Taschentuch? (5)

26. März 2012

Okay. Queer.de hat also völlig korrekt darüber berichtet, dass das Steak mit der Aufschrift “Tofu ist schwules Fleisch” nicht im Rahmen einer Maredo-Kampagne erschienen ist, und Maredo drohte daraufhin mit einer Klage, falls Queer.de das Motiv weiterhin abbildet. Das war wahrscheinlich doof von Maredo. So viel dazu.

Mir soll es statt um diesen albernen Streisand-Fauxpas  eher um das Motiv als solches gehen, denn es trifft ziemlich genau den Aspekt von Humor, in dem ich mich auch desöfteren mal angreifbar mache, nämlich das Spiel mit stupiden Vorurteilen. Dazu aber gleich mehr, nachdem wir was anderes Offensichtliches abgekaspert haben: Volker Beck redet natürlich dummes Zeug.

“Das Motiv ist homophob und spielt mit antihomosexuellen Vorurteilen. Schwule seien keine richtigen Männer, Lesben keine richtigen Frauen, Tofu kein richtiges Fleisch und wer so etwas denkt ist demokratisch nicht ganz bei Trost.” So eine Entgleisung dürfe einer der führenden Marketing-Agenturen in Deutschland nicht unterlaufen, so Beck. “Ich erwarte eine aktive Wiedergutmachung, etwa in Form einer Spende an die Hirschfeld-Eddy-Stiftung oder durch eine kostenlose Beteiligung an einer Kampagne gegen Homophobie und Ausgrenzung.”

  1. Ich weiß nicht genau, ob es was anderes ist als sonst, demokratisch nicht ganz bei Trost zu sein, aber jedenfalls kann jemand, der glaubt, Tofu sei kein richtiges Fleisch, durchaus bei Trost sein, und sogar Recht haben, denn Tofu ist kein richtiges Fleisch.
  2. Ist “so eine Entgleisung” Scholz & Friends überhaupt unterlaufen? Das Motiv wurde nicht verwendet, es wurde verworfen und geleakt.
  3. Es steht Herrn Beck zu, den Spruch doof und homophob zu finden, und Scholz & Friends dafür zu kritisieren, dass sie ihn entworfen haben. Für einen dummen Spruch eine “aktive Wiedergutmachung” zu fordern, finde ich aber schon wieder dreist, und dann auch noch vorzugeben, wie die Wiedergutmachung stattzufinden hat, nämlich durch Ablasskauf Spende, ist in einer Form dummdreist, für die sich auch jemand schämen sollte, der nicht aufgrund seiner Position eine besondere Verantwortung für seine Äußerungen innehat.

Das war lustig milde amüsant. Kommen wir zur sachlichen Auseinandersetzung: Das Motiv spielt ohne jede Frage mit antihomosexuellen Vorurteilen, da hat er Recht. Aber ist es homophob? Ist es eine Entgleisung? Ich weiß nicht. Aber ich bin da vielleicht nur nicht sensibel genug. Aus einer unvoreingenommenen Perspektive ist “Tofu ist schwules Fleisch” für niemanden eine Beleidigung und diskriminiert auch niemanden, sondern ist einfach nur Blödsinn.

Das bringt uns aber freilich nicht weiter, denn kein Mensch sieht dieses Motiv unvoreingenommen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der “schwul” immer noch als Schimpfwort gebraucht wird, und dafür sollten wir uns schämen. Der Anzeigentext ist deshalb für jeden Leser, der nicht einsam in einer Hütte auf der Alm lebt, sofort als Diss gegen Tofu erkennbar, der einfach als gemeinsamen Konsens voraussetzt, dass “schwul” sowas wie “schwach”, “minderwertig” oder “verweichlicht” bedeutet. Und also solcher wäre er natürlich nicht nur dumm, sondern richtig widerlich.

Aber muss man das so verstehen?

Und jetzt sind wir bei dem Punkt, den ich am Anfang erwähnte: Ich mach sowas auch manchmal. Gerade habe ich keine Lust, ein Beispiel rauszusuchen, aber ich wette, dass ihr in den Philoso4-Podcasts mindestens ein Beispiel für einen homophoben, rassistischen, antisemitischen oder vergleichbar dummen Spruch findet, über den wir alle gemeinsam ganz sorglos lachen, weil wir uns damit nicht über Schwule, Ausländer oder Juden lustig machen, sonder über homophobe, rassistische und antisemitische Idioten, die so etwas im Ernst sagen. In diesem Sinne bin ich mir ziemlich sicher, dass ich das “Tofu ist schwules Fleisch”-Motiv mit einem wohlwollenden Schmunzeln zur Kenntnis genommen und nicht weiter drüber nachgedacht hätte, wäre es mir irgendwo in einem unverdächtigen Zusammenhang untergekommen.

