Menschenähnlich (22)

Ich kann gar nicht sagen, woran es liegt, aber ich habe zurzeit so viele Themen, über die ich schreiben möchte, dass Menschenähnlich beinahe noch paar Tage hätte warten müssen. Vielleicht hat es was damit zu tun, dass die Geburtstagswoche mich davon abgehalten hat, den alltäglichen trivialen Kram zu schreiben, der sonst immer dieses Blog dominiert, und der sich nun aufgestaut hat. Vielleicht. Jedenfalls habe ich für heute entschieden, euch trotzdem ein neues Kapitel unseres Fortsetzungsromans zu schreiben. Hier ist es!

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel wohnen wir dem Aufbruch zweier Raumfahrer namens Jake und David bei, die eine kostbare Fracht aus 13 Androiden zu einem fremden Planeten transportieren sollen.
Bereits im zweiten Kapitel folgt der abschussbedingt gewaltsame Abbruch dieser Reise. Dafür lernen wir Kalon und An’Yik kennen, die sich als reisende Helden betätigen und dabei anscheinend auch manchmal vor ethisch nicht ganz einwandfreie Vorgehensweisen zurückschrecken. Sie sehen den Absturz des Raumschiffes und hoffen auf reiche Beute.
Im dritten Kapitel erwachen Jake und David in ihrem abgestürzten Raumschiff und retten sich, einen der Androiden und ein paar andere Kleinigkeiten in ein Rettungsboot, bevor das Schiff im Meer versinkt. Gleichzeitig lauert ein Schlichter gemeinsam mit ihrem verräterischen Gefährten Berren den beiden reisenden Helden auf, um sie einem unerfreulichen Schicksal zuzuführen.
Im vierten Kapitel packen David und Jake ihr neues Spielzeug aus, und Kalon erwacht aus der Betäubung, in die der Blasrohrpfeil des Schlichters in versetzt hat. Er stellt fast, dass seine Gefährtin An’Yik ihn zwar aus der unmittelbaren Gefahr retten konnte, nun aber ihre ganz eigenen Probleme mit dem Pfeilgift hat.
Im fünften Kapitel haben wir den Autokraten und seinen Ersten Sekretär Larn kennengelernt, die gemeinsam danach streben, die kostbare Ladung der Emerald-17 in die Hände zu bekommen. Währenddessen lernten David und Jake ein Stück dieser Ladung noch etwas näher kennen, und Kalon und An’Yik fanden ihre Spuren im Sand.
Auch im sechsten Kapitel kam noch mal jemand Neues dazu: Shianuk und ihr Onkel Noot haben einen unserer Androiden am Strand gefunden, werden aber leider unterbrochen, bevor sie ihn näher kennenlernen können. Währenddessen erklärt Jake David, was genau ihn an der Maschine so sehr stört, bis die mit Kalon und An’Yik ans Lagerfeuer zurückkehrt.
Im siebten Kapitel muss der Erste Sekretär unter äußerst widrigen Umständen eine Reise beginnen, Kalon bietet sich und An’Yik als Führer an, wird aber von der überraschenden Ankunft weiterer Besucher unterbrochen, und Shianuk lernt den Mann aus der Kiste kennen.
