Weil wir was ganz Besonderes sind

1. Oktober 2011

Dumme Menschen sagen dummes Zeug, aber damit kluge Menschen dummes Zeug sagen, braucht man Religion.

schrab ich vor Kurzem hier, und erkannte sofort, dass dieser Spruch sehr bald zu mir zurückkehren würde, um mich in den Arsch zu beißen, wenn ich ihn nicht relativierte, und relativierte ihn flugs. Schon gestern war ich (natürlich nicht zum ersten Mal seitdem) froh drüber. Doppelt froh eigentlich, denn ich freue mich besonders über Gelegenheiten, andere Atheisten zu kritisieren, denn das… kommt mir irgendwie besonders ehrenwert vor, weil ich selbst einer bin.

Ich bin also stolz, euch heute ein fabelhaftes Beispiel dafür zu präsentieren, dass man auch ohne Religion reichlich dummes Zeug reden kann:

Ein falsches Wissenschaftsverständnis hat uns überzeugt, dass wir nicht mehr wären als unsere evolvierten Gehirne.

Jedoch, so argumentiert Neurowissenschaftler und Philosoph Raymond Tallis im folgenden Gastbeitrag für Aufklärung 2.0, bereitet eine umfassendere Philosophie über den Menschen den Gegenschlag vor.

Wer das liest und noch nicht ahnt, dass da nichts Gutes kommen kann, ist weniger vorurteilsbeladen als ich. Herzlichen Glückwunsch. Aber wer mir jetzt in die Schatten der Unargumentation von Herrn Tallis folgt und danach immer noch das Problem nicht erkennt, der ist… herzlich eingeladen, in den Kommentaren mit mir zu diskutieren. *Räusper, Hust*

Schaumamal:

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It was not death, for I stood up, And all the dead lie down

14. Mai 2011

Hin und wieder habe ich hier am Rande schon mal über den Tod gesprochen, und über das religiöse Konzept des ewigen Lebens, und warum ich es ziemlich scheußlich finde. Gerade vor Kurzem habe ich Haukules ein bisschen zu schroff gesagt, was ich davon halte, ohne es besonders gut zu begründen. Trotzdem hat es noch diesen Beitrag bei evangelisch.de gebraucht, damit ich endlich mal ein bisschen ausführlicher dazu Stellung beziehe. (Ich weiß, ihr konntet es sicher alle gar nicht abwarten.)

Es gibt viele Varianten vom Leben nach dem Tod: Es gibt die urchristliche, die ungefähr behauptet, wir alle hätten eine unsterbliche Seele, die Sitz unserer Persönlichkeit sei (oder so ähnlich) und die nach unserem Tod die Ewigkeit in Glückseligkeit oder Leid und Verzweiflung verbringen wird. Der Islam sieht das so ähnlich, wenn ich ihn richtig verstehe. Es gibt die Idee der Wiedergeburt, die sich zum Beispiel im Buddhismus findet, und behauptet, nach unserem Tod würden wir in anderer Form reinkarniert, in einem ewigen Zyklus. Es gibt esoterische Ideen, Geister, oder eben dieses vage Konzept, irgendwas von uns (“Energie” ist in der Esoterik ein beliebter Begriff.) würde zurückbleiben und mit dem Kosmos eins werden oder sonstwas Tolles veranstalten, wenn unser Körper zu zerfallen beginnt. Und natürlich gibt es eben auch Mischformen wie die von Onkel Tom bei evangelisch.de:

Ganz substanziell geht jede/r Gestorbene/r (so er/sie nicht im Raumschiff saß oder lag) in die Substanz der Erde ein – richtig ?? Wohin denn sonst ?

Und was passiert ihm/ihr danach, wenn nicht Verwesung, Ver-HUMUSung, Eingliederung in ewige Lebenserneuerung ? Nichts anderes kann Jesus Christus passiert sein !

Das bedeutet, dass ER heute in jedem/r von uns heute lebt ! Das bedeutet, dass keine unserer Körperzellen stirbt, sondern eingeht in die Substanz, die unsere Erde ist, unserer Kosmos war und unser/sein Himmelreich sein wird – und damit ewig weiter lebt ! 

Viele Atheisten, Ungläubige und Skeptiker (oder wie wir uns nennen wollen) haben dazu nicht mehr zu sagen als dass wir es nicht wissen und es nicht wissen können, bis wir es selbst erfahren haben. Das ist in gewisser Weise keine schlechte Antwort, denn sie hilft, Konflikte zu vermeiden und klingt außerdem sehr tolerant und offen.

Aber ich halte sie für falsch.

Wir wissen es. Wir verstehen noch nicht besonders gut, wie unser Gehirn funktioniert. Wir verstehen nicht besonders gut, was unsere Persönlichkeit ausmacht, und wir können vieles nicht vollständig erklären. Aber dennoch wissen wir ein paar Dinge, und die reichen schon aus, um die entscheidende Frage zu beantworten.

