an Größenwahn grenzende Arroganz

29. Oktober 2012

Ich habe zum Beispiel über den Game One Newspodcast davon erfahren: Apple hat die Preise für seine Apps erhöht, ohne mit den Leuten drüber zu reden, die diese Apps erstellen und mit Inhalten versorgen. Das ist einigermaßen dreist von Apple. Das ist schlechter Stil. Gar keine Frage. Es fällt mir besonders leicht, das zuzugeben, weil ich Apple nicht besonders mag, und weil dieses Nichtbesondersmögen sich durch den unsäglichen Hype um jedes neue leicht angepasste Produkt aus diesem Haus inzwischen in eine solide Antipathie entwickelt hat.

Dennoch gelingt es dem Spiegel (full disclosure: den ich noch weniger leiden kann) mühelos, die von Apple bereits ambitioniert angelegte Messlatte an Dreistigkeit und schlechtem Stil zu übertreffen. Was hält der Spiegel denn von Apples Preiserhöhung?

 Wir halten das für einen skandalösen Vorgang von grundsätzlicher Bedeutung.

Ahja. Fällt jemandem ein Beispiel für einen Artikel ein, der einen Vorgang als “skandalös” bezeichnet und trotzdem noch lesenswert ist? Es gibt bestimmt welche. Ich weiß nur gerade keins. Um diese Einschätzung zu untermauern, legt das Sturmgeschütz der Demokratie (Na, kommt schon. Ihr habt nicht ernsthaft damit gerechnet, dass ich den ersten Spiegel-Post im Internet schreibe, in dem dieser Begriff nicht vorkommt, oder? So avantgardistisch bin ich dann auch wieder nicht.) mit einem Vergleich nach, der natürlich, wie sich das für ein seriöses, nur der Wahrheit und der Aufklärung verpflichtetes Medienunternehmen gehört, penibelst die realen Umstände abbildet und sich darauf beschränkt, sie ohne jede Verzerrung zu veranschaulichen:

Nehmen wir an, Sie, lieber Leser, verkaufen auf einem Dorfplatz Obst. Wie würden Sie reagieren, wenn eines Nachts der Marktbetreiber kurzerhand all Ihre Preisschilder ummalte? Hier werden aus 79 Cent vielleicht 89. Da aus 3,99 Euro 4,49. Alles jedenfalls wird teurer. Erklärungen gibt es keine. Stattdessen hält der Typ am nächsten Morgen die Hand auf: “Ich krieg’ davon übrigens noch 30 Prozent.”

Und genau wie “auf einem Dorfplatz” läuft es ja gewiss auch, wenn man als riesiger Verlagskonzern im Applestore eine App anbietet. Man steht da halt in seinem handgezimmerten Stand mit dem Tapeziertisch von Opa, kaut auf einem Strohhalm herum und wartet, malt liebevoll gestaltete Preisschilder, kassiert das Geld vom Kunden, und ist dann völlig verblüfft, wenn ohne Vorwarnung so ein “Typ” vor einem steht und einem sagt, dass er eine Umsatzbeteiligung zu kriegen hat.

Ich persönlich hätte ja eher gedacht, dass der Store von Apple betrieben wird, und die Abwicklung der Zahlungen auch Apple organisiert, dass am Ende nur die Verlage ihren Anteil vom Umsatz bekommen. Ich wäre auch davon ausgegangen, dass dieser Anteil, und überhaupt das ganze Procedere, vorher haarklein in professionell abgefassten Verträgen festgehalten wird, den die Anwälte beider Seiten gründlich geprüft haben. Aber offenbar ist die Welt der Medien-Apps eine viel idyllischere, als ich bisher angenommen habe. Eben weil ich diesem peinlichen Irrtum aufgesessen bin, hätte ich bis gerade eben wahrscheinlich auch gesagt:

Was regt ihr euch auf, ihr nörgeligen Totholz-Medien? Apple gehört eben der Laden. Und wer dort seine Produkte verkaufen möchte, muss eben auch das Recht des Hausherrn akzeptieren, dass der die Preise festlegt.

Aber jetzt weiß ich es ja besser. Und für die anderen hat der Spiegel ein Gegenargument am Start, dem sich nun wirklich niemand verschließen kann:

Aber warum eigentlich? Was geht es Apple an, wieviel der SPIEGEL von seinen Lesern für die Lektüre seiner Inhalte verlangt? Wer gibt der Firma das Recht, den Preis zu bestimmen?