Jake findet im achten Kapitel seine Munition nicht, aber Kalon kann die Gruppe mit einem gewagten Bluff retten. Shianuk beantwortet die Fragen des Mannes aus der Kiste, so gut sie kann, und lässt sich überreden, sich mit ihm auf die Reise zum Autokraten zu machen.
Im neunten Kapitel lernt der Zweite Sekretär den Autokraten kennen, und der Erste Sekretär erfährt von der Begegnung der vier Soldaten mit den Weltraumfahrern. Seine Patrona macht einen Vorschlag.
Im 10. Kapitel baut der Mann aus der Kiste ein Floß für Shianuk, Jake, David, An’Yik, Kalon und die Androidin teilen sich auf.
Der Autokrat besucht im 11. Kapitel eine alte Freundin, die ihm bei der Suche nach den Flüchtlingen helfen soll, und An’Yik, Jake und die Androidin lernen sich unterwegs etwas besser kennen.
Im 12. Kapitel lässt der Erste Sekretär sich erwehttp://ueberschaubarerelevanz.wordpress.com/wp-admin/post-new.phpichen, und Shianuk und der Androide erobern den Palast des Autokraten, nachdem sie den sonderbaren und völlig unpassend benannten Kopfkäfer kennengelernt haben.
Im 13. Kapitel werden David und Kalon von Dick und Doof verhaftet, und die An’Yik macht sich Sorgen, weil die beiden nicht pünktlich am Treffpunkt erscheinen, nachdem sie entschieden hat, Jake vorerst nicht zu essen.
Shianuk und der Androide werden im 14. Kapitel vom Autokraten überrascht, und David, Kalon, Dick und Doof fallen in die Hände einer Einheit der Autokratischen Armee.
Im 15. Kapitel werden die Gefangenen dem Ersten Sekretär vorgeführt, aber etwas kommt dazwischen, und genau dieselbe Störung nutzen An’Yik, Shu’Nim und Jake, um einen Befreiungsversuch zu unternehmen. Shu’Nim macht einen Witz.
Im 16. Kapitel kommen die drei gerade rechtzeitig, um einen Versuch zu vereiteln, David und Kalon aus der Gefangenschaft zu entführen und sie dann selber zu befreien. Gleichzeitig muss die Pontifex an J2 herumbasteln, obwohl sie gar nicht will.
Shianuk wird im 17. Kapitel von der Pontifex aus ihrem Gefängnis befreit. David und An’Yik streiten darüber, ob sie die Inquisitoren töten, und Larn lernt die hübsche Doppelgängerin kennen, die An’Yik im 16. Kapitel getötet hatte.
Im 18. Kapitel befreit J2 Shianuk von den autokratischen Soldaten, und die Doppelgängerin bereitet Larn eine unerfreuliche Überraschung.
Die Doppelgängerin und Jeana lernen sich im 19. Kapitel besser kennen, während David, Jake und die anderen eine Sklavenbefreiung planen.
Im 20. Kapitel reist Shianuk mit J2 zum Kehlar-Turm, und wir sehen die Welt durch die Augen des Doppelgängers.
Im 22. Kapitel bricht der Autokrat zu einer Reise auf, der Erste Sekretär bekommt etwas zu essen und Jake, David und die anderen erreichen den Kehlar-Turm.

