Google, wie die SZ sich’s wünscht

4. April 2014

Offenbar hat Google mit Unterstützung von Unitimedia Kabel BW, diversen Bildungsministerien und einer EU-Initiative eine Broschüre herausgebracht, mit deren Hilfe Jugendliche sich mit ihren eigenen Fertigkeiten und Rechten im Umgang mit dem Internet und Dings auseinandersetzen sollen.

Das kann man kritisieren. Wahrscheinlich sollte man das sogar, irgendwie. Ich bin mir zum Beispiel auch nicht sicher, wie angemessen ich es finde, dass staatliche Stellen so etwas in Kooperation mit privaten Unternehmen tun, die eigene Vorstellungen davon haben, wie Jugendliche mit dem Internet umgehen und von ihm und ihnen denken sollen. Und generell bin ich natürlich immer dafür, dass man Dinge infrage stellt, die andere einem erzählen, ganz gleich, ob sie nun die Interessen von Google, eines Ministeriums, oder eines EU-Organs vertreten.

Die SZ hat diese Gelegenheit gesehen und sich entschieden, sie nicht nur zu nutzen, sondern sich dabei auch gleich nach Kräften des bisschens Respekt und Sympathie zu entkleiden, das sie zum Beispiel bei mir manchmal als gefühlt immerhin vertrauenswürdigste Tageszeitung Deutschlands noch genießt.

Wir wissen ja, wie die deutschen Zeitungsverlage zu Google stehen. Nämlich ungefähr so:

Und da kann man es ihnen einerseits nicht verdenken, dass es ihnen schwerfällt, halbwegs sachlich über Google zu berichten, so wie ich zum Beispiel auch verstehen kann, dass es meinem Vater schwerfiel, halbwegs sachlich über meine Mutter zu sprechen. Andererseits … Also, mein Vater erzählte immer diesen Witz von Friedrich II., der die Ausstellung eines Malers besuchte, und diesen darauf hinwies, dass in seinen Bildern ja alles blau sei. Auf die Erläuterung des Malers: “Majestät, ich sehe das so”, erwiderte der König: “Ach, da hättense keen Maler werden dürfe.” Oder so.

Wovon rede ich eigentlich? Die SZ schreibt in ihrem Teaser:

vorgestellt hat den Leitfaden der Konzern Google – darum gibt es auf die Frage nach Datenschutz wohl keine Antwort.

und impliziert damit für mich ganz eindeutig, dass die Broschüre das Thema Datenschutz schamhaft verschweigt, weil Google nicht will, dass Jugendliche sich darum Gedanken machen. Der Text bestätigt diese Interpretation:

 “Auf die Frage nach Datenschutz hat die Broschüre aber keine Antwort”, sagt Stephan Groschwitz von der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend. Das klingt schon ganz anders. Eher so, als mache es die Broschüre vor allem ihrem Financier leicht: Google selbst.

Ich finde, das sind schon relativ klare Vorwürfe, die sich zwar ein bisschen in unscharfen Formulierungen und unentschlossenem Rumgedruckse verstecken, aber mir nicht weniger dummdreist erscheinen, wenn man bedenkt, dass die SZ im letzten Drittel ihres Artikels selbst die Erklärung liefert:

Die Broschüre hat überhaupt keine Antworten. Sie enthält Fragen, und Übungen, und Vorschläge zum Nachdenken, wie:

Glaubst du, dass es in der heutigen Zeit noch möglich ist, anonym zu bleiben? Wie behältst du die Kontrolle über die Inhalte, die du oder deine Freunde online stellen? Welche Fotos lädst du hoch und welche deiner Freunde markierst du?

Zu keinem Themenkomplex liefert sie fertige Antworten. Weder zum Thema Copyright, noch Identity, noch Information/knowledge, noch Privacy, dem aber immerhin sieben von 50 Seiten der Broschüre gewidmet sind.

