Weil wir was ganz Besonderes sind

Dumme Menschen sagen dummes Zeug, aber damit kluge Menschen dummes Zeug sagen, braucht man Religion.

schrab ich vor Kurzem hier, und erkannte sofort, dass dieser Spruch sehr bald zu mir zurückkehren würde, um mich in den Arsch zu beißen, wenn ich ihn nicht relativierte, und relativierte ihn flugs. Schon gestern war ich (natürlich nicht zum ersten Mal seitdem) froh drüber. Doppelt froh eigentlich, denn ich freue mich besonders über Gelegenheiten, andere Atheisten zu kritisieren, denn das… kommt mir irgendwie besonders ehrenwert vor, weil ich selbst einer bin.

Ich bin also stolz, euch heute ein fabelhaftes Beispiel dafür zu präsentieren, dass man auch ohne Religion reichlich dummes Zeug reden kann:

Ein falsches Wissenschaftsverständnis hat uns überzeugt, dass wir nicht mehr wären als unsere evolvierten Gehirne.

Jedoch, so argumentiert Neurowissenschaftler und Philosoph Raymond Tallis im folgenden Gastbeitrag für Aufklärung 2.0, bereitet eine umfassendere Philosophie über den Menschen den Gegenschlag vor.

Wer das liest und noch nicht ahnt, dass da nichts Gutes kommen kann, ist weniger vorurteilsbeladen als ich. Herzlichen Glückwunsch. Aber wer mir jetzt in die Schatten der Unargumentation von Herrn Tallis folgt und danach immer noch das Problem nicht erkennt, der ist… herzlich eingeladen, in den Kommentaren mit mir zu diskutieren. *Räusper, Hust*

Schaumamal:

Seit mehreren Jahrzehnten argumentiere ich gegen das, was ich „Biologismus“ nenne. Dies ist die Idee, aktuell vorherrschend in säkular-humanistischen Kreisen, dass Menschen essenziell Tiere wären

Oi… Naja. Sehen wir’s positiv. Wer meint, diesen längst geklärten Streitpunkt noch mal aufwärmen zu können, sollte aufsehenerregende Gründe dafür haben.

Er ist die Konsequenz der weitverbreiteten Annahme, die einzige Alternative zu einem übernatürlichen Verständnis des Menschen sei ein streng naturalistisches, das uns nur als eine weitere Tierart ansieht und letzten Endes weniger als bewusste Agenten, denn als Materiefetzen, welche in die materielle Welt eingewoben sind.

Ähm… Und ich bin sicher, dass diese aufsehenerregenden Gründe sich bald zeigen werden. Bestimmt, gleich hinter diesem riesigen Strohmann, den wir gerade passiert haben.

Tallis beginnt damit, uns zu erklären, warum er den “Biologismus” kritisiert, und was er damit meint:

Biologismus hat zwei Varianten: „Neuromanie“ und „Darwinitis“. Neuromanie entsteht aus dem Glauben, das menschliche Bewusstsein wäre in einigen Gehirnregionen identisch mit Nervenaktivität. [...] Die andere Variante ist Darwinitis, welche auf dem Glauben beruht, dass die Evolutionstheorie nicht nur den Ursprung der Spezies Homo sapiens erklärt – was sie natürlich tut – sondern auch, was Menschen heute sind; dass Menschen im Grunde nicht mehr sind als Organismen, die durch die Prozesse der natürlichen Selektion geformt wurden und nichts weiter.

Ich bin nicht sicher, ob ich das beides glaube. Ich denke, schon, aber mit so weitreichenden Begriffen wie “identisch” und “nichts weiter” bin ich vorsichtig genug, um mir meine Position noch ein bisschen offen zu halten. Tallis ist schließlich Mediziner und weiß, wovon er spricht. Im Zweifel besser als ich. Und an dieser Stelle war ich auch trotz allem wirklich noch vorsichtig gespannt, was er zu sagen hat.

