Google, wie die SZ sich’s wünscht

4. April 2014

Offenbar hat Google mit Unterstützung von Unitimedia Kabel BW, diversen Bildungsministerien und einer EU-Initiative eine Broschüre herausgebracht, mit deren Hilfe Jugendliche sich mit ihren eigenen Fertigkeiten und Rechten im Umgang mit dem Internet und Dings auseinandersetzen sollen.

Das kann man kritisieren. Wahrscheinlich sollte man das sogar, irgendwie. Ich bin mir zum Beispiel auch nicht sicher, wie angemessen ich es finde, dass staatliche Stellen so etwas in Kooperation mit privaten Unternehmen tun, die eigene Vorstellungen davon haben, wie Jugendliche mit dem Internet umgehen und von ihm und ihnen denken sollen. Und generell bin ich natürlich immer dafür, dass man Dinge infrage stellt, die andere einem erzählen, ganz gleich, ob sie nun die Interessen von Google, eines Ministeriums, oder eines EU-Organs vertreten.

Die SZ hat diese Gelegenheit gesehen und sich entschieden, sie nicht nur zu nutzen, sondern sich dabei auch gleich nach Kräften des bisschens Respekt und Sympathie zu entkleiden, das sie zum Beispiel bei mir manchmal als gefühlt immerhin vertrauenswürdigste Tageszeitung Deutschlands noch genießt.

Wir wissen ja, wie die deutschen Zeitungsverlage zu Google stehen. Nämlich ungefähr so:

Und da kann man es ihnen einerseits nicht verdenken, dass es ihnen schwerfällt, halbwegs sachlich über Google zu berichten, so wie ich zum Beispiel auch verstehen kann, dass es meinem Vater schwerfiel, halbwegs sachlich über meine Mutter zu sprechen. Andererseits … Also, mein Vater erzählte immer diesen Witz von Friedrich II., der die Ausstellung eines Malers besuchte, und diesen darauf hinwies, dass in seinen Bildern ja alles blau sei. Auf die Erläuterung des Malers: “Majestät, ich sehe das so”, erwiderte der König: “Ach, da hättense keen Maler werden dürfe.” Oder so.

Wovon rede ich eigentlich? Die SZ schreibt in ihrem Teaser:

vorgestellt hat den Leitfaden der Konzern Google – darum gibt es auf die Frage nach Datenschutz wohl keine Antwort.

und impliziert damit für mich ganz eindeutig, dass die Broschüre das Thema Datenschutz schamhaft verschweigt, weil Google nicht will, dass Jugendliche sich darum Gedanken machen. Der Text bestätigt diese Interpretation:

 “Auf die Frage nach Datenschutz hat die Broschüre aber keine Antwort”, sagt Stephan Groschwitz von der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend. Das klingt schon ganz anders. Eher so, als mache es die Broschüre vor allem ihrem Financier leicht: Google selbst.

Ich finde, das sind schon relativ klare Vorwürfe, die sich zwar ein bisschen in unscharfen Formulierungen und unentschlossenem Rumgedruckse verstecken, aber mir nicht weniger dummdreist erscheinen, wenn man bedenkt, dass die SZ im letzten Drittel ihres Artikels selbst die Erklärung liefert:

Die Broschüre hat überhaupt keine Antworten. Sie enthält Fragen, und Übungen, und Vorschläge zum Nachdenken, wie:

Glaubst du, dass es in der heutigen Zeit noch möglich ist, anonym zu bleiben? Wie behältst du die Kontrolle über die Inhalte, die du oder deine Freunde online stellen? Welche Fotos lädst du hoch und welche deiner Freunde markierst du?

Zu keinem Themenkomplex liefert sie fertige Antworten. Weder zum Thema Copyright, noch Identity, noch Information/knowledge, noch Privacy, dem aber immerhin sieben von 50 Seiten der Broschüre gewidmet sind.