Natürlich ließe sich auch hier wieder darüber diskutieren, wie die Broschüre die Fragen formuliert, wie mit den Problemen umgeht, und was der richtige Weg wäre, Jugendliche darüber zu informieren und zum Nachdenken anzuregen. Das wäre angemessen und nützlich.

Keins von beidem ist es aber in meinen Augen, mit an den Haaren herbeigezogenen Argumenten niederträchtige Absichten zu insinuieren, jeglichen Beleg für diese Unterstellungen zu verweigern und dann zum Schluss noch mal genau so unfundiert zu unken:

Andererseits könnte dieser Ansatz auch Strategie sein: Indem die Broschüre nur Fragen stellt, geht Google Antworten zur eigenen Datensammel-Praxis aus dem Weg.

Und wie das halt bei Unterstellungen im Konjunktiv so ist: Klar. Das könnte sein. Aber wie das halt bei öffentlichen Unterstellungen so ist: Auch wenn ich sie im Konjunktiv formuliere, sollte ich sie irgendwie belegen, wenn ich mich nicht selbst dem Verdacht aussetzen will, mit ruchlosen Absichten zu arbeiten. Googles Broschüre schlägt ja schließlich immerhin die Auseinandersetzung vor mit Konzepten wie:

Und vor diesem Hintergrund würde ich es schon für angemessen halten, dass der SZ-Autor Andreas Glas klar (Pun not intended, ich schwör!) sagt, wo genau Google seiner Meinung nach beim Thema Datenschutz unsauber gearbeitet hat und was genau er dem Konzern und/oder der Broschüre vorwirft.

Dass er das nicht tut, sondern sich stattdessen entschlossen hat, vage irgendwas zu vermuten und zu hoffen, dass seine Leser sein dumpfes Ressentiment schon irgendwie teilen werden, ist genau die Art von Desinformation und haltloser öffentlicher Diffamierung anderer, die es Leuten wie mir verleiden, Geld für die selbst ernannte Qualitätspresse auszugeben, obwohl wir an und für sich sowohl die Mittel als auch das Interesse hätten, uns von jemandem informieren zu lassen, der seinen Job versteht, und ihn halbwegs vertrauenswürdig zu erledigen versucht.

Schade eigentlich, oder?


Bankrotterklärungen

14. Februar 2014

Kann es sein, dass meine Artikel zurzeit noch ein bisschen misanthropischer rüberkommen als sonst? Das ist eigenartig, weil ich mir generell gerade gar nicht besonders übellaunig vorkomme. Ich habe auch einen Beitrag in Arbeit, in dem es nicht nur um Brechreiz geht, wartet ab. Aber dies ist nicht dieser Beitrag.

Dies ist ein Beitrag über den Bundestagsabgeordneten Michael Brand (CDU), genauer über dessen Äußerungen zu der Entscheidung des belgischen Parlaments, Sterbehilfe unter bestimmten Bedingungen auch für Minderjährige nicht länger unter Strafe zu stellen.

Eine Gesellschaft, die im Ergebnis das Töten sogar der eigenen Kinder legalisiert, hätte Bankrott erklärt und wäre auf der kippenden Bahn, weil messbar der Wert des Lebens heruntergeschraubt wird und an die Stelle von Ausdauer, Mitleiden und Hilfe die Kapitulation und der Tod treten

hat Herr Brand der Zeitung “Die Welt” gesagt.

