We’ll raise our double standard and see who salutes

29. Februar 2012

Schon lange warte ich auf eine Gelegenheit, mal wieder was zum Thema Schwangerschaftsabbruch zu schreiben, und jetzt ist eine da.

Großbritannien hat ein liberales Abtreibungsgesetz, das den Ärzten viel Freiraum lässt – den diese mitunter auch missbrauchen. Mediziner sollen in mehreren Fällen dazu bereit gewesen sein, ein Kind abzutreiben, nur weil es in den Augen der Mutter das falsche Geschlecht hatte.

Die Selbstgerechtigkeit, Überheblichkeit, und Dummheit, mit der dieses Thema gerade öffentlich diskutiert wird, lässt sogar jemanden wie mich schon fast das Patriarchat sehen, obwohl ich normalerweise auf der nach oben offenen Feminismusskala irgendwo in der unteren Mittelklasse rangieren dürfte. Lassen wir uns von der SZ doch zunächst einmal dieses Zitat liberale Zitat Ende Abtreibungsgesetz knapp erklären:

In Großbritannien regelt das Abtreibungsgesetz von 1967 die Bedingungen für einen Abbruch bis zur 24. Schwangerschaftswoche. Dieser ist nur dann erlaubt, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist, wenn das Kind “schwer behindert”, oder die Schwangerschaft geeignet ist, die “mentale oder körperliche Gesundheit” der Mutter oder etwaiger Geschwister zu beeinträchtigen. Eine Abtreibung wegen des Geschlechts des Kindes ist verboten.

Meine Damen und Herren, die Vorstellung der SZ von einem liberalen Gesetz: Eine Handlung ist grundsätzlich verboten, und nur dann ausnahmsweise erlaubt, wenn sie Lebensgefahr, schwere Behinderung oder sonstige Beeinträchtigung der Gesundheit verhindert.

Aber wir wollen uns hier nicht vorrangig über die Süddeutsche lustig machen, da gäbe es noch ganz andere Anlässe. Wir wollen uns stattdessen einmal die mögliche Rechtfertigung für dieses Gesetz anschauen. Sie kann nur im Schutz des ungeborenen Kindes bestehen, denn sonst geht die Entscheidung der Mutter schon einmal ganz offensichtlich niemanden an. Da muss ich nun zugeben, dass meine Kenntnisse der Embryogenese nicht ausreichen, um fundiert zum Entwicklungsstand in der 24. Woche Stellung zu nehmen. Ich kann aber zumindest erst einmal auf meine bereits etwas älteren Ausführungen zum Status von undifferenzierten Zellhaufen verweisen, und ansonsten gibt es ja dankenswerterweise Wikipedia:

Im 6. Monat ist der Fetus ein wenig runzelig: Das hängt damit zusammen, dass die Haut wächst und die unter der Haut liegende Fettschicht jedoch nur langsam gebildet wird. Die etwa 50 Zentimeter lange Nabelschnur ist spiralförmig eingedreht, sodass der Fetus genügend Bewegungsfreiheit in der Fruchtblase hat. Vor allem das Wachstum steht nun im Vordergrund, da die Differenzierung der Organe weitgehend abgeschlossen ist. In diesem Monat beginnt auch die Reifung des Gleichgewichtssinnes.

Im 7. Monat wird die Lunge funktionstüchtig, damit ist der Fetus mit der 28. Woche als Frühgeburt lebensfähig.

Okay. Wir müssen also wohl feststellen, dass wir zumindest in der letzten Phase dieses 24-Wochen-Zeitraums wirklich schon von einem ungeborenen Kind sprechen können, und dass es in dieser Phase in der Tat schon diskutabel ist, ob diesem Kind gewisse Rechte zustehen sollten.

Leider diskutiert das niemand. Dem SZ-Artikel ist nicht einmal zu entnehmen, um welche Schwangerschaftsphase es in den fraglichen Fällen ging. Der ursprüngliche Telegraph-Artikel erwähnt bei einem Beispiel, dass der Fetus 18 Wochen alt gewesen sein soll, vertieft dieses Thema aber auch nicht weiter. Es geht nicht um die Frage, ob und in welchem Stadium dem Kind irgendwelche Rechte zustehen. Es geht nur darum, dass der Grund für die Entscheidung der Mutter uns nicht gefällt.

