Murielistan

1. April 2014

Ich wurde ja verschiedentlich schon mal gebeten, nicht immer nur zu sagen, was ich an unserem heutigen Gesellschaftssystem doof finde, sondern einfach mal zu erklären, wie ich mir eine Gesellschaft wünsche. Nicht immer nur, welche Regeln ich doof und illegitim finde, sondern welche ich für angemessen halte, und warum, und wie ich das alles organisieren würde. Zuletzt zum Beispiel hat Onkel Maike, bevor sie mir den Dialog aufkündigte und meine letzten Kommentare löschte, mich hier um eine Erläuterung gebeten. Und weil erstens solche Dinge mir natürlich schon zu denken geben und ich zugeben muss, dass es nicht okay ist, nur rumzunörgeln, ohne zu wissen, wie es besser geht, und weil zweitens hier jetzt echt unangemessen lange kein Beitrag mehr erschienen ist, und ich gerne sicher gehen möchte, dass sich niemand Sorgen um mich micht, und so, dachte ich, ich packe das jetzt endlich mal an und erkläre euch, wie ich diese politischen Systemfragen gerne beantwortet hätten würde.

Nämlich so:

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Bankrotterklärungen

14. Februar 2014

Kann es sein, dass meine Artikel zurzeit noch ein bisschen misanthropischer rüberkommen als sonst? Das ist eigenartig, weil ich mir generell gerade gar nicht besonders übellaunig vorkomme. Ich habe auch einen Beitrag in Arbeit, in dem es nicht nur um Brechreiz geht, wartet ab. Aber dies ist nicht dieser Beitrag.

Dies ist ein Beitrag über den Bundestagsabgeordneten Michael Brand (CDU), genauer über dessen Äußerungen zu der Entscheidung des belgischen Parlaments, Sterbehilfe unter bestimmten Bedingungen auch für Minderjährige nicht länger unter Strafe zu stellen.

Eine Gesellschaft, die im Ergebnis das Töten sogar der eigenen Kinder legalisiert, hätte Bankrott erklärt und wäre auf der kippenden Bahn, weil messbar der Wert des Lebens heruntergeschraubt wird und an die Stelle von Ausdauer, Mitleiden und Hilfe die Kapitulation und der Tod treten

hat Herr Brand der Zeitung “Die Welt” gesagt.

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Fuck them all

8. Februar 2014

Am 25. Januar 2008 schrieb Stefan Niggemeier anlässlich der Berichterstattung über DJ Tomekks Nazigruß:

Ich würde mir so sehr wünschen, der Zentralrat würde nicht jedesmal über dieses Stöckchen springen, das ihm »Bild« oder sonst ein Medium hinhält, sondern wenigstens einmal dem Kollegen so etwas antworten wie: »Wissen Sie was? Ich glaube, das können Sie auch als Nichtjude ganz gut beurteilen, was von so einem Hitlergruß zu halten ist. Sie müssen da nicht jedesmal einen organisierten Juden anrufen und als Empörungshansel missbrauchen. Oder wäre der Hitlergruß okay, wenn wir Juden sagen würden, er ist okay? Wäre es nicht ein Zeichen von Reife der deutschen, überwiegend nicht-jüdischen Gesellschaft, sechs Jahrzehnte nach dem Holocaust, von ganz alleine, ohne Vorgabe von uns, die nötige Empörung oder Nicht-Empörung aufzubringen? Und whothefuck ist DJ Tomekk?«

Und er bringt damit, denke ich, ein Gefühl zum Ausdruck, das ich auch sehr sehr oft empfinde, wenn irgendwer öffentlich irgendwas sagt, wie zum Beispiel unsere Kanzlerin in dieser völlig anderen Situation:

 Mit heftiger Kritik hat Bundeskanzlerin Merkel auf die Äußerung der amerikanischen Spitzendiplomatin Victoria Nuland reagiert. Diese hatte in einem vertraulichen Gespräch „Fuck the EU“ gesagt.

