Google, wie die SZ sich’s wünscht

4. April 2014

Offenbar hat Google mit Unterstützung von Unitimedia Kabel BW, diversen Bildungsministerien und einer EU-Initiative eine Broschüre herausgebracht, mit deren Hilfe Jugendliche sich mit ihren eigenen Fertigkeiten und Rechten im Umgang mit dem Internet und Dings auseinandersetzen sollen.

Das kann man kritisieren. Wahrscheinlich sollte man das sogar, irgendwie. Ich bin mir zum Beispiel auch nicht sicher, wie angemessen ich es finde, dass staatliche Stellen so etwas in Kooperation mit privaten Unternehmen tun, die eigene Vorstellungen davon haben, wie Jugendliche mit dem Internet umgehen und von ihm und ihnen denken sollen. Und generell bin ich natürlich immer dafür, dass man Dinge infrage stellt, die andere einem erzählen, ganz gleich, ob sie nun die Interessen von Google, eines Ministeriums, oder eines EU-Organs vertreten.

Die SZ hat diese Gelegenheit gesehen und sich entschieden, sie nicht nur zu nutzen, sondern sich dabei auch gleich nach Kräften des bisschens Respekt und Sympathie zu entkleiden, das sie zum Beispiel bei mir manchmal als gefühlt immerhin vertrauenswürdigste Tageszeitung Deutschlands noch genießt.

Wir wissen ja, wie die deutschen Zeitungsverlage zu Google stehen. Nämlich ungefähr so:

Und da kann man es ihnen einerseits nicht verdenken, dass es ihnen schwerfällt, halbwegs sachlich über Google zu berichten, so wie ich zum Beispiel auch verstehen kann, dass es meinem Vater schwerfiel, halbwegs sachlich über meine Mutter zu sprechen. Andererseits … Also, mein Vater erzählte immer diesen Witz von Friedrich II., der die Ausstellung eines Malers besuchte, und diesen darauf hinwies, dass in seinen Bildern ja alles blau sei. Auf die Erläuterung des Malers: “Majestät, ich sehe das so”, erwiderte der König: “Ach, da hättense keen Maler werden dürfe.” Oder so.

Wovon rede ich eigentlich? Die SZ schreibt in ihrem Teaser:

vorgestellt hat den Leitfaden der Konzern Google – darum gibt es auf die Frage nach Datenschutz wohl keine Antwort.

und impliziert damit für mich ganz eindeutig, dass die Broschüre das Thema Datenschutz schamhaft verschweigt, weil Google nicht will, dass Jugendliche sich darum Gedanken machen. Der Text bestätigt diese Interpretation:

 “Auf die Frage nach Datenschutz hat die Broschüre aber keine Antwort”, sagt Stephan Groschwitz von der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend. Das klingt schon ganz anders. Eher so, als mache es die Broschüre vor allem ihrem Financier leicht: Google selbst.

Ich finde, das sind schon relativ klare Vorwürfe, die sich zwar ein bisschen in unscharfen Formulierungen und unentschlossenem Rumgedruckse verstecken, aber mir nicht weniger dummdreist erscheinen, wenn man bedenkt, dass die SZ im letzten Drittel ihres Artikels selbst die Erklärung liefert:

Die Broschüre hat überhaupt keine Antworten. Sie enthält Fragen, und Übungen, und Vorschläge zum Nachdenken, wie:

Glaubst du, dass es in der heutigen Zeit noch möglich ist, anonym zu bleiben? Wie behältst du die Kontrolle über die Inhalte, die du oder deine Freunde online stellen? Welche Fotos lädst du hoch und welche deiner Freunde markierst du?

Zu keinem Themenkomplex liefert sie fertige Antworten. Weder zum Thema Copyright, noch Identity, noch Information/knowledge, noch Privacy, dem aber immerhin sieben von 50 Seiten der Broschüre gewidmet sind.

Natürlich ließe sich auch hier wieder darüber diskutieren, wie die Broschüre die Fragen formuliert, wie mit den Problemen umgeht, und was der richtige Weg wäre, Jugendliche darüber zu informieren und zum Nachdenken anzuregen. Das wäre angemessen und nützlich.

