Hat ja schon bei Romeo und Julia nicht funktioniert

Jaaaa… Wir bei überschaubare Relevanz wissen natürlich genau, was unsere Leser denken und wollen. “Piratenpartei, Daddy-issues, interaktive Fortsetzungsromane, Religionsbashing alles ganz nett”, denkt ihr, aber in Wahrheit wollt ihr nur eins: Wissen, was ich von Suzanne Collins’ “The Hunger Games” halte. Na gut. Dann sag ich euch das eben.

File:Hunger games.jpg

Full disclosure: Ich kenne nur die Hörbuchfassung, die ist allerdings ungekürzt und sollte eigentlich Wort für Wort mit dem Buch übereinstimmen.

The Hunger Games ist die Geschichte von Katniss, einem sechzehnjährigen Mädchen, das in einer (mehr oder weniger) postapokalyptischen Welt zuerst nur im weiteren und dann im ganz direkten Sinne um ihr Überleben kämpfen muss. Katniss’ Nordamerika besteht aus zwölf Distrikten, die von der Hauptstadt mit dem originellen Namen “Capital” per eiserner Faust regiert werden und unter recht unfreundlichen Bedingungen Rohstoffe für den maßlosen Wohlstand ihrer Unterdrücker erwirtschaften müssen. Einmal jährlich veranstaltet Capital ein Spiel, um die Distrikte daran zu erinnern, wer Boss ist: Jeder und jede Jugendliche von 12 bis 18 Jahren muss an einer Verlosung teilnehmen, und die glücklichen Gewinner – zwei aus jedem Distrikt, ein Junge und ein Mädchen – reisen in die Hauptstat, um dort in den Hunger Games gegeneinander zu kämpfen, bis nur noch eine von ihnen am Leben ist. Die Überlebende und ihr Distrikt werden dann mit Geschenken überhäuft und können mächtig stolz auf sich sein. Weil Katniss’ geliebte kleine Schwester das große Los zieht, meldet sie sich freiwillig, und los geht das Abenteuer.

Ich hatte mich ja fest darauf eingestellt, dieses Buch zu hassen und einen richtig schönen Verriss drüber schreiben zu können wie bei Twilight. Das wird aber nichts. The Hunger Games ist handwerklich tadellos gemacht, hat mich gut unterhalten und gelegentlich sogar ein paar durchaus denkwürdige Zitate geliefert. Gleich am Anfang zum Beispiel beschreibt Katniss ihre angespannte Beziehung zur Katze ihrer Schwester, der sie gelegentlich die Innereien geschlachteter Tiere vorwirft und die dann im Gegenzug darauf verzichtet, sie anzufauchen:

Entrails. No hissing. This is the closest we will ever come to love.

Und an der Stelle wusste ich, dass ich mich verrissmäßig auf eine Enttäuschung gefasst machen musste. Die Charaktere in The Hunger Games scheinen mir durchaus überzeugend und sympathisch, die Story ist mitreißend und eloquent erzählt, und soweit ich mich erinnern kann, war ich so ziemlich zu jeder Zeit auf Katniss’ Seite und wünschte ihr den Sieg. Auch Nebenfiguren sind liebevoll als Persönlichkeiten gestaltet, wie zum Beispiel ihr Stylist (Das Ganze ist ja eine große Fernsehshow.) Cinna, der ihr vor ihren Auftritten Mut macht und ihr mit seinen einzigartigen Kostümen die PR verschafft, die sie braucht, um eine Chance auf den Sieg zu haben, oder der Moderator Claudius Templesmith, der zwar so wie auch Cinna freiwillig ein Rad in der Maschinerie der Hunger Games ist, aber trotzdem sein Bestes tut, um fair und freundlich mit den Kandidaten umzugehen, die er in den Tod schickt.

Fazit: Hunger Games ist ein gelungenes Buch, das man gut und gerne zwischendurch mal weglesen kann, ohne sich zu sehr drüber ärgern zu müssen. Sicher keine große Literatur, und sicher keine Pflichtlektüre (zumal es ja viel bessere Geschichten gibt, die im Gegensatz zu Collins’ kläglichen Bemühungen nicht mal Geld kosten und bei denen ihr sogar mitentscheiden könnt, wie sie ausgehen…), aber macht auch nichts kaputt und lohnt ganz bestimmt mal einen Versuch. Ganz sicher nicht nur für Jugendliche, auch wenn es ein Jugendbuch ist.