Was heute geschieht
Es tat sehr weh. Die Luft wurde mit einem harten Schlag aus ihren Lungen gepresst und ihr Rückgrat fühlte sich für einen Moment an, als würde es brechen.
Shianuk hatte es sich nicht so schmerzhaft vorgesellt. Sie hatte gedacht, wenn J2 mit ihr in seinen Armen über die Mauer sprang, würde er die Landung auffangen, und sie würde nur einen leichten Ruck spüren.
„Soweit ich erkennen kann, dürften Sie lediglich einige Blutergüsse erlitten haben“, hörte sie seine freundliche, kalte Stimme sagen, während er sie auf dem Boden absetzte. „Ist das korrekt?“
Sie stand auf zitternden Knien direkt vor dem endlosen Turm, zu dem sie schon damals nicht aufzusehen gewagt hatte, und war sich selbst nicht sicher.
„Ich glaub schon“, antwortete sie schließlich.
„Bitte zeigen Sie mir nun den geheimen Eingang, von dem Sie gesprochen haben.“
Shianuk atmete tief durch und nickte.
Es war eigentlich kein geheimer Eingang. Es war einfach nur eine Tür, die nicht verschlossen war. Sie wusste nicht, ob die Technik versagt hatte, oder ob es den Kehlar einfach egal war, ob jemand ihre verlassene Basis betrat.
„Ich denke… Es ist lange her, und hier sieht alles so gleich aus, aber… es müsste hier lang gehen“, sagte sie.
Und sie führte J2 an der Wand des Turmes entlang, deren Krümmung aus dieser Nähe kaum noch zu erkennen war. Die Fläche zwischen Turm und Mauer war größtenteils leer, von einigen Pflanzen und kleinen Tieren abgesehen. Nur hin und wieder lag dort etwas, was Abfall der Kehlar sein musste, wie sie an den fremden Materialien und den bunten Farben erkennen konnte. Sie hatte sich nie gefragt, wofür die Mauer überhaupt gut sein sollte. Sie hatte sie immer für völlig selbstverständlich gehalten, weil menschliche Festungen auch so gebaut wurden, aber jetzt fiel ihr zum ersten Mal auf, dass der Turm der Kehlar auch ohne die Mauer eigentlich völlig unbezwingbar war. Was hatten sie sich davon versprochen, noch eine ringförmige Mauer im Abstand einiger Räder um ihren Turm zu errichten? Vielleicht hatten sie einfach einen Hof haben wollen, auf dem sie frische Luft atmen und die Sonne genießen konnten.
Sie begann gerade, daran zu zweifeln, dass sie die Tür noch finden würde, als sie sie schließlich entdeckte. Wer es nicht wusste, hätte sie nicht als Tür erkannt, denn es waren keine Scharniere oder auch nur so etwas wie Nähte in der stählernen Oberfläche der Turmwand zu erkennen. Von außen war nur ein kleines eingraviertes Schriftzeichen zu sehen.
Shianuk trat an den Turm heran, atmete tief durch und legte ihre Hand auf das unverständliche Zeichen. Mit einem leisen Surren öffnete sich eine zuvor unsichtbare Tür.
„Arrrgh!!“ Der Mann, der hinter der Tür gestanden hatte, stolperte erschrocken zurück und wäre beinahe über den Saum seiner langen senfgelben Kutte gestolpert. Die zurückgeschlagene Kapuze offenbarte einen kahlen Schädel, dessen Haarlosigkeit durch einen wallenden schmutziggrauen Vollbart ausgeglichen wurde, der bis zu seinem Bauch herabfiel und sein gesamtes Gesicht unterhalb der Nase vollkommen verdeckte. Über der Nase starrten zwei hellblaue Augen fassungslos auf seine leeren Hände.
„Ich bitte um Ihr Verständnis, dass ich Drohungen mit Energiewaffen nicht hinnehmen kann“, sagte J2. Er hielt ein Artefakt nicht unähnlich der Waffe, die der Autokrat gegen ihn eingesetzt hatte, in seiner rechten Hand. Er hielt es allerdings nicht so, wie der Autokrat seines gehalten hatte, wie einen Revolver auf sein Gegenüber gerichtet. Er hielt es einfach nur, als würde er es tragen.