Keins von beidem ist es aber in meinen Augen, mit an den Haaren herbeigezogenen Argumenten niederträchtige Absichten zu insinuieren, jeglichen Beleg für diese Unterstellungen zu verweigern und dann zum Schluss noch mal genau so unfundiert zu unken:

Andererseits könnte dieser Ansatz auch Strategie sein: Indem die Broschüre nur Fragen stellt, geht Google Antworten zur eigenen Datensammel-Praxis aus dem Weg.

Und wie das halt bei Unterstellungen im Konjunktiv so ist: Klar. Das könnte sein. Aber wie das halt bei öffentlichen Unterstellungen so ist: Auch wenn ich sie im Konjunktiv formuliere, sollte ich sie irgendwie belegen, wenn ich mich nicht selbst dem Verdacht aussetzen will, mit ruchlosen Absichten zu arbeiten. Googles Broschüre schlägt ja schließlich immerhin die Auseinandersetzung vor mit Konzepten wie:

Und vor diesem Hintergrund würde ich es schon für angemessen halten, dass der SZ-Autor Andreas Glas klar (Pun not intended, ich schwör!) sagt, wo genau Google seiner Meinung nach beim Thema Datenschutz unsauber gearbeitet hat und was genau er dem Konzern und/oder der Broschüre vorwirft.

Dass er das nicht tut, sondern sich stattdessen entschlossen hat, vage irgendwas zu vermuten und zu hoffen, dass seine Leser sein dumpfes Ressentiment schon irgendwie teilen werden, ist genau die Art von Desinformation und haltloser öffentlicher Diffamierung anderer, die es Leuten wie mir verleiden, Geld für die selbst ernannte Qualitätspresse auszugeben, obwohl wir an und für sich sowohl die Mittel als auch das Interesse hätten, uns von jemandem informieren zu lassen, der seinen Job versteht, und ihn halbwegs vertrauenswürdig zu erledigen versucht.

Schade eigentlich, oder?


balkanisierte Weimarer Kaninchenzüchter

4. März 2014

Es geht bergauf. Letztens musste ich noch Matthias Matussek in Schutz nehmen, heute ist es schon bloß noch das BVerfG. Wer weiß – vielleicht darf ich mich ja demnächst sogar mal wieder auf die Seite von jemandem schlagen, den ich tatsächlich respektiere, und mit dem ich einer Meinung bin, oder so. Das FAZ-Interview von Thomas Thiel mit dem Soziologen Ulrich Beck ist aber andererseits so schlimm blödsinnig, dass ich sogar Hitler dagegen zu verteidigen bereit wäre, wenn es sein müsste. Und der war Vegetarier. Ans Werk also. Worum gehts? Um die jüngste Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, die die Drei-Prozent-Sperrklausel im Europawahlrecht für verfassungswidrig erklärte. Und was hält Ulrich Beck davon?

Ahja. Das war zu befürchten, oder? Experteninterviews sind so. Aber wir haben ja Humor, deswegen schauen wir uns das Elend mal im Detail an:

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Ohjungeohjungeohjunge

3. Februar 2014

ist das aufregend! Ich weiß gar nicht, wo ich mit meinen vielen ulkig widerstreitenden Gefühlen hin soll!

Ich verabscheue einerseits so ziemlich alles, was mir bisher von Alice Schwarzer untergekommen ist. Von ihren Texten über ihre Haltung bis hin zu dem schlichten Umstand, dass sie sich als Bild-Kolumnistin hergegeben hat über wirklich so ziemlich alles bis hin auch zu ihrer Vergangenheit, die wohl partiell als konstruktiver Beitrag zur Gleichstellung von Männern und Frauen gilt, was ich nicht hinreichend beurteilen kann, um mir eine feste Position dazu erlauben zu können, aber zumindest für eher unplausibel halte.

Ich bin andererseits natürlich nicht der Meinung, dass Steuerhinterziehung moralisch verwerflich wäre und sehe auch grundsätzlich nicht viel Sinn darin, die Straftaten und sonstigen Verfehlungen von Leuten breitzutreten, bloß weil die in der Öffentlichkeit bekannt sind. Tatsächlich scheint mir, dass der Umgang unserer Gesellschaft mit derartigen Verfehlungen immer noch so unvernünftig ist, dass ich mich ernsthaft gefragt habe, ob es ethisch noch konsequent ist, dass ich meinerseits drüber schreibe, aber weil ich Alice Schwarzer wie gesagt nicht leiden kann der Meinung bin, dass mein Blog nach Welt, FAZ, Spiegel, Focus und Fernsehnachrichten der Prominenz der Steuerhinterziehung von Frau Schwarzer nicht mehr viel hinzufügen wird, mach ichs einfach mal.

