Ja, äh, hm, also, ich weiß nicht.

31. Juli 2012

Ich würde euch heute gerne mal benutzen, um meine Reaktion auf eine bestimmte Meldung zu kalibrieren.

Gerade fand ich auf der Facebook-Seite der für gewöhnlich eminent vernünftigen und immer sehenswerten Atheist Experience einen Post über einen Ventriloquisten, der in einem christlichen Fernsehprogramm mit seiner Puppe auftrat, und der verhaftet wurde wegen des Verdachtes, dass er ein Kind missbrauchen wollte. Genauer: Er hat offenbar mit jemand anderem via Internet darüber gesprochen, einen bestimmten Jungen zu töten und zu essen.

In dem Post von Atheist Experience steht über den Fernsehsender

 they STILL HAVE THIS DEVIANT’S SHOW ON THEIR SCHEDULE.

und zu dem Bericht oben wird hingeleitet mit den Worten:

If you have a strong stomach, go here to wade through the sewer of Ronald’s sick little mind

In den Kommentaren zu diesem Post befinden sich unwidersprochen viele Kommentare wie diese:

If my partner knew of someone thinking that way of our kids he’d kill him.

Anyway if Jesus would totally forgive this guy for wanting to eat children, I just gotta say, fuck that Jesus guy.

 the things I WOULD do to him alone in a room..pliars..blow torch..and gasoline. people make me sick!

Holy Sh**!!! What a monster… what a bunch of idiots at the network… WHAT THE F***???

This is abhorable and just plain disgusting and disturbing on every level. If it were my call, life imprisonment at best. If it comes out he did anything to a child, he gets the chair. no question about it.

und das finde ich schon nicht so ganz unproblematisch. Ich meine, klar, sobald man irgendwo im Internet was über Pädophilie schreibt, bekommt man solche Kommentare, das ist nicht überraschend, aber man muss sie ja nicht stehen lassen.

Das ist der Punkt, an dem ich euch gerne zum Kalibrieren hätte. Ich sage euch jetzt mal, wo mein Problem ist, und dann könnt ihr mir sagen, ob ihr das eher so seht wie ich, oder eher nicht so.

Erstens finde ich es immer problematisch, wenn Leute sich so leidenschaftlich dafür aussprechen, andere Leute zu foltern und zu töten, und sie als Monster bezeichnen. Es ist unter manchen Umständen eine verständliche Reaktion, aber es ist trotzdem immer falsch. Wir haben aus guten Gründen aufgehört, Kriminelle zu foltern und zu entmenschlichen, und gerade einer Oase der Aufklärung wie der Atheist Experience stünde es gut zu Gesicht, sich für diese richtige Entscheidung stark zu machen und Idioten wie die oben von mir zitierten auf diese Gründe hinzuweisen.

Zweitens, und das ist in mehrerer Hinsicht problematisch, ich weiß, aber trotzdem: Er hat niemandem etwas getan. Ich will damit nicht sagen, dass man ihn deshalb zwangsläufig vollständig verschonen sollte. Ich kann auch nicht beurteilen, wie ernsthaft diese Pläne sind, über die er mit dem anderen gesprochen hat. Vielleicht weiß die Polizei Dinge, die nicht in diesem Artikel stehen. Aber die Kommentatoren können das auch nicht beurteilen, und wissen das auch nicht, genauso wenig wie Martin (der Moderator) selbst. Es geht hier um einen Mann, der offenbar recht unerfreuliche Phantasien hat, aber nach allem, was wir wissen, sein ganzes Leben lang noch nie danach gehandelt hat. Soweit wir wissen, hat er noch nie einem Kind weh getan, oder sonst einem Menschen. Ich schrieb es schon einmal: Ein Mensch kann nichts dafür, wenn er gerne Sex mit Kindern möchte. Wir suchen uns unsere sexuellen Vorlieben alle nicht aus. Wir können nicht entscheiden, was wir wollen. Unsere Kontrolle beschränkt sich darauf, was wir tun. Und getan hat er in meinen Augen bisher nichts, wofür ich ihm einen Vorwurf machen würde. Er hat mit anderen über seine sexuellen Vorlieben gesprochen, und er hat sich offenbar pornografisches Material verschafft, das seinen Vorlieben entspricht. Natürlich ist Kinderpornografie etwas Furchtbares, und die Menschen, die sie erzeugen, sind Verbrecher und gehören bestraft. Aber auch das hat er nicht getan.