Es gibt viele Gründe zu glauben, dass Neuromanie und Darwinitis nicht hinreichend erfassen können, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, und viele Gründe, ihre Umbenennung der Geisteswissenschaften in „Tierwissenschaften“ abzulehnen.

Ahhh… Jetzt geht’s los. Viele Gründe also. Ich kann’s kaum erwarten.

Der wichtigste Grund für die Ablehnung des Biologismus lautet, dass er auf der falschen Annahme beruht, das menschliche Bewusstsein wäre identisch mit Gehirnaktivität und der Geist sei ein Bündel von „Apps“, die von der natürlichen Selektion auf uns übertragen wurden.

Oh. Das ist der wichtigste Grund? Ich hätte das nur für eine andere Formulierung der These gehalten, die zu begründen war.

Niemand, der noch ganz bei Trost ist, würde leugnen, dass das Gehirn eine notwendige Bedingung von jedem Aspekt unserer Aufmerksamkeit ist, vom kleinsten Kitzeln einer Empfindung bis zum großartig konstruiertesten Selbstempfinden. Daraus folgt nicht, dass es sich um eine hinreichende Bedingung handelt.

Und da hat er Recht. Ungefähr so, wie auch jeder Theist Recht hat, wenn er sagt, dass die Abwesenheit von Belegen für Götter kein Beleg für die Abwesenheit von Göttern ist. Und ungefähr so hat er andererseits auch wieder Unrecht, weil auch das nämlich ein Strohmann ist. Natürlich folgt es nicht daraus. Es ist in der Tat (meines Wissens, diese Einschränkung müsst ihr euch sowieso bei allem, was ich so schreibe, dazudenken, und bei diesem Thema ganz besoners) sogar so, dass wir das Bewusstsein noch sehr schlecht verstehen und deshalb kaum zuverlässig sagen können, was genau es ist und was seine hinrieichenden und notwendigen Bedingungen sind. Wir können allerdings zum Beispiel sagen, dass wir kein Bewusstsein ohne Gehirn kennen, und dass Prozesse (und Veränderungen) im Gehirn mit Prozessen (und Veränderungen) im Bewusstsein ziemlich zuverlässig korrelieren. Ich will und kann hier nicht umfassend den aktuellen Stand der Bewusstseins- und Gehirnforschung darlegen, deswegen fasse ich nur zusammen: Meines Wissens deuten so ziemlich alle Daten jedes Experiments, das wir dazu bisher durchgeführt haben, darauf hin, dass das Bewusstsein ein Prozess des Gehirns ist, und bisher haben wir keinen einzigen Beleg, der dagegen spricht, dass das so wäre. Ich würde die Annahme deshalb für gerechtfertigt halten.

Nun sagte ich ja schon, dass Tallis sich in dem Gebiet sicher maßlos besser auskennt als ich. Das alleine reicht aber nicht, um mich zu überzeugen. Er müste schon außerdem noch Argumente und Belege haben, aber ich finde keine. Ganz aufrichtig. Ein ausführliches, typisches Beispiel seiner Argumentation:

Das Gehirn ist ein Stück Materie. Das Konzept eines materiellen Objekts, wie es die physikalischen Wissenschaften näher bestimmen, besteht ja gerade in etwas, das keine intrinsische Erscheinungsform hat. Denken Sie an einen Felsen: Man kann ihn sich von vorne ansehen, von hinten, von oben oder unten, von innen oder außen, von nahe dran oder aus einer Entfernung. Jede dieser Perspektiven ist assoziiert mit einer anderen Erscheinungsform und gewiss kann keine von ihnen die Erscheinungsform des Felsen an sich sein. Ohne Perspektiven gibt es keine Erscheinungsform. In der Abwesenheit von Bewusstsein hat Materie keine sekundären Qualitäten wie Farbe, Geruch, Wärme und so weiter. Noch weniger ist sie in der Lage (was eine zentrale Funktion des Bewusstseins ist), andere Dinge eine Erscheinungsform haben zu lassen – was passiert, wenn die Welt mir erscheint. Nur magisches Denken könnte die Fähigkeit, Dinge eine Erscheinungsform haben zu lassen, auf ein Stück Materie wie das Gehirn übertragen.

