Und wenn mir von denen dann wieder jeder fünf Euro schickt…

Schon seit einigen Monaten fällt mir auf einem Parkplatz in der Nähe immer wieder dieses Auto auf:

Ich habe ja glücklicherweise schon ein geniales Zweiteinkommen, deswegen habe ich mich lange Zeit gar nicht darum gekümmert, aber das nagende Gefühl, dass hinter dieser diesem verlockenden Aufkleber eine potentiell unterhaltsame Nepperei steckt, ließ mich nicht los. Vielleicht war es die neckische Inhaltslosigkeit des Köders; vielleicht der Begriff “genial”, der leise impliziert, dass man hier mühelos reich wird; vielleicht auch einfach nur dieser suspekte Name “Fa. Schäfer”. Leute, die vor ihren Namen ein “Fa.” setzen, als würde das irgendetwas aussagen, lösen bei mir auch meistens sowas wie belustigtes Mitgefühl aus.

Ich nahm mir deshalb vor, mir die Sache gelegentlich mal näher anzusehen und vielleicht sogar die Telefonnummer anzurufen. Vielleicht kennt ihr mich schon gut genug, um euch vorstellen zu können, dass es einige Zeit beim Vorsatz blieb. Das änderte sich schlagartig diese Woche, als mir auffiel, dass mein Idol Russell Glasser vom Team der “Atheist Experience” seit über 14 Jahren sporadisch sein Beef mit genau diesem Laden austrägt. Das war dann für mich der Stein des Anstoßes, endlich zur Tat zu schreiten. Und dies sind die Ergebnisse meiner todesmutigen Recherche:

Amway ist ein so genanntes Direktvertriebsunternehmen, dessen Seriosität man schon daran erkennen kann, dass sie sich auf ihrer Homepage explizit von (illegalen) Pyramidensystemen abgrenzen:

“Pyramidensysteme” sind betrügerische und gefährliche Verbraucherfallen. Leider können sich solche Machenschaften sehr schädigend auf den Ruf von Unternehmen wie Amway auswirken.

Und so funktioniert das geniale Zweiteinkommen: Man kauft Waren von Amway, um sie dann an andere weiter zu verkaufen. Direktvertrieb heißt, dass man im persönlichen Zwiegespräch andere Leute von den Vorteilen der fantastischen und liebenswerten Amwayprodukte überzeugt, zum Beispiel Freunde und Verwandte. Je mehr man denen andreht, desto mehr verdient man natürlich. Falls man trotzdem feststellt, dass man mit den selbst verkauften Produkten nicht genug geniales Zweiteinkommen erzielt, ist es ganz leicht, da was zu machen: Man muss einfach nur noch mehr Untervertriebsmitarbeiter anwerben, und für deren Umsatz bekommt man eine Provision. Sicherlicht erkennt ihr, das dieses System so fantastisch macht: Wenn ihr genug Vertriebspartner anwerbt, dann strömen die Provisionen nur so auf euer Konto, ohne dass ihr selbst einen Finger dafür rühren müsst.

Oder wie Amway selbst es formuliert:

[...] ein erfolgreiches Amway Geschäft basiert auf dem Verkauf von Produkten und dem Gewinnen neuer Vertriebspartner, die wiederum Produkte verkaufen.

Russell erklärt das so:

When you recruit a friend, and the friend pays his fees and buys his products, you begin receiving additional bonuses for products that the FRIEND buys, tacked on to your own as a reward for expanding the blob-like Amway corporation. And when your friend recruits his friends, you get a profit on them also. Thus, if your own bonus is $100 per month, and you recruit ten friends who recruit ten friends, and each of them causes you to receive an additional $100 per month also, they could theoretically net you more than 10,000 dollars every month! Astounding, isn’t it?

Bevor es losgehen kann, muss man natürlich das Amway Geschäftspartnerset kaufen, damit man auch gut informiert ist. Wie gesagt, mit Pyramidensystemen hat das alles trotzdem gar nichts zu tun. Die funktionieren anders:

Normalerweise funktionieren Pyramidensysteme nach dem Prinzip, dass die Personen an der breiten Basis der Pyramidenstruktur zum finanziellen Gewinn der an der Spitze der Pyramide stehenden Personen beitragen, indem sie diesen eine bestimmte Summe zahlen müssen, um der Pyramide zugehören zu dürfen. Damit die einzelnen Teilnehmer ihre oftmals beträchtlichen Startkapitalbeträge wieder hereinholen und Profite erzielen können, sind zahlreiche neue Teilnehmer erforderlich, die alle wiederum Startkapital einzahlen müssen.

