Klassenfeindclown

13. April 2014

Die Zeit der Familienfernsehabende ist vorbei. Und die Zeit der harmlosen Wetten auch. Gewettet wird heute nicht im Fernsehstudio auf kleine Kunststücke, sondern an den Finanzmärkten auf den Kollaps von Staaten. Topp, die Wette gilt!

schreibt Michael Hanfeld in der FAZ [via Altpapier, denn freiwillige lese ich Hanfelds Kram nicht], und ich fand diese Idee gleich auf Anhieb so charmant, dass ich gerne eine entsprechende Show für euch pitchen möchte. Ein angemessener Sendeplatz wird ja demnächst frei, wenn ich alles richtig verstehe. Ob die Sendung dann tatsächlich unter dem obigen Arbeitstitel erscheint, oder unter einem ZDF-zielgruppentauglicheren wie “Spekulieren, dass..?” oder ganz kuschelig “Unser Ulli”, würde ich den verantwortlichen Gremienkonferenzvorsitzendenkonferenzvorsitzendenassistentenstelldicheinschriftführern überlassen, oder gerne auch jemand anderem, falls die Gremienkonferenzvorsitzendenkonferenzvorsitzendenassistentenstelldicheinschriftführer dafür gar nicht zuständig sein sollten.

Zur Sache:

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Säulen. Schon Scheiße.

16. Juni 2012

Ein Spruch, den mein Vater gerne und oft zitierte, wenn er bereits am Anfach einer Sache untrügliche Anzeichen sah, dass daraus nichts werden konnte. Niemand außer uns verstand diesen Spruch, und konnte auch niemand (Naja, die Grundaussage war natürlich klar.), weil er auf ein echtes Erlebnis zurückzufahren war. Er hatte in einem Theater irgendwas sehen wollen, ich weiß nicht mehr, welches Stück, und gerade als der Vorhang sich öffnete und für einen Moment Stille herrschte, kam verspätet noch ein älteres Ehepaar herein, dessen männlicher Bestandteil die Kulisse auf der Bühne mit eben diesen Worten recht laut und deutlich kommentierte. Die Schauspieler, die wenig später auftraten, hatten ihn nicht gehört und waren deshalb sehr verwirrt, von lautem Gelächter begrüßt zu werden.

Ich weiß nicht, ob das wirklich so passiert ist, aber der Spruch ist für mich jedenfalls eine stehende Redewendung, außerhalb meiner Familie aber meines Wissens völlig unbekannt. Falls ihr auch damit vertraut seid, wäre ich euch für einen Hinweis sehr dankbar. Ich lerne ja immer gern dazu.

Warum ich das schreibe: Ich bin gerade berufsbedingt in Augsburg, und in meinem Hotel lagen kostenlose Ausgaben der Augsburger Allgemeinen rum. Ich schlug eine auf, sah ein kurzes “Porträt”, verfasst von Birgit Holzer und überschrieben mit:

Die Provokateurin – Christine Lagarde, die Chefin des Währungsfonds, spricht gerne Klartext. Auch wenn es nicht jedem gefällt

Und ich dachte: Säulen. Schon Scheiße.

Ich weiß nicht viel über Frau Lagarde und ihren Währungsfond. Insbesondere weiß ich nicht, ob alles so schlimm ist, wie Michalis Pantelouris schreibt (“Man weiß, dass man Recht hat, wenn der IWF sauer ist.“). Aber wenn Medien im Zusammenhang mit einer Person des öffentlichen Interesses den Begriff “Klartext” verwenden, kann man erfahrungsgemäß hohe Wetten zu sehr ungünstigen Quoten abschließen, dass diese Person (mindestens) in ihrem öffentlichen Auftreten ein ausgesprochen scheußliches Verhalten an den Tag legt. So auch hier. Frau Lagarde habe nie das politische Phrasendreschen gelernt, verfüge aber über

ein souveränes Auftreten, Sachverstand und Verhandlungsgeschick. [...] Und sie sprcht Klartext. Mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen, aber entschlossen.

Soso. Wie sieht das wohl aus, wenn Frau Lagarde charmant lächelnd im Klartext “den Griechen [...] die Leviten” liest (übrigens auch so eine Formulierung, die selten im Zusammenhang mit klugen Äußerungen verwendet wird)?

