Another long and meandering post brought to you by „What’s the harm?“

12. Juni 2012

Ich habe vor langer Zeit angefangen, diesen Beitrag zu schreiben, und ihn dann verworfen, weil er mir zu konfus und – vor allem – zu missverständlich schien. Aber jetzt war hier so lange Pause, und ich habe so wenig Zeit, und an aktuellen Themen fehlt es auch gerade ein bisschen, da dachte ich, eigentlich könnte ich ihn ja doch veröffentlichen, und wer ihn missverstehen will, soll das eben tun, und wer sich an der Konfusion stört, der darf das auch gerne, und wer aber das Thema interessant findet und Ideen dazu beisteuern will, der kann mir helfen, ein bisschen weniger konfus zu werden. (Und das nächste Kapitel Bright Outlook kommt auch schon noch. Sobald ich wieder zum Schreiben komme.) Bitte schön:

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Vermischte Fundstücke aus der NYT vom 15. März

16. März 2012

Für ein Restebloggen waren mir diese Fundstücke zu schade, deswegen gibt es einen eigenen Post dazu, auch wegen der Aktualität und Zeug, und nicht zuletzt, weil es ein urlaubsadäquat bequemer Weg ist, mal wieder was zu veröffentlichen, ohne zu viel kostbare Essenszeit darauf zu verwenden:

Zunächst mal habe ich da ein wunderbares Exempel für die berühmte “What’s the harm”-Frage gefunden:

The mullah was astounded and a little angered to be asked why the accidental burning of Korans last month could provoke violence nationwide, while an intentional mass murder that included nine children last Sunday did not. “How can you compare the dishonoring of the Holy Koran with the martyrdom of innocent civilians?” said an incredulous Mullah Khaliq Dad, a member of the council of religious leaders who investigated the Koran burnings.

Wenn ich ein imaginäres Dings als den höchsten Sinn meines Lebens bestimme, führt das unweigerlich dazu, dass ich meine Prioritäten falsch setze. Natürlich sind sie bei den meisten Gläubigen nicht so falsch wie bei diesem Mullah, was einerseits damit zu tun hat, dass die meisten Gläubigen einfach viel bessere Menschen sind, und natürlich auch damit, dass für die meisten Gläubigen ihr imaginäres Ding gar nicht wirklich der höchste Sinn ihres Lebens ist. Jetzt, da ich noch einmal drüber nachdenke, wird mir klar, dass das keine zwei verschiedenen Punkte sind, sondern derselbe von verschiedenen Seiten. Na gut, ein Punkt hat keine Seiten, aber ihr wisst schon.

Ein anderer Artikel führt uns vor Augen, dass man keine Religion braucht, um ein schlechter Mensch zu sein (oder sich zumindest sehr überzeugend wie einer zu verhalten):

At a packed rally on Sunday, [Nicolas Sarkozy] attacked European Union trade rules, which he said had opened French markets to “savage” competition, and called for a protectionist “buy European” rule for public spending that would raise costs and invite retaliation. [...] A few days earlier, he had attacked legal immigration, promising a 50 percent cut in admissions for family reunification. In a particularly vile gambit from a man who already brags about banning the burqa in public and Muslim-style street prayer, Mr. Sarkozy now pledges to protect French consumers from unknowingly eating halal meat, slaughtered in accordance with Muslim dietary codes.

Dass dieser Mann und Leute wie er routinemäßig von der Mehrheit der (abstimmenden) Bevölkerung in wichtige Ämter gewählt werden, kann einen doch eigentlich nur an der Menschheit verzweifeln lassen, oder?

Ebenfalls zum Thema “Was für Leute wir in wichtige Ämter wählen” passt dieser Artikel, aber um ehrlich zu sein, habe ich ihn eigentlich nur wegen des wundervollen Vergleichs im dritten Satz ausgewählt:

Good news, frustrated American citizens! Congress is not a clogged up, hidebound legislative slug after all. Bills were flying through the Senate on Wednesday like great flocks of geese soaring into the turbines of a passenger jet.