Wiederum andererseits ist natürlich Frau Schwarzers Stellungnahme in eigener Sache mal wieder ein solches Meisterwerk an Unsympathischkeit (Ich weiß, dass das kein Wort ist, aber ich mag es halt lieber als das richtige.), Selbstgerechtigkeit und atemberaubender Dummdreistigkeit, dass man echt nichts mehr dazu kommentieren kann, das es treffender verreißen würde als das schlichte Zitat:

[Der Spiegel] pfeift darauf, dass er damit illegal handelt. Darum werde ich jetzt selber etwas dazu sagen.

Rufschädigung? Klar. Zu viele haben in meinem Fall ein Interesse daran. Ein politisches Interesse. Und ich frage mich, ob es ein Zufall ist, dass manche bei ihrer Berichterstattung über mich gerade jetzt auf Recht und Gesetz pfeifen? Jetzt mitten in der von EMMA angezettelten Kampagne gegen Prostitution, wo es um Milliarden-Profite geht. Bei der Jahrzehnte währenden Kritik von EMMA am Ehegattensplitting, mit dem Vater Staat die Hausfrauenehe mit Milliarden subventioniert. Oder auch nach so scharfen öffentlichen Kontroversen, wie im Fall Kachelmann. 

[Na gut, ein einziger Hinweis vielleicht für alle, die es nicht aus dem Stand so wissen: Der Spiegel handelt natürlich nicht illegal, so er, wogegen meines Wissens nicht spricht, korrekt die Tatsachen wiedergibt, und pfeift deshalb keineswegs auf Recht und/oder Gesetz.]

Wiederum andererseits war mir die Freude darüber, dass Leute, die in der Öffentlichkeit viel über Moral und die Fehler anderer Menschen sprechen, selbst auch Fehler machen und  unmoralisch handeln, stets sehr suspekt, obwohl sie mir selbst auch nicht ganz fremd ist, was aber jedenfalls dazu führt, dass ich sie hier nicht ganz uneingeschränkt genießen und empfinden kann, oder auch nur will, und wäre es nicht auch total cool, wenn ich jetzt diese Gelegenheit ergreifen würde, derjenige zu sein, der Alice Schwarzer in Schutz nimmt, obwohl er sie für einen der schlimmeren Menschen hält, deren Meinung in Deutschland regelmäßig für den großen Kreis veröffentlicht wird, und wenn ich hier ganz selbstlos und prinzipientreu an das Gute im Menschen …?

Naja, nee, das krieg ich nicht hin, und das kauft mir ja eh keiner ab.

Hach.

Ich fühle mich jedenfalls wieder wie ein Einbeiniger beim Arschtrittwettbewerb. Nur dass zum Glück im realen Leben, anders als in dieser etwas geschmacklosen Metapher, die beteiligten Ärsche sich selber treten und jegliche Unterstützung meinerseits völlig überflüssig wäre.

Auch schön, oder?


Neither do I.

19. Januar 2014

I can’t exactly say why, but I’m following samizdata. I don’t really agree with them, because they are slightly too fundamentalist libertarian for my taste. On the other hand, they are not outrageous enough to provide the entertainment I used to get from Jesus.de, for example, before they kicked me out. Still, one of the main reasons might be the hope that I might one day find the occasion to write a post like this one, demonstrating that my criticism is not limited to people whom I fundamentally disagree with.

Rob Fisher writes

The state does not care about you

Doing the rounds on Facebook is a story about a cancer patient told by the Department of Work and Pensions that she contributed to her illness and therefore does not qualify for some amount of welfare payment. One commenter points out that she probably broke some rule, such as drinking too much or not going to some medical appointment or other. Debate ensues about whether such rules are fair.

[...]

A government department can not know exactly how ill a certain individual feels today, and it will not visit you to find out why you did not attend an appointment. [...] so it must make rules, write letters and feed forms into computers.

[...]

It is much better to look not to the state for help, but to one’s friends and neighbours. [...]  If you want to look after the poor and the chronically ill, be a libertarian: take the money and the power away from the heartless state and leave it in the hands of people who care.

