Bright Outlook (8)

Frohe Ostern!

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel erwacht Claire und lernt die erste der anderen Versuchspersonen fürchten.
Im zweiten Kapitel  erwachen auch alle anderen. Die Tür zum zweiten Raum öffnet sich (wieder), und Claire beginnt eine Vorstellungsrunde.
Im dritten Kapitel setzen die Versuchsteilnehmer die Vorstellungsrunde fort öffnen die Tür zum dritten Raum, und Mark wird von einer Polizistin angehalten.
Im vierten Kapitel holt Mark einen Republikaner und seinen Callboy, Branco nimmt Lora den Revolver weg, und die Versuchsteilnehmer öffnen eine weitere Tür.
Im fünften Kapitel holt Mark einen Occupy-Aktivisten, und die Versuchsteilnehmer demontieren eine der Überwachungskameras.
Im sechsten Kapitel holt Mark Regina, und die Versuchsteilnehmer tragen die Konsequenzen ihres Verstoßes gegen die Teilnahmebedingungen.
Im siebten Kapitel streiten Nick und Leanne miteinander, und Leanne unterläuft ein unangenehmes kleines Missgeschick. Jeffries öffnet die Tür zum nächsten Raum, und den Versuchsteilnehmern fällt nicht nur ein Kuchen in die Hände, sondern auch Leanne.

Was heute geschieht
I wear my sunglasses at night, so I can so I can watch you weave then breathe your story.

Das war eine Möglichkeit. Nick wusste nicht, warum der Repräsentant des Managements immer eine Sonnenbrille trug. Es wäre albern gewesen, wenn ein Mensch angesichts eines Vertreters von Management in der Lage gewesen wäre, Humor wahrzunehmen.

Der junge Mann mit den Gordon-Gekko-haft zurückgegelten schwarzen Haaren in seinem schwarzen Anzug, seine Augen hinter einer schwarzen Sonnenbrille verborgen, stand einige Sekunden in der Tür und drehte seinen Kopf von Mark zu Nick und wieder zurück.

Er setzte ein Lächeln auf wie ein Besucher einer Baustelle einen Helm, in dem er sich nicht wohl fühlte, der schlecht saß und dessen Sinn ihm nicht ganz einleuchtete, und trat mit einer ausgestreckten Hand auf Nick zu.

Er trug keine Schuhe, und die Schritte seiner nackten Füße auf dem Betonfußboden des Kontrollraums waren beinahe lautlos.

Management glaubte nicht an Schuhe.

„Mr. Blair.“

Nick stand auf und ergriff die angebotene Hand. Sie war kalt, ein wenig klamm und fühlte sich etwas zu weich an, als trüge der Mann seine Haut nur wie einen Handschuh.

Nick erwiderte nichts und ertrug ungeduldig die eineinhalb Sekunden, bis der Mann in dem schwarzen Anzug seine Hand wieder losließ.

„Ihre Arbeit ist für die Bright Outlook Laboratorien sehr wichtig, und wir freuen uns, mit Ihnen zusammen arbeiten zu dürfen.“ Der Mann vom Management sprach eine Spur zu langsam und betonte die R- und N-Laute viel zu stark. „Insbesondere bedanken wir uns für Ihre Bereitschaft, so kurzfristig die Position von Miss Whateley zu übernehmen. Wir versichern Ihnen, dass wir diese unerfreuliche Situation so schnell wie möglich beheben werden. Gleichzeitig hoffen wir auf Ihr Verständnis dafür, dass wir Ihre eigenen Versäumnisse im Zusammenhang mit dem jüngsten Vorfall, der den Anlass zu der Maßnahme zur Disziplinierung von Miss Whateley gab, nicht unbeachtet lassen können und bitte Sie, mich kurz zu entschuldigen, während ich mit Mr. Rawes die Situation bespreche.“

„Mm; selbstverständlich“, sagte Nick.

Er hasste es, mit Management zu reden. Er wusste nie, was er sagen sollte, weil sie nie etwas sagten, das eine Antwort erforderte.

Der Mann blieb neben Nick stehen, seinen Kopf auf die Bildschirme gerichtet.

Genug Zeit verging, um die Nähe und das Schweigen unbehaglich zu machen, aber Nick wagte auch nicht, einen Schritt zurückzutreten oder sich von dem Mann von Management abzuwenden.

Mark stand unbeteiligt in Raum und kratzte sich an seinem rechten Ohr, als würde er auf den Bus warten.

Genug Zeit verging, dass Nicks Stand unbequem wurde und die Situation sich von unbehaglich zu nachgerade grotesk wandelte.

