann die Flugbahn seiner Pfeile aufgrund seiner Bewegungen zuverlässig prognostizieren. Er verfügt außerdem nur noch über drei weitere Geschosse und scheint gerade darüber nachzudenken, ob er sich diese nicht aufsparen möchte.“
Sie warf einen der Pfeile zurück, und er blieb mit einem hörbaren ‚Twang’ in einem Stück Holz stecken. David war sicher, dass sie den Schützen absichtlich verfehlt hatte.
„Was denkt der Kerl sich?“ schimpfte Kalon, „Hat der gedacht, er könnte uns ganz alleine überwältigen?“
„Könnt ihr noch mal erklären, warum ich den anderen nicht verletzen sollte?“
David stöhnte. „Ich dachte, es wäre nicht nötig. Er war unbewaff-“
„Ja, klar!“, unterbrach sie ihn. „Weil er einer von den bescheuerten Sklaven war, die wir unbedingt befreien mussten und die jetzt die Soldaten zu uns führen! Ich hätte euch gerne in diesem komischen Krieg erlebt, in dem ihr angeblich gekämpft habt. Ich wäre allerdings lieber auf der anderen Seite gewesen.“
„Das habe ich damals auch oft gedacht“, warf Jake ein.
Die Befreiung hatte ein geradezu groteskes Ende genommen. Die Sklaven selbst hatten sich beinahe wirksamer dagegen gewehrt als ihre Wächter, und einige schienen ihnen geradezu übelzunehmen, dass sie sie befreit hatten. Die letzten drei hatten sie regelrecht von dem Wagen wegscheuchen müssen.
„Er ist geflohen“, verkündete Shu’Nim.
„Noch einer, der unseren Verfolgern genau sagen kann, wo wir sind. Nicht, dass es auf den einen noch ankäme…“
„Wir haben es ja bald geschafft“, versuchte David sie zu beruhigen. „Wir müssen nur noch über die Mauer.“
„Nur noch…“ sagte An’Yik. Die Hitze des Kampfes schien sie langsam wieder zu verlassen, und ihre Stimme klang schon wieder viel weniger aggressiv als vorhin. „Das Ding ist bestimmt fünf Räder hoch!“
„Irgendwo muss ein Eingang sein“, sagte Kalon, ebenfalls spürbar darum bemüht, sie zu beschwichtigen. „Wir werden ihn finden.“
„Wir sollten ihn bald finden“, sagte Shu’Nim. „Der Hauptteil der autokratischen Armee ist soeben in Sichtweite gekommen.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Ich könnte Sie hinüberwerfen. Wahrscheinlich würden sich einige von Ihnen verletzen, aber es wäre die schnellste und zuverlässigste Lösung.“
„Meint sie das ernst?“ fragte Jake, während er langsam wieder aufstand und sich den Staub von seinen Kleidern klopfte.
„Lass uns beten, dass wir es nicht herausfinden“, antwortete David.

Lesegruppenfragen

  1. Ich habe in der letzten Szene ein paar Tage übersprungen, um euch nicht mit zu viel Füllstoff zu langweilen. Hat euch das gestört, oder ist das in Ordnung so? Vielleicht findet ihr es ja grundsätzlich in Ordnung, hättet es aber lieber gehabt, wenn ich es auf andere Weise gemacht hätte?
  2. Überhaupt waren die Szenen diesmal alle etwas knapper und skizzenhafter. Das ist zwar Absicht, aber ich bin mir nicht sicher, ob es nicht doch besser gewesen wäre, ausführlicher zu schreiben. Was meint ihr? (Es bleibt jedenfalls nicht bis zum Schluss so, keine Sorge.)
  3. Kam euch die Relation zwischen Larn und Jeana in der zweiten Szene plausibel vor?
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10 Antworten zu Menschenähnlich (21)

  1. Guinan sagt:

    1. Das war absolut in Ordnung. Ist mir so wesentlich lieber, als wenn du den Kampf ausführlich beschrieben hättest. Allerdings hoffe ich, du steuerst jetzt noch nicht auf das Ende zu, da die Kehlar-Basis ja erreicht ist. Ich erwarte da noch eine ganze Menge Handlung, Bücher so ab 1000 Seiten sind mir immer die Liebsten.
    2. So überaus szizzenhaft kam mir das gar nicht vor, ich hatte alles ziemlich plastisch vor Augen. Es gefällt mir auch gut, dass du mal wieder drei Szenen unterbringen konntest, dann sind die Zeiträume zwischen den Handlungssträngen nicht so lang. Schön, dass der Autokrat mal wieder dabei war, ich hatte schon auf ihn gewartet.
    3. Ich finde das Verhalten schlüssig, es passt dazu, wie du die beiden bisher geschildert hast. Leona immer noch etwas verhuscht, Larn schon wieder am Pläne schmieden.