And this is, I’m sorry to say, almost exactly the kind of position I’m routinely criticised for and to which I sadly will no longer be able to respond to with something along the lines of “Who wants this? Show me an example! I don’t know anyone who remotely seriously would claim this kind of” Well, to be quite honest, I couldn’t have said that, anyway, because this is not the first time I’ve read this, but whatever, this is the occasion I choose to make my stand. Here goes:

No. I call bullshit. We don’t get this easy way out. It doesn’t work. As a society, we can’t just rely on this unfounded conviction that every person has a friend of a neighbour or a relative who cares enough about him to personally take on the responsibility to provide the help this person might need one day when he or she gets into trouble. Just typing this out makes me grimace in frustration that anyone would seriously propose this as a solution.

To be fair: I’m not sure Rob means it quite so simply. He might not really think that everyone should look to individual other persons for help and trust he’ll find someone to provide it. He might think, like I do, that we don’t need the threat of violence to force people to help each other, but that we can establish reliable voluntary systems based on the realisation that we all need help from time to time and that it makes sense for a society to provide ways of getting its members back on their feet whenever they stumble, and not just leave the lying on the ground and march over them.

But if he does, I think his argument doesn’t work any more, because any such system, to be reliable and not just a matter of luck and knowing the right people who care enough about me to sacrifice significant parts of their own time and money in my interest, needs rules. And it needs exactly the same kind of rules that a government-based non-voluntary system needs. And it will not work better just by virtue of being voluntary. The only advantage it will have by virtue of being voluntary is no longer being based on force and the threat of violence, which, in my book, is more than sufficient to make it desirable. But the rest will not come automatically. There would need to be rules, just as there are rules now, and all we can hope for is that we will be able to make better rules, on a more rational basis, than our system does now, so we will truly enable those members of our society in need of help (which are ALL OF US) instead of degrading them and making them feel dependent and useless.

So, yes, the state does not care about you. It can’t, because it’s an abstract principle. But no, I don’t care about you, either, but I still understand that it is necessary for a functional society to provide help to you if you need it, and that we have to find a way of offering it (mostly) to those who do and not making it too easy to abuse for those who don’t. This challenge is easy to state but very very difficult to overcome, and we will not be able to shirk it by just claiming that everyone has parents or a brother or a friend who will certainly know what to do, and of course be willing to do it.

Bullshit. Just try asking your brothers and friends and neighbours for help when moving, and see how readily they make sacrifices for you. Furthermore, you might notice that poor people, as a rule, have poor friends and neighbors who can’t even afford to make great sacrifices for them. The system we have now is stupid and unethical, and it doesn’t work. But that doesn’t mean no system at all would work better. What we need is a better system. A system that does not depend upon anyone caring for me personally, but upon rationally crafted rules.

There is a difference between a society without rulers, and a society without rules. As libertarians, we strive for the former, but not for the latter, and since no one else seems to understand this important disctinction, we should make sure that at least we ourselves do.


Bitte vergib mir, Sascha!

15. Januar 2014

Oh Gott. Ohgottohgott.

Also, ich hab ja diesen Post über diesen Post von Sascha Lobo geschrieben. Und gesagt, dass ich den doof finde.

Jetzt fühle ich mich ein bisschen schlecht dafür. Irrationalerweise. Ich finde Lobos Artikel nämlich immer noch doof, ziemlich sogar, und das zurecht. Aber wenn ich ihn jetzt mal mit dieser Replik von Evgeny Morozov vergleiche, dann … steht er plötzlich doch ziemlich gut da. Das ist nicht überraschend, denn mit Herrn Morozov hatte ich mich hier schon mal befasst und dabei für mich erkannt, dass seine Schreib- und meine Denkweise auf sehr vielen Ebenen sehr inkompatibel sind, um es so diplomatisch zu formulieren, wie ich es in diesem Kontext noch hinkriege.

Aber überraschend oder nicht, ich fühle mich aus verschiedenen Gründen dazu getrieben, auf Morozovs Antwort an Lobo zu antworten. Trotzdem will ich, auch im Interesse meiner eigenen Zeit und Nerven, versuchen, das nicht in allzu epischer Länge zu tun. Mal sehen. Manche von euch haben ja wahrscheinlich in den letzten Tagen schon schmerzhafte Erfahrungen mit der Natur und Verlässlichkeit guter Vorsätze gemacht. Aber ich bin ein bisschen naiv, also mit besten Absichten ans Werk, wie lange kann das schon dauern?

Die NSA-Enthüllungen haben die Utopie des Internets als eines demokratischen Emanzipationsmediums zerstört.

