Vier männliche Zeugen

8. Oktober 2010

Weil mich lange nichts mehr so beeindruckt hat wie dieser Artikel bei The Onion, kann ich einfach nicht anders, als eine deutsche Fassung zu schreiben. Ich habe die ursprüngliche Version nicht einfach übersetzt, weil mir das zu doof war, aber ich kann auch sicher nicht behaupten, dies hier wäre ein eigenständiges Werk. Wenn ihr mögt, können wir auch gerne darüber diskutieren, ob sowas in Ordnung ist. Ich bin mir nämlich nicht so richtig sicher. Egal. Los geht’s:

Hua, das war gut. Eigentlich. Also, ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber so eine Steinigung ist doch irgendwie immer ein gutes Gefühl. Eigentlich. Wenn man die Gelegenheit hat, selbst dabei zuzusehen und mitzuwirken, wie Gerechtigkeit geschieht. Wenn man dazu beitragen kann, der ganzen Welt Stein für Stein zu zeigen, dass Verbrechen gegen Gott und sein Gesetz nicht ungestraft bleiben. Eine gute Sache.

Aber trotzdem, irgendwas war merkwürdig heute. Ich weiß, das klingt vielleicht komisch, aber heute gab es da diesen einen kurzen Zeitpunkt, wo ich das Gefühl hatte, dass wir alle uns mehr oder weniger gleichzeitig fragten: ‚He, Leute, was meint ihr, ist das irgendwie… merkwürdig, was wir hier gerade machen? Ich meine, fühlt ihr euch auch gerade ein bisschen… unwohl?’ Als hätten wir alle in diesem einen sonderbaren Moment gerade daran gedacht, dass da vor uns, sozusagen, richtiger Mensch bis zur Brust im Sand eingegraben ist. Komisch, sowas.

Dabei war wirklich alles in Ordnung. Vier Männer konnten die widerwärtige Untreue der Täterin bezeugen. Und die mussten es schließlich wissen, sie hatten schließlich Sex mit ihr. Na gut, sie meinte, die vier Männer hätten sie vergewaltigt, aber was bitte soll das für einen Unterschied machen? Sex außerhalb der Ehe ist Sex außerhalb der Ehe.

Jedenfalls war alles so, wie es sein sollte. Die vier Zeugen durften, wie es sich gehört, die ersten Steine werfen, und zuerst hatte ich auch ein echt gutes Gefühl dabei, aber dann, als der dritte Stein ihr Nasenbein traf, und das Blut über ihr Gesicht hinunterlief und das weiße Sackleinenkleid tränkte, in das wir sie gekleidet hatten, und sie anfing zu weinen und zu schreien, da hatte ich doch kurz den Eindruck, dass mir das alles irgendwie ein bisschen – ich weiß nicht, primitiv? – vorkam. Ich meine, der Iran ist ein zivilisiertes Land mit einem eigenen Kernkraftprogramm. Ich trage die sauber gebügelte Uniform einer perfekt ausgebildeten Eliteeinheit mit modernsten Waffen – und ich habe einen Stein in der Hand, den ich gleich auf eine wehrlose Frau werfen will?

Verstehen Sie mich nicht falsch, es war ein guter Stein. Genau richtig. Ungefähr kiwigroß, weil wir per Gesetz verpflichtet sind, Steine auszuwählen, die zwar groß genug sind, um auch Schaden anzurichten, aber nicht so groß, dass der Verurteilte zu schnell stirbt. Und mein Wurf war auch gut. Genau ins Gesicht. Ich habe bestimmt ein paar Knochen gebrochen, aber sie hat nicht das Bewusstsein verloren.

Trotzdem. Ich meine, verstehen Sie, was ich sagen will? Ich glaube, für einen Moment hat Behrouz auch gezögert. Er holte zum Wurf aus, und kurz streifte sein Blick meinen, und es schien mir, als würde er auch sowas denken wie: ‚Eine Frau für Ehebruch langsam durch viele stumpfe Schläge zu töten – warum muss das noch mal sein?’. Jetzt, wo ich drüber nachdenke… Vielleicht war die Atmosphäre insgesamt ein bisschen komisch. Als wüssten wir alle nicht so genau, was wir da eigentlich tun. Als würden sich noch andere Leute außer mir fragen, wie es wohl wäre, an Stelle der Frau dort im Sand vergraben zu sein, und einen Schlag nach dem anderen zu spüren, ohne wissen zu können, wann und woher der nächste kommen würde, und zu verstehen, dass es immer so weiter gehen würde, bis einer dieser Schläge das letzte sein würde, was wir in dieser Welt spüren. Nur kurz natürlich. Ich meine… Wissen Sie, was ich meine? Naja. Egal.

Sie hatte nach einer Dreiviertelstunden immer noch einen Puls. Hat einfach nicht aufgegeben, muss man ihr lassen. Hat eine gute Stunde gedauert, bis sie schließlich wirklich tot war. Und irgendwie… Ich weiß nicht, aber nachdem es vorbei war, haben wir uns eine ganze Zeitlang nicht gegenseitig in die Augen sehen wollen. Als hätten wir etwas Falsches getan.

Sonderbare Sache, oder? Vielleicht kennen Sie sowas ja auch. Verrückt, was die Fantasie einem manchmal für Streiche spielt, hm?


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