Mitgefühl habe sie für Dorfkinder in Niger, die zwei Stunden Unterricht pro Tag erhalten und sich zu dritt einen Stuhl teilen müssen [wtf? Verstehe ich das nur nicht, oder ist das vollkommen lächerlicher Blödsinn?]. Sie bräuchten mehr Hilfe als die Bevölkerung in Athen.

Wenn eine Journalistin so etwas für “Klartext” hält, hat sie ihren Beruf verfehlt Arbeit nicht besonders gut gemacht. Das ist Bullshit. Bei der Frage, wie wir mit der Krise in Griechenland umgehen, geht es nicht darum, mit wem Frau Lagarde am meisten Mitgefühl hat (Ich zum Beispiel habe Mitgefühl mit Leuten, die gerade von hungrigen Bären zerrissen werden. Die brauchen mehr Hilfe als Dorfkinder im Niger.), und es geht auch nicht um die Hilfsbedürftigkeit einzelner Griechen. Es geht um ein Problem, das aufgrund der Konstitution der EU leider uns alle betrifft, und für das wir eine Lösung suchen. Wenn Frau Lagarde meint, diesen Prozess durch blödsinnige Vergleiche und Provokation verkomplizieren zu müssen, dann soll sie das von mir aus tun, es geht ja auch sonst niemand vernünftig mit der Sache um, aber man muss das als Zeitung nicht noch lobend hervorheben, als hätte sie eine mutige Großtat vollbracht.

Noch ein Beispiel für den Klartext, den die Augsburger Allgemeine so bewundert? Bitte sehr:

Wäre die US-Bank “Lehman Borthers”, deren Pleite 2008 die Finanzwelt erschütterte, eine von Frauen geführte Bank “Lehman Sisters” gewesen, wäre es wohl nie so weit gekommen, meinte Madame Lagarde – männliche Maßlosigkeit trage mit Schuld an der Krise. [...] Der Mangel an politischer Korrektheit [Bingo!] mag mit Lagardes Weg in die Politik zu tun haben [...]

Das muss man doch wohl noch sagen dürfen.

1,70 € hätte diese Ausgabe der Augsburger Allgemeinen gekostet, wenn ich sie gekauft hätte. Für The Avengers haben wir (2D, mit Popcorn, Wasser und M&Ms) gestern Abend 38,50 bezahlt. Woran man erkennt: Hin und wieder gibt es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen höherem Preis und besserem Journalismus.


nackt an den Pranger gestellt

25. Mai 2012

Kann Herrn Grass mal jemand sagen, dass Fasching schon länger vorbei ist und die Pappnase deshalb ein bisschen unpassend wirkt?

Und falls das nicht hilft, kann ihn bitte jemand informieren, dass Länder nicht wegen Zahlungsschwierigkeiten thermonuklear eingeebnet werden und dass deshalb keine Gefahr eines Verlusts des Landes besteht, dessen Geist uns seiner mir nicht ganz verständlichen Auffassung nach erdacht zu haben scheint?

Und falls das auch keiner machen will, können die Zeitungen dann bitte wenigstens damit aufhören, jeden peinlichen Mist zu veröffentlichen, den Herr Grass so von sich gibt? Ich mag ihn ja auch nicht, aber jetzt fängt er doch langsam an, mir leid zu tun.


Die Experten

27. Februar 2012

Ja, irgendwie sagt es etwas Nichtgutes über mich aus, dass ich mich bemüßigt fühle, diesen Beitrag zu verfassen, aber was ist ein Blog, das nur Gutes über seinen Autor aussagt, schon wert. Ich rede mir aber derzeit auch noch ein, nebenbei auch noch ein legitimes Anliegen zu verfolgen, sodass einem Beginn des Artikels eigentlich wirklich nichts mehr im Weg steht, außer meinem eigenen Unwillen, aufzuzeigen, wie kleinlich ich manchmal bin.