Alles, was dieser Bericht hergibt, ist, dass dieser Mann offenbar sehr bedenkliche Fantasien hat, und eine sehr gefährliche Neigung. Vielleicht so bedenklich und so gefährlich, dass er professionelle Betreuung braucht. Und wenn er tatsächlich ernsthaft geplant hat, diesen Jungen zu töten (Was er danach noch alles mit ihm vorhatte, halte ich moralisch für unerheblich.), dann ist das selbstverständlich auch eine Straftat, für die er sich verantworten muss. Aber das wissen wir noch nicht. Genauso, wie wir nicht wissen, ob dieser eine Kommentator wirklich plant, ihn mit Zange, Benzin und Schweißbrenner zu foltern, oder ob das nur eine relativ harmlose Fantasie ist, mit der er sich abreagiert.

Und mindestens solange, wie wir das nicht wissen, sollten wir uns ein bisschen zurückhalten mit dem “Verbrennt ihn!”-Geschrei.

Ach so, und einen besonderen Platz in meinem Herzen haben so Leute wie dieser Kommentator, der eigentlich erst sehr vernünftig darauf hinweist, dass ja offenbar noch niemandem ein Schaden entstanden ist und wir abwarten müssen, dann aber schließt mit:

If he goes to prison, he’s not going to be treated nicely by his “neighbors” ;)

Und ich würde ihm vielleicht sogar im Zweifel noch zugestehen, dass er damit nur Tatsachen wiedergeben wollte, aber dieser Smiley dahinter lässt das doch eher unplausibel erscheinen. Wir finden diesen Gedanken oft genug auch anderswo, in Filmen zum Beispiel, und er scheint mit der Realität zu korrelieren:

Die USA haben in ihren Justizvollzugsanstalten offenbar ein Problem, die hohe Zahl an Vergewaltigungen in den Griff zu bekommen. Und nicht nur in geschmacklosen Kommentaren, sondern oft genug auch in Filmen und Literatur wird uns diese traurige Tatsache oft als gute Nachricht präsentiert.

Ich denke, ich werde demnächst sowieso noch mal einen Beitrag über unser Strafrecht und unser Vollzugssystem schreiben, aber das schon mal vorab, weil es gerade so gut passt: Diese Einstellung macht mich krank. Wer es für eine gute Sache hält, dass Menschen in Gefängnissen vergewaltigt werden, wer es ihnen wünscht, und wer öffentlich darauf hinweist, um andere darüber hinwegzutrösten, dass unsere Strafen angeblich nicht hart genug für bestimmte Taten sind, der gehört geohrfeigt hat nicht verstanden, was der Zweck eines Rechtsstaates ist, was der Zweck eines rationalen aufgeklärten Strafrechts sein sollte, und der ist ethisch offenbar über “Zahn um Zahn” noch nicht hinaus gekommen.

Aber kehren wir zum Abschluss kurz noch mal zum Thema zurück: Der eine oder andere mag sich fragen, warum ich hier einen pädophilen (mutmaßlichen) Straftäter verteidige, obwohl doch der Schutz unserer Kinder viel wichtiger ist. (Naja. Eigentlich hoffe ich, dass meine Leser klug genug sind, um meine Hoffnung zu rechtfertigen, dass sich tatsächlich nur die eine das fragt, aber wer weiß sowas schon vorher genau?) Die Frage will ich gerne noch beantworten: Ich glaube nicht, dass wir Kinder schützen, indem wir Pädophile dämonisieren, hassen und aus unserer Gesellschaft ausgrenzen. Denn dadurch zwingen wir sie, sich verborgen zu halten, und bestrafen sie dafür, mit anderen über ihr Problem zu reden und sich bei Bedarf die Hilfe zu verschaffen, die sie brauchen, um mit ihrer furchtbaren Neigung zu leben, ohne ihr nachzugeben. Und ich halte es für einen wesentlich besseren Schutz für Kinder, Pädophilen diese Hilfe und Unterstützung zu geben und sie in unsere Gesellschaft zu integrieren. Das gilt sogar für diejenigen unter ihnen, die bereits auf die eine oder andere Weise straffällig geworden sind, denn was ist eine Gesellschaft wert, die in dem Versuch, ihre Kinder zu schützen, den Rechtsstaat und letztlich ihre Menschlichkeit preisgibt?


