Endlich

24. Mai 2013

Grapevine, Texas. Wie heute bekannt wurde, haben die Boy Scouts of America in einem Beschluss, den ihr Vorsitzende als “mitfühlend, rücksichtsvoll, und freundlich” bezeichnete, ihre lange etablierte Politik aufgegeben, nur Mitglieder aufzunehmen, die den Anblick von weiblichen Brüsten sexuell erregend finden. Die Entscheidung, der lange Jahre des Widerstandes und interne Querelen vorausgingen, gilt als Meilenstein für die traditionsreiche Organisation.

Konservative Eltern und Freiwillige hatten der Entscheidung vehement widersprochen und sogar angekündigt, nicht länger Mitglied eines Pfadfinderverbandes sein zu wollen, dem auch Menschen angehören, die kein Interesse daran haben, eine Vagina zu penetrieren. Auch diverse Kirchen warfen den Boy Scouts vor, durch diese Entscheidung ihren Eid zu verletzen, sich stets moralisch zu verhalten, und befürchten nun einen Rechtsstreit darüber, ob die Organisation auch Gruppenführer akzeptieren muss, die den Gedanken an Geschlechtsverkehr mit einer Frau nicht geil finden. Robert Schwarzwalder, ein Funktionär des Family Research Council, befürchtet:

Diese großartige Institution wird nun vergiftet werden durch die Einführung einer politischen Agenda, obwohl wir doch alle wissen, nach welcher Art von Einführung ein echter Boy Scout zu trachten hat.

John Sternberger, ein evangelikaler Führer aus Florida, rief Eltern und Gleichgesinnte dazu auf, sich an einem Treffen zur Gestaltung einer neuen Organisation zur Charakterbildung von Jungen zu beteiligen, da bei den Boy Scouts nun nicht mehr die Wertschätzung der Schönheit und sexuellen Attraktivität von Frauenärschen im Vordergrund stehe.

Allison Mackey, eine Mutter von fünf Kindern, hat die veränderte Situation mit ihrer Familie diskutiert, mit dem Ergebnis, dass alle ihre Kinder willens wären, die Boy Scouts zu verlassen, sobald diese Mitglieder aufnehmen, die kein sexuelles Interesse an Frauen haben. Mackey sagte dazu:

Wir hatten viel Freude an den Boy Scouts, weil sie Männlichkeit und Führungsvermögen zelebrieren, aber mein Ehemann und ich erziehen unsere Söhne dazu, ihren Penis in eine Vagina stecken zu wollen. Zu unseren Prinzipien und vaginalem Geschlechtsverkehr zu stehen, ist nicht einfach, aber wir müssen hier nein sagen. Diese Organisation hat die Freiheit aufgegeben. Und Freiheit gehört nun einmal zu den Werten, auf denen diese wundervolle Nation errichtet wurde. Freiheit, und mörderdicke Tüten.


Vermischte Fundstücke aus der NYT vom 15. März

16. März 2012

Für ein Restebloggen waren mir diese Fundstücke zu schade, deswegen gibt es einen eigenen Post dazu, auch wegen der Aktualität und Zeug, und nicht zuletzt, weil es ein urlaubsadäquat bequemer Weg ist, mal wieder was zu veröffentlichen, ohne zu viel kostbare Essenszeit darauf zu verwenden:

Zunächst mal habe ich da ein wunderbares Exempel für die berühmte “What’s the harm”-Frage gefunden:

The mullah was astounded and a little angered to be asked why the accidental burning of Korans last month could provoke violence nationwide, while an intentional mass murder that included nine children last Sunday did not. “How can you compare the dishonoring of the Holy Koran with the martyrdom of innocent civilians?” said an incredulous Mullah Khaliq Dad, a member of the council of religious leaders who investigated the Koran burnings.

Wenn ich ein imaginäres Dings als den höchsten Sinn meines Lebens bestimme, führt das unweigerlich dazu, dass ich meine Prioritäten falsch setze. Natürlich sind sie bei den meisten Gläubigen nicht so falsch wie bei diesem Mullah, was einerseits damit zu tun hat, dass die meisten Gläubigen einfach viel bessere Menschen sind, und natürlich auch damit, dass für die meisten Gläubigen ihr imaginäres Ding gar nicht wirklich der höchste Sinn ihres Lebens ist. Jetzt, da ich noch einmal drüber nachdenke, wird mir klar, dass das keine zwei verschiedenen Punkte sind, sondern derselbe von verschiedenen Seiten. Na gut, ein Punkt hat keine Seiten, aber ihr wisst schon.