Hatte ich schon mal gesagt, dass ich zwar natürlich ein bisschen verärgert reagieren würde, wenn ich erführe, dass eine fortgeschrittene Zivilisation beschlossen hat, diesen Planeten zu verglasen, dass ich mich aber wahrscheinlich schwer täte, überzeugende Gegenargumente aufzuzählen? Aber dieser Vergleich wäre immerhin schon mal eins.


Taschentuch? (4)

14. Januar 2012

Diese ganze Geschichte mit den auf tote Taliban urinierenden Marines weckt in mir ein ziemlich buntes Potpourri aus Reaktionen, die ich zur Förderung einer vielfältigen Diskussion einfach mal gedankenstromhaft hier veröffentliche, gemeinsam mit der Aufforderung, mich an euren eigenen Gedanken dazu teilhaben zu lassen:

  1. Ui, ja, das ist wirklich traurig, wenn ein Staat nicht mal seine Soldaten (also diejenigen unter seinen Angestellten, über die er den größten Einfluss ausüben kann, in einem Umfang, von dem jeder private Unternehmer nur in besonders erfreulichen Träumen… Äh, falsches Thema.) so weit im Griff hat, dass sie ihre peinlichen Untaten wenigstens nicht auch noch bei YouTube veröffentlichen, wenn sie sie schon nicht ganz unterlasssen können.
  2. Was haben diese Leute sich dabei gedacht? Da war doch bestimmt auch so jemand wie eine Führungskraft dabei (Oder?). Hätte nicht zumindest der auf die Idee kommen können, dass man den Quatsch vielleicht lieber nicht filmen sollte? Hätte das nicht Erinnerungen an gewisse andere Präzedenzfälle wecken sollen?
  3. Ist die Bewertung des ganzen Vorfalls nicht andererseits ausgesprochen sonderbar? Ich meine, niemand bezweifelt, dass es in Ordnung war, diese Taliban-Kämpfer zu erschießen. Aber so schlimm, dass man auf sie pissen darf, waren sie dann doch wieder nicht? Ich bin kein Taliban, aber meine Prioritäten stehen in einer anderen Reihenfolge.
  4. Ja, ich weiß. Sie zu erschießen, war erstens erforderlich, um den Auftrag auszuführen, und zweitens zur Selbstverteidigung unvermeidlich. Danach auf sie zu pissen, ist einfach nur ein unnötiger Akt der Respektlosigkeit, der außerdem (wie man gerade sieht) besagtem Auftrag großen Schaden zufügen kann.
  5. Aber trotzdem: In diesem Konflikt sterben offenbar jährlich Tausende von Zivilisten, und wir nehmen das relativ gelassen hin, aber wenn ein paar amerikanische Soldaten auf die Leichen von ein paar gegnerischen Soldaten urinieren, dann ist das ein Skandal? Hm.
  6. Um noch mal auf die Respektlosigkeit zurückzukommen: Wenn ich das richtig verstehe, kämpfen die Taliban dafür, ein gewaltgestütztes Terrorregime zu errichten, in dem sie Frauen und andersgläubige unterdrücken und misshandeln können. Ich bin nicht sicher, ob gegenüber solchen Leuten nicht noch deutlichere Signale von Respektlosigkeit angemessen wären, aber ich will lieber keine konkreten Vorschläge machen. (Und ja, ich weiß, der Rechtsstaat, der ja irgendwie auch von seinen Soldaten repräsentiert wird, sollte sich nicht auf das Niveau seiner Gegner herabbegeben, s. Punkt 1, aber das fiel mir eben gerade zum Respekt ein.)
  7. Ihr bornierten Arschlöcher! Ihr schickt einen Haufen junger Leute in die so ziemlich unmenschlichste Situation, die man ich vorstellen kann, nämlich in einen Krieg, und dann spielt ihr die schockierten Tugendwächter, wenn sie sich in dieser Situation nicht mehr ganz so zivilisiert benehmen, wie ihr das von ihnen erwartet? Ihr schickt Jugendliche mit Gewehren und Granaten los, um andere Leute zu töten, und seid dann völlig entsetzt, wenn sie danach noch einen geschmacklosen Witz machen? Ich glaub auch.
  8. Kann es sein, dass immer noch enorm viele Leute die Vorstellung mit sich herumtragen, es gäbe so etwas wie einen sauberen, anständigen Krieg? Kommt daher vielleicht diese bei manchen ja gewiss aufrichtige Entrüstung über solche Vorfälle? Aber wie geht denn das? Wie kann einem denn nicht klar sein, dass Krieg immer furchtbar, immer unmenschlich, immer grauenvoll und unsittlich und rundum doof ist? Dadurch wird das Verhalten dieser Marines nicht legitimiert, und schon gar nicht echte Abscheulichkeiten wie Abu Ghreib, aber man kann solche Entgleisungen doch nun wirklich nicht unbegreiflich oder überraschend finden. Oder?

