Die schweigende Mehrheit

31. August 2010

Man sagt ja gemeinhin, dass die ganz überwiegende Mehrzahl der Blogleser genau das ist: Leser, die friedlich konsumieren und sich in aller Regel nicht die Zeit nehmen, Kommentare zu schreiben. Sie sind sozusagen die Grundlast eines Blogs, die in Form einer aufmunternden Statistik dem Blogger das Gefühl gibt, wirklich für eine Art Öffentlichkeit zu schreiben, und nicht nur für die fünf Leute, die regelmäßig kommentieren. Trotzdem gehört diesen fünf Leuten die Aufmerksamkeit des Bloggers. Er stellt ihnen Fragen, er hört ihnen zu, er diskutiert mit ihnen und richtet sich nach ihren Wünschen.

Liebe schweigende Mehrheit, dieser Beitrag hier ist für euch. Er dient erstens dazu, euch herzlich dafür zu danken, dass ihr regelmäßig in meinem kleinen Blog vorbeischaut und meine Beiträge lest. Ich hoffe, dass sie euch gefallen und dass euer Schweigen nicht aus Desinteresse, Ablehnung oder gar schlichter Nichtexistenz rührt, sondern aus anderen Gründen wie Zeitmangel oder überwältigender Zustimmung, die jedes weitere Wort überflüssig macht.

Nun ahnt ihr wahrscheinlich schon, dass soviel Freundlichkeit nicht ohne Hintergedanken auftritt, und natürlich habt ihr Recht. Dieser Beitrag ist nämlich nicht nur dafür da, euch zu danken. Ich liebe euch natürlich so, wie ihr seid, aber ich kann es trotzdem nicht lassen, euch ändern zu wollen. Gehört sich ja auch so in einer guten Beziehung, oder?

Deswegen schließe ich mit einer Bitte: Sprecht doch mal mit mir. Und sei es nur dieses eine Mal. Lasst mich wissen, wer ihr seid, was euch hierhergelockt hat, was euch dazu gebracht hat, zu bleiben, oder auch was euch nicht gefällt. Schreibt vielleicht den ersten Kommentar eures Lebens, oder zumindest den ersten in diesem Blog. Dies ist eure Gelegenheit! Wenn ihr hier öfter lest, wisst ihr, dass ihr mit einer freundlichen Antwort rechnen könnt.

Und falls euch das doch zu viel Mühe ist, biete ich euch noch einen Kompromiss: Mit nur wenigen Klicks könnt ihr mich zumindest ein bisschen was über euch wissen lassen. In diesen Umfragen:

Natürlich dürfen die anderen, die hier regelmäßig kommentieren und mir damit erheblich die Freude am Bloggen steigern, auch gerne ihre Meinung zur schweigenden Mehrheit sagen. Besonders diejenigen unter euch, die selbst bloggen, haben damit gewiss auch schon ihre eigenen Erfahrungen gemacht, oder?


Restebloggen zum Wochenende (54)

29. August 2010
  1. demotivational posters - WHY ARE THEY
    see more Very Demotivational
  2. What do you get if you cross an imsomniac with an agnostic and a dyslexic?
    A person who lies awake at night, wondering if there’s a dog.
  3. Ist es nicht legitim, zu verlangen, dass sich junge Menschen auch für das Gemeinwesen für einen begrenzten Zeitraum zur Verfügung stellen?” fragt Peter Müller. Ich stimme dem sehr lesenswerten Blog “Neues aus Westsibirien” vollständig zu in der Antwort: Nein, willkürlich verteilte Zwangsarbeit kann in einem freiheitlichen Rechtsstaat niemals legitim sein.
  4. Der Postillon berichtet von der ersten erfolgreichen Transplantation eines kompletten menschlichen Körpers:
    “Ich fühle mich bestens”, so der 93-jährige. “Allerdings kann ich mich nicht an mein früheres Leben erinnern, da ich mit meinem neuen Körper auch alle Erinnerungen des Ganzkörperspenders übernommen habe. Sie dürfen mich übrigens auch gerne Frank nennen.”
  5. Hat jemand Lust, an einem Musikcontest teilzunehmen, der zwar nicht ganz so viel internationale Beachtung findet wie der ESC, dafür aber (voraussichtlich) musikalisch erheblich gesteigerte Qualität bieten wird, allein schon, weil keoni und ich auch dabei sind? Bist zum 08. September könnt ihr euch noch für “Ich liebe Deutscheland” anmelden! Denkt euch bei dem etwas sonderbaren Titel nichts, es geht eben um deutsche Musik.
  6. In Chile sind zurzeit offenbar 33 Bergleute in einer eingestürzten Mine eingeschlossen. Laut den Berichten, die ich gelesen habe, sollen sie wohl gegen Weihnachten befreit werden, und sie haben ungefähr zwei Wochen ohne Kontakt zur Außenwelt mit viel zu wenig Nahrung in einem Schutzraum zugebracht, ohne zu wissen, ob sie gerettet werden, bevor die Rettungskräfte sie entdeckt hatten.
  7. Kennt ihr auch Leute, die sich endlos schwer tun, irgendwo zu Gast zu sein? Die ihr eigenes Essen und Kaffee mitbringen und, wenn man nur mal kurz nicht aufpasst, plötzlich mit über die Schulter geworfenem Geschirrtuch und gezückter Bürste vor dem Spülbecken stehen und anfangen, irgendwas abzuwaschen, obwohl man dafür eine Maschine hat? Oder liegt das irgendwie an mir?