Natürlich ließe sich auch hier wieder darüber diskutieren, wie die Broschüre die Fragen formuliert, wie mit den Problemen umgeht, und was der richtige Weg wäre, Jugendliche darüber zu informieren und zum Nachdenken anzuregen. Das wäre angemessen und nützlich.

Keins von beidem ist es aber in meinen Augen, mit an den Haaren herbeigezogenen Argumenten niederträchtige Absichten zu insinuieren, jeglichen Beleg für diese Unterstellungen zu verweigern und dann zum Schluss noch mal genau so unfundiert zu unken:

Andererseits könnte dieser Ansatz auch Strategie sein: Indem die Broschüre nur Fragen stellt, geht Google Antworten zur eigenen Datensammel-Praxis aus dem Weg.

Und wie das halt bei Unterstellungen im Konjunktiv so ist: Klar. Das könnte sein. Aber wie das halt bei öffentlichen Unterstellungen so ist: Auch wenn ich sie im Konjunktiv formuliere, sollte ich sie irgendwie belegen, wenn ich mich nicht selbst dem Verdacht aussetzen will, mit ruchlosen Absichten zu arbeiten. Googles Broschüre schlägt ja schließlich immerhin die Auseinandersetzung vor mit Konzepten wie:

Und vor diesem Hintergrund würde ich es schon für angemessen halten, dass der SZ-Autor Andreas Glas klar (Pun not intended, ich schwör!) sagt, wo genau Google seiner Meinung nach beim Thema Datenschutz unsauber gearbeitet hat und was genau er dem Konzern und/oder der Broschüre vorwirft.

Dass er das nicht tut, sondern sich stattdessen entschlossen hat, vage irgendwas zu vermuten und zu hoffen, dass seine Leser sein dumpfes Ressentiment schon irgendwie teilen werden, ist genau die Art von Desinformation und haltloser öffentlicher Diffamierung anderer, die es Leuten wie mir verleiden, Geld für die selbst ernannte Qualitätspresse auszugeben, obwohl wir an und für sich sowohl die Mittel als auch das Interesse hätten, uns von jemandem informieren zu lassen, der seinen Job versteht, und ihn halbwegs vertrauenswürdig zu erledigen versucht.

Schade eigentlich, oder?


balkanisierte Weimarer Kaninchenzüchter

4. März 2014

Es geht bergauf. Letztens musste ich noch Matthias Matussek in Schutz nehmen, heute ist es schon bloß noch das BVerfG. Wer weiß – vielleicht darf ich mich ja demnächst sogar mal wieder auf die Seite von jemandem schlagen, den ich tatsächlich respektiere, und mit dem ich einer Meinung bin, oder so. Das FAZ-Interview von Thomas Thiel mit dem Soziologen Ulrich Beck ist aber andererseits so schlimm blödsinnig, dass ich sogar Hitler dagegen zu verteidigen bereit wäre, wenn es sein müsste. Und der war Vegetarier. Ans Werk also. Worum gehts? Um die jüngste Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, die die Drei-Prozent-Sperrklausel im Europawahlrecht für verfassungswidrig erklärte. Und was hält Ulrich Beck davon?

Ahja. Das war zu befürchten, oder? Experteninterviews sind so. Aber wir haben ja Humor, deswegen schauen wir uns das Elend mal im Detail an:

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Warum Homophobiephobie unchristlich ist. Oder zumindest manchmal sein kann. Wenn sie schlecht gemacht ist. Ach was weiß ich, ist mir auch egal, ich lass das jetzt so.

20. Februar 2014

Okay. Ich denke, wir sind uns einig, dass es genug Reaktionen auf die jüngste Menschheitsbeschämung von Herrn Matussek gab. Ich werde deshalb keine weitere hinzufügen.

Aber an Reaktionen auf die Reaktionen herrscht meines Erachtens noch ein gewisser Mangel, insbesondere an solchen, die Herrn Matussek verteidigen. Klingt nach einem Job für überschaubare Relevanz, oder?

