Mehr als ein Unbehagen

2. Februar 2013

empfindet Florentine Fritzen auf faz.net angesichts der neuen Regelung zur PID, zu der ich kürzlich schon einmal sarkastisch Stellung nahm. Eigentlich ist mehr dazu auch nicht zu sagen, aber weil Frau Fritzens Unbehagen wiederum bei mir erhebliches Unwohlsein ausgelöst hat, und weil ihre Argumentation sich wegen Allgemeingebräuchlichkeit ganz gut als Aufhänger eignet, will ich die Chance nutzen, mich auch noch einmal so unsarkastisch und ernsthaft zu dem Thema zu äußern, wie ich es eben schaffe.

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In speziellen Ausnahmefällen

14. November 2012

Ta-daa! Endlich ist es so weit: Das Bundeskabinett hat anscheinend heute in seiner unermesslichen Großzügigkeit und seiner unauslotbaren Weisheit beschlossen, dass Frauen das Recht erhalten sollen, in ganz besonderen Fällen mit hieb- und stichfester Begründung in streng regulierten Zentren eine größere Gruppe völlig Fremder darüber entscheiden zu lassen, ob sie vorher überprüfen dürfen, was in ihren Körper eingepflanzt wird, oder nicht.

In allen anderen Fällen müssen die betroffenen Frauen sich nach wie vor entscheiden, ob sie das Risiko eingehen, einen zufällig ausgewählten Embryo einpflanzen zu lassen, der Gendefekte tragen kann, oder eben nicht, oder auf eine künstliche Befruchtung verzichten. Sollten sie in diesen Fällen doch eine Untersuchung an dem Embryo durchführen lassen, werden sie dafür bestraft. Weil da könnte ja sonst jeder kommen, und das wäre ja noch schöner.

Wo kämen wir denn da auch hin, wenn Menschen einfach so einen Anspruch darauf hätten, vorher zu erfahren, was in ihren Körper implantiert wird? Die Folge einer solchen unverantwortlichen Laissez-Faire-Politik wäre unweigerlich eine baldige Rückkehr des Dritten Reiches. Nur noch schlimmer.

Was bin ich froh, dass wir eine Regierung haben, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist und deshalb konsequent ihren persönlichen unsinnigen Vorstellungen von Moral und Anstand den Vorrang gibt vor den Rechten ihrer Bürger. Besonders der weiblichen.

Problematisch ist in diesem Zusammenhang natürlich, dass Frauen nach wie vor das Recht haben, völlig unkontrolliert und ganz unabhängig von den Beschlüssen irgendwelcher Ethikkommissionen zu entscheiden, wann und mit wem sie Kinder zeugen, und wie viele. Eine solche Selektion kann weder sozial gerecht, noch natürlich, noch gottgewollt, noch sonst irgendwie akzeptabel sein. Aber ich bin sicher, das kriegen wir auch noch in den Griff.


Dieser Artikel ist ein repetitiver Rant ohne neue Informationen

14. April 2011

Boah, die gehören alle geschlagen im Bundestag. Und ich meine nicht nur so eine mädchenhafte Ohrfeige mit flacher Hand auf die Wange. Und so ein comichafter Bratz-Bumm-Hieb, wie Bud Spencer sie austeilt, wäre auch nicht genug, denn der hinterlässt nie ernsthafte Schäden. Ich denke eher an einen soliden Real-Life-Kinnhaken, der auch ein paar der empfindlichen Knochen des Antlitzes des Getroffenen bricht. Und vielleicht auch ein paar in der Hand des Austeilenden, der Gerechtigkeit halber.

So viel zu meinen selbstverständlich ethisch völlig inakzeptablem Wunschträumen. Kommen wir zu ihrem Anlass. Es geht mir keineswegs um angehobene Grenzwerte für radioaktive Kontamination, noch um zu hohe Diäten, noch um zu hohe Steuern, noch um zu niedrige Strafen für Kinderschänder. Wer mich kennt, hat das schon vermutet. Es geht mir um Präimplantationsdiagnostik (PID).

Ich habe gerade im Radio die Ankündigung der heutigen Debatte gehört, und obwohl ich das eigentlich alles schon wusste, hätte ich ins Lenkrad beißen können. Es gibt (auch wenn das in der Berichterstattung manchmal anders klingt) keinen Antrag, der die PID grundsätzlich zulassen wollte. Es gibt nur drei verschiedene Varianten eines Verbotes mit unterschiedlich streng geregelten Ausnahmen.

Ich würde uns das gerne noch einmal ins Gedächtnis rufen:

PID findet naturgemäß nur bei künstlicher Befruchtung statt. Bei jeder In-vitro-Fertilisation werden mehrere Eizellen befruchtet, und meistens auch mehrere eingepflanzt. Im Erfolgsfall werden die überzähligen Embryonen vernichtet. Das ist so, schon immer und auch heute noch, und es ist unbestritten völlig legal.

