Projekt 52 Bücher (9)

19. März 2013

Nachdem ich zum letzten Thema beim besten Willen nichts zu sagen hatte, hat das Fellmonster diesmal

Regenbogen

vorgegeben.

Für militante Skeptiker wie mich läge da natürlich Richard Dawkins Der Entzauberte Regenbogen als Buch nahe, aber das ich das nicht gelesen habe und auch in Zukunft versuchen will, möglichst wenig von ihm zu lesen, weil ich auch in Zukunft auf Vorwürfe von Theisten zu ihm glaubwürdig sagen können will “Wer ist dieser Dawking, von dem du redest, und was hat er mit mir zu tun?”, deswegen käme als nächstes der Regenbogenfisch infrage, aber den hat mir schon eine andere Teilnehmerin weggenommen. Ich falle also auf ein Buch zurück, das ich eigentlich auch eher nicht gewählt hätte, weil ich hier schon mal kurz drüber gesprochen habe, aber ich denke, wenn ich diesmal einen anderen Aspekt wähle, auf den ich bisher nicht eingegangen bin, und zu dem ich sogar einen aktuellen Bezug anbieten kann, dann geht das schon irgendwie.

Ich rede natürlich von keinem anderen Buch als

Lyman Frank Baums The Wonderful Wizard of Oz.

Das ist zwar wie gesagt nicht besonders gut geschrieben, enthält aber unbestreitbar ein paar gute Gedanken, von denen meines Erachtens der Zauberer selbst mit Abstand der beste ist, und, oh Wunder, da haben wir jetzt doch wieder den Skeptikeraspekt. Denn just in den letzten Tagen hat Christina uns in den Kommentaren dieses Blogs sehr anschaulich und umfassend geschildert, wie das ist, wenn man auf den Zauberer hereinfällt und der Aufforderung gehorcht, nicht auf den Mann hinter dem Vorhang zu achten.

The Wonderful Wizard of Oz ist nun deutlich über 100 Jahre alt, und trotz seiner Bekanntheit ist es auch heute den Apologeten des Zauberers noch nicht zu dumm, voller Stolz davon zu berichten, dass er doch dem Löwen Mut gegeben habe, und dem Blechmann ein Herz, und der Vogelscheuche ein Gehirn, und dass deshalb doch nun kein vernünftiger Mensch daran zweifeln könnte, dass dieser Zauberer real sein muss, und außerdem wie sonst erklärt man sich denn die magischen Flammen, und – nein, den Mann hinter dem Vorhang bitte nicht beachten, der spielt keine Rolle, bleiben wir doch bei der Sache, ja?

Und die Lehren, die wir aus dieser Parabel ziehen können, sind natürlich nicht auf Religionen beschränkt, sondern auch auf viele andere Formen selbst gewählter Unmündigkeit, ob sie sich nun in gefühlter Abhängigkeit von einem Partner äußert, in dem abergläubischen oder einfach nur emotionalen Bedürfnis, einen Glücksbringer bei sich zu tragen, oder in der scheinbar unüberwindlichen Angst davor, etwas zu versuchen, das wir uns nicht zutrauen.

Der Löwe, die Vogelscheuche und der Blechmann hatten gewissermaßen die ganze Zeit über schon, was sie sich wünschten. Alles, was sie dafür brauchten, war eine gute Freundin, die sie darauf aufmerksam macht, und ihnen hilft, ihr Potenzial zu erkennen. Alles, was sie dafür nicht brauchten, war ein Typ in einer albernen Verkleidung, der ihnen einredet, sie wären auf ihn angewiesen, weil es ohne ihn nicht geht.


von eigenen Denkrichtungen geprägt

25. Februar 2013

Sag noch mal einer, das Internet befasse sich nur mit sich selbst:

Homöopathie durch Ärzte und die Einhaltung des medizinischen Standards

heißt der Artikel von Sebastian Müller und Andreas Raschke in der Neuen Juristischen Wochenschrift (NJW) 7/2013 (S. 428-432), also auf Papier und deshalb ohne Link, und das Thema hat mich natürlich brennend interessiert, da denke ich nämlich auch oft drüber nach.

Es überrascht euch wahrscheinlich nicht, dass ich dabei zu etwas anderen Ergebnissen komme als die beiden.

In der Einleitung stellen die Autoren zunächst fest, dass Homöopathie in “weiten Kreisen der Gesellschaft” ein hohes Maß an Akzeptanz zu genießen “scheint”, dass es aber eine Kontroverse um die Wirksamkeit gebe (ach was!) und sich deshalb die Frage stelle, wie eine homöopathische Behandlung durch einen “Schulmediziner” (falls bis hierhin noch Zweifel an der Geisteshaltung der Verfasser bestanden) arzthaftungsrechtlich zu bewerten ist.

