Restebloggen (73)

11. August 2011
  1. Das nächsten “Gefallen”-Kapitel ist in Arbeit. Vielleicht schon morgen.
  2. Du weißt, dass du zuviel Zeit im Internet verbringst, wenn du dir eines dieser billigen Sonntag-Mittag-Märchen nach der Sendung mit der Maus ansiehst und in lautes Gelächter ausbrichst, wenn der Prinz die Prinzessin fragt, was sie denn mit dem vielen Stroh hier vorhat.
  3. Via Wortvogel:
  4. Manchmal möchte man an an seinen Mitmenschen verzweifeln, zum Beispiel, wenn man sowas liest:
    bin total geschockt, nach einigen Monaten Ehe habe ich zufaellig rausbekommen, dass
    mein Mann des oefteren Pornofilme im Internet anschaut und es macht mich einfach
    unglaublich traurig. Wir sind beide wiederbekehrt .
    Ich bin total durcheinander, und habe in den letzten 3 Tagen viel geweint, weil es so demuetigend ist und ich mich auf einmal so wertlos fuehle und ich auch nicht weiss

    Aber dann liest man sowas:
    Ich habe meine Frau dabei ertappt, wie sie Kochsendungen schaut.
    Jetzt fühle ich mich sehr gedemütigt.
    Ich mache ihr nämlich manchmal Rührei zum Frühstück. [...]
    Wenn sie einen Mann zu Hause hat, der ihr jederzeit ein Ei brät, warum muss sie dann anderen Leuten beim kochen zusehen?
    Ist da nicht schon der Schritt zum heimlichen Restaurantbesuch der nächste?

    Und dann ist nicht nur alles wieder gut, sondern man weiß auch, dass die Zeit, die man in diesem komischen Forum verbringt, nicht umsonst ist. Schön.
  5. Anatol Stefanowitsch schreibt gerade viel über Pippi Langstrumpf, und ich verstehe, dass nicht jeder Zeit hat, so viel Text über ein uninteressantes rassistisches Kinderbuch zu lesen, aber ich find’s empfehlenswert, ob man ihm nun zustimmt oder nicht.
    Und wenn man zu der Einsicht gelangt ist, dass nur eine Umdichtung noch helfen kann, sollte man auch noch über eine vierte Möglichkeit nachdenken, mit diskriminierenden Kinderbüchern umzugehen: Verlage könnten aufhören, sie nachzudrucken und sie könnten stattdessen neuen Autor/innen und neuen Geschichten eine Chance geben, bessere Geschichten zu schreiben. Und Konsument/innen könnten aufhören, sie ihren Kindern vorzulesen. Es ist ja nicht so, als ob eine Welt ohne Pippi Langstrumpf unvorstellbar oder eine literarische Dystopie wäre. Pippis fünfzehn Minuten Ruhm dauern jetzt schon sechzig Jahre.
  6. Ich habe ein sympathisches Blog entdeckt, und ich verlinke es hier, und jetzt fühle ich mich schlecht, weil ich nicht jedes sympathisch Blog, das ich entdecke, hier verlinke, aber ich tu’s trotztdem, und hoffe eben einfach, dass die Autoren der anderen sympathischen Blogs, die ich entdeckt, aber nicht verlinkt habe, mir das nicht übel nehmen, sondern sich vielleicht sogar über die Chance freuen, ein sympathisches Blog zu entdecken. Und zu verlinken.
    Natürlich kann sich auch [beim Thema Wetter] politischer Zündstoff einschleichen, zeichnet doch für die häufigen Unwetter und den täglichen Regen in diesen Breitengraden bestimmt auch wieder der vielzitierte Klimawandel verantwortlich. Zu dem habe ich übrigens keine ausgegorene Meinung, außer dass die Forderung, den Planeten zu retten, in diesem Zusammenhang eine ziemlich unsinnige ist, will man doch nur den Planeten für die Menschheit möglichst lebensfreundlich erhalten. Ein bisschen globale Erwärmung juckt ja den Globus selber nicht. Wohl aber gefährdet sie Tiere, und die aktuelle Artenvielfalt zu bewahren stellt interessanterweise trotz der Tatsache, dass deren Wandel und das damit einhergehende Aussterben von auch sehr charismatischer Fauna bisher selbstverständlich zur Erdgeschichte gehört hat, ein völlig fragloses Ziel menschlichen und politischen Handelns dar. – Nicht dass ich dafür wäre, Eisbären, Tiger, Leoparden, Pandas und anderes flauschige Getier auszurotten, keineswegs. (Was gewisses stechendes bzw. unappetitliches Ungeziefer anbelangt, ist meine Haltung zugegeben eine andere, aber auch da gehören ja irgendwelche Ökosysteme erhalten – womit wir eben wieder beim Thema wären:
  7. Nur falls jemand davon genauso überrascht ist, wie ich es war, als ich es erfuhr: Ja, in Deutschland ist es zurzeit noch verboten, überregionalen Linienbusverkehr anzubieten. Und mindestens ein SPD-Politiker will anscheinend tendenziell, dass das so bleibt.
    Die Öffnung des Marktes unterstütze bestehende Tendenzen der Deutschen Bahn, Randlagen im Fernverkehr nicht mehr zu bedienen, kritisierte Beckmeyer. Er forderte, dass Fernbusse Maut zahlen müssen.
  8. Das ist eigentlich ein echt ungünstiger xkcd-Cartoon, um ihn im Restebloggen zu präsentieren, aber er ist zu gut, um es nicht zu versuchen. Wenn ihr es nicht lesen könnt, klickt, dann wird er groß. Es lohnt sich. Kommt schon. Ihr klickt doch auch sonst auf jeden Mist, seid ehrlich.
    You're a turtle.