„Die Kerze ist zu viel“, sagte der schwarzhaarige Mann mit der Sonnenbrille schließlich, als Nick sich gerade durchringen wollte, ihn zu fragen, ob er noch etwas für ihn tun konnte.

Er wandte sich ab und trat auf Mark zu, seine sonderbar leblose Hand ausgestreckt, das sonderbare falsche Lächeln wieder in seinem Gesicht.

„Mr. Rawes“, sagte er, und Mark erwiderte nichts, während er die dargebotene Hand schüttelte. „Die Bright Outlook Laboratorien danken Ihnen für Ihre Geistesgegenwart und Ihre bedingungslose Loyalität. Wir wissen Ihre Dienste zu schätzen.“

Er sagte noch irgendetwas, aber Nick hörte nicht mehr zu, denn sein Blick war zu den Monitoren zurückgekehrt, und er hatte erkannt, was dort geschah.

„Nein“, formten seine Lippen stumm, denn er wagte nicht, seinen Gefühlen hörbar Ausdruck zu verleihen, solange diese grässliche Schaufensterpuppe im Raum war. „Nein, bitte nicht!“

*************************************************

„Mr. Rawes, wenn Sie erlauben, würde ich das Gespräch gerne auf einer persönlichen Note eröffnen, in der Hoffnung, Ihnen nicht zu nahe zu treten.“

Mark sah den Repräsentanten wortlos an.

„Ich danke Ihnen dafür, dass Sie Cynthia die Möglichkeit gegeben haben, die Sorge für Ihre Tochter zu übernehmen, solange dies für Sie hier nicht opportun ist. Mir scheint, dass es ihr große Freude bereitet, mit Jacky zu interagieren, und ich nehme an, dass dies sich nachhaltig vorteilhaft auf ihr Wohlbefinden auswirken wird. Sie hat für ihre Berufung viel aufgeben müssen, und ich empfand es als sehr angenehm, ihre Ausgelassenheit mit Ihrer Tochter beobachten zu können.“

„Wie geht es Regina?“ fragte Mark, bevor er sich zurückhalten konnte.

Der Repräsentant schwieg für zehn lange Sekunden.

„Ich halte diese Frage nicht für angemessen, Mr. Rawes. Die Bright Outlook Laboratorien nehmen die anerkannten Standards wissenschaftlicher Forschung sehr ernst, und wir sind davon überzeugt, dass es nicht nur für uns und die Ergebnisse unserer Arbeit, sondern auch für Ihr eigenes psychisches Gleichgewicht von Vorteil ist, wenn Sie versuchen, sich von den Versuchsteilnehmern zu distanzieren.“

„Ich habe sie Ihnen gebracht, und dann habe ich Cynthia meine Tochter gegeben. Ich habe Ihnen die einzige Frau geopfert, die ich jemals geliebt habe und mit der ich den Rest meines Lebens verbringen wollte, und ich habe mich nicht einmal darüber beklagt, und jetzt möchte ich wissen, wie es ihr geht, wenn das nicht zuviel verlangt ist.“

Der Repräsentant drehte seinen Kopf einige Grad zur Seite. Mark betrachtete sein eigenes Spiegelbild in den schwarzen Gläsern seiner Sonnenbrille.

Er versuchte, nicht daran zu denken, dass er Jacky mit einem von ihnen allein gelassen hatte. Aber was hätte er sonst tun können? Regina war nicht zu Hause, und er konnte seine Tochter schlecht in den Versuchsbereich mitnehmen.

„Es ist zuviel verlangt“, sagte der Repräsentant schließlich.

„Können Sie mir wenigstens versprechen, dass sie nicht von Cynthia vorbereitet wird?“

„Mr. Rawes, ich verstehe, dass das nicht Ihre Absicht ist, und ebenso, dass mein Wohlbefinden für Sie keine hohe Priorität genießt, aber ich bitte Sie dennoch, mir im weiteren Verlauf dieses Gesprächs weitere Konflikte dieser Art zu ersparen, indem Sie Ihre Contenance bewahren und ein professionelles Verhalten an den Tag legen. Die Bright Outlook Laboratorien sind davon überzeugt, dass alle ihre Mitarbeiter einen Anspruch auf eine entspannte Arbeitsatmosphäre haben, und dass dieses Ziel nur erreichbar ist, wenn wir alle unser Bestes tun, um Rücksicht aufeinander zu nehmen.“

„Habe ich Ihre Gefühle verletzt?“ Mark hatte einfach nicht mehr die Kraft, diplomatisch zu sein.

Der Repräsentant neigte sich ein wenig nach vorne, bis sein Gesicht nur noch eine Handbreit von Marks entfernt war, und verharrte zwanzig Sekunden in dieser Pose. Mark betrachtete die nackten Füße seines Gegenübers. Fror er nicht? Der Fußboden war ziemlich kalt hier.