Und ich würde mir so sehr wünschen, Frau Merkel wäre einmal nicht über dieses Stöckchen gesprungen, sondern hätte den Journalisten wenigstens einmal so etwas geantwortet wie “Na und? Warum denn auch nicht? Wissen Sie, was ich manchmal in vertraulichen Gesprächen sage? Klar wissen Sie das. Ungefähr sowas, wie Sie auch manchmal in vertraulichen Gesprächen sagen, und jeder andere auch, und wir beide wissen, dass ‘Fuck the EU’ im Vergleich noch relativ zahm ist, oder? Wollen Sie mich nicht lieber was Interessantes fragen wie zum Beispiel, was wir mit unseren hoffnungslos kaputten und missgestalteten Sozialsystemen machen, oder was die EU tun kann, um ärmeren Ländern die Chance zu geben, zu vernünftigen Bedingungen mit unseren Bürgern handeln zu treiben und so allmählich erträgliche Lebensbedingungen und sowas wie Wohlstand für die ihren zu schaffen? Hier, passen Sie auf, ich sags gleich auch selbst für Sie: Fuck the EU. Haben Sies, oder soll ich noch mal?”

Würdet ihr nicht auch von einer Regierung und ihren Funktionären erwarten, dass sie die Souveränität aufbringen, es völlig egal zu finden, wenn jemand irgendwo “Jehova” gesagt hat, und ihre Arbeit nicht zu unterbrechen, um irgendeinem Journalisten ins Mikrofon zu quaken, dass sie natürlich total beleidigt und empört sind?

Mir fehlt die Eloquenz, um hinreichend deutlich zu machen, wie intensiv mich diese leeren Rituale ankotzen, die wir hin und wieder öffentlich aufführen zu müssen meinen, obwohl alle Beteiligten genau wie auch die Zuschauer wissen, dass es Theater ist, und nicht mal gutes. Und wie sehr ich mir wünsche, dass hin und wieder eine Person öffentlichen Interesses sich diesem Theater verweigert. (Oder passiert das vielleicht hin und wieder sogar, und steht dann halt aus offensichtlichen Gründen nur nicht in der Zeitung? Hm.)

Ich glaube, es wäre ein lohnendes Ziel, an einer Gesellschaft zu arbeiten, deren Vertreter sich ein besseres Image davon erhoffen können, ihren Job zu machen, statt mit lautem Klappern und Pfeifen die Gegenseitigeverschaukelungsmaschinerie zu bedienen. Und ihr so?


Neither do I.

19. Januar 2014

I can’t exactly say why, but I’m following samizdata. I don’t really agree with them, because they are slightly too fundamentalist libertarian for my taste. On the other hand, they are not outrageous enough to provide the entertainment I used to get from Jesus.de, for example, before they kicked me out. Still, one of the main reasons might be the hope that I might one day find the occasion to write a post like this one, demonstrating that my criticism is not limited to people whom I fundamentally disagree with.

Rob Fisher writes

The state does not care about you

Doing the rounds on Facebook is a story about a cancer patient told by the Department of Work and Pensions that she contributed to her illness and therefore does not qualify for some amount of welfare payment. One commenter points out that she probably broke some rule, such as drinking too much or not going to some medical appointment or other. Debate ensues about whether such rules are fair.

[...]

A government department can not know exactly how ill a certain individual feels today, and it will not visit you to find out why you did not attend an appointment. [...] so it must make rules, write letters and feed forms into computers.

[...]

It is much better to look not to the state for help, but to one’s friends and neighbours. [...]  If you want to look after the poor and the chronically ill, be a libertarian: take the money and the power away from the heartless state and leave it in the hands of people who care.

And this is, I’m sorry to say, almost exactly the kind of position I’m routinely criticised for and to which I sadly will no longer be able to respond to with something along the lines of “Who wants this? Show me an example! I don’t know anyone who remotely seriously would claim this kind of” Well, to be quite honest, I couldn’t have said that, anyway, because this is not the first time I’ve read this, but whatever, this is the occasion I choose to make my stand. Here goes:

No. I call bullshit. We don’t get this easy way out. It doesn’t work. As a society, we can’t just rely on this unfounded conviction that every person has a friend of a neighbour or a relative who cares enough about him to personally take on the responsibility to provide the help this person might need one day when he or she gets into trouble. Just typing this out makes me grimace in frustration that anyone would seriously propose this as a solution.