Das Problem mit dieser Haltung ist offensichtlich: Ob ich meinen Spruch “Typisch Jude” nun clever elegant und aufgeklärt ironisch meine oder stumpf stupide und borniert antisemitisch, ist bestenfalls aus dem Kontext erkennbar, und eventuell noch für Leute zu erahnen, die mich ein bisschen besser kennen. Es ist aber derselbe Spruch, und solange es noch genug Idioten in unserer Gesellschaft gibt, um derartige Vorurteile zu einem ernsten Problem zu machen, kann er sogar dann Schaden anrichten, wenn ich in Wahrheit gar nichts gegen Juden habe.

Insofern muss ich vielleicht zugeben, dass meine Wahrnehmung von “Tofu ist schwules Fleisch” als putziges Spiel mit homophoben Vorurteilen, die wir aufgeklärten Rezipienten der Anzeige natürlich alle sofort als saudumm und unsinnig erkennen und über die wir deshalb wissend lachen, während wir unsere Pfeifen ausklopfen und unsere Cognac-Schwenker nachfüllen, eher die falsche sein könnte. Insofern muss ich vielleicht eingestehen, dass ich da auf denselben Leim gegangen wäre wie die Leute, die ironisch die Bildzeitung lesen.

Und wie seht ihr das?


Where there’s a rip, there is a way (2)

25. März 2012

Was hatte ich noch mal versprochen? Richtig, Puerto de las Nieves und TERRROOOR!

(Ich weiß, hier sagen sie’s gar nicht, aber es ist trotzdem mein Lieblingsclip.)

Und so machen wir es auch.

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Where there’s a rip, there is a way (1)

24. März 2012

Ihr kennt ja unseren Deal in Bezug auf den Surfurlaub: Ich verschone euch mit Details vom Surfen und beschränke mich auf den Teil des Urlaubs, der sich einigermaßen gefällig erzählen lässt, und ihr… Naja, ihr lest halt mein Zeug, wie immer. Also los.

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Bright Outlook (7)

22. März 2012

I say T, to the A, to the R-A-N,
I will write stuff out of sequence to perplex you suckers, then
I’ll got T, to the I, to the N and O,
To muddy up the water and confuse my story’s flow!

And a Q to the U, to the motherfuckin’ E,
I will not charge you for it, I write  this stuff for free,
So the N to the T the motherfuckin’ I,
I let you decide what happens, and afterwards I try

Uhm…

Ach was weiß ich denn? Also, wenn ihr euch wundert, weil ihr am Anfang nicht versteht, was Sache ist, dann liegt das nicht an euch, sondern an mir. Ihr habt keine Episode verpasst, ich fand das nur mal ganz witzig so.

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Sympathy for the Devil

20. März 2012

[Voraussichtlich ist dies der letzte urlaubsbedingt kurze und inhaltsarme Beitrag. Spätestens Freitag dürft ihr dann mit der neuen Episode von "Bright Outlook" rechnen. Nehmt keine Drogen. This has been a public service announcement from überschaubare Relevanz.]

Ich lese gerade einen Kurzgeschichtensammlung namens “Monster’s Corner“, vor allem deshalb, weil eine Geschichte von Jeff Strand mit drin ist, aber die Idee hätte mich sicherlich auch so angesprochen: Die Geschichten darin sind alle aus der Perspektive des Monsters. Aber darum soll es hier nicht gehen, sondern um eine Bemerkung des Herausgebers im Vorwort, die mich unangenehm aufgefallen ist. Er schreibt dort darüber, dass er das Monster (insbesondere Frankensteins) schon immer sympathisch fand, la-di-dah, und dann kommt aber dies:

“Now, let’s talk about reality for a moment. [...] There are real killers who go on rampages that leave people dead and others wounded and destroy the lives and hopes of so many. These are the real monsters [...] My understanding of and any sympathy for monsters does not extend to these real-life horrors. [...] you can have sympathy for how the monster became the monster without having sympathy for the monster itself. You can sympathize with the child whose experiences forged him into a soulless killer, but once he becomes a monster, sympathy ends.

Got that? Good.”