Ein anderer Artikel führt uns vor Augen, dass man keine Religion braucht, um ein schlechter Mensch zu sein (oder sich zumindest sehr überzeugend wie einer zu verhalten):

At a packed rally on Sunday, [Nicolas Sarkozy] attacked European Union trade rules, which he said had opened French markets to “savage” competition, and called for a protectionist “buy European” rule for public spending that would raise costs and invite retaliation. [...] A few days earlier, he had attacked legal immigration, promising a 50 percent cut in admissions for family reunification. In a particularly vile gambit from a man who already brags about banning the burqa in public and Muslim-style street prayer, Mr. Sarkozy now pledges to protect French consumers from unknowingly eating halal meat, slaughtered in accordance with Muslim dietary codes.

Dass dieser Mann und Leute wie er routinemäßig von der Mehrheit der (abstimmenden) Bevölkerung in wichtige Ämter gewählt werden, kann einen doch eigentlich nur an der Menschheit verzweifeln lassen, oder?

Ebenfalls zum Thema “Was für Leute wir in wichtige Ämter wählen” passt dieser Artikel, aber um ehrlich zu sein, habe ich ihn eigentlich nur wegen des wundervollen Vergleichs im dritten Satz ausgewählt:

Good news, frustrated American citizens! Congress is not a clogged up, hidebound legislative slug after all. Bills were flying through the Senate on Wednesday like great flocks of geese soaring into the turbines of a passenger jet.

Hatte ich schon mal gesagt, dass ich zwar natürlich ein bisschen verärgert reagieren würde, wenn ich erführe, dass eine fortgeschrittene Zivilisation beschlossen hat, diesen Planeten zu verglasen, dass ich mich aber wahrscheinlich schwer täte, überzeugende Gegenargumente aufzuzählen? Aber dieser Vergleich wäre immerhin schon mal eins.


Ich wollte nie ein iPad

12. März 2012

Tatsächlich ist ein Tablet-PC das möglicherweise einzige hippe Gadget, das mich nie auch nur ein Stück interessiert hat. Aber nachdem ich gerade über diesen unsäglich dummen New-York-Times-Artikel zu E-Books auf Tablets gestolpert bin, möchte ich mir schon aus Protest trotzdem eines kaufen. Am besten gleich zwei.

Ich begreife das nicht, ganz aufrichtig. Was ist dran an E-Books, das die Gehirne von Menschen völlig aussetzen lässt, wenn sie über das Thema schreiben?

Der Artikel heißt:

Finding Your Book Interrupted … By the Tablet You Read It On

Und es geht darum, dass Tablets einen manchmal von dem Buch ablenken können, das man darauf zu lesen versucht. Ich weiß, ihr hängt jetzt wahrscheinlich fassungslos auf der Vorderkante eures Sitzes und könnt kaum erwarten, was Julie Rosman und Matt Richtel (Ja, ein Redakteur hätte dafür auch wirklich nicht gereicht.) für die Frontseite der möglicherweise besten Zeitung der Welt darüber herausgefunden haben. Es beginnt mit einer provokanten, einer gewagten, einer tabulos pikant beunruhigend bestürzenden Frage:

Can you concentrate on Flaubert when Facebook is only a swipe away, or give your true devotion to Mr. Darcy while Twitter beckons?

Also, ich kann (Ich weiß das, weil ich zwar kein iPad habe (und deshalb kein iPad habe (denn wenn du kein iPad hast, hast du kein iPad)), aber öfter mal auf meinem PC mit der Kindle-Software E-Books lese.).  Aber das muss natürlich jeder für sich beantworten.

People who read e-books on tablets like the iPad are realizing that while a book in print or on a black-and-white Kindle is straightforward and immersive, a tablet offers a menu of distractions

Echt jetzt? Das Internet kann einen ablenken? Unfassbar. Was diese verrückten Amis wohl als nächstes entdecken.