Ich habe nicht einmal Lust, zu erklären, wieso das kein Argument ist. Ich finde es nämlich offensichtlich, dass es sich bei diesem langen Absatz um nicht mehr handelt als eine nackte Behauptung, ohne jeden Grund, ihr zu glauben. Die nackte Behauptung benutzt einen rhethorischen Taschenspielertrick, um begründet auszusehen, aber in Wahrheit hat sie nichts an. Man glaubt Herrn Tallis nämlich seine scheinbare Begründung – nämlich, dass Materie nur dann eine Erscheinungsform hat, wenn sie von einem Bewusstsein wahrgenommen wird – nämlich nur dann, wenn man seiner Schlussfolgerung schon zustimmt – nämlich, dass Materie etwas qualitativ anderes ist als Bewusstsein. Und das nennt man, wenn meine Kenntnis von rhethorischen Taschenspielertricks mich nicht im Stich lässt, ein petitio principii, oder Vorwegnahme des noch zu Beweisenden. Oder vielmehr, des zu Widerlegenden, denn noch sind wir ja gar nicht bei dem angekommen, was Tallis selber glaubt, sondern lesen noch seine Versuche, zu zeigen, warum die anderen Unrecht haben.

Was er selber glaubt, klingt wohl ungefähr so:

Philosophen wie Andy Clarke, Teed Rockwell, Alvin Noe und Michael Wheeler haben jenseits des (alleinstehenden) Gehirns nach dem Aufenthaltsort des Bewusstseins gesucht. Sie argumentieren, dass (um Rockwells Worte zu gebrauchen), „selbst die privatesten, subjektiven, qualitativen Aspekte des Menschen im Gehirn-Körper-Welt-Geflecht verkörpert“ seien.

Und das scheint so ungefähr auch Tallis’ Idee zu sein. Gehirn-Körper-Welt-Geflecht. Was das ist? Weiß ich nicht, steht da nicht. Warum man das glauben sollte? Tja… Tallis bleibt seinem Muster treu, und wiederholt zur Begründung einfach immer wieder und wieder seine eine These, die er hat:

Diese Beziehung kann nicht zu einer kausalen Interaktion zwischen einem Stück Materie (einem wahrgenommenen Objekt zum Beispiel) und einem anderen (einem Gehirn) reduziert werden. Durch Energie vermitteltes Auftreffen von A auf B (zum Beispiel das Licht, das in das Auge eintritt) erzeugt nicht die Erscheinung des Auftreffenden (das Objekt) auf das Gehirn (das Getroffene). Wenn eine Wolke über einem Pool vorüberschwebt, dann ist die Reflektion der Wolke im Pool nicht die Erscheinung der Wolke in dem oder für den Pool. Auf diese Weise lässt sich die Wahrnehmung unseres Daseins in der Welt nicht erzeugen.

Habt ihr mitgezählt? Ich komme auf dreimal die These, und einmal ein Vergleich, der nichts mit dem zu tun hat, was er sagen möchte. Und ihr so?

Irgendwann scheint Tallis selbst zu merken, dass das so nicht weitergeht und erkennt, dass es Zeit wird, endlich Belege für seine These zu liefern  irgendwelche Argumente gegen die Position irgendwelcher anderer Wissenschaftler Philosophen aus seinem Gehirn-Körper-Welt-Geflecht zu ziehen:

Chalmers hat argumentiert, dass Bewusstsein oder Proto-Bewusstsein so grundlegend sei für die materielle Welt wie Masse oder Ladung oder Spin. Und Strawson findet winzige Bewusstseinspäckchen in Elementarpartikeln. Dies erzeugt für die Geist-Gehirn-Identitätstheorie (welche die Entstehung von Bewusstsein in einem bestimmten materiellen Objekt – dem Gehirn – nicht erklären könnte) das gegenteilige Problem; nämlich zu erklären, wie es kommt, dass so wenige Objekte ein Bewusstsein haben.

