Letter to my future self

30. November 2011

Lieber Muriel,

Erinnerst du dich noch an mich? Ich hoffe, denn ich vermute, dass es dir nicht weniger als mir auf den Geist geht, von wildfremden Leuten behelligt zu werden, die dir persönliche Fragen stellen und sich aufführen, als wären sie schon deine besten Freunde. Oder gibt es inzwischen echt gute Spamfilter? Das wäre so cool. (Dass die Menschheit inzwischen soweit sein könnte, dass du keinen Spamfilter mehr brauchst, kann ich mir wohl aus dem Kopf schlagen.)

Ich weiß nicht, ob wir beste Freunde sind. Ich kenne dich schließlich gar nicht.
Was machst du so? Du bist jetzt fast 50, also hast du wahrscheinlich deinen Weg ziemlich endgültig gewählt.
Hast du dir deinen Traum erfüllt und lebst von deinen Geschichten? Oder hast du ihn begraben? Schreibst du überhaupt noch? Hast du in einem anderen Teil deines Lebens etwas Großes geschafft, oder bist du gescheitert?
Hast du genug Geld, zu wenig, oder zu viel? Denkst du überhaupt noch über Geld nach, oder hast du schon eingesehen, dass das gar nicht so wichtig ist?
Macht dir deine Arbeit Spaß, oder sitzt du irgendwo an einem unbedeutenden Schreibtisch in einem Großraumbüro mit Leuten, die du nicht leiden kannst?
Mach dir nichts draus, und denk dran, dass jeder Schreibtisch genau so bedeutend ist, wie du ihn machst, und dass die Leute vielleicht auch gar nicht so schlimm sind, wenn du ihnen nur eine echte Chance… Naja. Den zweiten Teil vergiss vielleicht eher, das glaube ich nicht mal selbst.
Beruflicher Erfolg ist ja auch nicht alles. Hast du wohl Kinder? Falls ja, hoffentlich eine Tochter. Magst du sie? Hast du Haustiere?
Ärgerst du dich noch über die Dummheit anderer, oder hast du schon gelernt, dich vorbehaltlos darüber zu freuen? Wäre wahrscheinlich hilfreich, wenn du Kinder hast.

Vielleicht findest du es ein bisschen sonderbar, dass ich jetzt so viele Fragen gestellt habe, aber du noch fast gar nichts über mich weißt. Oder fast gar nichts mehr. Vielleicht möchtest du auch gerne wissen, was mich gerade so beschäftigt. Vielleicht auch nicht. In dem Fall kannst du jetzt aufhören zu lesen. Aber dann frage ich mich, warum du überhaupt erst angefangen hast. Also: Vor zwanzig Jahren am 30. 11. 2011 hast du gerade ein QM-Audit nebst angeschlossener Präqualifikation begleitet. Natürlich war dir der Ausgang wichtig, aber du warst sehr zuversichtlich, dass alles gut geht, deswegen warst du relativ entspannt. Was die sonstige Zukunft deiner Haupterwerbsquelle angeht, bist du nicht ganz so zuversichtlich, aber wer kann das heutzutage schon noch sein, langfristig gesehen? Viel mehr hat dich beschäftigt, was deine Leser wohl von deiner aktuellen Kurzgeschichte halten (Das war die 6. Episode von Yours to keep. Die, in der Daniel den Ring zum ersten Mal abnimmt.). Ob du das wohl jetzt merkwürdig findest, wie du damals deine Prioritäten gesetzt hast? Hm. Vielleicht ärgerst du dich ja sogar, dass du dich überhaupt mit dem anderen Blödsinn abgegeben hast, statt dich auf das zu konzentrieren, was dir am wichtigsten ist. Du weißt das schon. Ich finde es erst noch mehr oder weniger schmerzhaft heraus.

Deine Dissertation ist zwar schon abgegeben, aber du weißt noch nicht genau, ob du noch was dran ändern musst. Sie liegt jetzt seit bald vier Monaten bei deinen Prüfern, und du hast noch keine Antwort bekommen. Eigentlich ist dir das aber auch nur insofern wichtig, als du dich ein bisschen davor fürchtest, sie noch einmal überarbeiten zu müssen. Zum gefühlt neunzehnten Mal.

Du freust dich darauf, demnächst eine Woche frei zu nehmen, um endlich Nimmermehr so zu überarbeiten, wie du es mit deiner Lektorin besprochen hast, damit du noch einmal versuchen kannst, es Verlagen und Agenturen anzubieten. Wird Nimmermehr dein erster Erfolg, oder dein erster ganz großer Rückschlag? Vielleicht auch nur so eine Mittelding, das irgendwie geht, dich aber auch nicht richtig weiterbringt? Auch das weißt du schon. Ich beneide dich manchmal ein bisschen.

Andererseits… Wie fühlt sich das an, mit fast 50? Erinnerst du dich noch an die Zeit, als dir im Normalzustand absolut nichts wehtat? Als du noch keine chronischen Krankheiten hattest und dir deshalb um solchen Unsinn wie deinen Beruf oder dein Blog Gedanken machen konntest? Oder ist die Medizin schon so weit, dass es dir sogar besser geht als mir?

