Die Experten

27. Februar 2012

Ja, irgendwie sagt es etwas Nichtgutes über mich aus, dass ich mich bemüßigt fühle, diesen Beitrag zu verfassen, aber was ist ein Blog, das nur Gutes über seinen Autor aussagt, schon wert. Ich rede mir aber derzeit auch noch ein, nebenbei auch noch ein legitimes Anliegen zu verfolgen, sodass einem Beginn des Artikels eigentlich wirklich nichts mehr im Weg steht, außer meinem eigenen Unwillen, aufzuzeigen, wie kleinlich ich manchmal bin.

Ich war kürzlich mal wieder bei einer Familienfeier. Hat mir gut gefallen. Das Essen war toll, und es dauerte nicht so lange, weil es spät anfing und ich die günstige Ausrede hatte, weit nach Hause fahren zu müssen. Im Rahmen dieser Feier saß ich ca. 90 Minuten lang an einem Tisch mit Verwandten und anderen Gästen, die sich über die Finanzkrise, insbesondere Griechenland, unterhielten. Ich höre solchen Gesprächen manchmal ganz gerne dumm lächelnd zu und mache mir einen Spaß daraus, im Geiste mitzusprechen. Das kann man nach meiner Erfahrung ganz gut, denn wenn man zwei solcher Gespräche gehört hat, kennt man sie alle. Nach meiner Erfahrung werden diese Gespräche meistens von wenigen Personen dominiert, zwei oder drei, die in sehr ruhigem scholl-latourhaftem Tonfall die Welt erklären, nebst einigen Mitläufern, die hin und mal wieder etwas einwerfen, dem die Rädelsführer dann nicht offen widersprechen, aber den Kommentar doch mit kaum verkennbarer Missachtung übergehen. Diese Missachtung ist unabhängig von der Sinnhaftigkeit des jeweiligen Einwurfs.

“Es war ja eigentlich schon lange klar, dass die eigentlich die Kriterien nicht erfüllen. Da hätte man reagieren müssen.”

“Aber die Verträge sehen ja auch keine Sanktionen vor. Normalerweise gibt es da ja was, wenn man sich nicht an Regeln hält.”

“Das kann doch auch gar nicht gut gehen, wenn man solche Staaten einfach mit in die Euro-Zone lässt. Die sind von der wirtschaftlichen Entwicklung einfach noch nicht so weit.”

“Da spielen natürlich auch noch andere Aspekte mit rein, nicht nur wirtschaftliche. Man hat ja auf so einem Land viel mehr den Finger drauf, wenn es in der Euro-Zone ist, als wenn Russland da den Finger drauf hat.”

“Das sind zwei Prozent des BIP der EU. Und damit beschäftigen wir uns jetzt seit Monaten!”

“Aber stell dir mal vor, was los ist, wenn Spanien und Italien auch in Schwierigkeiten kommen. So viele Rettungsschirme können wir gar nicht aufspannen!”

“Wenn jetzt auch noch die Urlauber wegbleiben, dann kriegen die Griechen aber wirklich Probleme, die vom Tourismus leben.”

“Ja, das ist für die ja sehr wichtig. Das profitiert dann jetzt die Türkei von. Ist ja auch da in der Ecke.”

“Die deutschen Banken haben sich fast völlig von den griechischen Sachen freigemacht. Die Deutsche Bank hält nur noch eine Milliarde oder so, das ist für die ja Portokasse. Bei den französischen Banken ist das ganz anders. Ob die das einfach nicht verstehen, oder glauben die, dass dann wieder der Staat einspringt?”

“Naja, die deutschen Banken sind da doch wieder über drei Ecken auch wieder dran beteiligt, sodass dann am Ende doch wieder alle drin hängen.”

Und so weiter, ad nauseam. Die Zitate sind natürlich nicht buchstabengetreu, vermitteln aber einen sehr umfassenden Eindruck vom Verlauf der gesamten eineinhalb Stunden, Ehrenwort. Irgendwann musste ich dann gehen. Meine Großmutter und Tante begleiteten mich noch zur Tür und sprachen an, dass ich mich ja kaum an der Unterhaltung beteiligt hätte, worauf ich meinte, naja, es sei ja auch ohne mich gegangen. Meine Mutter freut sich immer, wenn ich auf Familientreffen niemanden direkt beleidige, und ich mache ihr die Freude gern, denn ich habe ihr viel zu verdanken. Meine Großmutter – die ein Talent für solche Sprüche hat – vermutete daraufhin: “Ja, das ist wohl nicht so deine Größenordnung.”

Ich fühlte mich davon jetzt doch ein bisschen angestochen und sagte in dem subtilen Sarkasmus, den ihr von mir kennt und liebt: “Na, was soll ich auch noch sagen, wenn die anderen sowieso schon alles wissen?”

Worauf die beiden ganz ernsthaft nickten.