Ich war kürzlich mal wieder bei einer Familienfeier. Hat mir gut gefallen. Das Essen war toll, und es dauerte nicht so lange, weil es spät anfing und ich die günstige Ausrede hatte, weit nach Hause fahren zu müssen. Im Rahmen dieser Feier saß ich ca. 90 Minuten lang an einem Tisch mit Verwandten und anderen Gästen, die sich über die Finanzkrise, insbesondere Griechenland, unterhielten. Ich höre solchen Gesprächen manchmal ganz gerne dumm lächelnd zu und mache mir einen Spaß daraus, im Geiste mitzusprechen. Das kann man nach meiner Erfahrung ganz gut, denn wenn man zwei solcher Gespräche gehört hat, kennt man sie alle. Nach meiner Erfahrung werden diese Gespräche meistens von wenigen Personen dominiert, zwei oder drei, die in sehr ruhigem scholl-latourhaftem Tonfall die Welt erklären, nebst einigen Mitläufern, die hin und mal wieder etwas einwerfen, dem die Rädelsführer dann nicht offen widersprechen, aber den Kommentar doch mit kaum verkennbarer Missachtung übergehen. Diese Missachtung ist unabhängig von der Sinnhaftigkeit des jeweiligen Einwurfs.

“Es war ja eigentlich schon lange klar, dass die eigentlich die Kriterien nicht erfüllen. Da hätte man reagieren müssen.”

“Aber die Verträge sehen ja auch keine Sanktionen vor. Normalerweise gibt es da ja was, wenn man sich nicht an Regeln hält.”

“Das kann doch auch gar nicht gut gehen, wenn man solche Staaten einfach mit in die Euro-Zone lässt. Die sind von der wirtschaftlichen Entwicklung einfach noch nicht so weit.”

“Da spielen natürlich auch noch andere Aspekte mit rein, nicht nur wirtschaftliche. Man hat ja auf so einem Land viel mehr den Finger drauf, wenn es in der Euro-Zone ist, als wenn Russland da den Finger drauf hat.”

“Das sind zwei Prozent des BIP der EU. Und damit beschäftigen wir uns jetzt seit Monaten!”

“Aber stell dir mal vor, was los ist, wenn Spanien und Italien auch in Schwierigkeiten kommen. So viele Rettungsschirme können wir gar nicht aufspannen!”

“Wenn jetzt auch noch die Urlauber wegbleiben, dann kriegen die Griechen aber wirklich Probleme, die vom Tourismus leben.”

“Ja, das ist für die ja sehr wichtig. Das profitiert dann jetzt die Türkei von. Ist ja auch da in der Ecke.”

“Die deutschen Banken haben sich fast völlig von den griechischen Sachen freigemacht. Die Deutsche Bank hält nur noch eine Milliarde oder so, das ist für die ja Portokasse. Bei den französischen Banken ist das ganz anders. Ob die das einfach nicht verstehen, oder glauben die, dass dann wieder der Staat einspringt?”

“Naja, die deutschen Banken sind da doch wieder über drei Ecken auch wieder dran beteiligt, sodass dann am Ende doch wieder alle drin hängen.”

Und so weiter, ad nauseam. Die Zitate sind natürlich nicht buchstabengetreu, vermitteln aber einen sehr umfassenden Eindruck vom Verlauf der gesamten eineinhalb Stunden, Ehrenwort. Irgendwann musste ich dann gehen. Meine Großmutter und Tante begleiteten mich noch zur Tür und sprachen an, dass ich mich ja kaum an der Unterhaltung beteiligt hätte, worauf ich meinte, naja, es sei ja auch ohne mich gegangen. Meine Mutter freut sich immer, wenn ich auf Familientreffen niemanden direkt beleidige, und ich mache ihr die Freude gern, denn ich habe ihr viel zu verdanken. Meine Großmutter – die ein Talent für solche Sprüche hat – vermutete daraufhin: “Ja, das ist wohl nicht so deine Größenordnung.”

Ich fühlte mich davon jetzt doch ein bisschen angestochen und sagte in dem subtilen Sarkasmus, den ihr von mir kennt und liebt: “Na, was soll ich auch noch sagen, wenn die anderen sowieso schon alles wissen?”

Worauf die beiden ganz ernsthaft nickten.

“Ja, der [...] ist schon beeindruckend”, sagte meine Tante über einen der beiden Herren, die das Gespräch im Wesentlichen bestritten hatten und von denen unter anderem die tief analytische Erkenntnis stammte, dass ausbleibende Touristen schlecht für Leute sind, die vom Tourismus leben, und dass die spanische und italienische Volkswirtschaft viel größer ist als die griechische. Da könne kaum jemand mithalten, meinte sie, und er würde ja auch in seinem Beruf viel Geld damit verdienen, dass er über so ein enormes Zahlengedächtnis verfüge und immer so einen perfekten Überblick über die Lage habe.