„Mir scheint“, sagte der Repräsentant, „dass dies kein günstiger Moment für eine konstruktive Unterhaltung ist. Die Bright Outlook Laboratorien haben Verständnis dafür, dass Menschen nicht zu jeder Zeit maximale Produktivität entfalten können, und dass private Belastungen es Mitarbeitern erschweren können, die von ihnen erwartete Leistung zu erbringen. Wir haben uns deshalb verpflichtet, auf die Belange unserer Mitarbeiter, die wir als unsere Partner und Teilhaber unseres Erfolges wie auch als seine notwendige Voraussetzung sehen, Rücksicht zu nehmen. Mr. Rawes, ich gewähre Ihnen zwei Tage Urlaub, beginnend jetzt. Cynthia wird es bedauern, wenn Sie Ihre Tochter ihrer Sorge entziehen, aber sie wird gewiss Verständnis haben.“

„Danke.“

„Ich werde solange Ihre Aufgaben hier übernehmen und eine angemessene Disziplinierungsmaßnahme für Mr. Blair entwickeln. Darf ich darauf vertrauen, dass ich Sie bei Bedarf telefonisch erreichen kann?“

„Selbstverständlich“, antwortete Mark. „Die Bright Outlook Laboratorien legen großen Wert darauf, dass unsere Forschung nicht nur ein Job ist, sondern eine Berufung, die nicht auf bestimmte Tageszeiten begrenzt werden kann.“

Der Repräsentant nickte. „Cynthia und ich sind davon überzeugt, dass Ihnen in diesem Unternehmen eine große Zukunft bevorsteht, wenn es Ihnen gelingt, diese Einstellung beizubehalten.“ Einige sehr lange Sekunden stand er stumm da, die schwarzen Gläser seiner Sonnenbrille auf Mark gerichtet. „Sie sollten sich dafür einsetzen, dass so etwas wie dieser … Kerzenvorfall nicht noch einmal vorkommt. Diese Kerze ist inakzeptabel. Sie können jetzt gehen.“

„Danke“, sagte Mark.

*************************************************

Claires erster Gedanke war: Was ist das MSMT? Nicht, dass sie noch weitere Beweise gebraucht hätte, dass sie für dieses bescheuerte Spiel hier einfach nicht geschaffen war.

„Das… Das ist sie, oder?“ fragte Jeffries. „Ist sie da drin?“

Branco sagte gar nichts, und stapfte direkt auf die offene Tür zu, hinter der sie gerade Leannes Stimme gehört hatten.

„Nick? Mark?“ fragte sie, in einem Tonfall, der sich offenkundig nicht entscheiden konnte, ob er genervt und aggressiv oder hilfesuchend und unterwürfig klingen wollte. „Sagt ihnen wenigstens, was ihr mit ihnen macht, wenn sie mich … Bleib stehen! Bleib stehen, du widerlicher Gorilla, bleib wo du bist! Die… Die Bright Outlook Labo- hey, nein, nimm die Finger weg! Lass deine – Nick! Mark!“

Claire riss sich aus ihrer Starre und folgte Branco in den anderen Raum.

Leanne trug eine ähnliche Verkleidung wie Nick, als er Gabrielle getötet hatte: Einen weißen Overall, eine Atemschutzmaske mit verspiegelter Sichtscheibe und schwarzen Halbstiefeln. Ihre Schuhbänder waren allerdings nicht rot und gelb wie Nicks, sondern einheitlich schwarz.

Branco hielt sie in einem Schwitzkastengriff und versuchte, die Maske von ihrem Gesicht zu ziehen, als es ihr gelang, ein Bein zwischen seine zu Haken und ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Er stolperte, sie entwand sich seinem Griff und schrie kurz auf, als die Maske, die er gehalten hatte, mit einem scharfen schnappenden Geräusch auf ihr Gesicht zurückschnellte.

„Ahh Shit, du dämlicher Gorilla, hast du eine Ahnung, wie das weh tut?“

Sie tänzelte rückwärts von ihm fort, während er sich gegen die Wand abstützte und sich zu ihr umdrehte.

„Wart mal ab“, antwortete er, „es kommt noch besser.“

„Hast du schon mal drüber nachgedacht, was wir mit dir machen, wenn du einen von uns verletzt? Hast du mitbekommen, was mit Gabrielle passiert ist, nachdem sie die Kamera entfernt hat?“

Er legte seinen Kopf schief und ging mit ausgebreiteten Armen auf sie zu, wie jemand, der ein entlaufenes Ferkel einzufangen versucht.