Seine ganze Abscheulichkeit zeigt diese Entmündigung von Frauen in der deutschen Rechtslage, die Spiegel online treffend so zusammenfasst:

Vor Ende der zwölften Schwangerschaftswoche darf ein Arzt die Eltern nicht über das Geschlecht des Fötus informieren. So steht es in § 15 des Gendiagnostikgesetzes. Diese Frist ist bewusst gewählt, denn bis zur zwölften Woche sind hierzulande Schwangerschaftsabbrüche straffrei möglich.

Und das ist in meinen Augen nun wirklich der Höhepunkt der Dummheit und der Doppelmoral. Wir verbieten Ärzten unter Strafandrohung, Eltern bestimmte Informationen über ihr Kind mitzuteilen, weil wir nicht wollen, dass die Eltern auf Basis dieser Information eine Entscheidung treffen. Wir wollen lieber, dass die Eltern ihre Entscheidung blind treffen. Sie können ja eine Münze werfen, wenn sie sonst nicht weiter wissen. Das wäre rechtlich gar kein Problem. Ich könnte jetzt augenblicklich auf meine Tastatur spucken.

Kommen wir zu dem eigentlichen Grund, aus dem ich schon lange mal wieder was zu diesem Thema schreiben wollte: Ich habe in meinen bisherigen Beiträgen einen zentral wichtigen Aspekt nicht berücksichtigt, obwohl er so offensichtlich ist, dass ich im Nachhinein kaum verstehe, wie ich den nicht erwähnen konnte. Am Patriarchat kann’s jedenfalls nicht liegen. Dieser Aspekt kommt leider in der öffentlichen Diskussion auch viel zu kurz: Es geht verdammt noch mal um den Körper der Mutter. Es ist ihrer. Und es ist ihre Entscheidung, ob und warum und unter welchen Bedingungen sie ihn zur Verfügung stellt. Sicherlich lässt sich moralisch sehr gut vertreten, dass mit der Zeugung eine gewisse Verantwortung einhergeht, und dass eine Frau dieser Verantwortung nicht gerecht wird, wenn sie sich in einer späteren Phase der Schwangerschaft entscheidet, dass sie das Kind doch lieber nicht will, eventuell auch noch aus wirklich dummen Gründen. Ich verstehe sogar einen Arzt, der ab einem gewissen Entwicklungsstadium des Kindes keinen Schwangerschaftsabbruch mehr durchführen will. Aber deshalb steht es uns noch lange nicht zu, Ärzte zu bestrafen, wenn sie eine Schwangerschaft aus einem Grund beenden, mit dem wir nicht einverstanden sind. Deshalb steht es uns noch lange nicht zu, eine Frau zu zwingen, ihren Körper einem anderen Menschen zur Verfügung zu stellen, wenn sie das nicht will.

Ich stimme insofern dem ungenannten Arzt aus dem Telegraph-Artikel zu:

I don’t ask questions. If you want a termination, you want a termination.

Das ist in meinen Augen kein Missbrauch des gesetzlich eingeräumten Freiraums. Es ist sein ethisch gebotener Gebrauch.


Die Experten

27. Februar 2012

Ja, irgendwie sagt es etwas Nichtgutes über mich aus, dass ich mich bemüßigt fühle, diesen Beitrag zu verfassen, aber was ist ein Blog, das nur Gutes über seinen Autor aussagt, schon wert. Ich rede mir aber derzeit auch noch ein, nebenbei auch noch ein legitimes Anliegen zu verfolgen, sodass einem Beginn des Artikels eigentlich wirklich nichts mehr im Weg steht, außer meinem eigenen Unwillen, aufzuzeigen, wie kleinlich ich manchmal bin.

