Bä-, dä-, ähh…

26. Mai 2010

Kennt ihr dieses Gefühl, dass ihr zwar redet, aber keiner richtig zuhört, geschweige denn euch versteht? Ich habe das öfter, und ein besonders surreales Beispiel hat sich vor Kurzem bei B.L.O.G. ereignet. (Ich weiß, ihr habt Recht, ich sollte da vielleicht einfach nicht mehr hingehen, aber andererseits hätte ich dann alles verpasst, was ich euch jetzt erzählen werde.)

Alles begann damit, dass im Handelsblatt eine – vorsichtig gesagt – missverständliche Kritik des Buches “Nudge” erschien, von dem ihr vielleicht noch in Erinnerung habt, dass ich es gelesen habe.

Kurzzusammenfassung der Kernaussage (Wen das Nudge-Konzept nicht interessiert, der kann diesen Absatz auslassen.): Jeder, der von anderen Menschen eine Entscheidung einfordert, sei er Arbeitgeber, Kellner oder Gesetzgeber,  ist ein “Entscheidungsarchitekt” und kann durch die Gestaltung der Entscheidung ihr Ergebnis erheblich beeinflussen. Es ist nicht möglich, eine Entscheidung so zu gestalten, dass diese Beeinflussung unterbleibt. Der Entscheidungsarchitekt sollte sich darüber im Klaren sein und sich bemühen, durch seine Entscheidungsarchitektur zu einem möglichst vorteilhaften Ergebnis zu kommen.
Wichtiger Nebenaspekt: Die geeignete Anwendung von kluger Entscheidungsarchitektur kann oft starre Regeln ersetzen und sowohl zu mehr Freiheit als auch zu besseren Ergebnissen für alle Beteiligten führen.
Wichtige Erläuterung: Die Nudge-Philosophie des “liberalen Paternalismus” sieht explizit keine heimliche Manipulation vor, keine Ausweitung von staatlicher Regelung, sondern im Gegenteil deren Minimierung. Die Autoren empfehlen explizit, die beabsichtigte Wirkung und Funktionsweise der Nudges offenzulegen.
Beispiel: Ein Mensa-Betreiber an einer Universität muss entscheiden, wie er die angebotenen Speisen anordnet. Er weiß, dass Anordnung und Präsentation der Speisen maßgeblich beeinflussen, für welche Gerichte die Kunden sich entscheiden. Er kann das zum Beispiel rein zufällig machen, oder so, dass er seinen Gewinn maximiert, oder so, dass die Studenten sich möglichst gesund und ausgewogen ernähren. Ersteres ist aus meiner Sicht sinnlos, und welche der letzten beiden Alternativen man besser findet, ist vielleicht eine ethische Frage. Jede Gestaltung ist aber ein “Nudge”, nur eben in unterschiedliche Richtungen. Und um es noch mal deutlich zu sagen: Wer den doppelten Cheeseburger und zum Nachtisch die Sahnetorte will, kann sie haben. Und noch einen Schokoshake dazu. Er muss sich schlimmstenfalls ein bisschen bücken, um dranzukommen.

Mein Lieblings-B.L.O.G.ger Rayson hat daraus einen kleinen Beitrag mit dem Titel “Warum ‘Nudge’ Quatsch ist” gemacht, ohne das Buch selbst gelesen zu haben. Seine Reaktion ist nach Lektüre der Handelsblatt-Kritik völlig verständlich:

“Der ach so neue und moderne “Nudge”-Ansatz greift wieder auf den Staat als “deus ex machina” zurück, der in der guten, alten Zeit der Ökonomie als sichere Gebrauchsanweisung für etatistisch denkende Politiker so populär war. [...] Zwar ist den Autoren des Handelsblatt-Artikels zuzugestehen, dass sie das freiheitsfeindliche Potenzial des “Nudge”, das selbst dann existieren würde, wenn die obige Kritik keine Grundlage hätte, immerhin erkennen, aber dessen naives Staatsbild scheinen sie ungeprüft zu übernehmen.”

Trotz mancher Meinungsverschiedenheit zwischen mir und Rayson hat er keineswegs völlig Unrecht. Nudge ist weiß Gott kein revolutionäres Buch. Das meiste, was da drin steht, ist trivial, und die Autoren könnten tatsächlich ein bisschen mehr darauf eingehen, dass auch der Entscheidungsarchitekt ein Mensch ist, und deshalb für genau die gleichen Fehler anfällig wie alle anderen. Von freiheitsfeindlichem Potential zu sprechen, tut dem Konzept aber Unrecht, zumal die Nudge-Autoren in ihrem Buch zahlreiche gute Ideen vorstellen, um bestehende starre Regeln durch freie Entscheidungen zu ersetzen, und zumal Nudge private Entscheidungsarchitekten genauso betrifft wie staatliche.