Und das stört mich. So richtig. Es würde mich schon stören, wenn er das nur als eine Beschreibung seines eigenen Empfindens verfasst hätte, aber für mich klingt da sehr deutlich auch der moralische Imperativ mit, den er uns vermitteln will. Und wenn ihr mich fragt, dann besagt der moralische Imperativ genau das Gegenteil, falls es bei solchen Themen wie “Sympathie” und “Mitgefühl” überhaupt einen solchen geben kann.

Ich will euch erklären, warum (Bestimmt hättet ihr damit jetzt nie gerechnet.): Die Bezeichnung “Monster” erkennt ihrem Objekt seine Menschlichkeit ab, seine Rechte, und eben seinen ganzen moralischen Status als einer von uns. Sie impliziert, dass wir es hier mit jemandem zu tun haben, der nicht nur anders ist als wir, sondern schlechter, nicht nur wertlos, sondern ein echter Schädling. Und konsequenterweise fordert Christopher Golden (So heißt er.) dann auch, dass wir kein Mitgefühl mit und kein Verständnis für solche Monster haben sollen.

Das halte ich in zweierlei Hinsicht für falsch, und ich will euch erklären, wa… Moment, irgendwas ist hier schiefgelaufen. Pardon. Trotzdem erkläre ich jetzt, warum:

Erstens ist es sachlich falsch. Menschen, die andere Menschen töten, sind Menschen. Sogar dann, wenn ihnen typische menschliche Eigenschaften fehlen, weil sie zum Beispiel unter antisozialer Persönlichkeitsstörung leiden, sind sie denkende, fühlende Lebewesen. Es ist verstehbar, warum sie so sind, wie sie sind, und sie sind in der Lage zu leiden. Die meisten von ihnen halten sich wahrscheinlich für gute Menschen (falls diese Bezeichnung überhaupt Sinn ergibt), und die meisten von ihnen halten ihre Taten für gerechtfertigt. Sie sind nicht einfach nur Monster, sie haben Gründe für ihr Handeln, und wir können diese Gründe verstehen, auch wenn wir sie vielleicht nicht immer nachfühlen können.

Und zweitens folgt daraus ziemlich offensichtlich: Wenn wir so tun, als wäre das alles anders, führt das sehr leicht dazu, dass wir falsch mit ihnen umgehen. Wenn wir nicht verstehen (wollen), warum Menschen schreckliche Dinge tun, dann nehmen wir uns damit ein wichtiges Werkzeug, sie davon abzuhalten, wenn wir anderen Lebewesen ohne guten Grund ihre Menschenrechte aberkennen (ob juristisch oder auch nur moralisch), dann führt das sehr leicht dazu, dass wir unmoralisch mit ihnen umgehen (“Todesstrafe für Kinderschänder!”), und es nimmt uns die Chance, herauszufinden, ob und wie wir sie in unsere Gesellschaft integrieren können. Idealerweise tun wir Letzteres natürlich schon, bevor sie etwas Furchtbares getan haben. Aber auch danach mag es noch möglich sein.

Und zu guter Letzt: Diese Implikation, es wäre falsch, mit Monstern Mitgefühl zu haben, wäre natürlich sogar dann falsch, wenn der Rest sachlich stimmen würde. Was spricht dagegen, für einen seelenlosen Mörder zu fühlen, der in Gefangenschaft leidet und sich vor der Todesstrafe fürchtet, die ihm bevorsteht? Wir müssen ihn nicht freilassen, weil wir ihn bedauern. Wir müssen ihn nicht unangemessen großzügig behandeln, nur weil wir Mitgefühl mit ihm haben. Sogar wenn es nichts Gutes bewirkt, dann ist zumindest nichts Falsches daran, auch mit Leuten wie Hitler und Stalin und Dahmer und Wournos und Mao und Bales Mitgefühl zu haben. Dale Carnegie hat ganz richtig geschrieben, dass der einzige Grund, warum du keine Klapperschlange bist, darin besteht, dass deine Eltern keine waren. Ich denke, es schadet nicht, Menschen zu bedauern, die nicht das Glück hatten, zu so produktiven, aufrechten und angenehmen  und unverschämt gutaussehenden Mitglieder der Gesellschaft zu werden, wie wir es sind, und uns hin und wieder daran zu erinnern, dass es auch anders hätte kommen können.

Und überhaupt: Wenn ich mir die Welt so ansehe, dann scheint mir offensichtlich, dass es ihr nicht an einem Übermaß an Mitgefühl und zu viel Verständnis gebricht.