Shianuk hatte die Bewegung nicht gesehen, mit der J2 dem glatzköpfigen alten Mann seine Waffe weggenommen hatte, bevor die Tür ganz offen war, aber es überraschte sie nicht mehr besonders.
Der bärtige Mann in der Kutte blickte mit einer Mischung aus Entrüstung, Angst und Ärger zwischen seiner Hand und J2 hin und her. Er hielt das Handgelenk seiner rechten Hand in der linken, mit der Handfläche nach oben. Shianuk bemerkte, dass zwei seiner Finger zur Seite abgeknickt waren und sein Zeigefinger über dem ersten Gelenk abgerissen war. Aus dem Stumpf tropfte Blut, aber viel weniger, als sie erwartet hatte.
„DÄMON!“ brüllte der bärtige Mann. „DÄMON! Weiche!“
„Es muss ein Missverständnis vorliegen“, sagte J2, während er durch die offene Tür hinein in den Gang trat, der sich dahinter auftat, und sich dem Mann näherte.
Die Wände des Ganges bestanden aus glattem spiegelnd glänzendem Metall, und obwohl Shianuk keine Lichtquelle erkennen konnte, wurde er offensichtlich durch mehr beleuchtet als durch die von draußen herein scheinende Sonne.
„DÄMON!“ Der Mann in der Kutte taumelte weiter zurück durch den Gang, während er vor J2 zurückwich.
„Ich bin kein Dämon. Sind Sie mit der Topologie dieses Gebäudes vertraut?“
Shianuk folgte den beiden, teils aus Neugier, teils um nicht alleine zurückzubleiben. Sie bemerkte in unregelmäßigen Abständen verschiedene weitere Schriftzeichen an der ansonsten makellos glatten Wand und fragte sich, was sie zu bedeuten haben mochten.
„DÄMON! Weiche!“
„Beantworten Sie meine Frage, oder ich werde Sie zwingen, meine Frage zu beantworten.“
Der bärtige Mann hielt inne, fiel auf seine Knie und faltete seine Hände, so gut er konnte. „Nesh Ni hergt be del lehoch de minjh pa dur…“ begann er mit geschlossenen Augen eindringlich in einer Sprache vor sich hinzumurmeln, die Shianuk noch nie gehört hatte.
J2 blieb kurz vor ihm stehen und schaute zu ihm hinab.
„Ich nehme an, dass Sie mich weiterhin für einen Dämon halten und versuchen, mich durch Gebete zu vertreiben. Sie werden auf diese Weise-“
Shianuk spürte das dumpfes ‚Thump!’ mehr, als dass sie es hörte, bevor J2 gegen die metallen glänzende Decke des Tunnels geschleudert wurde. Für einen Augenblick blieb er dort hängen, bevor er – weiterhin an der Decke entlang – mit beängstigender Geschwindigkeit zum Ausgang zu gleiten begann und über Shianuks Kopf hinweg gegen die Mauer flog. Er schlug dort mit einem überraschend lauten, glockenähnlichen Laut auf und landete schließlich zu Füßen der metallenen Mauer. Shianuk konnte noch sehen, dass er dort zumindest eine kurze Zeit reglos liegenblieb, bevor sich die nach draußen führende Tür schloss.
„Mreach Khoj du bhin“, hörte sie die Stimme des glatzköpfigen Mannes in der Kutte hinter sich.
Sie wirbelte erschrocken herum und sah ihn sehr dicht vor ihr stehen. Seine hellblauen Augen blitzten sie erwartungsvoll an, und sein schmutziger Bart hatte sich in einem breiten Grinsen über seinem Mund geteilt, um eine unvollständige Reihe ungepflegter Zähne zu offenbaren. Sie sah Essensreste in den Haaren um seine Lippen hängen, die nicht mehr genau identifizierbar waren.
„Mein Gott ist groß, und wir freuen uns, dich kennenzulernen“, rief er, „Wir werden dich sehr nah kennenlernen!“

