Menschenähnlich (28)

Als Wochenendlektüre kommt das neue Kapitel unseres Fortsetzungsromans Menschenähnlich ein bisschen zu spät, aber vielleicht kann es euch ja helfen, gut unterhalten durch den Montag zu kommen. Ich wünsche viel Spaß!

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel wohnen wir dem Aufbruch zweier Raumfahrer namens Jake und David bei, die eine kostbare Fracht aus 13 Androiden zu einem fremden Planeten transportieren sollen.
Bereits im zweiten Kapitel folgt der abschussbedingt gewaltsame Abbruch dieser Reise. Dafür lernen wir Kalon und An’Yik kennen, die sich als reisende Helden betätigen und dabei anscheinend auch manchmal vor ethisch nicht ganz einwandfreie Vorgehensweisen zurückschrecken. Sie sehen den Absturz des Raumschiffes und hoffen auf reiche Beute.
Im dritten Kapitel erwachen Jake und David in ihrem abgestürzten Raumschiff und retten sich, einen der Androiden und ein paar andere Kleinigkeiten in ein Rettungsboot, bevor das Schiff im Meer versinkt. Gleichzeitig lauert ein Schlichter gemeinsam mit ihrem verräterischen Gefährten Berren den beiden reisenden Helden auf, um sie einem unerfreulichen Schicksal zuzuführen.
Im vierten Kapitel packen David und Jake ihr neues Spielzeug aus, und Kalon erwacht aus der Betäubung, in die der Blasrohrpfeil des Schlichters in versetzt hat. Er stellt fast, dass seine Gefährtin An’Yik ihn zwar aus der unmittelbaren Gefahr retten konnte, nun aber ihre ganz eigenen Probleme mit dem Pfeilgift hat.
Im fünften Kapitel haben wir den Autokraten und seinen Ersten Sekretär Larn kennengelernt, die gemeinsam danach streben, die kostbare Ladung der Emerald-17 in die Hände zu bekommen. Währenddessen lernten David und Jake ein Stück dieser Ladung noch etwas näher kennen, und Kalon und An’Yik fanden ihre Spuren im Sand.
Auch im sechsten Kapitel kam noch mal jemand Neues dazu: Shianuk und ihr Onkel Noot haben einen unserer Androiden am Strand gefunden, werden aber leider unterbrochen, bevor sie ihn näher kennenlernen können. Währenddessen erklärt Jake David, was genau ihn an der Maschine so sehr stört, bis die mit Kalon und An’Yik ans Lagerfeuer zurückkehrt.
Im siebten Kapitel muss der Erste Sekretär unter äußerst widrigen Umständen eine Reise beginnen, Kalon bietet sich und An’Yik als Führer an, wird aber von der überraschenden Ankunft weiterer Besucher unterbrochen, und Shianuk lernt den Mann aus der Kiste kennen.
Jake findet im achten Kapitel seine Munition nicht, aber Kalon kann die Gruppe mit einem gewagten Bluff retten. Shianuk beantwortet die Fragen des Mannes aus der Kiste, so gut sie kann, und lässt sich überreden, sich mit ihm auf die Reise zum Autokraten zu machen.
Im neunten Kapitel lernt der Zweite Sekretär den Autokraten kennen, und der Erste Sekretär erfährt von der Begegnung der vier Soldaten mit den Weltraumfahrern. Seine Patrona macht einen Vorschlag.
Im 10. Kapitel baut der Mann aus der Kiste ein Floß für Shianuk, Jake, David, An’Yik, Kalon und die Androidin teilen sich auf.