Sternenstaub

28. August 2010

Die Idee ist nicht besonders originell, und ganz sicher nicht meine, aber ich finde diesen Gedanken trotzdem wunderschön, und man hört eigentlich zu selten davon, finde ich, deswegen jetzt auch bei mir:

Das Universum ist nach derzeitigem Stand der Erkenntnis rund 13,7 Milliarden Jahre alt. Im Verlauf des so genannten Urknalls entkoppelten sich zunächst die uns bekannten vier Grundkräfte (Gravitation, Elektromagnetismus, Starke und Schwache Kernkraft), und wenig später entstanden die ersten Elementarteilchen, also die Bausteine unserer Materie. Das dauerte alles ungefähr eine Sekunde.

Es dauerte ungefähr 400.000 Jahre, bis die Temperatur ausreichend gesunken war, dass die ersten stabilen Atome entstehen konnten. Wasserstoff ist bekanntermaßen das einfachste Atom und bildete sich quasi ganz von selbst, denn es besteht lediglich aus einem Proton und einem Elektron (das meistens so dargestellt wird, als würde es das Proton umkreisen, was aber natürlich etwas vereinfacht ist). Diese Wasserstoffatome bildeten im Laufe der nächsten Jahrmillionen die ersten Sterne.

Alle Die meisten (Danke, rauskucker!) anderen Atome entstanden durch Kernfusion in solchen Sternen. Helium zum Beispiel entsteht, wenn zwei Wasserstoffatome verschmelzen, und dabei wird Energie frei. Unsere Sonne gewinnt die Energie, die uns alle am Leben erhält, im Prinzip durch diese Art der Fusion.

Schwerere Elemente entstehen ebenfalls durch Kernfusion, aber dieser Prozess eignet sich nicht zur Energieerzeugung. Weil Protonen einander abstoßen, erreicht man ziemlich schnell den Punkt, an dem man Energie aufwenden muss, um größere Atomkerne zu gewinnen. Deshalb entstehen Elemente wie Sauerstoff oder Kohlenstoff erst in der Endphase von Sternen, also in roten Riesen wie Beteigeuze. Für noch schwerere Elemente (Kalzium zum Beispiel) braucht man größere Sterne, die blaue Riesen genannt werden. Rigel ist zum Beispiel so einer, und richtig große Atomkerne wie Blei oder Gold entstehen in Supernovae, gewaltigen Sternexplosionen, die kurzzeitig heller leuchten können als ganze Galaxien. Es gibt übrigens auch noch (selten) Hypernovae, die die Leuchtkraft von  mehreren billiarden Sternen, also von Galaxienhaufen, erreichen. Am Ende einer solchen Super- oder Hypernova bleibt ein Schwarzes Loch zurück, eine Raumzeitsingularität, aus der nicht einmal Licht entkommen kann.

