“ja, eh…”-Woche: Es gibt nur zwei Arten von Menschen

3. Januar 2012

Gestern Abend habe ich “My Name is Khan” gesehen und will über den Film an sich nicht lange reden. Wen es stört, wenn ein Film zu lang und zu albern und gleichzeitig zu pathetisch ist, der sollte keine Bollywood-Filme sehen.

Kurz besprechen möchte ich stattdessen das Motto des Films, das unser Protagonist ziemlich am Anfang von seiner Mutter zum Unterschied zwischen Moslems und Hindus erklärt bekommt:

Es gibt nur zwei Arten von Menschen: gute Menschen, die Gutes tun, und böse Menschen, die Böses tun.

Einerseits erkennt jeder sofort, dass das Unfug ist, wenn er ein bisschen drüber nachdenkt. Aber andererseits ist das so ein Satz, über den viele Menschen wahrscheinlich eben nicht besonders nachdenken, wenn er in diesem Kontext auftaucht.

Wieso, ist doch eine schöne Botschaft? Hindus, Muslime, Atheisten, Scientologen, Republikaner, alles egal, Hauptsache, sie tun Gutes.

Zu dem Problem mit dem Bösen und dem Guten hatte ich ja schon mal was geschrieben, deswegen will ich das hier nicht zu sehr vertiefen, aber kurz gesagt sehe ich das so: Der Begriff “böse” ergibt in sich kaum Sinn. Es gibt keine “bösen Menschen”. Jeder Mensch hat Gründe für das, was er tut. Die können altruistisch sein, oder egoistisch, vernünftig oder völlig banane. Aber diese Gründe basieren natürlich auf dem, was wir glauben, was wir für richtig, und was wir für falsch halten.

Weil wir uns häufig selbst gar nicht genau darüber klar sind, was wir glauben, und was eigentlich die Etiketten bedeuten (sollen), die wir uns aufpappen, ist trotzdem etwas dran an der Botschaft, dass ein Hindu mit einem Moslem mehr gemein haben kann als mit einem anderen Hindu. Aber wer glaubt, dass Weltanschauung keinen Unterschied macht, solange man nur ein guter Mensch ist, der hat eine Meise macht es sich zu leicht. Aus Maos Sicht war die Kulturrevolution eine tolle Sache im Dienste der ganzen Menschheit. Kim Jong-Il hat womöglich wirklich geglaubt, dass er das Beste war, was Nordkorea jemals hätte passieren können. Und die Attentäter vom 11. September 2001 haben sich selbstlos für eine Sache geopfert, die sie für die gerechte hielten.

Das ist ja gerade die Tragödie der Menschheit: Menschen mit den ehrenvollsten Absichten können furchtbare Dinge tun. Tun furchtbare Dinge. Zyniker würden sogar sagen, dass gerade die Menschen mit den ehrenvollsten Absichten oft die furchtbarsten Dinge tun, aber ich schweife ab. Mir geht es darum, dass Gut und Böse keine Eigenschaften sind, die einem Menschen, einer Tat oder einer Sache einfach immanent wären. Gut und Böse sind Urteile, und um sie fällen zu können, muss man die Folgen einer Tat kennen. Und um die Folgen einer Tat zu beurteilen, greift man unweigerlich auf das zurück, was man über diese Welt glaubt, in der wir leben.

Und da macht es unter Umständen einen großen Unterschied, ob ich glaube, dass schon ein Blastozyst von einem allmächtigen Gott mit einer unsterblichen Seele und Menschenwürde ausgestattet wurde, ob ich glaube, dass dieser allmächtige Gott mein Team auserwählt hat, um die Menschheit in sein Heiliges Reich zu bomben, oder ich ich glaube, dass das brennende Fett in meiner Küche sich doch mit diesem Eimer Wasser da hinten prima löschen lassen müsste. Oder abstrakter: Gute Absichten führen in der Regel zu guten Ergebnissen, wenn sie mit realistischen Annahmen über die Folgen unserer Taten einhergehen. Wenn nicht, ist es reine Glückssache. Leider ist es in vielen Fällen schwer abzuschätzen, was die Realität nun eigentlich ist, und was nicht, und leider gibt es auch keinen Satz von ewig gültigen Geboten, denen man einfach nur folgen muss, und alles wird gut, und leider neigt jeder und jede von uns dazu, seine (und ihre) Wahrnehmung dieser Welt von Wünschen und Gefühlen wie Angst und Wut oder auch Liebe und Vorfreude verzerren zu lassen. Und so gesehen gibt es dann eigentlich nur eine Art von Menschen; oder sieben Milliarden. Je nachdem, wie man zählt.

Aber von Annahmen über die Realität gibt es wirklich nur zwei Arten: Wahre, und falsche nicht wahre. Und jeder und jede von uns kann sein Bestes tun, möglichst oft mit wahren zu arbeiten, und möglichst selten mit den anderen. Ihr wisst schon, wie.


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