Herr Müller hatte gestern wohl keinen so guten Tag

6. August 2011

Er hat nämlich nicht nur diesen Skandal enthüllt, dass Straßburg mindestens den Hauptteil der Verantwortung dafür trägt, dass hier in Deutschland noch Recht gesprochen wird, statt dessen, was Boulevardzeitungen dafür halten. Er hat darüber hinaus noch die lange umstrittene Frage geklärt, ob homosexuelle Paare mit heterosexuellen gleichbehandelt werden sollten. Ihm scheint zwar nicht ganz klar zu sein, warum das überhaupt eine Frage ist, aber für uns Lernbehinderte hat er die offensichtliche Antwort trotzdem noch mal aufgeschrieben, und bei der Gelegenheit eine brisante Entdeckung gemacht, die dem einen oder anderen von euch vielleicht bisher entgangen ist:

Heute muss man sagen: Die Ehe ist am Ende.

Tja. Hättest ihr nicht gedacht, was? Und Herr Müller verrät uns auch, wer die schöne Ehe kaputtgemacht hat:

 die Lebenspartnerschaft erwies sich als semantischer Trojaner.

Jawoll! Als semantischer Trojaner nämlich. Nun stimme ich Herrn Müller sogar zu, dass es der Institution “Ehe” in gewissem Sinne zum Schaden gereicht, wenn man für bestimmte Menschen für genau den gleichen Zweck eine ähnliche Institution einführt, die nur anders heißt und gegenüber dem Original durch ein paar kreative unfaire und sinnlose Benachteiligungen angereichert wurde. Ich würde daraus allerdings etwas andere Konsequenzen ziehen als er:

Zwar heißt es immer noch im Grundgesetz, die Ehe stehe unter dem „besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“. Doch in der Praxis gibt es kaum noch einen Unterschied zur Lebenspartnerschaft.

Und natürlich liegt da das Problem: Mehr grundlose Diskriminierung wagen! Dabei geht es Herrn Müller natürlich nicht darum, dass Homosexualität an sich ihn irgendwie stören würde. Er hat keine Vorurteile und ist kein bisschen homophob. Im Gegenteil, er ist eigentlich total dafür, dass der Staat sie genau so unterstützt, wie er das auch bei Heterosexuellen tut:

Das Füreinander einstehen in guten wie in schlechten Tagen hat zweifellos nichts mit dem Geschlecht der Lebenspartner zu tun. Der Staat hat ein Interesse daran, stabile Beziehungen zu schützen.

Während ich dem ersten dieser Sätze natürlich nur zustimmen kann, frage ich mich, ob der zweite auch für meine weniger liberal eingestellten Leser eine gewisse unfreiwillige Komik entfaltet, wenn man ein bisschen länger über ihn nachdenkt: Der Staat soll als die Liebesbeziehungen seiner Bürger stabilisieren? Ähm, ja… Genau das wünsche ich mir: einen Haufen Politiker und Beamter, die mir mit Gesetzen und Dienstvorschriften helfen, meine Liebe lebendig zu halten. Keoni und ich wüssten gar nicht, wie wir es miteinander aushalten sollten, wenn der Staat nicht unsere stabile Beziehung schützen würde.

Egal, zurück zum Thema: Was hat Herr Müller denn dann gegen die Gleichstellung homosexueller Paare?  Was ist sein eigentliches Argument?

Das klingt fast schon wie die Linkspartei: Ehe für alle. Nicht einmal die rot-grüne Bundesregierung wollte das offenbar

Nein, das war ein Scherz. Also, nicht von ihm, er hält das anscheinend wirklich für ein Argument. Aber von mir. Hier bei den Qualitätsmedien geben wir uns mit solchem Kasperkram nicht ernsthaft ab.

