Herr Haas, ich mache mir Sorgen um Sie

21. August 2011

Nachdem ich erst kürzlich in einer Sherlock-Rezension sonderbare Anwandlungen fand, konnte ich natürlich das aktuelle Werk von Herrn Haas “Machen wir uns einfach zum Affen” nicht ungelesen an mir vorüber gehen lassen. Der Titel ist Programm.

Cäsar [aus "Planet der Affen Prevolution] wird, nach der Gefangenschaft in einem schrecklichen Tierheim, seine Anhänger zurückführen in ihren angestammten Lebensraum, jenen Nationalpark, in dem die Mammutbäume als Monumente des Naturschönen in den Himmel ragen. Dieses aufgeklärte Subjekt erhebt sich gerade nicht über die natürliche Umgebung, fängt nicht an, sie auszubeuten. Der Mutant schreibt die Zivilisationsgeschichte nicht als Verfallsszenario fort, sondern als Selbstbescheidungsprojekt.

Herr Haas sieht unsere Zivilisationsgeschichte als als Verfallsszenario. Ich bin nicht sicher, ob er sich wirklich nach Zeiten zurücksehnt, in denen jedes zweite Kind starb, bevor es das Erwachsenenalter erreichte, in denen eine fauler Zahn eine lebensbedrohliche Erkrankung war, und in denen es Leute wie ihn und mich einfach nicht geben konnte, die einen erheblichen Teil ihrer Zeit mit intellektuellen Kinkerlitzchen wie seinem Artikel und meiner Replik zubrachten, weil wir alle zu sehr damit beschäftigt waren, nicht zu verhungern und Holz für den Winter zu sammeln, oder ob er nur einfach nicht versteht, was Rückkehr zur Natur und Selbstbescheidung konkret bedeuten, oder ob es noch etwas ganz anderes ist, das seine Gedanken antreibt, aber jedenfalls könnte ich jedes Mal in den Tisch beißen, wenn ich sowas schon lese. Verfallsszenario, ich glaub auch… War der Satz gerade eigentlich zu lang? Also, nicht der letzte, sondern der davor? War er, oder? Tut mir Leid.

Auch am Beispiel des Mutanten Wolverine, der von korrupten Forschern zur werwolfartigen Kampfmaschine umgezüchtet wird, zeigten sich in der “X-Men”-Saga die Verfehlungen einer ethisch abgekoppelten Bio-Industrie. 

Ähhh… Ja… Aber… Wie soll ich sagen… Herr Haas, Sie wissen schon, dass das nur ein Comic ist, oder?

Kann es also keine Erlösung geben von dem Unheil der Zukunftslabore, vom titanischen Irrsinn der Epigenetiker und Neuropharmakologen?

Okay, vielleicht wissen Sie es doch nicht. Na gut. Mal sehen, wie es weitergeht.

Doch, aber sie findet in Umbruchs- und Verfallsperioden statt, in denen wir uns wiederum nur mit Angst bewegen können.

Woher er das weiß? Na, was denkt ihr denn?

Die großangelegte Comicerzählung “Sweet Tooth” (der dritte Band erschien im Juni) schildert so eine Welt:

Ach so… Naja, das Ganze steht ja im Feuilleton. Ich bin sicher, dass Herr Haas einfach nur die typischen Dramaturgien von Mutantencomics schildert und das Ganze nur oberflächlich gesehen ein bisschen so klingt, als spräche er über die Wirkliche Welt. Ich missdeute nur wieder, was er zu sagen versucht. Ganz bestimmt…

Diese Idee haben alle neueren Mutantengeschichten gemeinsam: Die Zukunft der Menschheit wird von ihr selbst abgekoppelt.

Na also. Sag ich doch.

Und warum eigentlich nicht? Wir wissen, dass gutgemeinte Ideen oft in ihr Gegenteil umschlagen, wenn der Mensch im Mittelpunkt des Projekts steht.

Oh. Äh. Naja. Ja, aber er hat ja auch Recht, jetzt mal ehrlich! Was soll sonst das Problem an Hitlers, Stalins, Maos und Pol Pots gutgemeinten Ideen gewesen sein, wenn nicht der konsequente Fokus auf Mensch, Menschheit und Menschlichkeit?

Eine pessimistische Haltung zur Aufklärung erscheint da durchaus plausibel.

Genau! Weil ja die Aufklärung… Ähm… Nee, tut mir Leid, hab den Faden verloren.

 Und wie wäre es also, wenn wir nicht die Methode, die Aufklärung also, sondern ihren Gegenstand, das menschliche Subjekt, austauschten? Vielleicht wäre humaner Fortschritt nicht mit uns, dafür aber mit Cäsar, dem superintelligenten Affen, oder Sweet Tooth, einem verschreckten Kind mit Hirschgeweih, möglich.