Auch die Erfolgsgeschichte der Fa. Schäfer liest sich geradezu märchenhaft:

Es begann auf dem Flughafen…Dass Schöne am Leben ist, dass es viele Wege gibt! Man muss sie nur gehen. Familie Schäfer ist ihren Weg gegangen – von Kirgisien über Bad Homburg nach Königs Wusterhausen.

Über die unfreiwillige Komik insbesondere des letzten Satzes sehe ich hier einfach mal großzügig hinweg, aber es bleibt die Frage: Woran liegt es eigentlich, dass solche Organisationen einfach nicht anders können, als sich durch ihre sektenhafte Selbstbeweihräucherung und Mythologisierung für jeden halbwegs skeptischen Außenseiter unverkennbar zu verraten?

Besonders niedlich finde ich auch, dass die Amway Geschäftspartner offenbar je nach Level in Platine, Rubine, Saphire, Smaragde und Diamanten eingeteilt werden. Ob man wohl auch Rangabzeichen bekommt, die man dann sichtbar tragen darf?

Natürlich muss man trotz allem ein bisschen aufpassen, wenn man solche lukrativen Möglichkeiten entdeckt, denn:

Die Betreiber illegaler Pyramidensysteme sind darum bemüht, diesen den Anschein eines legitimen Direktvertriebs zu verleihen.

Glücklicherweise sind sie darin aber nicht besonders gut.

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11 Antworten zu Und wenn mir von denen dann wieder jeder fünf Euro schickt…

  1. Coleogne sagt:

    Ich dachte immer die Abkürzung Fa. steht für Firma

  2. Guinan sagt:

    Einfach nur so recherchiert? Auf der Homepage? Och.
    Ich hatte ja jetzt auf etwas wallraffmäßiges gehofft, du mit versteckter Kamera im Rekrutierungsgespräch, oder zumindest ein Telefonmitschnitt.

  3. Travis sagt:

    Zu dem mit der Firma:
    Nimms locker. Der Hauptzweck liegt wohl darin, die Geschäftspost (Fa. Schaefer) von der Weihnachtspost (Fam. Schaefer) zu trennen, wenn es sich um die gleiche Adresse handelt und man bei Anmeldung der Firma zu faul gewesen ist, sich einen Namen auszudenken. Das kenne ich noch von meinen Großeltern.

    Eine positive Seite gewinne ich dem Ganzen doch noch ab: Jemand der so offen mit dem Namen umgeht (Amway und Weltdachverband der Direktvertriebsunternehmen) macht es einem ausdrücklich leicht, einen weiten Bogen um die zu machen.

    Einer der Amway-Admins hat sich anscheinend noch einen Scherz erlaubt. Der Link unter dem Text „Verhaltensregeln für den Direktvertrieb“ liefert einen 404.

  4. Travis sagt:

    „[…] auf etwas wallraffmäßiges gehofft, du mit versteckter Kamera im Rekrutierungsgespräch […]“

    /dafür :D

  5. podruga sagt:

    was verkaufen die denn so erfolgreich, versicherungen, gehhilfen, weiße zähne?
    und haben sie den GF auf der homepage gesehen? da springt der erfolg aus jeder pore.
    feiner artikel.

  6. Andi sagt:

    Was ich nicht in Ordnung finde: dass du auf dem Auto der Fa. Schäfer die Telefonnummer überklebt hast. Sowas macht man nun echt nicht.

  7. Schonzeit sagt:

    Direktvertrieb ist der Adel der Volkswirtschaft. Viele schuften und einer kassiert. ;)

  8. Marco sagt:

    Schonzeit sagt:
    30. September 2010 um 12:48
    Direktvertrieb ist der Adel der Volkswirtschaft. Viele schuften und einer kassiert.

    Auch wenn ich mich nicht wirklich mit der Sache auseinandergesetzt habe, weiß ich:
    Das bei uns in der Firma auch ne Menge Leute schuften auch sehr sehr viele aber nur einer, nämlich der Chef, kassiert die dicke Kohle!
    Bitte nachdenken. ;-)

  9. Muriel sagt:

    @Marco: Sonderbares Unternehmen, in dem die Mitarbeiter nicht bezahlt werden.
    Dass ihr bei sowas mitmacht, stimmt mich wirklich nachdenklich.

  10. [...] mit einem Partner zusammen, und alle Beteiligten waren zufrieden, bis sein Partner die Freuden von Amway entdeckte. Die Zufriedenheit der Beteiligten ging rapide zurück, als zunächst Lieferanten und [...]

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