Vermischte Fundstücke aus der NYT vom 15. März

16. März 2012

Für ein Restebloggen waren mir diese Fundstücke zu schade, deswegen gibt es einen eigenen Post dazu, auch wegen der Aktualität und Zeug, und nicht zuletzt, weil es ein urlaubsadäquat bequemer Weg ist, mal wieder was zu veröffentlichen, ohne zu viel kostbare Essenszeit darauf zu verwenden:

Zunächst mal habe ich da ein wunderbares Exempel für die berühmte “What’s the harm”-Frage gefunden:

The mullah was astounded and a little angered to be asked why the accidental burning of Korans last month could provoke violence nationwide, while an intentional mass murder that included nine children last Sunday did not. “How can you compare the dishonoring of the Holy Koran with the martyrdom of innocent civilians?” said an incredulous Mullah Khaliq Dad, a member of the council of religious leaders who investigated the Koran burnings.

Wenn ich ein imaginäres Dings als den höchsten Sinn meines Lebens bestimme, führt das unweigerlich dazu, dass ich meine Prioritäten falsch setze. Natürlich sind sie bei den meisten Gläubigen nicht so falsch wie bei diesem Mullah, was einerseits damit zu tun hat, dass die meisten Gläubigen einfach viel bessere Menschen sind, und natürlich auch damit, dass für die meisten Gläubigen ihr imaginäres Ding gar nicht wirklich der höchste Sinn ihres Lebens ist. Jetzt, da ich noch einmal drüber nachdenke, wird mir klar, dass das keine zwei verschiedenen Punkte sind, sondern derselbe von verschiedenen Seiten. Na gut, ein Punkt hat keine Seiten, aber ihr wisst schon.

Ein anderer Artikel führt uns vor Augen, dass man keine Religion braucht, um ein schlechter Mensch zu sein (oder sich zumindest sehr überzeugend wie einer zu verhalten):

At a packed rally on Sunday, [Nicolas Sarkozy] attacked European Union trade rules, which he said had opened French markets to “savage” competition, and called for a protectionist “buy European” rule for public spending that would raise costs and invite retaliation. [...] A few days earlier, he had attacked legal immigration, promising a 50 percent cut in admissions for family reunification. In a particularly vile gambit from a man who already brags about banning the burqa in public and Muslim-style street prayer, Mr. Sarkozy now pledges to protect French consumers from unknowingly eating halal meat, slaughtered in accordance with Muslim dietary codes.

Dass dieser Mann und Leute wie er routinemäßig von der Mehrheit der (abstimmenden) Bevölkerung in wichtige Ämter gewählt werden, kann einen doch eigentlich nur an der Menschheit verzweifeln lassen, oder?

Ebenfalls zum Thema “Was für Leute wir in wichtige Ämter wählen” passt dieser Artikel, aber um ehrlich zu sein, habe ich ihn eigentlich nur wegen des wundervollen Vergleichs im dritten Satz ausgewählt:

Good news, frustrated American citizens! Congress is not a clogged up, hidebound legislative slug after all. Bills were flying through the Senate on Wednesday like great flocks of geese soaring into the turbines of a passenger jet.

Hatte ich schon mal gesagt, dass ich zwar natürlich ein bisschen verärgert reagieren würde, wenn ich erführe, dass eine fortgeschrittene Zivilisation beschlossen hat, diesen Planeten zu verglasen, dass ich mich aber wahrscheinlich schwer täte, überzeugende Gegenargumente aufzuzählen? Aber dieser Vergleich wäre immerhin schon mal eins.


Schluss mit der Geschmacklosigkeit

14. März 2012

Es gibt so Leute, zu deren Beschreibung eigentlich nur eine bestimmte Kategorie von Begriffen passt, die ich aber aus verschiedenen Gründen nicht gerne benutzen möchte, zum Beispiel, weil sie Anlass zu rechtlichen Maßnahmen bieten könnten. Jakob Strobel Y Serra scheint so einer zu sein, falls dieser Artikel auf FAZ.net Rückschlüsse auf seinen Charakter zulässt, was nicht zwangsläufig der Fall sein muss.