Kommen wir also zum wirklichen Hauptargument. Will jemand raten? Oder wollen wir es alle zusammen sagen? Auf drei!

Der Staat darf eine Lebensform besonders schützen, die ihm am besten geeignet erscheint, Kinder hervorzubringen und sie am besten (auch steuerlich) zu fördern. Das ist die traditionelle Ehe. 

[...]

Wenn aber beide Formen einander wirklich gleichgestellt werden, kann von einem besonderen Schutz der Keimzelle der Gesellschaft keine Rede mehr sein.

Das ist der Wahrheit! Und in dieser doch sehr überschaubaren Argumentation verbergen sich so viele kleine Unaufrichtigkeiten, dass ich meine Erwiderung der Überischtlichkeit halber in einzelne Punkte aufgliedern möchte.

  • So. Fangen wir mit der wohl am wenigsten wesentlichen Unaufrichtigkeit an: Hat jemand das “(auch steuerlich)” bemerkt? Ich bin nicht mal sicher, ob er Herr Müller das so meint, wie es da steht, oder ob er nur die Übersicht über seine Syntax verloren hat. Bei einem Gesprächspartner, den ich ernst nehme, würde ich unterstellen, dass er sagen wollte, der Staat dürfe so eine Lebensform (auch steuerlich) am besten fördern. Bei Herrn Müller aber gehe ich bis auf Weiteres davon aus, dass er tatsächlich meint, der Staat dürfe eine Lebensform besonders schützen, die ihm am besten geeignet erscheint, Kinder (auch steuerlich) zu fördern. Das hat er schließlich auch so geschrieben. Und das ist natürlich offensichtlich Blödsinn, denn die Familie ist ja nur deshalb steuerlich vorteilhaft, weil der Staat sie besonders schützt. Wie gesagt: Einerseits ist es ein bisschen unfair, Herrn Müller zu unterstellen, dass es sich dabei um ein blödes Argument handelt, statt nur um einen Schreibfehler. Andererseits sind seine anderen Argumente genauso blöd, deswegen bleibe ich erst einmal dabei.
  • Stellen wir auch einmal die grundsätzliche Frage: Sollte der Staat sich wirklich damit befassen, ob eine Bürger Kinder hervorbringen? Geht ihn das wirklich etwas an, oder sollte er diese Entscheidung vielleicht den einzelnen Menschen überlassen? Meine Antwort könnt ihr euch denken, eure müsst ihr selbst geben.
  • Sogar wenn wir mal davon ausgehen, dass der Staat tatsächlich eine Lebensform besonders fördern sollte, die ihm am besten geeignet erscheint, Kinder hervorzubringen: Müsste er dann nicht in irgendeiner Form belegen können, dass das tatsächlich die heterosexuelle Zwei-Partner-Ehe ist, bevor er damit anfängt? Aus meiner Biologiekenntnis heraus dürfte für das Hervorbringen von Kindern eine Ehe aus einem Mann und mehreren Frauen zum Beispiel viel besser geeignet sein. Und was das Fördern angeht (Ich hatte mich ja entschieden, den Satz so zu deuten, dann will ich auch dabei bleiben.), so spricht meines Wissens nichts dagegen, dass homosexuelle Partner das genauso gut oder sogar besser hinbekommen. Ich weiß nicht, wie Herr Müller das sieht, aber ich finde, dass der Staat eine rationale Grundlage dafür haben sollte, wenn er bestimmte Liebesbeziehungen bevorzugt, weil sie ihm für irgendwas “geeigneter” erscheint.
  • Unterstellen wir weiterhin, dass es irgendwie wünschenswert wäre, dass der Staat seine Bürger dazu anregt, möglichst viele Kinder hervorzubringen, und denken wir kurz darüber nach, ob der von Herrn Müller vorgeschlagene Weg dafür wirklich ein sinnvoller ist. Eine Ehe hat vielerlei Vorteile. Die finanziellen finden sich zum Beispiel im Steuerrecht, bei Krankenversicherungen und Renten. Der Staat gibt hier also Geld aus bzw. verzichtet auf Einnahmen, und überlässt dieses den Ehepartnern. Er tut dies völlig unabhängig davon, ob sie Kinder haben. Wo wäre der Nachteil, wenn er dieses Geld stattdessen nur denen geben bzw. lassen würde, die tatsächlich Kinder zeugen? Das wäre doch als Maßnahme für mehr Kinder nicht nur wirkungsvoller, weil effizienter, gerechter und rundum sinnvoller, weil das Geld tatsächlich bei Familien mit Kindern ankäme statt nur bei Leuten, die eine statistisch erhöhte Wahrscheinlichkeit aufweisen, irgendwann mal welche zu bekommen? Müsste er nicht wenigstens auch denen die Ehe verweigern, die keine Chance auf Kinder mehr haben, also alten Menschen, und unfruchtbaren?
  • Zu guter letzt: Es gibt noch andere Vorteile der Ehe. Ich denke dabei namentlich daran, dass Ehepartner viel leichter gemeinsam Kinder adoptieren können, während das in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften grundsätzlich nicht geht. Herr Müller verschweigt uns, wie das Sinn ergeben soll, obwohl dieser Aspekt in seinem Artikel auftaucht. Wenn wir seine Argumentation ernst nehmen, dass die Rechtfertigung für die unfaire Bevorzugung heterosexueller Partnerschaften darin besteht, dass sie mehr Kinder hervorbringen als andere, dann muss man sich schon fragen, wieso man ihnen die Adoption von Kindern erleichtern soll und inwiefern es dazu dient, mehr Kinder hervorzubringen, wenn nur bestimmte Arten von Familien sie adoptieren dürfen. Aus dem Kontext geht klar hervor, dass Herr Müller meint, die heterosexuelle Ehe sei eben besser geeignet, Kinder zu “fördern”. (Auch steuerlich, ihr erinnert euch.) Was meines Wissens nicht mehr ist als ein Vorurteil (abgesehen von der steuerlichen Sache, das stimmt natürlich), oder konkreter in diesem Fall: Homophobie.