Um die Menschheit zu beschützen!

Warum Homophobie unchristlich ist

will uns Lucas Wiegelmann erläutern, und dieses Unterfangen wirkt auf den ersten Blick schon so ulkig (nicht etwa, weil Homophobie meines Erachtens unbedingt christlich wäre, sondern eher, weil schon die Frage, ihr wisst schon, oder?), dass ich die Finger nicht davon lassen mag, auch weil der Teaser so schon mutig daherkommt:

Wer sich der Homophobie rühmt, verletzt nicht nur den Konsens der Gesellschaft. Er kann sich auch auf keine christlichen Grundsätze berufen.

Uiuiui, nicht wahr? Keine, schreibt er. Bis auf diese zahlreichen klar homophoben Ansagen in der Bibel, halt, aber wer zählt die schon? Das mit dem Konsens der Gesellschaft würde ich übrigens auch sehr in Zweifel ziehen, aber hier gilt das gleiche wie für so ziemlich alle Meinungsstücke in so ziemlich allen mir bekannten Zeitungen: Wenn wir wahllos jede offensichtlich unfundierte Äußerung kritisieren wollen, sitzen wir morgen noch hier, und das kann ja nun wirklich keiner wollen. Konzentrieren wir uns also auf Wiegelmanns Kernaussage.

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Bitte vergib mir, Sascha!

15. Januar 2014

Oh Gott. Ohgottohgott.

Also, ich hab ja diesen Post über diesen Post von Sascha Lobo geschrieben. Und gesagt, dass ich den doof finde.

Jetzt fühle ich mich ein bisschen schlecht dafür. Irrationalerweise. Ich finde Lobos Artikel nämlich immer noch doof, ziemlich sogar, und das zurecht. Aber wenn ich ihn jetzt mal mit dieser Replik von Evgeny Morozov vergleiche, dann … steht er plötzlich doch ziemlich gut da. Das ist nicht überraschend, denn mit Herrn Morozov hatte ich mich hier schon mal befasst und dabei für mich erkannt, dass seine Schreib- und meine Denkweise auf sehr vielen Ebenen sehr inkompatibel sind, um es so diplomatisch zu formulieren, wie ich es in diesem Kontext noch hinkriege.

Aber überraschend oder nicht, ich fühle mich aus verschiedenen Gründen dazu getrieben, auf Morozovs Antwort an Lobo zu antworten. Trotzdem will ich, auch im Interesse meiner eigenen Zeit und Nerven, versuchen, das nicht in allzu epischer Länge zu tun. Mal sehen. Manche von euch haben ja wahrscheinlich in den letzten Tagen schon schmerzhafte Erfahrungen mit der Natur und Verlässlichkeit guter Vorsätze gemacht. Aber ich bin ein bisschen naiv, also mit besten Absichten ans Werk, wie lange kann das schon dauern?

Die NSA-Enthüllungen haben die Utopie des Internets als eines demokratischen Emanzipationsmediums zerstört.

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Fang den Pudding

14. Januar 2014

Es gibt so Sachen, die ich gerne kritisieren würde, weil sie irgendwie leer und doof und nicht in Ordnung sind, auf so eine vage Art, die sich an nichts Konkretem fest macht, mich aber gerade deshalb sehr verärgert, die sich aber natürlich gleichzeitig kraft eben dieser Eigenheit nur sehr schwer kritisieren lassen, weil sie kaum etwas Konkretes enthalten, das Angriffsfläche böte.

Ein Beispiel wäre Sascha Lobo, dessen Werk ich, seit ich es kenne, vage nicht okay finde, ohne dass sich jemals eine Gelegenheit ergeben hätte, das öffentlich bekannt zu machen, obwohl oder weil (Ich kanns echt nicht so richtig sagen.) er nie irgendwas geäußert hat, das ich wirklich als Beispiel dafür hernehmen könnte. Aber heute (zwei Tage zu spät) habe ich einen Artikel sonderbares Lamento von ihm auf faz.net gefunden, mit dem ich es mal versuchen will. Weniger, weil ich es für ein besonders dankbares Objekt von Kritik hielte, sondern weil ich es mal gesagt haben will, und gerne wüsste, wie es euch so dabei geht.