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Fuck them all

8. Februar 2014

Am 25. Januar 2008 schrieb Stefan Niggemeier anlässlich der Berichterstattung über DJ Tomekks Nazigruß:

Ich würde mir so sehr wünschen, der Zentralrat würde nicht jedesmal über dieses Stöckchen springen, das ihm »Bild« oder sonst ein Medium hinhält, sondern wenigstens einmal dem Kollegen so etwas antworten wie: »Wissen Sie was? Ich glaube, das können Sie auch als Nichtjude ganz gut beurteilen, was von so einem Hitlergruß zu halten ist. Sie müssen da nicht jedesmal einen organisierten Juden anrufen und als Empörungshansel missbrauchen. Oder wäre der Hitlergruß okay, wenn wir Juden sagen würden, er ist okay? Wäre es nicht ein Zeichen von Reife der deutschen, überwiegend nicht-jüdischen Gesellschaft, sechs Jahrzehnte nach dem Holocaust, von ganz alleine, ohne Vorgabe von uns, die nötige Empörung oder Nicht-Empörung aufzubringen? Und whothefuck ist DJ Tomekk?«

Und er bringt damit, denke ich, ein Gefühl zum Ausdruck, das ich auch sehr sehr oft empfinde, wenn irgendwer öffentlich irgendwas sagt, wie zum Beispiel unsere Kanzlerin in dieser völlig anderen Situation:

 Mit heftiger Kritik hat Bundeskanzlerin Merkel auf die Äußerung der amerikanischen Spitzendiplomatin Victoria Nuland reagiert. Diese hatte in einem vertraulichen Gespräch „Fuck the EU“ gesagt.

Und ich würde mir so sehr wünschen, Frau Merkel wäre einmal nicht über dieses Stöckchen gesprungen, sondern hätte den Journalisten wenigstens einmal so etwas geantwortet wie “Na und? Warum denn auch nicht? Wissen Sie, was ich manchmal in vertraulichen Gesprächen sage? Klar wissen Sie das. Ungefähr sowas, wie Sie auch manchmal in vertraulichen Gesprächen sagen, und jeder andere auch, und wir beide wissen, dass ‘Fuck the EU’ im Vergleich noch relativ zahm ist, oder? Wollen Sie mich nicht lieber was Interessantes fragen wie zum Beispiel, was wir mit unseren hoffnungslos kaputten und missgestalteten Sozialsystemen machen, oder was die EU tun kann, um ärmeren Ländern die Chance zu geben, zu vernünftigen Bedingungen mit unseren Bürgern handeln zu treiben und so allmählich erträgliche Lebensbedingungen und sowas wie Wohlstand für die ihren zu schaffen? Hier, passen Sie auf, ich sags gleich auch selbst für Sie: Fuck the EU. Haben Sies, oder soll ich noch mal?”

Würdet ihr nicht auch von einer Regierung und ihren Funktionären erwarten, dass sie die Souveränität aufbringen, es völlig egal zu finden, wenn jemand irgendwo “Jehova” gesagt hat, und ihre Arbeit nicht zu unterbrechen, um irgendeinem Journalisten ins Mikrofon zu quaken, dass sie natürlich total beleidigt und empört sind?

Mir fehlt die Eloquenz, um hinreichend deutlich zu machen, wie intensiv mich diese leeren Rituale ankotzen, die wir hin und wieder öffentlich aufführen zu müssen meinen, obwohl alle Beteiligten genau wie auch die Zuschauer wissen, dass es Theater ist, und nicht mal gutes. Und wie sehr ich mir wünsche, dass hin und wieder eine Person öffentlichen Interesses sich diesem Theater verweigert. (Oder passiert das vielleicht hin und wieder sogar, und steht dann halt aus offensichtlichen Gründen nur nicht in der Zeitung? Hm.)

Ich glaube, es wäre ein lohnendes Ziel, an einer Gesellschaft zu arbeiten, deren Vertreter sich ein besseres Image davon erhoffen können, ihren Job zu machen, statt mit lautem Klappern und Pfeifen die Gegenseitigeverschaukelungsmaschinerie zu bedienen. Und ihr so?