De Maizière findet Hekatombe für Taliban sinnvoll

3. Juni 2011

Erneut ist ein Bundeswehrsoldat bei einem Anschlag in Afghanistan getötet worden. Verteidigungsminister Thomas de Maizière zeigt sich erschüttert – und bezeichnet ein Opfer von hundert Rindern an den Gott Zeus für die radikalislamischen Taliban als “nötig und sinnvoll”.

Quelle: Campus-Zeitung caz, Dresden, Urheber: Tobias Krecht

“In unseren Gedanken und mit unseren Tieropfergaben an die Olympischen Götter sind wir bei dem Gefallenen, seiner Familie und seinen Angehörigen”, sagte de Maizière am Donnerstag bei einer Pressekonferenz auf dem Olympischen Tempeltag in Dresden. Er halte aber auch massenhafte Tieropfer für die radikalislamischen Taliban für sinnvoll: “Das Opfern hunderter Stiere, Ziegen, Lämmer und Esel an Zeus, Ares und Pallas Athene für Täter und Opfer – für Opfer gleich welcher Nation – ist gut und richtig. Insoweit ist auch eine Hekatombe im Namen des blitzeschleudernden Götterfürsten und seiner Nachkommen für die Taliban nötig und sinnvoll.” Allerdings ersetze das Blutopfer nicht die praktische Politik. “Es kann die Basis dafür sein, es kann eine große Hilfe sein, aber es kann nicht alles sein”, so de Maizière.

Der Verteidigungsminister, der dem Tempeltagspräsidium angehört, reagierte damit auf Äußerungen der populären Theologin Margot Käßmann. Die frühere Ratsvorsitzende der Olympischen Tempelgemeinschaft in Deutschland hatte am Vormittag vor mehreren tausend Menschen eine gemeinsame Opfergabe mit den Taliban als eine “wesentlich bessere Idee als die Bombardierung von Tanklastwagen” bezeichnet.


Taschentuch?

26. Januar 2011

Warum kann eigentlich nicht einmal ein Skandal bei der Bundeswehr stattfinden, ohne dass Leute sich künstlich über Dinge aufregen, die auch jemand als Nichtigkeiten erkennen müsste, der niemals Soldat war?

“Minderwertiges Menschenmaterial” soll der Kapitän also seine Besatzung genannt haben. Uiuiui, wenn das mal keine bleibenden Schäden hinterlassen hat. Ist das psychologische Krisenbetreuungsteam schon vor Ort?

Seeleute, die sich im Hafen betrinken? Der Weltuntergang kann nicht mehr weit sein.