Und das sind so die Momente, in denen ich mich frage, ob Demokratie wirklich die richtige Regierungsform für uns ist.


Code

8. Januar 2012

These people are good, honest, smart, not bat shit crazy people, so why the fuck are they saying bat shit crazy stuff to me?

sagt Penn Jillette, und er vermutet, dass die Leute in einem Code sprechen, den er nur nicht versteht. Das ist eine lustige Idee, aber ich glaube das nicht. Ich denke, dass Menschen generell in der Lage sind, zu einer bestimmten Sache völlig bekloppten Mist zu sagen, und trotzdem ansonsten völlig normal zu funktionieren. Compartmentalization. Für mich immer wieder bemerkenswert.

Unser heutiges Beispiel ist die Rabbinerin Elisa Klapheck, die bei faz.net wirklich eine ganz besondere Dose bat shit crazy stuff aufgemacht hat. Ich kann von ihr natürlich nicht guten Gewissens behaupten, dass sie eine gute, anständige, kluge, nicht völlig bekloppte Person wäre, aber ich unterstelle es ihr einfach mal wohlwollend. Und trotzdem sagt sie zuerst

Die Schuld des Verbrechers ist eine andere als die finanzielle Schuld oder die Schuld gegen Gott. 

was einerseits durchaus Sinn ergibt, andererseits aber…. sagen wir: keine große Erkenntnis ist. Wenn ich jemanden totschlage, ist das was anderes, als wenn ich mir Geld von ihm leihe. Wow, Danke, Frau Rabbinerin. Und dann vergisst sie diese Unterscheidung für das restliche Interview wieder und wirft die verschiedenen Konzepte fröhlich durcheinander, und wenn sie schon mal dabei ist, vermischt sie das Ganze noch mit einer dieser bat shit crazy abenteuerlichen Ideen von Ethik und Mitmenschlichkeit, die Religionen uns andrehen wollen:

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We need to go derper!

12. Juli 2011

EU-Kommissar Michel Barnier möchte gerne Bewertungen für Staaten verbieten, denen durch internationale Kreditprogramme geholfen wird.

Das ist zwar erst mal eine tolle Idee, aber ich finde, dass Herr Barnier das Potenzial seines revolutionären Vorschlags auf das Traurigste verkennt. Warum nicht groß denken? Warum nicht gleich die gesamte Weltwirtschaft auf eine völlig neue Stufe heben?

Denkt doch mal mit mir nach. Stellt euch vor, man würde nicht einfach jede Bewertung nur für ein paar Staaten verbieten, sondern nur schlechte Bewertungen, und zwar für jeden! Stellt euch mit mir vor, jeder Mensch, jede juristische Person, jede Gesellschaft, jede Körperschaft, jeder Staat, hätte einen Rechtsanspruch auf ein Triple-A-Rating!

Versteht ihr, worauf ich hinaus will? Versteht ihr, was es bedeutete, wenn jeder von uns bei jedem Kreditantrag eine erstklassige Bonität vorweisen könnte? Genau! Die niedrigsten Zinsen für alle!

Ich habe jetzt noch nicht genau ausgerechnet, wie viel man dadurch gesamtgesellschaftlich sparen würde, aber der Effekt dürfte kolossal sein. Und der größte Clou: Diese Maßnahme würde am meisten den Leuten helfen, die innovative, riskante, avantgardistische Ideen haben und deshalb bisher kaum Kredite bekommen konnten. Damit stünde dem Weg in eine Zukunft voller bisher unvorstellbarer Technologien und bahnbrechender Geschäftsmodelle nichts mehr im Weg.

Schließt euch meiner Forderung an und zeichnet noch heute meine Petition “AAA ist ein Menschenrecht”! Eine bessere Welt ist möglich.


Die Neoliberalen also

10. Juli 2011

Ich fürchte, das hier ist schon wieder so ein Beitrag, in dem ich eigentlich nur leicht variiert wiederhole, was ich schon mal gesagt habe. Das tut mir leid. Kardinal Novize Igor hat einfach zu schön all die Dinge zusammengefasst, die mich auf die Palme bringen, wenn mal wieder jemand über “die Neoliberalen” schimpft. Wer sich für das Thema nicht interessiert mag mir also bitte verzeihen und im Gegenzug die Zusicherung mitnehmen, dass bald der fünfte Teil von “Yours to keep” erscheint. Das ist doch auch was, oder?

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Restebloggen zum Wochenende (69)

4. Juni 2011
  1. Anatol Stefanowitsch berichtet von den Kapriolen des Sprachnörglers Andreas Busch, und mir laufen kalte Schauer über den Rücken, wenn ich daran denke, dass ich mal kurz davor war, selbst so einer zu werden. (Böse Zungen mögen jetzt sagen, eher kurz dahinter.)
    „Guten Tag, Frau Meyer. Ich wollte sie mal eben fragen, ob Sie mit in die Kantine kommen.“ Wenn Frau Meyer pfiffig ist, sprachlich gewandt, und wenn sie zusätzlich eine schnippische Art besitzt, dann sagt sie: „Und WANN wollten Sie mich das fragen? Gestern? Oder vorgestern?“ schreibt Busch.
    Es gibt ja tatsächlich Mitmenschen, die so reden, aber die finden wir nicht „pfiffig“ und „sprachlich gewandt“, sondern wir finden sie nervig und entfrienden sie bei nächster Gelegenheit auf Facebook.” findet Anatol, und ich auch.
    Wenn Frau Mayer psychologisch unauffällig ist, versteht sie, dass es nicht um den Bericht über das Vorhaben gehen kann, sie zu fragen, ob sie mit in die Kantine kommt, sondern dass die Frage selbst gemeint sein muss.
  2. Michalis Pantelouris informiert zuverlässig und unermüdlich über die Einzelheiten zur griechischen Krise, von denen man sonst kaum erfährt. Ich stimme ihm nicht immer in allem zu, aber sein Post zum Bericht der Rating-Agentur Moody’s ist schon arg lesenswert:
    “Es bleibt dabei: Die in weiten Teilen katastrophal schlechte Berichterstattung vieler deutscher Medien hat einen direkten Einfluss auf die Lage Griechenlands und Europas. Sie hat die Krise natürlich nicht ausgelöst (genauso wenig wie die angeblichen Luxusrentner in Griechenland, von denen in den deutschen Medien zwar gerne geredet wurde, aber immer noch kein einziger präsentiert), aber sie trägt direkt dazu bei, eine inzwischen ganz offensichtlich falsche Politik immer weiter zu treiben.”
  3. Diejenigen unter euch, die auf einen Beitrag von mir zum Kirchentag warten, warten voraussichtlich vergeblich (Das de-Maizière-Ding zählt nicht.), denn Skydaddy hat schon alles gesagt, was ich zu sagen gehabt hätte:
    “Herzlich willkommen bei der christlichen Zeitansage. Heute ist Mittwoch der 1. Juni 111, aber das ist eigentlich nicht so wichtig.”
  4. Sollte hier noch jemand mitlesen, der sich unter Christentum immer nur so eine Gemeinschaft netter Leute vorstellt, die Nächstenliebe, Menschlichkeit und alle guten Dinge verbreiten, lohnt sich vielleicht ein Blick zu diesem Austausch hier:
    “nichts ist schlimmer für den Menschen als der Mensch [...]  Das Leben auf der Erde entstand zufällig durch eine Ironie des Schicksals und verschwindet nach gewisser Zeit wieder – absolut sinnlos wäre das Ganze !!!! Vor allem in Anbetracht des ganzen Leides, das es neben dem Schönem auch in nicht zu geringem Maße auf dieser Welt gibt (z. B. Fressen und gefressen werden, Schmerzen, Krankheit, Kriege, Verbrechen, Atomkatastrophen usw.) Da wäre es doch eigentlich besser gewesen, wenn sich niemals Leben auf diesem Planeten entwickelt hätte!” [Disclaimer: Natürlich ist das nicht die christliche Position, und natürlich gibt es jede Menge sympathischer Christen.]
  5. Der Postillon berichtet über eine Demokratiebewegung im Vatikan, die sich gegen den Diktator auflehnt: “Benedikt XVI., der totalitäre Alleinherrscher des 0,44 Quadratkilometer großen Binnenstaates, klammert sich an die Macht, die er vor sechs Jahren mithilfe einer kleinen oligarchischen Clique (Kardinäle) in einer fingierten Wahl an sich gerissen hat. Beobachter gehen davon aus, dass der 84-jährige Diktator seinen Palast nur in einem Leichenwagen verlassen werde.”
  6. Kann mal bitte jemand zu faz.net rübergehen, zurückkommen und mir verraten, was Herr von Altenbockum eigentlich von uns will? Er scheint (mit Recht) irgendwie unzufrieden damit zu sein, dass sich an Himmelfahrt traditionell Leute betrinken, aber seine Entrüstung hat offenbar ein Niveau erreicht, auf dem er die Fähigkeit zur kohärenten Kommunikation seines Anliegens verloren hat. Vielleicht hat er sich noch nicht ganz von seinem Kater erholt.
  7. NotInMyName2050 befasst sich für uns mit der Frage, ob Atheisten zu aggressiv sind:

Alles klar, Herr Kommissar?

11. Mai 2010

Die Aggro-Wochen sind noch nicht zu Ende. Ich hätte hier gerne mal wieder was Unpolitisches geschrieben, oder einfach was Lustiges, aber was da gerade in Sachen EU läuft, mag ich dann doch nicht komplett ignorieren. Wenn ich ein bisschen melodramatisch sein wollte, würde ich sogar sagen, es macht mir Angst, aber vielleicht reicht es auch, wenn ich es bloß ziemlich ärgerlich finde.

Ich war schon nicht besonders glücklich mit der geplanten Unterstützung für Griechenland. Nicht, weil ich etwas gegen die Griechen hätte, sondern weil ich der Meinung bin, dass es lang- oder wahrscheinlich auch schon mittelfristig gesehen das falsche Signal ist, dass ein Staat, der sich quasi in die Zahlungsunfähigkeit manövriert (Und kommt mir bloß nicht mit “Die Spekulanten sind doch Schuld!”) und dabei noch so lange es eben ging seine wahre Situation verschleiert hat, die Konsequenzen dieser Fehler nicht tragen muss. Aber damit war zu rechnen. Insofern hat es nicht besonders weh getan.

Überhaupt nicht erwartet hatte ich aber, dass man bei der Gelegenheit dann auch gleich noch ein paar andere saudumme Fehler hinterher schiebt und sich dabei als tapferer Euroretter geriert. Herr Steltzner von faz.net hat treffende Worte gefunden:

“Die Europäische Union rüstet zum Kampf gegen den Markt.”

Und genauso klingt es auch, wenn ich von unserem Kommissionspräsidenten höre, er wolle “den Euro verteidigen, was immer es kosten mag”. Ähem, hallo, Herr Barroso? Was immer es kosten mag? Ich hab den Euro ja auch lieb, aber haben Sie das zu Ende gedacht? Und den nächsten kalten Schauer jagt mir dann gleich der französische Präsident über den Rücken. Herr Sarkozy ist ja immer mal für einen kalten Schauer gut, nicht wahr? Und nun will er also zur “Generalmobilmachung” blasen, um “ohne Gnade gegen die Spekulation zu kämpfen”. Jawoll, denn wenn es dieses Drecksspekulantenpack nicht gäbe, könnte man als Staat endlich so hemmungslos misswirtschaften, wie man will, ohne dass man deshalb in Schwierigkeiten gerät. Geld kann man ja schließlich drucken. Hat doch früher auch immer funktioniert, oder? Oh, nee, doch nicht. Naja, egal. Diesmal wird’s klappen. Was kann denn schon schiefgehen?


Wenn ich die Augen zumache, können sie mich nicht sehen…

30. April 2010

Aha. Es ist also mal wieder soweit. Nieder mit den Zockern. Wer mit Spekulationen Staaten in Schieflage bringe, gehört gebrandmarkt. Ich glaube manchmal, dass die CSU es nicht besser hinbekäme, mich zu ärgern, wenn sie es gezielt darauf anlegten. “Der Gegner sind die Spekulanten an den internationalen Finanzmärkten, die staatliche Währungen kaputtmachen wollen und auf Staatsbankrotte setzen” sagt der Generalsekretär dieser Selbsthilfegruppe bornierter Dorftrottel, und bekanntermaßen steht er mit seiner Einstellung auch außerhalb seines blauweißen Kegelclubs keineswegs alleine da. Deshalb einmal kurz zum Einstieg an alle, die undifferenziert über Casino-Kapitalismus schimpfen: Ihr regt mich auf. So. Jetzt kann ich wieder sachlich.