Und jetzt höre ich mal auf damit, so zu tun, als wäre ich auf Seiten des Spiegels und vollziehe einen rasanten Wechsel im Tonfall, einfach weil ich nicht mehr kann: Ich wüsste gerne, ob die Spiegel-Redaktion wirklich so unfassbar selbstgerecht ist, und ob sie diese unerschütterliche Überzeugung von der eigenen Sonderrolle und der eigenen tragenden Bedeutung für den Fortbestand der Welt, wie wir sie kennen, ehrlich empfindet, oder ob es sich hier nur um einen Versuch handelt, die Leser zu verschaukeln.

Warum eigentlich? Wer gibt der Firma das Recht? Spiegel, geht’s noch? Weil ihr das so mit denen vereinbart habt! Der Vertrag, den ihr unterschrieben habt, gibt der Firma das Recht. Ihr erwartet doch nicht im Ernst, dass wir euch abkaufen, ihr wüsstet das nicht?

Natürlich nicht. Denn darum geht es euch nicht. Ihr wisst ganz genau, was in eurem Vertrag steht, und ihr wisst auch ganz genau, dass ihr den nicht kündigen werdet, weil ihr glaubt, auf Apple angewiesen zu sein. Euch geht es um was ganz anderes, und für die, die es nicht schon von Weitem kommen gesehen haben, geht die alte Leier dann schließlich auch explizit wieder los:

Medienhäuser produzieren nun mal keine Schrauben oder Angry-Birds-Fortsetzungen. Sie liefern Informationen, Zusammenhänge, Nachrichten.

Genau. Klar, ihr seht generell schon ein, dass jeder in seinem eigenen Laden entscheiden darf, welche Preise er für den Kram nimmt, den er verkauft. Ihr seht schon ein, dass Verträge generell bindend sein sollen, und dass man nun mal das Hausrecht anderer achten muss. Generell hier im Sinne von: für alle anderen. Nicht für euch. Ihr seid viel zu wichtig und eure Produkte viel zu kostbar, als dass ihr euch um solchen lästigen Kleinkram kümmern müsstet:

Sie sind ein relevanter Baustein jeder funktionierenden Demokratie.

Genau. Und was wäre denn das schon für eine funktionierende Demokratie, in der Medienhäuser sich an dieselben Regeln halten müssen wir alle anderen? Schließlich ist

ihr Grundkapital [...] ihre Glaubwürdigkeit, die sich wiederum aus Unabhängigkeit speist. Auch der ökonomischen.

Genau. Auch der ökonomischen! Die ökonomische Unabhängigkeit ist ganz wichtig. Deshalb sind die Medienhäuser Deutschlands auch gerade nachdrücklich dabei, sich ökonomisch unabhängiger zu machen, indem sie sich durch das geplante Leistungsschutzrecht in eine Abhängigkeit von der Umverteilungsmaschinerie des Staates begeben. Ähm. Ach naja, wer wird da so kleinlich sein? Ökonomische Unabhängigkeit ist natürlich wichtig, aber was kann schon schief gehen, wenn die gesamte Medienlandschaft sich vom Staat abhängig macht? Was sollte der schon tun, um diese Abhängigkeit zu missbrauchen? Eben.

Wie? Was Unabhängigkeit jetzt damit zu tun hat, dass Apple nicht selbst entscheiden darf, zu welchem Preis sie ihre Apps verkaufen? Ja, dazu kommt der Spiegel jetzt. “Unabhängigkeit” ist hier nämlich nicht im Sinne von “Unabhängigkeit” gemeint, sondern im Sinne von “anderen vorschreiben dürfen, was sie zu tun haben”, oder wie der Spiegel es formuliert:

Auch der ökonomischen, den eigenen Preis in der gewünschten Höhe festzulegen – und nicht in von Apple vorgegebenen Schritten.