Hellenisten, Nazis und Sowjets

28. Juli 2012

Einerseits lege ich ja Wert auf Abwechslung in meinen Themen, und auch wenn ich mich der offenkundigen Tatsache nicht verweigern kann, dass die antireligiösen Artikel hier mit großem Abstand am meisten Anklang finden, sehe ich andererseits gar keinen Anlass, mich nach dem zu richten, was meine Leser wollen. Aber wenn sich die religiösen Anlässe nun mal so häufen, dann hoffe ich auf das Verständnis der Leser, die vor allem wegen meiner originellen politischen Thesen oder meiner brillanten Belletristik mein Blog aufsuchen, und schreibe jetzt einfach noch mal im weiteren Sinne über Beschneidung, weil ich via Recotard ein Interview gefunden habe, in dem noch einer dieser Menschen spricht, in deren Kategorie ich gestern Herrn Spaemann eingeordnet habe und die vorgestern ein Kollege von mir sehr treffend und doch irgendwie freundlich als “anders als die anderen Kinder” umschrieb, was ich alleine schon deshalb nicht als Beleidigung meinen kann, weil ich selbst mein ganzes Leben lang immer völlig anders war als die anderen Kinder.

Egal.

Es geht um ein Gespräch zwischen dem Physiker sowie antireligiösen Aktivisten Heinz Oberhummer auf der einen und dem Rabbiner Schlomo Hofmeister, das der Kurier dankenswerterweise moderiert und für uns aufgeschrieben hat.

Oberhummer steigt etwas unglücklich ein mit dem Argument der negativen Religionsfreiheit:

 Ein Beschnittener gehört automatisch zur Religion.

Da widerspricht der Rabbiner natürlich sofort, und zu Recht, denn natürlich werden auch viele Menschen aus säkularen Gründen beschnitten, und natürlich kann man auch als Beschnittener seine Religion frei wählen. Ich finde in der Tat auch, dass die negative Religionsfreiheit hier nichts zur Sache tut, aber vielleicht liegt das vor allem daran, dass ich sowieso Religionsfreiheit als eigenes Konzept abwegig finde, ob nun positiv oder negativ oder sonstwie.

Herr Oberhummer hat das womöglich eingesehen, oder wollte einfach nur nicht weiter auf diesem Punkt herumreiten und gab Herrn Hofmeister nun seine Gelegenheit, argumentativ daneben zu greifen, nachdem Oberhummer auf die Schmerzen der Kinder hingewiesen hatte:

Da sind Sie falsch informiert. Eine medizinische Beschneidung dauert 20 Minuten, eine jüdische acht Sekunden. [...] Weil die europäischen Ärzte unsere Methode nicht kennen. Die Halbgötter in Weiß lassen sich nicht dazu herab, unsere traditionelle Methode anzuwenden.

Ist klar. Von all den vielen Ärzten, die Beschneidungen durchführen, ist noch keiner auf die Idee gekommen, sich mal anzuschauen, wie Juden sowas machen, und kein Mediziner der Welt hatte jemals den Ehrgeiz, sich durch einen peer-reviewten Artikel über die klare Überlegenheit der traditionellen Methode über die in Fachkreisen übliche hervorzutun.

Ja, ich weiß. Aber lasst uns beim Thema bleiben.

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Die doppelte Strafe ist angemessen

27. Juli 2012

Es gibt so Menschen, die so weit von mir und meiner eigenen Gedankenwelt entfernt sind, dass sie wohl genausogut zu einer völlig anderen Art von Lebewesen gehören könnten. Vor denen stehe ich staunend, nicht selten mit buchstäblich offenem Mund, und bewundere diese grundlegende Unterschiedlichkeit, und frage mich, ob ich sie dafür irgendwie charakterlich beurteilen sollte, oder sie einfach nur für Bewohner einer Paralleldimension halten, die mir nicht zugänglich ist.

Robert Spaemann ist offenbar einer dieser Menschen.