Überaus verwerflich

6. Januar 2014

Unser neuer Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe weiß, offenbar, dass es Menschen gibt, die sich den Tod wünschen, und die nicht in der Lage sind, sich diesen Wunsch selbst zu erfüllen. Menschen, die so leiden, dass sie ihrem Leben ein Ende machen wollen, deren Zustand ihnen aber nicht erlaubt, diese Entscheidung ohne fremde Hilfe für sich selbst zu vollziehen.

Er weiß offensichtlich auch, dass manche dieser Menschen keine Hilfe von ihren Angehörigen und geliebten Menschen in Anspruch nehmen wollen oder können. Das kann sein, weil sie niemanden (mehr) haben, der ihnen diese Gunst erweisen kann oder will, oder weil sie es niemandem der ihnen nahe steht, zumuten wollen, sie zu töten. Menschen, die deshalb darauf angewiesen sind, oder es einfach nur vorziehen, dass es jemand Fremdes tut. Menschen, die Gründe haben, die wir gut oder schlecht finden können, die aber jedenfalls ihre sind. Und nicht unsere. Weil es nicht unser Leben ist.

Hermann Gröhe weiß das. Ihm ist klar, in welch einer verzweifelten Situation diese Menschen sich befinden, und was es für sie bedeutet, dass ihnen diese letzte Entscheidung verwehrt bleibt, dass sie ihr Leid nicht beenden können und Opfer ihrer eigenen Umstände bleiben müssen.

Wenn er es nicht wüsste, dann würde er ja keinen Sinn darin sehen, den Menschen, die diesen Bedarf decken wollen, Strafe anzudrohen.

Warum? Hat er der Rheinischen Post gesagt:

Wer aber die Selbsttötung propagiert, als Ausdruck der Freiheit des Menschen geradezu verklärt, der versündigt sich an der Wertschätzung des menschlichen Lebens in allen seinen Phasen.

Das ist seine Begründung, so wie sie RP online zitiert.

Die Wertschätzung des Lebens in allen seinen Phasen ist das Rechtsgut, das er gerne strafbewehrt verteidigt sehen möchte. Man muss das wohl so verstehen, dass ihm egal ist, wie die Menschen, denen das jeweilige Leben gehört, es schätzen, ob sie ihr Leben wertschätzen, wie sie dieser Wertschätzung Ausdruck verleihen möchten, und wie sie sein Ende gestalten möchten. Egal, oder zumindest nicht so wichtig.

Hermann Gröhe ist sich anscheinend nicht nur selbst der wichtigste Maßstab, er möchte, wenn ich ihn richtig verstehe, auch gerne der entscheidende Maßstab für alle anderen sein. Seine Wertschätzung des menschlichen Lebens entscheidet darüber, wie andere mit ihrem Leben umgehen dürfen, wie sie es beenden dürfen, und vor allem natürlich wie nicht.

Er maßt sich das Recht an, Menschen dafür zu bestrafen, dass sie den Willen anderer Menschen vollziehen. Er möchte gerne Leute bestraft sehen, die niemandem etwas angetan haben, die im Gegenteil anderen Hilfe bieten, die sie sonst offenbar nirgendwo gefunden haben, einfach weil sie damit gegen seine Vorstellungen davon handeln, wie man das menschliche Leben wertzuschätzen hat.

Zumindest halte ich das für die einzige sinnvolle Deutung der Zitate, die RP online von ihm wiedergibt.

Aber vielleicht seht ihr das ja anders, oder ihr seht es auch so, findet es aber nicht so entsetzlich widerlich wie ich. Würde mich interessieren. Dafür ist das Kommentarfeld da.

Was meint ihr?


Was mich aufregt

1. Januar 2014

ist ja keineswegs, dass Menschen sich mal irren. Oder dass Menschen eine andere Position vertreten als ich. Aber ich wiederhole mich. Das ist jedenfalls menschlich. Das kann passieren. Manchmal passiert es sogar mir selbst.

Manchmal ist es sogar interessant, mit jemandem zu reden, der etwas anders sieht. Man kann daraus lernen. Im schlimmsten Fall zumindest, wie die andere Person auf ihren Holzweg gekommen ist.