To be fair: I’m not sure Rob means it quite so simply. He might not really think that everyone should look to individual other persons for help and trust he’ll find someone to provide it. He might think, like I do, that we don’t need the threat of violence to force people to help each other, but that we can establish reliable voluntary systems based on the realisation that we all need help from time to time and that it makes sense for a society to provide ways of getting its members back on their feet whenever they stumble, and not just leave the lying on the ground and march over them.

But if he does, I think his argument doesn’t work any more, because any such system, to be reliable and not just a matter of luck and knowing the right people who care enough about me to sacrifice significant parts of their own time and money in my interest, needs rules. And it needs exactly the same kind of rules that a government-based non-voluntary system needs. And it will not work better just by virtue of being voluntary. The only advantage it will have by virtue of being voluntary is no longer being based on force and the threat of violence, which, in my book, is more than sufficient to make it desirable. But the rest will not come automatically. There would need to be rules, just as there are rules now, and all we can hope for is that we will be able to make better rules, on a more rational basis, than our system does now, so we will truly enable those members of our society in need of help (which are ALL OF US) instead of degrading them and making them feel dependent and useless.

So, yes, the state does not care about you. It can’t, because it’s an abstract principle. But no, I don’t care about you, either, but I still understand that it is necessary for a functional society to provide help to you if you need it, and that we have to find a way of offering it (mostly) to those who do and not making it too easy to abuse for those who don’t. This challenge is easy to state but very very difficult to overcome, and we will not be able to shirk it by just claiming that everyone has parents or a brother or a friend who will certainly know what to do, and of course be willing to do it.

Bullshit. Just try asking your brothers and friends and neighbours for help when moving, and see how readily they make sacrifices for you. Furthermore, you might notice that poor people, as a rule, have poor friends and neighbors who can’t even afford to make great sacrifices for them. The system we have now is stupid and unethical, and it doesn’t work. But that doesn’t mean no system at all would work better. What we need is a better system. A system that does not depend upon anyone caring for me personally, but upon rationally crafted rules.

There is a difference between a society without rulers, and a society without rules. As libertarians, we strive for the former, but not for the latter, and since no one else seems to understand this important disctinction, we should make sure that at least we ourselves do.


Bitte vergib mir, Sascha!

15. Januar 2014

Oh Gott. Ohgottohgott.

Also, ich hab ja diesen Post über diesen Post von Sascha Lobo geschrieben. Und gesagt, dass ich den doof finde.

Jetzt fühle ich mich ein bisschen schlecht dafür. Irrationalerweise. Ich finde Lobos Artikel nämlich immer noch doof, ziemlich sogar, und das zurecht. Aber wenn ich ihn jetzt mal mit dieser Replik von Evgeny Morozov vergleiche, dann … steht er plötzlich doch ziemlich gut da. Das ist nicht überraschend, denn mit Herrn Morozov hatte ich mich hier schon mal befasst und dabei für mich erkannt, dass seine Schreib- und meine Denkweise auf sehr vielen Ebenen sehr inkompatibel sind, um es so diplomatisch zu formulieren, wie ich es in diesem Kontext noch hinkriege.

Aber überraschend oder nicht, ich fühle mich aus verschiedenen Gründen dazu getrieben, auf Morozovs Antwort an Lobo zu antworten. Trotzdem will ich, auch im Interesse meiner eigenen Zeit und Nerven, versuchen, das nicht in allzu epischer Länge zu tun. Mal sehen. Manche von euch haben ja wahrscheinlich in den letzten Tagen schon schmerzhafte Erfahrungen mit der Natur und Verlässlichkeit guter Vorsätze gemacht. Aber ich bin ein bisschen naiv, also mit besten Absichten ans Werk, wie lange kann das schon dauern?