So viel zum eigentlichen Thema. Mir bleibt nur noch eine kurze Bitte an meine furchtlosen Leser: Falls einer von euch eine Idee haben sollte, was Herr Müller uns mit seinem letzten Absatz, oder konkreter, mit dem letzten Satz darin, zu sagen versucht, dann lasst es mich bitte wissen. Das lässt mir keine Ruhe:

[Die Schaffung der eingetragenen Lebenspartnerschaft] ist neun Jahre her. Die Lebenserwartung von „Strukturprinzipien“, oder sagen wir: Grundwerten und Überzeugungen wird immer kürzer. Man trägt sie allenfalls noch vor sich her. Es muss nicht einmal mehr dargelegt werden, welche Naturkatastrophe zu einem schnellen Gesinnungswandel zwingt.

Und mit diesem Hauch subtilen Wahnsinns lassen wir diesen Post jetzt entspannt ausklingen. Viel Spaß.


Zwei Ärgernisse zum Preis von einem

6. August 2011

Es geht heute im Grunde noch einmal um dasselbe wie gestern: Reloaded quasi. (Ihr seht, ich arbeite an meiner Marketingstrategie.) Herr Gäfgen wieder, und gewissermaßen gibt es sogar fast dreifachen Inhalt, weil ich der Vollständigkeit halber nicht verschweigen will, dass es faz.net gelungen ist, einen sachlich einigermaßen akzeptablen, wenn auch stilistisch reichlich saftlosen Kommentar zu der Angelegenheit zu schreiben: Hier.

Weil man in der Redaktion aber so viel Vernunft wohl nicht auf sich beruhen lassen konnte, hat man zum Ausgleich auch noch das hier veröffentlicht:

Ist Straßburg schuld?

Der Kindsmörder Magnus Gäfgen erhält nach F.A.Z.-Informationen vor allem deshalb eine Entschädigung, weil der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg Deutschland für sein Verhalten in diesem Fall gerügt hat.

Bin ich paranoid, oder klingt schon die Titelfrage ganz gewaltig nach Bild-Zeitung? Und der Rest des Artikels ist nicht weniger entsetzlich. Der Autor versucht erkennbar, den Anschein aufrecht zu erhalten, er würde nur sachlich über Tatsachen berichten, aber das empörte: “Da! Schaut! So missachten diese blöden Gutmenschen das gesunde Gerechtigkeitsempfinden des Volkes!” trieft nur so aus den Zeilen von Herrn Reinhard Müller, wenn er zum Beispiel schreibt:

Prozesskostenhilfe hat Gäfgen auch im jetzigen Amtshaftungsprozess erhalten. Die Gerichtskosten und die Kosten für seinen Anwalt zahlt der Staat. Gäfgen muss letztlich vier Fünftel der Anwaltskosten des Landes Hessen tragen. Die betrugen laut Gericht etwa 1700 Euro.