Irgendetwas stimmt nicht

schreibt er in der FAZ, und so weit hat er natürlich noch völlig Recht. Doch gleich danach zeichnet sich ab, dass das Weltbild dieses Menschen jedem Zugang meinerseits enthoben ist:

Das deutsche Recht und mehr noch die deutsche Rechtsprechung muten es dem religiösen Bürger zu, dass das, was ihm das Heiligste ist, ungestraft öffentlich verhöhnt, lächerlich gemacht und mit Schmutzkübeln übergossen werden darf.

Nun ja. Ich sag mal so: Nicht nur denen, sondern uns allen. Ich finde das immer eigenartig, dass Menschen es im Ernst unerträglich finden können, wenn jemand einen geschmacklosen Cartoon mit Jesus drin zeichnet, aber beim besten Willen kein Problem darin erkennen können, dass zum Beispiel die größte Religionsgemeinschaft der Welt ganz offiziell, für jeden nachlesbar und mit heiligem Ernst verkündet, jeder einzelne Mensch hätte es verdient, für alle Ewigkeit maßloses Leid zu erfahren. Für alle Ewigkeit. Maßloses Leid. Wir alle. Jeder. Aber das ist in Ordnung, weil es nicht lustig gemeint ist.

Wenn hingegen jemand die Idee verspottet, dass ein allmächtiger, allwissender, und uns alle liebender Gott eine Welt geschaffen hat, dessen jeder einzelner Bewohner diese schlimmst aller denkbaren Strafen verdient hat und auch erhalten wird, und deshalb dann viele Milliarden Jahre nach diesem Schöpfungsakt auf die Idee kommt, dass das vielleicht nicht gut so ist, woraufhin ihm als beste Möglichkeit spontan einfällt, eine Menschenfrau gegen ihren Willen zu schwängern und alles so zu fügen, dass rund 30 bis 40 Jahre später ihr gemeinsamer Sohn hingerichtet wird, damit zumindest die Personen, die ohne vernünftigen Grund diese hanebüchene Geschichte glauben, statt der ewigen Qual ewige Freude erfahren dürfen, wenn jemand diese Idee lächerlich macht, dann ist das nicht hinnehmbar, und dass er das darf, ein Zeichen dafür, dass “irgendetwas” nicht stimmt.

Herr Spaemann erkennt sogar an, dass die Straffreiheit so sicher gar nicht mal ist:

Dann und wann einmal findet ein Richter, es sei irgendwo zu weit gegangen worden, und verhängt eine Bewährungsstrafe.

Aber die Richter sind ihm natürlich zu milde, denn wie gesagt: Menschen für so abscheulich zu erklären, dass sie der schlimmsten überhaupt möglichen Strafe anheimfallen müssen, einfach nur dafür, dass sie existieren, das ist okay. Aber sich über ein altes Buch lustig zu machen, das verdient Strafe.

In der Regel geschieht das nicht. Vor allem nicht mehr, seit nur noch diejenige Beleidigung strafbar ist, die den „öffentlichen Frieden gefährdet“.

Uuuuuund jetzt bitte noch nicht weiterlesen, sondern einen Moment innehalten: Ahnt ihr, was jetzt kommt? Ich habe es kommen sehen. Was meint ihr? Wollt ihr mal raten?

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Der Weg zur Knechtschaft ist gepflastert mit guten Absichten

24. Juli 2012

“Big business owns the government! They need to be controlled!”

“By whom?”

“The government!”

Oder wie Sigmar Gabriel es formuliert:

Eine Minderheit schadet der Mehrheit – und dem ganzen Land

Was er so zu den Banken schreibt, ist teilweise richtig, teilweise falsch, teilweise lustig, und teilweise durchaus ernst, aber aus meiner Sicht fast ausnahmslos unschön. Über manches könnte man noch reden, zum Beispiel den:

Banken erpressen die Staaten.

Hier spricht Gabriel an und für sich einen Punkt an, der wirklich problematisch ist:

Aus Angst vor dem „Dominoeffekt“ und dem gigantischen Schaden für die reale Wirtschaft durch ein Zusammenbrechen großer Teile des Bankensystems wurden und werden die Regeln der Marktwirtschaft bei Banken und an den Finanzmärkten auf den Kopf gestellt: Sie müssen für den Schaden, den sie anderen bereiten, nicht aufkommen.

