Best served cold

29. Juli 2011

Ich hab’s ja nicht so mit den großen Emotionen, aber wenn ich dazu neigte, hin und wieder schockiert zu sein, dann wäre ich es nach der Lektüre dieses Kommentars in der New York Times vielleicht gewesen.

 Justice? Vengeance? You need both

Moment, was? Beides? Zugleich?

Für mich sind das Gegensätze. Aber wir wollen nicht vorschnell urteilen. Wir wollen nicht intolerant sein. Lassen wir ihn erkläen, was er meint:

Norway does not allow for capital punishment, and the longest prison sentence a killer can usually receive there is 21 years. A country of such otherwise good fortune and peaceful intention is now unprepared — legally and morally —to deal with such a monstrous atrocity.

[...]

Americans have spent several recent weeks in a vengeful fury over the acquittal of Casey Anthony, who partied for an entire month while her 2-year-old daughter, Caylee, was supposedly missing but might have actually been murdered — by Ms. Anthony. 

[...]

The inadequacy of legal justice is one thing, its outright failure is quite another. But in both cases the attraction of a nonlegal alternative is a powerful one. Are these vengeful feelings morally appropriate? The answer is yes[...]“

Äh… Nein. Ich will mich mal unnötig starker Worte enthalten, aber was Herr Rosenbaum da schreibt, ist falsch. Er verwischt den Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Rache, den zwischen Schadenersatz und Strafe, und wenn er schon mal dabei ist, auch noch den zwischen verständlicher emotionale Reaktion und gesellschaftlich akzeptablem Verhalten.

Und falls jemand spitzfindig sein will: Ja, er spricht nur von den Gefühlen, und an denen ist moralisch in der Tat nichts auszusetzen. Die sind moralisch vollkommen neutral. Aber das ist nicht, was er meint. Ich bin nicht ganz sicher, was genau er meint. Vielleicht weiß er das nicht einmal selbst. Aber es scheint nichts Gutes zu sein, und seine Argumentation ist passend dazu plump und unaufrichtig:

Seeing someone receive his just deserts often feels righteous and richly deserved, and yet society regards vengeance as primitive and barbaric.

Ich nenne diese nervige kleine Spielerei “die Magie der Konjunktionen”, und wer sie benutzt, hat schon mal eine Menge Minuspunkte auf meiner Sympathieskala gesammelt. “and yet”? Wieso denn “and yet”? Herr Rosenbaum will damit ausdrücken, dass da ein Widerspruch steckt, aber in dem, was er geschrieben hat, steckt keiner. Erstens setzt er sein angestrebtes Ergebnis (nämlich, dass Gerechtigkeit und Rache im Prinzip austauschbare Begriffe sind) schon voraus, um diesen scheinbaren Widerspruch aufzubauen. Zweitens tut er so, als könne etwas, das sich gut anfühlt, nicht primitiv und barbarisch sein. Ich muss nicht erklären, was an dieser Prämisse nicht stimmt, oder?

John Foreman, the [murdered] boy’s father, now faces the prospect of bumping into his son’s murderer in their small town. On learning of Mr. Woodmansee’s impending parole, Mr. Foreman said, “If this man is released anywhere in my vicinity, or if I can find him after the fact, I do intend to kill this man.”

Such statements of unvarnished revenge make many uncomfortable. But how different is revenge from justice, really?

Wahrscheinlich wollt ihr das gar nicht so genau wissen, aber das ist die Stelle, an der mir zum ersten Mal beim Lesen der New York Times richtig schlecht wurde. Rosenbaum sagt es nicht ausdrücklich. Er arbeitet mit dieser perfiden Fragetechnik, die zum Beispiel auch unser nationales Organ der Niedertracht gerne nutzt. Aber für mich ist offensichtlich, dass er hier erstens Totschlag aus Rache gutheißt, und dass er zweitens behauptet, es gäbe keinen Unterschied zwischen Rache und Gerechtigkeit.

Seid ruhig ehrlich: Bin ich überempfindlich, oder ist das so widerwärtig, wie es mir vorkommt?

Justice requires that no less than an eye can be taken in retaliation for a lost eye, but no more than an eye either.