(Und nebenbei, ist euch aufgefallen, was passiert ist? Es ist jetzt nicht mehr Kindle gegen Papier, es ist jetzt Tablet gegen Kindle und Papier. Denn so richtig gefährlich für den Fortbestand des Abendlandes ist natürlich immer nur das aktuellste neumodische Ding. Alle Stufen davor kennt man jetzt schon und hält man deshalb mit der Zeit unweigerlich für harmlos. Wollen wir vielleicht einen kleinen Wettbewerb veranstalten, wer errät, welches neue Gerät dann den Genuss von Büchern wirklich endgültig ein für alle mal diesmal aber wirklich ganz im Ernst unwiderbringlich zerstören wird, weil es einen noch mehr ablenkt als die traditionellen Papierbücher, Kindles und Tablets.)

E-mail lurks tantalizingly within reach. [...] And if a book starts to drag, giving up on it to stream a movie over Netflix or scroll through your Twitter feed is only a few taps away.

Schrecklich. Bloß gut, dass wir hochwertige Qualitätsmedien haben, die uns über solche Bedrohungen informieren, und über ihre Konsequenzen:

That adds up to a reading experience that is more like a 21st-century cacophony than a traditional solitary activity.

Und das ist schlimm, mkay? Ich verstehe schon an diesem Ansatz mindestens zwei Dinge nicht. Wenn ich Twitter und Facebook und Netflix viel interessanter finde als Flaubert und Darcy, warum verbringe ich meine Zeit dann nicht einfach lieber mit Twitter und Facebook und Netflix statt mich mit Flaubert und Darcy zu langweilen? Und warum ist es eigentlich per se schlecht, wenn ein Tablet meine Leseerfahrung verändert?

Und wie das bei solchen Artikeln immer ist, haben sie dazu noch ein paar Leute interviewt, die offenbar ernsthafte pathologische Tablet-Probleme haben:

“It’s like trying to cook when there are little children around,” said David Myers

Ja, der Vergleich drängt sich auch geradezu auf.

“These apps beg you to review them all the time,”

David…

David…

David?

Komm und spiel mit uns, David!

Wir schweben alle hier unten.

“The tablet is like a temptress,” said James McQuivey, the Forrester Research analyst who led the survey. “It’s constantly saying, ‘You could be on YouTube now.’

Ich bin sicher, dass es so eine App gibt. Aber ich bin auch sicher, dass man diese Funktion irgendwie abschalten kann…

Aber David und James sind nicht die einzigen Opfer des Tablet-Wahns, deren Leben vom iPad zerstört wurden:

Allison Kutz [...] says her reading experience has not been the same [...] She is constantly fending off the urge to check other media, making it tough to finish books. [...] “I’ve tried to sit down and read it in Starbucks or the apartment, but I end up on Facebook or Googling something she said, and then the next thing you know I’ve been surfing for 25 minutes,” Ms. Kutz said.

Kann es sein, dass diese Leute professionelle Hilfe brauchen?

Aber – und das ist für mich beinahe ein bisschen enttäuschend, denn mein Post könnte sonst viel pointierter und unterhaltsamer zu Ende gehen – die NYT wäre nicht die wahrscheinlich beste Zeitung der Welt, wenn sie nicht sogar dieses Thema einigermaßen ausgewogen behandeln würde. Der Artikel enthält auch ein paar Informationen zur Entwicklung des Marktes und dazu, dass Tablets früher oder später wohl die Schwarzweiß-Reader ersetzen werden, und endet mit dieser durchaus treffenden Bemerkung einer anderen Leserin, die offenbar irgendwie ihren Frieden mit dem teuflischen Tablet gemacht hat:

“With so many distractions, my taste in books has really leveled up,” Ms. Faulk said. “Recently, I gravitate to books that make me forget I have a world of entertainment at my fingertips. If the book’s not good enough to do that, I guess my time is better spent.”


Was passiert, wenn in der Sahara der Kommunismus eingeführt wird?

2. Januar 2012

Vergesst concealed carry, vergesst Gewaltverbrechen, vergesst Waffenrecht, ab heute geht es bei überschaubare Relevanz nur noch um die Pharmaindustrie.