Oder das hier:

Schließlich hat die Kammer berücksichtigt, dass das Verhalten der Polizeibeamten von verschiedenen Gerichten bereits mehrfach missbilligt wurde und die Verletzung der Menschenwürde mehrfach klar und deutlich festgestellt wurde. Womöglich hätte diese Form der Wiedergutmachung den deutschen Gerichten ausgereicht.

Was? Wenn einem Verdächtigen von Polizeibeamten Folter angedroht wird, dann reicht es “womöglich” als Wiedergutmachung, wenn verschiedene Gerichte das mehrfach missbilligen? Die Sache wäre damit erledigt, und über eine Entschädigung des Opfers müsste man nicht mehr reden, wenn nur diese blöden Straßburger Spielverderber nicht wären? Mir ist schlecht.

Nicht ganz so schlimm geht es bei der Rechtsnwaltssozietät Scherer & Körbes zu, und man ist dort mit dem Urteil im Ergebnis wohl auch einverstanden, aber das sind ja schließlich (unter anderem) Strafverteidiger. Umso bedauerlicher finde ich die Einschätzung, die Herr Scherer uns in seinem Blogpost zu der Sache mitteilt:

Nun gibt es eigentlich keinen vernünftigen Zweifel, dass den zuständigen Polizeibeamten moralisch kein Vorwurf zu machen ist

Man beachte: Hier schreibt ein Strafverteidiger, nicht ein CDU-Funktionär oder ein Polizeigewerkschafter. Man beachte bitte weiterhin: Herr Scherer hält es nicht nur für möglich, dass das Verhalten eines Polizeibeamten, der einem Verdächtigen Folter androht, moralisch irgendwie gerechtfertigt sein könnte. Mit der Position könnte ich mich vielleicht noch anfreunden. Herr Scherer behauptet, es gäbe keinen vernünftigen Zweifel, das den zuständigen Beamten moralisch kein Vorwurf zu machen ist.

Wow.

Ich meine: Wow. Mangels angemessener eigener Worte zitiere ich den vorzüglichen Beitrag drüben bei Fingerkuppenweitspucken.

Als sei Folter überhaupt ein effektives Instrument – man drückt auf den Knopf, und schon kommt die gewünschte Information. „Intensiver nachfragen“, dass ich nicht lache, Herr Witthaut. Seien Sie wenigstens ehrlich und nennen es „peinliche Befragung“, und wozu lernen Polizisten dann überhaupt Verhörtechniken und werden nicht gleich dazu ausgebildet, mit Kneifzangen kreative Dinge am Verdächtigen anzustellen? Ohne mich in praxi damit auszukennen, würde ich behaupten, dass die meisten „peinlich Befragten“ entweder a) fanatisiert genug sind, sogar Folter zu widerstehen, oder b) auf Zeit spielen und Irreführendes von sich geben, c) gar nichts wissen und verzweifelt irgendwas erfinden, um die Situation zu beenden, oder d) unter klassischen Befragungsmethoden genauso viel verraten würden. In keinem Falle gewinnt die Polizei irgendwas, sondern verliert nur Zeit beim Überprüfen von Angaben, die den Rechtsbruch nicht wert sind, durch den sie gewonnen wurden. Auch wenn die meisten Folterszenarien eine eindeutige Auflösung der Situation suggerieren, sobald man nur „intensiver nachfragen dürfte“ (große Güte, Herr Witthaut, sie haben mir echt den Tag verdorben), halte ich genau das für den Denkfehler, der emotional zwar völlig nachvollziehbar ist, uns aber rechtsstaatlich betrachtet in die Steinzeit zurück katapultieren würde.

Damit ist hierzu das Wesentliche gesagt. Es geht bei den Rechtsanwälten aber noch weiter:

[Die Angehörigen des Opfers] sind diejenigen, die mit Fug und Recht – aber im Rahmen der bestehenden Gesetze – ein solches Urteil zugunsten des Täters als moralisch falsch bezeichnen dürfen.

Nein, Herr Scherer. Ich meine, ja, Herr Scherer. Ich meine…

Anders: Ja, sie dürfen das Urteil als moralisch falsch bezeichnen. So wie auch jeder eine Käsereibe als Spargelschäler bezeichnen darf. Ich empfinde sogar ein gewisses Verständnis dafür, dass jemand geistig außer Stande ist, zu verstehen, wieso dem Mörder seines Sohnes ein Entschädigungsanspruch für irgendwas zustehen soll. Das liegt daran, dass ich weiß, dass die meisten Menschen in so einer Situation nicht mehr klar denken, und ich sollte es ihnen wohl nicht verübeln. (Anscheinend schaffen es die meisten von uns ja nicht einmal, wenn es der Sohn eines völlig Fremden ist.) Aber gerade das ist andererseits der springende Punkt: Die Angehörigen des Opfers denken nicht klar, und bezeichnen das Urteil deshalb zu Unrecht als moralisch falsch. Das Urteil ist es nämlich nicht, auch wenn man vielleicht irgendwie verstehen kann, dass es den Angehörigen des Opfers so vorkommt. Und ich beobachte mit Sorge, dass es anscheinend sogar einschlägig erfahrenen Juristen schwer fällt, den Unterschied zu erkennen.