Okay. Jetzt kann ich nicht mehr. Ich wollte eigentlich noch mehr über diesen Artikel reden, aber jetzt höre ich doch lieber auf. Es ist zu billig, die Defizite in einem Text aufzuzeigen, der ernsthaft “Auge um Auge” als den ultimativen Maßstab von Gerechtigkeit propagiert. Überlassen wir also Thane Rosenbaum der Würdelosigkeit seines moralischen Analphabetismus und wenden wir uns stattdessen kurz dem Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Rache zu.

Das Thema ist natürlich komplex, und Gerechtigkeit ist einer dieser Begriffe, denen so ziemlich die ganze Menschheit seit ihrem Anbeginn nachjagt, ohne ihrer jemals ganz habhaft zu werden. Ich bitte deshalb um Nachsicht, falls es mir nicht ganz gelingen sollte, die Sache umfassend zu klären.

Gerechtigkeit strebt nach einem idealen Ausgleich zwischen den Interessen und Freiheitsrechten der einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft. Das Ziel eines rationalen Strafrechts ist nicht Rache, ist nicht die Befriedigung des Blutdurstes der Zuschauer. Ein gerechtes, rationales Strafrecht dient dazu, die Gesellschaft und ihre einzelnen Mitglieder zu schützen. Es erreicht dieses Ziel auf mehreren Wegen. Es hält Menschen davon ab, Straftaten zu begehen, indem es unerfreuliche Konsequenzen bereithält. Es schützt die Gesellschaft vor Straftätern, indem es sie einsperrt. Es resozialisiert Straftäter, indem es ihnen erstens verdeutlicht, dass die Gesellschaft es nicht hinnimmt, wenn man ihre Regeln bricht, und indem es sie zweitens lehrt, wie man sich an diese Regeln hält und warum das für alle eine gute Sache ist. (Ja, ich schildere hier einen utopischen Idealfall. Ich weiß.)

Rache ist etwas völlig anderes. Rache dient der Befriedigung eines irrationalen Verlangens. Wenn ich Schmerzen empfinde, dann werde ich wütend, und ich will jemandem dafür wehtun. Rache fragt eben nicht nach Gerechtigkeit, Rache fragt nicht nach Schuldfähigkeit, nach mildernden Umständen oder nach dem Sinn. Rache ist Wut und Hass und Blutdurst, sie ist blind und taub und egoistisch, und wehe denen, die das zur Grundlage ihrer Vorstellung von Gerechtigkeit machen wollen.

Ich weiß nicht, was mit Thane Rosenbaum und Menschen wie ihm los ist, die den Unterschied zwischen diesen beiden Konzepten nicht erkennen. Ich weiß nicht, was die Verantwortlichen bei der New York Times bewegt hat, einen solch unerträglichen Unfug zu veröffentlichen. Ich hätte gehofft, dass die Menschheit schon ein bisschen weiter ist. Und ich hoffe inständig, dass wir klug genug sind, nicht auf die Stimme des Blutdurstes zu hören, sondern auf Gutmenschen wie diese:

Wir stehen vor einer Wahl. Wir können das Geschehene nicht ungeschehen machen. Aber wir können uns entscheiden, was es mit uns als Gesellschaft und als Einzelnen macht.
(der norwegische Kronprinz Haakon)

[W]ir werden nie unsere Werte aufgeben. Unsere Antwort ist mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit.
(der norwegische Ministerpräsident Stoltenberg)


Der Kommentar eines Irrsinnigen

25. Juli 2011

Ich habe für den von Stefan Niggemeier angeregten Wettbewerb um den dümmsten voreiligen Beitrag zu den Anschlägen in Oslo eine Ergänzung vorzuschlagen: Georg Paul Hefty hat auf faz.net einen Kommentar verfasst, der insgesamt wohl mit nutzlos und dumm noch ausreichend bewertet ist, aber aus zwei Gründen doch auf einen Spitzenplatz gehört:

Erstens ist es langsam zu spät, um noch die Ausrede eines voreiligen Beitrags zu nutzen. Zweitens bekommt Herr Hefty Bonuspunkte für die dämlichste Verrenkung aller Zeiten, um noch der offenbar ehernen Regel zu genügen, dass alle Mörder immer feige sein müssen:

Wie irrsinnig der Täter von Oslo und Utoya ist, zeigt mehr als sein Handeln der Schlusspunkt, den er zu setzte: er ließ sich von der Polizei festnehmen – ohne sich einerseits zu wehren und damit seine Erschießung zu provozieren oder andererseits sich selbst zu erschießen. Ein Mensch, der im Alter von 32 Jahren, also jenseits von kindischer Uneinsichtigkeit und diesseits von Altersverstocktheit, eine Stunde lang auf Mädchen und Jungen geschossen hat und dabei das Töten beabsichtigt und wohl auch wahrgenommen hat, bildet sich also ein, mit dieser Last fortan leben zu können – und zwar, da es die Todesstrafe in Europa nicht gibt, über Jahrzehnte bis zu seinem natürlichen Ableben.

Wenn sich nicht noch herausstellt, dass diesem Mann eine medizinisch aussichtslose Diagnose gestellt worden war, dann hat die Welt es hier mit einer Mischung aus unfassbarer Grausamkeit den Mitmenschen gegenüber und entlarvender Feigheit sich selbst gegenüber zu tun. 

Äh-hä-bä-dädä- Was?

Noch mal: Dass der Täter sich einfach widerstandslos hat festnehmen lassen, ist sein deutlichstes Zeichen von Irrsinn. Dass er eine Bombe in einer Großstadt gelegt und dann ein paar Jugendliche erschossen hat, ist natürlich auch ein bisschen komisch, aber es reicht offenbar bei Weitem nicht an den Irrsinn heran, danach nicht sterben zu wollen. Das ist der Teil der Tat, den Herr Hefty für wirklich krank hält.

Und die abwegige Vorstellung des Täters, mit der Schuld für all seine Morde weiterleben zu können, ist in Herrn Heftys Augen entlarvende Feigheit sich selbst gegenüber.

Obwohl ich ihm natürlich nicht im Ernst Irrsinn unterstelle, kann ich doch ohne jede Übertreibung behaupten, dass mir unbegreiflich ist, wie man sich so einen Quatsch zusammenfabulieren kann. Es ist jenseits meiner Vorstellungskraft, wie man denken muss, um auf die Idee zu kommen, dass der Wille, mit den Folgen seiner Taten zu leben, nicht nur irrsinniger ist als dutzendfacher Mord, sondern außerdem noch ein Zeichen entlarvender Feigheit.

Die vielen Narren, die hier im Internet so rumlaufen, machen den Hinweis wohl erforderlich: Ich schreibe das nicht, um damit den Täter zu loben. Ich nenne ihn übrigens absichtlich nicht beim Namen. Er ist ein erbärmlicher Idiot, ein Niemand, und ich will ihm nicht mal das vernachlässigbare bisschen zusätzlichen Ruhm verschaffen, das eine Erwähnung in meinem Blog wert wäre. Nennt es meinen Beitrag zu nutzloser Symbolpolitik.

Ich schreibe das, weil ich es für unsere Pflicht halte, der Abscheu gegenüber einem Mörder und seinen Taten nicht die eigene Urteilsfähigkeit zu opfern. Das beginnt bei der schon genannten, mir unverständlichen, Notwendigkeit, jeden Mörder “feige” zu nennen, und geht weiter bei der Idee, dass es als Erklärung reicht, von Irrsinn zu faseln. Täter haben Gründe. Wahnsinn hat Ursachen, und oft genug Methode. Je besser wir diese Gründe, Ursachen und Methoden verstehen, je offener wir dem Irrsinn ins Gesicht sehen, desto besser können wir uns schützen. Und auch wenn Tim und ich schon wissen, was wir von Herrn Hefty und seinen Kollegen zu halten haben, gibt es doch immer noch Menschen, die die FAZ als Quelle von Weltanschauungen und Meinungen ernst nehmen. Erst wenn das aufhört, ist meine Aufgabe getan.


“Ich wette, Sie langweilen sich”, sagte der Taxifahrer.