Was mich aufregt, sind Leute, die es evident nicht für nötig halten, ihre Position irgendwie schlüssig zu begründen. Die meinen, unser gesunder Menschenverstand würde uns schon sagen, wann wir dem siebten Sinn vertrauen können, und öffentlich mit Verve eine Meinung vertreten, ohne zu erläutern, warum oder wie sie gedenken, irgendwen davon zu überzeugen.

Was mich aufregt, sind also zum Beispiel Kommentare wie dieser von Heribert Prantl:

Wer von der Verlängerung der Wahlperioden spricht, muss daher zugleich von der Einführung der Volksabstimmung auf Bundesebene reden. Das ist ein demokratisches Junktim.

Soso, ein demokratisches Junktim ist das. Die Verlängerung der Bundestagswahlperiode auf fünf Jahre ist unweigerlich zwingend mit der Einführung von Volksabstimmungen verbunden. Warum? Joa pffft…

Weniger wählen bedeutet weniger Demokratie. Eine Verlängerung der Wahlperiode kann nur dann überhaupt in Betracht kommen, wenn gleichzeitig die demokratischen Rechte der Bürger auf andere Weise gestärkt werden – durch die Möglichkeit von Abstimmungen auf Bundesebene, durch Elemente der direkten Demokratie also, durch Volksbegehren und Volksentscheid.

Und das wars eigentlich. Das ist im Grunde Heribert Prantls … Ja. Ich würde schreiben “Argumentation”, aber genau daran hapert es eben. Er hat keine. Er hat nur eine nackte Behauptung, die so tut, als wäre sie begründet.

Das scheint mir symptomatisch für den Zustand unserer öffentlichen Debatte. Sie wird nicht als Kampf um die Wahrheit geführt, sondern als Kampf ums Rechthaben. Sie ist kein Wettstreit der Argumente, sondern eine Schneeballschlacht der Meinungen, ohne gemeinsames Ziel, ohne sinnvolle Regeln, ohne Ergebnis. Und das regt mich auf.

Dabei kann ich Herrn Prantl nicht mal im weitergehenden Sinne widersprechen. Ich weiß nicht, ob seine Behauptung stimmt. Vielleicht wäre es wirklich ein guter Schritt für unseren Staat, die Wahlperiode für den Bundestag auf fünf Jahre zu verlängern und gleichzeitig Elemente direkter Demokratie einzuführen. Zwar halte ich es auf den ersten Blick – wie er auch – für plausibel, dass der Bundestag und die Regierung effektiver arbeiten könnten, wenn nicht alle vier Jahre der blödsinnige Wahlzirkus wieder losgehen würde, sondern nur alle fünf, aber erstens hat das nichts zu sagen, und zweitens habe ich wirklich keine Ahnung, ob nicht sechs oder sieben Jahre vielleicht noch besser wären. Darüber hinaus kann man zum Beispiel mit sehr guten Gründen bezweifeln, ob die Verlängerung wirklich “eine partielle Entmachtung der Wähler” wäre, und ob das ein Problem wäre, wenn es so wäre, ob es überhaupt in irgendeiner Form Sinn ergibt, so etwas wie “Demokratie” in diesem Zusammenhang auf einer eindimensionalen Skala anzuordnen und “mehr” oder “weniger” bestimmen zu wollen, ob Volksentscheide und Volksbegehren in diesem Sinne dann “mehr” und damit zwangsläufig besser wären, ob sie nicht auch unabhängig von der Länge der Bundestagswahlperiode eingeführt werden sollten oder ob das dann zu viel Demokratie wird, und ob es nicht vielleicht andere, sinnvollere Maßnahmen gäbe … und so weiter. Man merkt, die Sache ist komplex, was nicht überraschen dürfte, wenn man bedenkt, dass es um die ganz grundlegende Organisation unseres Staates, unserer Gesellschaft geht. Prantl verschweigt das aber nicht nur, er verschleiert es aktiv, indem er die ganze Sache als völlig eindeutig darstellt, man ist versucht zu sagen: als alternativlos.