Als wäre der Spiegel irgendwie verpflichtet, sich von Apple vorgeben zu lassen, in welchen Schritten er seinen Preis festlegt. Ist er nämlich nicht. Es steht dem Spiegel völlig frei, seinen Preis festzulegen, wie immer er das gerne möchte. Das bezweifelt niemand. Auch der Spiegel weiß das eigentlich. Aber es gefällt dem Spiegel nicht, dass er mit den Konsequenzen leben muss, namentlich, dass dann manche Leute einfach keine Lust mehr haben, zu diesen Preisen Geschäfte mit ihm zu machen. Apple zum Beispiel.

 Der Fall zeigt noch einmal anschaulich, wie die dominierenden Anbieter im Onlinegeschäft heute ihre Marktmacht durchsetzen

Und das ist für den Spiegel natürlich nicht hinnehmbar. Wie kann es jemand wagen, die eigene Marktmacht gegen die Unabhängigkeit des Spiegels durchzusetzen, wo doch der Spiegel so gerne seine Macht gegen die Unabhängigkeit anderer durchsetzen würde? Frechheit.

Wie Apple, Google oder Facebook inzwischen mit einer an Größenwahn grenzenden Arroganz versuchen, die Rahmenbedingungen im Mediengeschäft zu bestimmen

ist dem Spiegel ein sehr schmerzhafter Dorn im Auge, weil es ihn davon abhält, mit einer an Größenwahn grenzenden Arroganz selbst die Rahmenbedingungen im Mediengeschäft zu bestimmen. Unverschämtheit!

Der Konflikt spitzte sich in jüngster Zeit zu: Weil Google etwa aktuell in Frankreich fürchten muss, dass es für die Anzeige von Nachrichten-Snippets Gebühren zahlen soll, droht es kurzerhand damit, man könne französische Medien ja auch einfach abknipsen.

Und das ist doch nun wirklich nicht zu fassen, oder? Bloß weil die Verlagshäuser in Ausübung ihrer ökonomischen Unabhängigkeit Google mithilfe der Staatsmacht zwingen wollen, etwas dafür zu bezahlen, wenn Google ihnen Kunden zuleitet, erdreistet Google sich, ihnen zu drohen, damit aufzuhören. Das wäre ja noch schöner, wenn Leute einfach aufhören dürften, eine Leistung für mich zu erbringen, bloß weil ich Geld dafür von ihnen verlange!

Und bevor ihr jetzt lacht und euch freut, dass nur die nörgeligen Totholz-Medien der Hybris von Google und Apple zum Opfer fallen: Es steht wie immer die Zukunft unserer ganzen Zivilisation auf dem Spiel, denn

Opfer sind nicht nur die Verlage. Opfer sind vor allem die Leser. Opfer ist jene Gesellschaft, auf deren Freiheit sich die Konzerne so gern berufen.

Und natürlich die Kinder. Und die Katzenbabys. Für jede nicht mit dem Spiegel abgesprochene Preiserhöhung im Apple-Store muss nämlich irgendwo ein niedliches kleines Katzenbaby sterben. Und das können wir doch nun wirklich nicht zulassen, oder?


Fremde in einem fremden Land

27. Oktober 2012

Ich weiß ja nicht, wie ihr das so findet, dass ich hier hin und wieder mal Fragmente von Geschichten veröffentliche, die nicht geworden sind, aber ich finde es eigentlich ganz gut, und dies scheint ohnehin die Zeit der außerordentlich mäßigen Artikel bei überschaubare Relevanz zu sein, da passt dieser hier sehr gut dazwischen.

In diesem Fall kann man eigentlich gar nicht mehr von einem Fragment einer alten Geschichte sprechen. Ich dachte nämlich kürzlich mal an meinen Anfang zu “Fremde in einem fremden Land” und dachte dabei: Hey, das war doch eigentlich ganz cool, vielleicht kann ich das mal im Blog veröffentlichen. Und dann las ich es und dachte: Hey, das ist extrem peinlich, das kann ich auf gar keinen Fall jemandem zeigen. Ich überarbeitete es also und merkte: Hey, das ist völlig verwirrend und kaum verständlich, so ganz ohne Kontext. Ich zeig’s euch trotzdem, weil ich denke, hey, immerhin war die Arbeit dann nicht völlig umsonst, und wer weiß, vielleicht ist ja der eine oder andere merkwürdige Mensch unter meinen Lesern, der gerne mal was schwer Verständliches ohne Kontext liest.

Wäre doch nachgerade verblüffend, wenn nicht.