Aus den schweren Elementen, die nach dem Tod riesiger Sterne übrig bleiben, entstanden im Laufe der Zeit Planetensysteme wie unseres, und schließlich – kosmisch gesehen gerade eben erst – wir. Zuerst bildeten sich aus den vorhandenen Stoffen einfache sich selbst replizierende Systeme, die sich durch natürliche Auslese veränderten und komplexer wurden, über Einzeller wie Amöben und Bakterien bis hin zu zentral gesteuerten gigantischen Klumpen aus kooperierenden spezialisierten Zellen wie wir, die in der Lage sind, all das zu erforschen und darüber zu staunen.

Unser Körper besteht also aus Bausteinen, die fast 14 Milliarden Jahre alt und (teilweise) die Überbleibsel explodierender Sterne sind. Wir sind Sternenstaub.

Ich finde, daran sollten wir viel öfter denken, wenn jemand uns zu erzählen versucht, die größte Geschichte aller Zeiten stünde in irgendeinem alten Buch.


Eine Riesenmenge Geld (3)

27. August 2010

Düsseldorf. Das international empfangbare Blog “überschaubare Relevanz” hat in einer bemerkenswerten Demonstration von Zuverlässigkeit, Leserfreundlichkeit und rücksichtsloser Selbstausbeutung zum dritten Mal in Folge eine Episode des aktuellen Fortsetzungsromans “Eine Riesenmenge Geld” wie angekündigt im Wochentakt am Freitag veröffentlicht. Wie der Öffentlichkeitsfunktionär des aufstrebenden Medienkombinats mitteilte, könnten andere Publikationen sich an derartiger Regelmäßigkeit ein Beispiel nehmen. Insbesondere die heldenhaften Anstrengungen des unermüdlichen Chefredakteurs der überragend beliebten Publikation bedürfen in diesem Zusammenhang besonderer Erwähnung, die aber trotzdem aus Gründen höchst nachahmenswerter Bescheidenheit unterbleiben wird.

Viel Spaß und ein schönes Wochenende.

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Das sieht aber gar nicht aus wie eine Blume!

26. August 2010

Wenn ein Deutschlehrer eines Morgens in den Klassenraum kommt und die Schüler bittet, den Erlkönig auf Zensur zu interpretieren, ohne dass er je zuvor über Gedichtinterpretationen oder gar dieses konkrete Gedicht gesprochen hätte, dann ist das ausgesprochen merkwürdig.

Wenn ein Mathematiklehrer von seinen Schülern erwartet, dass sie binomische Gleichungen lösen können, ohne dass er mit ihnen je darüber gesprochen hätte, wie Algebra funktioniert und was binomische Gleichungen überhaupt sind, und dann ihre mündliche Zensur darauf stützt, dann ist das ziemlich unfair von ihm.

Wenn ein Kunstlehrer hingegen seine Schüler bittet, den Weihnachtsmann zu malen, und die Bilder dann zensiert, ohne dass er den Schülern je beigebracht hat, wie man überhaupt malt oder zeichnet, dann ist das Kunstunterricht in Deutschland.

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Ich bin unwürdig!

25. August 2010

Falls ihr bisher dachtet, ich hätte eine beeindruckend schlimme Handschrift, dann seid ihr hiermit eingeladen, gemeinsam mit mir enttäuscht zu sein, dass der Thron der Unleserlichkeit nicht mir gehört.

Diese Notiz des Erstkorrektors meiner Dissertation soll mich auf die Konvention des Europarats über den Zugang zu amtlichen Dokumenten aufmerksam machen.

Aber das wusstet ihr natürlich schon. Steht ja da.


Frucht-Alaaarm!!!!

23. August 2010

Wenn ihr dieses Blog schon etwas länger lest, dann habt ihr sicher schon öfter von Keoni gehört. Und vielleicht habt ihr euch dabei, genau wie ich, gelegentlich gefragt, ob sie eines Tages auch einmal einen eigenen Beitrag verfassen würde. Heute kann ich euch voller Stolz verkünden, dass die vielen Stunden, die ich sie mit diesem Wunsch genervt habe, jetzt endlich Früchte tragen, wenn auch etwas merkwürdige.

Am vergangenen Wochenende haben sich Muriel und ich nicht vom kein bisschen sommerlichen Wetter verdrießen lassen. Während dicke, tief blaugraue Wolken über den Himmel walzten, haben wir also einen Spaziergang durch eine Kirschbaumallee, zwischen Schafweiden hindurch und an surrenden Windrädern vorbei zu unserer Lieblingsdrachensteigwiese gemacht.

