Verbrechen und Strafe, oder wohl doch eher nicht

17. September 2011

Heute bashen wir mal einen anderen dummen Aberglauben als das Christentum: Keoni und ich haben gestern beim Einkaufen an der Supermarktkasse einen Flyer von einer Feinstoffpraxis gefunden, und weil wir beide nicht so genau wussten, was das überhaupt ist, haben wir ihn mitgenommen.

Wenn man ihn mal aufklappt, dann kommt der Blödsinn schnell, und er kommt dicke.

“Über den physischen Körper hinaus haben wir Feinstoffkörper, die wie dieser Schmerzen empfinden oder in Unordnung geraten können, wenn man mit ihnen unachtsam umgeht. Die Auswirkungen können feinstoffliche Schmerzempfindungen sein, wie Ängste, Verzweiflung, Traurigkeit, Trennungsschmerzen oder Antriebslosigkeit. Feinstoffliche Ordnung in unseren Feinstoffkörpern ermöglicht uns Gefühle wie Lebensfreude, Lebenskraft, Zuversicht und Dankbarkeit und die Entwicklung einer individuellen, strahlenden Persönlichkeit.“

“Eine individuelle Persönlichkeit!” Höre ich euch rufen. “Toll! Das wollte ich schon immer mal haben. Wie komme ich da ran?” Ihr werdet euch schon gedacht haben, dass die Antwort sehr einfach ist:

“In der Feinstoffberatung bekommen Sie Unterstützung bei feinstofflichen Schmerzempfindungen wie zum Beispiel Trennungsschmerzen von Menschen oder Orten, Partnerschaftsproblemen, Liebeskummer, […] Traurigkeit [und so weiter]

Für ein Anliegen sollten in der Regel 3 Termine eingeplant werden.”

Der Flyer enthält leider keine Preise, aber er informiert uns auch noch darüber, was in den 3 Beratungstermin nach der Göthertschen Methode passiert:

“Im 1. Beratungstermin sprechen wir über Ihr Anliegen, Sie erleben unter Anleitung das Spüren ihrer [sic] eigenen Feinstoffkörper und ich unterstütze den Voraussetzungsprozess.

Im 2. Beratungstermin findet der feinstoffliche Ordnungsprozess statt.

Der 3. Beratungstermin ist für den Anpassungsprozess – nach Veränderung darf sich im Feinstofflichen wie im Physischen eine Anpassung vollziehen.”

Ich weiß, dass ich schon zweimal geschrieben habe, dass Verträge über übernatürliche… sagen wir in Ermangelung eines besseren Begriffs mal: Leistungen legal und wirksam sein sollten, aber das hier ist doch nun wirklich ein Paradebeispiel für die Fälle, in denen meine Argumentation nicht anwendbar ist. Ich würde nach meinem begrenzten strafrechtlichen Verständnis sogar die Behauptung wagen, dass zumindest nach diesem Flyer zu urteilen jedes einzelne Tatbestandsmerkmal des Betrugs erfüllt sein dürfte:

  • Absicht, sich einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen: Check, wenn man davon ausgeht, dass die feinstoffliche Beratung nicht entgegen den Angaben auf der Homepage gratis erfolgt.
  • Erregung eines Irrtums durch Vorspiegelung falscher Tatsachen: Eindeutig Check, denn (so traurig es auch ist, dass man das in dieser Zeit überhaupt noch schreiben muss) wir haben keinen verf%&$§§$$“! Feinstoffkörper, was auch immer das überhaupt sein soll.
  • Und der Versuch ist auch schon strafbar, es muss also niemand tatsächlich bezahlen, damit solche Menschen ihre gerechte Strafe erhalten.

Eigentlich könnte man also direkt Anzeige erstatten und sich auf bis zu zehn Jahre Freiheits- oder Geldstrafe freuen, aber ich fürchte, dass die Sache noch mindestens einen Haken hat: den Vorsatz. Ich will mich jedes Urteils darüber enthalten, ob die Person, die für diesen Flyer verantwortlich ist, den Stuss tatsächlich glaubt, aber wir können wohl unterstellen, dass sie es zumindest standhaft behaupten würde. Und wie ich unsere Gesellschaft kenne, hätte sie sehr gute Chancen, damit zumindest den strafrechtlichen Konsequenzen zu entgehen.

Für mich klänge das zwar ungefähr so glaubwürdig wie die Behauptung eines Autodiebes, er wäre versehentlich in den Wagen gefallen, hätte sich dann im Sicherheitsgurt verfangen und bei seinem Befreiungsversuch versehentlich Zündung, Kupplung, Gangschaltung und Gaspedal betätigt, aber… naja, es gibt ja andererseits offenbar auch wirklich Leute, die glauben, die Römer hätten vor ungefähr 2000 Jahren einen unschuldigen Mann kreuzigen müssen, um der Menschheit Vergebung dafür zu verschaffen, dass noch ein paar Tausend Jahre zuvor die ersten beiden Menschen sich von einer sprechenden Schlange mit Beinen dazu haben überreden lassen, das falsche Obst zu essen.

(Ja, ich weiß, ich wollte heute kein Christenbashing. Aber was soll ich sagen? Ich hab mich da einfach nicht im Griff.)


Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 519 Followern an