Ich war kürzlich mal wieder bei einer Familienfeier. Hat mir gut gefallen. Das Essen war toll, und es dauerte nicht so lange, weil es spät anfing und ich die günstige Ausrede hatte, weit nach Hause fahren zu müssen. Im Rahmen dieser Feier saß ich ca. 90 Minuten lang an einem Tisch mit Verwandten und anderen Gästen, die sich über die Finanzkrise, insbesondere Griechenland, unterhielten. Ich höre solchen Gesprächen manchmal ganz gerne dumm lächelnd zu und mache mir einen Spaß daraus, im Geiste mitzusprechen. Das kann man nach meiner Erfahrung ganz gut, denn wenn man zwei solcher Gespräche gehört hat, kennt man sie alle. Nach meiner Erfahrung werden diese Gespräche meistens von wenigen Personen dominiert, zwei oder drei, die in sehr ruhigem scholl-latourhaftem Tonfall die Welt erklären, nebst einigen Mitläufern, die hin und mal wieder etwas einwerfen, dem die Rädelsführer dann nicht offen widersprechen, aber den Kommentar doch mit kaum verkennbarer Missachtung übergehen. Diese Missachtung ist unabhängig von der Sinnhaftigkeit des jeweiligen Einwurfs.

“Es war ja eigentlich schon lange klar, dass die eigentlich die Kriterien nicht erfüllen. Da hätte man reagieren müssen.”

“Aber die Verträge sehen ja auch keine Sanktionen vor. Normalerweise gibt es da ja was, wenn man sich nicht an Regeln hält.”

“Das kann doch auch gar nicht gut gehen, wenn man solche Staaten einfach mit in die Euro-Zone lässt. Die sind von der wirtschaftlichen Entwicklung einfach noch nicht so weit.”

“Da spielen natürlich auch noch andere Aspekte mit rein, nicht nur wirtschaftliche. Man hat ja auf so einem Land viel mehr den Finger drauf, wenn es in der Euro-Zone ist, als wenn Russland da den Finger drauf hat.”

“Das sind zwei Prozent des BIP der EU. Und damit beschäftigen wir uns jetzt seit Monaten!”

“Aber stell dir mal vor, was los ist, wenn Spanien und Italien auch in Schwierigkeiten kommen. So viele Rettungsschirme können wir gar nicht aufspannen!”

“Wenn jetzt auch noch die Urlauber wegbleiben, dann kriegen die Griechen aber wirklich Probleme, die vom Tourismus leben.”

“Ja, das ist für die ja sehr wichtig. Das profitiert dann jetzt die Türkei von. Ist ja auch da in der Ecke.”

“Die deutschen Banken haben sich fast völlig von den griechischen Sachen freigemacht. Die Deutsche Bank hält nur noch eine Milliarde oder so, das ist für die ja Portokasse. Bei den französischen Banken ist das ganz anders. Ob die das einfach nicht verstehen, oder glauben die, dass dann wieder der Staat einspringt?”

“Naja, die deutschen Banken sind da doch wieder über drei Ecken auch wieder dran beteiligt, sodass dann am Ende doch wieder alle drin hängen.”

Und so weiter, ad nauseam. Die Zitate sind natürlich nicht buchstabengetreu, vermitteln aber einen sehr umfassenden Eindruck vom Verlauf der gesamten eineinhalb Stunden, Ehrenwort. Irgendwann musste ich dann gehen. Meine Großmutter und Tante begleiteten mich noch zur Tür und sprachen an, dass ich mich ja kaum an der Unterhaltung beteiligt hätte, worauf ich meinte, naja, es sei ja auch ohne mich gegangen. Meine Mutter freut sich immer, wenn ich auf Familientreffen niemanden direkt beleidige, und ich mache ihr die Freude gern, denn ich habe ihr viel zu verdanken. Meine Großmutter – die ein Talent für solche Sprüche hat – vermutete daraufhin: “Ja, das ist wohl nicht so deine Größenordnung.”

Ich fühlte mich davon jetzt doch ein bisschen angestochen und sagte in dem subtilen Sarkasmus, den ihr von mir kennt und liebt: “Na, was soll ich auch noch sagen, wenn die anderen sowieso schon alles wissen?”

Worauf die beiden ganz ernsthaft nickten.

“Ja, der [...] ist schon beeindruckend”, sagte meine Tante über einen der beiden Herren, die das Gespräch im Wesentlichen bestritten hatten und von denen unter anderem die tief analytische Erkenntnis stammte, dass ausbleibende Touristen schlecht für Leute sind, die vom Tourismus leben, und dass die spanische und italienische Volkswirtschaft viel größer ist als die griechische. Da könne kaum jemand mithalten, meinte sie, und er würde ja auch in seinem Beruf viel Geld damit verdienen, dass er über so ein enormes Zahlengedächtnis verfüge und immer so einen perfekten Überblick über die Lage habe.

