Wir zahlen nicht für eure Krise!

25. Juni 2009

Ich habe mich einige Zeit lang immer über diesen Spruch geärgert, weil ich ihn für fürchterlich dumm und ein Symptom der antikapitalistischen Krankheit hielt. Ich dachte dabei immer in die Richtung, dass es schon völlig abwegig sei, diese Trennung zwischen “uns” und “euch” zu konstruieren, weil Krisen nun einmal zur freien Marktwirtschaft gehören und weil von der fast alle gemeinsam profitieren.

Aus meiner Sicht besteht der Unterschied zwischen der freien Marktwirtschaft und einer sozialistischen und einer “solidarischen Gesellschaft”, oder wie auch immer man das nennen will, vor allem darin, dass freie Marktwirtschaften regelmäßige Krisen hervorbringen, die Fehlentwicklungen beheben und Raum für Innovationen und neue Wege schaffen, während Planwirtschaften einfach so lange unverändert weiter machen, bis wirklich das ganze System zusammenbricht. Das ist natürlich eine ganz knappe Zusammenfassung meiner Meinnung, aber kommt so ungefähr hin.

Und ganz kurz nochmal: Diese Idee von einer strengeren Finanzaufsicht, die dann Risiken frühzeitig erkennt… Ähh… Ist uns klar, dass das die gleichen Leute organisieren sollen, die heute noch leugnen, dass unser Renten- und Gesundheitssystem grundsätzlich nicht funktionieren kann, so wie es ist? Die gleichen Leute, die wir für zu dumm halten, eine vernünftige Regelung zum Nichtraucherschutz zu finden und die gerade beschlossen haben, dass es die ultimative Maßnahme gegen Kinderpornographie ist, sie ein bisschen zu verstecken?
Aber ich schweife ab.

Dass ich jetzt darüber schreibe, liegt teilweise daran, dass ich gerade eben Peter Schiff in der Daily Show gesehen habe. Peter Schiff ist der Präsident von Euro Pacific Capital, Inc., er hat die Krise kommen sehen, und er hat bei John Stewart sinngemäß gesagt, dass unsere Regierungen durch ihren blinden Rettungsaktionismus nicht viel mehr bewirken, als die Krise zu verlängern und zu vertiefen. Kein Unternehmen ist “too big to fail”, und AIG und GM zum Beispiel sind eigentlich “too big to bail out”. Ich fühle mich bei ihm in guter Gesellschaft.

Besonders deutlich wird das natürlich an den aktuellen Beispielen Karstadt und Quelle und meinetwegen auch noch Opel. Zumindest die ersten beiden waren schon vor der Krise tot und bloß zum träge zum Umfallen. Bei Opel ist das vielleicht nicht so offensichtlich, aber da kann mir nun trotzdem wirklich keiner erzählen, dass die systemrelevant sein sollen. Und noch was: Ich weiß gerade nicht mehr, welcher Politiker das war, der im Zusammenhang mit einer Insolvenz von Opel von “ein Leben lang arbeitslos” gesprochen hat, aber ich finde diesen Spruch bodenlos dumm und respektlos gegenüber den Opelmitarbeitern. Als ob die nie wieder für etwas anderes zu gebrauchen wären.

Erstens verschwindet ein Unternehmen ja nicht spurlos, wenn es ein Insolvenzverfahren durchläuft. Zweitens gibt der Untergang der alten Unternehmen, die den Schuss nicht gehört haben, jüngeren, innovativen Unternehmen die Chance zu wachsen und sich zu entwickeln. Diese Unternehmen brauchen dann wiederum Mitarbeiter.

So gesehen, kann ich diesen scheinbar so dummen Spruch da im Titel durchaus unterschreiben. Ich will auch nicht für die Krise zahlen. Leider fragt mich keiner.


Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 519 Followern an