Die NSA-Enthüllungen haben die Utopie des Internets als eines demokratischen Emanzipationsmediums zerstört.

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Fang den Pudding

14. Januar 2014

Es gibt so Sachen, die ich gerne kritisieren würde, weil sie irgendwie leer und doof und nicht in Ordnung sind, auf so eine vage Art, die sich an nichts Konkretem fest macht, mich aber gerade deshalb sehr verärgert, die sich aber natürlich gleichzeitig kraft eben dieser Eigenheit nur sehr schwer kritisieren lassen, weil sie kaum etwas Konkretes enthalten, das Angriffsfläche böte.

Ein Beispiel wäre Sascha Lobo, dessen Werk ich, seit ich es kenne, vage nicht okay finde, ohne dass sich jemals eine Gelegenheit ergeben hätte, das öffentlich bekannt zu machen, obwohl oder weil (Ich kanns echt nicht so richtig sagen.) er nie irgendwas geäußert hat, das ich wirklich als Beispiel dafür hernehmen könnte. Aber heute (zwei Tage zu spät) habe ich einen Artikel sonderbares Lamento von ihm auf faz.net gefunden, mit dem ich es mal versuchen will. Weniger, weil ich es für ein besonders dankbares Objekt von Kritik hielte, sondern weil ich es mal gesagt haben will, und gerne wüsste, wie es euch so dabei geht.

Thema ist natürlich die sensationell erschreckende Entdeckung, dass die Geheimdienste, deren Job darin besteht, uns heimlich zu überwachen, uns offenbar jahrelang heimlich überwacht haben, und das besonders erschütternde Detail, dass sie dabei nicht einmal vor der Nutzung des denkbar naheliegendsten Mittels überhaupt zurückgeschreckt sind, womit natürlich wirklich niemand rechnen konnte. Niemand hier im Sinne von: Jeder, außer Sascha Lobo, der gesamten Bundesregierung und dem deutschen Journalismus, die offenbar aus allen Wolken gefallen sind, als das bekannt wurde. Und weil dies offenbar eines dieser Themen ist, bei denen alle nur mit großen Scheinen zahlen wollen und niemand wechseln kann, schreibt Lobo:

Die Snowden-Enthüllungen haben die vierte Kränkung der Menschheit offenbart, die digitale Kränkung der Menschheit, der größte Irrtum des Netzzeitalters

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Überaus verwerflich

6. Januar 2014

Unser neuer Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe weiß, offenbar, dass es Menschen gibt, die sich den Tod wünschen, und die nicht in der Lage sind, sich diesen Wunsch selbst zu erfüllen. Menschen, die so leiden, dass sie ihrem Leben ein Ende machen wollen, deren Zustand ihnen aber nicht erlaubt, diese Entscheidung ohne fremde Hilfe für sich selbst zu vollziehen.

Er weiß offensichtlich auch, dass manche dieser Menschen keine Hilfe von ihren Angehörigen und geliebten Menschen in Anspruch nehmen wollen oder können. Das kann sein, weil sie niemanden (mehr) haben, der ihnen diese Gunst erweisen kann oder will, oder weil sie es niemandem der ihnen nahe steht, zumuten wollen, sie zu töten. Menschen, die deshalb darauf angewiesen sind, oder es einfach nur vorziehen, dass es jemand Fremdes tut. Menschen, die Gründe haben, die wir gut oder schlecht finden können, die aber jedenfalls ihre sind. Und nicht unsere. Weil es nicht unser Leben ist.

Hermann Gröhe weiß das. Ihm ist klar, in welch einer verzweifelten Situation diese Menschen sich befinden, und was es für sie bedeutet, dass ihnen diese letzte Entscheidung verwehrt bleibt, dass sie ihr Leid nicht beenden können und Opfer ihrer eigenen Umstände bleiben müssen.

Wenn er es nicht wüsste, dann würde er ja keinen Sinn darin sehen, den Menschen, die diesen Bedarf decken wollen, Strafe anzudrohen.