Der Autokrat besucht im 11. Kapitel eine alte Freundin, die ihm bei der Suche nach den Flüchtlingen helfen soll, und An’Yik, Jake und die Androidin lernen sich unterwegs etwas besser kennen.
Im 12. Kapitel lässt der Erste Sekretär sich erwehttp://ueberschaubarerelevanz.wordpress.com/wp-admin/post-new.phpichen, und Shianuk und der Androide erobern den Palast des Autokraten, nachdem sie den sonderbaren und völlig unpassend benannten Kopfkäfer kennengelernt haben.
Im 13. Kapitel werden David und Kalon von Dick und Doof verhaftet, und die An’Yik macht sich Sorgen, weil die beiden nicht pünktlich am Treffpunkt erscheinen, nachdem sie entschieden hat, Jake vorerst nicht zu essen.
Shianuk und der Androide werden im 14. Kapitel vom Autokraten überrascht, und David, Kalon, Dick und Doof fallen in die Hände einer Einheit der Autokratischen Armee.
Im 15. Kapitel werden die Gefangenen dem Ersten Sekretär vorgeführt, aber etwas kommt dazwischen, und genau dieselbe Störung nutzen An’Yik, Shu’Nim und Jake, um einen Befreiungsversuch zu unternehmen. Shu’Nim macht einen Witz.
Im 16. Kapitel kommen die drei gerade rechtzeitig, um einen Versuch zu vereiteln, David und Kalon aus der Gefangenschaft zu entführen und sie dann selber zu befreien. Gleichzeitig muss die Pontifex an J2 herumbasteln, obwohl sie gar nicht will.
Shianuk wird im 17. Kapitel von der Pontifex aus ihrem Gefängnis befreit. David und An’Yik streiten darüber, ob sie die Inquisitoren töten, und Larn lernt die hübsche Doppelgängerin kennen, die An’Yik im 16. Kapitel getötet hatte.
Im 18. Kapitel befreit J2 Shianuk von den autokratischen Soldaten, und die Doppelgängerin bereitet Larn eine unerfreuliche Überraschung.
Die Doppelgängerin und Jeana lernen sich im 19. Kapitel besser kennen, während David, Jake und die anderen eine Sklavenbefreiung planen.
Im 20. Kapitel reist Shianuk mit J2 zum Kehlar-Turm, und wir sehen die Welt durch die Augen des Doppelgängers.
Im 21. Kapitel bricht der Autokrat zu einer Reise auf, der Erste Sekretär bekommt etwas zu essen und Jake, David und die anderen erreichen den Kehlar-Turm.
Shianuk und J2 betreten im 22. Kapitel zum ersten Mal den Turm, und einer von ihnen wird sofort wieder rausgeworfen. Der Autokrat enttarnt die Doppelgängerin, aber sie entkommt vorerst.
Im 23. Kapitel lernt Shianuk die Stimme des Turms kennen, während David und Jake und die anderen J2 begegnen.
Im 24. Kapitel brechen der Autokrat, Jeana und Larn auf zum Turm, und Shianuk wird von einem freundlichen jungen Mann befreit, der sich Alidae nennt.
Alidae und Shianuk treffen im 25. Kapitel auf den Autokraten und seine Begleiter, und David und seine Freunde lernen die Stimme kennen.
Im 26. Kapitel beginnen Jake, David, Kalon, An’Yik und die Androiden eine Kletterpartie, ein Teil des Doppelgängers findet sein Ziel, und der Autokrat erfährt, warum er die Stimme des Turms doch besser am Leben lassen sollte.
Nach gründlicher Überlegung entscheiden unsere Helden, im 27. Kapitel, dem Aspekt des Doppelgängers zu vertrauen. An’Yik und J2 machen sich mit ihm zusammen auf den Weg, um den Autokraten davon abzuhalten, den Turm zu sabottieren