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cruel and usual

27. Oktober 2012

Ich habe zuletzt hin und wieder mal angedeutet, was zum Thema Strafrecht und Strafvollzug schreiben zu wollen, und nicht zuletzt, weil das immer ganz gut ankam, wollte ich es heute mal tun, wie gewohnt völlig sorglos im Angesicht meiner weit reichenden Ahnungslosigkeit zur Realität des deutschen Strafvollzugs. Leider ist dabei schon wieder kein griffiges Ergebnis rausgekommen, aber hey, es gibt im Internet schon genug Leute, die alles besser wissen und genau sagen können, wo es lang zu gehen hat, und viel zu wenig Leute, die einfach sinnlos rummeinen … und … wirre Gedankenmäander schreiben … ähm … Na gut, vielleicht gibt es nicht zu wenig von uns, aber ich hab’s trotzdem geschrieben.

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Noch mal ziel- und inhaltsloses Gebrabbel zum Thema Sexismus

25. Oktober 2012

Dieser Beitrag lag jetzt eine Weile hier herum, weil das Thema schwierig ist und ich mir unsicher war, ob ich nicht nur “Ich kann die ganze Aufregung nicht verstehen”-Trollerei betreibe. Ich fürchte, ein bisschen mache ich das, aber auch nicht richtig, denn ich kann die Aufregung prinzipiell schon verstehen. Nur nicht so ganz. Und ich möchte aufrichtig, dass mir jemand dabei hilft. Natürlich würde ein Troll das auch sagen. Aber was soll man machen?

Zur Sache:

Ich habe über das Sprachlog von einem Vorfall erfahren, von dem offenbar außer mir schon jeder wusste: Die beiden eher mäßig lustigen Fernsehmoderatoren Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt haben in einer ihrer Sendungen demnach eine Wette abgeschlossen, dass einer von ihnen eine Mitarbeiterin eines Messestandes an Brust und Hintern berühren sollte, und allem Anschein nach hat der es dann getan.

Im Anschluss reden die beiden noch darüber, und einer sagt:

“Gott, aber der war das auch so unangenehm, die stand da wirklich und hat sich so richtig entwürdigt gefühlt. Die fährt jetzt gleich nach Hause, und dann wird die schön heulen, unter der Dusche. Die steht jetzt sechs Stunden lang unter der Dusche.“

Ja. Hm. Und ich weiß jetzt nicht.

Ich meine, klar, einerseits weiß ich natürlich genau: Leute anzufassen, wenn sie das nicht wollen, ist nicht okay. Sehe ich natürlich genauso. Und sexuelle Übergriffe gegen Frauen sind aus mehreren Gründen noch ein besonders inakzeptabler Sonderfall. Auch das verstehe ich prinzipiell.

Aber andererseits… Und ja, ich weiß, dass viele schon entsetzt sind, weil es bloß ein “andererseits” gibt, und ich will nicht mal ausschließen, dass das sogar richtig so ist, aber ich bin mir andererseits eben wirklich nicht ganz sicher, wie ich so einen Vorgang in einem solchen Format bewerten soll.

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Musth have

24. Oktober 2012

Ja. Und dann waren wir in der Lodge. Man mag nun denken: Im Krüger-Park wart ihr, um Tiere zu sehen, und dann fahrt ihr in eine Lodge neben dem Krüger-Park, um euch Tiere anzusehen. Ist das nicht irgendwie das gleiche?

Genau das habe ich auch gedacht, aber unsere Oberdiplomzertifikatschefreiseberaterin meinte, in so einer privaten Lodge sei das alles noch ein bisschen anders, weil man da zum Beispiel auch zu Fuß rumlaufen und mit dem Auto die Pfade verlassen kann und so. Und dann haben wir das eben gemacht. Sie hatte Recht.

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Bright Outlook (19)

20. Oktober 2012

Um den Eintritt gleich drei neuer Kommentatoren gebührend zu feiern, habe ich mir mit dem heutigen Kapitel besondere Mühe gegeben und es nicht nur in der gewohnten Zeit, sondern auch in der gewohnten Länge fertiggestellt und präsentiere es euch nun in der … gewohnten Form.

Ja, gut, stimmt, eigentlich habe ich überhaupt nichts anders gemacht, aber ich freue mich trotzdem über die neuen Kommentatoren.