Was ist überhaupt aus der Welt geworden, in der du lebst? Ist die Aufklärung vorangeschritten, oder hat die Dunkelheit wieder Boden gewonnen? Haben sie endlich die versprochenen Jetpacks geliefert? Hat die Gentechnologie völlig neue Möglichkeiten eröffnet, oder ist ein Ende von Altern, Krebs und Erbkrankheiten immer noch in so weiter Ferne wie heute? Haben Spezialisten Karl Lagerfelds Kopf auf einen Jockeykörper transplantiert? Waren Menschen auf dem Mars, oder vielleicht sogar auf anderen Planeten? Ist Apple endlich tot, und hat die Unterhaltungsindustrie schon eingesehen, dass sie ihr Geschäftsmodell nicht rettet, indem sie ihre Kunden triezt und ihnen den Genuss ihrer Produkte vergällt?

Jetzt habe ich schon wieder angefangen, Fragen zu stellen.

Mir fällt aber auch nicht mehr viel ein, was ich noch über mich erzählen könnte. Weißt du noch, wie sehr du Keoni geliebt hast und wie sehr ich mich freue, sie zu haben? Ich hoffe, das geht dir immer noch so. Das ist wichtig. Aber das muss ich dir so oder so wohl nicht erzählen.

Mach’s gut, Muriel. Schade, dass ich dich niemals kennenlernen werde. Wenn du hier bist, bin ich schon lange weg.


Yours to keep (6)

29. November 2011

Ja, hier ist ja eigentlich gerade Fortsetzungsromanpause, aber ich denke, spätestens seit dem dritten Yours to keep dürfen wir uns da nicht mehr vormachen, das wäre eine Sammlung von Kurzgeschichten. Insofern unterbrechen wir unsere Fortsetzungsromanpause für den sechsten Teil von Yours to keep, und ich hoffe, ihr habt beim Lesen ähnlich viel Spaß wie ich beim Schreiben.

[Nachtrag, eigentlich viel zu spät und damit irgendwie sinnlos: Wer neu hier ist, findet die ersten fünf Episoden natürlich auf der Geschichten-Seite.]

Bon appetit!

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Anne Frankly, I did Nazi that coming (2)

25. November 2011

Die Serien häufen sich in letzter Zeit. Weiß auch nicht, wie das kommt. Aber dies hier finde ich einfach zu gut, um es nicht zu dokumentieren. Vielleicht dient es ja der einen oder anderen Leserin zur Erheiterung.

Drüben bei Jesus.de erschien ein Post zum Thema “Organspende”, und das ist ein Steckenpferd von mir. Vielleicht hat es damit zu tun, dass mein Vater jahrelang vergeblich auf eine Leber wartete, aber ich glaube eher, dass ich mich auch sonst genausogut über die Dummdreistigkeit von Leuten aufregen könnte, die im Ernst und frei von jedem Selbstzweifel verlangen, man möge sie moralisch nicht unter Druck setzen und dürfe sie nicht zwingen, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob sie gerne wollen, dass ihre Organe nach ihrem Tod nutzlos verwesen, oder ob sie zur Rettung von Menschenleben eingesetzt werden können.

Ich habe zu dem Thema ja eine durchaus extreme Auffassung, und gestern Abend war mir aus verschiedenen Gründen sowieso nach Krawall, deswegen fuhr ich die übliche Argumentation auf: Ein (Gehirn)Toter ist keine Person mehr, deswegen hat er auch keine Rechte mehr, deswegen kann man ihm Organe entnehmen, ob er das nun zu Lebzeiten gut fand oder nicht. Ich bekam natürlich die üblichen Gegenargumente zu lesen: Der Gehirntod sei kein gutes Kriterium für den Tod des Menschen, Organhandel, die Organspendelobby, Totenruhe, Recht auf körperliche Unversehrtheit, Medizin ist sowieso des Teufels, blahfasel.

Das war zu erwarten.

Aber völlig überraschend kam für mich eine Linie, der nicht nur einer, sondern sogar mindestens zwei der (meines Wissens) christlichen Diskussionsteilnehmer folgten: Es wurde bestritten, dass es überhaupt einen sinnvollen Unterschied zwischen Personen und Sachen gebe.

Ich weiß nicht, ob ihr euch meine Fassungslosigkeit ob dieses Dialoges vorstellen könnt:

“Wenn man schon so anfängt, dann ist man nicht weit davon, auch Lebende ihre Rechte verwirken zu lassen. Je gieriger andere auf das sind, was man zu bieten hat, desto schneller geht sowas. Da sage ich: Wehret den Anfängen!”

Slippery Slope. Nicht nur beim Thema Organspende eine immer wieder beliebte Argumentation, über die man gar nicht genug spotten kann. Ich antwortete also:

Äh… Genau.
Wenn eine Bratpfanne keine Rechte hat, dann ist der logische nächste Schritt der Holocaust.

In der sicheren Erwartung, dass mein(e) Gesprächspartner(in) sich über den Nazivergleich entrüsten würde oder mich ermahnen, doch ernst zu bleiben. Aber weit gefehlt:

Dummerweise lief das damals wirklich genau so. Erst waren es Geschäfte, Friedhöfe und Synagogen, dann wurden die Menschen selbst vernichtet.