Nur hat er die Überschrift natürlich ulkig formuliert. Die Banken haben nicht die Regeln der Marktwirtschaft auf den Kopf gestellt. Sie haben niemanden erpresst. Wenn Gabriel das wirklich denken würde, könnte er Anzeie erstatten. (Natürlich nicht gegen die Banken als solche, weil nur natürliche Personen bestraft werden können.) Die Regierungen haben aus Angst vor dem “Dominoeffekt” die Haftung für die Schulden der Banken übernommen. Natürlich nicht mit ihrem eigenen Geld, sondern mit dem anderer Leute. Anderen Leuten Verbrechen vorwerfen, um von eigenen Fehlern abzulenken, ist kein feiner Zug.

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Zombies sind langweilig.

23. Juli 2012

Ich spiele schon lange mit dem Gedanken, einen ethischen Post über die Protagonistin meiner Geschichte “Des Menschen bester Freund” zu verfassen, wenn ich diese schon nicht als solche hier veröffentliche, und aus möglicherweise nicht ganz plausiblen Gründen gab ars libertatis’ Beitrag über Eigentumsrechte nach der Zombie-Apokalypse den Ausschlag, es jetzt endlich zu tun, und sei es nur, um zu zeigen, dass ich mich nicht mit so billigen hypothetischen Fragen wie Zombifizierung zufrieden gebe, sondern wie immer direkt dahin gehe, wo es am meisten weh tut:

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Komikernation

17. Juli 2012

Da ja offenbar die Zeit drängt, will auch ich mich an einem Vorschlag für den anstehenden Gesetzentwurf zur Korrektur der bedauerlich irregeleiteten Rechtsprechung des LG Köln versuchen. Gegenüber denen, die ich bisher gelesen habe, besticht er durch die ansonsten in Gesetzen übliche Abstraktion und, wenn ich das selber mal so sagen darf, eine gewisse erfrischende Ehrlickeit. Wo man ihn unterbringt, ist aus meiner Sicht nicht so entscheidend, aber ich könnte mir als übersichtlichste Lösung das Einfügen eines neuen Absatzes in § 223 StGB vorstellen:

(3) Hat der Täter ein Körperteil des Opfers abgetrennt, bleibt die Tat straffrei, vorausgesetzt, es handelt sich dabei um die Vorhaut des Opfers, vorausgesetzt, diese wurde auf Bitten des Vormundes des Opfers abgetrennt, vorausgesetzt, das Opfer verfügt über einen Penis, vorausgesetzt, das Opfer ist ein Kind, vorausgesetzt, dass der Vormund seine innere Überzeugung versichert, die Tat sei nach den Anforderungen seines unsichtbaren Freundes zwingend geboten oder nach den Mitgliedschaftsvoraussetzungen eines Vereins, in den dieses Kind nach dem Willen des Vormundes aufgenommen werden soll, unverzichtbar, vorausgesetzt, dieser Verein dient der Verehrung von Entitäten, die nach derzeitigem Stand der Wissenschaft nicht existieren können.

Gegebenenfalls würde ich zur Optimierung der Flexibilität und Reaktionsgeschwindigkeit bei ähnlichen zukünftigen Fehlentscheidungen sogar noch eine weitere Ergänzung aufnehmen, die ungefähr so lauten könnte:

(3b) Die Tat bleibt ebenfalls in allen Fällen straffrei, in denen die Bundesregierung feststellt, dass eine Bestrafung der Tat das Risiko in sich trägt, einen Image-Schaden für Deutschland nach sich zu ziehen oder uns zur Komiker-Nation zu machen.

Kommt das so hin?

[Nachtrag: Der Postillon hat zur besseren Übersicht einen Beitrag veröffentlicht, der alles enthält, was wir über die Beschneidungsdebatte wissen müssen, und der deshalb natürlich auch meinen beschneidenen (See what I did there?) Vorschlag wiedergibt. Danke, Mann!]


Eher nein.

17. Juli 2012

Stefan Niggemeier schreibt:

Ich weiß nicht, ob Peter Altmaier schwul ist. Aber ich finde es — anders als die Chefredakteurin der »taz« — legitim, darüber zu spekulieren.