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Fang den Pudding

14. Januar 2014

Es gibt so Sachen, die ich gerne kritisieren würde, weil sie irgendwie leer und doof und nicht in Ordnung sind, auf so eine vage Art, die sich an nichts Konkretem fest macht, mich aber gerade deshalb sehr verärgert, die sich aber natürlich gleichzeitig kraft eben dieser Eigenheit nur sehr schwer kritisieren lassen, weil sie kaum etwas Konkretes enthalten, das Angriffsfläche böte.

Ein Beispiel wäre Sascha Lobo, dessen Werk ich, seit ich es kenne, vage nicht okay finde, ohne dass sich jemals eine Gelegenheit ergeben hätte, das öffentlich bekannt zu machen, obwohl oder weil (Ich kanns echt nicht so richtig sagen.) er nie irgendwas geäußert hat, das ich wirklich als Beispiel dafür hernehmen könnte. Aber heute (zwei Tage zu spät) habe ich einen Artikel sonderbares Lamento von ihm auf faz.net gefunden, mit dem ich es mal versuchen will. Weniger, weil ich es für ein besonders dankbares Objekt von Kritik hielte, sondern weil ich es mal gesagt haben will, und gerne wüsste, wie es euch so dabei geht.

Thema ist natürlich die sensationell erschreckende Entdeckung, dass die Geheimdienste, deren Job darin besteht, uns heimlich zu überwachen, uns offenbar jahrelang heimlich überwacht haben, und das besonders erschütternde Detail, dass sie dabei nicht einmal vor der Nutzung des denkbar naheliegendsten Mittels überhaupt zurückgeschreckt sind, womit natürlich wirklich niemand rechnen konnte. Niemand hier im Sinne von: Jeder, außer Sascha Lobo, der gesamten Bundesregierung und dem deutschen Journalismus, die offenbar aus allen Wolken gefallen sind, als das bekannt wurde. Und weil dies offenbar eines dieser Themen ist, bei denen alle nur mit großen Scheinen zahlen wollen und niemand wechseln kann, schreibt Lobo:

Die Snowden-Enthüllungen haben die vierte Kränkung der Menschheit offenbart, die digitale Kränkung der Menschheit, der größte Irrtum des Netzzeitalters

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Kommentar zum Altpapier vom 2. Januar, Teil 2

5. Januar 2014

Kennt jemand die sehr gelungene Serie Newsroom? Ich bin damit ziemlich spät dran und habe gerade erst die erste Staffel gesehen, und da gibt es eine Folge, in der die Protagonisten darüber diskutieren, ob sie über den Prozess gegen Casey Anthony und den Sexting-Skandal um Anthony Weiner berichten sollen. Sie halten es zwar nicht für Nachrichten und außerdem für geschmacklosen Seifenopernmist – völlig zu Recht, natürlich -, haben aber andererseits das Problem, das ihnen die Hälfte ihrer Zuschauer abhanden gekommen sind, seit der Prozess läuft und sie ihn ignorieren.

Das passt zeitlich zufällig gut zum zweiten Teil dieses Altpapierkommentars, in dem es um dieses Zitat aus Tobias Gillens Blog geht:

Ich ärgere mich über ein solches Verhalten. Es ist scheinheilig, weil es dabei rein umKlickgeilheit geht. Würde Schumacher keinen interessieren, würde es keine Liveticker, Eilmeldungen und zig überarbeitete Artikel zu ein und demselben Thema geben. Selbiges gilt für etliche Bilder-Strecken, die mit Nicht-Informationen und Archiv-Bildern vollgestopft wurden.

Und dazu habe ich schon wieder eine zur derzeitigen Tendenz passende nachdrückliche Sowohl-als-auch-aber-so-jedenfalls-nicht-ganz-Ansicht, die ich euch nicht vorenthalten will.

Würde Schumacher keinen interessieren, würde es keine Liveticker, Eilmeldungen und zig überarbeitete Artikel zu ein und demselben Thema geben.

Das ist natürlich der Satz, an dem mein Widerstand sich aufhängt. Weil ich nicht ganz einsehe, warum man Journalisten dafür kritisieren soll, dass sie berichten, was ihre Kunden interessiert. Das ist ihre Aufgabe. Wenn niemand Brötchen mögen würde, würden Bäcker keine backen, und wir alle wissen schließlich, dass Bäcker und Journalisten im Grunde den gleichen … Naja, also, ich habe jedenfalls prinzipiell kein Problem damit, wenn jemand die Interessen seiner Kunden zu bedienen versucht, denn anders geht es ja nicht.