Sagte ich schon, dass mir schlecht ist? Vielleicht liegt’s ja am Essen.


Off is the general direction in which I wish you would fuck

5. August 2011

Magnus Gäfgen wurde zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, weil er ein Kind ermordet hat. Im Laufe der Ermittlungen hat ein Polizeibeamter ihm angedroht, ihm würde ein Wahrheitsserum verabreicht werden, und ein Folterexperte würde ihm “unvorstellbare Schmerzen” zufügen. Das Landgericht Frankfurt (Main) hat Herrn Gäfgen deshalb eine Entschädigung in Höhe von 3.000 Euro zugesprochen. Ich denke, dazu muss man gar nicht besonders viel sagen, aber eine Bemerkung finde ich doch wichtig.

Es ist keine Bemerkung zum Urteil selbst, sondern eine Bemerkung zu einigen Personen, die meinten, es kommentieren zu müssen. Eine Bemerkung zu Leuten wie dem Sprecher der Organisation “Weißer Ring”, Herrn Helmut Rüster (“Jeder Cent war hier zu viel.” “Ein Urteil, das die Bürger nicht verstehen können.“), oder dem Bundesvorsitzenden der Volksfront von Judäa Gewerkschaft der Polizei, Herrn Bernhard Witthaut (die Entscheidung sei “emotional nur sehr schwer erträglich” und dürfe nicht zur Folge haben, “„dass die Polizei in Vernehmungssituationen nicht mehr intensiv nachfragen darf“), oder dem Bundesvorsitzenden der Judäischen Volksfront Deutschen Polizeigewerkschaft, Herrn Rainer Wendt (“Das Urteil lässt die eigentliche ungeheuerliche Tat – die Ermordung eines Kindes – in den Hintergrund treten.“), oder dem Vorsitzenden des Bundestagsinnenausschusses, Herrn Wolfgang Bosbach (“Das Urteil ist ein Schlag ins Gesicht der Eltern und Angehörigen des Opfers Jakob von Metzler.“, “Dass hier ein Mörder eine Entschädigung bekommt, ist für mich völlig unverständlich.“)

Es fällt mir schwer, dafür die richtigen Worte zu finden. Vielleicht so: Dass Leute in solchen Positionen eine derart erbärmliche Verkennung des Wesens von Menschenrechten, des Inhalts der Menschenwürdegarantie in unserem Grundgesetz, des Rechtsstaatsprinzips an sich und nicht zuletzt auch ihrer eigenen Pflichten äußern können, ohne dass jemand dafür auch nur ihren Rücktritt fordert, während Heiner Geißler eigentlich nur noch die Anzeige wegen Volksverhetzung fehlt, weil er “totaler Krieg” gesagt hat, ist eine Schande, und es zeigt, wie viel noch zu tun ist in diesem großen, wahrscheinlich nie ganz abgeschlossenen Projekt namens “Aufklärung”.


Voices in my head

4. August 2011

Ich mag den Begriff Sommerloch ja nicht so, weil ich ihn für eine Ausrede halte. Wenn man wirklich will, findet man interessante Themen, über die man schreiben kann, die die Leser wirklich bewegen und brisante Erkenntnisse bereithalten. Wenn man wirklich will, kann man zu jeder Jahreszeit aufrütteln, Bewusstsein schaffen, für Probleme sensibilisieren und die Welt verbessern.

Ich will aber nicht.

Stattdessen nehme ich deshalb ein gerade gefundenes Beispiel für einen der vielen Aspekte an religiösem Glauben, die ich einfach immer wieder nicht fassen kann, wenn sie mir unterkommen: Die Sinnlosigkeit der Geschichten, in denen ein Gott angeblich eingegriffen hat, um seine Anhänger zu schützen. Ebenfalls zum Schutze der Unschuldigen verlinke ich die Quelle dieser Geschichte nicht und beschränke mich darauf zu versichern, dass sie echt ist. Die Geschichte ist kurz und geht so:

Jemand fährt regelmäßig Moped, aber in der Regel ohne Helm. Eines Tages, auf dem Weg zur Arbeit, hört er eine Stimme, die ihm sagt: “Halt an und setz deinen Helm auf!” Er tut es, und wird wenig später auf einer Kreuzung von einer unachtsamen Autofahrerin gerammt. Der Helm wird dabei zerstört, aber er kommt mit leichten Verletzungen davon.

