Cargo-Kult-Literatur

Eigentlich müsste China Miévilles aktueller lovecraftianischer, gaimantastischer, londoniöser, absurder, sozialkritischer Götter-Apokalypse-Horror-Mystery-Geister-Comedy-Detektiv-Klassiker Kraken tadellos funktionieren und ein umwerfend gutes Buch sein. Die Beschreibung von Publisher’s Weekly trifft wie gewohnt sehr prägnant den Nagel auf den Kopf:

British fantasist Miéville mashes up cop drama, cults, popular culture, magic, and gods in a Lovecraftian New Weird caper sure to delight fans of Perdido Street Station and The City & the City. When a nine-meter-long dead squid is stolen, tank and all, from a London museum, curator Billy Harrow finds himself swept up in a world he didn’t know existed: one of worshippers of the giant squid, animated golems, talking tattoos, and animal familiars on strike. Forced on the lam with a renegade kraken cultist and stalked by cops and crazies, Billy finds his quest to recover the squid sidelined by questions as to what force may now be unleashed on an unsuspecting world. Even Miéville’s eloquent prose can’t conceal the meandering, bewildering plot, but his fans will happily swap linearity for this dizzying whirl of outrageous details and fantastic characters.

Alles irgendwie richtig, und bevor hier Zweifel aufkommen: Ich bin ein großer Fan von Perdido Street Station, und sogar von The City & The City, auch wenn ich zugeben muss, dass Letzteres als Kurzgeschichte auch gereicht hätte. Aber trotzdem…

Bei mir hat’s nicht geklappt. Ich war enttäuscht. Obwohl Miéville tatsächlich alles professionell abhakt, was in so einem Buch vorkommen muss, von den absurden Auswüchsen eine modernen Magie-Schattenwirtschaft über exzentrische Charaktere bis hin zu einer Variante von Erzschurke, auf die man erst einmal kommen muss, hat Kraken mich nicht nur gelangweilt, sondern streckenweise regelrecht geärgert. Vielleicht sogar gerade deshalb.

Denn was Perdid Street Station auszeichnete und The City & The City geradezu konstituierte, war die Originalität, die Einzigartigkeit, das Ausbrechen aus Konventionen, und das findet in Kraken zwar noch statt, ist aber nur Mummenschanz, damit man sich als Leser avantgardistisch fühlen kann. Natürlich hat mich das bunte Feuerwerk aus sonderbaren Zauberwesen, unkonventionellen Polizisten und surrealen Ereignissen auch ein bisschen abgelenkt, aber ich konnte dabei doch in Wahrheit in jedem Moment die Dramaturgie auf ihren ausgefahrenen Schienen unter mir rattern hören, und wenn mal eine Überraschung vorkam, dann bezog sie sich auf ein völlig irrelevantes Detail, über das ich zuvor nie ernsthaft nachgedacht hatte. Sogar die großen Twists am Ende sind weniger “Oh, Wow!” als “Ähm… Ja, und?”-Momente.

Beispiel: Es gibt in Kraken einen zwei Antagonisten/Schurken/Monster, die das ganze lange Buch über sehr zu gründlich und ausführlich als das fieseste, stärkste, größte, unbesiegbarste, grausamste, übernatürlichste Monster des bekannten Universums aufgebaut werden, vor dem sich sogar Götter fürchten und von dem niemand lauter als in einem Flüstern zu sprechen wagt: Goss und Subby. Goss ist ein großer, starker, brutaler, unfreundlicher Typ, der immer von einem eher passiven kleinen Jungen begleitet wird, der kaum für mehr gut ist als für gelegentliche Handreichungen. Niemandem ist es je gelungen, Goss zu entkommen, denn er scheint unverwundbar und unaufhaltsam, und niemand weiß, warum immer dieser sonderbare kleine Junge in seiner Nähe ist, und warum Goss niemals von seiner Seite weicht. Wenn jemand von euch jetzt noch nicht ahnt, was seine geheime Schwachstelle ist und wie dieser Faden der Geschichte zu Ende geht, dann … ist Kraken vielleicht genau das richtige Buch für diese dich. Glückwunsch.

Und natürlich darf auch am Ende von Kraken nicht fehlen, was am Ende eines jeden solchen Buches nicht fehlen darf: Ein -zigseitiges aufregendes Actionfeuerwerk, das ich ungeduldig und genervt überblättert habe, bis dann pflichtgemäß der große Twist kam und ich das blöde Ding endlich zur Seite legen konnte.

Fazit: 27 von 38 möglichen Punkten. Wer Terry Pratchett und Neil Gaiman noch nicht über hat, der wird auch an Kraken Freude haben. Wer China Miéville mag, wird enttäuscht und verärgert werden.

Und ein Architeuthis ist kein Krake, verdammt noch mal!

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3 Antworten zu Cargo-Kult-Literatur

  1. Die Bas-Lag-Bücher sind alle exzellent, aber Kraken ist wirklich erschreckend langweilig.

  2. hast du eigentlich schon mal was zu dan simmons gesagt? nur um mal einen megasellernamen reinzuwerfen, bei dem ich mir nicht sicher bin ob ich mich ärgern oder freuen soll. bisschen wie bei koontz. (obwohl ich mich bei dem fast immer ärgere, come to think of it…)

  3. [...] Kraken war nicht gut, und was er davor gemacht hat, ging mir mit seiner manchmal arg aufdringlichen [...]

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