Was heute geschieht
„Was ist das denn?“ fragte Jake.
„Das Licht geht anscheinend nicht“, antwortete David trocken.
Jake verdrehte die Augen, auch wenn es natürlich niemand sehen konnte. „Im Ernst, Sherlock? Wie hast du das bloß wieder ausgeknobelt? Und warum ist es jetzt auch hier im Aufzug aus? Das ging doch gerade eben noch!“
Dem Echo nach mussten sie sich vor einer sehr großen Halle befinden.
„Womöglich gibt es hier oben gar keine Energie. Dann hätten wir natürlich ein echtes Problem.“
„Herausforderung heißt das. Vielleicht kann man’s ja irgendwie reparieren. Ähm, hallo? Turm? Ist da jemand?“
Stille antwortete auf Jakes Frage. Anscheined waren hier oben alle Funktionen des Turms ausgesetzt. Vielleicht gab es einfach gar keinen Strom.
„Glaubst du, die Lebenserhaltung funktioniert noch?“ fragte er niemand Bestimmten, um dann zu präzisieren: „Du, Porzellanpuppe, du könntest doch bestimmt die Lüftung hören, wenn es eine gäbe, oder?“
„Ich habe sie bisher hören können. Hier scheint sie nicht aktiv zu sein. Ich kann zwar nicht die gesamte Halle überblicken, in der wir uns befinden, aber der Sauerstoff müsste noch für mehrere Wochen ausreichen.“
„Du kannst sehen?“ fragte David. „Wie machst du das, es gibt hier doch nicht einmal Restlicht?“
„Ich kann das gesamte elektromagnetische Spektrum von einer Wellenlänge von 108 bis 10-14m wahrnehmen und verfüge über begrenzte Möglichkeiten zur aktiven Erkennung und Ortung von Objekten.“
„Für welche Hausarbeiten das wohl wichtig ist…“ murmelte Jake.
Die Maschine ignorierte ihn. „Auf dem Boden sind einige Schrottteile und Werkzeuge verstreut. Ich kann fünf kleinere Raumschiffe erkennen, die aber alle nicht betriebsbereit scheinen. Drei von ihnen könnten reparabel sein. Ich schlage vor, dass ich sie mir ansehe, während Sie hier warten.“
„Traumhaft“, antwortete Jake, „Das klingt nach einem Heidenspaß.“
„Kannst du nicht vielleicht zuerst in den Schiffen nach einer Lampe suchen?“ fragte David mit kaum verhohlener Ungeduld, seine Umgebung wieder selbst sehen zu können. „Vielleicht können wir ja sogar herausfinden, was das Problem mit der Technik hier oben ist.“
„Die Ursache ist nicht unmittelbar zu sehen. Wenn Sie es wünschen, werde ich für Sie nach einer Lampe suchen. Bitte warten Sie hier und bewegen Sie sich möglichst wenig. Sie könnten stolpern und sich verletzen.“
Ihre Schritte entfernten sich, sehr sehr schnell.
„Rührend“, murmelte Jake. „Hoffentlich stolpert sie nicht…“
David seufzte. „Dir ist schon klar, dass du mit dieser Einstellung kein besonders schönes Leben haben wirst, wenn die Roboter erst einmal die Weltherrschaft an sich gerissen haben, oder?“
„Hatte ich doch schon gesagt. Ich bin der coole Widerstandskämpfer mit der scharfen Wissenschaftlerin, und am Ende kriege ich eine gewaltige Konfettiparade und werde Präsident.“