Oder so.

Die NYT berichtet:

Medicines to treat attention deficit hyperactivity disorder are in such short supply that hundreds of patients complain daily to the Food and Drug Administration that they are unable to find a pharmacy with enough pills to fill their prescriptions.

[...] Shortages, particularly of cheaper generics, have become so endemic that some patients say they worry almost constantly about availability.

[Dumme Witze bitte selbst einfügen. Und falls jemand das wirklich tun will: Ich schließe nicht aus, dass ich unter Umständen einen Preis für den besten vergebe.]

Nanu, fragt man sich, wie ist das denn möglich? Mangel an Rohstoffen? Meteoriteneinschlag auf einer Medikamentenfabrik? Eine Verschwörung der Pharmaindustrie?

Keineswegs, und jeder gute Liberale wird es natürlich geahnt haben, denn für die schlechte Versorgung mit kritischen Produkten gibt es ja eigentlich sowieso immer nur eine Erklärung: Die Bemühungen der Regierung, eine gute Versorgung mit kritischen Produkten sicherzustellen.

While the Food and Drug Administration monitors the safety and supply of the drugs, which are sold both as generics and under brand names like Ritalin and Adderall, the Drug Enforcement Administration sets manufacturing quotas that are designed to control supplies and thwart abuse. Every year, the D.E.A. accepts applications from manufacturers to make the drugs, analyzes how much was sold the previous year and then allots portions of the expected demand to various companies.

Und jetzt mal ganz abgesehen davon, dass ich natürlich sowieso für eine Abschaffung der DEA bin: In welchem sonderbaren Paralleluniversum ist es denn eine angemessene Idee, festzuschreiben, welches Unternehmen wie viel von einem bestimmten Produkt herstellen darf, um den Missbrauch dieses Produktes zu minimieren?

Ich meine, klar irgendwie reduziert man wahrscheinlich auch den Missbrauch, wenn man sicherstellt, dass es einfach nicht mehr genug von einem Medikament gibt.

Aber wäre es da nicht eine viel bessere Idee, stattdessen vernünftige Regeln über den Zugang zu dem fraglichen Medikament zu entwickeln und diese dann auch durchzusetzen? Wäre das gegenüber Produktionsquoten nicht nur ein wesentlich milderer Eingriff in die Rechte der Arzneimittelhersteller, sondern hätte außerdem noch den Vorteil auch tatsächlich zielgerichtet das Problem zu lösen, um das es angeblich geht?

Oder stehe ich auf dem Schlauch, und einer von euch kann mir vielleicht erklären, was die DEA sich da gedacht hat?

(Und wären Prduktionsquoten für Schusswaffen vielleicht auch eine Lösung für das andere große Missbrauchsthema?)


Neues Jahr, neues Thema

1. Januar 2012

Vergesst Umgangsformen, vergesst Religion, vergesst kontroverse Diskussionen, ab heute geht es bei überschaubare Relevanz nur noch um Waffenrecht.

Ähm.

Oder zumindest in diesem Post. Der relativ kurz ist. Aber jedenfalls vergesst diesen ganzen alten Kram jetzt erst mal, der ist total 2011.

Ähm.

So wie der NYT-Artikel, auf den dieser Post sich bezieht. Und zu dem ich jetzt vielleicht langsam auch mal kommen sollte. Also los:

In der New York Times stand also dieser Artikel über Waffenrecht, insbesondere das Recht, verborgene Schusswaffen zu tragen, das in den USA gerade ausgeweitet wird. Und darin steht:

In state after state, guns are being allowed in places once off-limits, like bars, college campuses and houses of worship. And gun rights advocates are seeking to expand the map still further, pushing federal legislation that would require states to honor other states’ concealed weapons permits.

Und die New York Times findet das offenbar doof.

Gun rights advocates invariably point to the work of John R. Lott, an economist who concluded in the late 1990s that the laws had substantially reduced violent crime. Subsequent studies, however, have found serious flaws in his data and methodology.