Oder damals 2006, als ein paar Schwachköpfe in Afghanistan Fotos mit Totenschädeln gemacht haben. Da saß ich mal gute zehn Minuten an einem Tisch mit zwei Familienangehörigen, die völlig erschüttert darüber sprachen, wie verroht und unmenschlich man eigentlich sein muss, um sowas zu tun. Und ich war die ganze Zeit über so kurz davor, aufzuspringen und zu fragen, wie borniert und und kleinlich man eigentlich sein muss, um solche dämlichen Scherze für den Gipfel der Unmenschlichkeit zu halten. Ich jedenfalls würde mir unter geeigneten Umständen die gleiche Idiotie auch selbst zutrauen.

Damit wir uns nicht missverstehen: Ich hätte es auch lieber, wenn alle Menschen immer fair miteinander umgingen, wenn niemand Drogen missbrauchen würde und alle immer Respekt vor den Gefühlen ihrer Mitmenschen hätten. Naja, jetzt, da ich noch mal drüber nachdenke, vielleicht hätte ich das doch nicht lieber. Hm. Aber jedenfalls will ich nicht leugnen, dass das nicht schön ist, worüber berichtet wird. Und natürlich ist der Tod der beiden Soldaten eine völlig andere Kategorie als dieser andere Kinderkram und gehört gründlich untersucht.

Aber wer wirklich behauptet, von Saufgelagen, harten Worten und geschmacklosen Witzen in der Bundeswehr entsetzt zu sein, muss sich in meinen Augen entscheiden, ob er ein Heuchler ist, oder beschränkt, oder beides.

[Nachtrag: Oh. Ich sehe gerade, dass Neues aus Westsibirien mir schon zuvorgekommen ist, wenn auch etwas kompakter im Ausdruck.]


Give war a chance

16. Juni 2010

Heute möchte ich mit euch mal über Krieg nachdenken. Habt ihr euch wahrscheinlich schon gedacht. Im Einzelfall bin ich mir selbst nicht sicher, wo ich da stehe. Afghanistan, Kosovo, Irak, Frankreich, ich weiß einfach nicht genug über diese Länder und ihre Umstände, um fundiert darüber entscheiden zu können, ob es richtig war, dort militärisch einzugreifen, oder ob man es besser mit anderen Instrumenten versucht hätte.

Aber ich weiß, dass ich kein Pazifist bin. Ich halte Pazifismus für eine nicht ganz unsympathische, aber letzten Endes doch ausgesprochen unmoralische Einstellung. Ich glaube, dass jeder Mensch grundsätzlich eine Verpflichtung hat, anderen Menschen zu helfen, wenn er es mit vertretbarem Aufwand kann. Wenn ich nachts durch eine Stadt laufe und in einer dunklen Gasse sehe, wie jemand überfallen wird, fühle ich mich verpflichtet, ihm beizustehen. Es ist in so einer Situation nicht immer die beste Entscheidung, selbst einzugreifen. Der Täter könnte bewaffnet sein, und ich bin – für viele von euch vielleicht eine Überraschung – nicht Batman. Das sind gute Gründe, nicht selbst einzugreifen, sondern Hilfe zu rufen. Wer es aber prinzipiell für falsch hält, einen anderen Menschen vor einem Angreifer zu schützen, wenn dafür der Einsatz von Gewalt erforderlich wäre, dessen Moral ist in meinen Augen in dieser Hinsicht sehr, sehr zweifelhaft. Und genau das ist Pazifismus: Die prinzipielle Ablehnung jeglicher Gewalt, zumindest zwischen Staaten.

Und ich finde durchaus, dass die Situation zwischen Völkern und Staaten vergleichbar ist. Saddam Hussein war meines Wissens ein Diktator, dessen Volk in ständiger Furcht vor seiner Geheimpolizei und willkürlichen Gewaltakten lebte. Auch die Taliban hatten in Afghanistan ein Regime auf der Basis von Terror, Gewalt und Mord errichtet. Man kann in beiden Fällen darüber streiten, ob die USA den richtigen Weg gewählt haben, dieses Problem zu beheben. Man kann in beiden Fällen darüber streiten, ob das Resultat den Aufwand und die Anzahl der gefallenen Soldaten rechtfertig. Man meines Erachtens in beiden Fällen nicht darüber streiten, dass es moralisch richtig war, etwas dagegen zu unternehmen. Und wer ernsthaft glaubt, dass das ohne Gewalt möglich gewesen wäre, der muss eine sonderbare Vorstellung von der Offenheit fanatischer totalitärer Regime für freundliches Zureden haben.

