Der Kontakt mit Menschen ist mir sehr wichtig und bereitet mir viel Freude

12. April 2010

Ich weiß, dass es ein bisschen armselig ist, sich über Bewerbungen lustig zu machen, die von jungen Leuten voller Vertrauen an einen geschickt werden, in der Hoffnung, dass man ihnen zu einem Ausbildungsplatz verhelfen möge. Andererseits fände ich es auch nicht fair, meine heutigen Erlebnisse für mich zu behalten, zumal es ja auch einen aktuellen Bezug gibt. (Das mit der Dummheit der Lehrlinge kann ich übrigens aus meiner heutigen Erfahrung nicht bestätigen. Im Schnitt machten sie auf keinen Fall einen schlechteren Eindruck als ältere Bewerber das so meistens tun.)

  1. (Wir sprechen über eine andere Ausbildung, die der Bewerber abgebrochen hatte.)
    Bewerber: “Naja, die waren da irgendwie alle nicht fair zu mir immer, schon von Anfang an so, und dann hab ich irgendwann ‘n Fehler gemacht, und dann haben sie mir gesagt, dass sie nich’ mehr wollen, so eben…”
    Muriel: “Einen Fehler?”
    Bewerber: “Ja, also, ich sollte da sowas schreiben, aber der Zettel, der ist mir irgendwie… Also, da war so ‘n Spalt unter meinem Schreibtisch, wissen Sie, so zwischen der Platte und dem… Naja, also, und da muss er… da ist der wohl irgendwie reingerutscht, und da konnt’ ich den nicht sehen, und irgendwann war dann so ‘ne Mahnung da, oder so, und dann…”
  2. Ist es unhöflich oder eher hilfsbereit, wenn man einen Bewerber, der im Anschreiben seine guten Deutschkenntnisse hervorheben wollte, darauf hinweist, dass man das nicht “deutsch Kenntnisse” schreibt?
  3. Ja, ich weiß, diese ClipArts in Word sind wirklich zu lustig. Und ja, ich weiß, auch unter Lehrern und Professoren hält sich der Irrglaube, dass man die prima benutzen kann, um langweilige PowerPoint-Präsentationen und Overhead-Folien aufzupeppen. Nein, die gehören trotzdem nicht auf das Deckblatt einer Bewerbung.
  4. Das wohl fieseste Arbeitszeugnis, das ich je gelesen habe. Es stammt von einem Kindergarten und enthält unter anderem die Hinweise [Hervorhebungen von mir]:
    “[...] war nach einer Eingewöhnungszeit mit dem Tagesablauf und den Gruppenregeln vertraut und zeigte grundsätzlich Initiative [...]“
    “Er konnte zu den meisten Kindern eine hinreichende Beziehung aufbauen.”
    “Die ihm übertragenen Aufgaben wurden in der erwarteten Art und Weise ausgeführt.”
    “In der Reflexion setzte er sich sachlich und kritisch mit seinem Handeln auseinander.”
  5. Meine Lieblingshobbys von heute:
    “PC (Internet surfen)”
    “Umgang mit Menschen”
    “Rechnen”
    Welcher Sadist hat dieses Feld in die Lebensläufe dieser Welt eingefügt?
  6. Was macht man mit einer Bewerberin, in deren Anschreiben steht, sie sei “tief gläubig”? Also, klar, darf sie sein. Aber warum in, ähem, Gottes Namen glaubt sie denn, dass das in ein Bewerbungsanschreiben gehört?
  7. Und jetzt noch einmal alle zusammen:
    “Meine größte Schwäche sehe ich darin, dass ich zu ungeduldig mit mir selbst bin und Fehler immer sofort korrigieren will.”
    Beim Nächsten, der das sagt, spreche ich mit, glaube ich. Besonders dankbar bin ich denen, die diese Antwort um den Hinweis ergänzen: “Kann man natürlich auch als Stärke sehen.” Hätte ich sonst nie bemerkt.

Sex am Arbeitsplatz fördert die Arbeitsmoral

26. August 2009

Habe ich eure Aufmerksamkeit? Gut. Dann kommen wir nun zu etwas völlig anderem:

In unregelmäßigen, aber gefühlt immer kürzer werdenden Abständen berichten viele Zeitungen darüber, dass es ein bisschen heikel sein könnte, in sozialen Nerwerken (oder sonstwo im Internet) zu viel über sich zu verraten, weil Arbeitgeber die Möglichkeit haben, Bewerber zu googeln. Heute (Edit: Pardon, der Entwurf musste erst ein bisschen reifen.) Vor ein paar Tagen war faz.net mal wieder dran.

Zum Einstieg geht es in dem Artikel um diverese StudiVZ-Gruppen. Eine hat diesem Beitrag den Namen gegeben, eine andere heißt: “Wenn man delegieren kann, wirkt Faulheit wie Kompetenz.” Darauf folgt die Frage: “Welcher Arbeitgeber würde nicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, würde er solcherlei Einlassungen über Bewerber lesen?” Ein Versuch einer Antwort meinerseits könnte lauten: “Jeder, der auch nur einen Funken Verstand hat, würde kurz schmunzeln und weiterklicken.”

Der Autor schätzt die Lage offenbar anders ein und kommt zu dem Schluss: “Wer den Google-Test nicht besteht, hat also wenig Chancen.” Aber warum? Und was ist überhaupt “der Google-Test”? Schauen wir uns mal die Daten an, auf die die Panikmache Überzeugung von FAZJOB.NET sich stützt (alle Daten aus einer Umfrage des Instituts Dimap, die leider nicht verlinkt ist, soweit ich das erkennen kann):

  • 28% der Unternehmen nutzen das Internet für die Auswahl an Bewerbern.
  • 20% davon wiederum sind “mindestens gelegentlich auch in sozialen Netzwerken unterwegs.”
  • 76% gaben an, dass “negative Äußerungen über Arbeit oder das Arbeitsumfeld” ihr Bild des Bewerbers verschlechtern.

Potztausend, kann ich euch sagen hören, das ist ja unglaublich  hätten wir nie gedacht  klingt ja spannend  hätte man sich doch alles auch so denken können!

Mal im Ernst: Aus der Erkenntnis, dass rund 5% (!) der für Personalauswahl Zuständigen schon ab und zu mal soziale Netzwerke nutzen, den Schluss ziehen zu wollen, dass die Zugehörigkeit zu einer albernen StudiVZ-Gruppe der Genickschuss für jede Bewerbung darstellt, finde ich sehr eigenwillig. Und um zu wissen, dass Arbeitgeber es vielleicht nicht so gut finden, wenn ich mich abfällig über Arbeit äußere, brauche ich auch nicht unbedingt ein professionell recherchiertes Qualitätsmedium. Hat da draußen in den Redaktionen dieses Landes noch jemand sowas wie Stolz oder journalistischen Anspruch?

Es kann ja sein, dass irgendwo da draußen eine Handvoll verbohrter Arbeitgeber existiert, die ihre Einstellungsentscheidung von irgendwelchen dummen Witzen im Facebook-Profil abhängig machen. Die von faz.net zitierten Daten sagen darüber aber rein gar nichts aus. Und außerdem: Will von so einem Unternehmen wirklich irgendjemand einen Job?


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