Unser Drachen misst zwei Quadratmeter und ihn zu fliegen, lassen wir als sportliche Betätigung für den Tag gelten. Tatsächlich beschert uns der kleine Rabauke immer einen ordentlichen Muskelkater in den Schultern und es ist schon vorgekommen, dass ich – würde Muriel mich nicht festhalten – Sätze über die Wiese machen würde, als trüge ich Siebenmeilenstiefel.

Aber wenn man von diesen beglückend erhebenden Augenblicken einmal absieht, hat das Drachensteigen etwas Poetisches, Meditatives wie er dort oben im Wind flattert und seine Kreise zieht.
Ihr solltet es auch unbedingt einmal wieder ausprobieren, wenn ihr Gelegenheit dazu habt.

Den eigentlichen Anstoß zu diesem Beitrag gab aber etwas völlig Anderes auf einer ganz anderen Wiese. Es ist mir beim Joggen aufgefallen, und diese Entdeckung schien mir immerhin spektakulär genug, mich zum Stehenbleiben zu bewegen. Am Rande einer Streuobstwiese stand dieser kleine, hübsch gewachsene Baum, der nie gesehene, kurious flauschige Früchte trägt.

Habt ihr dieses Obst schon einmal gesehen und könnt uns vielleicht auf die Sprünge helfen?

Weil die Früchte so eine idealtypische Birnenform haben, denken wir, dass es keine Quitten sind. Die sind ja so komisch buckelig verformt und Fell haben die auch nicht, oder?

Gleich gegenüber lädt übrigens eine offene Pforte zum Kosten und Ernten ein. Eine sehr sympathische Geste, auch wenn die Bäume auf der Obstwiese noch arg weit verstreut stehen und es gerade gar nichts Reifes zu ernten gab.


Restebloggen zum Wochenende (53)

22. August 2010
  1. Dank The Atheist Experience habe ich eine fantastische Religionssatire entdeckt: Kissing Hank’s Ass.
    Mary:
    “Hi! We’re here to invite you to come kiss Hank’s ass with us.”
    Me:
    “Pardon me?! What are you talking about? Who’s Hank, and why would I want to kiss His ass?”
    John:
    “If you kiss Hank’s ass, He’ll give you a million dollars; and if you don’t, He’ll kick the shit out of you.”

    Es geht hinter dem Link natürlich noch viel, viel weiter.
  2. Der Postillon berichtet, dass Google eine innovative Maßnahme beschlossen hat, um die aktuelle öffentliche Erregung über Street View zu rechtfertigen: In Zukunft werden Google Street-View-Fahrzeuge willkürlich ausgewählte Passanten beschießen.
  3. Der mexikanische Oberste Gerichtshof hat kürzlich eine Rechtsnorm bestätigt, die es homosexuellen Paaren gestattet, Kinder zu adoptieren. Wir dürfen hoffen, dass auch Deutschland sich bald in die Reihe der zivilisierten Staaten einreiht. Die Tendenz ist immerhin erkennbar.
  4. Ich hatte euch vor ein paar Wochen einen xkcd-Comic gezeigt:


    Anatol Stefanowitsch vom Sprachblog hat sich dazu Gedanken gemacht und das Konzept meiner Meinung nach sogar noch ein Stück verbessert. Sehr lesenswert.
  5. Dennis von rundumlinux hat einen fabelhaften Beitrag zum Thema Ladenschluss verfasst, dem ich nichts mehr hinzuzufügen habe:
    Liebe Verfechter der Sonntagsschließzeiten und ähnlichem – GEHT DOCH BITTE EINFACH! IRGENDWOHIN, wo Euch keiner hören muss! Sackzement! zefixhalleluja! Und bitte geht nicht am Sonntag in die Sauna, bedient bitte kein Telefon, geht nicht Tanken und lasst den Strom aus, kommt bitte nicht auf die demente Idee Sonntags ins Restaurant zu gehen, nutzt das Internet bitte nicht und lasst auch jedwede andere Geräte aus, die Energie brauchen.
  6. Und in Bezug auf die Moschee am Ground Zero, die meines Wissens weder eine Moschee noch direkt am Ground Zero ist, hat er auch Recht.  Ein bisschen schöner hat es allerdings Russell von The Atheist Experience (Ihr sagt mir, wenn ich hier zu monothematisch werde, ja?) gesagt:
    I think if anything, this whole crapstorm has made it more apparent that those Muslims should build their cultural center right where they damn well said they would, because if they give up ground on this issue then there won’t be a spot in America where they are allowed to build anything, ever. Free speech and free assembly aren’t just symbolic. If those rights aren’t exercised then we can still lose them.” (Eigentlich geht es in dem Beitrag um was völlig anderes, also wundert euch nicht, falls ihr auf den Link klickt.)
    Eine abweichende Meinung findet ihr zum Beispiel hier. Nur der Ausgewogenheit halber, das ist ausdrücklich keine Empfehlung.
  7. Zu guter Letzt: Ich habe nun endlich meine Wettschuld eingelöst und beim Medienmogul einen Gastbeitrag verfasst. Falls ihr also gerne wissen möchtet, was ich von diesem ESC halte, von dem eure Großeltern euch so viel erzählt haben, solltet ihr das unbedingt drüben nachlesen.

Eine Riesenmenge Geld (2)

20. August 2010

Schon wieder Freitag, das kam unerwartet. Trotzdem habe ich für euch heute das zweite Kapitel unseres neuen Fortsetzungsromans “Eine Riesenmenge Geld”. Ich hoffe, ihr habt Spaß daran:

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Die geheuchelte Gesellschaftskritik

19. August 2010

Nur mal so vorab: Diejenigen unter euch, denen es auf den Geist geht, dass ich hier dauernd an irgendwelchem Quatsch rummäkle, den ich bei faz.net gefunden habe, können mir das gerne sagen. Vielleicht lese ich dann in Zukunft öfter man SpOn oder bild.de oder eröffne ein eigenes fazBlog dafür. Egal, zur Sache:

Melanie Mühl hat drüben bei faz.net eine große Enthüllung für uns, die gewohnt übergeigt angekündigt wird:

Ist Patchwork wirklich das Familienmodell der Zukunft? Auf jeden Fall passt es in unsere Unverbindlichkeitswelt. Doch unsere Selbstverwirklichungsmanie fordert ihren Preis. Und den zahlen die Kinder.

Jeder Satz ein Hammerschlag, oder? Jeder Satz öffnet einem die Augen dafür, wie verkommen unsere Gesellschaft eigentlich ist. Jeder Satz eine Anklage. Wir leben in einer Unverbindlichkeitswelt. Wir leiden unter Selbstverwirklichungsmanie. Den Preis dafür zahlen *dramatischer Melodiebogen* die Kinder!!!!!!!

Nachdem man das gelesen hat, hängt man atemlos auf der Vorderkante seines Sitzes. Man weiß, dass man kurz davor steht, einen Blick zu erhaschen auf das Übel, an dem unsere Welt im Kern krankt: Die Patchworkfamilie. Und das gibt Frau Mühl dann auch vor, uns zu zeigen. Eigentlich sehen wir dabei aber nur das Übel, an dem Frau Mühl offenbar krankt: die Unfähigkeit sich vorzustellen, dass Menschen anders glücklich sein können, als sie es für richtig hält.

“Die Kinder sind die Opfer der Ich-Optimierung. Das beweisen ein paar einfache Tatsachen, die viele nicht wahrhaben wollen.”

Immer wieder gerne genommen: Betonen, dass man unbequeme Wahrheiten verkündet, weil das die eigene Botschaft natürlich ungemein aufwertet. Dann braucht man auch keine Belege und kann einfach so dahinbehaupten, es gebe eine grassierende Überzeugung, Scheidungen wären was Tolles für Kinder.

“Zum Beispiel, dass Scheidungskinder später beinahe doppelt so häufig geschieden werden wie Nicht-Scheidungskinder.”

Was man natürlich nur dann dramatisch findet, wenn man sowieso schon glaubt, dass Scheidungen prinzipiell schädlich sind. Mit etwas bösem Willen kann man das einen Zirkelschluss nennen.

“Dass sie stärker zu Depressionen und Schizophrenie neigen und häufiger kriminell werden.”