Eine Verlängerung der Wahlperiode kann nur dann überhaupt in Betracht kommen, wenn gleichzeitig die demokratischen Rechte der Bürger auf andere Weise gestärkt werden – durch die Möglichkeit von Abstimmungen auf Bundesebene, durch Elemente der direkten Demokratie also, durch Volksbegehren und Volksentscheid.

Ende, fertig, so einfach ist das.

Trotzdem kann es sein, dass Heribert Prantl im Ergebnis recht hat. Aber sein Artikel bietet keinerlei Anhaltspunkte dafür, oder dagegen, weil er keine Argumente bietet. Und damit führt er seine Leser mindestens fahrlässig in die Irre und bringt implizit zum Ausdruck, dass es okay ist, zu komplexen, fundamentalen Fragen unserer Gesellschaftsordnung eine völlig haltlose, unbegründete Meinung als offensichtliche und indiskutable Wahrheit zu präsentieren, und leistet seinen Beitrag gegen eine Gesellschaft, in der wir auf rationaler Basis die bestmögliche Entscheidung für ein kooperatives Zusammenleben suchen.

Und das regt mich auf.


Nicht ohne Ironie

4. November 2013

Die Debatte über den NSA-Skandal und den Datenschutz ist kaputt. Darüber habe ich schon öfter geschrieben, aber das soll mich nicht davon abhalten, es noch mal zu tun, denn wenn die Panikmacher und Datenschützer immer wieder den gleichen Quatsch wiederholen können, dann können die das schon lange. Deswegen spreche ich heute noch mal die beiden meiner Meinung nach wichtigsten und unerfreulichsten Mängel in ihrer Argumentation an.

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Restebloggen (99)

2. November 2013
  1. Was hat sich wohl der Mensch gedacht, der mein Navigationsgerät programmiert hat?
    “Laatzen, Hildesheimer Straße 157.”
    “Meinte Sie Laatzen, Hildesheimer Straße (Gleidingen) 157?”
    “Ähhh… Pfff… Joa, dann wahrscheinlich schon.”
    “Die gesuchte Hausnummer wurde nicht gefunden.”
    “Hrmgrmbl. Laatzen, Hildesheimer Straße 157.”
    “Meinten Sie Laatzen, Hildesheimer Straße (Gleidingen) 157?”
    “Nein.”
    “Bitte wählen Sie einen Eintrag.”
    Und dann steht da zur Auswahl auf dem Display:
    1. Laatzen, Hildesheimer Str… 157
    2. Laatzen, Hildesheimer Str… 157
    3. Laatzen, Hildesheimer Str… 157
    4. Laatzen, Hildesheimer Str… 157
    Ja nee ist klar.
  2. Nicht unbedingt zum Brüllen komisch, aber ich finde die Darstellung des Interviewten toll.