Und das sind so die Momente, in denen ich mich frage, ob Demokratie wirklich die richtige Regierungsform für uns ist.


Yours to keep (8)

26. Februar 2012

Auf vielfachen Wunsch habe ich mich einfach mal gleich an die nächste Episode von Yours to keep gesetzt und kann euch deshalb bereits heute die wahrscheinlich nicht letzte Folge dieser besonderen Serie präsentieren. Sicher ist euch klar, dass es keinen Zugewinn ohne Opfer geben kann, und so hat auch diese frohe Botschaft einen Preis: Die Zeit für die Arbeit an diesem neuen Kapitel steht mir jetzt natürlich nicht zur Verfügung für eine ausführliche Stellungnahme zu den Kapriolen um Germany’s next Bundespräsident. Das habt ihr jetzt davon.

Viel Vergnügen.

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in welchem ich demonstriere, dass meine Rants nicht immer lang und mäandernd sein müssen

23. Februar 2012

“Der Deutsche Ethikrat schlägt mit überwiegender Mehrheit vor, Menschen mit dem Geschlechtseintrag „anderes“ die eingetragene Lebenspartnerschaft zu ermöglichen. Ein Teil des Ethikrates schlägt vor, ihnen darüber hinaus auch die Möglichkeit der Eheschließung zu eröffnen.” 

Ich schäme mich so sehr, in einer Gesellschaft zu leben, in der ein “Ethikrat” eine solche Stellungnahme abgibt, dass es schon körperliches Unwohlsein verursacht. Wir gehören alle geohrfeigt dafür, dass dieses Thema überhaupt diskutiert werden muss, und dahin getreten, wo es am meisten weh tut.

Allein schon diese erbärmliche Unterscheidung zwischen “Ehe” und “eingetragener Lebenspartnerschaft” sagt doch alles über uns aus, was eine außerirdische Zivilisation wissen müsste, bevor sie entscheidet, ob sie die Oberfläche dieses Planeten verglasen will.


Yours to keep (7)

22. Februar 2012

Nuff said.

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…wait for it…

21. Februar 2012

Nachdem Thomas erst einmal nicht mehr mit mir spielen will, brauchte ich eine Alternativbeschäftigung, und da dachte ich, nicht zuletzt auch inspiriert von den guten Ratschlägen des medizynicus, ich könnte ja mal wieder eine Episode von “Yours to keep” schreiben, und dann habe ich das eben gemacht. Jetzt ist sie fertig und soll nur noch ein bisschen reifen, bis sie dann morgen erscheint.

Vielleicht freut sich ja jemand drauf.

Gute Nacht.


Zwei Nasen zanken super

19. Februar 2012

Ich möchte jetzt doch gerne noch mal auf Thomas eingehen, auch wenn die meisten von euch das wahrscheinlich erst einmal nicht wollen. Ich glaube aber, dass es für alle interessant werden könnte und würde mich deshalb freuen, wenn ihr uns noch eine Chance geben könntet. Er hat nämlich gerade zu seinem für mich nicht so erfreulichen Beitrab in seinem Blog einen Kommentar geschrieben, der mich wiederum sehr freute. Er illustriert nämlich ein Problem, über das ich schon oft schreiben wollte, aber mir fehlte immer der Aufhänger.

Voilà Aufhänger: Thomas fragte mich, ob ich denn der Meinung sei, Religion sei “objektiv unsinnig”, worauf ich sinngemäß erwiderte, eher nicht, aber das käme wohl auf die Definition an, denn wenn man erst einmal ein klare Definition habe, dann bleibe nur noch eine objektiv beantwortbare Frage übrig.

Er schrieb nun:

Ich kann nicht einmal mit Sicherheit in jedem Einzelfall sagen, ob etwas sinnvoll ist oder nicht. Dazu stand ich schon zu oft in verschiedensten Zusammenhängen von dieser Frage. Manchmal habe ich es nur gedacht, manchmal laut gesagt, aber ich habe ganz offen und ehrlich schon gedacht: Ich weiß nicht, ob ich das, was du da gerade sagst/zeigst/erklärst für sinnvoll halte oder nicht.

