Der Hass der OZ

Um meine pathologisch FAZ-Obsession zu lindern, hat mir jemand freundlicherweise ein alternatives Qualitätsmedium empfohlen, das ich nun heute zum ersten Mal gelesen habe, um mich davon zu überzeugen, dass es auch ein Leben außerhalb von faz.net gibt. Und siehe da, ich habe gleich ein Thema gefunden, über das ich so gern schreiben möchte, dass ich mich mal von dem etwas unglücklichen Umstand abhalten lasse, dass dazu eigentlich bei Neues aus Westsibirien schon alles gesagt ist.

Robin Fehrenbach schreibt in der Neuen Osnabrücker Zeitung unter der Überschrift “Der Hass der Andersgläubigen” zu den Angriffen auf das US-Konsulat in Bengasi und die Botschaft in Kairo. Falls ihr davon nichts gehört haben solltest: Manche Muslime fühlten sich von einem Trailer für einen angeblichen Film namens “Innocence of Muslims” beleidigt und dachten sich, ein paar Morde wären darauf wohl die angemessene Reaktion. Was schreibt Fehrenbach nun dazu?

 In ihrem Hass auf Andersgläubige stehen die  Islamisten aus Libyen und Ägypten den geistigen Brandstiftern jenseits des Atlantiks in nichts nach.

Ähm.

Hm.

Wow.

Jemand, der unschuldige Menschen tötet, steht jemandem, der ein unlustiges billiges hämisches YouTube-Video veröffentlicht, in nichts nach? Wie verdreht muss man denn denken, wie vollständig müssen einem die Maßstäbe abhanden gekommen sein, um sowas zu schreiben?

Sie beide sind schlichtweg Fanatiker.

Fehrenbach traut sich anscheinend nirgends, explizit zu sagen, dass er beide Handlungen ungefähr gleich bewertet, aber es kommt in seinem Kommentar für mich unmissverständlich rüber.

Der angeblich von koptisch-christlichen und jüdischen Überzeugungstätern in die Welt gesetzte Film stellt ein abartiges Machwerk dar und ist auf das Schärfste zu verurteilen.

Interessant, dass Herr Fehrenbach das weiß, ohne ihn gesehen zu haben. Er kann ihn nicht gesehen haben, denn niemand kennt den ganzen Film, falls es überhaupt einen gibt. Bekannt ist nur dieser Trailer. Nun mag der reichen, um zu dem Schluss zu kommen, dass der ganze Film ein abartiges Machwerk wäre und auf das Schärfste zu verurteilen wäre (Ich sehe das auch so. Habt ihr diese Green-Screen-Effekte gesehen? Und diese Schauspieler Darsteller? Sowas kann man wirklich nicht scharf genug verurteilen.), aber wenn ich schon für eine Zeitung schreibe, kann ich mich doch auch präzise ausdrücken und von dem Trailer sprechen, den ich gesehen habe, falls überhaupt.

Und dann schreibt er noch, der Produzent sei ja auch abgetaucht, was seine Feigheit demonstriere, als gäbe es im Kontext von massenhafter mörderischer Gewalt nichts Dringlicheres, als diesen Filmproduzenten zu verurteilen. Ja, verurteilen, im doppelten Sinne:

Zudem gehören die Verantwortlichen der virtuellen und realen Taten vor Gerichte.

Und ich frage noch einmal: Wie weit muss man sich von sinnvollen moralischen Vorstellungen entfernt haben, um auch nur zu implizieren, dass Mörder und Produzenten schlechter YouTube-Videos ein vergleichbares Maß an  Schuld tragen? Kann man diesen Satz irgendwie anders verstehen? Bin ich unfair?

Und wenn die Produzenten dieses Videos (und die Darsteller, die Kameraleute, die Effektspezialisten, die Beleuchter? Verantwortlich sind die ja alle irgendwie, oder?) dann schließlich vor Gerichten stehen, was sollen diese Gerichte nach Meinung von Herrn Fehrenbach mit ihnen machen? Was genau ist die “virtuelle Tat”, die wir ihnen vorwerfen?

Sollten wir generell Menschen bestrafen, deren Machwerke wir als abartig beurteilen, oder nur dann, wenn die Gegner dieser Machwerke ein gewisses Maß an Kriminalität und Wahnsinn überschreiten?