Das kann ja leicht mal passieren, und gerade wenn die Studie etwas älter ist, mag sich auch einfach der Wissensstand verändert haben. Intuitiv leuchtet mir jedenfalls ein, dass mehr Waffen erst einmal mehr Gefahr bedeuten, und gefühlsmäßig wäre ich wohl auch dafür, dass nur Fachleute Schusswaffen tragen, weil ich ein paar Leute kenne, die sonst bestimmt welche hätten. Wie sieht’s also aus mit den neuen Daten?

A few independent researchers using different data have come to similar conclusions, but many other studies have found no net effect of concealed carry laws or have come to the opposite conclusion. Most notably, Ian Ayres and John J. Donohue, economists and law professors, concluded that the best available data and modeling showed that permissive right-to-carry laws, at a minimum, increased aggravated assaults. Their data also showed that robberies and homicides went up, but the findings were not statistically significant.

In the end, most researchers say the scattershot results are not unexpected, because the laws, in all likelihood, have not significantly increased the number of people carrying concealed weapons among those most likely to commit crimes or to be victimized.

Ähm. Moment. Wie jetzt…? Wo in diesen zwei Absätzen, denen ich im Wesentlichen entnehme, dass es nach derzeitigem Erkenntnisstand keinen Unterschied macht, ob das Waffenrecht liberalisiert wird oder nicht, finde ich denn nun die Rechtfertigung für das Ergebnis, das ich gemeinsam mit der NYT so gerne gehabt hätte?

Ich gestehe ein, dass ich die einzelnen Studien nicht nachgelesen habe. Aber ich gehe mal vorsichtig davon aus, dass die NYT es deutlich geschrieben hätte, wenn die Ergebnisse ihren Standpunkt klar stützen würden. Tun sie aber nicht. Und, ob es mir nun passt oder nicht, wenn es keinen rationalen Grund gibt, etwas zu verbieten, dann hat es erlaubt zu sein. Ich bin dann jetzt also erst einmal für das Recht, auch verborgene Waffen zu tragen. Und die New York Times?

Gun advocates are quick to cite anecdotes of permit holders who stopped crimes with their guns.

Stimmt. Und wir alle wissen, dass Anekdoten gar nichts beweisen, deshalb… beginnt dieser NYT-Artikel auch gleich mit einer Anekdote, die demonstrieren soll, wie gefährlich das liberalere Waffenrecht aus Sicht der Zeitung ist:

Alan Simons was enjoying a Sunday morning bicycle ride with his family in Asheville, N.C., two years ago when a man in a sport utility vehicle suddenly pulled alongside him and started berating him for riding on the highway. Mr. Simons, his 4-year-old son strapped in behind him, slowed to a halt. The driver, Charles Diez, an Asheville firefighter, stopped as well. When Mr. Simons walked over, he found himself staring down the barrel of a gun.

Und das letzte Drittel besteht eigentlich auch ausschließlich aus solchen Anekdoten. Und dann ist da noch so eine Art Untersuchung, die die Zeitung durchgeführt hat, und von der sie selbst schreibt:

while it does not provide answers, it does raise questions.

Und das ist sehr schön und anständig, dass sie das auch so offen schreiben, aber es bleibt doch ein eher unerfreulicher Gesamteindruck: Wenn ich nicht mehr kann, als Fragen aufzuwerfen, dann sollte ich vielleicht nicht fordern, dass die Freiheit anderer Menschen eingeschränkt wird, weil mir bestimmte Dinge nicht passen. Und wenn ich anderen vorwerfe, mit Anekdoten zu arbeiten, dann (und nicht nur dann) sollte ich vielleicht selbst echte Argumente benutzen.

Und darum geht es mir vorrangig. Ich will inhaltlich diesen Artikel gar nicht überbewerten. Er sagt nichts über den Unterschied zwischen einem (relativ) strikten Waffenrecht wie hier in Deutschland und einem (relativ) liberalen wie in den USA aus, sondern bestenfalls etwas über den Unterschied zwischen zwei Varianten eines eher liberalen Waffenrechts.

Aber er sagt etwas darüber aus, wie die New York Times, meines Wissens immer noch eine der bestangesehenen Zeitungen dieser Welt, meint, die Frage beurteilen zu dürfen, ob wir anderen Leuten etwas verbieten dürfen. Und zwar etwas eher Unschönes, wenn ihr mich fragt.


