Man kann sich von Nazis zu weit distanzieren

31. August 2015

, denke ich. Dieser Gedanke ist einerseits selbstverständlich, andererseits vielleicht doch nicht so naheliegend. Deswegen sollte ich ihn ein bisschen erläutern, und vorab sagen:

Ich glaube, dass es unsere moralische Pflicht ist, Menschen zu helfen, wenn wir zumutbar können, und dass alle, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden und in Deutschland oder anderswo Zuflucht suchen, unsere Unterstützung, Gastfreundschaft und Sympathie verdienen. Wer diesen notleidenden Menschen mit Hass und Ablehnung begegnet, versteht weder ihre Situation, noch die eigene, und hat noch viel zu lernen.

Dennoch und gerade deshalb sollten wir uns vorsehen, diese Gruppe von irregeleiteten … Personen in unseren Gedanken zu dem Thema zu weit weg zu stellen. Anatol Stefanowitsch hat dazu diesen lesenswerten Beitrag geschrieben, der das Problem anhand des von Sigmar Gabriel gewählten Begriffs “Pack” recht gut erläutert, wenn man sich sein wie üblich hier und da etwas zu sehr durchscheinendes Gefühl wegdenkt, durch die Richtigkeit seiner Sache zu so hemmungslosem Draufhauen legitimiert zu sein, dass das Draufhauen mitunter etwas auf Kosten der Richtigkeit geht.

Wenn wir so tun, als wären die Leute, die dagegen sind, Flüchtlinge bei uns aufzunehmen, oder sogar dafür, ihre Unterkünfte anzuzünden, gar keine Leute wie wir, sondern quasi … Untermenschen, dann schaden wir damit dem Anliegen, für das wir uns vorgeblich einsetzen. Ich habe das vor einer Weile schon mal in anderem Zusammenhang geschrieben:

Erstens ist es sachlich falsch. Menschen, die andere Menschen töten, sind Menschen. Sogar dann, wenn ihnen typische menschliche Eigenschaften fehlen, weil sie zum Beispiel unter antisozialer Persönlichkeitsstörung leiden, sind sie denkende, fühlende Lebewesen. Es ist verstehbar, warum sie so sind, wie sie sind, und sie sind in der Lage zu leiden. Die meisten von ihnen halten sich wahrscheinlich für gute Menschen (falls diese Bezeichnung überhaupt Sinn ergibt), und die meisten von ihnen halten ihre Taten für gerechtfertigt. Sie sind nicht einfach nur Monster, sie haben Gründe für ihr Handeln, und wir können diese Gründe verstehen, auch wenn wir sie vielleicht nicht immer nachfühlen können.

Und zweitens folgt daraus ziemlich offensichtlich: Wenn wir so tun, als wäre das alles anders, führt das sehr leicht dazu, dass wir falsch mit ihnen umgehen. Wenn wir nicht verstehen (wollen), warum Menschen schreckliche Dinge tun, dann nehmen wir uns damit ein wichtiges Werkzeug, sie davon abzuhalten, wenn wir anderen Lebewesen ohne guten Grund ihre Menschenrechte aberkennen (ob juristisch oder auch nur moralisch), dann führt das sehr leicht dazu, dass wir unmoralisch mit ihnen umgehen (“Todesstrafe für Kinderschänder!”), und es nimmt uns die Chance, herauszufinden, ob und wie wir sie in unsere Gesellschaft integrieren können. Idealerweise tun wir Letzteres natürlich schon, bevor sie etwas Furchtbares getan haben. Aber auch danach mag es noch möglich sein.

Und dann gibt es natürlich noch ein verbreitetes Problem, das bei derlei Äußerungen häufig mitschwingt, und das dieser Post hier ganz gut illustriert:

Ihr habt Angst Eure Kohle zu verlieren – dabei bekommt ihr sie von uns Gutmenschen als Hartz4 pünktlich jeden Monat.

Ihr wollt so gerne echte Deutsche sein – dabei schafft Ihr es nicht, auch nur einen Satz, fehlerfrei geradeaus zu sprechen.

Und ganz nebenbei, Eure Frisuren sind einfach Scheiße.
Kein Wunder dass Ihr damit keinen richtigen Frauen findet.

Dieses Problem ist ein bisschen anders gelagert, und ich denke, ich bin gerade zu faul, es besser formulieren zu wollen, als ich es vor Ort schon in meinem Kommentar getan habe:

Nazis sind nicht deshalb erbärmlich, weil sie keinen Job haben, oder keine Frau, oder weil sie von ALG 2 leben, oder weil wir ihre Frisuren nicht mögen.
Sie sind erbärmlich, weil sie Nazis sind.
Und Frauen sind keine Errungenschaften für würdige, da erfolgreiche Männer, sondern ganz eigenständige Personen.
Nun bin ich sicher, dass der Post auch gar nichts anderes sagen wollte. Aber zumindest zu mir hat er trotzdem.

Was ich damit sagen will, ist wohl etwas in der Richtung von: Die Leute, die da Unterkünfte von Vertriebenen anzünden, die Naziparolen rufen und demonstrieren, ebenso wie die Leute, die in irgendwelchen ekligen Blogs oder Zeitungen vorgeblich asylkritische Posts schreiben, sind Leute. Irregeleitete Leute, die Falsches denken, und Schlimmes tun, und zu denen wir deshalb sicher auch mal unhöflich sein dürfen, wenn die Situation es opportun erscheinen lässt. Aber sie sind doch Leute, und gerade wenn sie so laut schimpfen und gröhlen und pöbeln und zündeln wie jetzt, ist es in meinen Augen nicht der richtige Weg, zurückzuschimpfen und zu -pöbeln, und so zu tun, als wären sie gar keine wahren Schotten einfach irgendein scheußliches Gesindel, das versehentlich hier in unser eigentlich doch so schönes Deutschland gekrochen ist. Sondern zu erklären. Es besser zu machen. Die Ursachen des Problems zu bekämpfen. Das macht vielleicht nicht so viel Spaß und gibt uns weniger Gelegenheit, auf Leuten rumzuhacken, die in unseren Augen hässlich und asozial und nicht besonders eloquent sind, und uns überlegen zu fühlen. Aber es ist die Art, miteinander umzugehen, die wir doch eigentlich propagieren wollen, und von der wir der Meinung sind, dass sie der Weg zu einer besseren Gesellschaft ist.

Oder?


Hat sie nicht so prima gemacht.

19. Juli 2015

Angela Merkel wurde also bei einem öffentlichen Auftritt mit einem Mädchen konfrontiert, das unter den Folgen der von ihr zu verantwortenden Politik persönlich leidet, und sie wusste erkennbar nicht richtig, wie sie mit dieser Situation umgehen und was sie zu dem Mädchen sagen sollte. Sie hat es dann trotzdem versucht, und sich dabei nicht so beeindruckend geschickt angestellt.

Ihr habt es wahrscheinlich alle gesehen, aber ich zeigs euch auch gerne noch mal, falls ihr wollt:

Hier findet ihr einen exemplarischen Post dazu, nebst meinem passenderweise auch nicht völlig geglückten Kommentar.

Mir ist die Sache aber wichtig genug, um es auch noch mal in mein eigenes Blog zu schreiben: Ich mag nicht vollständig ausdrücken, wie sehr es mich anwidert, dass das die Berichterstattung und das die Debatte über Politik ist. Dass der öffentliche Diskurs sich an einer spontanen, unbeholfenen Reaktion der Bundeskanzlerin aufhängt, als wäre das das Problem, als wäre das das Thema, als wäre das die Sache, die wir ändern müssen.

Jedenfalls fällt mir keinerlei mögliche Satire mehr zu diesem Vorgang ein, in dem alle Frau Merkel vorwerfen, sie hätte mit ihrem Kommentar zur Art und Weise des Auftrittes ihrer jungen Gesprächspartnerin völlig die inhaltliche Bedeutung von deren Frage verkannt, und dabei unter Verkennung der inhaltlichen Bedeutung der Frage ausschließlich die Art und Weise des Auftrittes des Bunderkanzlerin kommentieren.

Ich fände das sogar dann maßlos schade, wenn das nur der Anfang wäre, und wir irgendwann einmal dazu kämen, wirklich über Asyl- und Einwanderungspolitik und all diesen grässlichen Kram zu reden und informierte Entscheidungen drüber zu treffen. Und wir wissen alle, dass es nicht so sein wird, sondern dass jetzt alle einmal über Merkels Empathielosigkeit schimpfen dürfen, und dass dann morgen wieder über was anderes geredet wird, weil irgendwo jemand “Hitler” gesagt oder über eine Katze gestolpert ist, oder seine Wurst mit dem falschen Besteck gegessen hat.

Und das ist wirklich maßlos schade. Weil wir so vieles so viel besser machen müssten, in eigentlich allen Feldern der Politik, und weil das viel einfacher wäre, wenn wir wenigstens über ihre Inhalte reden könnten, und über ihre Inhalte informiert würden, wenn schon nicht statt über die dummen Fehler und Missgeschicke derer, die hauptberuflich mit ihr arbeiten, dann doch wenigstens auch.

Und unfair gegenüber Angela Merkel ist es außerdem. So unbedeutend dies angesichts des Leids der wirklich Betroffenen sein mag, will ich das auch gerne festhalten, wenn ich schon mal was dazu schreibe, weil verdammt noch mal, was hätte sie denn sagen können? Sie hat es jedenfalls besser gemacht, als ich es gekonnt hätte, was nicht viel heißt, aber ich wollts gesagt haben.


#ehefueralle

4. Juni 2015

Saarbrücken. Zur großen Entrüstung ihrer politischen Gegner hat die saarländische Ministerpräsidentin Frau Kramp-Karrenbauer geäußert, dass eine Öffnung der Institution Ehe für alle Formen der gemeinsamen Lebensgestaltung zu einer Öffnung der Institution Ehe für alle Formen der gemeinsamen Lebensgestaltung führen könne.

Die Generalsekretärin der SPD Yasmin Fahimi bezeichnete diese These als “einen neuen Tiefpunkt der Debatte über die Ehe für alle” und betonte, sie habe keinerlei Verständnis dafür, dass die CDU-Ministerpräsidentin in der Debatte um die Gleichbehandlung gleicher Formen des Zusammenlebens die Gleichbehandlung gleicher Formen des Zusammenlebens an die Wand male und nannte es einen “Schlag ins Gesicht Hunderttausender gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, die füreinander einstehen und Verantwortung übernehmen”, dass Frau Kramp-Karrenbauer darüber spekuliere, sie könnten den gleichen Status erhalten wie andere Partnerschaften, die füreinander einstehen und Verantwortung übernehmen.

Auch der innenpolitische Sprecher der Grünen, Volker Beck äußerte sich auf der Kurznachrichtenplattform Twitter zu Kramp-Karrenbauers Entgleisung und fragte, ob Frau Kramp-Karrenbauer im Ernst meine, nach der #Ehefueralle käme die Ehe für alle.

Kritik kam aus aus der FDP: Deren Generalsekretärin Nicola Beer bezeichnete die Äußerungen der saarländischen Ministerpräsidentin als “eine Unverschämtheit”. Sie beleidige Homosexuelle zutiefst, indem sie sie mit anderen Menschen, die in einer liebenden Gemeinschaft füreinander Verantwortung übernehmen wollen, auf eine Stufe stelle.

Ähnlich sieht dies auch Johannes Kahrs, der SPD-Beauftragte für die Belange von Lesben und Schwulen. Er erklärte, Kramp-Karrenbauer verlasse mit ihrer zutiefst menschenfeindlichen Gleichstellung von Menschen mit anderen Menschen den “politisch statthaften Diskurs” und forderte eine Entschuldigung.

Kramp-Karrenbauer arbeitet derweil bereits an einer neuen argumentativen Geheimwaffe. Wie aus inneren Kreisen der Staatskanzlei zu vernehmen war, denke sie für die Zukunft sogar über eine Drohung mit gemischtrassigen Ehen nach.


Die Sache mit dem Tanzverbot

3. April 2015

ist doch eigentlich ganz einfach.

Sagt mir jemand: “Du, heute ist für mich ein trauriger Tag, da ist mir echt nicht nach Frohsinn, ich sitz heute nachdenklich rum und brauch ein bisschen Ruhe”, dann verschone ich diese Person mit eventuell geplantem Frohsinn, soweit es mir irgendwie möglich ist und nehme Rücksicht, so gut ich kann. Ein ostentativer unnötiger Verstoß gegen diesen Wunsch wäre unhöflich und gemein.

Sagt mir hingegen jemand: “Du, heute ist für mich ein trauriger Tag, da ist mir echt nicht nach Frohsinn, ich sitz heute nachdenklich rum und brauch ein bisschen Ruhe, deswegen hab ich da diesen Typen mit Schlagstock und Schusswaffe, der dafür sorgt, dass du die Füße stillhältst, und außerdem bist du hässlich und dumm und ein unkultivierter Banause“, dann frage ich (soweit es mir gefahrlos möglich ist) diese Person, ob sie ein Rad ab hat und zeige ihr den Varoufakis-Finger. Ein ostentativer und unnötiger Verstoß gegen ihren Wunsch ist die angemessene Reaktion.

Oder nicht?


Wie Regina Mönch auf die Idee mit dem Kleidungsverbot kam

16. März 2015

Kleidung gefällt inzwischen vielen Mitteleuropäern, und das Bundesverfassungsgericht legt uns allen nahe, es auch so zu sehen. Man muss dem nicht folgen, nicht einmal dann, wenn noch mehr Politiker ins Schwärmen geraten, mit der jüngsten Entscheidung des Gerichtes sei Deutschland in der „Wirklichkeit“ angekommen. Welche Wirklichkeit eigentlich? Die, wonach es gut ist, die kulturelle Differenz, die polarisiert, das Anderssein, bedrohte Keuschheit und Unterwerfung unter Gott und seine Männer möglichst demonstrativ und öffentlich zu betonen? Was immer die beiden beschwerdeführenden Frauen anführen mögen, warum ihnen das Schamtuch, der Schleier, der vor frivolen Blicken schützen soll, so unverzichtbar ist – wichtig ist vor allem das Signal, das sie damit aussenden. Es zielt auf unser Grundvertrauen in die Gleichheit der Geschlechter, unser emanzipiertes Selbstverständnis.

Immerhin, man darf darauf bestehen, dass eine liberale Sittlichkeit ohne Kleidung auskäme, dass mit der Bluse und dem BH, ganz zu schweigen von Hose oder Rock ein sexualisiertes Frauenbild demonstriert wird. Halten Kinder das aus? Eine Anmaßung, eine Überforderung zudem, die vor allem dort noch mehr sozialen Druck erzeugen wird, wo nackte Menschen – egal, ob sittlich oder liderlich erzogen – heute schon ausgegrenzt und drangsaliert werden.

“Privatschulen – wir kommen!“, twitterte am Samstag ein Vater. Wer diese Wahl aber nicht hat? Wer zum Beispiel seine völlig nackten Töchter in eine Schule schicken muss, in der selbsternannte Sittenwächter, Jungen wie Mädchen, sie mobben, weil sie angeblich sittliche Regeln verletzen? Was tun, wenn Patriarchenväter in Schulen mit einem hohem Anteil bekleideter Schüler den nackten Lehrerinnen nicht mehr nur den Handschlag und die Klassenfahrtzusage für die Töchter verweigern, sondern auf einer sichtbar sittlichen Lehrerin bestehen?

Sie wünsche sich, dass die Freiheit, selbstbestimmt zu leben, irgendwann einmal kein harterkämpftes Privileg mehr sei, schrieb die Schauspielerin Sibel Kekilli vor einer Woche in der F.A.Z.. Sie sprach für die Frauen, die die Zwangsgemeinschaft der strengen sittlichen Regeln gern verlassen würden, es aber nicht schaffen, weil der Preis so hoch ist, weil sie fürchten, verstoßen zu werden. Wer den jüngsten Beschluss des BVerfG für einen Meilenstein der Integration und ein Bekenntnis zur offenen Gesellschaft hält, wird das nie verstehen.


Wenn ich meine Schuhe religiös trage, muss ich dann barfuß zur Schule kommen?

15. März 2015

Ihr werdet es gehört haben, denke ich: Es gibt eine neue Kopftuchentscheidung, und um sofort die Spannung rauszunehmen, teile ich euch anders als unsere Verfassungsrichter, diese alten Dramaturgiefüchse, meinen Beschluss sofort am Anfang mit: Ich begrüße die im Ergebnis sehr, auch wenn ich im Detail natürlich ein bisschen was zu mäkeln hätte. Das mach ich aber wahrscheinlich nicht mehr, falls ihr nicht überwältigendes Interesse bekundet, einfach weil mir die Zeit fehlt und ich bezweifle, dass die Welt wirklich drauf wartet. Stattdessen will ich dem BVerfG vorerst nur grundsätzlich zustimmen und erläutern, warum.

Worum gehts? Das Gericht hat am 27. Januar entschieden, dass, kurz gesagt, die Religionsfreiheit auch das Recht gewährt, als Lehrkraft eine religiöse Bedeckungsvorschrift einzuhalten und etwa ein Kopftuch zu tragen, und dass dies also nicht pauschal untersagt werden darf.

Aha, höre ich schon den einen oder die andere denken, da haben wirs wieder! Christliche Kreuze in Klassenzimmern sind völlig inakzeptabel, aber muslimische Kopftücher sollen okay sein, und sich dann noch über die Warner vor der Islamisierung lustig machen, das haben wir gerne!

Aber das ist schnell erklärt: Religiöse Symbole in/an Klassenzimmern sind was anderes als die Bekleidung von Lehrern, und ein Kreuz ist darüberhinaus auch was anderes als ein Kopftuch. Ersteres, weil die Kreuze klar der Schule insgesamt als staatlicher Institution zugerechnet werden können, während die Kleidung der Lehrer auch in ihrer Funktion als Angestellt oder Beamte des Staates viel stärker von ihrer individuellen Persönlichkeit abhängen, und zweitens weil ein Kreuz nun einmal ganz vorrangig ein christliches Symbol ist, wohingegen ein Kopftuch auch ganz andere Funktionen haben kann und auch gar nicht so selten von Nichtmuslim(inn)en getragen wird.

Und ich denke schon, dass wir sinnvollerweise dem individuellen Ausdruck der Lehrerinnen und Lehrer einen gewissen Freiraum lassen müssen, solange wir sie nicht uniformieren wollen. An meiner Schule damals trugen zum Beispiel manche schlabbrige Wollpullover, Sandalen und bunte Schals, andere Anzüge mit Krawatten und schwarzen Halbschuhen. Ihr könnt jetzt sagen, dass sie damit ja keine Weltanschauung zum Ausdruck gebracht haben, aber nur, wenn es euch nicht stört, dass ich euch auslache.

Uns allen muss klar sein, dass alle Angestellten und Beamtinnen des Staates eine Weltanschauung haben, und dass sie die auch nicht einfach abschalten, wenn sie ihren Beruf ausüben. Wir müssen aber von ihnen erwarten, dass sie diese Weltanschauung in irgendeiner Form von ihren Pflichten als Funktionärinnen dieses Staates trennen können. Solange sie das können und ihre Pflicht so tun, wie sie bei Aufnahme ihrer Tätigkeit zugesagt haben, ist zum Beispiel ein Kreuz an einer Kette um den Hals nicht mehr als ein Schmuckstück, das eventuell eine wahrheitsgemäße Information über seinen Träger vermittelt, und ein Kopftuch nicht einmal das, weil es eben anders als ein Kreuz nicht mal eindeutig ein Symbol von irgendwas ist.

Ganz anders sehe ich das bei entsprechenden Symbolen an Gebäuden oder ähnlichen institutionellen Einrichtungen. Ein Kreuz über der Tafel eines Klassenzimmers oder meinetwegen auch am Dienstfahrzeug eines/r Beamte/in sagt in meinen Augen etwas ganz anderes aus als die Kleidung der Person. Hier wurde nicht nur das Individuum, das ja auch privat existiert, geschmückt, sondern ein Werkzeug, dessen es sich bei seiner Tätigkeit bedient, das komplett der staatlichen Herrschaft unterliegt und keine private Funktion hat. Wenn dieses Werkzeug mit einer weltanschaulichen Aussage versehen ist, dann kann man das meines Erachtens mit guten Gründen als Zeichen genau dessen sehen, was wir nicht wollen: Einer fehlenden Trennung zwischen der privaten Meinung und der Funktion als Hoheitsträger.

Das ist sicher noch in vieler Hinsicht diskutabel, weil ich zum Beispiel finde, dass man durchaus vertreten kann, dass diese fehlende Trennung sich auch dann schon zeigt, wenn jemand ihre Weltanschauung deutlich an sich selbst zur Schau trägt, während sie ihre hoheitliche Funktion erfüllt. Das gilt umso mehr, je deutlicher, also zum Beispiel (um bewusst ein plattes Beispiel zu wählen) je größer und auffälliger das Kreuz ist, das die Person um den Hals trägt. Und es gilt umso weniger, je weniger deutlich, und da sind wir beim konkreten Fall, nämlich beim Kopftuch, das eine der Beschwerdeführerinnen sogar nicht einmal trug, sondern durch Baskenmütze und Rollkragenpullover substituiert hatte. Und da hört für mich dann schon allmählich die Region auf, in der man noch vernünftigerweise diskutieren kann, und es beginnt die, in der man sich schon fragen lassen muss, ob es einem wirklich noch um die Funktion des Staates und seine Pflichten gegenüber seinen Bürgern geht, oder um Rechthaberei und … sagen wir mal Leitkulturideologie. Umso mehr muss man sich das natürlich fragen lassen, wenn man letztere explizit in das angegriffene Gesetz und die eigene (Landes-)Verfassung hineingeschrieben hat, wie es in den vom BVerfG entschiedenen Fällen zum Beispiel war:

§ 57 Abs. 4 des Schulgesetzes für das Land Nordrhein-Westfalen lautet:

 „(4) 1 Lehrerinnen und Lehrer dürfen in der Schule keine politischen, religiösen, weltanschaulichen oder ähnliche äußere Bekundungen abgeben, die geeignet sind, die Neutralität des Landes gegenüber Schülerinnen und Schülern sowie Eltern oder den politischen, religiösen oder weltanschaulichen Schulfrieden zu gefährden oder zu stören. 2 Insbesondere ist ein äußeres Verhalten unzulässig, welches bei Schülerinnen und Schülern oder den Eltern den Eindruck hervorrufen kann, dass eine Lehrerin oder ein Lehrer gegen die Menschenwürde, die Gleichberechtigung nach Artikel 3 des Grundgesetzes, die Freiheitsgrundrechte oder die freiheitlich-demokratische Grundordnung auftritt. 3 Die Wahrnehmung des Erziehungsauftrags nach Artikel 7 und 12 Abs. 6 [sic, gemeint ist aber sicherlich Abs. 3] der Verfassung des Landes Nordrhein-Westfalen und die entsprechende Darstellung christlicher und abendländischer Bildungs- und Kulturwerte oder Traditionen widerspricht nicht dem Verhaltensgebot nach Satz 1. 4 Das Neutralitätsgebot des Satzes 1 gilt nicht im Religionsunterricht und in den Bekenntnis- und Weltanschauungsschulen.“

[Hervorhebung von mir]

Art. 7 und 12 der Landesverfassung wiederum lauten:

„Artikel 7

(1) Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor der Würde des Menschen und Bereitschaft zum sozialen Handeln zu wecken, ist vornehmstes Ziel der Erziehung.

(2) Die Jugend soll erzogen werden im Geiste der Menschlichkeit, der Demokratie und der Freiheit, zur Duldsamkeit und zur Achtung vor der Überzeugung des anderen, zur Verantwortung für Tiere und die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, in Liebe zu Volk und Heimat, zur Völkergemeinschaft und Friedensgesinnung.“;

„Artikel 12

(…)

(3) 1 In Gemeinschaftsschulen werden Kinder auf der Grundlage christlicher Bildungs- und Kulturwerte in Offenheit für die christlichen Bekenntnisse und für andere religiöse und weltanschauliche Überzeugungen gemeinsam unterrichtet und erzogen. 2 In Bekenntnisschulen werden Kinder des katholischen oder des evangelischen Glaubens oder einer anderen Religionsgemeinschaft nach den Grundsätzen des betreffenden Bekenntnisses unterrichtet und erzogen. 3 In Weltanschauungsschulen, zu denen auch die bekenntnisfreien Schulen gehören, werden die Kinder nach den Grundsätzen der betreffenden Weltanschauung unterrichtet und erzogen.

(…)“.

[Hervorhebung von mir]

Muss ich nicht weiter erläutern, oder? Die Bigotterie springt einem geradezu ins Gesicht.

Und sogar wenn man das alles nicht gelten lassen mag, bleibt meines Erachtens das rein pragmatische Argument, dass ein generelles Verbot religiöser Symbole diesseits der Uniformierung nicht handhabbar ist. Ob ein Kopftuch ein religiöses Symbol ist, ob eine Baskenmütze eine Weltanschauung ausdrückt, hängt in so hohem Maße von der Deutung des Trägers bzw. der Beobachterin ab, dass eine solche Regelung zum willkürlichen Missbrauch geradezu einlüde und darüber hinaus alle Beteiligten unweigerlich der Lächerlichkeit preisgäbe.

Und so könnte und sollte man wahrscheinlich auch ausführlich über sinnvollere Prüfungsschemata, die Religionsfreiheit als Institution, die Angemessenheit einzeln enumerierter Grundreche und allerlei anderes diskutieren, aber ein pauschales Verbot von Kopftüchern, finde ich, ist durch.


10 Dinge, die ihr nicht über die Realität wusstet

15. Januar 2015

Wir hatten das ja hier schon öfter: Es gibt so Leute, bei denen ich mich frage, ob es irgendeinen sinnvollen Bezug zwischen ihrer Welt und meiner gibt. Ob wir in Realitäten leben, die einander irgendwo berühren, oder ob sie vollständig voneinander getrennt sind und nur auf sonderbare Weise über Papierzeitungen und ihre Online-Ableger gelegentlich in kaum spürbare Wechselwirkung treten.

Alexandra Borchardt ist für mich wohl so ein Mensch und hat für die Süddeutsche Zeitung in Anlehnung an Andrew Keens neues Buch “The Internet is not the Answer except if the question is where did you order those shoes” einen Artikel mit dem Titel “Weniger Freiheit, Mehr Geheimnis” geschrieben, von dem ich euch einerseits berichten will, weil er mich erschaudern lässt vor Ehrfurcht, zu dem ich andererseits aber wenig zu sagen weiß, weil eigentlich jedes zusätzliche Wort schon den Zauber dieses Einblicks in Frau Borchardts Paralleldimension schmälert.

Worum es geht? Das fasst Frau Borchardt uns ziemlich zu Anfang sehr konzise zusammen. Sie geht der Frage nach:

Wie schaffen es offene Gesellschaften, mithilfe des Netzes die Demokratie zu stärken?

Fragen wir uns ja alle jeden Tag. Ihr seid deshalb bestimmt nicht weniger gespannt als ich auf die Antworten, und ich glaube, ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage: Ihr werdet nicht enttäuscht.

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