Taschentuch? (5)

26. März 2012

Okay. Queer.de hat also völlig korrekt darüber berichtet, dass das Steak mit der Aufschrift “Tofu ist schwules Fleisch” nicht im Rahmen einer Maredo-Kampagne erschienen ist, und Maredo drohte daraufhin mit einer Klage, falls Queer.de das Motiv weiterhin abbildet. Das war wahrscheinlich doof von Maredo. So viel dazu.

Mir soll es statt um diesen albernen Streisand-Fauxpas  eher um das Motiv als solches gehen, denn es trifft ziemlich genau den Aspekt von Humor, in dem ich mich auch desöfteren mal angreifbar mache, nämlich das Spiel mit stupiden Vorurteilen. Dazu aber gleich mehr, nachdem wir was anderes Offensichtliches abgekaspert haben: Volker Beck redet natürlich dummes Zeug.

“Das Motiv ist homophob und spielt mit antihomosexuellen Vorurteilen. Schwule seien keine richtigen Männer, Lesben keine richtigen Frauen, Tofu kein richtiges Fleisch und wer so etwas denkt ist demokratisch nicht ganz bei Trost.” So eine Entgleisung dürfe einer der führenden Marketing-Agenturen in Deutschland nicht unterlaufen, so Beck. “Ich erwarte eine aktive Wiedergutmachung, etwa in Form einer Spende an die Hirschfeld-Eddy-Stiftung oder durch eine kostenlose Beteiligung an einer Kampagne gegen Homophobie und Ausgrenzung.”

  1. Ich weiß nicht genau, ob es was anderes ist als sonst, demokratisch nicht ganz bei Trost zu sein, aber jedenfalls kann jemand, der glaubt, Tofu sei kein richtiges Fleisch, durchaus bei Trost sein, und sogar Recht haben, denn Tofu ist kein richtiges Fleisch.
  2. Ist “so eine Entgleisung” Scholz & Friends überhaupt unterlaufen? Das Motiv wurde nicht verwendet, es wurde verworfen und geleakt.
  3. Es steht Herrn Beck zu, den Spruch doof und homophob zu finden, und Scholz & Friends dafür zu kritisieren, dass sie ihn entworfen haben. Für einen dummen Spruch eine “aktive Wiedergutmachung” zu fordern, finde ich aber schon wieder dreist, und dann auch noch vorzugeben, wie die Wiedergutmachung stattzufinden hat, nämlich durch Ablasskauf Spende, ist in einer Form dummdreist, für die sich auch jemand schämen sollte, der nicht aufgrund seiner Position eine besondere Verantwortung für seine Äußerungen innehat.

Das war lustig milde amüsant. Kommen wir zur sachlichen Auseinandersetzung: Das Motiv spielt ohne jede Frage mit antihomosexuellen Vorurteilen, da hat er Recht. Aber ist es homophob? Ist es eine Entgleisung? Ich weiß nicht. Aber ich bin da vielleicht nur nicht sensibel genug. Aus einer unvoreingenommenen Perspektive ist “Tofu ist schwules Fleisch” für niemanden eine Beleidigung und diskriminiert auch niemanden, sondern ist einfach nur Blödsinn.

Das bringt uns aber freilich nicht weiter, denn kein Mensch sieht dieses Motiv unvoreingenommen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der “schwul” immer noch als Schimpfwort gebraucht wird, und dafür sollten wir uns schämen. Der Anzeigentext ist deshalb für jeden Leser, der nicht einsam in einer Hütte auf der Alm lebt, sofort als Diss gegen Tofu erkennbar, der einfach als gemeinsamen Konsens voraussetzt, dass “schwul” sowas wie “schwach”, “minderwertig” oder “verweichlicht” bedeutet. Und also solcher wäre er natürlich nicht nur dumm, sondern richtig widerlich.

Aber muss man das so verstehen?

Und jetzt sind wir bei dem Punkt, den ich am Anfang erwähnte: Ich mach sowas auch manchmal. Gerade habe ich keine Lust, ein Beispiel rauszusuchen, aber ich wette, dass ihr in den Philoso4-Podcasts mindestens ein Beispiel für einen homophoben, rassistischen, antisemitischen oder vergleichbar dummen Spruch findet, über den wir alle gemeinsam ganz sorglos lachen, weil wir uns damit nicht über Schwule, Ausländer oder Juden lustig machen, sonder über homophobe, rassistische und antisemitische Idioten, die so etwas im Ernst sagen. In diesem Sinne bin ich mir ziemlich sicher, dass ich das “Tofu ist schwules Fleisch”-Motiv mit einem wohlwollenden Schmunzeln zur Kenntnis genommen und nicht weiter drüber nachgedacht hätte, wäre es mir irgendwo in einem unverdächtigen Zusammenhang untergekommen.

Das Problem mit dieser Haltung ist offensichtlich: Ob ich meinen Spruch “Typisch Jude” nun clever elegant und aufgeklärt ironisch meine oder stumpf stupide und borniert antisemitisch, ist bestenfalls aus dem Kontext erkennbar, und eventuell noch für Leute zu erahnen, die mich ein bisschen besser kennen. Es ist aber derselbe Spruch, und solange es noch genug Idioten in unserer Gesellschaft gibt, um derartige Vorurteile zu einem ernsten Problem zu machen, kann er sogar dann Schaden anrichten, wenn ich in Wahrheit gar nichts gegen Juden habe.

Insofern muss ich vielleicht zugeben, dass meine Wahrnehmung von “Tofu ist schwules Fleisch” als putziges Spiel mit homophoben Vorurteilen, die wir aufgeklärten Rezipienten der Anzeige natürlich alle sofort als saudumm und unsinnig erkennen und über die wir deshalb wissend lachen, während wir unsere Pfeifen ausklopfen und unsere Cognac-Schwenker nachfüllen, eher die falsche sein könnte. Insofern muss ich vielleicht eingestehen, dass ich da auf denselben Leim gegangen wäre wie die Leute, die ironisch die Bildzeitung lesen.

Und wie seht ihr das?


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