„Weißt du, ich habe so einen Verdacht, dass ihr gar nichts mit mir machen werdet. Du hast doch vorhin selbst gesagt, dass deine Freunde die Tür wahrscheinlich mit Absicht aufgemacht haben. Ich glaube, die sagen schon Bescheid, wenn ich was mache, was ich nicht darf. Oder, Nick?“

Branco schaute in Richtung der Kamera, die in diesem Raum noch an ihrem Platz an der Wand hing. Niemand antwortete, aber Leanne nutzte die Gelegenheit, um auf ihn zuzuspringen und ihm einen Tritt zwischen die Beine zu versetzen. Branco sah den Angriff kommen und wich rechtzeitig aus, packte Leannes Schultern und warf sie zu Boden. Claire staunte, wie schnell der riesige Kerl sich bewegen konnte. Er stützte ein Knie auf Leannes Brust, und sie stieß ein gequältes Keuchen aus. Sie versuchte, ihn aufzuhalten, als er die Maske von ihrem Kopf zog, aber ihre Hände hatten nicht viel mehr Auswirkung auf seine Bewegung als die aufgebracht herumkrabbelnden Soldaten eines Ameisenhaufens auf den Fuß eines Menschen, der ihn zertreten wollte.

„Ist … Ist sie das?“ fragte Jeffries hinter Claire.

Sie zuckte ihre Schultern und gab keine Antwort, während sie beobachtete, wie Leannes schlanke Finger sich nutzlos gegen Brancos gewaltige Arme und Beine stemmten und wie sie versuchte, sich von ihm zu befreien. Leanne schloss ihre Augen, und ihr Mund verzerrte sich in einem stillen atemlosem Schrei, als Branco noch etwas mehr Gewicht auf sein Knie verlagerte.

Da lag also die Person, die mit ihnen experimentierte und sie verspottet hatte, während sie um ihr Leben kämpften. Die Person, die für den Tod Gabrielle Womacks verantwortlich war, und die auch Claires Tod gefordert hatte. So sah also ein Mensch ohne Gewissen aus, ohne Mitgefühl, ohne Moral.

So sah ein Monster aus.

Claire fand in diesem Moment bestätigt, was ihr schon öfter unangenehm aufgefallen war, als sie ihrer Meinung nach verdient hatte: Monster sahen niemals wie Monster aus. Sie hatte den Verdacht, dass das daran lag, dass sie keine Monster waren. Sie sahen aus wie Menschen, mit Fehlern, Menschen, die sich fürchten können, die leiden können, die Eltern haben und Freunde. Wahrscheinlich, weil sie genau solche Menschen waren.

Opfer sahen auch nicht immer wie Opfer aus, aber Leanne jedenfalls schon, und Claire konnte nichts dagegen tun, dass sie ihr in diesem Moment helfen wollte.

„Wie kommen wir hier raus, hm?“ grollte Branco. „Wer hat uns hierher gebracht? Wo sind wir?“

Leanne hustete und keuchte und japste, und Branco nahm Gewicht von ihrer Brust.

„Wo sind wir?“ wiederholte er.

Leanne hustete und nahm einen Atemzug. „Beiß mich!“

Sie stieß ihre ausgestreckte linke Hand in seinen Solarplexus, und er krümmte sich zusammen. Sein Knie rutschte seitlich von ihrem Oberkörper, und er stützte sich mit einer Hand auf den Boden. Mit einem kräftigen Aufbäumen befreite Leanne sich ganz von dem überraschten Riesen und rollte ein Stück zur Seite, um ihm sofort einen kräftigen Tritt zu versetzen. Das Geräusch, als die Stahlkappe ihres Sicherheitsschuhs Brancos Gesicht traf, war ein nasses Klatschen über einem knirschenden Brechen.

Blut spritzte auf den Betonboden, vermischt mit kleinen Brocken. Zähne? Knochensplitter?

Claires Kinn fiel weit herab, und sie taumelte zurück, bis sie sich gegen etwas stoßen fühlte, etwas Weiches. Dumpf wurde ihr klar, dass es Jeffries sein musste, während sie zusah, wie Branco vornüber fiel und auf beide Hände gestützt versuchte, sich wieder aufzurappeln. Leanne sprang auf, holte aus und versetzte ihm einen zweien Tritt gegen seinen Kopf. Er bracht zusammen und regte sich nicht mehr.

Claire hörte sich erschrocken nach Luft schnappen. Um Himmels Willen. War er tot? Er musste tot sein. Die beiden Treffer hatten sich so furchtbar angehört, so… hart.

Sie stand dicht an Nelson Jeffries gedrängt und spürte seinen Atem an ihrem Ohr, aber sie war zu betäubt, zu erschrocken, um seine Nähe als unangenehm zu empfinden.