Ebenfalls legal ist es, wenn eine Frau sich in einem frühen Stadium ihrer Schwangerschaft entscheidet, diese abzubrechen. Sie kann dafür viele Gründe haben, zum Beispiel, dass das Kind einfach nicht in ihre Lebensplanung passt, dass sie sich nicht zutraut, es gut zu versorgen, oder dass sie einfach Kinder hasst. Auch das hält unser Gesetzgeber für in Ordnung.

Selbstverständlich ist es nicht nur legal, dass Leute, die wissen, dass sie die Anlage zu einer Erbkrankheit tragen, sich unter Umständen dagegen entscheiden, Kinder zu zeugen. Ich kenne keine Umfrageergebnisse, aber ich würde behaupten, dass ein Großteil der Bevölkerung es als verantwortungslos empfinden würde, wenn zwei Leute ein Kind zeugen, obwohl sie wissen, dass es voraussichtlich mit Progerie zur Welt kommen und nach ungefähr 14 Jahre langem Leiden sterben wird.

Aber wenn eine Frau im Rahmen einer In-vitro-Fertilisation nicht zufällig auswählen will, welche Eizelle implantiert wird, sondern vorher zum Beispiel solche aussortieren möchte, die wahrscheinlich bestimmte Fehlbildungen oder Krankheiten entwickeln werden, dann soll sie dafür bestraft werden.

Und was ist der Grund für diese Strafvorschrift, die der Bundestag gerne beschließen möchte?

Tja… Naja… Also… Irgendwie finden wir’s bedenklich, dass Leute sich vielleicht irgendwie selektiv aussuchen könnten, welche von mehreren Eizellen sie eingepflanzt haben möchten, weil das ja schließlich nicht nett ist gegenüber denen, die sie nicht will. Selektion ist unmoralisch. Weiß man doch. Klingt auch schon so fies.

Und Leute, die behinderte Kinder haben, könnten gefragt werden, warum sie die nicht bei der PID aussortiert haben. Und das wäre doch ziemlich frech, jemanden sowas zu fragen, oder? Sowas wollen wir nicht.

Was für ein Blödsinn. Letzten Endes laufen die Argumente unserer Parlamentsmitglieder hinaus auf: Wo kämen wir denn da hin?

Noch mal: Wir reden hier nicht über eine lockere Runde, die darüber diskutiert, was die Teilnehmer persönlich von PID halten und dann zu dem Ergebnis kommt, dass sich das irgendwie nicht richtig anfühlt. Wir reden hier nicht darüber, ob man die Idee emotional vielleicht erst einmal ein bisschen komisch findet.

Wir reden hier über ein gesetzgebendes Verfassungsorgan, das eine Norm diskutiert, die unter anderem auch Strafen vorsieht für Menschen, die sie nicht einhalten. Wir reden über staatlichen Zwang gegen Eltern, die versuchen, eine Familie zu gründen, und die es nicht komplett dem Zufall überlassen wollen, was für ein Kind sie bekommen.

Ich kann verstehen, wenn Menschen diese Entscheidung nicht treffen wollen. Ich kann verstehen, wenn Menschen sich bei der Idee unwohl fühlen. Aber Gesetze dürfen wir nicht auf Basis diffusen Unwohlseins erlassen, sondern auf Basis rationaler Abwägung, welche Entscheidungen ein demokratischer Rechtsstaat seinen Bürgern überlassen kann, und wo er eingreifen muss, um Schaden abzuwenden. Das ist die Verpflichtung eines Gesetzgebers.

Ich kenne kein einziges rational haltbares Argument gegen eine vollständige Legalisierung von Präimplantationsdiagnostik. Trotzdem wird der Bundestag sie untersagen.

Und dafür gehören die alle geschlagen. So richtig. Finde ich.

[Ich habe über dieses Thema schon mal geschrieben, und zwar das und das.]


Hattrick

15. März 2011

Menschenwürde ist sicher irgendwie sehr wichtig, aber manchmal denke ich doch, dass sie als rechtliches Konzept völlig nutzlos ist. Deswegen ist nach meiner Erfahrung immer große Skepsis angebracht, wenn jemand sie als Begründung für irgendeine steile These heranzieht, ob es sich dabei nun um Bundesverfassungsrichter handelt, oder um Leute, die gerne Aufkleber an ihren Stoßstangen anbringen.

Heute geht es aber um einen (ehemaligen) Verfassungsrichter, der auf dem großen Menschenwürdelagerfeuer ein PID-Verbotssüppchen zu kochen versucht (Fragt mich nicht, wo diese bescheuerte Metapher herkommt, sie musste irgendwie einfach raus.) Er baut seine Argumentation in drei Stufen auf, von denen dankenswerterweise jede einzelne vollständig versagt, wenn man sie mal genauer betrachtet. (Am Anfang befürchtete ich noch, dass er einfach nur von einer einzigen falschen Grundannahme startet und von da an konsequent sein falsches Gebäude errichtet. Das hätte für einen Blogpost natürlich wenig Material hergegeben.)