Wir wissen, dass für Gedanken, für eine Persönlichkeit, für einen Verstand, so etwas wie ein Gehirn erforderlich ist. Es muss vielleicht nicht so aussehen wie unseres, aber es funktioniert nicht ohne. Wir wissen, dass Veränderungen in unserem Gehirn sich auf unser Verhalten und unsere Persönlichkeit auswirken. Wenn Broca- und Wernicke-Areal beschädigt werden, leiden unsere Sprachfähigkeiten. Wenn das Corpus Callosum durchtrennt wird, das die beiden Gehirnhälften verbindet, zeigt sich im Verhalten, dass die beiden Hemisphären nicht mehr vernünftig miteinander kommunizieren. Manchmal kann man sogar zwei unterschiedliche Persönlichkeiten beobachten. Und so weiter. Alle bisherige Erkenntnis deutet darauf hin, dass unser Bewusstsein ein rein materielles Phänomen ist, wie alles andere auch. Meine Persönlichkeit, meine Gedanken, mein Verstand, ist eine Funktion meines Gehirns.

Deshalb wissen wir auch, dass mit dem Tod dieses Gehirns auch seine Funktion endet. Wenn mein Gehirn stirbt, sterbe ich. Ich finde gerade den passenden xkcd-Comic nicht, aber seine Metapher trifft es ganz gut für diejenigen, die fragen, wo wir nach unserem Tod hingehen: Wenn ich ein Haus aus Legobausteinen zerstöre, wo geht das Haus dann hin? Wenn ein Auto explodiert, wo geht es hin? Das Haus, genau wie das Auto, genau wie wir alle, ist eine bestimmte Konfiguration von Teilen. Wenn diese Konfiguration zerstört wird, existiert das Haus nicht mehr, genau wie das Auto, genau wie wir.

Ich gehe nicht so weit, zu behaupten, dass das gut so ist. Ich bin sogar vehement dagegen. Ich will nicht sterben. Aber da es nun einmal wahr ist, halte ich es für ziemlich wichtig, sich damit abzufinden. Wenn wir ewig leben, dann sind diese paar Jahre hier nicht wichtig. Wenn wir ewig leben, dann haben wir (buchstäblich) alle Zeit der Welt, um glücklich zu werden, Fehler zu korrigieren, geliebte Menschen wiederzusehen, nachzudenken, zu lernen, uns zu freuen und Gutes zu tun. Aber wir leben nicht ewig. Wir haben nur dieses eine kurze Leben, und gerade das macht es so wahnsinnig wichtig, das Beste daraus zu machen. Wir haben nur diese eine Chance, es richtig zu machen.

Verzeihen – JETZT ! Lieben – JETZT ! Mitleiden und helfen – JETZT ! Aufstehen und Kämpfen – JETZT !

Seht Ihr das auch so ?

Naja. So ähnlich.


Hier, hier, ich weiß was!

16. November 2010

Dies ist eigentlich nur ein viel zu langes Vorwort, das man genauso gut überspringen kann: Gerade habe ich eine Nonprophets-Episode gehört, in der Matt und Jeff sich lange und ausführlich streiten, weil Matt findet, dass es genausoviele Belege für wie gegen ein Leben nach dem Tod gibt, nämlich gar keine, während Jeff findet, dass durchaus Belege dagegen existieren. (Hinweis: Beide sind sich natürlich einig, dass es nicht rational zu rechtfertigen ist, an ein Leben nach dem Tod zu glauben.)

Es war sehr frustrierend, das zu hören, weil Jeff Recht hatte, aber keine guten Argumente, wohingegen Matt sehr schlüssig argumentiert hat, was aber nichts daran ändert, dass er sich irrt.

Ich hätte deshalb gerne eine Mail an die Nonprophets geschrieben, zumal Matt selten genug so daneben liegt, aber weil die fragliche Folge schon ein paar Jahre alt ist, käme ich mir dabei ziemlich doof vor, deswegen behellige ich nun stattdessen euch mit meinen Überlegungen dazu.

Dieser Artikel ist nicht dafür gedacht, Gläubige zu überzeugen. Falls ihr an ein Leben nach dem Tod glaubt, seid ihr natürlich trotzdem sehr herzlich eingeladen, zu kommentieren, und falls ich euch unvorstellbarerweise versehentlich überzeugen sollte, freue ich mich riesig, aber eigentlich geht es mir nur darum, in einer völlig nebensächlichen nerdigen skeptikerinternen Begriffs- und Methodenfrage Stellung zu beziehen.

Jetzt beginnt der eigentliche Inhalt dieses Beitrags: Natürlich kann man streng genommen nicht beweisen, dass es kein  Leben nach dem Tod gibt, genauso, wie es keine Beweise gegen die Existenz von Kobolden oder Fleckenzwegen geben kann. Die Abwesenheit von Belegen ist kein strikter Beleg für Abwesenheit, und wenn etwas nicht existiert, dann kann man für diese Nichtexistenz logischerweise auch keine direkten Belege finden.