Wow. Und auch Diceman kam schnell zu seinem Kernpunkt, dass es doch überhaupt keinen Sinn ergäbe, einem Menschen mehr Rechte zuzubilligen als einem Gehstock:

Menschen können nichts, was andere Objekte nicht auch können und da die Natur unnötigen hohen Aufwand scheut (Ockhams Razor) wäre es unlogisch, ihnen herausragende Eigenschaften anzudichten.

Nun weiß ich nicht, ob das Trolle sind, oder ob sie unter Einfluss bewusstseinsverändernder Substanzen standen (Zumindest bei Diceman können wir das vielleicht ausschließen, denn er glaubt nicht an ein Bewusstsein.), aber ich dachte, es würde euch vielleicht interessieren, wo die Reise in den Wahnsinn bei Jesus.de jetzt offenbar hingeht: Gleichberechtigung für Bratpfannen.

Und da sag noch mal einer, Diskussionen mit Gläubigen wären nutzlos.


Offensichtlicher Blödsinn

24. November 2011

Bei dem Unternehmen Bayer Healthcare AG werden auch in Zukunft Außendienstmitarbeiter, die auf blonde Frauen mit Sommersprossen stehen, grundsätzlich nicht mit ihren Partnerinnen gemeinsam ihren Dienstwagen nutzen dürfen.

Widernatürlich und schöpfungswidrig: Sommersprossen

Alle vier Gesprächskreise des Pharmakonzerns kündigten am Dienstag in Leverkusen an, diesen Grundsatz nicht anzutasten und lediglich in Einzelfällen blonden, sommersprossigen Paaren das gemeinsame Fahren im Firmenfahrzeug zu eröffnen.

Am kritischsten zur gegenwärtigen Regelung äußerte sich der liberale Gesprächskreis «Offene Bayer AG». Dessen Voristzende Sabine Kreisker sprach sich für die Gleichbehandlung solcher Paare und die grundsätzliche Öffnung der Dienstwagen für diese Personengruppe aus. «Schweren Herzens» sei man aber bereit, im Interesse der betroffenen Außendienstmitarbeiter an der bisherigen Einzelfallregelung festzuhalten, sofern sie rechtssicher als Betriebsvereinbarung oder in einem Tarifvertrag festgeschrieben werde.

Hans Winter vom konservativen Gesprächskreis «Lebendige Bayer AG» wies darauf hin, dass er mal ein altes Buch gelesen habe, das die Zuneigung zu blonden Frauen mit Sommersprossen durchgängig negativ bewerte. Derartige Paare im Dienstwagen könnten keine betrieblich legitimierte Praxis sein. Winter warb dafür, dass die Bayer AG auch arbeitsmedizinische Initiativen für Menschen unterstützt, die ihre Neigung zu blonden, sommersprossigen Frauen nicht ausleben wollten.

Abteilungsleiter Heinz Gosen von der als gemäßigt geltenden Gruppierung «CSR und Bayer» sagte: «Es geht, wenn es im Betrieb geht.» Man stehe voll und ganz hinter dem Leitbild Familie im Dienstwagen, das werde auch auf Dauer so bleiben. Deshalb könne nur wie bisher im Einzelfall ausgelotet werden, welcher Handlungsspielraum für Mitarbeiter mit vorliebe für blonde Haare und Sommersprossen bestehe.

Karl Franz von der sich als Reformbewegung verstehenden «Bayer AG für morgen» sprach sich ebenfalls für die Einzelfallregelung aus. Diese sei «kein betriebswirtschaftlicher, sondern ein politischer Kompromiss». Da gelebte Liebe zu blonden Frauen mit Sommersprossen von den Kunden der Bayer AG unterschiedlich beurteilt werde, setze man sich für eine Regelung ein, die bei möglichst vielen Menschen Akzeptanz finde.

(Quelle: epd)


Ich bin ja von Star Trek ziemlich endgültig geheilt

23. November 2011

Aber Patrick Stewart ist immer noch toll.

Die gute Nachricht ist, dass er Twitter auch nicht leiden kann. Die schlechte, dass er ein iPhone hat und das verwünschte Ding auch noch toll findet. Tja, so ist das. Je mehr man über seine Idole erfährt, desto weniger idolig werden sie, weshalb Bildung schon immer… Aber ich schweife ab.


Taschentuch? (3)

23. November 2011

Ich mag PZ Myers nicht. Ich mochte ihn noch nie. Das hat verschiedene Gründe, und leider keinen einzigen ganz klaren, endgültig ausschlaggebenden.

Es fängt damit an – und das mag sogar mit Neid zu tun haben, auch wenn ich selbst das nicht glaube – dass er einer dieser vielen Blogger ist, deren Erfolg ich nicht verstehe. Er schreibt nicht besonders gut. Er ist nicht besonders lustig. Und überhaupt hat sein Stil irgendwas an sich, was mir gegen den Strich geht. Seine cutesie-furry-Beiträge finde ich nervig – die regen mich übrigens auch bei Niggemeier völlig unangemessen auf -, und sogar die Octopi sind zwar eine interessante Abwechslung, wirken auf mich aber eher aufgesetzt. Er schafft es irgendwie, mich sogar mit Beiträgen zu ärgern, denen ich inhaltlich zustimme.