24. Juli 2011

Und obwohl er gar nicht zu mir sprach, sondern zu Sherlock Holmes, wollte ich ihm so gerne antworten: “Ja! Ja, ich langweile mich! Ich langweile mich so sehr!”

Oh, wie ich mich gelangweilt habe.

Aber jetzt ist es ja vorbei.


Mit Verlaub, Herr Haas, Sie sind ein

24. Juli 2011

Mensch der offenbar nicht verstanden hat, was Aufklärung bedeutet, aus irgendeinem mir nicht ersichtlichen Grund Technologie, Wissen und Vernunft als etwas Beängstigendes empfindet und aus ebenso unerfindlichem Grund das Bedürfnis verspürt, dieses debile Ressentiment sogar in etwas so harmlosem wie einer kurzen Rezension einer kurzen Fernsehserie zu propagieren, was ich als sehr unerfreulich und verwerflich empfinde.

Mir schwante schon Übles ob der Einleitung, die Herr Haas für seinen Text zu der BBC-Serie “Sherlock” gewählt hat. Er spielt Überraschung ob der Entscheidung, Herrn Holmes in die Gegenwart zu versetzen:

“Ein Detektiv also, noch dazu ein Erbe der Viktorianischen Epoche? Einer, der stolz mit den Mitteln der Ratio hantiert, als sei die Aufklärung eine rundum glückliche Veranstaltung gewesen?”

fragt er, und ich frage mich an diesem Punkt noch um Offenheit bemüht, wie er das meinen könnte. Will er vielleicht nur sagen, dass die Aufklärung noch lange nicht abgeschlossen ist und sich als vielfach schwieriger herausgestellt hat als ihre naiven Begründer damals erwarteten? Das wäre ja noch verständlich und richtig, aber das kann es nicht sein, denn erstens drückt Herr Haas durch seine Formulierung aus, dass er es für unangebracht hält, stolz mit den Mitteln der Ratio zu hantieren, und damit erhält auch der ambivalente zweite Halbsatz für mich eine klare Richtung: Die Aufklärung war keine glückliche Veranstaltung, sondern eine unglückliche. Davon wusste ich bisher nichts, und nun hoffe ich, dass Herr Haas sich auch weiterhin vom Thema seines Artikels nicht in der Verbreitung seiner stumpfsinnigen kleinen Vernunftfeindlichkeit bremsen lässt.

Ich werde nur halb enttäuscht, wobei enttäuscht nicht das richtige Wort ist, denn es kommt, wie ich es von so jemandem erwarte: Herr Haas lässt sich zwar nicht bremsen, kommt aber auch nicht zur Sache. Er wirft weiter mit bedeutungsschwangeren Andeutungen um sich, ohne uns naive Fortschrittsgläubige in die Hintergründe einzuweihen. Er schreibt zum Beispiel:

In dieser Figur laufen die Konfliktlinien der modernen Wissensgesellschaft zusammen“,

und dann lässt er uns damit hängen, ohne zu verraten, welche Konfliktlinien er meint. Ich will nicht leugnen, dass es die gäbe, aber in den nächsten Sätzen schildert Herr Schächter Haas, dass Holmes “als Virtuose der analytischen Kombinatorik” (Ist klar, ne?) mit den “Instrumenten unserer Kommunikationstechnologien” umgeht (womit wahrscheinlich Computer und Handys gemeint sind), sich aber trotzdem manchmal bewegen muss, am liebsten aber nur noch denken würde. Sieht da jemand die Konflikte unserer Gesellschaft zusammenlaufen? Oder irgendwas anderes? Ich bin für jeden Hinweis dankbar.

Falls ihr mir jetzt noch Vorurteile und übertriebene Empfindlichkeit unterstellt und denkt, es könne ja alles ganz anders gemeint sein: Das hielt ich offen gesagt auch noch für möglich, bis ich diesen Satz las:

Wir wissen, dass die Aufklärung auch die Barbarei ausbrütet.