Boah, seid ihr pingelig.

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Boah, sag mal

16. Oktober 2012

Meinen die das eigentlich noch ernst, die bei der FAZ, oder veröffentlichen die schon mit Absicht Artikel, um ihre Leser zu verwirren?

Ein Plagiat, also „geistiger Diebstahl“, ist ein Vergehen und kann nach §106 des Urheberrechtsgesetzes mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe geahndet werden. Bei nachgewiesenem Plagiat handelt es sich also nicht um eine Bagatelle oder ein Kavaliersdelikt. Abwegig ist, wenigstens zurzeit, deshalb die Auffassung, wie sie im Grundsatzprogramm der Piratenpartei deutlich wird, wonach das geltende Urheberrecht eine unzumutbare Beschränkung der „aktuellen Entwicklung“ darstelle, da es „auf einem veralteten Verständnis von so genanntem geistigem Eigentum“ basiere.

eröffnet Wolfgang Bittner dort seinen Artikel anlässlich der aktuellen Plagiatsdiskussion um Frau Dr. Schavan (die mich übrigens nicht die Bohne interessiert).

Die Sätze sind ein bisschen verschachtelt und nicht ganz unkompliziert, aber wenn wir sie mal für etwas schlichtere Gemüter umformulieren, dann steht da:

Das geltende Urheberrecht sieht Strafen für Plagiate vor, deswegen ist es abwegig, das geltende Urheberrecht zu kritisieren.

Müsste nicht sogar bei der FAZ jemand gemerkt haben, dass das unfassbarer Blödsinn ist? Lesen die ihren Kram noch, bevor sie ihn veröffentlichen?


Baobababababaraann

10. Oktober 2012

Nach unserer Nachtsafari führte unser Reiseplan uns zu einem anderen Camp, dessen Name mir gerade nicht einfällt, euch aber sowieso nichts sagen würde. Aber bevor wir dazu kommen, habe ich noch etwas nachzuholen. Erinnert ihr euch an die Hyäne ohne Abbildung aus dem letzten Reisebericht? Ich mag Hyänen sehr und würde sogar so weit gehen zu sagen, dass sie meine Lieblingstiere sind. Hyänen haben’s raus. Deshalb bedaure ich sehr, euch kein Bild gezeigt zu haben und will dies unbedingt nachholen. Ein Foto gibt es zwar wirklich nicht, aber gerade ist mir aufgefallen, dass ich ein Video gemacht habe. Nehmen wir eben das:

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Zuallererst Täter

10. Oktober 2012

Es gibt Leute, die einfach nur anderer Meinung sind als ich. Damit kann ich in der Regel leben. Sollten wir alle. Müssen wir sogar.

Aber irgendwo gibt es eine Grenze, ab der wir nicht mehr von einer bloßen Meinungsverschiedenheit sprechen, sondern für uns beschließen, dass die moralischen Vorstellungen einer Person so weit von unseren entfernt liegen, dass wir sie für jede Form von Interaktion für untauglich befinden. Wir nennen solche Personen manchmal schlechte Menschen, Armleuchter, oder denken uns noch andere bunte Beleidigungen für sie aus, aber am Ende bleibt nicht mehr als eine fundamentale moralische Inkompatibilität. Man sollte meinen, dass das gar nicht so oft vorkommt, weil ja eigentlich fast alle Menschen heutzutage einen gewissen Grundkonsens teilen, und wir uns im Grunde alle sehr ähnlich sind.

Wie kommt es, dass ich trotzdem jeden Tag eine allgemein, auch international, respektierte deutsche Tageszeitung aufschlagen und darin etwas lesen kann, das den Verfasser nicht nur in die Kategorie “andere Meinung” ordnet, sondern klar in die Kategier “fundamentale Inkompabilität”? Wie kommt es, dass eine Zeitung regelmäßig öffentlich zeigt, dass sie sich um einen Grundkonsens, der in unserer Gesellschaftlich nicht nur implizit vor sich hin existiert, sondern sogar in Gesetz, Verfassung und multilateralen Abkommen kodifiziert ist, nicht schert, oder ihn grob missversteht, und trotzdem noch hohe öffentliche Achtung genießt?