Ich schaue trotzdem hin und wieder mal in sein Blog, weil es aufgrund seiner Größe so eine Art atheistischer Nachrichten-Knotenpunkt geworden ist. So wie ich auch faz.net und Spiegel Online manchmal besuche. Vielleicht geht es da vielen Leuten wie mir, wer weiß? Wahrscheinlich erklärt das zumindest einen Teil seines Erfolgs, wie bei jedem großen Medium: Wachstum ist ein sich selbst verstärkender Prozess.

Dass ich seinen Kram manchmal lese, obwohl er mir nicht gefällt, verstärkt natürlich wiederum meine Aversion – ich weiß, wir sind jetzt ziemlich tief in meiner kranken, kranken Psyche, aber keine Sorge, ich komme gleich zur Sache -, und deshalb halte ich schon seit einiger Zeit mehr oder weniger unterbewusst Ausschau nach einem Artikel, bei dem ich auch inhaltlich völlig anderer Meinung bin und ihm wirklich richtig widersprechen kann. Das ist nicht so einfach, denn den Occupy-Stuss wollte ich nicht aufgreifen, weil ich den bisher nicht interessant genug finde, um hier eine Diskussion darüber anzufangen.

Ihr könnt euch also nun vorstellen – oder müsst es mir glauben, wenn ihr nicht eine ähnliche Persönlichkeitsstörung habt wie ich -, dass ich mich wie ein Schneekönig freute, als ich seinen Beitrag über die Entschuldigung von Gelato Guy las. Natürlich enthält der auch noch vieles, was ich ganz genauso sehe, aber alles in allem finde ich, dass PZ hier ziemlich danebenliegt.

Hintergrund: Gelato Guy ist ein Eisdieler in der Stadt, in der Skepticon dieses Jahr abgehalten wurde, und er hatte – offenbar nur für ein paar Minuten – ein Schild in seinem Schaufenster, auf dem stand:

Skepticon is NOT welcomed to my Christian business

Ich kann mir nicht helfen, aber das finde ich schon mal immens sympathisch. Ich frage mich nämlich schon seit Jahren, was Geschäftsleute dazu treibt, diese bescheuerten “Agritechnica Welcome”-Schilder in ihre Schaufenster zu hängen, wenn Messen in ihrer Stadt abgehalten werden. Welche Information transportiert so ein Schild? Sind andere Leute nicht willkommen? Sind Messebesucher noch willkommener als andere? Warum? Wieso sollten Messebesucher daran zweifeln, dass sie in Läden willkommen sind, wenn sie etwas kaufen wollen?

Da kommt es mir vergleichsweise erfrischend vor, ein Schild mit einer Abweisung aufzuhängen. Natürlich demonstriert der Kerl damit ein gewisses Maß an Borniertheit, aber es ist nicht so, dass man ohne ein gewisses Maß an Borniertheit überhaupt religiös sein könnte, (PZ Myers zitiert in einem seiner lichten Momente diesen sehr schönen Spruch von David Silverman: “You can be a theist, and you can be a skeptic. But if you’re both, you’re not very good at one of them.”) und es ist immerhin seine Eisdiele. Wenn er da jemanden nicht haben will, demonstriert er damit vielleicht, dass er ein Armleuchter ist, aber das ist es dann auch.

(Nebenbei: Gebt mir ein “Hallelujah!” dafür, dass bisher noch niemand auf die Idee gekommen zu sein scheint, das Ganze “Gelatogate” zu nennen, oder “Skeptigate”, oder “Gatelato”, oder sowas…)

Und er hat seinen Fehler sogar eingesehen. Ich weiß natürlich nicht, ob er wirklich seinen Fehler verstanden hat, oder ob er nur die schlechte Publicity fürchtet, aber ich weiß auch nicht, ob der Papst wirklich Katholik und ob Joschka Fischer wirklich grün ist. Was soll man machen? Für mich klingt seine Entschuldigung jedenfalls überzeugend:

This was an impulsive response, which I fully acknowledge was completely wrong and unacceptable. The sign was posted for about 10 minutes or so before I calmed down, came to my senses, and took it down. For what it’s worth, nobody was turned away. I strongly believe that everybody is entitled to their beliefs. I’m not apologizing for my beliefs, but rather for my inexcusable actions. I was wrong.

Das ist eine echte Entschuldigung, nicht so eine komische, wie manche Leute sie gerne benutzen, wenn sie einfach ihre Ruhe haben wollen (“Es tut mir Leid, wenn jemand sich durch mein Verhalten angegriffen gefühlt haben sollte, aber…”). Er sagt, dass er einen Fehler gemacht hat, dass sein Verhalten völlig inakzeptabel war, dass er Unrecht hatte, und dass er jedem das Recht seinen eigenen Glauben zugesteht. Na gut, das letzte ist irgendwie Quatsch, aber trotzdem: Es ist eine echte Entschuldigung, und ich sehe keinen Grund, an ihrer Aufrichtigkeit zu zweifeln. Gelato Guy hat außerdem sogar noch eine persönliche Entschuldigung an PZ Myers direkt geschickt. Das ist nun wirklich schon lächerlich, denn er hat PZ Myers ja gar nichts getan. PZ hat nicht versucht, bei ihm ein Eis zu kaufen. Aber PZ ist das egal. PZ akzeptiert die Entschuldigung nicht:

Apology not accepted. What I see in you is a person who hates me for not believing in the nonsense of your religion. [...] You’ll just have to live with the fact that I won’t be buying your ice cream on the rare occasions I visit your town, while I have to live with the fact that I live in a country where my rejection of your religion makes me a pariah. There’s absolutely nothing you can do to make up for that.