Und dazu habe ich so ziemlich nichts zu sagen, das Herr Haas nicht als Anlass zu einer Beleidigungsklage nehmen könnte. Deswegen lasse ich es und fordere euch auf, selbst zu überlegen, wie viele Beispiele für Barbarei auf Basis eines aufgeklärten, wissenschaftlich-rationalen Weltbildes euch einfallen. Und wehe, einer sagt Hitler. Dann schreie ich.

(Die Serie könnte aber gut sein. Heute um 21:45 Uhr, ARD. Falls ihr Lust habt.)


Flirting with Darkness

24. Juli 2011

Kennt ihr das auch, dass ihr eine grundsätzlich gute Idee habt, sie aber nicht umsetzen könnt? So ungefähr ging es mir auf dem Flug nach Singapur. Ich hatte da eine Idee für ein Gedicht, und holte meinen Laptop raus und tippte auch ein paar Strophen, aber irgendwie wurde aus den Teilen kein Ganzes, und irgendwann hatte ich genug von der Sache und packte den Laptop wieder ein. Seitdem habe ich immer mal wieder versucht, was draus zu machen, gab aber immer zügig wieder auf, weil der entscheidende Einfall noch fehlte. Gestern fand er mich nun endlich, und ich habe “Flirting with Darkness” zu Ende geschrieben.

Ich hoffe, mein kleines Gedicht gefällt euch so gut wie mir, aber falls nicht, lasst mich ruhig wissen, was euch stört, oder schlagt Verbesserungen vor. Ich freue mich wie immer über fast jeden Kommentar. Zum Beispiel bin ich von dem Titel noch nicht so ganz überzeugt. Was meint ihr?

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Splitter und Balken

23. Juli 2011

Diese Leute, die mich hin und wieder ermahnen, dass es mir zum Beispiel völlig egal sein könnte, wenn der Papst den Gebrauch von Kondomen verbietet oder Homosexualität als Sünde diffamiert, dass es doch wohl Zeichen meiner tiefen inneren Unreife und Unsicherheit sei, dass ich so etwas nicht einfach auf sich beruhen lassen kann, und dass es mich doch wohl gar nichts angehe, was andere Leute sich auf Basis ihrer Überzeugungen für Regeln auferlegen: Müssten die nicht eigentlich trotz allem zumindest noch ganz leise das resignierte Piepen ihrer eingestaubten Ironiedetektoren hören?

Aber wahrscheinlich haben manche Menschen sich den Gebrauch ihrer Vernunftinstrumente so gründlich verlehrt, dass sie nicht einmal mehr wissen, wo auf dem spinnwebverhangenen Dachboden ihres Verstandes die Dinger stehen.


The most interesting luggage in the world

22. Juli 2011


Don’t be a Dick

21. Juli 2011

Jemand sagte mir kürzlich, ich sollte mal was von Philip K. Dick lesen. Und dann las ich noch eine Kritik seines Gesamtwerks, die ihm bescheinigte,  “dass Philip K. Dick ein Visionär war, seiner Zeit weit voraus. Lesen aber kann man ihn heute nicht mehr.” Außerdem meinte der Verfasser, mein Friend Martin Spieß (Namedropping. Mach ich auch viel zu selten.), ” dass die Filme stets um Klassen besser sind als die literarische Vorlage.

Und da wusste ich, dass ich das mal für mich selbst erkunden muss. Ich besorgte mir also eine Sammlung seiner Kurzgeschichten und hörte sie mir an. AutofacProgenyThe Exit Door Leads In. Bis zur dritten bin ich gekommen, dann hab ich’s nicht mehr ausgehalten. Nicht, weil Martin Recht hatte. Zumindest für mich trifft seine Beschreibung völlig daneben, obwohl sowas natürlich eher Ansichtssache ist. Und ebenfalls selbstverständlich maße ich mir mir nicht an, nach drei Kurzgeschichten Dicks Werk umfassend analysieren zu können.