Warum? Hat er der Rheinischen Post gesagt:

Wer aber die Selbsttötung propagiert, als Ausdruck der Freiheit des Menschen geradezu verklärt, der versündigt sich an der Wertschätzung des menschlichen Lebens in allen seinen Phasen.

Das ist seine Begründung, so wie sie RP online zitiert.

Die Wertschätzung des Lebens in allen seinen Phasen ist das Rechtsgut, das er gerne strafbewehrt verteidigt sehen möchte. Man muss das wohl so verstehen, dass ihm egal ist, wie die Menschen, denen das jeweilige Leben gehört, es schätzen, ob sie ihr Leben wertschätzen, wie sie dieser Wertschätzung Ausdruck verleihen möchten, und wie sie sein Ende gestalten möchten. Egal, oder zumindest nicht so wichtig.

Hermann Gröhe ist sich anscheinend nicht nur selbst der wichtigste Maßstab, er möchte, wenn ich ihn richtig verstehe, auch gerne der entscheidende Maßstab für alle anderen sein. Seine Wertschätzung des menschlichen Lebens entscheidet darüber, wie andere mit ihrem Leben umgehen dürfen, wie sie es beenden dürfen, und vor allem natürlich wie nicht.

Er maßt sich das Recht an, Menschen dafür zu bestrafen, dass sie den Willen anderer Menschen vollziehen. Er möchte gerne Leute bestraft sehen, die niemandem etwas angetan haben, die im Gegenteil anderen Hilfe bieten, die sie sonst offenbar nirgendwo gefunden haben, einfach weil sie damit gegen seine Vorstellungen davon handeln, wie man das menschliche Leben wertzuschätzen hat.

Zumindest halte ich das für die einzige sinnvolle Deutung der Zitate, die RP online von ihm wiedergibt.

Aber vielleicht seht ihr das ja anders, oder ihr seht es auch so, findet es aber nicht so entsetzlich widerlich wie ich. Würde mich interessieren. Dafür ist das Kommentarfeld da.

Was meint ihr?


Wer braucht eigentlich Würde?

17. November 2013

Und wozu? Echt jetzt. Ich kann mich nicht erinnern, wann mir das Konzept mal im Rahmen einer sinnhaften Argumentation untergekommen oder auch nur schlüssig definiert worden wäre. Würde als Beschreibung eines bestimmten Habitus’ kann ich gerade noch durchgehen lassen, aber in ihrer nebulös-magischen Anrufung etwa als “Menschenwürde” ist sie mir schon lange nicht mehr nur suspekt.

Ein zugegebenermaßen sehr zu Gunsten meiner Position ausgewähltes Beispiel: Der Bundespräsident. Dessen Würde war gerade vor ein paar Tagen Thema in einer FAZ-TV-Kritik, und ich würde das gerne einmal mit euch durchsprechen, um zu sehen, ob ich es nur einfach nicht raffe, oder ob das wirklich alles Quark ist.

Frank Lübberding schreibt dort:

Maybrit lllner fragte nämlich: „Präsidenten vor dem Richter. Gerechtigkeit für Wulff und Hoeneß?“ [...] Offenkundig kommt kaum noch jemand auf die Idee, zwischen einem Manager aus der Unterhaltungsindustrie und dem Staatsoberhaupt dieses Landes zu unterscheiden.

Und man muss zugeben: Ja gut. Das sind schon zwei sehr unterschiedliche Positionen. Der eine von den beiden hat einen echten Job, von dem viel abhängt, er muss echte Leistung bringen für sein Geld, und trägt eine hohe Verantwortung, wohingegen der andere … Staatsoberhaupt dieses Landes ist.

Ja, pardon, ich weiß, aber das musste sein, und ist doch so, und wird man doch wohl noch sagen dürfen.