Ich wies Rayson darauf hin (Holy Misunderstanding, Batman! Somebody is wrong on the internet! Quick, to the Batmobile!) und machte in meiner weiteren Erläuterung den Fehler, das Beispiel Organspende zu nennen, was mir vehementen Widerspruch eintrug, aber darum geht es hier nicht, die Debatte hatten wir ja schon.

Es war wirklich dumm von mir, das Konzept an so einem kontroversen Beispiel erläutern zu wollen. Und es gibt vieles, was man an “Nudge” kritisieren kann, mir hat das Buch ja auch nicht so besonders gefallen. Was mich aber in dieser Diskussion immer wieder rat- und hilflos nach Luft schnappen ließ, war, dass die Leute hier fröhlich und voller Meinungsfreude über ein Buch urteilten, ohne sich dabei von der geringsten Sachkenntnis beeinflussen zu lassen, weil kein einziger von ihnen es gelesen hatte. Beispiele:

Manipulation macht süchtig. Es stellt sich also die Frage, wer die Manipulierenden kontrollieren soll.

Da wäre mir simples Law & Order schon lieber. Klare Linien, dort, wo es Not tut, niedrige Steuern und ein Maximum an persönlicher Freiheit. Das ist freiheitlicher als eine Gesellschaft, die vom Einsatz von Sozialtechnologien wie Nugde durchwirkt ist.” (Sozialtechnologien, yo.)

Unser Steuersystem ist bereits die Nudge-Hölle.

Meine Erläuterungsversuche wurden offenbar als sehr lästig empfunden und konsequent übergangen:

Aber wenn man die Beeinflussung transparent macht, dann ist es doch kein »nudge« mehr. Wenn jeder Kantinenbenutzer weiß, dass die Menüs nach bestimmten Regeln (z.B. nach Energiegehalt) angeordnet sind, dann verpufft doch der Effekt völlig.

Jetzt verwässerst du die Argumentation zu sehr.” (Den mag ich besonders, den benutze ich in Zukunft auch öfter, wenn mir jemand widerspricht.)

Ich verabschiedete mich dann irgendwann – nach einem Zeitraum, der durchaus ernste Zweifel an meiner Lernfähigkeit rechtfertigt – aus der Diskussion, las aber weiterhin mit. Das tat gut, denn nachdem ich selbst nicht mehr involviert war, konnte ich ziemlich befreit darüber schmunzeln, wie einer nach dem anderen sich seine eigenen Vorstellungen zu diesem ihm unbekannten Konzept machte, um diese dann zu verurteilen:

Die klassische Niggemeier-Kritik war natürlich auch mal dabei: “Ich verstehe daher die ganze Aufregung der Verhaltensforscher nicht,” (Es ist eine Gesetzmäßigkeit bei dieser Kritik, dass die nicht verstandene Aufregung in aller Regel gar nicht existiert. So auch hier.)

„Nudge“ ist nichts anderes als social engineering. Es versucht die Komplexität aus dem Wirtschaftssystem zu nehmen und führt allerhöchstens zu katastrophalen Lemming-Effekten.” (Katastrophale Lemming-Effekte????Esszett wtf m8?)

Ok es ist vielleicht kein typischer Nudge, aber es ist eine Voreinstellung.” (Zum Thema Organspende, und nur so nebenbei: Eine Voreinstellung ist im Grunde der typische Nudge.)

Das Prinzip des “Nudge” setzt generell voraus, dass der Staat es “besser weiß” als der Einzelne. Dieses “Du willst es doch eigentlich auch” gefällt aber nicht nur Feministinnen nicht.

Ich habe es kürzlich bei einer sehr weisen Bloggerin gelesen, die im Gegensatz zu vielen von uns lobenswerterweise zur Selbstkritik fähig scheint: Wenn man keine Ahnung hat – einfach mal Fresse halten. Ist sogar dann oft eine gute Idee, wenn man doch ein bisschen Ahnung hat. Und vielleicht lerne ich das sogar auch irgendwann noch.


Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 535 Followern an