Nanu, denkt ihr jetzt (Ihr erinnert euch: Ich weiß, was ihr denkt.), wieso denn jetzt so ein verhaltenes Fazit, wenn du vorher nur Gutes an dem Buch gefunden hast?

Ja… Das ist so: Was mich an dem Buch gestört hat, kann ich nicht vernünftig erklären, ohne auch über das Ende zu reden, und vielleicht wollt ihr das nicht. Die Kurzfassung: Ich finde den Plot blödsinnig und unglaubwürdig. Wer die Langfassung will, folgt mir bitte hinter

DIE SPOILERWARNUNG!!!!!!18400

So. Jetzt sind wir unter uns. Keine Angst, es geht schnell. Schon von vornherein leuchtet mir die Idee der Hunger Games nicht ein. Ich meine, mal ehrlich: Welchen besseren Weg gibt es denn noch, Leute zu einer Rebellion anzutreiben, als ihnen regelmäßig ihre Kinder wegzunehmen und diese dann mehr oder weniger qualvoll zu töten? In Anbetracht der Armut der Distrikte bin ich sicher, dass die Spiele, wenn man sie denn als unterhaltsames Fernsehprogramm will, genausogut mit Freiwilligen betreiben könnte, wie in The Running Man. Da erfordert das Konzept natürlich auch einen gewissen Suspense of disbelief, aber dafür gibt es dort auch wieder andere Gründe. Capital hat offenbar dieselbe Marketingberatung wie die FDP.

Darüber hätte ich vielleicht noch hinwegsehen können, wenn Collins das nicht noch zum Schluss auf die wirklich absurde Spitze treiben würde. Kurze Vorgeschichte: Der zweite Kandidat aus Katniss’ Distrikt ist Peeta, der Sohn eines Bäckers, der Katniss mal etwas altbackenes Brot geschenkt hat und in seinem Interview behauptet, in sie verliebt zu sein. Zunächst geht Katniss davon aus, dass er das nur sagt, um Sympathie zu sammeln, aber im Laufe des Spiels wächst in ihr die Gewissheit, dass er es ehrlich meint, und natürlich stellt sie zügig fest, dass sie seine Gefühle erwidert, wie könnte es anders sein? Ist euch schon schlecht? Wird noch besser.

Während des Spiels verkündet der Moderator eine spontane Regeländerung: Dieses Jahr kann es nicht nur einen Gewinner geben, sondern zwei, nämlich jeweils beide Teilnehmer aus einem Distrikt, wenn sie es denn schaffen, gemeinsam zu überleben. Erst durch diese Änderung haben Katniss und Peeta die Chance, einander besser kennenzulernen, denn sie sind jetzt Verbündete, keine Todfeinde mehr, und aus Sicht der Produzenten ist die Idee sogar auch noch halbwegs verständlich: Die Liebesgeschichte zwischen den beiden hat dem Publikum gefallen, und deswegen soll das Publikum mehr davon zu sehen kriegen.

Als zum Schluss nur noch Peeta und Katniss übrig sind – wer hätte das gedacht? – wird die Regeländerung aber plötzlich wieder zurückgenommen, und das ergibt schon wieder keinen besonderen Sinn mehr. Warum? Die Produzenten haben sich doch entschieden, dem Publikum die Liebesgeschichte zu geben. Indem sie die beiden nun doch zwingen, sich zu töten, machen sie sich nicht nur öffentlich unglaubwürdig, sondern bringen auch noch die Fans gegen sich auf. Dieser plötzliche Twist ergibt nur aus dramaturgischer Sicht halbwegs Sinn, denn die Autorin will es unseren Protagonisten nicht zu leicht machen und ihnen eine Chance geben, noch mal richtig zu glänzen. (Außerdem will sie vielleicht für die kommenden Bücher noch was aufbauen, aber das weiß ich nicht.)