Ich bin gespannt, was ihr denkt, aber ich denke, das ist lächerlich. Das ist arm. Das ist völlig unangemessen. Der Kerl hat impulsiv ohne nachzudenken ein Schild an seine Tür gehängt, und es nach zehn Minuten wieder abgenommen. Ich sehe keinen Anlass, ihm Hass gegen irgendwen zu unterstellen. Er ist nicht verpflichtet, irgendwas wieder gutzumachen, denn er hat niemandem geschadet außer sich selbst. Ich würde jetzt nicht sagen, er wäre “classy” – woher soll ich wissen, wie er ist? Ich kenne ihn nicht -, aber er macht so auf den ersten Blick einen besseren Eindruck als die meisten bigotten Armleuchter, die da draußen so rumlaufen. Und verdammt noch mal, wenn PZ Myers meint, er sein “pariah”, dann sollte er vielleicht doch seine Maßstäbe noch mal neu kalibrieren.

So ziemlich alles, was danach kommt, ist inhaltlich okay, obwohl Myers für meinen Geschmack immer noch zu sehr den Märtyrer gibt und das Pathos arg dick aufträgt. (“And until 150 million Christians rise up and show some respect for common humanity and reason, and apologize to me and every godless citizen in this country, I will not be magnanimous.”) Aber die Entschuldigung von einem Kerl abzulehnen, der einen Fehler gemacht hat, unter dem nur er selbst leidet, der einem nichts getan hat, und der öffentlich erklärt hat, dass sein Verhalten inakzeptabel und falsch war, und ihn wegen dieses einen albernen Fehlers zu einem Posterboy für Bigotterie und Unterdrückung Andersdenkender aufzubauen, das ist jetzt wirklich mal ein Beispiel für dieses “Being a dick“, von dem in Bezug auf evangelikale Atheisten so oft die Rede ist, und von dem ich mich schon gefragt habe, ob es das wirklich gibt.

Ja, gibt es.


The office

20. November 2011

Da sieht man mal wieder, wie das ist, wenn die unsichtbare Hand des Marktes nicht lenkend eingreifen und die Dinge richten kann, die im Argen liegen.

Meine lyrischen Beiträge hier sind bisher immer auf ein sehr verhaltenes Echo gestoßen, um nicht zu sagen, keiner wollte sowas. Aber weil mir das herzlich egal sein kann, gibt es heute wieder einen, und er ist sogar noch viel länger als alles, was hier jemals von der überwältigenden Mehrzahl der Leser verschmäht wurde, und zu allem Übel gibt es das Ganze auf Wunsch auch von mir gelesen. Freut euch auf

The office

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Es könnte alles so einfach sein

16. November 2011

Als malefue mich bat anwies, einen Artikel über Spiritualität zu schreiben, war ich zunächst sehr einverstanden. Dann wurde mir klar, wie wenig es eigentlich dazu zu schreiben gibt, und ich schob das Projekt erst einmal auf. Aber heute fiel mir ein, dass es sich vielleicht lohnt, einen Artikel draus zu machen, wenn ich ein bisschen abstrakter werden und allgemein darüber schreibe, wie oft Leute sich und anderen das Leben schwer machen, indem sie nicht richtig darüber nachdenken, welche Worte sie wie benutzen, und was sie eigentlich bedeuten sollen.

Spiritualität ist dafür ein gutes erstes Beispiel. Mit diesem Begriff werfen Esoteriker und manchmal auch religiöse Menschen gerne nach Skeptikern und vernebeln damit die Diskussion, denn für mehr ist er nicht gut. Wikipedia sagt:

Spiritualität (von lat. spiritus ,Geist, Hauch‘ bzw. spiro ,ich atme‘ – wie altgr. ψύχω bzw. ψυχή, siehe Psyche) bedeutet im weitesten Sinne Geistigkeit und kann eine auf Geistiges aller Art oder im engeren Sinn auf Geistliches in spezifisch religiösem Sinn ausgerichtete Haltung meinen. Spiritualität im spezifisch religiösen Sinn steht dann auch immer für die Vorstellung einer geistigen Verbindung zum Transzendenten, dem Jenseits oder der Unendlichkeit.

Wir haben hier also einen Begriff, der in zwei… Nein, man kann nicht mal von “Bedeutungen” sprechen, finde ich, sagen wir also: Sinnen gebraucht wird. Einerseits kann er… ähm… so ziemlich alles heißen, was irgendwie mit Geistigem zu tun hat. Also alles. Und andererseits kann er alles heißen, was die Vorstellung von Transzendentem, Jenseits oder Unendlichkeit einschließt. Also alles, aber mit Bezug auf esoterischen oder religiösen Blödsinn.

Wenn nun unser Gläubiger (Ich benutze das von jetzt als Überbegriff für “esoterischer oder religiöser Mensch”) sowas sagt wie: “Was hast du denn gegen Spiritualität? Die ist doch voll wichtig, zur Selbstreflexion und zum Stressausgleich und schadet niemandem und das ist voll gemein, anderen das verderben zu wollen!” dann sind sie dabei bewusst oder unbewusst nicht ganz aufrichtig und machen genau das, was Christen zum Beispiel auch oft gerne mit dem Wort “Glauben” machen. Sie stellen eine Behauptung auf, die sich auf den weiteren Sinn des Wortes bezieht und ziehen daraus eine Schlussfolgerung, um diese dann auf den engeren Wortsinn zu beziehen.

“Spiritualität (im Sinne von allem Geistigen, also auch Meditation, Selbstreflexion, Nachdenklichkeit, Entspannung, Freude an Kunst…) ist etwas Wunderschönes und gut für den Menschen, also ist es unsinnig und engstirnig, gegen Spiritualität (im Sinne von Glaube an irgendwelchen magischen Blödsinn) zu wettern.”

Das ist ein ganz billiger rhethorischer Taschenspielertrick, aber er wirkt immer wieder bei Leuten, die es nicht gewohnt sind, über solche Dinge nachzudenken. Und das sind viele, und oft genug auch Philosophen und solche, die sich dafür halten.

Protipp: Wenn man in einer Diskussion deutlich das Gefühl hat, dass der andere Blödsinn redet, aber nicht erkennt, wo sein Fehler liegt, lohnt es sich fast immer, mal über die Bedeutungen der einzelnen Wörter nachzudenken und ihn zu fragen, was er damit meint.

Das möchte ich nun gleich einmal anhand eines in der Philosophie sehr bekannten Konzeptes darlegen: Der naturalistische Trugschluss ist gar keiner.

Ich meine das so: Grob gesagt, ist der naturalistische Trugschluss die Idee, man könnte aus dem, was ist, Schlüsse ziehen über das, was soll. Imperative lassen sich aber nicht aus Tatsachen herleiten. Also beispielsweise: “Schafe können nicht sprechen, also sollen Schafe nicht sprechen können.” oder weniger offensichtlich dämlich: “Gewalt verursacht Schmerzen, also sollte man keine Gewalt anwenden.” Leute sagen sowas manchmal vereinfacht, aber dabei unterschlagen sie dann eine zweite Prämisse, die wiederum keine Tatsache ist: “Gewalt versursacht Schmerzen und Schmerz sollte man vermeiden, also sollte man keine Gewalt anwenden.”

Klingt soweit unanfechtbar, aber… Moment. Irgendwo müssen die Imperative doch herkommen, die sind doch nicht einfach so da, und außer aus den Tatsachen können sie doch nirgendwo herkommen, denn was gibt es noch außer der Realität? (Gläubige haben darauf eine klare Antwort, aber die hilft uns ja nicht weiter.)

Hier hilft unsere Frage: Was ist denn eigentlich ein Imperativ? Was bedeutete “sollen”? Genau. Ein Imperativ, ein “sollen” ist immer das Gegenstück zu einem “wollen”, also zum Wunsch eines Menschen. Zu meinem, oder dem anderer Mitglieder meiner Gesellschaft. Und das sind wieder Tatsachen. “Gewalt verursacht Schmerzen, und wenn ich jemandem Schmerzen verursache, wird er mir danach nicht mehr besonders gewogen sein und mir vielleicht schanden, und ich will nicht, dass mir jemand schadet, also sollte ich Gewalt gegen andere Menschen vermeiden.”

Es kann sehr praktisch sein, Worte wie “Imperativ” oder “sollen” zu benutzen. Ich habe nichts gegen diese Worte, versteht mich nicht falsch. Aber man sollte nicht vergessen, dass sie eigentlich etwas bezeichnen, das nicht im absoluten, objektiven Sinne existiert, sondern nur als eine Vereinfachung.

Nach dem gleichen Muster (Keine Sorge, das ist mein letztes Beispiel.) können wir auch auf die oft gehörte These antworten, die Wissenschaft könne nur Fragen nach dem “Wie” beantworten, für das “Warum” brauche man aber Religion.

Was soll das “Warum” in diesem Kontext sein?

“Warum?” im Sinne einer Frage nach Kausalität ist es sicher nicht, denn in der Kausalität ist die Wissenschaft einigermaßen zu Hause, das würde nicht mal ein Fundamentalist bestreiten wollen.

Wir benutzen die Frage aber auch noch in einem anderen Sinne, nämlich dann, wenn wir fragen, welchen Zweck jemand damit verfolgt, dass er etwas tut. Warum schreibe ich diesen Artikel? Warum lest ihr ihn? Da geht es um unsere Absichten. Und nur, wenn man das “Warum” in diesem Sinne versteht, ergibt die These der reinen “Wie”-Wissenschaft halbwegs Sinn.