Leanne richtete sich vollständig auf, atmete tief durch und blickte auf den zu ihren Füßen liegenden Branco hinab. Sie lächelte zufrieden. Ihre Miene verfinsterte sich, als sie zu Claire und Jeffries aufblickte.

„War das jetzt so schwer?“ fragte sie. „Ihnen ist bestimmt klar, dass es Leute wie Sie sind, die Leute wie ihn aufbauen und befähigen, oder? Die Leute, die es sich gefallen lassen und ihm die Grenzen nicht zeigen. Die Leute, die still zusehen. Sie verüben die Gewalt vielleicht nicht, aber Sie perpetuieren sie, und Sie schaffen das Klima, in der sie sich entfalten kann. Sie sollten sich schämen.“ Für einen Moment starrte sie missbilligend, dann schnaubte sie und grinste breit. „Jedenfalls hat Nick das gesagt. Nicht, dass er den Mumm hätte, es Ihnen direkt zu sagen. Das darf er ja schließlich nicht.“

„Vous devez goûter! C’est trop bon!“

Verwirrt drehte Claire sich um. Pascale hielt ein großes unregelmäßig geformtes Stück Kuchen in der Hand, das er offenbar einfach herausgebrochen hatte. Er kaute, grinste glücklich und hatte Krümel in den Mundwinkeln.

Hinter sich hörte sie Leanne lachen, laut und unfreundlich, und schadenfroh.

*************************************************

„Ooohhh… Oahh… Was …?“

Jills Körper fühlte sich an, als wäre er aus … Nein, nicht Blei. Blei war glatt und sauber und metallisch und immer noch einigermaßen fest. Jills Gliedmaßen waren aus toten Fischen, waren Mehlsäcke, waren nasse Lappen. Ihr Mund und ihre Lippen und ihre Nase waren verkrustet mit getrocknetem Speichel und Schnodder, und wenn die paar noch funktionierenden Nervenenden sie nicht im Stich ließen, dann lag sie nicht in ihrem Bett.

Ihr Bett war nicht hart und kalt, und in ihrem Schlafzimmer wäre es auch dunkel, hofffentlich.

Jill konnte nicht richtig sehen, aber sie spürte doch das grelle Licht, das sie sogar durch ihre verklebten geschlossenen Lider hindurch piekte und stach.

Wo war sie?

Sie konnte sich nicht erinnern, und ihre Gedanken hatten diese klebrige, zähe Konsistenz, die sie eigentlich nicht unangenehm fand, wenn sie nicht gerade versuchte, herauszufinden, was los war.

Es war offenbar wieder eine dieser Nächte gewesen.

Sie hatte offenbar wieder ein bisschen übertrieben.

Hoffentlich war es noch nicht zu spät. Hoffentlich war die grelle Helligkeit, die sie so ärgerte, kein Sonnenlicht. Sie hatte nicht mehr besonders viele Krankmeldungen gut, bevor sie in ernste Probleme geriet, und sie hatte so einen Verdacht, dass Dr. Rudnick auch nicht mehr besonders lange mitspielen würde, zumindest nicht ohne eine Gegenleistung, von der sie nicht sicher war, ob sie bereit war, sie zu erbringen.

Es wäre sowieso einfacher, einen anderen …

Moment.

Nein.

Es war nicht eine dieser Nächte gewesen.

Oder?

Nein.

Nein, ganz sicher nicht.

Da war was. Da war eine andere Erklärung. Da war … Shit. Sie konnte sich nicht erinnern. Aber da war was. Jemand hatte das mit ihr gemacht. Jemand Fremdes. Jemand hatte sie angegriffen. Es hatte geregnet. Was war bloß …

Hey!

Jemand zog an ihrem Arm und drehte sie aus der Seitenlage auf ihren Bauch.

„Au … Was …?“

Jemand betastete sie, beginnend bei ihren Beinen.

Sie zwang ihre Augen, sich zu öffnen, und sie hob ihren Kopf.

Übelkeit stieg in ihr auf, dicht gefolgt vom Inhalt ihres Magens, und sie ließt ihren Kopf schnell wieder auf den Boden sinken. So schnell, dass er mit einem dumpfen Geräusch aufschlug. Sie versuchte, ruhig zu atmen, während sie die graue Betondecke mit den nackten Leuchtstoffröhren anstarrte und sich am Boden festzuhalten versuchte, um nicht von der Zentrifugalkraft davongetragen zu werden.

„WasmachnSie?“ stieß sie hervor.