Wenn ich aber mal vorsichtig unterstelle, dass diese drei Geschichten zumindest grundsätzlich seinen anderen Arbeiten ähneln, dann traue ich mir auf dieser Basis doch mal zu, den folgenden vorläufigen Eindruck zu formulieren, in dem Bewusstsein, dass ich möglicherweise vorschnell urteile:

Philipp K. Dick mag ein Visionär gewesen sein. Den Titel will ich niemandem streitig machen. Warum auch? Visionen hat jeder mal, vom Präsidenten bis zu dem älteren ungepflegten Herren, der mit einem Pappschild vor sich und einer Bierflasche in der Hand neben der Fußgängerzone liegt (und ich will damit nicht andeuten, dass es da eine Hierarchie im Wert gäbe, oder falls doch, wer dabei oben stünde). Ich finde den Titel aber doch ein bisschen irreführend, denn dass ich Dick nicht lesen kann, liegt nicht an seinen fehlenden schriftstellerischen Fähigkeiten. Oder doch, wie man’s nimmt, denn am Ende liegt es daran natürlich immer irgendwie, wenn jemand eine miese Geschichte schreibt.

Sagen wir es anders: Es liegt weniger am Handwerk als an der Vision. Ich mag eigentlich die Art, wie er geschreibt. ich finde, er drückt sich sehr eloquent aus, und seine Dialoge sind durchaus geistreich. Seine Geschichten scheitern daran, dass ihre Prämissen uninteressant sind und dass er sich außerdem nach meinem Gefühl an Aspekten seines Szenarios abarbeitet, die weit, weit, weitweitweit, weit, weeeeeiiiiit, weit neben der eigentlichen Frage liegen, die er stellt.

Ich sollte dazu vielleicht ein Beispiel aus den Geschichten wählen, die ich tatsächlich kenne, aber ich liebe das Risiko, und in den dreien findet sich einfach kein so schön griffiges Beispiel wie in dem Film Minority Report. Sollte Dicks Geschichte mit dem Thema völlig anders umgehen, mag das manch einem unfair vorkommen, aber das Beispiel hilft trotzdem, das Problem zu verdeutlichen:

Da sind also die Precogs, die Morde voraussehen. Und da ist diese Polizeieinheit, die ihre Wahrsagungen auswertet und dann aufbricht, um den Täter wegen Mordes zu verhaften. Der Film gefällt sich in scheintiefsinnigen Diskussionen darüber, ob man das so machen kann und über freien Willen, Schicksal und prädeterminiertes Handeln. Und damit verfehlt er den Punkt. Ob wir jemanden für eine Tat bestrafen können, die er nicht begangen hat, aber begangen hätte, ist keine spannende Frage, und es ist keine neue Frage. Es gibt schon eine Vorschrift dafür im Strafgesetzbuch. Wir nennen so etwas einen “Versuch”. Wer einen Mord begangen hätte, aber aufgehalten wurde, ist kein Mörder. Er hat – na sowas! – keinen Mord begangen, sondern er ist wegen versuchten Mordes zu bestrafen. (Ich weiß, dass ich hier gerade ein Feld für Diskussionen eröffne, die mit meiner Meinung zu Dicks Literatur wenig zu tun hätten, aber so bin ich: Living on the edge.) Das Problem ist also weder die Wahrsagerei noch die strafrechtliche Bewertung, sondern der Verlust an Rechtsstaatlichkeit. Die Precogs sind nur ein völlig überflüssiges Gimmick, wie eigentlich auch so ziemlich alles andere in dieser traurigen Ruine eines versuchten Films, und das ist auch das Problem in Dicks Geschichten: Die Roboter, die Computer, die Raumschiffe sind nur Gimmicks, und man merkt es. Der Autor weiß nichts mit ihnen anzufangen. Das Ganze liest sich wie schlechte Beispiele in schulischen Ethikbüchern. Man merkt, dass es dem Autor um irgendwas ging, und dass er sich bemüht, hipp zu sein, damit es einen interessiert, aber er scheitert auf ganzer Linie.

Und insofern sehe ich nicht, wo Dicks Vision ihre Aktualität verloren hätte, wie Martin andeutet. Erstens ist eine Geschichte, die ihre Aktualität verliert, von vornherein niemals gut gewesen. Und zweitens sehe ich keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Dicks dystopischer Zukunft und dem, was mir an jeder alten und jungen dystopischen Zukunftsvision auf den Geist geht: Diese moralistische Schuldzuweisung an den Fortschritt und die kalte Vernunft und die gottverdammten Roboter, die unserer Gesellschaft ihre Menschlichkeit nehmen. Oder so.