Merkt ihr, was ich meine? Und die Geschichten, die ich kenne, sind alle so. An was für einen Gott glauben denn diese Leute? Was für ein lächerlicher Harlekin und was für ein widerliches Ekel von einem Gott ist denn das, der das Opfer eines Verkehrsunfalls vorher bittet, einen Helm aufzusetzen, statt… Ich weiß nicht, zum Beispiel die Autofahrerin rechtzeitig zu warnen und so den Unfall ganz zu verhindern? Oder – falls die Frau im Auto eine dieser verstockten Atheistinnen ist, die ihr Herz gegen Jahwe Elohim verhärtet haben und ihn ignorieren, wenn er mit ihnen spricht – dem Mopedfahrer zu sagen: “Halt an, setz deinen Helm auf, und dann warte noch zwei Minuten hier.”? Das hätte auch gereicht. Er könnte die beiden Fahrzeuge auch einfach kurzfristig entkörpern und einander unberührt passieren lassen. Wir reden immerhin über den allmächtigen Schöpfer des Universums. Sowas dürfte buchstäblich kein Aufwand für ihn sein. Aber nein, er verhindert den Unfall nicht, obwohl er lange vorher davon weiß. Er bittet den Mopedfahrer stattdessen nur, seinen Helm aufzusetzen.

Und sogar, wenn wir den Aspekt der Idiotie mal außen vor lassen: Was denken wir gemeinhin über jemanden, der einen Verkehrsunfall kommen sieht und sich bewusst entscheidet, diesen nicht zu verhindern, obwohl er beide Opfer mühelos hätte warnen können? Staunen wir über die grenzenlose Liebe dieses Menschen, nennen ihn vollkommen in seiner Güte und beten ihn an? Manche Christen sehen das wohl so. Für mich ist so jemand ein unfassbarer Armleuchter. Und, ja, das ist irgendwie Kleinkram, aber ich kann mich immer wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder darüber aufregen, was Religion mit dem Verstand und der Moral und dem Selbstwertgefühl ihrer Opfer macht.

So.

Zurück zum Sommerloch.


Libertäre Arschlöcher

3. August 2011

sollen nicht mit Matt Damon ficken, findet der Wortvogel. Ich möchte mich dieser Forderung hiermit nachdrücklich anschließen. Niemand sollte mit Matt Damon ficken, außer Mrs. Damon Barroso. Ich persönlich hätte auch sowieso gar keine Lust, mit Matt Damon zu ficken. Aber darum geht es hier eigentlich nicht, und wahrscheinlich wolltet ihr das ohnehin nicht so genau wissen. Deswegen höre ich jetzt auf, in unnötig vulgären Worten von Geschlechtsverkehr zu reden und komme zum eigentlichen Thema, also zu diesem Video:

Und auch wenn ich nicht so ganz verstehe, warum dieses harmlose und rundum uninteressante Video dem Wortvogel einen Post wert war, ist es mir seit meinem ersten Kommentar dort nicht gelungen, den Wunsch abzuschütteln, was dazu zu sagen. Ich fühle mich nämlich angesprochen, wenn irgendwo von libertären Arschlöchern die Rede ist.

Erstens ist die grundsätzliche Idee, dass man schlechte Lehrer entlassen sollte, nach meinem Verständnis nichts besonders Libertäres. Das ist einfach nur ein ziemlich selbstverständliches Ergebnis, zu dem jeder Mensch ohne ideologische Hilfe kommen sollte: Wenn jemand schlecht in seinem Job ist, sollte er ihn nicht länger ausüben.

Zweitens ist die Idee, dass die Angst davor, seinen Job zu verlieren, einen zu einem guten Lehrer macht, auch keine besonders libertäre Idee, sondern einfach nur eine ziemlich dumme. Und die Idee, einem Schauspieler wie Matt Damon zu sagen, dass die Angst davor, seinen Job zu verlieren, ihn zu einem besseren Schauspieler mache, ist eigentlich nur noch dadurch zu erklären, dass die Dame offenbar für Faux News arbeitet. Ich sehe tendenziell keinen großen Vorteil daran, Leuten zu versprechen, dass sie ihren Job für alle Zeit behalten dürfen und finde, dass man damit unnötige Missbrauchsmöglichkeiten eröffnet, aber ich bilde mir auch nicht ein, dass die Drohung mit Kündigung  das ist, was den Lehrern dieser Welt noch als Motivation fehlt.