Das gilt natürlich (Ich bedaure, das betonen zu müssen, bin aber fest davon überzeugt.) unabhängig davon, ob ich diese Interessen angenehm oder auch nur verständlich finde. Ich persönlich finde die Berichterstattung über und Reaktion auf Michael Schumachers Unfall und Gesundheitszustand sehr fürchterlich und geschmacklos. Die Einzelheiten interessieren mich nicht nur nicht, ich will sie aktiv nicht wissen.

Nun kann man natürlich sagen, dass Journalisten dieses Interesse andererseits durch ihre Berichterstattung schüren und fördern und in die falsche Richtung lenken, und durch bessere Berichterstattung zu einer Gesellschaft beitragen könnten.

Und da ist was dran. Aber dafür muss jemand ihre Berichterstattung wahrnehmen, und das wiederum funktioniert nur, wenn diese Berichterstattung sich an den Interessen der Kunden orientiert statt an dem, was ich oder ihr oder die jeweilige Journalistin für interessant hält. (Und mal ehrlich, ist so vieles, was im Feuilleton der Zeit steht, objektiv gesehen berichtenswerter und interessanter als Michael Schumachers Rekonvaleszenz? Ich glaube kaum. Das ist jetzt kein TeaParty-Wir-hassen-Akademiker-und-ihre-Scheiß-Bildung-Genöle, sondern nur der Hinweis, dass so ein Konzept wie “objektiv berichtenswert und interessant” schon ein sehr wackeliges, wenn nicht sogar komplett sinnloses Konstrukt ist.)

Und bei der Gelegenheit, kurzer Exkurs: Ist das nur meine Filterbubble, oder gibt es jeden Tag ein Dutzend “Lieber Journalismus, wir müssen reden”-Artikel, aber fast nie mal einen “Liebe Leser/Zuschauer/Zuhörer, wir müssen reden”-Artikel? Man wird doch wohl noch sagen dürfen (Hei, es tut weh, diesen Halbsatz zu schreiben, sogar im Scherz. So weh. Au. Aber was tut man nicht alles für den Kampf um die Wahrheit und das Gute und Schöne in der Welt?), dass die Verantwortung zumindest nicht nur bei den Redakteuren und Managern und Fotografen und freien Mitarbeitern von Bild, FAZ, Welt, BlitzIllu (Gibt es die? Ich traue mich nicht zu googlen.), Bunte und Kölner Stadtanzeiger liegt. Die liegt doch auch zu einem erheblichen Teil (Ich würde sagen: Zum bei Weitem größten.) bei den Menschen, die ihnen ihr Geld und ihre Aufmerksamkeit geben und von ihnen fordern, dass sie einen Liveticker über Anthony Weiners Penis oder Michael Schumachers Skiunfall einrichten: Es wäre rhetorisch vielleicht geschickt, zu sagen, dass “wir” das sind, aber schreibe ich nicht, weil ich das nicht bin, soweit ich es vermeiden kann, und zum Glück ohne Heuchelei behaupten kann, dass das wirklich nicht meine Nachfrage ist, diese diese Maschinerie antreibt. Exkurs Ende

Aber bei aller moralischen Selbstüberhöhung -gönnt sie mir, ich habe sonst so selten Gelegenheit dazu- denke ich auch, dass die Berichterstattung nicht mal besonders viel Schaden anrichtet. Was die Journalisten noch mal ein bisschen mehr aus der Verantwortung nimmt. Denn dass Anthony Weiners Penis das Ende seiner politischen Karriere herbeigeführt hat (Hat er doch, oder? Ich traue mich nicht zu googlen.), ist ja nicht die Schuld der Journalisten, sondern die Schuld der Wähler und der ganzen bekloppten Gesellschaft, die meint, dass zwar jemand ein toller Präsident sein kann, der routinemäßig seine Wähler belügt, dass aber jemand als Politiker ungeeignet ist, der Interesse an Sex mit anderen Menschen als seiner Ehefrau hat. Ja gut, ein bisschen polemisch formuliert so, aber ich finds fair. Nicht die Verfügbarkeit von Informationen führt zum Schaden, sondern erst unser Umgang mit ihnen, und da schließe ich mich jetzt meinetwegen doch mal mit ein, weil wir darin alle noch viel viel besser werden müssen.