Ich habe nichts dagegen, wenn eine gute Geschichte auch ein paar Fragen stellt. Das dürfen auch ethische und kritische Fragen sein. Aber ein entrüstet furchtsames “Wo kämen wir denn da hin?”, wie ich es in diesen drei Geschichten von Philipp K. Dick vorgefunden habe, hat nichts mit Vision in irgendeinem positiven Sinne zu tun, und es ist eigentlich nicht mal eine Frage. Es ist ein Fanal der Hilf- und Ideenlosigkeit. Genau wie Dicks Geschichten.


Restebloggen (72)

20. Juli 2011
  1. Das hat Keoni für mich entdeckt: Die 50/90-Challenge. In 90 Tagen soll jeder Teilnehmer 50 Songs schreiben und singen und veröffentlichen. Mein bisheriger Liebling ist “He-Man” von Leslie Hudson. Obwohl man natürlich schon hin und wieder die heiße Nadel noch bemerkt, ist das meiner Meinung nach ein echtes Juwel, das den Vergleich mit manchen großen Chats-Songs nicht zu scheuen braucht. Nicht, dass damit die Messlatte besonders hoch gelegt wäre, textlich gesehen, aber… Ach, hört doch einfach mal:
    “Wake up on Eternia, a billion miles from here
    Somehow I can breathe the strange and foreign atmosphere
    Robot guards and hybrids live in castles made of stone
    Ruled by a king and Earthling-queen who sit upon the throne
    Everyone who lives here can be slotted easily
    Labelled nice or evil, beauty or monstrosity
    He-Man leads the good guys, and Skeletor the bad
    And heroes vanquish villains and the stupid plans they have”
    Und kommt mir nicht mit dummen Ausreden wie der, ihr hättet He-Man früher nicht gesehen. Hat Keoni auch nicht, und sie erkennt trotzdem, was für ein Meisterwerk das ist.
  2. Niedersachsen hat endlich das modernste Hundegesetz Deutschlands. Schön, wenn die Politik trotz globaler Finanzkrise, Hungersnot und Krieg noch Handlungsfähigkeit demonstriert und so den Bürgern zeigt, dass sie nicht alleingelassen sind.
    Weiterer Baustein dieses wohl wichtigsten aller Weltverbesserungsgesetze ist eine Zwangshaftpflicht: Personenschäden von einer halben Million Euro  und Sachschäden von 200.000 Euro sind hier das absolute Minimum, auf dass sich unsere Wohltäter in Hannover durchringen konnten. Konzeptionell ziehen damit die Regeln für die Hundehaltung mit der der KFZ-Haltung endlich ein wenig gleich. Das tun sie auch mit einem anderen wichtigen Mosaiksteinchen: Dem “Sachkundenachweis”. Auch der gilt nicht für Hunde, die unter Umständen wirklich gefährlich werden könnten, sondern selbstverständlich für jeden noch so lächerlich Kläffer.
  3. Sogar, wenn ich nicht sowieso schon ein kranker GameOne-Fan wäre, würde ich diesen Beitrag allein wegen seintes Titels lieben:
    Vom tatsächlichen Inhalt der Bücher habe ich wenig bis keine Ahnung. Was will Voldemort und warum? Gegen wen? Hä? Wat? Wieviel? Ist mir auch wurscht. Hauptsache, es kommt keine von diesen FUCKING Alraunen vor. Gott im Himmel, ich hasse diese Alraunen!
  4. Mögt ihr animierte Filme? Oder seht ihr vielleicht wie ich einfach generell gerne Filmkritiken, wenn sie gut gemacht sind? Ich habe da vor kurzem ckat13 auf YouTube entdeckt, und ich mag sie. Ich kann über jeden ihrer kleinen Nerdwitze lachen, und eigentlich habe ich auch unabhängig davon, ob gerade Nerdwitze stattfinden oder nicht, ein breites Grinsen im Gesicht, während ich ihr zuhöre.