„Meine Stimme hast du. Schlechter als dieser Schleimbeutel Royce kannst du auch nicht sein. Natürlich müssen wir erst mal hier wegkommen und auf die Erde zurückkehren.“
„Pff, Details. Du hast doch gehört, hier sind gleich fünf Schiffe!“ Jake klopfte ihm auf die Schulter, was David sehr unangenehm fand. Er war generell eher kein Freund von zu großer Nähe, und das galt besonders, wenn er nicht einmal sehen konnte, wer ihn anfasste.
„Mhm. Fünf Schifswracks. Wenn wir Glück haben-“ David unterbrach sich, als die Maschine zurückkehrte, eine Lampe einschaltete und sie David entgegen hielt.
„Zwei der Schiffe gehören demselben Typ an“, erklärte sie. „Eines davon weist nur leichte Schäden auf, die sich mit Ersatzteilen aus dem anderen beheben lassen könnten.“
David nahm die Lampe und ließ den Lichtkegel durch die Halle vor ihnen schweifen. Es war wirklich eine gigantische Halle, deren Wände und Decke zu weit entfernt waren, um sichtbar zu sein. Drei Schiffe standen nahe genug, um sich als düstere Schemen am Rand des Lichtfeldes abzuzeichnen. Auf Jake machten sie alle einen sehr, sehr traurigen Eindruck. Zwei hatten nicht einmal eine vollständige Hülle, und bei einem konnte er deutlich sehen, dass der Subraumantrieb ausgebaut worden war. Auch die anderen wiesen mehr oder weniger deutliche Schäden auf, ganz abgesehen von der schlichten Tatsache, dass die Kehlar sie wohl nicht hier gelassen hätten, wenn sie noch brauchbar gewesen wären.
„Ist es nicht wichtiger, zuerst die Startvorrichtung wieder zum Laufen zu kriegen?“ fragte er. „Ich meine, was nützt uns ein repariertes Schiff, wenn wir nicht aus dem Turm rauskommen?“
„Ihr Einwand ist berechtigt“, bestätige die Maschine, „Wir könnten versuchen, in den beleuchteten Teil des Turmes zurückzukehren, um uns nach dem Zustand dieses Gebäudeteils zu erkundigen.“
Kurz nachdem das Echo der letzten Worte der Androidin verklungen war, erklang ein leises Klack, und plötzlich erstrahlte die Halle in dem gleichen ursprungslosen Tageslicht, das den Rest des Kehlar-Turmes erfüllt hatte.
„Was… Was hast du vor?“ erklang die Stimme des Turmes aus allen Richtungen zugleich, so laut, dass Jake und David reflexartig die Hände über die Ohren legten. Die Stimme klang auf einmal gar nicht mehr fröhlich und kindlich-unbeschwert. Sie klang nach Furcht. Nach Panik. „Wieso… Wie kannst du…? Nein! Nein, hör auf damit! Hör auf! Die Loko- die- Grema-“
Die Stimme wurde von einem schrillen Ton abgeschnitten, der ungefähr zwanzig Sekunden lang die Halle erfüllte, bevor auch er schließlich erstarb und Jake, David und die Androidin in Stille zurückließ.
„Was war das?“ fragte David, während er langsam und unsicher die Hände von seinen Ohren sinken ließ.
Jake zuckte die Schultern. „Keine Ahnung, aber wir haben Licht, und das heißt, wir haben Strom, und heißt, was auch immer es war, für uns war es was Gutes, oder?“