Wir essen zu billig und denken zu wenig über unser Essen nach.

schreibt Herr Strobel Y Serra. Da ist was dran, mag man sagen, und vielleicht ließe sich mit einem solchen Satz sogar ein Artikel beginnen, der mich nicht dazu bringt, seinen Verfasser mit Begriffen zu bedenken, mit deren Aussprache oder Niederschrift ich mich strafbar machen könnte. Aber der Fortgang dieses … Textes lässt einen solchen Spielraum beim besten Willen nicht mehr erkennen:

Es ist schlimm genug, dass wir massenhaft Fastfood in uns hineinstopfen. Noch schlimmer ist, dass wir behaupten, es schmecke uns

An dieser Stelle weiß ich, dass dieser Mann beseelt sein muss von einer Hybris, die sogar mich, der ich ja ohne Zweifel auch manchmal zu diesem Charakterfehler neige, weniger vor Neid als vor Ekel erblassen lässt. Anderen Leuten zu erzählen, was sie essen sollten, ist schon am Rande des guten Geschmacks. Anderen Leuten zu erzählen, was ihnen schmeckt, ist so unsympathisch, dass … Aber das hatte ich ja eingangs schon geschrieben.

Jeder, der gerne reist und gerne isst, kann Geschichten erzählen von kulinarischen Erweckungserlebnissen am Straßenrand [...]  Hier hockt man in Feinschmeckers Himmelreich, das seine Pforten niemals schließen möge, knackt unter Sternen und Tamarinden Krebse und Langusten, zahlt lächerliche fünf, sechs Euro, die man für ein Spottgeld hält. Und dann kommt man nach Hause zurück, sieht im Vorbeigehen, was wirklich billig ist: Döner für 2,80 Euro, Currywurst für 2,20 oder McDonald’s-Plastikpampe für 1,99

Ich weiß nicht, wie eure Erfahrungen sind, aber für mich funktioniert es als Faustregel ganz gut, Leute in die Kategorie “Muss ich nicht kennen.” einzuteilen, wenn sie sich mit völlig unangemessen überzogener Überheblichkeit darüber erregen, wie schlecht das Essen bei McDonald’s ist. Das hat nicht unbedingt damit zu tun, dass ich selbst da sehr gerne hin und wieder esse und auch jederzeit gerne nachdrücklich behaupte, es schmecke mir, sondern eben vor allem damit, dass Leute, die andere über deren eigenen Geschmack zu belehren versuchen, einfach keine vielversprechenden Gesprächspartner sind. Ähnliches gilt für haltlose Pauschalisierungen darüber, dass Leute, die einem nicht zustimmen, die Wahrheit nur nicht sehen oder hören wollen. Und wen wundert’s? Natürlich werden wir auch hier in Herrn Strobel Y Serras Text fündig:

Denn wir sehen nicht, dass wir uns von Ramsch ernähren. Wir wollen nicht hören, welcher Dreck in unserer Nahrung steckt.

Und nach diesen Sätzen habe ich dann endgültig aufgehört zu lesen, was euch vielleicht auch ganz recht ist, weil ihr womöglich Besseres zu tun habt als mir noch ein paar Stunden lang zuzuhören, wie ich über diesen FAZ-Autoren schimpfe:

[In Deutschland] haben ganze Bevölkerungsschichten, ganze Generationen es in ihrer Geizgeilheit und ihrem Küchenanalphabetismus fast verlernt, dass gutes Essen gutes Geld kostet und billiges Essen niemals gut sein kann [...] Sie sind bereit, für das Fünfundsechzig-Minuten-Konzert eines kapriziösen Popsternchens dreistellige Summen auszugeben. [...] Es sind dieselben Menschen, die dafür sorgen, dass eine Firma wie Apple dank ihrer iPhones und iPads in einem einzigen Quartal einen Gewinn von dreizehn Milliarden Dollar macht.

Herr Strobel Y Serra, auch wenn Sie dies mutmaßlich niemals lesen werden, ist mir in meiner kapriziösen Art gerade danach, Sie zum Abschluss direkt anzusprechen: Es gibt Menschen, die in ihrem Leben andere Prioritäten setzen als Sie und denen manche Konzerte und ihr iPhone wichtiger sind als sich so zu ernähren, wie es Ihnen schmeckt. Das ist genausowenig dumm oder klug oder richtig oder falsch wie Ihre Entscheidung, statt in ein iPhone und Konzerte in ein Degustationsmenü zu investieren. Dumm und falsch ist es hingegen, das Essen anderer Leute als Dreck zu bezeichnen und sich über jemanden zu erheben, weil er einen anderen Geschmack hat als man selbst. Als jemand, der durchaus selbst auch mal dazu neigt, auf andere Menschen herabzublicken, weil sie die Welt anders sehen als ich selbst, möchte ich Ihnen sagen, dass mir lange niemand mehr auf so schmerzhafte und damit anschauliche Weise vorgeführt hat, wie ekelhaft und borniert und dumm und rundum widerlich diese Neigung ist. Dafür vielen Dank.