Best served cold

29. Juli 2011

Ich hab’s ja nicht so mit den großen Emotionen, aber wenn ich dazu neigte, hin und wieder schockiert zu sein, dann wäre ich es nach der Lektüre dieses Kommentars in der New York Times vielleicht gewesen.

 Justice? Vengeance? You need both

Moment, was? Beides? Zugleich?

Für mich sind das Gegensätze. Aber wir wollen nicht vorschnell urteilen. Wir wollen nicht intolerant sein. Lassen wir ihn erkläen, was er meint:

Norway does not allow for capital punishment, and the longest prison sentence a killer can usually receive there is 21 years. A country of such otherwise good fortune and peaceful intention is now unprepared — legally and morally —to deal with such a monstrous atrocity.

[...]

Americans have spent several recent weeks in a vengeful fury over the acquittal of Casey Anthony, who partied for an entire month while her 2-year-old daughter, Caylee, was supposedly missing but might have actually been murdered — by Ms. Anthony. 

[...]

The inadequacy of legal justice is one thing, its outright failure is quite another. But in both cases the attraction of a nonlegal alternative is a powerful one. Are these vengeful feelings morally appropriate? The answer is yes[...]“

Äh… Nein. Ich will mich mal unnötig starker Worte enthalten, aber was Herr Rosenbaum da schreibt, ist falsch. Er verwischt den Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Rache, den zwischen Schadenersatz und Strafe, und wenn er schon mal dabei ist, auch noch den zwischen verständlicher emotionale Reaktion und gesellschaftlich akzeptablem Verhalten.

Und falls jemand spitzfindig sein will: Ja, er spricht nur von den Gefühlen, und an denen ist moralisch in der Tat nichts auszusetzen. Die sind moralisch vollkommen neutral. Aber das ist nicht, was er meint. Ich bin nicht ganz sicher, was genau er meint. Vielleicht weiß er das nicht einmal selbst. Aber es scheint nichts Gutes zu sein, und seine Argumentation ist passend dazu plump und unaufrichtig:

Seeing someone receive his just deserts often feels righteous and richly deserved, and yet society regards vengeance as primitive and barbaric.

Ich nenne diese nervige kleine Spielerei “die Magie der Konjunktionen”, und wer sie benutzt, hat schon mal eine Menge Minuspunkte auf meiner Sympathieskala gesammelt. “and yet”? Wieso denn “and yet”? Herr Rosenbaum will damit ausdrücken, dass da ein Widerspruch steckt, aber in dem, was er geschrieben hat, steckt keiner. Erstens setzt er sein angestrebtes Ergebnis (nämlich, dass Gerechtigkeit und Rache im Prinzip austauschbare Begriffe sind) schon voraus, um diesen scheinbaren Widerspruch aufzubauen. Zweitens tut er so, als könne etwas, das sich gut anfühlt, nicht primitiv und barbarisch sein. Ich muss nicht erklären, was an dieser Prämisse nicht stimmt, oder?

John Foreman, the [murdered] boy’s father, now faces the prospect of bumping into his son’s murderer in their small town. On learning of Mr. Woodmansee’s impending parole, Mr. Foreman said, “If this man is released anywhere in my vicinity, or if I can find him after the fact, I do intend to kill this man.”

Such statements of unvarnished revenge make many uncomfortable. But how different is revenge from justice, really?

Wahrscheinlich wollt ihr das gar nicht so genau wissen, aber das ist die Stelle, an der mir zum ersten Mal beim Lesen der New York Times richtig schlecht wurde. Rosenbaum sagt es nicht ausdrücklich. Er arbeitet mit dieser perfiden Fragetechnik, die zum Beispiel auch unser nationales Organ der Niedertracht gerne nutzt. Aber für mich ist offensichtlich, dass er hier erstens Totschlag aus Rache gutheißt, und dass er zweitens behauptet, es gäbe keinen Unterschied zwischen Rache und Gerechtigkeit.

Seid ruhig ehrlich: Bin ich überempfindlich, oder ist das so widerwärtig, wie es mir vorkommt?

Justice requires that no less than an eye can be taken in retaliation for a lost eye, but no more than an eye either.