Alidae führte An’Yik und J2 mit schwingenden Hüften durch einen der endlosen Gänge des Turms. Die merkmalslosen Metallwände glitten an ihnen vorbei, eigenschaftslos und ewig gleich, und zumindest An’Yik hatte keinerlei Vorstellung, wo sie jetzt waren und wie sie wieder zu den anderen zurückfinden könnten.
Sie lehnte sich zu der Maschine mit dem freundlichen Männergesicht hinüber und raunte: „Was glaubst du, wen von uns sie damit beeindrucken will, hm?“
Er drehte stumm seinen Kopf in ihre Richtung, während die blicklosen Augen durch sie hindurch zu starren schienen. Nach kurzer Zeit wandte er seinen Blick wieder nach vorne, ohne ihre Frage beantwortet zu haben.
An’Yik war sich nicht sicher, ob es an dem freiliegenden Skelett seiner Hand lag, oder an seinem männlichen Äußeren, oder an etwas anderem, weniger Offensichtlichem, aber dieser Android wirkte auf sie ungleich fremdartiger und bedrohlicher als seine Artgenossin. Sie fragte sich, was mit der Hand geschehen war, und hatte gerade ihren Mund geöffnet, um ihm selbst die Frage zu stellen, als die Stimme des Turms ihr zuvorkam:
„Bitte treten Sie ein“, sagte sie, bevor sich eine Tür in der Wand vor ihnen öffnete.
An’Yik fand es ausgesprochen beunruhigend, dass sich in diesem metallenen Gebäude immer wieder Öffnungen in Oberflächen auftaten und schlossen, ohne dass zuvor oder danach Nähte oder Spalten sichtbar waren. Es warf die Frage auf, was sich noch alles vor ihrem Blick verbarg.
Sie folgte dem Doppelgänger und dem Androiden in den kleinen Raum, die Tür schloss sich hinter ihnen, und der Raum begann sich zu bewegen. Sie streckte reflexartig ihre Arme aus, um sich abzustützen, doch sie fand keinen Halt und taumelte gegen den Androiden. Es fühlte sich an, als würde sie gegen eine Statue zu prallen. Eine leicht gepolsterte Statue, aber doch. Sie sog erschrocken Luft ein und öffnete den Mund, um zu fragen, was geschah, doch er kam ihr zuvor:
„Es besteht kein Anlass zur Sorge. Wir befinden uns in einem Aufzug, der uns zu unserem Ziel befördern soll. Ich nehme an, dass seine Beschleunigung auf Bereiche begrenzt ist, die für Ihre Physiologie harmlos sind.“
„Toll“, antwortete An’Yik, „Dann kann ja nichts passieren, was?“
Sie stemmte sich gegen seine Schulter und hatte eben ihr Gleichgewicht wiedergefunden, als der Aufzug die Richtung wechselte und sie gegen eine der Wände stolperte. Es war nicht schmerzhaft, aber es war sehr frustrierend, die beiden anderen einfach da stehen zu sehen, als wäre nichts. Dass beide künstliche Lebewesen waren, war ein kleiner Trost.
Deshalb war An’Yik sehr erleichtert, als der kleine Raum nach kurzer Zeit und nach ein paar weiteren verwirrenden Verschiebungen der Schwerkraft wieder zum Stillstand kam und die Wand vor ihr lautlos aufglitt.
Die Erleichterung wich zuerst Verwirrung und dann angewiderter Faszination, als sie erkannte, wo sie sich nun befand und was sie vor sich sah.
An’Yik wusste nicht genau, wie sie sich die Besitzerin der Stimme des Turms vorgestellt hatte. Sie hatte kein klares Bild vor Augen gehabt, aber sie hatte es sich auf dieselbe Art sauber und… kalt vorgestellt wie alle anderen Formen fortschrittlicher Technologie, die sie kannte. Wie den Turm, oder die Androiden, oder die Schiffe der Kehlar. Vielleicht ein scheinbar schlafender Körper mit einem glänzenden metallenen Helm, oder sogar nur ein metallener Kasten, in dem unsichtbar ein Kopf untergebracht und mit dem Turm verbunden war.
Was sie stattdessen vor sich sah, erinnerte weniger an das Ergebnis von Forschung und Wissenschaft, als an eine barbarisches Folterritual oder das Resultat einer grausamen Krankheit. Der Körper des Mädchens, der dort mit ausgebreiteten Armen an der Wand hing, war kaum noch als solcher zu erkennen, so weit war er mit den zahllosen Kabeln, Drähten, Röhren und Leitungen verschmolzen, die um ihn herum ein chaotisches Gewirr bildeten wie ein hoffnungslos verheddertes Wollknäuel. An der Stelle, wo ein Gesicht hingehörte, mündeten drei etwa daumendicke Schläuche in einen unregelmäßigen Riss in von Geschwüren und Beulen übersäter käseweißer Haut. Aus der Öffnung darüber wucherte eine nass glänzende braunrote Masse, durch die hier und da eine metallene Oberfläche schimmerte.
An’Yik taumelte noch einmal haltlos einige Schritte zurück und prallte abermals gegen den zähen kalten Körper des Androiden. Sie wandte sich von dem abscheulichen Anblick ab und stütze mit geschlossenen Augen ihre Hände auf seine Schultern, während sie sich auf ihre Atmung konzentrierte, und darauf, sich nicht zu übergeben.