Restebloggen (84)

13. März 2012
  1. Aus der facebook-Werbung:
    “Play Thirst of Night
    Buid a vampire civilisation, exterminate the human vermin”
    Moment mal. Da hat doch jemand nicht zu Ende gedacht.
  2. Ich hab noch nie was gewonnen! Und dann auf einmal: Sechs Tafeln Schokolade von Lindt&Sprüngli. Unglaublich! Und weil die mich gebeten haben, meine Erfahrungen mit anderen zu teilen, mache ich das jetzt: Es waren die Sorten Weiße Schokolade Mandel, Haselnuss-Nougat und Orangen-Trüffel. Mandel schmeckt total großartig, Orangen-Trüffel so lala, und Haselnuss-Nougat eben wie weiße Schokolade mit Nougat. [Offenlegung: Ich habe diese Tafeln bei einem öffentlichen Facebook-Gewinnspiel-Dings gewonnen. Lindt&Sprüngli weiß nicht mal, dass ich ein Blog habe und hat mir außer diesen sechs Tafeln auch nichts weiter zukommen lassen. Weder ich noch einer meiner Angehörigen oder jemand, der sonst mit mir in einer Beziehung steht, arbeitet für Lindt&Sprüngli oder eine ihrer Tochtergesellschaften, soweit ich weiß. Mir wurden keinerlei Vorteile oder Vergünstigungen für diesen Beitrag in Aussicht gestellt und ich habe ihn eigenständig geschrieben. Lindt&Sprüngli hat mir keine Vorgaben gemacht und mich auch nicht um eine positive Bewertung gebeten. Ich habe keinerlei offene Verbindlichkeiten gegenüber Lindt&Sprüngli und habe auch sonst nichts mit ihnen zu tun, abgesehen davon, dass ich ihre Schokolade gern esse. Die Maître Chocolatier haben zu keiner Zeit Angehörige von mir entführt und ihr Leben, ihre Gesundheit oder sonstige Bedeutsame Rechtsgüter von Angehörigen von mir oder mir selbst bedroht, um mich zu einer positiven Beurteilung ihrer Produkte zu bewegen. Sie haben auch sonst keine Druckmittel gegen mich in der Hand. Insbesondere verfügen die Maître Chocolatier über keine vertraulichen Unterlagen von mir, haben keinen Einblick in meine Buchführung und sind auch nicht im Besitz von Nacktfotos meiner Person oder von Menschen, die mir in irgendeiner Weise nahe stehen. Ich befinde mich in diesem Moment nicht in der Gewalt der Maître Chocolatier und könnte diesen Käfig jederzeit verlassen, wenn ich wollte, und mich irgendwie von dieser riesigen Eisenkugel befreien könnte, die an meinem Knöchel angekettet ist. Hilfe.]
  3. Wer weiß, wie sehr ich Frau Käßmann schätze und verehre, wird nicht überrascht sein, dass mir dieser wenn auch kurze Beitrag von Recotard ein breites cremiges Grinsen bescherte: Ist im Angesicht der Käßmann Zuversicht und damit Leben möglich? Wie “ein junger Mann, der nach mehreren schweren Gehirnoperationen körperlich und geistig sehr beeinträchtigt ist”, für diesen Affirmationsdreck missbraucht wird, ist am 6. April um 13.05 Uhr zu sehen. Hey, wie wär’s eigentlich, wenn wir da ein Liveblog einplanen würden? Wir müssen ja nicht unbedingt über die Sendung reden.
  4. Und dass ich Game-One-Fan bin, ist gewiss auch kein Geheimnis, aber hier führt Wolf mal ein Spiel vor, das echt originell aussieht. In “I am alive” müssen wir als einer der wenigen Überlebenden des Weltuntergangs böse Jungs mit einer nicht geladenen Waffe in Schach halten, bewaffneten Großmüttern ausweichen und mit begrenzter Ausdauer auf Trümmern herumklettern.
  5. Zu meinen vielen, vielen, vielen Guilty Pleasures gehören die Reviews von That Guy with the Glasses und Linkara. Letzterer hat den zusätzlichen Vorteil, Comics zu rezensieren, von denen ich bisher keine Ahnung habe, weil ich sie einfach nicht gern lese. So kann ich mir zumindest einreden, dass meine Zeit nicht ganz verschwendet ist, weil er mir hilft, meine Nerd Cred aufzustufen. Da blick ich sogar darüber hinweg, dass er sich gelegentlich zu seinem christlichen Glauben bekennt und darauf hinweist, dass er bestimmte Inhalte beleidigend findet. Hier spricht er zum Beispiel von dem ausgesprochen beunruhigenden Lady-Gaga-Comic, in dem eine nicht mehr ganz junge Bürodrohne ihr nicht mehr ganz gesunde liebe zu Lady Gaga, ihrer Musik und ein paar anderen Dingen entdeckt. Sehr nett ist auch diese Besprechung des PSA-Comics, in dem ein Haufen Lehrer mit Ausrüstung aus einem Büroladen die Fantastischen Vier und Spiderman retten.
  6. Ich liebe ja ganz aufrichtig so Internetreviews wie die gerade von Linkara. Aber sogar für mich hört es auf, wenn die audiokommentierte Versionen ihrer Reviews hochladen. Und ich habe wirklich keine besonders hohen Standards, was meine Unterhaltung angeht. Aber sag mal… ein Audiokommentar zu einer Rezension? Was zum…?
  7. Wichtige Lektion:
    Never Underestimate The Power Of Stupid People In Large Groups