Und drittens liegt es doch sicher nicht nur an meiner eigenen fast libertären Grundhaltung, dass ich eine gewisse Ironie darin sehe, der Reporterin erst vorwerfen, sie würde das Problem zu sehr vereinfachen, um gleich darauf zu sagen: “Teachers want to teach”, als wäre damit alles klar. Sicher, seine Mutter stand neben ihm, und die ist offenbar Lehrerin, aber sogar die Sozialisten unter euch werden mir doch wahrscheinlich zustimmen, dass unfähige und unwillige Lehrer… sagen wir mal: kein völlig unbekanntes Phänomen sind.

Viertens, und das ist mir besonders wichtig: Wer Leuten vorschreiben will, wen sie heiraten dürfen und wen nicht, und was Frauen mit ihrem eigenen Körper machen dürfen, und was nicht, und wer Steuergeld für Kreuze in Gerichtssälen und für Gebetsstunden in Parlamente und für riesige Zehn-Gebote-Denkmäler ausgeben will, und wer permanent Subventionen für irgendwelche Industriestandorte in seinem Wahlbezirk fordert, ist nicht libertär! “Die Konservativen in den USA” sind also vielleicht echte Arschlöcher, aber ganz sicher keine echten Schotten Libertären.


Both Sides

1. August 2011

Na gut. Es geht hier eigentlich um ein bisschen was anderes, aber ich denke, es ist ein Symptom derselben Krankheit:

Aus ideologischer Verbohrtheit in die Zahlungsunfähigkeit? Im amerikanischen Schuldenstreit verstärken Demokraten und Republikaner die Front mit Stacheldraht. Es kann ganz übel ausgehen und das nicht nur für Amerika.

Beide Seiten behaupten, dass sie den Kompromiss wollten, arbeiten aber nicht wirklich darauf hin

Tja. Naja… Wie soll ich sagen? Natürlich ist es immer schwierig, aus der Außensicht auf eine Verhandlung zu erkennen, wer wirklich auf einen Kompromiss hinarbeitet und wer nur so tut. Natürlich sind es irgendwie immer beide Seiten, die einige Einigung verhindern, denn jede Seite könnte ja jederzeit einfach allen Forderungen der anderen zustimmen, und schon wäre die Einigung da.

Aber in einer Situation, in der ziemlich offensichtlich eine Partei immer wieder Zugeständnisse macht und die andere Partei immer nur ablehnt und blockiert und fordert, davon zu sprechen, dass “beide Seiten” nicht wirklich auf einen Kompromiss hin arbeiten und “die Front mit Stacheldraht verstärken”, das ist schon dicht an der Grenze zur Lüge.

Ich schreibe das nicht, weil mir die Position der Demokraten außerordentlich sympathisch wäre. Gerade in der Wirtschafts- und Steuerpolitik stehe ich den Republikanern manchmal viel näher. Ich will mir auch gar nicht anmaßen, abschließend darüber zu urteilen, ob die unflexiblen Forderungen der Republikaner vielleicht berechtigt und total vernünftig waren. Es ist ja nicht einmal immer was Schlechtes, sich auf keinen Kompromiss einzulassen. Die Wahrheit liegt manchmal komplett und vollständig und ausnahmslos auf einer Seite, und manchmal ist jeder Kompromiss inakzeptabel.

Aber das alles ändert nichts daran, dass in diesem Konflikt eine Partei immer wieder zu Zugeständnissen und Kompromissen bereit war, während die andere stur und unnachgiebig auf ihren Forderungen beharrte. Und wer etwas anderes berichtet, vernebelt die Wahrheit, verzerrt die Wahrnehmung der Öffentlichkeit und tut also genau das Gegenteil von dem, was Medien eigentlich tun sollten.

Sicher, man wirkt halt so schön objektiv und unvoreingenommen, wenn man beiden Seiten gleichermaßen die Schuld gibt. Ich kann das einigermaßen verstehen. Aber wie die Wahrheit, verteilt sich auch die Schuld nur selten gleichmäßig auf beide Seiten. Und gerade in einer Zeit, in der die traditionellen Medien zumindest so tun, als müssten sie um ihre nackte Existenz kämpfen, verstehe ich andererseits nicht, dass sie sich nicht ein bisschen mehr Mühe dabei geben, das zu tun, was ihr einziger echter Wettbewerbsvorteil gegenüber dem kostenlosen Internet sein könnte: Sie haben die Ressourcen, nicht nur detailliert zu recherchieren, sondern auch gründlich zu analysieren und ihren Kunden so zu helfen, die Welt besser zu verstehen. Ich verstehe nicht, warum sie sich damit nicht mehr Mühe geben.

Man müsste fast den Verdacht äußern, dass es an der Nachfrage fehlt.


Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 518 Followern an