Hier bin ich unsicher, ob ich ihn richtig verstehe. Argumentiert er hier nur gegen Chalmers und Strawson, weil er meint, dass ihre Bewusstseinspäckchen dann ja auch Dachziegel und Fahrräder mit Bewusstsein versehen müssen? Ich glaube, schon, aber vielleicht meint er auch, dass Chalmers und Strawsons Bewusstseinspäckchen nicht mit der Auffassung kompatibel wären, dass das Bewusstsein ein Prozess des Gehirns ist. Ich finde es auch nicht besonders wichtig, weil er natürlich keinerlei Grund mitliefert, zu glauben, dass als Chalmers und Strawsons wilden Ideen irgendwas dran sein könnte.

Tallis schließt damit, dass unser jetziges Verständnis von Bewusstsein nicht nur falsch, sondern schädlich ist, weil es uns den Blick darauf verstellt, was für ein Meisterwerk der Mensch doch ist:

Kurz gesagt werden wir den Blick verlieren für den gewaltigen Unterschied zwischen uns und anderen Kreaturen, für unsere einzigartig bewusste Eigenschaft als Handlungsträger und dessen Bühne, für die unendlich komplexe menschliche Welt, die wir erschaffen haben, solange wir das Bewusstsein in das materielle Objekt in unserem Schädel quetschen. [...] Dies verleumdet nicht nur die Menschheit, sondern diskreditiert auch die Neurowissenschaft.

[...]

Unsere Untersuchung des Menschen muss nicht von der Annahme eingeschränkt werden, wir würden unsere Besonderheit leugnen müssen, falls wir religiöse Erklärungen unserer besonderen Natur ablehnen. Im Gegenteil können wir die vollkommen offenkundigen Tatsachen unserer grundlegenden Unterscheidung selbst von unseren nächsten Primatenverwandten akzeptieren – etwas, das wir zu sehr für selbstverständlich zu halten neigen, wann immer wir es nicht leugnen – und anfangen, interessante Fragen zu stellen, wie wir so grundlegend anders geworden sind

Ich denke ja, dass man als intellektuell aufrichtiger Wissenschaftler erst einmal die Frage stellen sollte, ob wir grundlegend anders sind. Aber das muss man natürlich nicht, wenn man es einfach für “vollkommen offenkundig” erklärt. Deswegen arbeiten Leute, die eigentlich keine Argumente haben, und auch keine Lust, welche zu finden, gerne mit so Begriffen wir “vollkommen offenkundig”. Wie Tallis.

Zum Abschluss, um zwei naheliegende Einwände (noch einmal) vorwegzunehmen: Ja, natürlich ist das nur ein kurzer Gastbeitrag in einem Blog, und ich bin sicher, dass er in seinem Buch noch viel ausführlicher darstellt, was er denkt, und warum. Aber ich bin der Meinung, dass dieser Gastbeitrag genug unaufrichtige Argumentation und schlichtweg unsauberes Denken enthält, um sich nicht für die ausführlichere Variante zu interessieren.

Ja, natürlich weiß Tallis mehr über das Gehirn und medizinische Forschung als ich. Er ist Wissenschaftler und weiß deshalb vielleicht auch mehr über saubere wissenschaftliche Arbeit. Kann alles sein. Aber dieser Text von ihm lässt nichts davon erkennen. Und gerade das erstaunt mich ja so. Wenn ein Anwalt oder eine Bushfahrerin keine Ahnung von Evolution oder Physik haben, dann ist das zwar schade, aber verständlich. Wenn aber ein Neurologe so viel Bullshit über Dinge schreibt, von denen er wirklich Ahnung haben müsste – und mutmaßlich sogar wirklich hat -, dann ist das erschütternd.