Thema ist natürlich die sensationell erschreckende Entdeckung, dass die Geheimdienste, deren Job darin besteht, uns heimlich zu überwachen, uns offenbar jahrelang heimlich überwacht haben, und das besonders erschütternde Detail, dass sie dabei nicht einmal vor der Nutzung des denkbar naheliegendsten Mittels überhaupt zurückgeschreckt sind, womit natürlich wirklich niemand rechnen konnte. Niemand hier im Sinne von: Jeder, außer Sascha Lobo, der gesamten Bundesregierung und dem deutschen Journalismus, die offenbar aus allen Wolken gefallen sind, als das bekannt wurde. Und weil dies offenbar eines dieser Themen ist, bei denen alle nur mit großen Scheinen zahlen wollen und niemand wechseln kann, schreibt Lobo:

Die Snowden-Enthüllungen haben die vierte Kränkung der Menschheit offenbart, die digitale Kränkung der Menschheit, der größte Irrtum des Netzzeitalters

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Kommentar zum Altpapier vom 2. Januar, Teil 1

3. Januar 2014

Ja nee, keine Sorge, das wird jetzt keine regelmäßige Serie. Mir ist bloß kein besserer Titel eingefallen, unter dem ich mich mit den Themen des gestrigen Altpapiers auseinandersetzen könnte, was ich wollte, was klar ist, weil ersichtlich, dass ich es zu tun plane, was ja nicht der Fall wäre, wenn ich es nicht wollte, wie ihr euch sicher denken könnt, insbesondere wenn ihr mich schon ein bisschen kennt, was ich annehme, weil doll viel Fluktuation gibt es erfahrungsgemäß unter meinen Lesern nicht, was einerseits schade ist, weil ein nicht ganz rational erklärbarer Ehrgeiz mich wünschen lässt, ich hätte mehr, was echt keinen Sinn ergibt, weil man ja zugeben muss, dass meine Leser und Kommentatoren, auch wenn sie nicht so viele sind, doch größtenteils sehr angenehme Zeitgenossen sind, mit denen sich gut reden lässt, was ich sehr zu schätzen weiß, weshalb es eigentlich echt keinen Sinn ergibt, sich drüber zu ärgern, was aber eigentlich auch egal ist, weshalb wir jetzt

zur Sache kommen:

Greenwald hat in seiner Rede eine Grenze überschritten, als er ‘wir’ sagte statt ‘ihr’. Er hat sich mit den anwesenden Hackern gemein gemacht, mit den Aktivisten und Bürgerrechtlern. Er sieht sich als einer von ihnen.

schreiben Kai Biermann und Patrick Beuth für die Zeit über den Eröffnungsvortrag Glenn Greenwalds zum Kongress des CCC in Hamburg.

Und da sind natürlich schon so ein paar Schlüsselformulierungen drin, die mich zu ganz polemischem Widerspruch reizen. “eine Grenze überschritten”, etwa, oder “sich [...] gemein gemacht”, oder “die Zeit”.

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Was mich aufregt

1. Januar 2014

ist ja keineswegs, dass Menschen sich mal irren. Oder dass Menschen eine andere Position vertreten als ich. Aber ich wiederhole mich. Das ist jedenfalls menschlich. Das kann passieren. Manchmal passiert es sogar mir selbst.

Manchmal ist es sogar interessant, mit jemandem zu reden, der etwas anders sieht. Man kann daraus lernen. Im schlimmsten Fall zumindest, wie die andere Person auf ihren Holzweg gekommen ist.