Damit hätte ich vielleicht leben können, wenn ihr wenigstens eine gute Möglichkeit eingefallen wäre, wie Peeta und Katniss diese Chance nutzen. Ist aber nicht. Die beiden drohen damit, gemeinsam giftige Beeren zu essen und die Produzenten so ihres Siegers zu berauben, worauf Capital sofort den Schwanz einzieht und noch mal die Regeln ändert. Und hier hat Collins mich nun wirklich verloren. Die Drohung ist nicht nur massiv unethisch (Die beiden wissen, dass nicht nur die Belohnung für ihre Distrikte auf dem Spiel steht, wenn sie sich auflehnen, sondern dass Capital auch durchaus noch eine Strafe drauflegen könnte.), sondern auch saudämlich, denn was könnte man sich Schöneres als Abschluss für eine romantische Liebesgeschichte denken als einen romantischen Doppelselbstmord? Aus Sicht der Produzenten wäre das doch das ideale Ende gewesen, und gewiss kein Grund, sich gleich noch ein zweites Mal zum Hanswurst zu machen, indem man sich zwei Kindern unterwirft, die im Grunde damit drohen, so lange die Luft anzuhalten, bis sie ihren Willen kriegen. Denn auf mehr läuft es nicht hinaus. Sogar wenn wir zugestehen, dass Capital einen Sieger braucht: Wo wäre das Problem damit gewesen, sie ihre Beeren essen zu lassen, und dann einen von ihnen zu retten und als Sieger zu präsentieren? Dass Capitals medizinische Möglichkeiten noch weit über unsere heutigen hinausgehen, wird in der Geschichte mehrmals deutlich gemacht, und das Luftschiff, das die beiden aus der Arena holt, ist innerhalb weniger Sekunden zur Stelle, nachdem die Spiele zu Ende sind. Und da fühle ich mich als Leser doch ein bisschen verschaukelt.

So, jetzt habt ihr also euren Willen. Ich hoffe, ihr seid zufrieden.

About these ads

7 Antworten zu Hat ja schon bei Romeo und Julia nicht funktioniert

  1. Guinan sagt:

    Fein. Ich lese ja fast immer die Bücher meiner Kinder, und diese hier gehören zu den heißgeliebten, die ich aber mangels Interesse ganz weit nach unten geschoben habe. Jetzt kann ich ja direkt bei Band 2 anfangen.

  2. Muriel sagt:

    @Guinan: Eigentlich würde ich genau das nicht empfehlen.
    Aber du wirst schon wissen, was du tust.

  3. Guinan sagt:

    @Muriel: Meinst du jetzt, ich sollte nicht erst bei Band 2 anfangen oder besser gar nicht lesen? Die Reihe ist Pflichtlektüre, ganz davor drücken kann ich mich nicht.

  4. Muriel sagt:

    @Guinan: Es liegt mir natürlich ganz grundsätzlich fern, dir Vorgaben zu machen, was du wie lesen sollst, aber wenn meine Meinung gefragt ist: Ich würde nicht bei Band 2 anfangen. Ich schrieb ja, dass Band 1 sich eigentlich sehr angenehm und durchaus fesselnd liest. Nur den großen Plot fand ich nicht besonders schlüssig, aber den kennst du ja nun sowieso schon. So gesehen hast du bisher nur das Unangenehme gelesen und das Gute verpasst.

  5. Guinan sagt:

    Ich neige ja sehr dazu, deinen Empfehlungen zu folgen. Also gut, dann auch diesmal. Schlimmer als Licia Troisi kann es nicht werden.

  6. Muriel sagt:

    “Pflichtlektüre” war von dir. Ich habe nur gesagt, dass ich keinen Grund sehe, den ersten Teil auszulassen, wenn man sich schon damit befassen will. (Ich kenne nur den und plane auch, es dabei zu belassen, aber wenn ich raten müsste, würde ich vermuten, dass er mit weitem Abstand der beste der Reihe sein dürfte.)

  7. [...] Film ist genau so wie das Buch. Das ist die Kurzfassung. Mehr brauch ihr eigentlich nicht. Falls ihr doch mehr wollt, müsst ihr [...]

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 537 Followern an

%d Bloggern gefällt das: