Lange nicht mehr FAZ gebasht

6. Juni 2013

Um das gleich aus dem Weg zu haben: Qualitätsmedien, Demokratieabgabe, Kostenloskultur, haha. Zur Sache:

Das Bundesverfassungsgericht ist fast am Ziel

Dam-dam-daaa, schreibt Reinhard Müller auf faz.net und konstatiert sachlich beinahe richtig, dass nun nur noch das gemeinschaftliche Adoptionsrecht zur völligen Gleichbehandlung der Lebenspartnerschaft mit der Ehe fehle.

Wer sollte etwas dagegen haben?

fragt er in einem raffinierten rhetorischen Kniff, der natürlich darauf hinleitet, dass wir alle etwas dagegen haben sollten, denn

der [Gesetzgeber] hat die völlige Gleichsetzung von Ehe und gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaft bisher mitnichten beschlossen.

Hm. Ist das noch Wahnsinn, oder hat es Methode, dass die FAZ offenbar gerne mit dem Inhalt eines Gesetzes für dessen Inhalt argumentiert? Nee, Herr Müller, wenn der Gesetzgeber die schon beschlossen hätte, müsste das Bundesverfassungsgericht sie ja nicht erzwingen. Deswegen machen die das.

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Die Philosophie zersetzt die Familie – ganz subtil

15. Dezember 2012

Die Philosophie verlangt Liebe zur Weisheit. Die Familie beruht auf Liebe zum Partner und zu den Kindern – und zieht den Kürzeren, sagt der Kapitalist Muriel Silberstreif.

Herr Silberstreif, für Sie ist die Philosophie eine familienfeindliche Fachrichtung – wieso?

Zwischen der Familie und der Philosophie besteht ein klassischer Konflikt: Im der Philosophie zählt das ständige Streben nach der Wahrheit, tieferer Einsicht und größerem Verständnis. Dies liegt nun einmal quer zur Familie, in der ein unglaublicher Aufwand für andere Menschen getrieben wird, und kaum noch Zeit für Forschung und Lesen bleibt vor lauter Windelnwechseln und gemeinsamen Ausflügen.

Große Philosophen haben das schon vor hundert Jahren beklagt, aber nie eine Lösung gefunden.

Ausgerechnet der große Philosophieverteidiger Klaus Meier kam zu der Erkenntnis, dass der intellektuelle Anspruch, den die Philosophie generiert, die Gesellschaft und damit die Familie zersetzt. Dieser Anspruch passt nicht zur der Aussicht, dass man zum Beispiel von seinen Kindern in der Säuglingszeit zwei Jahre lang unablässig nichts als unartikuliertes Geschrei und Gebrabbel hört. Die Erkenntnis dieses Konflikts ist tatsächlich keineswegs neu. Wer Familie hat, scheint darüber hinaus auch weniger Zeit zum Nachdenken zu haben…

…was einem Philosophen ja auch nicht gefallen kann.

Keinesfalls. Das ist die zweite, neuere Konfliktlinie. Ein Philosoph will denken, forschen, er braucht hohe geistige Flexibilität und und gedankliche Wandlungsfähigkeit in jeder Hinsicht. Der Philosoph fürchtet die geistige Festlegung wie der Fluss den Frost. Entscheidet man sich für Familie, legt man sich aber in hohem Maße fest – nicht nur mit seinen Gedanken.

Womöglich ist die Eingrenzung der Freiheit das größte Problem.

Früher, vor 30 oder 40 Jahren hatten wir die Vorstellung, dass es irgendwo in den oberen Schichten der Gesellschaft ein paar Philosophen gibt, der Rest der Bevölkerung aber einer festen Arbeit nachgeht, versucht, irgendwie über die Runden zu kommen, und ansonsten in bestimmten Traditionen und familiären Zusammenhängen lebt. Der Grundkonflikt war nicht so offensichtlich.

Und heute?

Heute hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass wir irgendwie alle Denker sein sollten. Das verschärft den Konflikt enorm. Denn den Lebensstil des Philosophen haben sich inzwischen auch die Normalsterblichen zu eigen gemacht.

Manchmal stehe ich staunend vor den ausgebreiteten Gedanken anderer Menschen und versuche zu begreifen, wie jemand diesen Mist ernst meinen kann. Das gilt insbesondere für Philosophen, bei denen man doch einerseits meinen sollte, dass eine gewisse Stringenz im Denken und eine gewisse Bereitschaft, den Sinn der eigenen Überlegungen infrage zu stellen, zum Beruf gehören sollte. Trotzdem habe ich manchmal den Eindruck, dass gerade Philosophen dazu neigen, sich in Gedankengebäude zu versteigen, deren Fundamente nicht mal mehr tönern genannt werden können, und deren Statik durch nicht mehr aufrecht erhalten wird als den unerschütterlichen Wunsch, die eigenen Vorurteile irgendwie in ein rationales Gerüst zu zwängen, und sei es noch so durchsichtig und wackelig. Manchmal. Aber es wäre natürlich unsinnig, aus einzelnen Erfahrungen auf eine so große und disparate Gruppe schließen zu wollen.


Verdammte Axt

15. August 2012

Wo kommt eigentlich diese merkwürdige Idee her, dass wir heterosexuellen Zwei-Personen-Ehen mit Kindern irgendwas wegnehmen, indem wir auch anders orientierten Menschen gestatten, sich auf eine Art miteinander zusammenzutun, die die gleichen Rechtsfolgen auslöst, die wir gemeinhin mit dem Begriff “Ehe” umschreiben? Und warum erklärt nie jemand diese Idee, der öffentlich drüber schimpft?

Der Aufschrei kommt diesmal aus Daniel Deckers zerrissener Seele und beginnt mit den Worten

Was? Nein, völliger Quatsch. Anders:

Es gibt nicht viele Normen des Grundgesetzes, deren Wortlaut alle Veränderungen seit 1949 überdauert hat. Eine davon ist Artikel sechs Absatz eins: „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.“

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Die geheuchelte Gesellschaftskritik

19. August 2010

Nur mal so vorab: Diejenigen unter euch, denen es auf den Geist geht, dass ich hier dauernd an irgendwelchem Quatsch rummäkle, den ich bei faz.net gefunden habe, können mir das gerne sagen. Vielleicht lese ich dann in Zukunft öfter man SpOn oder bild.de oder eröffne ein eigenes fazBlog dafür. Egal, zur Sache:

Melanie Mühl hat drüben bei faz.net eine große Enthüllung für uns, die gewohnt übergeigt angekündigt wird:

Ist Patchwork wirklich das Familienmodell der Zukunft? Auf jeden Fall passt es in unsere Unverbindlichkeitswelt. Doch unsere Selbstverwirklichungsmanie fordert ihren Preis. Und den zahlen die Kinder.

Jeder Satz ein Hammerschlag, oder? Jeder Satz öffnet einem die Augen dafür, wie verkommen unsere Gesellschaft eigentlich ist. Jeder Satz eine Anklage. Wir leben in einer Unverbindlichkeitswelt. Wir leiden unter Selbstverwirklichungsmanie. Den Preis dafür zahlen *dramatischer Melodiebogen* die Kinder!!!!!!!

Nachdem man das gelesen hat, hängt man atemlos auf der Vorderkante seines Sitzes. Man weiß, dass man kurz davor steht, einen Blick zu erhaschen auf das Übel, an dem unsere Welt im Kern krankt: Die Patchworkfamilie. Und das gibt Frau Mühl dann auch vor, uns zu zeigen. Eigentlich sehen wir dabei aber nur das Übel, an dem Frau Mühl offenbar krankt: die Unfähigkeit sich vorzustellen, dass Menschen anders glücklich sein können, als sie es für richtig hält.

“Die Kinder sind die Opfer der Ich-Optimierung. Das beweisen ein paar einfache Tatsachen, die viele nicht wahrhaben wollen.”

Immer wieder gerne genommen: Betonen, dass man unbequeme Wahrheiten verkündet, weil das die eigene Botschaft natürlich ungemein aufwertet. Dann braucht man auch keine Belege und kann einfach so dahinbehaupten, es gebe eine grassierende Überzeugung, Scheidungen wären was Tolles für Kinder.

“Zum Beispiel, dass Scheidungskinder später beinahe doppelt so häufig geschieden werden wie Nicht-Scheidungskinder.”

Was man natürlich nur dann dramatisch findet, wenn man sowieso schon glaubt, dass Scheidungen prinzipiell schädlich sind. Mit etwas bösem Willen kann man das einen Zirkelschluss nennen.