Ich wollte nie ein iPad

12. März 2012

Tatsächlich ist ein Tablet-PC das möglicherweise einzige hippe Gadget, das mich nie auch nur ein Stück interessiert hat. Aber nachdem ich gerade über diesen unsäglich dummen New-York-Times-Artikel zu E-Books auf Tablets gestolpert bin, möchte ich mir schon aus Protest trotzdem eines kaufen. Am besten gleich zwei.

Ich begreife das nicht, ganz aufrichtig. Was ist dran an E-Books, das die Gehirne von Menschen völlig aussetzen lässt, wenn sie über das Thema schreiben?

Der Artikel heißt:

Finding Your Book Interrupted … By the Tablet You Read It On

Und es geht darum, dass Tablets einen manchmal von dem Buch ablenken können, das man darauf zu lesen versucht. Ich weiß, ihr hängt jetzt wahrscheinlich fassungslos auf der Vorderkante eures Sitzes und könnt kaum erwarten, was Julie Rosman und Matt Richtel (Ja, ein Redakteur hätte dafür auch wirklich nicht gereicht.) für die Frontseite der möglicherweise besten Zeitung der Welt darüber herausgefunden haben. Es beginnt mit einer provokanten, einer gewagten, einer tabulos pikant beunruhigend bestürzenden Frage:

Can you concentrate on Flaubert when Facebook is only a swipe away, or give your true devotion to Mr. Darcy while Twitter beckons?

Also, ich kann (Ich weiß das, weil ich zwar kein iPad habe (und deshalb kein iPad habe (denn wenn du kein iPad hast, hast du kein iPad)), aber öfter mal auf meinem PC mit der Kindle-Software E-Books lese.).  Aber das muss natürlich jeder für sich beantworten.

People who read e-books on tablets like the iPad are realizing that while a book in print or on a black-and-white Kindle is straightforward and immersive, a tablet offers a menu of distractions

Echt jetzt? Das Internet kann einen ablenken? Unfassbar. Was diese verrückten Amis wohl als nächstes entdecken.

(Und nebenbei, ist euch aufgefallen, was passiert ist? Es ist jetzt nicht mehr Kindle gegen Papier, es ist jetzt Tablet gegen Kindle und Papier. Denn so richtig gefährlich für den Fortbestand des Abendlandes ist natürlich immer nur das aktuellste neumodische Ding. Alle Stufen davor kennt man jetzt schon und hält man deshalb mit der Zeit unweigerlich für harmlos. Wollen wir vielleicht einen kleinen Wettbewerb veranstalten, wer errät, welches neue Gerät dann den Genuss von Büchern wirklich endgültig ein für alle mal diesmal aber wirklich ganz im Ernst unwiderbringlich zerstören wird, weil es einen noch mehr ablenkt als die traditionellen Papierbücher, Kindles und Tablets.)

E-mail lurks tantalizingly within reach. [...] And if a book starts to drag, giving up on it to stream a movie over Netflix or scroll through your Twitter feed is only a few taps away.

Schrecklich. Bloß gut, dass wir hochwertige Qualitätsmedien haben, die uns über solche Bedrohungen informieren, und über ihre Konsequenzen:

That adds up to a reading experience that is more like a 21st-century cacophony than a traditional solitary activity.