  2. Muriel sagt:

    @Guinan: Na, da bin ich ja erleichtert. Ich hatte wegen dieses Kapitels doch etwas zwiespältige Gefühle.
    1. Hm… Da muss ich dich vielleicht enttäuschen. Ich kann zwar noch nicht sagen, ob uns noch zwei oder fünf oder zehn Kapitel bevorstehen, aber obwohl ich die dicken Bücher auch gerne lese, habe ich noch nie eins geschrieben. Vielleicht tröstet es dich, dass nach diesem Fortsetzungsroman mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit ein weiterer folgen wird.
    2.Ja, ich auch. Bin gespannt, was da noch auf uns zukommt.

  3. Andi sagt:

    1. Ich find´s ganz gut, wenn nicht alles beschrieben wird und auch mal was übersprungen wird. Zumal wenn es so gemacht wird wie von dir hier, dass du nochmal kurz auf das eingehst, was vorher passiert ist. Das ist gelungen, find ich. Dass allerdings gleich ein paar Tage zwischen der letzten und dieser Szene liegen hätte ich nun nicht vermutet.

    2. Das passt ganz gut, ist auch gut für die Spannung.
    Ich empfand es auch wie Guinan. Und hab mich auch über den Autokraten gefreut. :)

    3. Auch da möchte ich mich Guinan anschließen, wenn ich darf. Ich bin vor allem gespannt, wie es da weitergeht. Larn mag ich ja.

    4. Und jetzt freu ich mich auf das, was uns hier in den nächsten Tagen erwartet. Ich bin gespannt. :)

  4. Ja, Larn, gib alles! :-D
    1. Ich find’s gut, denn zu detailverliebt kann ermüdend werden.
    2. Habe ich gar nicht so sehr als “skizzenhaft” empfunden. Man kennt die Personen aus diesem Kapitel ja mittlerweile auch recht gut, so dass lange Beschreibungen hier nicht nötig waren.
    3. Ja, das ist für mich plausibel, Jeana ist halt sehr loyal.

  5. Muriel sagt:

    @Andi: 1. Es schien mir gerade für alle Beteiligten zu mühselig, die Reise zur Basis noch im Detail zu schildern. Schon das mit der Sklavenbefreiung kam mir irgendwie künstlich vor. Rückblickend hätte ich das vielleicht lieber weggelassen.
    4. Und ich erst. Das YouTube-Video habe ich ja jetzt schon mal hinter mir, ohne dass jemand verletzt wurde.
    @Fellmonsterchen: Danke, schön, dass es dir gefallen hat.

  6. Andi sagt:

    Muriel:
    Wegen der Sklavenbefreiung war ich auch erst skeptisch, aber ich muss rückblickend sagen, dass das doch völlig okay war und nicht unpassend, weil du das in dieser Szene gut aufgelöst hast.

  7. Guinen sagt:

    Die Sklavenbefreiung ging mir auch zu sehr in Richtung Gutmenschentum. Gut, dass das nicht so ganz geklappt hat – obwohl – dadurch könnten sich ja diverse Probleme auftun, reichlich Potential, um das Buch locker um 5 bis 10 Kapitel zu verlängern.

  8. Chlorine sagt:

    Zu deinen Fragen ist von meinen Vorgängern eigentlich alles gesagt worden, was auch ich hätte formulieren wollen.
    Eins möchte ich jedoch noch loswerden: Shu’Nims Vorschlag gen Ende – grandios! Ich musste mich erst einmal in meine Kicherecke verziehen. Das hatte etwas von Datas unfreiwilligem Humor. :)

  9. Muriel sagt:

    @Guinan: Deine Begeisterung für diese Geschichte ehrt dich, aber früher oder später wird sie zu Ende gehen, so traurig das für uns alle ist…
    @Chlorine: Danke! Schön, dass es angekommen ist.

  10. Guinan sagt:

    Hach, dann werde ich wohl lernen müssen damit zu leben ;-)

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