Dennoch überspannt man die Anforderungen an eine rationale Beweisführung, wenn man daraus den Schluss zieht, es gäbe keine Belege für oder gegen solche übernatürlichen Behauptungen. In meinen Augen gibt es zwei Hauptgründe, aus denen ich Jeff zustimme, dass es Belege gibt, die gegen ein Leben nach dem Tod sprechen. Die Argumentation lässt sich übrigens sinngemäß auf so ziemlich jeden anderen übernatürlichen Stuss übertragen, finde ich.

Erstens wird die Abwesenheit von Belegen irgendwann doch zum Beleg für Abwesenheit, nämlich dann, wenn ich vernünftigerweise Belege erwarten müsste, wenn eine Behauptung zutrifft. Beispiel: Wenn mir ein Bekannter sagt, er hätte eine Katze in seiner Wohnung, spricht erst einmal nichts dagegen, ihm das zu glauben. (Weil ich Leute kenne, die Katzen halten, weil ich schon mehrere Katzen gesehen habe und die Existenz von Katzen mit unseren naturwissenschaftlichen Erkenntnissen vereinbar ist, im Gegensatz zu allen übernatürlichen Behauptungen, aber das nur der Vollständigkeit halber.) Wenn ich dann in seine Wohnung komme und weder Futter, noch Wasser, noch eine Toilette für die Katze sehe, und auch keine Katzenhaare, dann werde ich vielleicht skeptisch. Natürlich könnte er das alles samt Katze noch in einem Raum haben, in dem ich noch nicht war. Wenn ich aber seine ganze Wohnung durchsucht und immer noch keine Indizien für die Anwesenheit seiner Katze gefunden habe, dann kommt vielleicht irgendwann der Zeitpunkt, an dem ich seine Behauptung für widerlegt halte, dass er eine Katze in seiner Wohnung hat. Ich habe dann ganz, ganz streng genommen keinen Beweis gegen die Existenz seiner Katze, aber ich fände es abwegig, in diesem Fall zu behaupten, ich hätte weder dafür noch dagegen irgendwelche Belege. Je nachdem, über welche Form von Leben nach dem Tod wir reden, ist dieses Argument das schwächere von beiden, oder sogar völlig nutzlos. Es gibt nämlich Formen, bei denen wir keine Belege erwarten dürften. Dazu gehört nach meinem Verständnis zum Beispiel das islamische Paradies, weil kein Informationsfluss von den Seligen zurück zu den Lebendigen stattfindet. Viele Reinkarnationsbehauptungen hingegen lassen sich nach meinem Verständnis mit diesem Argument erschüttern.

Zweitens – und das ist die Hauptsache – können wir die beiden Thesen nicht isoliert betrachten, sondern müssen sie im Kontext des Standes der Wissenschaft sehen. Wir haben keine vollständige Theorie, wie unser Bewusstsein und unser Gehirn funktionieren, aber wir haben ein grundlegendes Verständnis, und wir wissen bestimmte Dinge, wie zum Beispiel, dass unser Bewusstsein aus der Wechselwirkung der Zellen unseres Gehirns entsteht. Zahlreiche empirische Erkenntnisse unterstützen diese Annahme. Zum Beispiel wissen wir, dass Eingriffe (ob durch Operation oder Unfall) in das Gehirn unser Bewusstsein verändern, und dass Prozesse unseres Bewusstseins sich auch in physischen Veränderungen des Gehirns wiederspiegeln. Wir wissen darüber hinaus, das mit dem Tod unseres Körpers sämtliche Prozesse im Gehirn enden, keinerlei Aktivität mehr stattfindet und die Zellen sehr schnell beginnen, zu zerfallen. All das sind in meinen Augen starke Indizien dafür, dass unser Bewusstsein eine Funktion unseres Gehirns ist und endet, wenn unser Gehirn seinen Funktionen einstellt.

Ich behaupte nicht, dass damit eindeutig bewiesen wäre, dass es kein Leben nach dem Tod gibt. Ich behaupte nur, dass alles, was wir bisher herausgefunden haben, dagegen spricht, dass ein Bewusstsein ohne ein Gehirn existieren kann, oder dass unser Bewusstsein von einer nichtkörperlichen Komponente beeinflusst wird.

Im Gegenzug bin ich übrigens auch bereit, zuzugestehen, dass es einige (sehr schwache) Indizien gibt, die in die andere Richtung deuten könnten. Die berühmten Nahtoderfahrungen zum Beispiel, oder bestimmte Berichte über angebliche Erinnerungen an frühere Leben. Allerdings lassen die sich meines Wissens alle sehr gut durch rein physische Prozesse (und teilweise auch durch schlichte Betrugsabsicht) erklären.

Meiner Meinung nach ließe sich der derzeitige Stand deshalb am ehesten so beschreiben: Es gibt wenige sehr, sehr schwache Indizien für ein Leben nach dem Tod. Und es gibt sehr, sehr starke Indizien dafür, dass alles, was uns ausmacht, mit dem Tod unseres Körpers endet.

Das finde ich übrigens nicht schön. Ich bin emphatisch dagegen, dass das so ist. Aber meine Meinung hat leider keinen Einfluss auf die Wirklichkeit.


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