Wie gesagt, das ist nur ein Aufhänger, und das Ziel dieses Beitrags ist natürlich nicht im Ernst, Thomas weiter zu dissen. Ich würde sogar behaupten, dass wir alle das Problem haben, dass dieser Kommentar von ihm demonstriert: Menschliche Sprachen sind nicht geplant, sondern gewachsen. Sie sind in sich weder besonders logisch, noch orientieren sie sich an einer strengen Systematik. Wir benutzen viele Begriffe im Alltag eher unreflektiert und intuitiv, und  haben damit nie Schwierigkeiten, weil ja jeder sowieso weiß, was wir meinen. Aber sobald wir auf jemanden treffen, der es nicht sowieso schon weiß, wird es kompliziert.

Ich vermute, dass kaum ein Studium dieses Problem so deutlich bewusst macht wie das juristische, aber wahrscheinlich hatte jeder früher oder später mal eine Berührung damit: Es ist ein Krampf, allgemeingültige Definitionen für Begriffe zu entwickeln. Was ist ein Stuhl? Was ist ein Pudding? Was ist ein Sinn? Was ist eine Idee?

Der Fehler ist hier oft gleich am Anfang zu suchen: Bei der Vorstellung, es gäbe überhaupt eine einzige allgemeingültige Definition, die man bloß finden müsste. Denn wie ich gerade schon schrieb: Wir benutzen Begriffe oft in verschiedenen Zusammenhängen auf unterschiedliche Weisen, und andererseits benutzen wir manchmal verschiedene Begriffe für dieselben Sachverhalte. Und weil wir das irgendwie spüren, auch wenn es uns nicht richtig bewusst ist, merken wir bei unseren Definitionsversuchen schnell, dass keiner so ganz passt. Diese Definition ist toll für diesen Kontext, versagt aber bei jenem, obwohl ich dasselbe Wort doch in jenem Kontext auch immer benutze. Ein starkes Buch ist etwas anderes als ein starker Arm ist etwas anderes als ein starkes Wort.

Deswegen kann es sinnvoll sein, alternative Definitionen für dasselbe Wort parat zu haben, je nach Kontext, und daran ist an und für sich auch nichts Schlimmes. (Es wäre vielleicht schöner, wenn unsere Sprachen logischer strukturiert wären, aber des Leben ist nun mal kein Ponyhof.) Es reicht ja völlig aus, wenn wir uns für die Zwecke einer gerade laufenden Diskussion einigen können, was wir gerade meinen, auch wenn diese Definitionen in anderen Zusammenhängen unpraktisch wären.

Worte sind Werkzeuge. Wir können mit ihnen prinzipiell machen, was wir wollen, aber für manche Zwecke sind sie besser geeignet als für andere. Der Begriff “Religion”, den Thomas auch nicht definieren mochte, ist ein gutes Beispiel dafür. In Diskussionen mit Christen versuchen diese manchmal, alles als “Religion” zu definieren, was einem wichtig ist. Sie berufen sich dabei erfahrungsgemäß gerne auf Luther mit dem Zitat “Woran du nun dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott.” Der Christ versucht in diesem Fall (bildhaft gesprochen) mein Werkzeug zu sabotieren, indem  er meinen Maulschlüssel so weit aufdehnt, dass er auf keine verfügbare Mutter mehr passt. Man könnte nun ein Wörterbuch herauskramen und ihnen zeigen, dass Religion eigentlich üblicherweise enger definiert wird. Ich bevorzuge die weniger kontroverse Antwort, wir könnten das gerne so definieren, aber dann sei Religion nicht mehr etwas, das ich insgesamt kritisiere, und wir sollten uns dann noch einen Begriff suchen, der die formalisierte Verehrung übernatürlicher Kräfte bezeichnet, um die es mir geht.