    Ich höre ihr einfach gerne zu.
  5. Weil mein Kommentar bei Sende-Zeit nicht erschienen ist (was nicht an denen liegen muss, sondern auch einfach ein technisches Problem sein könnte, denn irgendwas war da komisch), schreibe ich ihn eben hier hin: Die Katholiken, die dort in dieser “Der Papst und…”-Serie schreiben, schildern fast ausnahmslos, wie sie ihn zuerst nicht leiden konnten und ihn dann aber zu schätzen lernten, denn er ist ja “so ein feiner, intelligenter Herr“. Und ich bin davon überzeugt, dass das stimmt. Das ist genau der Eindruck, den ich auch von ihm hatte, als ich mal ein Interview mit ihm gehört habe. Und das ist auch einer der Punkte, die mich an Religionen wie dem Christentum so traurig finde. Dass sie dazu führen, dass aus feinen, intelligenten Herren… Naja, zum Beispiel Päpste werden. Und dass sie den Verstand von feinen und intelligenten Menschen so vergiften, dass diese dann glauben, ein Mensch habe nur für seine Menschlichkeit schon ewige Verdammnis und endloses Leid verdient.
  6. Ach komm, den Niggemeier kann man auch mal verlinken. Der soll ja auch nicht leben wie ein Hund.
    Fast ein Jahr ist es her, dass auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs in Duisburg 21 Menschen getötet und viele Hundert verletzt wurden. Der erste Jahrestag der letzten „Love Parade“ ist Anlass, an die Katastrophe zu erinnern, das Geschehen zu rekonstruieren, der Opfer zu gedenken und zu fragen, was wir aus den Fehlern lernen können.
    Eine der wichtigsten Lehren aus dem schrecklichen Geschehen liegt auf der Hand: Wir dürfen nie vergessen, was für eine großartige Zeitung die „Neue Ruhr-Zeitung“ (NRZ) ist. Dankenswerterweise erinnert die NRZ dezent daran.
  7. Fingerkuppenweitspucken spricht über den sehr wichtigen “Unterschied zwischen „Sachen, die wir nicht gut finden“ und „Sachen, die wir verbieten wollen“” am sehr instruktiven Beispiel des sächsischen Versammlungsgesetzes.

Angelic Duties: Gleichsam ein Trailer

19. Juli 2011

Ich hatte vor einer Weile mal Steampunk mit Engeln versprochen und damit offenbar unter den wenigen Lesern meiner Geschichten eine gewisse Vorfreude ausgelöst. Das hat mich natürlich gefreut, und weil mir irgendwie gerade danach ist, dachte ich, ich biete schon mal eine kleine Vorschau auf das, was da kommt.

Denkt euch das Ganze am besten wirklich wie einen dieser Trailer für Filme, die Monate vor deren Veröffentlichung erscheinen. Der Zusammenhang mit der eigentlichen Geschichte, wie sie nachher im fertigen Zustand aussieht, steht noch nicht fest, und das ist auch nicht der Anfang eines neuen Fortsetzungsromans. Es kann noch Jahre dauern, bis ihr das nächste Mal wieder was von der Sache hört. Ein bisschen wie Duke Nukem Forever vielleicht. Ja, das ist gut. Denkt einfach an den ersten Trailer zu Duke Nukem Forever 1997 oder wann das war.

Der einzige große Unterschied zu einem Trailer ist, dass ihr hier natürlich keine Montage aus kleinen Schnipseln mit den besten Gags und Actionszenen aus der ganzen Story bekommt, sondern einfach nur eine Szene. Aber eine gute, falls meine Meinung da irgendwas zählt. Ach so, und seid bitte nicht enttäuscht, dass das mit dem Steampunk in dieser Szene noch nicht so rüberkommt. Ich hoffe, dass das im Verlauf noch besser wird. Aber da passte es einfach nicht hin.

Ich weiß nicht, wann und ob Angelic Duties hier im Blog erscheinen wird. Aber ich weiß immerhin schon, dass es auf Englisch sein wird. War das zu viel Vorrede? Jetzt geht’s jedenfalls los.

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