Um die Wachen vor dem Eingang nicht zu irritieren, trat Jeana wie selbstverständlich in das Zelt und widerstand dem Drang, zuerst vorsichtig durch die Öffnnung zu spähen und sich dann hineinzuschleichen. Sie musste sich auf die Zunge beißen, um nicht laut aufzuschreien.
Als sie das Zelt betrat, entfaltete sich die unmöglich in dem Sessel hängende Gestalt auf eine Art, die beinahe Übelkeit verursachte. Die Doppelgängerin schien sich vor ihren Augen langsam aufzuklappen, bis ihre Körperteile wieder eine Form bildeten, die einem menschlichen Körper entsprach.
Auch ihr Gesicht brauchte ein wenig Zeit, um sich neu zu formen. Als sie das erste Mal zu Jeana aufblickte, war ihre Nase viel zu breit und viel zu weit auf der linken Seite ihres Gesichts, ihre Augen waren vollständig leuchtend rot, ohne Iris und ohne Pupillen, und wo ihr Mund hätte sein müssen, war nur glattes, nahtloses Fleisch wie eine zweite Stirn.
Die Doppelgängerin vergrub ihr Gesicht in ihren Händen und rieb sie auf und ab, als wäre sie gerade aufgewacht, und als sie ihren Blick wieder zu Jeana erhob – war sie Larn.
Jeana dachte immer noch von ihr als weiblich, und sie konnte sich nicht von der Vorstellung befreien, dass die violettäugige junge Frau ihre wirkliche Gestalt gewesen war, und Larns Gesicht nur eine Maske, obwohl sie sich eigentlich sicher sein konnte, dass auch diese Gestalt einfach nur eine andere, frühere Maske gewesen war. Wer war sie wohl gewesen, bevor die Doppelgängerin sie getötet hatte? Hatte die Doppelgängerin eine wahre Gestalt, oder hatte sie nur Masken?
Für eine unangenehm lange Zeit starrte die Doppelgängerin Jeana stumm an, bevor sie schließlich langsam ihren Mund öffnete, wieder schloss und genau so langsam wieder öffnete.
„Sieh an…“ sagte sie mit einer Stimme, die beinahe Larns war, aber so klang, als würden andere Stimmen leise mitflüstern. „Da habe ich Glück gehabt, dass du es bist, was?“
Jeana zwang sich zu einem zitternden kurzlebigen Lächeln.
„Du hast mir viel mehr Larkoom gebracht, als ich brauche“, sagte eine Stimme, die gar nicht mehr nach Larn klang, während das linke Auge der Doppelgängerin sich langsam schloss.
Sie wusste nicht, was sie antworten konnte. Es stimmte natürlich. Es war beinahe eine doppelte Dosis gewesen, und die Vorräte des gekaperten andarssianischen Schiffes waren nun beinahe aufgebraucht. Sie hatte gehofft, dass die Doppelgängerin vielleicht davon sterben, oder wenigstens das Bewusstsein verlieren würde, aber es hatte nicht gereicht.
Wieder verging Zeit, die sich für Jeana sehr lang anfühlte, ohne ein Wort. Das linke Auge hatte sich nun ganz geschlossen, und es war kaum noch zu erkennen, dass dort einmal ein Auge gewesen war.
„Warum…“ Die Doppelgängerin stockte und machte eine Pause und stand mit einer sonderbar umständlichen Bewegung aus dem Sessel auf, bevor sie neu begann: „Was bringt dich dazu, ihm weiter zu gehorchen? Wieso…“ Sie ließ sich kopfschüttelnd wieder zurück in den Sessel fallen, und ihr Kopf knickte nach hinten über und schlug gegen die Lehne. „Ich bin jetzt der Erste Sekretär. Ich kann entscheiden, was mit dir passiert. Ich kann dich zu einer Fürstin machen, und mit einer Geste kann ich deinen Tod befehlen. Er liegt in einer Kiste!“
Sie schrie die letzten Worte und schlug mit einer Faust auf den Schreibtisch, und Jeana schrak zurück, stolperte über eine Unebenheit im Boden des Zeltes und fiel. Sie konnte sich mit den Armen abstützen und verletzte sich deshalb nicht, aber sie schaffte es nicht, sofort wieder aufzustehen.
Die Doppelgängerin schwang sich über den Schreibtisch und landete über ihr, Larns Gesicht unmittelbar vor Jeanas, der süßlich-faulige Atem heiß auf ihrer Haut.
Jeana biss ihre Zähne zusammen, so fest sie konnte und presste ihren Kopf gegen den Erdboden in dem Versuch, ihr nicht zu nahe zu kommen. Sie wollte schreien, aber sie tat es nicht, weil sie sicher war, dass es ihr Ende wäre. Oder nicht? Sie fragte sich, ob es nicht besser wäre zu schreien. Die Wachen würden sofort erkennen, dass dies nicht der echte Erste Sekretär sein konnte, oder nicht?