Ja, es geht natürlich wieder um die FAZ, und es geht (etwas weniger natürlich) mal wieder um Magnus Gäfgen. Das OLG Frankfurt hat nun bestätigt, woran es in meinen Augen von vornherein keinen vernünftigen Zweifel geben konnte: Wenn unser Staat einen seiner Bürger unter Verstoß gegen geltendes Recht schädigt, dann muss er den entstandenen Schaden wieder gut machen. Man kann nun darüber streiten, wo der Schaden bei einer Folterdrohung liegt, ob eine Wiedergutmachung durch Geld möglich und sinnvoll ist, und (vielleicht am schwierigsten) wie hoch die Summe sein soll. Aber über den simplen Grundsatz, dass ein Geschädigter einen Ersatzanspruch gegen seinen Schädiger hat, sollte es keinen Streit geben. Oder? Nee, gibt es wirklich nicht, wenn es nach Reinhard Müller und der FAZ geht. Die Sache ist so klar, dass sie keiner Erörterung bedarf und nicht einmal in einem Nebensatz abgehandelt werden muss, sondern nur einen Klammereinschub braucht:

Man muss aber auch Verständnis für die Gerichte bis hinauf zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte aufbringen, auf den die (überflüssige) Entschädigung für Gäfgen zurückgeht

Überflüssig. Alles klar. Und Verständnis muss man natürlich haben für die Gerichte. Verständnis. Weil sie der Menschenrechtskonvention entsprechend entschieden haben. Liegt es an mir, oder ist das wirklich so ekelhaft?

Für die Gerichte hat Herr Müller immerhin noch Verständnis. Für die Leute, die sich für Gäfgens Rechte eingesetzt haben, schon weniger.

Auf der anderen Seite ist es übel, mit welcher Nonchalance viele Pseudo-Menschenrechtler und selbstgewisse Würde-Experten hier einen glasklaren Fall von Folter erkennen (den sogar die Staatsanwaltschaft verneinte), Deutschland unter Polizeistaatsverdacht stellten und in Gäfgen ein nützliches Opfer sehen.

Klar. Wenn ich einen peinlichen Fehler mache, finde ich die Leute auch immer ziemlich übel, die darauf hinweisen. Wäre ja noch schöner, wenn jeder einfach Deutschland kritisieren dürfte, bloß weil seine Beamten einem Verdächtigen, der sich völlig wehrlos in ihrer Gewalt befindet, Folter androhen. Wo kämen wir denn da hin? Frankreich vielleicht. Russland, klar. Aber Deutschland?

Und für alle, die jetzt völlig verwirrt sind, wie es sein kann, dass Gäfgen eine Entschädigung bekommt, wo wir uns doch schließlich alle einig sind, dass er pöhse ist, stellt Herr Müller zur Beruhigung noch einmal klar:

Er ist zuallererst Täter.

Denn darum geht es ja schließlich in einer aufgeklärten Gesellschaft, in einem modernen Rechtsstaat, in einem anständigen Nachrichtenmedium: Menschen in gut und schlecht, in schutzwürdig und scheußlich, in Täter und Opfer zu  kategorisieren. Und vielleicht ein bisschen Verständnis für Gerichte zu haben, die durch unglückliche, lästige, bürokratische Regeln gezwungen sind, auch mit den schlechten, den scheußlichen, den Tätern gerecht umzugehen.

Zu dumm aber auch.


Welche Leistung nochmal? (2)

7. Oktober 2012

Feigheit ist so ein Vorwurf, den ich eigentlich nie verstehe. Was ist Feigheit in der Regel anderes als Wertschätzung für das eigene Wohlergehen? Nicht unbedingt ein Charakterzug, mit dem ich ein Problem habe.

Was ich außerdem nicht verstehe, ist das System, nachdem deutsche Zeitungen die Leute auswählen, die bei ihnen prominent Kommentare schreiben dürfen. Wenn ich eine Zeitung hätte, würde ich da wahrscheinlich jemanden für haben wollen, dessen Wertesystem halbwegs gerade hängt und sich einigermaßen an dem orientiert, was ich für Vernunft und Anstand halte. Na gut, wenn man das Auftreten unserer Presseverlage in letzter Zeit beobachtet, kommt man womöglich auf die Idee, dass die das durchaus auch so machen.