  3. Ich bin eine Liberale, verachtet mich!
    Hauptsächlich natürlich, weil ich dafür eintrete, dass Leute von ihrer Arbeit nicht leben können, im Winter frieren und schlussendlich auf der Straße oder noch besser im Straßengraben verrecken. Hätten sie halt was Vernünftiges gelernt. 
  4. Auch eigentlich viel zu spät, aber so schön gesagt, dass ich es hier noch mal verlinken will:
    “Das Übermaß an Talkshows, Duellen, Reportagen, Dokumentationen und den ganzen schrecklich originellen Wahlsendungen, es wirkt, als wollte jemand kurz vor einem Date noch vier Jahre Fressen und Faulenzen ausgleichen, indem er zwei Tage fastend im Sportstudio verbringt. Vor allem aber vermittelt es mit der Fixierung auf das bloße Zurwahlgehen das Gefühl, dass das schon alles sei, was Demokratie ausmacht: Dass alle im Abstand von vier Jahren irgendwo ihr Kreuz hinmachen, selbst diejenigen, die – bis es ihnen ProSieben erklärte – den ‘Bundestag’ für einen Tag wie den Mittwoch oder den 1. Mai gehalten haben” 
  5. Verflixt noch mal, wie kam das eigentlich, dass die Hersteller von Headsets eines Tages beschlossen, dass es keinen Grund gibt, aus dem Mikrofone irgendwo im weiteren Umfeld des Mundes sein sollten, und dass sie stattdessen offensichtlich direkt ans Ohr gehören?
  6. Wenn Philosophen in Interviews öfter mal was über ihr eigentliches Fachgebiet sagen würden, statt zum Beispiel Blödsinn über Armut, Wirtschaft und Gier zu erzählen, dann wäre mein Respekt vor ihnen sicherlich wesentlich größer, denn ich muss ja zugeben, dass unsere Welt sehr darunter leidet, dass kaum jemand eine klare Vorstellung von Epistemologie hat, oder ein sauberes Konzept davon, wie wir über Dinge nachdenken sollten. Genau darum geht es in diesem – nach meiner bisherigen begrenzten Erfahrung – sehr guten und sehr sympathischen Philosophiekurs der University of Edinburgh, an dem jeder völlig kostenlos teilnehmen kann. Mir gefällt er. Und wenn ich das richtig verstehe, kann man irgendwie sogar so eine Art Schein dafür kriegen. Der kostet dann ein bisschen was, aber dafür hat man dann ja auch sein Jodeldiplom. Empfehlung.
  7. Nicht kostenlos, aber preiswert, und zum Unbedingtmalausprobieren, auch wenn ihr mit Videospielen eigentlich nichts am Hut habt: The Stanley Parable. Zu schön. Lohnt auf jeden Fall auch das Anlegen eines Steam-Accounts, wenn ihr bisher keinen habt. Und falls ihr partout nicht bereit seid, ein paar Euro auszugeben, um es selbst zu spielen, könnt ihr euch zumindest eines der Let’sPlays der RocketBeans ansehen, zum Beispiel dieses mit Trant.
    Ach so, Englischkenntnisse müssen aber sein.

Ähm … Äh … Pffffff… Nee, tut mir leid.

28. Oktober 2013

Mir fällt keine Überschrift ein.

Mir fällt eigentlich fast gar nichts ein. Ich finde keine Worte, um die unfassbare … Ja. Wie gesagt. Ich finde keine Worte.

Anders.

Ranga Yogeshwar hat für die FAZ einen “Überwachungsselbstversuch” unternommen. Das lief wohl so, dass er ein ferngesteuertes Smartphone zugeschickt bekam auf dessen Daten und Sensoren jemand aus der Ferne zugreifen konnte. Und – ihr werdet das jetzt nicht glauben, vielleicht wollt ihr euch lieber setzen, oder eine Dosis der Beruhigungsdroge eurer Wahl nehmen, bevor ihr weiterlest:

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Pfeifen im Wald, dein Name ist

22. Oktober 2013

Reinhard Müller, und du schreibst natürlich für die FAZ.

Atemlos berichtet Herr Müller:

 In Greifswald waren kürzlich offenbar alle Exemplare dieser Zeitung ausverkauft. 

Und gebannt lauschen wir seiner Geschichte, die uns mit zeitungstypischer Eloquenz bei gleichzeitig enormem Nachrichtenwert entführt in eine fremde Welt, in der … naja…

etwa 200 [...] Professoren und Privatdozenten [...] auf ihre tägliche gedruckte Stammlektüre nicht verzichten

wollten. Dunnerkeil, denken wir, da hat man es doch tatsächlich im Rahmen einer Sonderveranstaltung geschafft, irgendwo 200 Leute zusammenzutreiben, die gerne noch Papierzeitungen lesen.