Was ich damit sagen will: Wir überschätzen Journalisten, und sie überschätzen sich selbst, wenn wir glauben, wenn sie glauben, dass sie Schuld daran sind, dass viele Menschen lesen wollen, wie Michael Schumachers Knochen heilen, oder wie der Strafprozess gegen Casey Anthony abgelaufen ist, und (was ja das eigentliche Problem ist) sich darüber Vorurteile bilden und sich an fremdem Leid und eigenem Hass aufgeilen. Das ist ein Problem, an dem wir alle arbeiten müssen, denn wir sind alle Mitglieder dieser Gesellschaft. Wir sind alle irgendjemandes Lehrer, Vater, Mutter, Bruder, Freund, Ärztin, und wir können alle daran arbeiten, dass wir anders miteinander umgehen, und mit den Informationen, die uns so reichlich zur Verfügung stehen und mit denen wir doch so beklagenswert wenig anfangen können.


Kommentar zum Altpapier vom 2. Januar, Teil 1

3. Januar 2014

Ja nee, keine Sorge, das wird jetzt keine regelmäßige Serie. Mir ist bloß kein besserer Titel eingefallen, unter dem ich mich mit den Themen des gestrigen Altpapiers auseinandersetzen könnte, was ich wollte, was klar ist, weil ersichtlich, dass ich es zu tun plane, was ja nicht der Fall wäre, wenn ich es nicht wollte, wie ihr euch sicher denken könnt, insbesondere wenn ihr mich schon ein bisschen kennt, was ich annehme, weil doll viel Fluktuation gibt es erfahrungsgemäß unter meinen Lesern nicht, was einerseits schade ist, weil ein nicht ganz rational erklärbarer Ehrgeiz mich wünschen lässt, ich hätte mehr, was echt keinen Sinn ergibt, weil man ja zugeben muss, dass meine Leser und Kommentatoren, auch wenn sie nicht so viele sind, doch größtenteils sehr angenehme Zeitgenossen sind, mit denen sich gut reden lässt, was ich sehr zu schätzen weiß, weshalb es eigentlich echt keinen Sinn ergibt, sich drüber zu ärgern, was aber eigentlich auch egal ist, weshalb wir jetzt

zur Sache kommen:

Greenwald hat in seiner Rede eine Grenze überschritten, als er ‘wir’ sagte statt ‘ihr’. Er hat sich mit den anwesenden Hackern gemein gemacht, mit den Aktivisten und Bürgerrechtlern. Er sieht sich als einer von ihnen.

schreiben Kai Biermann und Patrick Beuth für die Zeit über den Eröffnungsvortrag Glenn Greenwalds zum Kongress des CCC in Hamburg.

Und da sind natürlich schon so ein paar Schlüsselformulierungen drin, die mich zu ganz polemischem Widerspruch reizen. “eine Grenze überschritten”, etwa, oder “sich [...] gemein gemacht”, oder “die Zeit”.

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Was mich aufregt

1. Januar 2014

ist ja keineswegs, dass Menschen sich mal irren. Oder dass Menschen eine andere Position vertreten als ich. Aber ich wiederhole mich. Das ist jedenfalls menschlich. Das kann passieren. Manchmal passiert es sogar mir selbst.

Manchmal ist es sogar interessant, mit jemandem zu reden, der etwas anders sieht. Man kann daraus lernen. Im schlimmsten Fall zumindest, wie die andere Person auf ihren Holzweg gekommen ist.

Was mich aufregt, sind Leute, die es evident nicht für nötig halten, ihre Position irgendwie schlüssig zu begründen. Die meinen, unser gesunder Menschenverstand würde uns schon sagen, wann wir dem siebten Sinn vertrauen können, und öffentlich mit Verve eine Meinung vertreten, ohne zu erläutern, warum oder wie sie gedenken, irgendwen davon zu überzeugen.

Was mich aufregt, sind also zum Beispiel Kommentare wie dieser von Heribert Prantl:

Wer von der Verlängerung der Wahlperioden spricht, muss daher zugleich von der Einführung der Volksabstimmung auf Bundesebene reden. Das ist ein demokratisches Junktim.