Aber wenn man sie zu Ende denkt, dann wird sie doch wieder sinnlos. Denn wenn das “Warum” eine Absicht bezeichnet, dann ist es der Wissenschaft damit erstens natürlich keineswegs verschlossen. Welche Absichten Lebewesen verfolgen, und wie sie darauf handeln, ist selbstverständlich eine wissenschaftlich erforschbare Frage. Und zweitens unterstellt das “Warum” damit völlig unberechtigt, dass hinter dem Universum und unserem Leben überhaupt eine Absicht steckt. Wir haben keinen Grund, eine solche Absicht anzunehmen, und wenn wir es doch täten, hätten wir bis auf Weiteres keine Möglichkeit, sie herauszufinden. Richtig formuliert müsste man also sagen:

Die Wissenschaft kann nur Fragen beantworten, für die wir schon sinnvolle Antworten gefunden haben. Für frei erfundene Antworten auf potentiell sinnlose Fragen braucht man dann Religion.

Und so ist es wieder richtig.


Restebloggen am Wochenende (78)

13. November 2011
  1. Doofe Pralinen sind in meherer Hinsicht eigentlich eine tolle Sache. Man spart Geld, weil sie billig sind, und man spart Kalorien, weil man immer nur eine davon isst und dann erst mal für den Tag wieder genug von Schokolade hat.
  2. Das Verfassungsblog berichtet über unser BVerfG, das keinerlei Rechtsstaatsprobleme darin erkennt, dass von einem Unternehmen erwartet wird, bei seiner Vertragsgestaltung vorauszusehen, dass Gerichte geltendes Recht entgegengesetzt zu seinem klaren Wortlaut auslegen. Ich bin eigentlich ein großer Freund der EU und alles, aber so langsam wird es wirklich schwer, das aufrecht zu erhalten.
  3. Die Frau des Schlachters Heinz Gosen,
    Ihr Mann macht echt gutes Steak;
    Im Supermarkt bei den Dosen
    stand sie mir direkt im Weg.

    Sie hatte Masse, gar keine Frage,
    Konnt’ ihre Zehen nicht seh’n.
    Ich war buchstäblich nicht in der Lage,
    ihr aus dem Wege zu geh’n.

    Bitte fragt nicht. Weiß auch nicht, wo das herkam.

  4. William Lane Craig hat herausgefunden, dass Tiere zwar Schmerz empfinden, dass man sicher aber trotzdem keine Sorgen drum machen muss, denn sie merken das gar nicht.
    God in His mercy has apparently spared animals the awareness of pain. This is a tremendous comfort to us pet owners. For even though your dog or cat may be in pain, it really isn’t aware of it and so doesn’t suffer as you would if you were in pain.
    Da sag noch mal einer, Religion und Wissenschaft passten nicht zusammen.
  5. Ich kannte Kickstarter bisher gar nicht, aber dann veröffentliche mein Idol Jeff Dee auf seinem Blog ein Projekt, und ich sah es mir an.
    Er will eine Bilderserie neu zeichnen, die sein Verlag weggeworfen hat, und wir können entscheiden, welche Summe wir ihm dafür anbieten, und wenn genug zusammen kommt, dann macht er’s, und je nachdem, wie viel man geboten hat, bekommt man noch eine kleine Belohnung, wie zum Beispiel signierte Kopien der seiner Zeichnungen.
    Fand ich toll. Die Bilder an sich interessieren mich nicht besonders, aber erstens war es mir durchaus 20$ wert, ein von ihm signiertes Werk bei mir zu Hause aufhängen zu dürfen, und zweitens finde ich das Konzept “Kickstarter” selbst sehr spannend. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich vielleicht auch den neuen Fortsetzungsroman von ausreichender Finanzierung abhängig gemacht.
    Obwohl. Eigentlich ginge das immer noch…
  6. Bei arslibertatis findet ihr ungefähr den Artikel zur jüngsten Stellungnahme unseres Ethikrates, den ich auch fast geschrieben hätte:
    Muss sich der Ethikrat wirklich einer Sprache bedienen, die impliziert, dass es einen qualitativen Unterschied zwischen Mensch und Tier gibt? [...] Wieso legt der Ethikrat überhaupt so viel Wert auf diese Zuordnung? Schliesslich ist es offensichtlich, dass diese kategorische Differenzierung in Teilbereichen nicht haltbar ist. So sind manche Tiere3 intelligenter und haben ausgeprägtere Emotionen als manche Menschen.4
  7. QualiaSoup mal wieder. Immer gut:

Ayn Rand kommt selten allein: 32%

12. November 2011

So, jetzt ist natürlich schon ein bisschen mehr passiert als beim letzten Mal. Und eigentlich doch nicht. (Ich spreche keine Spoilerwarnung aus, weil ich die grundsätzlich nicht mag und es in dem Buch auch wahrhaftig nichts zu spoilen gibt, aber falls ihr das anders seht, betrachtet euch bitte als gewarnt.)

Hank Rearden und Dagny Taggart haben ihre Eisenbahnstrecke aus Rearden Metal gebaut, und es war ein spektakulärer Erfolg. Sie haben einen unvollständigen Prototypen eines Motors gefunden, der eine billige und unbegrenzte Energiequelle verwendet und die Menschheit auf eine völlig neue Entwicklungsstufe heben könnte. Es sah so aus, als wäre die trostlose Welt Ayn Rands auf dem Weg in eine glänzende Zukunft. Sie hatten sogar Sex. (Nebenbei: Eine sonderbare Einstellung scheint die Autorin zu dem Thema zu haben.