„Wenn du…“ Die Doppelgängerin stockte wieder und hob ihren Kopf in Richtung des Eingangs. „Was ist das?“ zischte sie. Ihr Gesicht begann, sich langsam wieder zu ordnen, und an der leeren Stelle über ihrer Nase öffnete sich das glatte Fleisch, und das Auge formte sich neu.
Jeana spürte Übelkeit in sich aufsteigen und wandte ihren Blick ab. Sie hatte keine Vorstellung, was die Doppelgängerin meinen könnte.
Sie sah schon wieder genau wie der Erste Sekretär aus, als sie aufsprang. Jeana war so verwirrt und erleichtert, dass die unmittelbare Gefahr vorbei zu sein schien, dass sie die Geräusche von draußen zunächst gar nicht hörte. Rufe, viele Menschen, die durcheinander liefen, kurz gebellte Befehle, das leisere Raunen vieler Stimmen im Hintergrund.
„Steh auf!“ zischte die Doppelgängerin ihr zu, „Und richte deine Kleider!“ fügte sie hinzu, während sie an ihrem eigenen Kostüm herumzupfte und zu ihrem Schreibtisch zurückkehrte.
Jeana fühlte sich immer noch halb betäubt und wie im Traum, als sie sich vom Boden aufstemmte, und sie hatte gerade begonnen, den Staub von sich abzuklopfen, als die Öffnung des Zeltes aufgestoßen wurde und eine Gruppe von Gardisten in glänzenden Plattenpanzern hineinströmte und Position einnahm.
Jeana hatte Jahrelang in Tashino-Ri gelebt und verstand sofort, was geschah. Sie fiel auf die Knie, wo sie stand, gerade noch rechtzeitig, bevor sie die unregelmäßigen Schritte des Autokraten hörte, unterbrochen vom leisen Aufsetzen seiner Krücken auf dem weichen Boden.
„Hallo Larn“, vernahm sie die stimmlose Stimme des Autokraten, und für einen Moment schaute sie unwillkürlich zu ihm auf.
Der Autokrat stand halb aufrecht, die Arme auf seine beiden Krücken gestützt, die Beine eingeknickt – er schien mindestens zwei Paar Knie zu haben, die in entgegengesetzte Richtungen beweglich waren. Er hatte seinen Kopf leicht schief gelegt und die stecknadelkopfgroßen Pupillen der niemals blinzelnden weißen Augen in dem nachtschwarzen Gesicht unter der Kapuze starr auf die Doppelgängerin gerichtet. Ein kleines Lächeln um seinen lippenlosen Mund.
Schnell senkte sie ihren Blick wieder zum Boden. Ahnte er, dass etwas nicht stimmte? Oder starrte er andere Menschen immer auf diese beunruhigende Art an, wenn er mit ihnen sprach?
„Mein Gebieter.“
Die Stimme des Ersten Sekretärs zitterte ein wenig. Vielleicht, weil sich die Doppelgängerin fürchtete, vielleicht auch nur, weil sie die Furcht Larns vor dem Autokraten imitierte. Jeana war nie bei einem Gespräch zwischen den beiden zugegen gewesen.
Der Autokrat humpelte näher an den Schreibtisch.
„Steh auf, Larn, und sieh mich an.“
„Ja, mein Gebieter.“
Jeana hörte die Bewegung, als die Doppelgängerin aufstand und lugte vorsichtig aus ihrer knienden Position in Richtung des Schreibtischs.
Der Autokrat hatte sich ein wenig über den Tisch gebeugt, um Larns Gesicht aus großer Nähe zu mustern. Ihre Nasen hätten sich beinahe berührt, wenn der Herrscher des Reiches eine gehabt hätte.
Larn trat einen Schritt zurück und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, verstummte aber, als der Autokrat eine weiß behandschuhte Hand erhob und seinen Kopf schüttelte.
„Was hast du mit meinem Ersten Sekretär gemacht?“ wisperte er.
Die Geschwindigkeit, mit der seine Leibgardisten reagierte, verblüffte Jeana. Das letzte Wort des Autokraten war kaum verklungen, und sogar die Doppelgängerin selbst schien noch nicht begriffen zu haben, was er gerade gesagt hatte, als das hektische Klirren von Kettenhemden und Plattenpanzern und die Befehle eines Offiziers bereits das Zelt erfüllten.
Jeana selbst konnte sich gerade noch rechtzeitig zurückwerfen, bevor die schweren Stiefel der Soldaten sie aus dem Weg treten konnten. Sie schrie vor Schreck und Schmerz auf, als sie sich auf ihrem linken Handgelenk abstützen wollte und spürte, dass sie mit zu viel Schwung und im falschen Winkel darauf gelandet war.
Licht strömte in das Zelt, als einer der Soldaten die hintere Wand aufschnitt, um die fliehende Doppelgängerin verfolgen zu können.
Jeana umklammerte ihr schmerzendes Handgelenk und blieb schwer atmend und so erleichtert wie erschöpft am Boden liegen. Sie war froh, dass es vorbei war, bis sie ein leises, lauerndes Zischen ganz nah an ihrem Ohr hörte: „Wo ist mein Erster Sekretär, Mädchen? Und warum bist du nicht bei ihm?“