Was mich aufregt, sind Leute, die es evident nicht für nötig halten, ihre Position irgendwie schlüssig zu begründen. Die meinen, unser gesunder Menschenverstand würde uns schon sagen, wann wir dem siebten Sinn vertrauen können, und öffentlich mit Verve eine Meinung vertreten, ohne zu erläutern, warum oder wie sie gedenken, irgendwen davon zu überzeugen.

Was mich aufregt, sind also zum Beispiel Kommentare wie dieser von Heribert Prantl:

Wer von der Verlängerung der Wahlperioden spricht, muss daher zugleich von der Einführung der Volksabstimmung auf Bundesebene reden. Das ist ein demokratisches Junktim.

Soso, ein demokratisches Junktim ist das. Die Verlängerung der Bundestagswahlperiode auf fünf Jahre ist unweigerlich zwingend mit der Einführung von Volksabstimmungen verbunden. Warum? Joa pffft…

Weniger wählen bedeutet weniger Demokratie. Eine Verlängerung der Wahlperiode kann nur dann überhaupt in Betracht kommen, wenn gleichzeitig die demokratischen Rechte der Bürger auf andere Weise gestärkt werden – durch die Möglichkeit von Abstimmungen auf Bundesebene, durch Elemente der direkten Demokratie also, durch Volksbegehren und Volksentscheid.

Und das wars eigentlich. Das ist im Grunde Heribert Prantls … Ja. Ich würde schreiben “Argumentation”, aber genau daran hapert es eben. Er hat keine. Er hat nur eine nackte Behauptung, die so tut, als wäre sie begründet.

Das scheint mir symptomatisch für den Zustand unserer öffentlichen Debatte. Sie wird nicht als Kampf um die Wahrheit geführt, sondern als Kampf ums Rechthaben. Sie ist kein Wettstreit der Argumente, sondern eine Schneeballschlacht der Meinungen, ohne gemeinsames Ziel, ohne sinnvolle Regeln, ohne Ergebnis. Und das regt mich auf.

Dabei kann ich Herrn Prantl nicht mal im weitergehenden Sinne widersprechen. Ich weiß nicht, ob seine Behauptung stimmt. Vielleicht wäre es wirklich ein guter Schritt für unseren Staat, die Wahlperiode für den Bundestag auf fünf Jahre zu verlängern und gleichzeitig Elemente direkter Demokratie einzuführen. Zwar halte ich es auf den ersten Blick – wie er auch – für plausibel, dass der Bundestag und die Regierung effektiver arbeiten könnten, wenn nicht alle vier Jahre der blödsinnige Wahlzirkus wieder losgehen würde, sondern nur alle fünf, aber erstens hat das nichts zu sagen, und zweitens habe ich wirklich keine Ahnung, ob nicht sechs oder sieben Jahre vielleicht noch besser wären. Darüber hinaus kann man zum Beispiel mit sehr guten Gründen bezweifeln, ob die Verlängerung wirklich “eine partielle Entmachtung der Wähler” wäre, und ob das ein Problem wäre, wenn es so wäre, ob es überhaupt in irgendeiner Form Sinn ergibt, so etwas wie “Demokratie” in diesem Zusammenhang auf einer eindimensionalen Skala anzuordnen und “mehr” oder “weniger” bestimmen zu wollen, ob Volksentscheide und Volksbegehren in diesem Sinne dann “mehr” und damit zwangsläufig besser wären, ob sie nicht auch unabhängig von der Länge der Bundestagswahlperiode eingeführt werden sollten oder ob das dann zu viel Demokratie wird, und ob es nicht vielleicht andere, sinnvollere Maßnahmen gäbe … und so weiter. Man merkt, die Sache ist komplex, was nicht überraschen dürfte, wenn man bedenkt, dass es um die ganz grundlegende Organisation unseres Staates, unserer Gesellschaft geht. Prantl verschweigt das aber nicht nur, er verschleiert es aktiv, indem er die ganze Sache als völlig eindeutig darstellt, man ist versucht zu sagen: als alternativlos.