Okay. Jetzt kann ich nicht mehr. Ich wollte eigentlich noch mehr über diesen Artikel reden, aber jetzt höre ich doch lieber auf. Es ist zu billig, die Defizite in einem Text aufzuzeigen, der ernsthaft “Auge um Auge” als den ultimativen Maßstab von Gerechtigkeit propagiert. Überlassen wir also Thane Rosenbaum der Würdelosigkeit seines moralischen Analphabetismus und wenden wir uns stattdessen kurz dem Unterschied zwischen Gerechtigkeit und Rache zu.

Das Thema ist natürlich komplex, und Gerechtigkeit ist einer dieser Begriffe, denen so ziemlich die ganze Menschheit seit ihrem Anbeginn nachjagt, ohne ihrer jemals ganz habhaft zu werden. Ich bitte deshalb um Nachsicht, falls es mir nicht ganz gelingen sollte, die Sache umfassend zu klären.

Gerechtigkeit strebt nach einem idealen Ausgleich zwischen den Interessen und Freiheitsrechten der einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft. Das Ziel eines rationalen Strafrechts ist nicht Rache, ist nicht die Befriedigung des Blutdurstes der Zuschauer. Ein gerechtes, rationales Strafrecht dient dazu, die Gesellschaft und ihre einzelnen Mitglieder zu schützen. Es erreicht dieses Ziel auf mehreren Wegen. Es hält Menschen davon ab, Straftaten zu begehen, indem es unerfreuliche Konsequenzen bereithält. Es schützt die Gesellschaft vor Straftätern, indem es sie einsperrt. Es resozialisiert Straftäter, indem es ihnen erstens verdeutlicht, dass die Gesellschaft es nicht hinnimmt, wenn man ihre Regeln bricht, und indem es sie zweitens lehrt, wie man sich an diese Regeln hält und warum das für alle eine gute Sache ist. (Ja, ich schildere hier einen utopischen Idealfall. Ich weiß.)

Rache ist etwas völlig anderes. Rache dient der Befriedigung eines irrationalen Verlangens. Wenn ich Schmerzen empfinde, dann werde ich wütend, und ich will jemandem dafür wehtun. Rache fragt eben nicht nach Gerechtigkeit, Rache fragt nicht nach Schuldfähigkeit, nach mildernden Umständen oder nach dem Sinn. Rache ist Wut und Hass und Blutdurst, sie ist blind und taub und egoistisch, und wehe denen, die das zur Grundlage ihrer Vorstellung von Gerechtigkeit machen wollen.

Ich weiß nicht, was mit Thane Rosenbaum und Menschen wie ihm los ist, die den Unterschied zwischen diesen beiden Konzepten nicht erkennen. Ich weiß nicht, was die Verantwortlichen bei der New York Times bewegt hat, einen solch unerträglichen Unfug zu veröffentlichen. Ich hätte gehofft, dass die Menschheit schon ein bisschen weiter ist. Und ich hoffe inständig, dass wir klug genug sind, nicht auf die Stimme des Blutdurstes zu hören, sondern auf Gutmenschen wie diese:

Wir stehen vor einer Wahl. Wir können das Geschehene nicht ungeschehen machen. Aber wir können uns entscheiden, was es mit uns als Gesellschaft und als Einzelnen macht.
(der norwegische Kronprinz Haakon)

[W]ir werden nie unsere Werte aufgeben. Unsere Antwort ist mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit.
(der norwegische Ministerpräsident Stoltenberg)


Die NYT ist möglicherweise die beste Zeitung der Welt,

1. Mai 2011

aber was heißt das schon?

Wenn man in derselben Ausgabe sowohl so einen völlig nutzlosen und informationsfreien Füllartikel darüber findet, dass Laptops gestohlen werden könnten, wenn man sie unbeobachtet herumstehen lässt, als auch diesen Spruch hier:

Bild, Germany’s most widely read and generally reliable newspaper, reported that the terrorist cell might have planned to hit the popularEurovision Song Contest on May 14, though that event’s organizers said they had not been alerted to any such threat.” [Hervorhebung natürlich von mir]

dann fragt man sich doch schon ein bisschen mehr als sonst, was dieses Medium eigentlich bietet, was man nicht auch gratis bekommen könnte.


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