Lesegruppenfragen

  1. Die erste Szene kommt mir insgesamt irgendwie noch ein bisschen zu fade vor. Vielleicht müsste ich die Station doch noch etwas farbiger beschreiben, oder es müsste noch ein bisschen mehr passieren… Was meint ihr?
  2. Falls hier ein Physik-Nerd mitliest: Ich bin gerade zu faul, um nachzurechnen, ob meine Beschreibung von Shianuks und J2s Landung plausibel ist, wenn man davon ausgeht, dass die Mauer so zehn bis maximal 20 Meter hoch ist. (Ich glaube, ich habe mich da bisher noch nicht genau festgelegt.) Wie steht ihr dazu?
  3. Findet ihr Formprobleme der betäubten Doppelgängerin überzeugend, oder hättet ihr euch das anders gewünscht?
  4. Und da wir dabei sind: Sie ist einerseits anfangs einigermaßen verwirrt, kann sich dann aber doch zunächst einigermaßen zusammenreißen, als der Autokrat erscheint. Kam euch das schlüssig vor?
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6 Antworten zu Menschenähnlich (22)

  1. Andi sagt:

    1. Zu fade? Also, ich wollte grad schreiben, dass ich ie nahezu perfekt finde. Sie baut sich schön langsam auf und ich dachte die ganze Zeit, dass gleich was Unerwartetes passiert und so war es dann auch. Es war auch passend geschrieben, also mir fehlt in dieser Szene gar nix.
    Meine Lieblingsstelle:

    „Ich denke… Es ist lange her, und hier sieht alles so gleich aus, aber… es müsste hier lang gehen“, sagte sie.
    Und sie führte J2 an der Wand des Turmes entlang, deren Krümmung aus dieser Nähe kaum noch zu erkennen war.

    Alleine dieses “Und sie führte…” im Satzanfang – das find ich großartig. Es sind manchmal die kleinen Dinge, die mich begeistern. :)

    2. Ich bin kein Physiker, aber es klang für mich plausibel. Vermutlich hätte aber auch alles andere für mich plausibel geklungen, weil ich von solchen Sachen schlicht und ergreifend keine Ahnung habe und sie mir auch zu kompliziert sind. :)

    3. Ich glaube, das hast du vorher noch nie so geschildert, oder? Die Formulierung, dass sie noch ein bißchen an sich rieb, oder so ähnlich, war mir etwas zu flapp, zu einfach, zu banal. Aber das macht die Szene nicht schlechter. Die Idee, dass Jeana zuviel Larkoom gegeben hat, fand ich allerdings gut. Braves Mädchen.

    4. Sicherlich. Vor dem Autokraten würd ich mich auch zusammenreißen. Ich wusste gar nicht mehr, dass der keine Nase hat.

    5. Ich find´s übrigens fies, dass ich jetzt wieder eine Woche ungefähr warten muss, bis das nächste Kapitel kommt. Ich will in beiden Fällen wissen, wie´s weitergeht.