Andererseits illustriert es eben sehr gut, was ich vielleicht nicht oft genug deutlich genug mache: Denkfehler sind kein Privileg von Ufologen, Bigfootisten und Muslimen. Denkfehler, große und kleine, sind im menschlichen Gehirn-Körper-Welt-Geflecht angelegt, und keiner von uns ist vor ihnen geschützt. Nicht ich, nicht ihr, nicht Tallis. Und wenn man das vergisst und nicht gut aufpasst, dann können schlimme Dinge passieren. Wie bei Tallis.

12 Antworten zu Weil wir was ganz Besonderes sind

  1. Thomas sagt:

    Diese Art, wie von Herrn Tallis und vielen, vielen anderen über den menschlichen Geist und die Welt gesprochen wird, weckt bei mir immer heftige Assoziationen. “Körper-Welt-Geflecht”, “Erzeugung unserer Wahrnehmung vom Dasein”, usw., das klingt ganz genauso hilflos und konfus wie z.B. Diskussionen über die Natur des Wassers zu einer Zeit vor der modernen Chemie mit ihren Atomen und Molekülen. Was ist Wasser, was macht es aus, was hat Meerwasser und destilliertes Wasser und Matschwasser gemeinsam, was unterscheidet “normales” Wasser von “Königswasser”, all solche Fragen konnte man ohne das begrifflich-naturwissenschaftliche Gerüst der Chemie mit “Wasserstoff”, “Sauerstoff” und “H2O” schlicht und einfach nicht beantworten. Ja man konnte nicht einmal sinnvoll über solche Fragen diskutieren, geschweige denn einer überzeugenden Antwort nahe kommen. Es mangelte einfach an den dazu notwendigen Begrifflichkeiten. Und so irrten die Diskussionen über Wasser genauso “philosophisch”-hilflos durch die Gegend, wie im obigen Beispiel des menschlichen Geistes. Beim Wasser waren es gelehrte Gedanken zur “Disposition zum Lösungsvermögen” und dergleichen, beim Geist sind es eben “kausale Interaktionen zwischen Objekt und Gehirn”. Eine nette inetllektuelle Spielerei, aber ohne Aussichten auf Erfolg.

    Aber so, wie es irgendwann beim Wasser die Atom-Molekültheorie mit dem “H2O” gab, mit der sich plötzlich alle Probleme und “philosophischen” Fragen in Luft auflösten, so wird es vielleicht auch irgendwann eine Theorie des Geistes geben, die den richtigen Ansatz und die richtigen Begriffe bereitstellt, um alle diese Körper-Geist-Probleme aus der Welt zu schaffen. Das ist sicherlich nur eine Hoffnung, aber wieso nicht, welcher Philosoph der frühen Scholastik hätte schon die Molekültheorie der Chemie erahnen können? Aber wenn es einmal eine solch umfassende Theorie des menschlichen Geistes geben sollte, da bin ich mir sicher, dann wird sie von Naturwissenschaftlern kommen, nicht von Philosophen! :)

  2. Tim sagt:

    Ich bin mir nicht sicher, aber irgendwie scheint Tallis ja die ganze Zeit das Qualia-Problem zu diskutieren, ohne es beim Namen zu nennen. Das ist in der Tat die spannendste Frage der Menschheit, und es nicht gewiß, ob die Wissenschaft in absehbarer Zeit eine Antwort finden wird.