„Ich sehe nach, ob Sie etwas Nützliches bei sich tragen“, antwortete eine freundliche weibliche Stimme, „und ich überlege, ob ich Sie fessele. Sie machen bisher keinen besonders gefährlichen Eindruck, aber Sie sind ein großes, kräftiges Mädchen, und ich will keine Risiken eingehen, nicht hier, nicht jetzt.“

Das war zu viel Text zu schnell gewesen.

Außerdem war Jill abgelenkt.

Die Erinnerung. Sie hatte dieses reiche Arschloch angehalten, und er hatte ihr irgendwas gespritzt. Der Sack hatte ihr irgendein Betäubungsmittel gespritzt und sie entführt.

Entführt.

Jill stemmte die Hände auf den kalten Betonboden und versuchte, ihren Oberkörper aufzurichten und sich den Raum genauer anzusehen, und die Frau, die sie nach nützlichen Gegenständen durchsuchte.

Dieser wahnsinnige Drecksack hatte sie entführt, bloß weil sie ihn ein bisschen getriezt hatte.

Shit Piss Fuck Cunt Cocksucker Motherfucker Tits!

„Was… Wo sind wir?“ fragte sie die schwarzhaarige zierliche Frau, die neben ihr kniete und sie immer noch skeptisch musterte.

„Wir sind in der Hölle“, antwortete sie, „Oder zumindest fast. Wir haben einen Vorteil gegenüber den Verdammten: Wir werden mit ziemlicher Sicherheit bald sterben, und dann ist es vorbei.“

Lesegruppenfragen und eine unnötige Anmerkung

  1. Glaubt ihr an Schuhe?
  2. Habt ihr euch noch an das MSMT erinnert, oder wart ihr von Claires Frage genauso verwirrt wie keoni beim Testlesen?
  3. Ich finde diesen Satzteil “aber ihre Hände hatten nicht viel mehr Auswirkung auf seine Bewegung als die aufgebracht herumkrabbelnden Soldaten eines Ameisenhaufens auf den Fuß eines Menschen, der ihn zertreten wollte” ausgesprochen schwach und unerfreulich. Ist er euch auch unangenehm aufgefallen?
  4. Kennt ihr Carlins Seven Words You Can Never Say On Television? Lohnt sich.
  5. Was dachtet ihr so zu Jills erster POV-Szene?
  6. Eigentlich wollte ich diesmal wirklich wieder ein PDF anbieten. Aber weil ich gerade nicht meinen Laptop habe und mir das auf diesem PC zu mühselig ist und weil die ja sowieso keiner braucht, gibt es das erst nächstes Mal wieder.

Interaktivitätsfragen

A. Soll Nick weiter Versuchsleiter bleiben, oder soll der Management-Repräsentant den Posten übernehmen?

B. Wollt ihr, dass Leanne noch ein bisschen dominant bleibt, oder wollt ihr sie in der nächsten Szene ein bisschen zurechtgestutzt haben?

C. Wer soll in der zweiten Versuchsgruppe als nächster aufwachen?

D. Aus wessen Perspektive soll die nächste Szene der ersten Versuchsgruppe geschrieben sein?

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15 Antworten zu Bright Outlook (8)

  1. madove sagt:

    1.) Nein. Nicht in Innenräumen, Und eigentlich zwischen April und Oktober auch draußen nicht, auch wenn ich inzwischen deutlich angepaßter geworden bin.
    2.) Ich war genauso verwirrt.
    3.) Hm. Ich hab in der Tat gedacht “Das ist jetzt mal so ein Bild, was eher ein bißchen holprig rüberkommt”.
    4.) Jetzt ja. Ich mag ja Carlins Art nicht so, aber wo er recht hat, hat er recht. (und das hat er öfter mal)
    5.) Fand ich explizit gut, vor allem die Beschreibung der Gefühle beim Aufwachen. Sehr glaubwürdig.
    6.) äh. ja. okay. :-)
    7.) Mich hat verwirrt, daß in der Zusammenfassung von Teil 7 schon steht, daß die Teilnehmer Leanne finden – wußten wir das schon? (außerdem steht da “einen Kuchen”)
    8) Es hat ein bißchen gedauert, aber jetzt hast Du mich. Ich kann nicht genau festmachen, woran es liegt, aber jetzt will ich unbedingt wissen, wie es weitergeht.

    …und weil ich es ja eben noch nicht WEISS, fühl ich mich auch mal wieder nicht in der Lage, die Interaktivitätsfragen zu beantworten ;-)

  2. Joan sagt:

    1.) Ich bin Aschuhistin.
    2.) Letzteres.
    3.) Der Vergleich ist irgendwie zu… lang. Und zu kompliziert für eine eher actiongeladene Situation.
    4.) Bis jetzt noch nicht, aber gleich.
    5.) Ihre Aufwachverwirrung war gut, aber ich muss zugeben, dass ich vor allem neugierig auf Regina bin.
    6.) Mhm.