Aber mal im Ernst: Was meint Frank Lübberding? Welche Unterscheidung fordert er ein? Es gibt vielleicht einen Kontext, in dem diese Unterscheidung einen gewissen Sinn ergäbe: Der Bundespräsident ist ein Staatsorgan. Er bekommt sein Geld vom Staat und muss sich damit vor der gesamten Bevölkerung verantworten, wenn er die damit verbundene Aufgabe, worin auch immer die bestehen mag, nicht angemessen erfüllt, wie immer er das auch machen sollte. Der Funktionär eines Unternehmens ist vielleicht eher nur den Leuten verantwortlich, denen dieses Unternehmen gehört, vielleicht auch noch dessen Kunden und Mitarbeitern und sonstigen Stakeholdern, aber irgendwann ist halt Schluss. Aber auch das finde ich nicht recht überzeugend, denn beide sollen gegen Strafgesetze verstoßen und damit etwas getan haben, das nach Auffassung des Gesetzgebers ein Vergehen gegen das gesamte Volk ist. Welcher Unterschied also?

Auch Lübberdings weitere Argumentation lässt Ungutes erahnen. Er schreibt, der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki habe zwar Hoeneß als “arme Sau” betitelt, nicht aber Wulff, und meint dazu:

Kubicki gewährte Wulff damit jenen Rest an Würde, der einem ehemaligen Staatsoberhaupt zugestanden werden muss, sich nämlich nicht nur als Opfer zu begreifen. Das Amt verträgt sich nicht mit dieser Rolle des Wehrlosen.

Liegt es an mir, oder kann man das nur so lesen, dass einem ehemaligen Staatsoberhaupt ein “Rest an Würde” zusteht, anderen Menschen aber nicht? Dass es okay ist, einfache Bürger “nur als Opfer zu begreifen”, und ihnen die “Rolle des Wehrlosen” zuzuweisen, aber bei ehemaligen Staatsoberhäuptern plötzlich inakzeptabel wird?

Liegt es an mir, oder findet ihr das auch ziemlich eklig?

Für Wulff gilt protokollarisch nicht ohne Grund immer noch die Anrede „Herr Bundespräsident“.

Ahja. Nicht ohne Grund. Ich bin gespannt.

 Er übt das Amt zwar nicht mehr aus, aber der Ehrensold und die Büroausstattung gelten nicht ihm persönlich, sondern der Würde dieses Staates, den er immer noch repräsentiert.

Wie jetzt? Der Ehrensold gilt der Würde dieses Staates? Dann kriegt Wulff den gar nicht auf sein privates Konto? Naja, doch. Dann kann er persönlich nicht damit machen, was immer er für richtig hält? Naja, doch. Was genau soll das bedeuten, dass dieser Kram “nicht ihm persönlich” gilt?

Und inwiefern repräsentiert Christian Wulff die Bundesrepublik Deutschland? Was genau bedeutet das? Wenn Wulff wehrlos wäre, verurteilt würde, eine arme Sau wäre, was würde das über unseren Staat aussagen, den er repräsentiert?

Und was zur Hölle ist eigentlich die “Würde dieses Staates”? Unser Staat ist ein Abstraktum. Er ist eine Organisation, eine Struktur. Wie kann sowas Würde haben? Und was genau bedeutet das, wenn es sie hat? Und inwiefern hängt diese Würde einer abstrakten Organisationsform an der Büroausstattung von Christian Wulff?

Begreife ich das nur nicht, weil ich in meinem anarchistischen Totalitarismus die Augen verschließe vor der praktischen Realität der Demokratie? Könnt ihr mir das erklären? Irgendjemand?

Ich wäre sehr dankbar.


Nicht ohne Ironie

4. November 2013

Die Debatte über den NSA-Skandal und den Datenschutz ist kaputt. Darüber habe ich schon öfter geschrieben, aber das soll mich nicht davon abhalten, es noch mal zu tun, denn wenn die Panikmacher und Datenschützer immer wieder den gleichen Quatsch wiederholen können, dann können die das schon lange. Deswegen spreche ich heute noch mal die beiden meiner Meinung nach wichtigsten und unerfreulichsten Mängel in ihrer Argumentation an.