“Dass sie stärker zu Depressionen und Schizophrenie neigen und häufiger kriminell werden.”

Und hier haben wir den einzigen Satz in Frau Mühls Artikel, der einem Argument nahekommt. Das kann man tatsächlich als Indiz dafür ansehen, dass Scheidungen Kindern schaden. Die These hält auch zumindest einer oberflächlichen Googlerecherche stand. Aber ist das eine große Erkenntnis? Kehren wir noch einmal zu Frau Mühls vorletztem Satz zurück: Tatsache, die viele nicht wahrhaben wollen. Gibt es irgendwo ernsthafte Zweifel daran, dass Kinder in aller Regel unter der Scheidung ihrer Eltern leiden? Und wo ist da der direkte Zusammenhang mit Patchwork-Familien?

“Scheidungskinder wachsen mit der Gewissheit auf, dass nichts von Bestand ist. In jedem Augenblick kann alles auf den Kopf gestellt werden. Das ist ein Schock. Mit ihm verlieren sie ihr Urvertrauen.”

Und ist das denn per se wirklich so schlimm? Ist es wirklich besser, wenn Kinder in der unstreitig falschen Überzeugung aufwachsen, irgendetwas wäre vollkommen zuverlässig und für die Ewigkeit?

Ich lehne mich da mangels Sachkunde vielleicht zu weit aus dem Fenster, aber immerhin bin ich in einer Familie aufgewachsen, in der die Eltern sich nicht haben scheiden lassen, obwohl ihre Beziehung vollkommen zerstört war, deshalb wage ich aus der eigenen und allgemeinen Lebenserfahrung heraus mal die These: Die entscheidende Frage für Kinder ist nicht, ob die Eltern sich trennen oder ob sie zusammen bleiben. Entscheidend ist, wie Eltern mit einander und mit ihren Kindern umgehen, ob in der Ehe oder in Trennung. Und am Rande: Zumindest ich habe auch ohne Scheidung relativ schnell mein Urvertrauen darin verloren, dass eine Familie mit Gewissheit von Bestand ist.

“Niemand bestreitet, dass man sein Glück auch in einer Patchworkfamilie finden kann. Sie ist nur nicht von vornherein die beste Lösung.”

Und nicht zum ersten Mal stellt sich mir die Frage: Was will Frau Mühl uns eigentlich sagen? Dass eine intakte Familie besser ist als eine zerrüttete? Dass Kinder ausgeglichener und besser aufwachsen, wenn sie nicht erleben, wie die Ehe ihrer Eltern zerbricht, und wenn sie sich nicht entscheiden müssen, ob sie ihren Vater oder ihre Mutter mehr lieben? Ach was!

“Die Patchworkfamilie zwingt die Kinder dazu, ihre Gefühle permanent einem Zeitplan zu unterwerfen. Das tut die Familie nicht.”

Das gilt natürlich nur, wenn man eine dysfunktionale Patchworkfamilie mit einer perfekten Standardfamilie vergleicht, in der kein Elternteil jemals das Haus verlässt. Und das ist wieder eines der zahlreichen fundamentalen Probleme dieses Artikels: Er stellt einen völlig unsinnigen, unfairen Vergleich an, um einen völlig trivialen und offensichtlichen Schluss daraus zu ziehen. Niemand heiratet mit der freudigen Erwartung, sich später scheiden zu lassen und dann eine Patchworkfamilie zu basteln, weil er glaubt, dass das für alle Beteiligten das Beste wäre. Die Position, gegen die Frau Mühl mutig und unbequem zu argumentieren vorgibt, ist ein Strohmann, und nicht einmal dem hat sie ernsthaft etwas entgegen zu setzen außer einer unschönen Mischung aus Halbwahrheiten, Vorurteilen und selbstgerechter Besserwisserei. Was genau schlägt sie vor? Was fordert sie? Was kritisiert sie?

Vielleicht findet ihr es heraus, ich konnte es jedenfalls nicht. Soweit ich es erkennen kann, lässt sich der Artikel in einem einzigen Satz zusammenfassen: Es wäre doch schön, wenn mehr Kinder in glücklichen und intakten Familien aufwachsen könnten, in denen sich alle noch richtig liebhaben.

Und woher bekämen wir solche Erkenntnisse, wenn nicht aus Leistungsschutzrechtswürdigen Qualitätsmedien?


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