Ich habe auch noch kein überzeugendes Argument gehört, das prinzipiell gegen solche Einsätze spräche. Noch mal: Wie genau man dabei im Einzelfall vorgeht, ist eine andere Frage. Gerade im Irak ist ohne Zweifel vieles falsch gelaufen, und der Vorwand für den Angriff war natürlich schlicht gelogen. Aber “Was geht uns Afghanistan an?” oder “Unsere Soldaten sterben da drüben, weil die ihr Land nicht in den Griff kriegen!” sind keine moralischen Argumente.Vielleicht kennt ihr bessere; sie würden mich interessieren.

Es ist verständlich, die Leben von Menschen, die einem nahe stehen, höher zu bewerten als die von Fremden. Aber wer ernsthaft findet, dass die Leben deutscher Soldaten grundsätzlich mehr wert sind als die Leben von Afghanen, der hat etwas ganz Entscheidendes nicht verstanden.

Krieg ist eine fürchterliche Sache. Im Krieg sterben und leiden Menschen. Soldaten, Zivilisten, Kinder, Frauen, Männer, und übrigens auch Tiere. Ich finde, dass wir trotzdem nicht die Augen vor der Tatsache verschließen dürfen, dass militärische Gewalt manchmal der beste oder sogar der einzige Weg sein kann, die Abscheulichkeiten, die Menschen anderen Menschen antun, zu verhindern.


Luftschlager

16. Dezember 2009

Unser cooler Baron Verteidigungsminister hat ein bisschen Ärger wegen eines kleinen Luftschlags. Das kuschelige kleine Blog „überschaubare Relevanz“, das, wenn es groß ist, auch mal so investigativ werden will wie Der Postillon oder Spiegel Online, wollte hierzu ein Interview mit Herrn von und zu Guttenberg. Dieser erklärte sich jedoch nicht dazu bereit, vielleicht auch, weil ihn niemand gefragt hat, deshalb haben wir uns einfach eins ausgedacht:

üR: Herr von und zu Guttenberg – Oder darf ich einfach Wilhelm sagen? – wir sind verwirrt. Wie ist es denn nun zu dem Angriff auf die Tanklaster in Afghanistan gekommen, und wer trägt die Verantwortung dafür?
Guttenberg: Waah! Nennen Sie mich bloß nicht Wilhelm, sonst geht diese unselige Wikipedia-Debatte von vorne los. Ich kann das nicht mehr hören. Sylvester ist doch nett.
üR: Wie Sie wollen.
Guttenberg: …
üR: Äh, und die andere Frage?
Guttenberg, sich räuspernd: Wieso, welche andere Frage?
üR, leicht ungeduldig: Wer trägt die Verantwortung für den Tod mehrerer Zivilisten bei dem Angriff auf einen Tanklastzug in Afghanistan, den Sie selbst inzwischen auch als militärisch nicht angemessen bezeichnet haben?
Guttenberg: Ach so, ja, die Frage, natürlich. Verzeihen Sie bitte, die hatte ich ganz vergessen. Ein sehr peinlicher Fehler, insbesondere, weil man es als Versuch auffassen könnte, diese eher unangenehme Frage zu umgehen, und ich versichere Ihnen, dass mir nichts ferner läge.
üR: …
Guttenberg: …
üR: Herr von und zu Guttenberg, ich schreie gleich.
Guttenberg: Sylvester. Wieso?
üR, schreiend: Weil Sie die Frage immer noch nicht beantwortet haben!
Guttenberg: Ach ja. Wie lautete… [erschrocken:] Schon gut, schon gut, setzten Sie sich bitte wieder hin. Also, die Frage: Ich kann Ihnen versichern, dass ich mich in meiner Funktion als Verteidigungsminister hier zu 100% vor meine Soldaten Stelle. Unsere Männer – und Frauen – in Afghanistan tun in vorbildlicher Weise ihre Pflicht und verdienen dafür unsere volle Unterstützung. Ich bewundere diese Menschen, die ihre Pflicht erfüllen, für ihr Vaterland und für die hilfsbedürftige afghanische Bevölkerung, und dabei bereit sind, ihre eigene Sicherheit und Gesundheit aufs Spiel zu setzen.
üR, mit zuckendem rechtem Augenlied und pochender Schläfenader: Und wer träg nun die Verantwortung?
Guttenberg: Wie ich schon sagte, ich stelle mich da vor meine Leute. Als Minister nehme ich selbstverständlich die Offiziere in Schutz, die hier schwierigste Entscheidungen in Sekundenbruchteilen zu treffen haben. Schuld ist alleine Oberst Klein.
üR: [Betretenes, leicht ungläubiges Schweigen]
Guttenberg: Also was denn jetzt, stellen Sie mir noch eine Frage oder was?
üR: Natürlich, Verzeihung. [Kramt einen böse zerknitterten Notizzettel aus der Hosentasche] Äh… Naja… Also, Oberst Klein ist an allem Schuld?
Guttenberg: Genau.
üR: Ganz alleine?
Guttenberg: Jup.
üR: Oberst Klein hat also einfach kraft eigener Herrlichkeit seine Einsatzregeln ignoriert und unter Missachtung des Bundestagsmandats mit frei erfundenen Gründen (”Troops in contact”) einen Luftangriff angefordert, um ein paar Taliban zu töten, wobei er billigend in Kauf genommen hat, dass unschuldige Menschen sterben?
Guttenberg: Ich schätze, so muss das gewesen sein.
üR: Oh. Na gut. Und was passiert dann jetzt mit dem?
Guttenberg: Gar nichts, wieso?
üR: Keine Sanktion?
Guttenberg: Nein. Das gehört sich nicht.
üR: [Lacht ein bisschen verstört.] Ach so, klar, dumm von mir. Und warum schätzen Sie, müssten Sie das nicht wissen?
Guttenberg: Naja, ich habe von der ganzen Sache natürlich keine Ahnung.
üR: Wie jetzt?
Guttenberg: Na, sehen Sie… Äh… Da gibt’s doch diesen… Hier, wie heißt das? Sie wissen schon… Untersuchungsdings, oder so. Da bin ich aber nicht drin, und sonst weiß ich nur, was halt in der Zeitung steht. Also, in der, die ich lese.
üR: Sie könnten ja versuchen, es rauszufinden. Wäre doch eine nette Geste, einfach mal zu schauen, was in ihrem Ministerium so läuft, wenn Sie eh schon mal da sind, oder?
Guttenberg: Was? Wieso?
üR, sich nach der versteckten Kamera umsehend: Weil… Sie der Verteidigungsminister sind?
Guttenberg: Ja, und? Soll das jetzt heißen, ich wäre für alles verantwortlich, was in meinem Ministerium passiert, oder was? Meinen Sie nicht, dass ich Besseres zu tun habe? Haben Sie eigentlich eine Ahnung, worum man sich da alles kümmern muss? Allein mein Styling – aber davon verstehen Sie ja offensichtlich nichts. Verteidigungsminister, pah! Soll sich doch der Seehofer drum kümmern. Mir doch egal. Das wär ja noch schöner! Hätten die wohl gerne, gemeines Pack, Bauerngesindel… [Verlässt unter weiterem, unverständlichen Gegrummel grußlos die Redaktionsräume]


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