Eine Verlängerung der Wahlperiode kann nur dann überhaupt in Betracht kommen, wenn gleichzeitig die demokratischen Rechte der Bürger auf andere Weise gestärkt werden – durch die Möglichkeit von Abstimmungen auf Bundesebene, durch Elemente der direkten Demokratie also, durch Volksbegehren und Volksentscheid.

Ende, fertig, so einfach ist das.

Trotzdem kann es sein, dass Heribert Prantl im Ergebnis recht hat. Aber sein Artikel bietet keinerlei Anhaltspunkte dafür, oder dagegen, weil er keine Argumente bietet. Und damit führt er seine Leser mindestens fahrlässig in die Irre und bringt implizit zum Ausdruck, dass es okay ist, zu komplexen, fundamentalen Fragen unserer Gesellschaftsordnung eine völlig haltlose, unbegründete Meinung als offensichtliche und indiskutable Wahrheit zu präsentieren, und leistet seinen Beitrag gegen eine Gesellschaft, in der wir auf rationaler Basis die bestmögliche Entscheidung für ein kooperatives Zusammenleben suchen.

Und das regt mich auf.


Wir verlieben uns nicht in ein Buch oder einen Text

9. Dezember 2013

Wie ist das eigentlich bei der FAZ? Haben die so eine interne Redaktionsregel, dass man zwar dauernd dieses fürchterliche neumodische Internetdings kritisieren muss, dabei aber keinesfalls mal ein halbwegs zutreffendes oder auch nur a priori entfernt plausibles Argument anbringen darf? Ist das so eine Art Spiel für die? Gibt es vielleicht Punkte für die dümmstdreisteste Kritik, und der mit den meisten schlechten Argumenten gewinnt?

Im Vergleich mit anderen Beispielen ist das heutige dabei gar nicht mal preisverdächtig, aber die paar enthaltenen Kritikpunkte sind mal wieder so spektakulär doof und mein Blog hier in den letzten Tag so unspektakulär leer, dass ich sie hier kurz besprechen möchte.

Der Artikel von Lina Timm mit dem beinahe schon wieder erstaunlich uncleveren Titel “Liebe: Mein Herz für deine SMS” verschießt wie von faz.net gewohnt bereits im Teaser sein gesamtes inhaltliches Pulver:

Wer heute unter dreißig ist, der flirtet nicht mehr an der Bar, sondern bei Messaging-Diensten. Das nimmt die Angst vor dem ersten Kontakt, schafft aber in der Liebe ganz neue Probleme.

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Wer braucht eigentlich Würde?

17. November 2013

Und wozu? Echt jetzt. Ich kann mich nicht erinnern, wann mir das Konzept mal im Rahmen einer sinnhaften Argumentation untergekommen oder auch nur schlüssig definiert worden wäre. Würde als Beschreibung eines bestimmten Habitus’ kann ich gerade noch durchgehen lassen, aber in ihrer nebulös-magischen Anrufung etwa als “Menschenwürde” ist sie mir schon lange nicht mehr nur suspekt.

Ein zugegebenermaßen sehr zu Gunsten meiner Position ausgewähltes Beispiel: Der Bundespräsident. Dessen Würde war gerade vor ein paar Tagen Thema in einer FAZ-TV-Kritik, und ich würde das gerne einmal mit euch durchsprechen, um zu sehen, ob ich es nur einfach nicht raffe, oder ob das wirklich alles Quark ist.

Frank Lübberding schreibt dort:

Maybrit lllner fragte nämlich: „Präsidenten vor dem Richter. Gerechtigkeit für Wulff und Hoeneß?“ [...] Offenkundig kommt kaum noch jemand auf die Idee, zwischen einem Manager aus der Unterhaltungsindustrie und dem Staatsoberhaupt dieses Landes zu unterscheiden.

Und man muss zugeben: Ja gut. Das sind schon zwei sehr unterschiedliche Positionen. Der eine von den beiden hat einen echten Job, von dem viel abhängt, er muss echte Leistung bringen für sein Geld, und trägt eine hohe Verantwortung, wohingegen der andere … Staatsoberhaupt dieses Landes ist.