    6. Ich mach mir ja immer Sorgen um Jake. Geht´s ihm gut?

  2. Muriel sagt:

    @Andi: 1. Das freut mich natürlich riesig. Ich mag auch Sätze, die mit “Und” anfangen, aber das geht leider nicht jedem so.
    4. Ich muss sowas auch immer noch mal nachschlagen. Seit drei oder vier Geschichten nehme ich mir auch jedes Mal vor, dass ich die Beschreibungen der Hauptpersonen in einem separaten Dokument ablege, damit ich nicht so lange suchen muss, aber bisher habe ich es noch nicht geschafft.
    5. Ich möchte ja auch gerne mehr Zeit mit Schreiben zubringen. Wenn du noch ein paar hunderttausend Leute mehr dazu bringst, mein Blog zu lesen, wäre das also die totale Win-Win-Situation. Wie wär’s?
    6. Ich denke schon.

  3. Guinan sagt:

    Ich schließe mich überwiegend Andi an. Dies ist auf jeden Fall eine der besten Folgen. Besonders der Cliffhanger nach dem ersten Teil, der hat’s mal wieder in sich.

    Zu 2.: Hier wird sehr anschaulich beschrieben, wie sich ein Sprung ins Wasser aus der Höhe anfühlt.
    http://www.redbull.de/cs/Satellite/de_DE/Article/Bader–Man-muss-auf-K%C3%B6rper-und-Seele-h%C3%B6ren-021242825638778
    Da man ja davon ausgehen kann, dass J2 einen großen Teil der Energie abgefedert hat, scheint das schon zu passen.
    5. Wenn du flattrn möchtest – da war schon mal der eine oder andere Artikel, bei dem ich geklickt hätte.
    6. Jack kommt schon zurecht, der fällt immer auf die Füße. Kümmern wir uns lieber weiter um die Anderen….

  4. Muriel sagt:

    @Guinan: Vielen Dank, das freut mich sehr, und vielen Dank auch für den Link.
    5. Ach. Erstens habe ich keine Einladung, und zweitens – und viel wichtiger – finde ich den Namen so unschön. Ich glaube, ich will vorerst keinen solchen Knopf, obwohl mir dein Hinweis natürlich schmeichelt. (Ein weiterer Haken an der Sache wäre übrigens, dass ich überschaubare Relevanz dann für ein paar Euro im Monat quasi zu einem gewerblichen Blog machen würde und sich damit ganz andere rechtliche Anforderungen auftäten. Zum Beispiel stünde die Impressumspflicht dann wohl außer Frage, und die möchte ich ja eigentlich vermeiden.)
    6. Man kann es eben nicht allen recht machen.

  5. Andi sagt:

    Muriel:
    1. Sätze mit “Und” am Anfang passen halt nur nicht überall. Hier passt es hervorragend.

    5. Ich würde auch bei einigen Beiträgen klicken, wenn du dich bei Flattr anmelden würdest. Allerdings mein ich auch, dass man auch gut ohne klarkommt, oder?
    Das mit den hunderttausend Lesern ist kein Problem. Ich sag einfach allen Lesern meines Blogs, dass sie hier mal rumkommen sollen. Dann haste deine 100.000! :)

  6. Chlorine sagt:

    Wieder mal extrem kurzweilig und spannend, Chapeau!

    1. Dass du die erste Szene fade findest, kann ich mir eigentlich nur so erklären, dass du das Ganze beim Schreiben sehr oft durchspielst. Für den Leser aber ist es völlig neu und spannend.
    Das einzig Störende für mich ist die etwas “respektlose” Beschreibung des Greises (Essensreste am Mund und im Haar). Die schlechten Zähne sind plausibel, aber einer, der J2 sozusagen auf die Knie zwingt, sollte doch im stande sein, sich hin und wieder das Essen aus dem Bart zu streichen, oder?

    2. Als Physik-Abwählerin ists plausibel.

    3. Dass es für sie Anstrengung bedeutet, ihre Form schnell zu wechseln oder zu halten, hattest du – glaube ich – zuvor erwähnt. Ich empfand die Beschreibungen des Gesichts sehr passend zu den Empfindungen Jeanas.

    4. Wer kein Plätzchen vom Autokraten angeboten bekommen will, tut gut daran, sich zusammenzureißen. :)

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