Wie komme ich auf diese kryptischen Bemerkungen? Jemand hat Kurt Beck bei einem Interview mit der Bemerkung unterbrochen, Bayern bezahle den Nürburgring und den Betzenberg. Beck sagte darauf hin, er solle “Smaul halten”- Und für die FAZ kommentiert Timo Frasch diesen Vorfall. Das ist per se schon ein bisschen merkwürdig, weil ich da nicht viel zu kommentieren sehe. Zwei Menschen sind unhöflich miteinander umgegangen. Willkommen im Leben. Mehr fiele mir dazu wohl nicht ein. Was fällt Herrn Frasch ein?

Hatte der Mann recht? Womöglich. Hatte er das Recht dazu? Vielleicht.

“Vielleicht.” Naja gut, als Mitarbeiter einer international hoch angesehenen Zeitung muss man vielleicht nicht wissen, ob es verboten ist, andere Menschen bei Interviews zu unterbrechen, aber man sollte zumindest eine Möglichkeit finden können, es herauszukriegen, bevor man seinen Artikel veröffentlicht, oder?

Heute glauben ja auch Fußballfans, sie dürften die Spieler als Hurensöhne beleidigen.

Äh, hm, wie bitte was? Wo kam der denn her? Wen hat der Mann denn beleidigt? Ich sehe den Zusammenhang nicht, und Frasch anscheinend auch nicht, denn er erwähnt diesen Aspekt nicht mehr und springt zu seinem eigentlichen Anliegen, dem Kern dieses Vorfalls, der Frage, die uns allen unter den Nägeln brennt:

War es mutig, was der junge Mann getan hat? Eher nicht.

Hä? War es mutig? Aber … wieso das denn? Wer hat denn behauptet, es wäre mutig gewesen, und wofür soll das eine Rolle spielen? Ich meine, Herr Frasch hat Recht, es ist wohl eher nicht mutig, an einem Interview mit Kurt Beck vorbeizulaufen und was dazwischen zu rufen, aber… Würfelt er das aus? Hätte er genauso fragen können, ob es grün war, oder grammatisch korrekt?

Im Gegensatz zu seiner überraschenden Fußballfan-These breitet Frasch seine Behauptung, der Einwurf sei nicht mutig gewesen, sehr breit aus. Vier Sätze in seinem kurzen Kommentar wendet er auf, um uns zu erklären, warum er diese belanglose Aktion eines Menschen, den wir alle nicht kennen und der niemanden von uns interessiert, nicht für mutig hält, und das auch nur, um auf eine noch steilere These hinzuleiten. Es war nicht nur nicht mutig, was der junge Mann getan hat, es war ein Akt der Feigheit, jawoll!

Feige war die Aktion des Mannes aber vor allem deshalb, weil er eigentlich sicher sein durfte, dass sich ein Politiker vom Range Kurt Becks nicht leisten kann, was ein Kiez-König einst mit einem Passanten auf der Reeperbahn [...]

Und jetzt noch mal, auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Ich begreife es nicht. Was versucht er, uns mitzuteilen?

Was geht in den Köpfen der beteiligten Personen vor, wie kam es zu dem Beschluss, diesen Kommentar zu veröffentlichen?

“Hey, Beck hat ‘Smaul’ gesagt, da müssen wir unbedingt was drüber schreiben!”

“Also, ich find das ja total feige, was zu jemandem zu sagen, bei dem ich ziemlich sicher bin, dass er mir dafür nicht die Nase abbeißen wird.”

“Au ja! Schreib das mal!”

“Ähm… Warum denn?”

“Beck hat ‘Smaul’ gesagt!”

“Ach ja.”

Qualitätsjournalismus. Leistungsschutzrecht. Vierte Gewalt. Unverzichtbar für eine lebendige Demokratie. Ich reklamiere das alles nicht für mich, und ich schreibe nur zum Spaß und nehme kein Geld dafür, und deshalb fühle ich mich auch nicht schlecht dabei, in meinem Blog irgendwelchen wirren, zusammenhanglosen, bewusstseinsstromhaften Blödsinn zu veröffentlichen, der keinem hehreren Ziel dient, als die Welt an meiner persönlichen Wahrnehmung ihrer selbst teilhaben zu lassen.

Welche Entschuldigung hat die FAZ?


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