    Er schwadroniert für meinen Geschmack zu sehr herum und verwendet unklare Begriffe. Gut, den Medizinern sei ihre argumentative Schwammigkeit verziehen …

  3. MH sagt:

    Ich glaube nicht, dass es hier um einen Denkfehler geht. Wie ich das stattdessen nennen soll, weiß ich leider nicht. Aber der Mann denkt da nicht, er glaubt eher. Vor allem aber fühlt er sich in seinem Glauben vom Menschen als Krone der was-auch-immer gekränkt, wenn die böse, böse Wissenschaft sagt, er wäre gar nicht die Krone und säße nicht auf einem Thron. Er stört sich an dem “nur” in “nur Materiefetzen” und “nur eine weitere Tierart”. Und damit bellt er natürlich den komplett falschen Baum an, denn die Wissenschaft selbst wertet ja ihre Erkenntnisse nicht. Das “nur” liegt im Auge des Betrachters und damit hauptsächlich in seinem eigenen.

    Übrigens muss ich noch das “Körper-Welt-Geflecht” ein wenig in Schutz nehmen. Unter dem Namen kannte ich die Sache zwar noch nicht, aber was Noe so grob sagt, weiß ich immerhin. Was sich da so esoterisch anhört, ist lediglich die Behauptung zunehmend vieler Forscher in dem Bereich, dass Bewusstsein tatsächlich nicht hinreichend davon abhängt, dass man irgendwo ein Gehirn liegen hat. Vielmehr muss das Gehirn mit einem Körper ausgestattet sein, mit dem sich das Gehirn in seiner Umwelt verhalten kann. Erst dann bildet sich Bewusstsein. Das widerspricht freilich kein bisschen einer naturalistischen Auffassung der ganzen Angelegenheit.

  4. Muriel sagt:

    @Thomas: Ja, den Gedanken hatte ich auch schon. Gut gesagt.
    @Tim: Oh, gut, das klingt, als könntest du erklären, wofür der Qualia-Begriff gut ist. Frage ich mich schon lange Hast du Lust?
    @MH: Das spielt auch Glauben rein, sehe ich auch so. Ich würde die Sonderbarkeiten in seiner Argumentation Denkfehler nennen, aber ich bestehe nicht auf dem Begriff.
    Für den Hinweis wegen des Geflechts danke ich dir. Zwar klingt die Idee für mich nicht plausibel, dass ein Gehirn ohne Körper und Umwelt kein Bewusstsein entwickeln kann, aber das muss ja nicht heißen, dass sie falsch ist.

  5. Dietmar sagt:

    Mich macht solch eine Schwafelei wie von diesem Herren irgendwie wütend. Vielleicht, weil ich selber dazu neige. Meine Schwester starb an einem Hirntumor. Wo das Gehirn geschädigt wurde, äußerten sich entsprechende Folgen. Wie man so einen brüllenden Unsinn heute noch behaupten kann, will ich gar nicht verstehen.

  6. Tim sagt:

    @ Muriel:

    Du meinst ganz offiziell als Gastbeitrag? Das wäre ja ‘ne ganz schön große Ehre. Es wäre mir allerdings gar nicht unwillkommen, weil ich dann endlich mal meine kruden Gedanken zu dem Thema ordnen müßte. Von heute auf morgen kann ich aber leider keinen Text versprechen, würde schon ein paar Tage dauern …

  7. madove sagt:

    @Tim: Dafür!

  8. Dietmar sagt:

    “Raymond Tallis ist emeritierter Professor der geriatrischen Medizin.” (Quelle: Link)

    Sieht wieder einmal nach einem Crank aus. Spezialisten in Pension können extrem lästig sein …