Falls ihr noch gar nicht wisst, wovon ich rede: Herr Dobrindt findet es doof, dass manche Leute mit verschiedenen Finanzinstrumenten darauf gesetzt haben, dass Griechenland seine Schulden nicht bezahlen kann. Die Einzelheiten dieser Instrumente erkläre ich hier nicht, weil sie aus meiner Sicht für diejenigen unter euch, die es nicht eh schon wissen, wohl furchtbar langweilig wären. Aber stark vereinfacht ist der Vergleich vielleicht gar nicht so falsch, dass es sich dabei um eine Art Wette auf einen griechischen Staatsbankrott handelt. Das ist in meinen Augen erst einmal eine Ausübung der allgemeinen Handlungsfreiheit, die der Staat nicht zu unterbinden hat, sogar, wenn ich mich nur aus Jux und Tollerei dazu entscheide.

Darüber hinaus erfüllen diese Spekulationen aber sogar noch verschiedene wichtige Funktionen: Sie sind ein Informationsinstrument. Sie sammeln die Informationen der Marktteilnehmer und machen sie verfügbar. Sie erlauben damit bessere Prognosen über die Zukunft, ähnlich wie die Quoten von Buchmachern eine ziemlich gute Prognose darüber erlauben, wie Sportwettkämpfe ausgehen. Genauso wie diese Quoten liegen sie nicht immer richtig. Aber sie liegen auf lange Sicht öfter richtig als jede einzelne Person, und sei sie auch noch so klug und gut informiert. Das liegt daran, dass diese Quoten und Preise aggregiert sind aus vielen, vielen Einzelprognosen und uns daher erlauben, auf elegante und effiziente Art, die Weisheit der Vielen zu nutzen.

Das Ziel des Verbots solcher Spekulationen rechtfertigt sich, so wie ich es verstehe, ungefähr so: Wer darauf wettet, dass zum Beispiel der Wert einer Aktie sinkt, der hat ein Interesse daran, dass es dem entsprechenden Unternehmen schlechter geht. Er hat also einen Anreiz, dem Unternehmen zu schaden. Oder einer Währung, oder einem Staat, um beim aktuellen Beispiel zu bleiben. Damit er das nicht tut, verbietet man diese Art von Spekulation. Das ist in meinen Augen ungefähr so, als würde man Gebäude-Brandversicherungen verbieten, damit Hauseigentümer keinen Anreiz mehr haben, ihre Häuser anzuzünden.

Denn auch das ist eine Funktion von Finanzderivaten: Sie begrenzen Risiken. So ist das beispielsweise bei den Leuten, die darauf spekulieren, dass Griechenland seine Kredite nicht bedienen kann. Viele von ihnen sichern auf diese Weise einfach nur Kredite ab, die sie an Griechenland gegeben haben. Aber ich will das hier nicht zu weit ausufern lassen und wieder zum Kern der Sache zurückkommen:

Genauso, wie man auf fallende Kurse spekulieren kann, kann man auch auf steigende wetten. Zum Beispiel, indem man heute eine Aktie zu einem bestimmten Termin kauft und darauf hofft, dass der Preis dafür bis dahin höher liegen wird als der, den man jetzt vereinbart. Ich würde sogar behaupten, dass tatsächlich zu jeder Spekulation auf fallende Preise jemand gehört, der auf steigende oder zumindest weniger stark fallende Preise spekuliert. Weil es keinen Verkauf ohne Käufer geben kann. Und wer das macht, der hat einen Grund, Märkte so zu manipulieren, dass die Preise steigen, was auch gefährlich sein kann. Das Problem an den gefürchteten Immobilienblasen ist ja nicht, dass die Preise am Ende zusammenbrechen, denn das ist gerechtfertigt. Das Problem ist, dass die Preise vorher endlos steigen.

Man schließt durch den von Herrn Dobrindt gewünschten Kampf gegen die schlechten Spekulanten also gewissermaßen einige Stimmen aus dem Markt aus, die fallende Preise prognostizieren. Das verringert die Prognosefähigkeit des Marktes und verzerrt die Preisbildung. Oder, um es mit Rayson von B.L.O.G. zu sagen: “Spekulation ist wohl nur dann echte Spekulation, wenn sie dem Willen der Politik zuwiderläuft.”


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