Hank: “[...]You’re as vile an animal as I am. I should loathe my discovering it. I don’t. Yesterday, I would have killed anyone who’d tell me that you were capable of doing what I’ve had you do.[...]“

Dagny: “[...] I am an animal who wants nothing but the sensation of pleasure which you despise [...] You’ll have me any time you wish, anywhere, on any terms.”

Sicher, man sollte im Allgemeinen nicht unbedingt von den Worten der Protagonisten auf die Meinung der Autorin schließen, aber erstens bentutzt Rand ihre Figuren dauernd als Sprachrohr, um uns Vorträge darüber zu halten, wie der Hase zu laufen hat, und zweitens ist es doch einfach merkwürdig, dass die beiden – dazu gleich noch mehr – offensichtlichen, unangefochtenen, makellosen und penetrant ungebrochenen Helden dieses Romans ganz selbstverständlich Geschlechtsverkehr als etwas Niedriges, Schmutziges, Unappetitliches ansehen beschreiben [korrigiert auf CKs völlig berechtigten Hinweis, dass Dagny Sex eigentlich gar nicht schmutzig findet], und die völlige Unterwerfung der Frau unter den Mann dabei nebenbei voraussetzen, ohne dass man es auch nur explizit thematisieren müsste. Ja. Na gut, ich weiß, in den Zitaten da klingt es schon ziemlich explizit, aber eben nicht thematisiert, wenn ihr wisst, was ich meine. Wisst ihr? Naja.)

Aber die Schurken waren natürlich auch nicht untätig: Die Equalization of Opportunity Bill hat es illegal gemacht, mehr als ein Geschäft zu betreiben, und das Fair Share Law zwingt Rearden, jedem einen gerechten Anteil an seinem neuen Metall zu liefern, und schränkt auch Dagnys Möglichkeiten ein, die neue Strecke aus Rearden Metal auszunutzen, denn natürlich darf jetzt auch keine Eisenbahngesellschaft auf einer Strecke mehr Züge einsetzen als andere Gesellschaften auf anderen Strecken.

Weil sie deshalb jetzt nicht mehr genug von Ellis Wyatts Öl transportieren kann (und der eh nicht mehr so viel produzieren darf, denn das wäre ja unfair gegenüber den anderen Ölproduzenten), hat Wyatt genug, zündet seine Felder an und verschwindet.

Und so weiter.

Es ist also eine ganze Menge los, und irgendwie ist mir manches auch immer noch sympathisch. Diese vielen Gleichheits- und Gerechtigkeits- und Fairnessgesetze erinnern in ihrer Dummheit und Widerwärtigkeit natürlich schon an gewisse Tendenzen der aktuellen politischen Debatte (*Räusper*Frauenquote*Hust*”) oder auch bereits bestehender Regelungen (AGG, irgendjemand?).

Trotzdem macht das Lesen keinen Spaß, und trotzdem ist und bleibt Atlas Shrugged ein furchtbar dämliches Buch, denn obwohl ganz viel passiert, gibt es eigentlich keine Handlung, denn es gibt keine Entwicklung. Nach wie vor glänzen die Helden und sind fehlerfrei, und nach wie vor sind die Schurken finstere, korrupte, erbärmliche, rückgratlose, lächerlich dumme Gestalten, die nicht mal einen Satz sprechen können, ohne den unsinnigen Prämissen ihrer eigenen Scheinmoral zu widersprechen. Und natürlich sieht man ihnen sofort am Gesicht an, wes Geistes Kind sie sind.

The man who sat in front or Rearden’s desk had vague features and a manner devoid of all emphasis, so that one could form no specific image of his face nor detect the driving motive of his person.

Und dann sagen sie eben Sachen wie:

“At a time of desperate stell shortage, we cannot permit the expansion of a steel company which produces too much [...] If Rearden Metal is not good, it’s a physical danger to the public. If it is good it’s a social danger.”

oder

“Motor? What motor, Miss Taggart? I had no time for details. My objective was social progress, universal prosperity, human brotherhood and love. Love, Miss Taggart. That is the key to everything.”

oder wie Reardens Mutter, als er sich weigert, seinem Bruder einen Job zu geben:

“You’re the most immoral man living – you think of nothing but justice!”

Hoho, wie entlarvend. Selbstentlarvend, sogar. Geht’s noch cleverer?

Und die Guten… Naja, ihr wisst schon:

He was an elderly man with a slow, firm manner and a look of bitterness acquired not in blind resentment, but in fidelity to clear-cut standards.

Und:

“No, Mr Rearden, it’s one or the other. The same kind of brain can’t do both. Either you’re good at running the mills or you’re good at running to Washington.”

Mit anderen Worten, und ich vermute, ich werde das noch oft sagen, und ziemlich bald werden mir die anderen Worte ausgehen: Ayn Rand macht genau die Fehler, die mir auch Terry Goodkind verleiden. Ihre Geschichte ist eine einzige Predigt, ihre Charaktere sind grobe Kartonschnitte, und jeder Satz in ihrem Text ist billigste, offensichtliche Exposition, die dem Leser erklärt, was gut ist, und was böse.

Wie wird das wohl alles enden?

Wer ist John Galt?

Und wer will das eigentlich noch wissen?


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