Deshalb findet er es falsch, dass die Chefredakteurin der taz einen Artikel gelöscht hat, der genau das tat.

Die »taz« soll nicht fragen dürfen, was der Umweltminister meinte, als er es als sein von Gott gewolltes Schicksal bezeichnete, unverheiratet bleiben zu müssen? Das halte ich für falsch. Ebenso wie die Behauptung, die sexuelle Orientierung eines Menschen sei Privatsache.

Und ich glaube, ich bin da vorsichtig anderer Meinung. Also, klar, spekulieren an sich darf natürlich jeder über alles. Aber als Zeitung, öffentlich, das ist was anderes, und aus meiner Sicht sollte es unter dem Niveau eines ernstzunehmenden Mediums sein sein, Mutmaßungen darüber anzustellen, mit welcher Art Mensch Herr Altmaier gerne Geschlechtsverkehr hat, falls überhaupt. Für wen soll das denn eine relevante Information sein, außer natürlich für Leute, die gerne mit Menschen wie Herrn Altmaier Geschlechtsverkehr haben? Und ich finde, denen ist zuzumuten, ihn selbst zu fragen, ob er zur Verfügung steht.

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Bright Outlook (14)

15. Juli 2012

Zwei Artikel kommen selten allein, denn aller guten Dinge sind drei, und ich will zwar nicht den Teufel an die Wand malen, aber ehrlich währt am längsten, und Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, deshalb dachte ich, Gefahr erkannt, Gefahr gebannt, frisch gewagt ist halb gewonnen, und nur nicht die Hoffnung aufgeben, deshalb lasst mich euch lieber gleich sagen, dass ihr heute noch keine Szene von Claires Gruppe bekommt, sondern erst beim nächsten Mal wieder.

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Wir sind beleidigt

15. Juli 2012

Ich schreib’s jetzt doch auch noch mal hier, nicht zuletzt, weil mich eure Meinung interessiert:

Wenn die Titanic andeutet, ich wäre möglicherweise unvorsichtig mit meiner Fanta inkontinent, warum ist das ein Grund, rechtliche Schritte einzuleiten?

Ist Inkontinenz ein Vorwurf, der mich öffentlich als schlechten Menschen dastehen lässt? Ist das ein Charaktermangel? Sollte ich mich für Inkontinenz schämen? Ist das ein Grund für andere Menschen, mich zu verachten?

Ich bin jetzt nicht so jemand, der überall Geringschätzung von Behinderten und Kranken wittert und dann lautstark Erklärung und Entschuldigung fordert, aber schon aus schierer Neugier würde mich interessieren, wie genau der Vatikan aus diesem Titanic-Cover eine Verächtlichmachung oder eine Beleidigung oder sonst irgendeine Verletzung von Rechen des Papstes herleitet.

Wäre das hier nicht für alle Beteiligten eine prima Gelegenheit gewesen, Souveränität und Reife zu beweisen und einen kleinen Beitrag dazu zu leisten, dass eine körperliche Schwäche, die ohne guten Grund als lächerlich und peinlich und beschämend gilt, ein bisschen mehr Akzeptanz erfährt, und den Betroffenen zu zeigen, dass sie sich für ihre Probleme eben nicht schämen müssen?

Wäre das nicht genau die Reaktion, die man, wenn schon nicht von einem zunehmend bedeutungslosen und mäßig interessanten Satiremagazin, so doch zumindest von einer Organisation erwarten kann, die ihre Daseinsberechtigung aus ihrer absoluten Moral und ihrem Einsatz für das Gute und Richtige zieht?