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Una sancta

25. Dezember 2010

Spoilerwarnung! Dieser Beitrag ist nicht geeignet für Leser, die ihre Weihnachtsstimmung noch eine Weile beibehalten wollen und die befürchten, dass diese durch die Lektüre eines meiner antireligiösen Rants Schaden nehmen könnte.

VATICAN CITY, VATICAN - DECEMBER 24: Pope Benedict XVI attends the Christmas Eve Mass at St. Peter's Basilica on December 24, 2010 in Vatican City, Vatican. (Photo by Franco Origlia/Getty Images)

Manchmal, insbesondere im Urlaub, besichtigen Keoni und ich Kirchen. Und manchmal finden wir sie sehr schön und denken dann: Eigentlich wäre es doch eine nette Geste, hier jetzt was zu spenden, schließlich haben wir ja keinen Eintritt bezahlt und trotzdem ordentlich was zu sehen bekommen.

Aber dann denke ich wieder an so Fälle wie diesen:

Ein katholisches Krankenhaus in den USA führt einen Schwangerschaftsabbruch durch, der erforderlich ist, um das Leben der Mutter zu retten. Der örtlich zuständige Bischof erklärt daraufhin ein Mitglied des Ethikkommitees der Klinik für exkommuniziert und droht damit, die Unterstützung des Krankenhauses einzustellen. Die Konferenz der US-amerikanischen Bischöfe steht ihm bei.

Und dann denke ich doch wieder, dass ich diesen Laden schon ausreichend fördere, indem ich nicht mit faulem Obst werfe.

Und dann denke ich weiter, und irgendwann bin ich zuverlässig an einem Punkt, an dem ich einfach nur noch kopfschüttelnd neben Keoni herlaufe und mit mir ringe, um ihr nicht schon wieder mit der alten Leier in den Ohren zu liegen. Ich verstehe es aber auch einfach nicht: Da ist diese Organisation, die über Jahrzehnte hinweg Mitarbeiter hin und her geschoben hat, die Kinder vergewaltigt hatten. Das Oberhaupt dieser Organisation, das sich übrigens als Gottes Statthalter auf Erden ausgibt und hin und wieder Unfehlbarkeit für sich beansprucht, war darüber offenbar nicht nur informiert, sondern auch zumindest insofern beteiligt, als es andere schriftlich angewiesen hat, solche Angelegenheiten geheim zu halten. Und das ist nur eine der jüngeren Abscheulichkeiten, die die römisch-katholische Kirche begangen hat.

Hin und wieder verkündet dieser Statthalter Gottes von seinem Thron in seinem riesigen Palast aus, dass er es doof findet, dass so viele Leute an weltlichen Reichtümern hängen, und niemanden interessiert, was das Gewand gekostet hat, das er trägt, während er solche Weisheiten von sich gibt. Die anderen Botschaften dieser Leute sind nicht weniger absurd, zum Beispiel die körperliche Verwandlung von Oblaten und Wein in das Blut und das Fleisch ihres Gottes, die Sündhaftigkeit bestimmter freiwillig zwischen erwachsenen Menschen stattfindenden Sexualakten, das irgendwie manchmal vielleicht doch nicht ganz vollständige Verbot von Verhütungsmitteln sowie natürlich die ewige Verdammnis aller, die ihrem komischen Club nicht beitreten mögen.

Trotz all dem gilt diese erbärmliche Organisation nach wie vor als moralische Autorität, die zuverlässig um ihre Meinung gebeten wird, wenn ethische Regelungen gesucht werden. Wieso? Wenn ich was über fairen Umgang mit Minderheiten wissen will, gehe ich doch auch nicht zum Klan!

Und dieser erbärmliche Kasper, der ihr vorsteht, wird von unseren Medien noch immer so ernst genommen, dass sie jedes Jahr wieder voller Freude herauströten, er hätte seiner Stadt und dem Weltkreis seinen Segen erteilt, und was auch immer er und seine Schergen halt sonst noch so zu sagen hatten. In diesem Jahr haben sie uns vor den Risiken der Präimplantationsdiagnostik gewarnt. Danke.

Dazu kann man stehen, wie man will, das ist ein schwieriges Thema. Aber warum in aller Welt interessiert es jemanden, was ausgerechnet diese Leute dazu zu sagen haben, die schon qua Amt jeglichen Anspruch auf Moral und Seriosität verloren haben? (Am Rande: Da die katholische Kirche es nicht für nötig hält, sich in Bezug auf PID neue Argumente einfallen zu lassen, mache ich das genauso und verweise auf meinen letzten Artikel dazu.)

Warum kann ein Bischof in einer Podiumsdiskussion sitzen und voller Inbrunst davon erzählen, was sein unsichtbarer Freund von uns erwartet, ohne ausgelacht zu werden? Warum können diese Leute noch immer öffentlich ihre bizarren Karnevalreden schwingen und dafür Respekt und Gehorsam beanspruchen? Wo bleibt der Tusch? Was ist eigentlich los mit uns?


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