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Restebloggen (99)

2. November 2013
  1. Was hat sich wohl der Mensch gedacht, der mein Navigationsgerät programmiert hat?
    “Laatzen, Hildesheimer Straße 157.”
    “Meinte Sie Laatzen, Hildesheimer Straße (Gleidingen) 157?”
    “Ähhh… Pfff… Joa, dann wahrscheinlich schon.”
    “Die gesuchte Hausnummer wurde nicht gefunden.”
    “Hrmgrmbl. Laatzen, Hildesheimer Straße 157.”
    “Meinten Sie Laatzen, Hildesheimer Straße (Gleidingen) 157?”
    “Nein.”
    “Bitte wählen Sie einen Eintrag.”
    Und dann steht da zur Auswahl auf dem Display:
    1. Laatzen, Hildesheimer Str… 157
    2. Laatzen, Hildesheimer Str… 157
    3. Laatzen, Hildesheimer Str… 157
    4. Laatzen, Hildesheimer Str… 157
    Ja nee ist klar.
  2. Nicht unbedingt zum Brüllen komisch, aber ich finde die Darstellung des Interviewten toll.

  3. Ich bin eine Liberale, verachtet mich!
    Hauptsächlich natürlich, weil ich dafür eintrete, dass Leute von ihrer Arbeit nicht leben können, im Winter frieren und schlussendlich auf der Straße oder noch besser im Straßengraben verrecken. Hätten sie halt was Vernünftiges gelernt. 
  4. Auch eigentlich viel zu spät, aber so schön gesagt, dass ich es hier noch mal verlinken will:
    “Das Übermaß an Talkshows, Duellen, Reportagen, Dokumentationen und den ganzen schrecklich originellen Wahlsendungen, es wirkt, als wollte jemand kurz vor einem Date noch vier Jahre Fressen und Faulenzen ausgleichen, indem er zwei Tage fastend im Sportstudio verbringt. Vor allem aber vermittelt es mit der Fixierung auf das bloße Zurwahlgehen das Gefühl, dass das schon alles sei, was Demokratie ausmacht: Dass alle im Abstand von vier Jahren irgendwo ihr Kreuz hinmachen, selbst diejenigen, die – bis es ihnen ProSieben erklärte – den ‘Bundestag’ für einen Tag wie den Mittwoch oder den 1. Mai gehalten haben” 
  5. Verflixt noch mal, wie kam das eigentlich, dass die Hersteller von Headsets eines Tages beschlossen, dass es keinen Grund gibt, aus dem Mikrofone irgendwo im weiteren Umfeld des Mundes sein sollten, und dass sie stattdessen offensichtlich direkt ans Ohr gehören?
  6. Wenn Philosophen in Interviews öfter mal was über ihr eigentliches Fachgebiet sagen würden, statt zum Beispiel Blödsinn über Armut, Wirtschaft und Gier zu erzählen, dann wäre mein Respekt vor ihnen sicherlich wesentlich größer, denn ich muss ja zugeben, dass unsere Welt sehr darunter leidet, dass kaum jemand eine klare Vorstellung von Epistemologie hat, oder ein sauberes Konzept davon, wie wir über Dinge nachdenken sollten. Genau darum geht es in diesem – nach meiner bisherigen begrenzten Erfahrung – sehr guten und sehr sympathischen Philosophiekurs der University of Edinburgh, an dem jeder völlig kostenlos teilnehmen kann. Mir gefällt er. Und wenn ich das richtig verstehe, kann man irgendwie sogar so eine Art Schein dafür kriegen. Der kostet dann ein bisschen was, aber dafür hat man dann ja auch sein Jodeldiplom. Empfehlung.
  7. Nicht kostenlos, aber preiswert, und zum Unbedingtmalausprobieren, auch wenn ihr mit Videospielen eigentlich nichts am Hut habt: The Stanley Parable. Zu schön. Lohnt auf jeden Fall auch das Anlegen eines Steam-Accounts, wenn ihr bisher keinen habt. Und falls ihr partout nicht bereit seid, ein paar Euro auszugeben, um es selbst zu spielen, könnt ihr euch zumindest eines der Let’sPlays der RocketBeans ansehen, zum Beispiel dieses mit Trant.
    Ach so, Englischkenntnisse müssen aber sein.

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