Cargo-Kult-Literatur

15. Juli 2012

Eigentlich müsste China Miévilles aktueller lovecraftianischer, gaimantastischer, londoniöser, absurder, sozialkritischer Götter-Apokalypse-Horror-Mystery-Geister-Comedy-Detektiv-Klassiker Kraken tadellos funktionieren und ein umwerfend gutes Buch sein. Die Beschreibung von Publisher’s Weekly trifft wie gewohnt sehr prägnant den Nagel auf den Kopf:

British fantasist Miéville mashes up cop drama, cults, popular culture, magic, and gods in a Lovecraftian New Weird caper sure to delight fans of Perdido Street Station and The City & the City. When a nine-meter-long dead squid is stolen, tank and all, from a London museum, curator Billy Harrow finds himself swept up in a world he didn’t know existed: one of worshippers of the giant squid, animated golems, talking tattoos, and animal familiars on strike. Forced on the lam with a renegade kraken cultist and stalked by cops and crazies, Billy finds his quest to recover the squid sidelined by questions as to what force may now be unleashed on an unsuspecting world. Even Miéville’s eloquent prose can’t conceal the meandering, bewildering plot, but his fans will happily swap linearity for this dizzying whirl of outrageous details and fantastic characters.

Alles irgendwie richtig, und bevor hier Zweifel aufkommen: Ich bin ein großer Fan von Perdido Street Station, und sogar von The City & The City, auch wenn ich zugeben muss, dass Letzteres als Kurzgeschichte auch gereicht hätte. Aber trotzdem…

Bei mir hat’s nicht geklappt. Ich war enttäuscht. Obwohl Miéville tatsächlich alles professionell abhakt, was in so einem Buch vorkommen muss, von den absurden Auswüchsen eine modernen Magie-Schattenwirtschaft über exzentrische Charaktere bis hin zu einer Variante von Erzschurke, auf die man erst einmal kommen muss, hat Kraken mich nicht nur gelangweilt, sondern streckenweise regelrecht geärgert. Vielleicht sogar gerade deshalb.

Denn was Perdid Street Station auszeichnete und The City & The City geradezu konstituierte, war die Originalität, die Einzigartigkeit, das Ausbrechen aus Konventionen, und das findet in Kraken zwar noch statt, ist aber nur Mummenschanz, damit man sich als Leser avantgardistisch fühlen kann. Natürlich hat mich das bunte Feuerwerk aus sonderbaren Zauberwesen, unkonventionellen Polizisten und surrealen Ereignissen auch ein bisschen abgelenkt, aber ich konnte dabei doch in Wahrheit in jedem Moment die Dramaturgie auf ihren ausgefahrenen Schienen unter mir rattern hören, und wenn mal eine Überraschung vorkam, dann bezog sie sich auf ein völlig irrelevantes Detail, über das ich zuvor nie ernsthaft nachgedacht hatte. Sogar die großen Twists am Ende sind weniger “Oh, Wow!” als “Ähm… Ja, und?”-Momente.

Beispiel: Es gibt in Kraken einen zwei Antagonisten/Schurken/Monster, die das ganze lange Buch über sehr zu gründlich und ausführlich als das fieseste, stärkste, größte, unbesiegbarste, grausamste, übernatürlichste Monster des bekannten Universums aufgebaut werden, vor dem sich sogar Götter fürchten und von dem niemand lauter als in einem Flüstern zu sprechen wagt: Goss und Subby. Goss ist ein großer, starker, brutaler, unfreundlicher Typ, der immer von einem eher passiven kleinen Jungen begleitet wird, der kaum für mehr gut ist als für gelegentliche Handreichungen. Niemandem ist es je gelungen, Goss zu entkommen, denn er scheint unverwundbar und unaufhaltsam, und niemand weiß, warum immer dieser sonderbare kleine Junge in seiner Nähe ist, und warum Goss niemals von seiner Seite weicht. Wenn jemand von euch jetzt noch nicht ahnt, was seine geheime Schwachstelle ist und wie dieser Faden der Geschichte zu Ende geht, dann … ist Kraken vielleicht genau das richtige Buch für diese dich. Glückwunsch.

Und natürlich darf auch am Ende von Kraken nicht fehlen, was am Ende eines jeden solchen Buches nicht fehlen darf: Ein -zigseitiges aufregendes Actionfeuerwerk, das ich ungeduldig und genervt überblättert habe, bis dann pflichtgemäß der große Twist kam und ich das blöde Ding endlich zur Seite legen konnte.

Fazit: 27 von 38 möglichen Punkten. Wer Terry Pratchett und Neil Gaiman noch nicht über hat, der wird auch an Kraken Freude haben. Wer China Miéville mag, wird enttäuscht und verärgert werden.

Und ein Architeuthis ist kein Krake, verdammt noch mal!


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