„Was soll das?“ hörte sie die quengelige Stimme der Doppelgängerin durch das laute Rauschen des Blutes in ihren eigenen Ohren. „Warum hast du uns hierher gebracht? Du weißt doch, dass wir zu dem Autokraten und-“
„Ich bringe euch zu den anderen“, unterbrach ihn die Stimme, die vor Vorfreude leicht bebte, „Aber einer von euch muss hier bleiben, um mich zu töten, wenn ihr mit allem fertig seid.“
„Was? Bist du völlig…?“ Die Doppelgängerin brachte die Frage nicht zu Ende, vielleicht, weil sie die Antwort schon kannte.
„Das ist inakzeptabel“, hörte An’Yik die Stimme des männlichen Androiden, die wie die seines weiblichen Gegenstücks die richtigen Betonungen immer um ein Haar verfehlte. „Können Sie sich ohne meine Hilfe aufrecht halten?“
Es dauerte einen Moment, bevor ihr klar wurde, dass die Frage an sie gerichtet war.
„Äh, ähm… Ja. Ja, natürlich“, murmelte sie.
Sie schüttelte ihren Kopf, öffnete blinzelnd ihre Augen und achtete darauf, sich nicht umzudrehen, während sie zur Seite trat. Sie spürte eine Versuchung, noch einmal einen Blick auf das Ding an der Wand zu werfen. Der Anblick war gleichermaßen abstoßend, unglaublich und faszinierend, aber sie verzichtete dennoch darauf und sah stattdessen in das Gesicht der Doppelgängerin. Auf ihrer Stirn standen kleine Schweißperlen, sie kaute auf ihrer Unterlippe herum und bemerkte erst nach längerer Zeit An’Yiks Blick.
„He, was machst du da?“ fragte die Stimme des Turms. Sie klang ängstlich.
Sie hörte hinter sich ein lautes Knarzen, gefolgt von einem Quietschen und schließlich einem Knall.
„Was macht er?“ fragte An’Yik das Konstrukt.
„Er hat eine der dicken Kabelbahnen aufgebogen und zerrissen“, antwortete Alidae. „Er zieht eines der Kabel heraus und schiebt es… in seinen Mund?“
„Hör auf damit, was soll das?“ rief die Stimme.
Mit ungläubig weit aufgerissenen Augen starrte die Doppelgängerin über An’Yiks Schulter, und in diesem Moment konnte sie auch nicht länger widerstehen. Sie drehte sich um. Das Kabel steckte nun im Mund des Androiden, der völlig reglos da stand, während die Worte der Stimme zunehmend lauter und ängstlicher wurden.
„Was… Was hast du vor? Wieso… Wie kannst du? Nein! Nein, hör auf damit! Hör auf! Die Loko- die- Grema-“
Die Worte endeten, und stattdessen erscholl aus den Lautsprechern für einige Zeit noch ein schriller gellender Ton, bis schließlich wieder völlige Stille einkehrte.
An’Yik schluckte und blinzelte verständnislos. „Was ist passiert?“
„Ich glaube“, antwortete Alidae, „Das war ein Schrei.“
„Die Kehlar haben bis heute keine Computer auf der Basis von Quantentechnologie entwickelt“, erläuterte der Android in seiner freundlichen Stimme, die natürlich kein bisschen dadurch verändert wurde, dass ein dickes Kabel in seinem Mund steckte. „Es ist deshalb sehr einfach für mich, mir Zugang zu ihrem System zu verschaffen und es zu entschlüsseln.“
„Heißt das… Du kontrollierst jetzt den Turm?“
„Ich werde noch einige Zeit benötigen, bis ich das System vollständig durchdrungen habe und alle Funktionen beherrsche, aber ich werde sehr wahrscheinlich in Kürze den Aufzug steuern können, um Sie zu Ihrem Ziel zu befördern.“
An’Yik fuhr sich mit ihren Zungen über ihre trockenen Lippen.
„Was ist mit… mit dem Mädchen passiert?“
„Ich habe ihre Muster aus dem digitalen Teil des Systems getilgt, um die Zuverlässigkeit der Prozesse zu optimieren. Eine vollständige Analyse der organischen Bauteile ist nicht erforderlich und würde einen unverhältnismäßigen Aufwand erfordern.“
Sie betrachtete diese Ruine eines Körpers, die dort vor ihr an der Wand hing und fragte sich, wie es wohl war, darin gefangen zu sein.
„Vielleicht sollten wir ihr wenigstens noch den Gefallen tun-“
„Korrektur“, unterbrach sie der Android. Er sprach schnell, aber seine Stimme klang noch immer so unbeteiligt und optimistisch wie immer. „Offenbar wurde eine Selbstzerstörungssequenz ausgelöst, bevor ich die Kontrolle über alle Systeme erlangen konnte. Ein rechtzeitiger Abbruch ist nicht mehr möglich. Sie haben rund 58 Minuten, um den Turm zu verlassen. Sie sollten sich beeilen“, fügte er unnötigerweise hinzu.
„Was ist mit dir?“ fragte An’Yik, unsicher, ob es eine dumme Frage war.
„Wenn ich nicht den Turm kontrolliere, werden alle automatisierten Funktionen eingestellt. Es ist deshalb nicht möglich, dass ich entkomme. Ich habe den Selbstzerstörungsmechanismus noch nicht ausreichend analysiert, um abschätzen zu können, wie wahrscheinlich es ist, dass ich den Prozess überstehe. Sie haben noch rund 57 Minuten. Sie sollten sich beeilen.“