    A.) Nick. Ich will nicht so richtig wissen, was Management sich einfallen lassen würde.
    B.) Da sie jemandem den Kopf kaputtgetreten hat, wäre ich für zurechtstutzen.
    C.) Keine Präferenzen.
    D.) Wie wär´s mit dem Occupy-Mann?^^

  3. Muriel sagt:

    @madove: 2. Hast du schon nachgesehen, oder bist du’s immer noch?
    3. Ich habe das beim Schreiben schon als unschön markiert, aber gestern Nacht dachte ich dann auch, ach komm, lass, boah…
    Eigentlich schade, so ungenutzte Gelegenheiten.
    7. Ja, da war schon einigermaßen erkennbar, dass Leanne in dem anderen Raum ist, auch wenn sie sie nicht gesehen haben. Und danke für den Hinweis, behebe den Fehler gleich.
    8. Schön. Ich bin auch gespannt. Noch so eine Sache, die ich eigentlich tun sollte, zu der ich mich aber eigentlich nicht aufraffen kann: Einen ausführlichen Plan erstellen, bevor ich zu schreiben anfange.
    @Joan: 4. Ich sehe das ja wie madove. Ich mag ihn eigentlich nicht so, aber manches gefällt mir trotzdem.
    5. Machen wir.
    D. Tse. Das ist doch die zweite Gruppe. Ich hätte das schon in der Frage erklären sollen, merke ich gerade. Die erste Gruppe ist die mit Claire.

  4. madove sagt:

    @Muriel: 2. Äh, ja, aber erst NACH dem Kommentieren. Deshalb weiß ich jetzt auch, daß wir 7. schon wußten… Aber nicht, was das MSMT ist ;-)
    Sorry. Ich lese oft einfach genauso unaufmerksam, wie ich auch sonst durch die Welt tappe…

  5. Guinan sagt:

    1. Ich glaube felsenfest an Schuhe – aber nicht an Strümpfe.
    2. Daran konnte ich mich auch nicht mehr erinnern. Und es sagt mir auch genauso wenig wie beim ersten Mal.
    3. Ja, der Satz ist nicht so gelungen. Mir ist aber eh die ganze Kampfszene zu lang, die Hälfte würde mir vollkommen reichen.
    4. Noch nicht, der Name sagt mir gar nicht. Ich suche gelegentlich.
    5. Sehr realistisch. Kannten wir ihren Namen schon? Es hat gedauert, bis ich sie einordnen konnte.
    6. Egal.
    x. Ich mag die Dialoge mit den Bright Outlock-Leuten sehr.

    A. Nick, nervös und unwohl unter der Beobachtung von Management. Ich finde, er hat ein bisschen Schikane verdient.
    B. Zurechtstutzen, bitte.
    C. Der Occupy-Mann
    D. Jeffries, der stand bisher ja nur dumm in der Gegend rum.

  6. Muriel sagt:

    @Guinan: 1. Das ist nun wirklich abartig. Das hat Gott so nicht gewollt.
    4. So dringend ist es auch nicht. Ich wollte vor allem betonen, dass diese Reihe von bösen Wörtern einen Hintergrund hat.
    5. Nein, sie war bisher namenlos. Und dass es ein bisschen dauert, war Absicht. Ich dachte, so ist es interessanter, als wenn ich gleich schreibe “Die Polizistin, die Mark angehalten hatte”.
    x. Ich auch.

    A. Und madove fand ihn so nett.

  7. Muriel sagt:

    Nebenbei: Ich bin … naja, vielleicht nicht richtig überrascht, aber doch ein bisschen, dass noch niemand infrage gestellt hat, ob ein Schuh mit Stahlkappe nicht vielleicht eine Waffe sein könnte.
    Insbesondere mit Joan hätte ich mir da eine aufschlussreiche Auseinandersetzung über dieses Thema vorstellen können.
    Ich schiebe es mal darauf, dass ihr euch sowieso nicht an das Abstimmungsergebnis vom letzten Mal erinnert.

  8. Guinan sagt:

    Mit dem richtigen Training sind Hände und Zähne auch Waffen. Und mit der richtigen Art Schuhe brauchtst du keine Stahlkappe, um ernsthaft Schaden anzurichten. Das geht für mich als unbewaffnet durch.