Und das ist ja eigentlich auch okay, um mal kurz auf den Boden der Sachlichkeit zurückzukehren. Ich hab ja nichts gegen Zeitungen an und für sich. Ich les sie nicht gerne, weder inhaltlich noch physisch, aber ich gönne jedem sein Vergnügen, und so besonders bald rechne ich auch nicht mit dem Aussterben dieses Mediums. Da gönne ich Herrn Müller seinen pflichtgemäßen Hinweis, der in keinem solchen Text fehlen darf:

wenn man genau hinschaut, so gilt in ganz Deutschland (und in der Welt?): Geredet wird über das, was in der Zeitung steht. Die zahllosen Foren, Blogs oder Kommentare im weltweiten Netz sind oft lediglich Abziehbilder

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Restebloggen (98)

10. September 2013
  1. I’m not sure whose idea this was originally, but I like it.
  2. Australia, meanwhile, has raised its security level from “No worries” to “She’ll be right, Mate.”  John Cleese berichtet über die aktuellen Bedrohungseinstufungen aus dem Krieg gegen den Terror. [via theophil]
  3. Falls jemand noch einen guten Grund brauchte, nicht die Linke zu wählen:
    Freche Frauen wählen Links
  4. “Teilnehmer nimmt den Anruf nicht entgegen.” Verdammt noch mal, T-Mobile, was denkst du dir eigentlich? Die Situation ist doch die: Ich komme gerade irgendwo raus, wo ich nicht ans Telefon gehen wollte oder konnte und sehe, dass ich 18 Nachrichten auf meiner Mailbox habe. Ich rufe die Mailbox an, höre die erste Nachricht und drücke auf 7, um den Anrufer zurückzurufen. Es klingelt zweieinhalbmal, und dann sagst du mir: “Teilnehmer nimmt den Anruf nicht entgegen.” Natürlich tut er das nicht! Er hatte keine Chance, wenn er das Telefon nicht sowieso gerade in der Hand hatte, und den Finger auf der Anruf-Annehmen-Taste! Und dann spielst du mir die nächste Nachricht vor. Glaubst du, ich weiß dann 17 Nachrichten später noch, dass ich den ersten nicht erreicht habe, worum es ging, und dass ich den dann später noch mal versuchen muss, nicht, dass ich seine Nummer hätte, ich muss mir also die Nachricht noch mal anhören, um sie mitzuschreiben. Das ist so unpraktisch, dass ich es kaum in Worte fassen kann. Kostet es dich was extra, wenn es länger klingelt, oder was hat dich zu dieser merkwürdigen Regelung getrieben?
  5. Passend zu meinem letzten Beitrag hat auch The Oatmeal sich zum Einsatz chemischer Waffen in Syrien geäußert.
  6. Casual Lounging war gestern.
  7. Für alle, die sich schon immer gefragt haben, was im Kopf dieser Menschen vorgeht, die immer über den Lebkuchen im Supermarkt im August schimpfen, oder die schon lange eine gründliche und kontroverse Befassung mit der Frage, ob das sein muss, in einer überregionalen Tageszeitung vermisst haben, hat die FAZ jetzt ein unschlagbares und zweifellos zu recht spezialgesetzlich leistungsgeschütztes Angebot: Pro & Contra jetzt schon Lebkuchen – muss das sein?
    Geschmackspröbchen inklusive peinlichem Klammersetzungsfehler: “die Anhänger des frühherbstlichen (oder gar des Ganzjahreslebkuchens) verkennen schlicht das Glück, das in der zeitweiligen Entbehrung steckt.
    Ich würde zu Gunsten der Autorin unterstellen, dass sie das nicht ganz ernst meint, aber falls dem so sein sollte, ist ihr Beitrag zumindest erschütternd unlustig geraten.

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