Lesegruppenfragen

  1. Hattet ihr nach der ersten Szene eine Vermutung, was passiert war, und wie wirkte die Auflösung in der zweiten auf euch?
  2. Und wie fandet ihr die Beschreibung des Körpers der Stimme des Turms? Wie erwartet, überraschend, geschmacklos? Hätte ich sie besser ganz weggelassen?
  3. Wirkt die Idee, dass der Android sich an den Computer anschließt und die Kontrolle über den Turm übernimmt, plausibel?
  4. Hättet ihr den Schrei und das Verschwinden der Stimme gerne dramatischer und eindrucksvoller gehabt? Ich wollte nicht übertreiben, aber andererseits frage ich mich, ob ich dabei am Ende vielleicht zu zurückhaltend war.
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6 Antworten zu Menschenähnlich (28)

  1. Guinan sagt:

    1. Ich habe vermutet, dass die zweite Gruppe irgendwie verantwortlich war, und das war ja nun auch so. An J2 hatte ich allerdings weniger gedacht, mehr an Alidae.
    Wirkung? Gänsehaut.

    2. Wenn du die Absicht hattest, deine Leser zu schocken, nun, bei mir hast du’s geschafft.
    Irgendwann hatte ich ja schon mal die Gehirnschiffe von McCaffrey erwähnt. Die Bilder liefen bei mir im Hintergrund immer mit, ich hatte bei der Stimme immer ein verkabeltes Gehirn in Nährlösung vor Augen, da ist meine Fantasie anscheinend befangen.

    3. Ja, absolut logisch. Der Zugang im Mund kam ja schon mal zur Sprache. Bei allen Fähigkeiten ist J2 immer noch eine Art Computer auf Beinen. Was liegt also näher, als zwei Computer per Kabel zu verbinden.
    Um die Stimme mache ich mir nun allerdings Sorgen. Vegetiert sie nun in sensorischer Deprivation?

    4. Mir gefiel es so, schön viel Freiraum für die eigene Vorstellung.

  2. Andi sagt:

    1. Ui, das war aber spooky. Ich hatte keine Vermutung, ich hab auch nicht an die andere Gruppe gedacht, was den Vorteil hatte, dass es auch in der zweiten Szene für mich nochmal spooky und überraschend war.

    2. Ich denke, es war ganz passend so. Die Frage ist nur, ob es die Beschreibung wirklich gebraucht hätte? Sie verstärkt aber natürlich den unheimlichen Eindruck, den die Szenen jetzt sowieso vermitteln. Aber vielleicht wärs noch effektvoller gewesen, es irgendwie nicht so “klar” zu beschreiben?

    3. Da kann ich nix zu sagen. Wenn das da steht, isses für mich plausibel. Ich hätte aber auch alles andere plausibel gefunden. Für solche Fragen bin ich nun wirklich der Falsche und kein Maßstab. Sorry. :)

    4. Hier schließ ich mich kurz und bündig Guinan an. :)

  3. Muriel sagt:

    Vielen Dank euch beiden für die Antworten. Ich freue mich riesig, dass es euch (So verstehe ich euch zumindest.) gefallen hat.
    @Guinan: 3. Keine Sorge, ihr Schicksal wird voraussichtlich noch mal erläutert.
    @Andi: 1. Toll, dass das rüberkommt. Auf die Wirkung hatte ich abgezielt, aber ich fürchte, es liegt mir nicht besonders.
    2. Habe ich auch gedacht. Ja, vielleicht. Nächhstes Mal.
    3. Es geht mir natürlich nicht um technische Plausibilität, in dem Sinne, dass du mir jetzt erwiderst: “Kann doch gar nicht sein, die Trilithiumphasensynchronisation kann doch bei einem konventionellen und einem Quantencomputer auf keinen Fall übereinstimmen, wenn man keinen Bergströmkondensator hat, oder zumindest einen Positronenkoronaneutrinoorbitpuffer”, sondern mehr, ob es dramaturgisch einigermaßen passig wirkt, oder mehr wie ein Deus ex Machina.