Hm. Ja, vielleicht. Ich bin sicher, dass es daran liegt. Was soll schließlich sonst das Problem an Hitlers. Stalins, Maos und Pol Pots Bemühungen um den humanen Fortschritt gewesen sein, wenn nicht der obstinate Verzicht auf superintelligente Affen und verschreckte Kinder mit Hirschgeweihen? Es ist offensichtlich, oder? Oder?


Mit Verlaub, Herr Haas, Sie sind ein

24. Juli 2011

Mensch der offenbar nicht verstanden hat, was Aufklärung bedeutet, aus irgendeinem mir nicht ersichtlichen Grund Technologie, Wissen und Vernunft als etwas Beängstigendes empfindet und aus ebenso unerfindlichem Grund das Bedürfnis verspürt, dieses debile Ressentiment sogar in etwas so harmlosem wie einer kurzen Rezension einer kurzen Fernsehserie zu propagieren, was ich als sehr unerfreulich und verwerflich empfinde.

Mir schwante schon Übles ob der Einleitung, die Herr Haas für seinen Text zu der BBC-Serie “Sherlock” gewählt hat. Er spielt Überraschung ob der Entscheidung, Herrn Holmes in die Gegenwart zu versetzen:

“Ein Detektiv also, noch dazu ein Erbe der Viktorianischen Epoche? Einer, der stolz mit den Mitteln der Ratio hantiert, als sei die Aufklärung eine rundum glückliche Veranstaltung gewesen?”

fragt er, und ich frage mich an diesem Punkt noch um Offenheit bemüht, wie er das meinen könnte. Will er vielleicht nur sagen, dass die Aufklärung noch lange nicht abgeschlossen ist und sich als vielfach schwieriger herausgestellt hat als ihre naiven Begründer damals erwarteten? Das wäre ja noch verständlich und richtig, aber das kann es nicht sein, denn erstens drückt Herr Haas durch seine Formulierung aus, dass er es für unangebracht hält, stolz mit den Mitteln der Ratio zu hantieren, und damit erhält auch der ambivalente zweite Halbsatz für mich eine klare Richtung: Die Aufklärung war keine glückliche Veranstaltung, sondern eine unglückliche. Davon wusste ich bisher nichts, und nun hoffe ich, dass Herr Haas sich auch weiterhin vom Thema seines Artikels nicht in der Verbreitung seiner stumpfsinnigen kleinen Vernunftfeindlichkeit bremsen lässt.

Ich werde nur halb enttäuscht, wobei enttäuscht nicht das richtige Wort ist, denn es kommt, wie ich es von so jemandem erwarte: Herr Haas lässt sich zwar nicht bremsen, kommt aber auch nicht zur Sache. Er wirft weiter mit bedeutungsschwangeren Andeutungen um sich, ohne uns naive Fortschrittsgläubige in die Hintergründe einzuweihen. Er schreibt zum Beispiel:

In dieser Figur laufen die Konfliktlinien der modernen Wissensgesellschaft zusammen“,

und dann lässt er uns damit hängen, ohne zu verraten, welche Konfliktlinien er meint. Ich will nicht leugnen, dass es die gäbe, aber in den nächsten Sätzen schildert Herr Schächter Haas, dass Holmes “als Virtuose der analytischen Kombinatorik” (Ist klar, ne?) mit den “Instrumenten unserer Kommunikationstechnologien” umgeht (womit wahrscheinlich Computer und Handys gemeint sind), sich aber trotzdem manchmal bewegen muss, am liebsten aber nur noch denken würde. Sieht da jemand die Konflikte unserer Gesellschaft zusammenlaufen? Oder irgendwas anderes? Ich bin für jeden Hinweis dankbar.

Falls ihr mir jetzt noch Vorurteile und übertriebene Empfindlichkeit unterstellt und denkt, es könne ja alles ganz anders gemeint sein: Das hielt ich offen gesagt auch noch für möglich, bis ich diesen Satz las:

Wir wissen, dass die Aufklärung auch die Barbarei ausbrütet.

Und dazu habe ich so ziemlich nichts zu sagen, das Herr Haas nicht als Anlass zu einer Beleidigungsklage nehmen könnte. Deswegen lasse ich es und fordere euch auf, selbst zu überlegen, wie viele Beispiele für Barbarei auf Basis eines aufgeklärten, wissenschaftlich-rationalen Weltbildes euch einfallen. Und wehe, einer sagt Hitler. Dann schreie ich.

(Die Serie könnte aber gut sein. Heute um 21:45 Uhr, ARD. Falls ihr Lust habt.)


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