Und das ist schlimm, mkay? Ich verstehe schon an diesem Ansatz mindestens zwei Dinge nicht. Wenn ich Twitter und Facebook und Netflix viel interessanter finde als Flaubert und Darcy, warum verbringe ich meine Zeit dann nicht einfach lieber mit Twitter und Facebook und Netflix statt mich mit Flaubert und Darcy zu langweilen? Und warum ist es eigentlich per se schlecht, wenn ein Tablet meine Leseerfahrung verändert?

Und wie das bei solchen Artikeln immer ist, haben sie dazu noch ein paar Leute interviewt, die offenbar ernsthafte pathologische Tablet-Probleme haben:

“It’s like trying to cook when there are little children around,” said David Myers

Ja, der Vergleich drängt sich auch geradezu auf.

“These apps beg you to review them all the time,”

David…

David…

David?

Komm und spiel mit uns, David!

Wir schweben alle hier unten.

“The tablet is like a temptress,” said James McQuivey, the Forrester Research analyst who led the survey. “It’s constantly saying, ‘You could be on YouTube now.’

Ich bin sicher, dass es so eine App gibt. Aber ich bin auch sicher, dass man diese Funktion irgendwie abschalten kann…

Aber David und James sind nicht die einzigen Opfer des Tablet-Wahns, deren Leben vom iPad zerstört wurden:

Allison Kutz [...] says her reading experience has not been the same [...] She is constantly fending off the urge to check other media, making it tough to finish books. [...] “I’ve tried to sit down and read it in Starbucks or the apartment, but I end up on Facebook or Googling something she said, and then the next thing you know I’ve been surfing for 25 minutes,” Ms. Kutz said.

Kann es sein, dass diese Leute professionelle Hilfe brauchen?

Aber – und das ist für mich beinahe ein bisschen enttäuschend, denn mein Post könnte sonst viel pointierter und unterhaltsamer zu Ende gehen – die NYT wäre nicht die wahrscheinlich beste Zeitung der Welt, wenn sie nicht sogar dieses Thema einigermaßen ausgewogen behandeln würde. Der Artikel enthält auch ein paar Informationen zur Entwicklung des Marktes und dazu, dass Tablets früher oder später wohl die Schwarzweiß-Reader ersetzen werden, und endet mit dieser durchaus treffenden Bemerkung einer anderen Leserin, die offenbar irgendwie ihren Frieden mit dem teuflischen Tablet gemacht hat:

“With so many distractions, my taste in books has really leveled up,” Ms. Faulk said. “Recently, I gravitate to books that make me forget I have a world of entertainment at my fingertips. If the book’s not good enough to do that, I guess my time is better spent.”


Fucking Magnets! How do they work?

11. März 2012

Im Urlaub soll man es ja ruhig angehen lassen, und weil ich mit Bright Outlook noch nicht ganz fertig bin, gibt es heute zwei kleine Fundstücke aus dem Flugzeug. Nummer 1:

Magnetfeld, Ionen, Germanium, und Ferninfrarot, und das alles in einem Armband. Hättet ihr’s für möglich gehalten?

Und das begreife ich mal wieder nicht. In so vieler Hinsicht. Und ich muss sogar zugeben, dass meine Mutter auch so ein Ding trägt. Also, Magnet, keine Ionen. Aber der Unterschied zählt ja nun wirklich nicht. Meine eigene Mutter, und sogar sie will es nicht besser wissen.

Aber wieso ist das legal? Ich will gar nicht unbedingt sagen, dass ich sowas komplett verbieten würde – ihr kennt mich ja, ich würde so gut wie nichts komplett verbieten -, aber wieso ist das kein Betrug? Diese Bänder haben keine harmonisierende Ausstrahlung, zumindest nicht so, wie der Verfasser der Anzeige es impliziert. Und was immer SM17 ist, es ist bestimmt keine “Technologie” in irgendeinem bedeutungsvollen Sinne. Und dieses Armband hat auch keine “Wirkeigenschaften”, davon abgesehen, dass es den Arm zusammenhält, falls der irgendwie akut zerfallsbedroht ist.

Egal.

Das zweite ist weniger was zum Aufregen (und ganz bestimmt nichts zum Lachen) als zum stumm Staunen. Insofern kommentiere ich auch nicht mehr das Wunder, das F.N. Beyer heißt:

Falls er euch nicht sowieso schon aufgefallen ist, schaut euch mal den Gesichtsausdruck des Mannes genau an. Ich glaube, er dreht sich im nächsten Bild um und versucht, die Frau aufzufressen.

Schönen Sonntag noch.


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