Was ist die Strafe für vollständig missglückte und moralisch verwerfliche Meinungsäußerungen, Herr Fehrenbach? Und ist die dann auch für Zeitungsautoren anwendbar?

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10 Antworten zu Der Hass der OZ

  1. Guinan sagt:

    Schöner Verriss :D

  2. malefue sagt:

    ich stimme dir zu, aber gibt es da nicht noch eine andere ebene, und ich bin mir selbst nicht 100%ig im klaren wie ich darüber denke:
    wenn man eine (absichtlich) provokative botschaft an/über eine bekanntermaßen mit gewalt auf kritik reagierende gruppe sendet, hat man dann in einem begrenzten rahmen verantwortung für die folgen?

    ich weiß, das klingt sehr nach akkomodistengymnastik, ich vertraue darauf dass zumindest ein paar kommentatoren wissen, dass ich weit davon entfernt bin und mir nicht ungesehen den hintern versohlen. carry on.

  3. Muriel sagt:

    @malefue: Meine Meinung zu der Idee findest du hier.

  4. malefue sagt:

    ah danke, muriel.

  5. Dietmar sagt:

    Früher, als alles viel, viel besser war, nannte man solche Werke “entartete Kunst” und dann hatte es sich. Recht hat Herr Fehrenbach! Das ist kulturelle und intellektuelle Brandstiftung, die Mord und Totschlag herausfordern, weil sie Gefühle verletzen!

    Hm. Ich merke gerade, das diese bekloppte Haltung von dem guten Herrn Fehrenbach auch durch Überspitzung nicht lustig wird. Warum müssen wir uns von diesen fanatischen Spinnern gleich welchen Lagers die Maßstäbe verrücken lassen? Warum kommen die damit durch? Unfassbar und traurig.

  6. freiheitistunteilbar sagt:

    ich stimme dir zu, aber gibt es da nicht noch eine andere ebene, und ich bin mir selbst nicht 100%ig im klaren wie ich darüber denke:
    wenn man eine (absichtlich) provokative botschaft an/über eine bekanntermaßen mit gewalt auf kritik reagierende gruppe sendet, hat man dann in einem begrenzten rahmen verantwortung für die folgen?

    Jeder ist für SEIN Handeln selbst verantwortlich. Ein Koranverbrenner dafür, dass die Umgebung mit Aschee bedeckt ist und der muselmannische Lynchmob, der ihn und seine Kirche zerstören möchte. Kausalkette ungleich Verantwortung.

    Das Beispiel mit dem Y-Psheft ist auch sehr unterhaltsam. Kein Apeasement gegenüber einem Bluffer oder Sadisten birgt ein gewisses Risiko, jedoch von Mitschuld kann keine Rede sein, zumal es mehr als genug Handlungsoptionen gibt.

    Die größten Antisemiten und Schwulenhasser des Planeten sind nun ‘mal gläubige Muselmannen. Aber das muss der Linke in Form eines Reality-Clashes spüren, sonst lebt er weiter in seinem Utopia.

    Dieser Fehrenbach ist wahrscheinlich auch Urheber des deutschen Gesinnungsstrafrechts, mit genau ebendieser Begründung.

  7. bornabas sagt:

    @freiheitistunteilbar:

    Würg. Ich vermute einfach mal, dass Muriel im Urlaub nicht jeden Tag in seinen Blog schaun kann. Ansonsten hätte er Deinen Kommentar (hoffentlich) nicht unwidersprochen hier stehen lassen.

  8. Muriel sagt:

    @bornabas: Deine Vermutung ehrt mich, aber ich bin fauler, als du offenbar glaubst.
    Aus vielfältiger Erfahrung weiß ich, dass freiheitistunteilbar und ich nicht kommunizieren, deshalb antworte ich ihm nicht.
    Weiter gehe ich aus Naivität und Glauben an die Menschheit davon aus, dass sein Blödsinn sich selbst diskreditiert und er als gutes abschreckendes Beispiel dient, deshalb lösche ich Äußerungen von ihm bisher nicht.

  9. bornabas sagt:

    @Muriel:

    Jetzt, wo Du es sagst, fällt es mir auch auf, dass Du freiheitistunteilbar nicht antwortest. Ist wohl die vernünftigste Strategie. Ich war halt so mittel schockiert, dass die Aussage als letzter Kommentar unkommentiert so dastand.

  10. Muriel sagt:

    @Bornabas: Verständlich. Aber das hast du ja jetzt dankenswerterweise repariert.

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