  4. Harald sagt:

    1. nein, interessante Lösung
    2. gut, nicht immer die Erwartungen erfüllen (wie angesprochen – sauber, steril) sondern mal problematisch, ja unmenschlich…
    3. jein, ich denke, die verschiedenen “Betriebssysteme” würden sich wohl nicht so ohne weiteres verstehen. Andererseits sollte es wohl möglich sein – genauso wie alle sich sprachlich verstehen (Universal-Esperanto vermutlich)
    4. fand ich genau richtig

    // Nachtrag zu 3. also man muss schon Möglichkeiten zugestehen, sonst wären ja große Teile der Handlung nicht möglich – ich sehe das auch nicht wirklich so verbissen, wollte nur mal Klugschei… nen

  5. Andi sagt:

    Muriel:
    1. Och – nur, weil bei Guinan die Wirkung nicht eingetreten ist? Einzelschicksal. Kannste keine Rücksicht drauf nehmen. :)

    3. Naja, ich hab doch geschrieben,dass es auf mich passend wirkte. Wobei du natürlich recht hast, was die Trilithiumphasensynchronisation angeht. :)
    Nur, weil auf mich alle Lösungen plausibel gewirkt hätten, heißt das ja nicht, dass diese nun von dir gewählte Lösung schlecht oder unpassend ist. Du hast mal wieder alles richtig gemacht. Nur will ich jetzt wissen, wie´s ausgeht.

    Ach so – wenn ich noch eine Anmerkungen machen dürfte?
    Zu Beginn der ersten Szene erscheint mir der Ton ein wenig flapsig und Jake irgendwie zu cool. Okay, so ist der ja immer, könnte man argumentieren. Und es ist auch nicht so, als fände ich den flapsigen Ton völlig unpassend, aber … naja… ich wollt´s halt mal anmerken. :)
    Und den Satz “Stille antwortete auf Jakes Frage.” find ich auch irgendwie suboptimal, weil das Bild nicht stimmt. Wie wär´s nur mit “Stille.”?

  6. Muriel sagt:

    @Harald: 3. Ich hoffe, das kommt bei dir nicht zu defensiv an, denn ich freue mich natürlich sehr über jede Kritik, und deine war ja auch eindeutig konstruktiv gemeint. Ich denke aber, dass ich auf deine Fragen halbswegs brauchbare Antworten habe:
    Die Sache mit der Sprache steht in der Geschichte. Es gibt tatsächlich so eine Art “Universal-Esperanto”, das die Kehlar auf dem Planeten verbreitet haben. Das ist zugegebenermaßen nur bedingt plausibel, aber ich fand es schön bequem.
    Das Problem mit den Betriebssystem nehme ich weniger ernst. Hier muss man meiner Meinung nach berücksichtigen, dass J2 nicht nur ein Windows-Rechner ist, der stumpf seinen Protokollen folgt. Er ist ein intelligenter Quantencomputer, der selbstständig Entscheidungen treffen und parallel gewaltige Datenmengen verarbeiten kann, mit denen sämtlich Superrechner unserer Welt heillos überfordert wären. Andererseits hat noch niemand einen Quantencomputer gebaut, sodass meine These andererseits auch nur geraten ist. Aber vielleicht interessiert es dich ja trotzdem, wie ich mir das alles gedacht habe. Danke fürs Mitlesen!
    @Andi: 1. Nein, nicht wegen Guinan, das merke ich an mir selbst. Ich bin nicht so für dichte Stimmung. Im Seichten fühle ich mich wohler.
    Anmerkungen darfst du natürlich immer gerne machen, und diesen stimme ich auch weitgehend zu. Ich überleg mal, ob ich das noch ändere. Danke schön!

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