Soso, ein demokratisches Junktim ist das. Die Verlängerung der Bundestagswahlperiode auf fünf Jahre ist unweigerlich zwingend mit der Einführung von Volksabstimmungen verbunden. Warum? Joa pffft…

Weniger wählen bedeutet weniger Demokratie. Eine Verlängerung der Wahlperiode kann nur dann überhaupt in Betracht kommen, wenn gleichzeitig die demokratischen Rechte der Bürger auf andere Weise gestärkt werden – durch die Möglichkeit von Abstimmungen auf Bundesebene, durch Elemente der direkten Demokratie also, durch Volksbegehren und Volksentscheid.

Und das wars eigentlich. Das ist im Grunde Heribert Prantls … Ja. Ich würde schreiben “Argumentation”, aber genau daran hapert es eben. Er hat keine. Er hat nur eine nackte Behauptung, die so tut, als wäre sie begründet.

Das scheint mir symptomatisch für den Zustand unserer öffentlichen Debatte. Sie wird nicht als Kampf um die Wahrheit geführt, sondern als Kampf ums Rechthaben. Sie ist kein Wettstreit der Argumente, sondern eine Schneeballschlacht der Meinungen, ohne gemeinsames Ziel, ohne sinnvolle Regeln, ohne Ergebnis. Und das regt mich auf.

Dabei kann ich Herrn Prantl nicht mal im weitergehenden Sinne widersprechen. Ich weiß nicht, ob seine Behauptung stimmt. Vielleicht wäre es wirklich ein guter Schritt für unseren Staat, die Wahlperiode für den Bundestag auf fünf Jahre zu verlängern und gleichzeitig Elemente direkter Demokratie einzuführen. Zwar halte ich es auf den ersten Blick – wie er auch – für plausibel, dass der Bundestag und die Regierung effektiver arbeiten könnten, wenn nicht alle vier Jahre der blödsinnige Wahlzirkus wieder losgehen würde, sondern nur alle fünf, aber erstens hat das nichts zu sagen, und zweitens habe ich wirklich keine Ahnung, ob nicht sechs oder sieben Jahre vielleicht noch besser wären. Darüber hinaus kann man zum Beispiel mit sehr guten Gründen bezweifeln, ob die Verlängerung wirklich “eine partielle Entmachtung der Wähler” wäre, und ob das ein Problem wäre, wenn es so wäre, ob es überhaupt in irgendeiner Form Sinn ergibt, so etwas wie “Demokratie” in diesem Zusammenhang auf einer eindimensionalen Skala anzuordnen und “mehr” oder “weniger” bestimmen zu wollen, ob Volksentscheide und Volksbegehren in diesem Sinne dann “mehr” und damit zwangsläufig besser wären, ob sie nicht auch unabhängig von der Länge der Bundestagswahlperiode eingeführt werden sollten oder ob das dann zu viel Demokratie wird, und ob es nicht vielleicht andere, sinnvollere Maßnahmen gäbe … und so weiter. Man merkt, die Sache ist komplex, was nicht überraschen dürfte, wenn man bedenkt, dass es um die ganz grundlegende Organisation unseres Staates, unserer Gesellschaft geht. Prantl verschweigt das aber nicht nur, er verschleiert es aktiv, indem er die ganze Sache als völlig eindeutig darstellt, man ist versucht zu sagen: als alternativlos.

Eine Verlängerung der Wahlperiode kann nur dann überhaupt in Betracht kommen, wenn gleichzeitig die demokratischen Rechte der Bürger auf andere Weise gestärkt werden – durch die Möglichkeit von Abstimmungen auf Bundesebene, durch Elemente der direkten Demokratie also, durch Volksbegehren und Volksentscheid.

Ende, fertig, so einfach ist das.

Trotzdem kann es sein, dass Heribert Prantl im Ergebnis recht hat. Aber sein Artikel bietet keinerlei Anhaltspunkte dafür, oder dagegen, weil er keine Argumente bietet. Und damit führt er seine Leser mindestens fahrlässig in die Irre und bringt implizit zum Ausdruck, dass es okay ist, zu komplexen, fundamentalen Fragen unserer Gesellschaftsordnung eine völlig haltlose, unbegründete Meinung als offensichtliche und indiskutable Wahrheit zu präsentieren, und leistet seinen Beitrag gegen eine Gesellschaft, in der wir auf rationaler Basis die bestmögliche Entscheidung für ein kooperatives Zusammenleben suchen.

Und das regt mich auf.


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