“Ja, der [...] ist schon beeindruckend”, sagte meine Tante über einen der beiden Herren, die das Gespräch im Wesentlichen bestritten hatten und von denen unter anderem die tief analytische Erkenntnis stammte, dass ausbleibende Touristen schlecht für Leute sind, die vom Tourismus leben, und dass die spanische und italienische Volkswirtschaft viel größer ist als die griechische. Da könne kaum jemand mithalten, meinte sie, und er würde ja auch in seinem Beruf viel Geld damit verdienen, dass er über so ein enormes Zahlengedächtnis verfüge und immer so einen perfekten Überblick über die Lage habe.

Und das sind so die Momente, in denen ich mich frage, ob Demokratie wirklich die richtige Regierungsform für uns ist.


Davos weh tut (1)

29. Januar 2012

Skeptizismus und Liebe zur Wahrheit hin oder her, es gibt Themen, von denen ich mich besser fern halten sollte. Dinge, von denen ich eigentlich nichts wissen will. Die Berichterstattung zum Gipfel in Davos gehört dazu, aber wie so oft wusste ich nicht, was gut für mich ist und habe trotzdem ein bisschen drüber gelesen. Und jetzt will ich jemanden würgen, aber Keoni steht nicht auf sowas. Na gut. Muss ich eben schreiben.

Zuerst: Ich habe mich ja auf eine wütend vor mich hin grummelnde, halb resignierte, passiv-aggressive Art damit abgefunden, dass ich in einer Gesellschaft lebe, in der ich bestraft werde, wenn ich bestimmte Pflanzen mit mir herumtrage, wenn ich am falschen Wochentag arbeite, oder an einem Tag eine Tanzveranstaltung (Das Wort schon.) abhalte, an dem andere beschlossen haben, dass sie nicht tanzen wollen. Ich lebe damit, dass ich in dieser Gesellschaft als Verbraucher so weit entmündigt bin, dass ich keinen Gewährleistungsausschluss vereinbaren kann, wenn ich ein gebrauchtes Auto kaufe, und dass nicht wirksam auf mein vierzehntägiges Rückgaberecht verzichten kann. Ich habe mich an den Gedanken gewöhnt, dass wir Arbeitnehmer für so dumm und unreif halten, dass wir ihnen nicht zutrauen, selbst zu entscheiden, wie viel Urlaub sie pro Jahr brauchen, wie viele Stunden sie pro Tag, pro Woche, pro Monat arbeiten wollen, dass wir insbesondere weibliche Arbeitnehmer durch staatliche Zwangsmaßnahmen zu so unkalkulierbaren Risiken gemacht haben, dass es als Beleg für ihre bewundernswerte Leistungsfähigkeit zu gelten hat, dass überhaupt noch jemand sie einstellt, und dass wir unserer eigenen Zurechnungsfähigkeit so wenig vertrauen, dass wir Unternehmen vorschreiben, wie, wann, wie lange und auf welche Weise sie andere über ihre Produkte und Dienstleisungen informieren dürfen. Ich ärgere mich schon kaum noch drüber, dass ich für nahezu jeden Handschlag irgendeine Genehmigung brauche, irgendwo Pläne und Anträge und Formulare einreichen und mich von irgendeinem Prüfer oder Auditor oder… Naja, ihr wisst schon, das alles nehme ich mit einem Lächeln hin, das macht mir gar nichts aus… Ähem.

Aber wie müssen denn die Denkprozesse im Gehirn eines Menschen von statten gehen, der in derselben Gesellschaft lebt wie ich und deren Probleme dann im Ernst als Versagen des Kapitalismus oder der Marktwirtschaft anprangert? Welcher Kapitalismus denn, welche Marktwirtschaft? Wie muss man denn die Welt sehen, um eine Krise, die durch staatlichen Zwang und staatliche Regulierung, staatliche Fehlanreize und staatliche Misswirtschaft möglich wurde und perpetuiert wird, als einen Beleg für das Versagen “entfesselter Märkte” anzuführen? Ich benutze doch auch nicht die Dekadenz des späten Römischen Reiches als Argument dafür, dass Sozialismus nicht funktioniert.


Code

8. Januar 2012

These people are good, honest, smart, not bat shit crazy people, so why the fuck are they saying bat shit crazy stuff to me?

sagt Penn Jillette, und er vermutet, dass die Leute in einem Code sprechen, den er nur nicht versteht. Das ist eine lustige Idee, aber ich glaube das nicht. Ich denke, dass Menschen generell in der Lage sind, zu einer bestimmten Sache völlig bekloppten Mist zu sagen, und trotzdem ansonsten völlig normal zu funktionieren. Compartmentalization. Für mich immer wieder bemerkenswert.