Ja, pardon, ich weiß, aber das musste sein, und ist doch so, und wird man doch wohl noch sagen dürfen.

Aber mal im Ernst: Was meint Frank Lübberding? Welche Unterscheidung fordert er ein? Es gibt vielleicht einen Kontext, in dem diese Unterscheidung einen gewissen Sinn ergäbe: Der Bundespräsident ist ein Staatsorgan. Er bekommt sein Geld vom Staat und muss sich damit vor der gesamten Bevölkerung verantworten, wenn er die damit verbundene Aufgabe, worin auch immer die bestehen mag, nicht angemessen erfüllt, wie immer er das auch machen sollte. Der Funktionär eines Unternehmens ist vielleicht eher nur den Leuten verantwortlich, denen dieses Unternehmen gehört, vielleicht auch noch dessen Kunden und Mitarbeitern und sonstigen Stakeholdern, aber irgendwann ist halt Schluss. Aber auch das finde ich nicht recht überzeugend, denn beide sollen gegen Strafgesetze verstoßen und damit etwas getan haben, das nach Auffassung des Gesetzgebers ein Vergehen gegen das gesamte Volk ist. Welcher Unterschied also?

Auch Lübberdings weitere Argumentation lässt Ungutes erahnen. Er schreibt, der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki habe zwar Hoeneß als “arme Sau” betitelt, nicht aber Wulff, und meint dazu:

Kubicki gewährte Wulff damit jenen Rest an Würde, der einem ehemaligen Staatsoberhaupt zugestanden werden muss, sich nämlich nicht nur als Opfer zu begreifen. Das Amt verträgt sich nicht mit dieser Rolle des Wehrlosen.

Liegt es an mir, oder kann man das nur so lesen, dass einem ehemaligen Staatsoberhaupt ein “Rest an Würde” zusteht, anderen Menschen aber nicht? Dass es okay ist, einfache Bürger “nur als Opfer zu begreifen”, und ihnen die “Rolle des Wehrlosen” zuzuweisen, aber bei ehemaligen Staatsoberhäuptern plötzlich inakzeptabel wird?

Liegt es an mir, oder findet ihr das auch ziemlich eklig?

Für Wulff gilt protokollarisch nicht ohne Grund immer noch die Anrede „Herr Bundespräsident“.

Ahja. Nicht ohne Grund. Ich bin gespannt.

 Er übt das Amt zwar nicht mehr aus, aber der Ehrensold und die Büroausstattung gelten nicht ihm persönlich, sondern der Würde dieses Staates, den er immer noch repräsentiert.

Wie jetzt? Der Ehrensold gilt der Würde dieses Staates? Dann kriegt Wulff den gar nicht auf sein privates Konto? Naja, doch. Dann kann er persönlich nicht damit machen, was immer er für richtig hält? Naja, doch. Was genau soll das bedeuten, dass dieser Kram “nicht ihm persönlich” gilt?

Und inwiefern repräsentiert Christian Wulff die Bundesrepublik Deutschland? Was genau bedeutet das? Wenn Wulff wehrlos wäre, verurteilt würde, eine arme Sau wäre, was würde das über unseren Staat aussagen, den er repräsentiert?

Und was zur Hölle ist eigentlich die “Würde dieses Staates”? Unser Staat ist ein Abstraktum. Er ist eine Organisation, eine Struktur. Wie kann sowas Würde haben? Und was genau bedeutet das, wenn es sie hat? Und inwiefern hängt diese Würde einer abstrakten Organisationsform an der Büroausstattung von Christian Wulff?

Begreife ich das nur nicht, weil ich in meinem anarchistischen Totalitarismus die Augen verschließe vor der praktischen Realität der Demokratie? Könnt ihr mir das erklären? Irgendjemand?

Ich wäre sehr dankbar.


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