Kommen wir zum konkreten Beispiel zurück: Thomas behauptet, Religion sei nicht objektiv unsinnig. Das ist okay. Thomas bietet außerdem keine klare Definition für diese beiden Begriffe. Auch das ist okay. Für sich betrachtet. Tut man die beiden Dinge zusammen, sind sie nicht mehr okay. (Auch nicht okay ist streng genommen, dass er von “unsinnig” zu “sinnvoll” und “sinnlos” wechselt, aber wir wollen die Sache nicht noch komplizierter machen. Wir wissen ja alle, was gemeint ist.) Er macht hier einen Fehler, der sich auch bei Kant immer wieder findet, und eigentlich bei so ziemlich allen bekannten Philosophen, insbesondere wenn es um schwammige Begriffe wie “gut”, “böse”, “moralisch” oder sonstwas geht. Thomas ist also in guter Gesellschaft: Er macht sich Gedanken und formuliert Aussagen über Begriffe, ohne sie vorher zu definieren. Das ist manchmal vertretbar, denn wenn man vor jeder Diskussion jedes Wort erst einmal definieren will, dann kommt man nie zum Diskutieren, und das wäre doch… Ähm… Naja, irgendeinen Grund wird es sicher geben, warum das manchmal vertretbar ist. Aber wenn Begriffe für einen Dialog so zentral sind wie “Unsinnig” und “Religion” für diesen hier, dann kann das Fehlen von gemeinsamen (oder überhaupt irgendwelchen) Definitionen nur ins Abseits führen.

Nun kommt es natürlich auch vor, dass wir Wörter zu definieren versuchen und dabei feststellen, dass wir partout keine vernünftige Abgrenzung hinbekommen, nicht einmal mit konkretem Bezug zur aktuellen Definition. Das muss nicht, kann aber in vielen Fällen bedeuten, dass wir diese Worte bisher – vorsätzlich oder fahrlässig – als ein ganz bestimmtes Werkzeug benutzt haben: als Nebelkerze, die nichts erklären, sondern bloß verschleiern soll. Fragt mal einen Esoteriker, was er unter Energie, Spiritualität oder der Seele versteht, und er wird euch eine hervorragende Illustration dieses Aspekts der ganzen Sache liefern. Thomas hat das selbst einmal sehr schön in seinem energetisch schwingenden Wörterbuch aufgezeigt.

Was das für diese konkrete Frage bedeutet? Einfach: Religion kann nicht objektiv unsinnig sein, solange ich “unsinnig” nicht definiere, sondern nur als ein vages Konzept benutze, von dem ich nur kontextabhängig ungefähr im Gefühl habe, was es bedeuten könnte. Das sagt dann nichts über Eigenschaften von Religion aus, sondern über meinen eigenen Umgang mit Worten. Und das meinte ich eben auch mit meiner Antwort an Thomas:

Zum Beispiel kann Religion eine total gute Sache für manche Leute sein. Für den Papst zum Beispiel ist sie vielleicht enorm nützlich. Insofern kann man es aus seiner Sicht für sinnvoll halten, dass er religiös ist. Andererseits enthält jede mir bekannte Religion innere Widersprüche, was man wohl als objektiv unsinnig bezeichnen könnte, ohne den Begriff zu überdehnen.

Wenn wir “unsinnig” definieren als etwas, was keinerlei Sinn hat (“Sinn haben” hier ungefähr in der Bedeutung “einem Zweck dienen”), dann fällt Religion nicht darunter. Wenn wir auch Dinge als “unsinnig” bezeichnen wollen, die logisch nicht konsistent sind, wie etwa das berühmte Gedicht mit den stehenden Leuten, die drinnen sitzen und schweigend in’s Gespräch vertieft sind, dann können wir ganz objektiv feststellen, dass die mir bekannten Religionen in diesem Sinne “unsinnig” sind. Nun kann man sagen: Ja, aber dann ist doch die Definition des Wortes zumindest subjektiv. Und natürlich ist sie das. Muss sie sein. Eine objektive Definition für Worte zu fordern, ist evident… naja, unsinnig.

Damit endet der Teil dieses Beitrags, den ich für allgemein interessant halte. Unter dem Trennstrich führe ich die Diskussion mit Thomas fort. Die weitere Lektüre kann ich deshalb nur denen guten Gewissens empfehlen, die sowohl Thomas’ Gastbeitrag hier als auch seinen Beitrag in seinem eigenen Blog sowie die Diskussion dazu verfolgt und immer noch nicht genug haben. Ich verabschiede mich also von allen Lesern außer Thomas selbst und wünsche noch einen schönen Sonntag.

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