Unser heutiges Beispiel ist die Rabbinerin Elisa Klapheck, die bei faz.net wirklich eine ganz besondere Dose bat shit crazy stuff aufgemacht hat. Ich kann von ihr natürlich nicht guten Gewissens behaupten, dass sie eine gute, anständige, kluge, nicht völlig bekloppte Person wäre, aber ich unterstelle es ihr einfach mal wohlwollend. Und trotzdem sagt sie zuerst

Die Schuld des Verbrechers ist eine andere als die finanzielle Schuld oder die Schuld gegen Gott. 

was einerseits durchaus Sinn ergibt, andererseits aber…. sagen wir: keine große Erkenntnis ist. Wenn ich jemanden totschlage, ist das was anderes, als wenn ich mir Geld von ihm leihe. Wow, Danke, Frau Rabbinerin. Und dann vergisst sie diese Unterscheidung für das restliche Interview wieder und wirft die verschiedenen Konzepte fröhlich durcheinander, und wenn sie schon mal dabei ist, vermischt sie das Ganze noch mit einer dieser bat shit crazy abenteuerlichen Ideen von Ethik und Mitmenschlichkeit, die Religionen uns andrehen wollen:

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Respekt!

31. Mai 2010

Überschaubare Relevanz hatte Geburtstag, und um diesen Anlass gebührend zu feiern, hatte ich sechs Tage mit Artikeln versprochen, wie es sie hier noch nicht gegeben hat. Der erste war das legendäre Backbloggen vom Samstag, und heute kommt der zweite: Mein erstes richtiges YouTube-Video! Bitte schön:


Wir zahlen nicht für eure Krise!

25. Juni 2009

Ich habe mich einige Zeit lang immer über diesen Spruch geärgert, weil ich ihn für fürchterlich dumm und ein Symptom der antikapitalistischen Krankheit hielt. Ich dachte dabei immer in die Richtung, dass es schon völlig abwegig sei, diese Trennung zwischen “uns” und “euch” zu konstruieren, weil Krisen nun einmal zur freien Marktwirtschaft gehören und weil von der fast alle gemeinsam profitieren.

Aus meiner Sicht besteht der Unterschied zwischen der freien Marktwirtschaft und einer sozialistischen und einer “solidarischen Gesellschaft”, oder wie auch immer man das nennen will, vor allem darin, dass freie Marktwirtschaften regelmäßige Krisen hervorbringen, die Fehlentwicklungen beheben und Raum für Innovationen und neue Wege schaffen, während Planwirtschaften einfach so lange unverändert weiter machen, bis wirklich das ganze System zusammenbricht. Das ist natürlich eine ganz knappe Zusammenfassung meiner Meinnung, aber kommt so ungefähr hin.

Und ganz kurz nochmal: Diese Idee von einer strengeren Finanzaufsicht, die dann Risiken frühzeitig erkennt… Ähh… Ist uns klar, dass das die gleichen Leute organisieren sollen, die heute noch leugnen, dass unser Renten- und Gesundheitssystem grundsätzlich nicht funktionieren kann, so wie es ist? Die gleichen Leute, die wir für zu dumm halten, eine vernünftige Regelung zum Nichtraucherschutz zu finden und die gerade beschlossen haben, dass es die ultimative Maßnahme gegen Kinderpornographie ist, sie ein bisschen zu verstecken?
Aber ich schweife ab.

Dass ich jetzt darüber schreibe, liegt teilweise daran, dass ich gerade eben Peter Schiff in der Daily Show gesehen habe. Peter Schiff ist der Präsident von Euro Pacific Capital, Inc., er hat die Krise kommen sehen, und er hat bei John Stewart sinngemäß gesagt, dass unsere Regierungen durch ihren blinden Rettungsaktionismus nicht viel mehr bewirken, als die Krise zu verlängern und zu vertiefen. Kein Unternehmen ist “too big to fail”, und AIG und GM zum Beispiel sind eigentlich “too big to bail out”. Ich fühle mich bei ihm in guter Gesellschaft.

Besonders deutlich wird das natürlich an den aktuellen Beispielen Karstadt und Quelle und meinetwegen auch noch Opel. Zumindest die ersten beiden waren schon vor der Krise tot und bloß zum träge zum Umfallen. Bei Opel ist das vielleicht nicht so offensichtlich, aber da kann mir nun trotzdem wirklich keiner erzählen, dass die systemrelevant sein sollen. Und noch was: Ich weiß gerade nicht mehr, welcher Politiker das war, der im Zusammenhang mit einer Insolvenz von Opel von “ein Leben lang arbeitslos” gesprochen hat, aber ich finde diesen Spruch bodenlos dumm und respektlos gegenüber den Opelmitarbeitern. Als ob die nie wieder für etwas anderes zu gebrauchen wären.

Erstens verschwindet ein Unternehmen ja nicht spurlos, wenn es ein Insolvenzverfahren durchläuft. Zweitens gibt der Untergang der alten Unternehmen, die den Schuss nicht gehört haben, jüngeren, innovativen Unternehmen die Chance zu wachsen und sich zu entwickeln. Diese Unternehmen brauchen dann wiederum Mitarbeiter.

So gesehen, kann ich diesen scheinbar so dummen Spruch da im Titel durchaus unterschreiben. Ich will auch nicht für die Krise zahlen. Leider fragt mich keiner.


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