  9. Ja, rhetorische Feuerwerke sind auch in der angewandten Wissenschaft weit verbreietet und beliebt. Das meiste ließe sich wesentlich einfacher und kürzer fassen. Allein warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?
    Tatsächlich liefert die wissenschaftliche Forschung in vielen ihrer Teilbereiche mehr und mehr Evidenz dafür, daß der Mensch nichts Besondres ist, sondern ein Tier wie jedes andre auch. Menschen haben Instinkte, das meiste von dem, was wir denken, läuft unterbewußt ab, auch andre Spezies zeigen Anzeichen dafür, daß sie ein Ich-Bewußtsein haben (man erinnere sich an die Chimpansin Washoe, der man die Gebärdensprache beibrachte und die auf die Frage, was das im Spiegel sei, was sie sehe, antwortete, »Ich, Washoe«), mit jeder Hirnschädigung geht eine Veränderung der Fähigkeiten des Menschen einher und so fort.
    Wer das nicht wahrhaben will, leugnet es einfach, indem er den Menschen als etwas Besondres voraussetzt.
    »Petitio principii« ist dafür, neben »circulus in demonstrando« und »circulus in probando«, tatsächlich der richtige Ausdruck. Ich nehme das, was ich wahrhaben will, als gegeben an, womit es wahr sein muß.
    Starke Rhetorik überwiegt auch die besten rationalen Argumente, wenn man es versteht, im richtigen Augenblick die richtigen die Gefühle der Menschen anzusprechen. Eine Rede vor einer großen Menge eignet sich dafür freilich besser als ein Text, wenngleich auch ein Text ähnliches zu bewirken vermag.
    Prinzipiell habe ich nichts gegen kurze Beiträge, die eine bestimmte Position zusammenfassen, einzuwenden. Allerdings sollte eine Zusammenfassung niemals auf die wichtigsten Argumente, welche die betreffende Position stützen, verzichten. Etwas kurz darzustellen heißt nicht, es verkürzend darzustellen. Ebendies tut Herr Tallis jedoch. Du hast folglich mit jedem Deiner Kritikpunkte recht, Muriel.

  10. outinside sagt:

    …Wir können allerdings zum Beispiel sagen, dass wir kein Bewusstsein ohne Gehirn kennen…
    Dem stimmt sogar Ken Wilber zu:
    “Die »Philosophie des Bewusstseins« beruht auf einer Annahme, dass es ein Bewusstsein gibt und sich in diesem Bewusstsein Phänomene zeigen, entweder einem individuellen, einem kollektiven oder einem »Speicherhaus-Bewusstsein«. Jede meditative und kontemplative Tradition geht von dieser Annahme aus. Und die ist schlichtweg falsch…
    Wenn Sie an GEIST glauben und alles Nicht-Rationale GEIST ist, dann kommt Ihnen jede prä-rationale Drehung oder Wendung – ganz gleich wie infantil, kindisch, regressiv, selbstbezogen, irrational oder egozentrisch sie ist – irgendwie tief spirituell oder religiös vor, und so fahren Sie fort, die Bereiche in Ihrem Gewahrsein zu füttern, die den Reifeprozess am stärksten behindern….
    So scheinen sogar die eigenen selbstbezogenen, prä-rationalen, präkonventionellen Impulse besonders spirituell zu sein – und doch gehen sie nicht über die Vernunft hinaus, sondern sind dieser unterlegen.
    Das führt auch zu einem wild wuchernden Anti-Intellektualismus und Anti-Rationalismus, die unglücklicherweise eine narzisstische Herangehensweise an Meditation und spirituelle Studien fördern und ermutigen.”
    Ken Wilber ‘Integrale Spiritualität’

  11. Muriel sagt:

    @Tim: Das hat mal wieder gedauert mit meiner Antwort. Entschuldige bitte.
    Um ganz offen zu sein: Nein, daran hatte ich überhaupt nicht gedacht, mir hätte auch eine Erklärung in den Kommentaren völlig gereicht. Aber da du es nun angeboten hast, halte ich es für eine phantastische Idee, dass du einen Gastbeitrag schreibst. Würdest du das tun?
    Du kannst dir soviel Zeit lassen, wie du willst. Geht ja nichts, ist ja alles nur Spaß hier.

  12. Savannentheorie – warum ist es am Rhein so schön…

    In der Öffentlichkeit einflußreiche Theorien versuchen, ästhetische Vorlieben biologisch zu erklären. Weil die wesentlichen Evolutionsschritte zum Homo sapiens in Savannen stattgefunden haben, hat „der Mensch“ genetisch…

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