  9. Günther sagt:

    1. Es gibt sie wirklich! Ich kenne mehrere Menschen, die mir glaubhaft versichert haben, schonmal persönlich welche gesehen zu haben.
    2. Auch verwirrt. Könntest du uns nochmal kurz aufklären oder schreiben, in welchem Kapitel wir das nachlesen können? Bei einem Fortsetzungsroman ist es manchmal etwas schwieriger sich an sowas noch zu erinnern, weil es unter Umständen schon länger her ist.
    3. Etwas lang und kompliziert.
    4. Jetzt.
    5. Gut. Beim Einordnen gings mir wie Guinan.
    6. Noch zwei sprachliche Nebensächlichkeiten:
    6a. Beiß mich? Das weckt bei mir irgendwie die Assoziation mit einem mäßig synchronisierten/übersetzten B-Movie. Den Ausdruck gibts im Deutschen ja nicht, wenn ich mich nicht irre. Bug oder Feature?
    6b. dégoûter… I don’t think it means what you think it means. (Sagte mir das Wörterbuch, als ich mich auf der Suche nach dem Zirkumflex befand.)

    A. Schließe mich Guinan an. Abgesehen davon, dass ich nach wie vor nicht finde, dass er es verdient hat.
    B. Zurechtstutzen.
    C. Occupy.
    D. Der Junge bitte. Besonders, nachdem er gerade den Kuchen probiert hat.

  10. Muriel sagt:

    @Günther: 1. Naja. Es gibt auch jede Menge, die behaupten, von Außerirdischen entführt worden zu sein. Ich glaube nichts, was ich nicht selbst sehe.
    2. Verstehe ich gut. Am Ende der ersten Szene der letzten Episode hatte Leanne gejammert, dass sie Tickets dafür hat, und dass sie es Mark und Nick echt übel nimmt, wenn sie da nicht hin kann.
    6a. Feature natürlich. Ich sage das zum Beispiel nur noch so, weil ich es viel schöner finde als die deutsche Variante, und weil Bastian Sick mich kann.
    6b. Bug. Da hast du mich erwischt, dumm von mir. Ich konnte mich offenbar nicht zwischen gouter und deguster entscheiden. Wird gleich behoben.

    D. Oh… Das wäre eine Herausforderung.

  11. Joan sagt:

    @Muriel: Da hab ich wohl mehrfach nicht aufgepasst… dann schließe ich mich bezüglich D.) Günther an, und sage mal in aller Spitzfindigkeit, dass Leanne unbewaffnet sein sollte, aber von gefährlichen Werkzeugen war nicht die Rede. Oder bezüglich welchen Aspektes erhofftest du dir eine aufschlussreiche Auseinandersetzung?

  12. Muriel sagt:

    @Joan: Die BGH-Entscheidung war natürlich nur ein Gedankenanstoß. Wenn schon ein Turnschuh ein gefährliches Werkzeug sein kann, dachte ich a fortiori, aber schon gut, wenn niemand diskutieren will …

  13. whynotveroni sagt:

    1. Ja (ausser in Wohnungen und im Sommer im Garten)
    2. genauso verwirrt
    3. Ja, zu lang. Obwohl ich den Vergleich mit der Ameise nicht schlecht finde. Laesst sich das nicht irgendwie abkuerzen?
    4. Hmne?
    5. Aeh. Ich hab’ mich hauptsaechlich gewundert, warum jemand an ihr rumfingert, und versucht, mich zu erinnern, wer Jill war. Das hat mich vom Rest dann eher abgelenkt. War glaub ich schon ok sonst. :)
    6. pdf ist mir egal.

    a) Wenn das Management was taugt, laesst es Nick den Versuchsleiter bleiben, der hat da schliesslich die groessere Erfahrung. Wenn das Management nix taugt und denkt, es kann seine Mitarbeiter ersetzen, uebernimmt Management die Leitung…
    Kommt also drauf an, was fuer ein Bild du von Management vermitteln willst.
    b) Kann ruhig dominant bleiben. Die anderen sind vom Charakter irgendwie nicht so die dominanten Typen, das wuerd nicht so passen.
    c) mir egal
    d) immer diese Entscheidungen… :(

  14. Muriel sagt:

    @whynotveroni: 4. Whut?
    d) Es wie im richtigen Leben. Du musst keine treffen, aber der Verzicht auf eine Entscheidung ist natürlich trotzdem irgendwie eine.

  15. whynotveroni sagt:

    Ach. Achwas.

    Das stand zwar nicht in den Fragen, aber ich habe eine: Ist Branco wirklich tot?

    Und eine Anmerkung: Claire kommt es offenbar ueberhaupt nicht in den Sinn, zu ueberpruefen, ob Branco lebt, oder Wiederbelebungsmassnahmen einzuleiten. :) Das koennte zumindest jemandem auffallen, denn fuer die anderen ist sie ja doch Aerztin.

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