Und hier haben wir den einzigen Satz in Frau Mühls Artikel, der einem Argument nahekommt. Das kann man tatsächlich als Indiz dafür ansehen, dass Scheidungen Kindern schaden. Die These hält auch zumindest einer oberflächlichen Googlerecherche stand. Aber ist das eine große Erkenntnis? Kehren wir noch einmal zu Frau Mühls vorletztem Satz zurück: Tatsache, die viele nicht wahrhaben wollen. Gibt es irgendwo ernsthafte Zweifel daran, dass Kinder in aller Regel unter der Scheidung ihrer Eltern leiden? Und wo ist da der direkte Zusammenhang mit Patchwork-Familien?

“Scheidungskinder wachsen mit der Gewissheit auf, dass nichts von Bestand ist. In jedem Augenblick kann alles auf den Kopf gestellt werden. Das ist ein Schock. Mit ihm verlieren sie ihr Urvertrauen.”

Und ist das denn per se wirklich so schlimm? Ist es wirklich besser, wenn Kinder in der unstreitig falschen Überzeugung aufwachsen, irgendetwas wäre vollkommen zuverlässig und für die Ewigkeit?

Ich lehne mich da mangels Sachkunde vielleicht zu weit aus dem Fenster, aber immerhin bin ich in einer Familie aufgewachsen, in der die Eltern sich nicht haben scheiden lassen, obwohl ihre Beziehung vollkommen zerstört war, deshalb wage ich aus der eigenen und allgemeinen Lebenserfahrung heraus mal die These: Die entscheidende Frage für Kinder ist nicht, ob die Eltern sich trennen oder ob sie zusammen bleiben. Entscheidend ist, wie Eltern mit einander und mit ihren Kindern umgehen, ob in der Ehe oder in Trennung. Und am Rande: Zumindest ich habe auch ohne Scheidung relativ schnell mein Urvertrauen darin verloren, dass eine Familie mit Gewissheit von Bestand ist.

“Niemand bestreitet, dass man sein Glück auch in einer Patchworkfamilie finden kann. Sie ist nur nicht von vornherein die beste Lösung.”

Und nicht zum ersten Mal stellt sich mir die Frage: Was will Frau Mühl uns eigentlich sagen? Dass eine intakte Familie besser ist als eine zerrüttete? Dass Kinder ausgeglichener und besser aufwachsen, wenn sie nicht erleben, wie die Ehe ihrer Eltern zerbricht, und wenn sie sich nicht entscheiden müssen, ob sie ihren Vater oder ihre Mutter mehr lieben? Ach was!

“Die Patchworkfamilie zwingt die Kinder dazu, ihre Gefühle permanent einem Zeitplan zu unterwerfen. Das tut die Familie nicht.”

Das gilt natürlich nur, wenn man eine dysfunktionale Patchworkfamilie mit einer perfekten Standardfamilie vergleicht, in der kein Elternteil jemals das Haus verlässt. Und das ist wieder eines der zahlreichen fundamentalen Probleme dieses Artikels: Er stellt einen völlig unsinnigen, unfairen Vergleich an, um einen völlig trivialen und offensichtlichen Schluss daraus zu ziehen. Niemand heiratet mit der freudigen Erwartung, sich später scheiden zu lassen und dann eine Patchworkfamilie zu basteln, weil er glaubt, dass das für alle Beteiligten das Beste wäre. Die Position, gegen die Frau Mühl mutig und unbequem zu argumentieren vorgibt, ist ein Strohmann, und nicht einmal dem hat sie ernsthaft etwas entgegen zu setzen außer einer unschönen Mischung aus Halbwahrheiten, Vorurteilen und selbstgerechter Besserwisserei. Was genau schlägt sie vor? Was fordert sie? Was kritisiert sie?

Vielleicht findet ihr es heraus, ich konnte es jedenfalls nicht. Soweit ich es erkennen kann, lässt sich der Artikel in einem einzigen Satz zusammenfassen: Es wäre doch schön, wenn mehr Kinder in glücklichen und intakten Familien aufwachsen könnten, in denen sich alle noch richtig liebhaben.

Und woher bekämen wir solche Erkenntnisse, wenn nicht aus Leistungsschutzrechtswürdigen Qualitätsmedien?


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