Zu diesem Zweck ordnen sie die Homöopathie erst einmal in die “medizinrechtliche Terminologie unterschiedlicher Behandlungsmethoden” ein, und gleich hier wird es auch schon spannend, denn sie zitieren völlig richtig aus dem Deutschen Ärzteblatt, dass ein Patient nach “dem Stand der naturwissenschaftlichen Erkenntnis und der ärztlichen Erfahrung [...]” zu behandeln ist, und dass ein Behandlungsfehler vorliegt, wenn dieser Standard unterschritten wird. Womit eigentlich schon überraschend klar wäre, wie Homöopathie einzuordnen ist.

Wir sind also gespannt, wie sie da wieder rauskommen. Aber wenn wir ein bisschen Erfahrung mit den Apologeten der Unmedizin haben, dann wissen wir eh schon, was kommt, und wir werden nicht enttäuscht:

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Welche Leistung nochmal?

20. September 2012

Ich bin ja gar nicht so sicher, wie ich zur Verantwortung von Medien stehe. Stefan Niggemeier schreibt ja hin und wieder mal, dass Berichte über Suizide tendenziell unverantwortlich sind, weil danach die Suizidzahlen steigen. Ich finde, damit geht er eher zu weit, schon weil ich nicht mal davon überzeugt bin, dass ein Suizid immer eine schlechte Entscheidung ist. Ich bin zwar selbst dagegen, aber ich bin auch vehement gegen Stieg Larsson und muss trotzdem damit leben, dass manche Leute seine Bücher toll finden. Aber hier soll es weder um Suizid gehen, noch um Stieg Larsson, sondern um die Verantwortung von Medien.

Zurück zum Thema also: Medien haben in meinen Augen zunächst mal nur die Verantwortung, die jeder Mensch und jedes Unternehmen hat: die für sich selbst. Wenn eine Zeitung nur Blödsinn schreibt und von ihren Lesern trotzdem gerne gekauft wird, ist das für mich nicht grundsätzlich ein Problem. Das sollte euch nicht wundern, denn ich sitze schließlich im Glashaus, auch wenn ich für mein Blog kein Geld nehme, was allerdings nur daran liegt, dass ich ziemlich sicher bin, dass das nicht funktionieren würde, und überhaupt tut das nichts zur Sache, denn es geht ja hier nicht um mein Blog.

Zurück zum Thema also: Jeder Mensch hat in meinen Augen aber auch eine gewisse Verantwortung dafür, wie seine Handlungen seine Mitmenschen betreffen, und das schließt zum Beispiel auch eine Verantwortung ein dafür, was andere Menschen tun, weil sie von ihm belogen wurden. Jeder Mensch. Auch ohne die Medien zu einer vierten Gewalt oder in sonstigen olympische Regionen zu überhöhen, sehe ich sie in der Verantwortung, ihre Kunden nicht zu belügen, so wie ich von jedem Menschen erwarte, dass er seine Mitmenschen nicht durch falsche Informationen zu falschem Handeln verleitet.

Verschärft wird diese Verantwortung noch dadurch, dass unsere großen Medienunternehmen selbst wenig Hemmung zeigen, sich in einer Sonderrolle zu präsentieren und voller Stolz immer wieder darüber zu berichten, wie unverzichtbar sie für unsere Gesellschaft sind und welche elementare Funktion sie nicht nur für unsere Demokratie erfüllen. Auf genau dieser Hemmungslosigkeit basiert ja auch die Forderung nach diesem unsäglichen Leistungsschutzrecht, das derzeit den Anschein erweckt, tatsächlich auf uns zuzukommen, was in meinen Augen zumindest ganz gut belegt, wie schlecht die Medienunternehmen ihre selbst erklärte Aufgabe erfüllen, die Menschen zu mündigen Demokraten heranzubilden. Aber hier soll es weder um das Leistungsschutzrecht noch um die Demokratie an sich gehen.

Zurück zum Thema also: Die Medien tragen in meinen Augen damit eine Verantwortung, die über die allgemeine Wahrheitspflicht eines jeden Menschen hinausgeht, weil sie sich selbst freiwillig diese Verantwortung zugemessen haben und auf Basis dieser angeeigneten Verantwortung unverschämte Forderungen stellen. Und insofern halte ich es für doppelt gerechtfertigt, Medien nicht nur vorzuwerfen, die Öffentlichkeit zu belügen und ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden, sondern auch Menschenleben zu gefährden, wenn sie solchen Blödsinn schreiben, wie es zum Beispiel die FAZ (die sich, auch wenn es darum hier nicht gehen will, natürlich auch für ein Leistungsschutzrecht eingesetzt hat, weil Presseverlage ja eine unverzichtbare Filterfunktion und Rechereche und Qualität und blahfasel) kürzlich getan hat, unter dem Titel:

Die Wunderheilerin – Nur die Hand auflegen und beten

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Do I?

13. Juni 2012

You want a physicist to speak at your funeral. You want the physicist to talk to your grieving family about the conservation of energy, so they will understand that your energy has not died. You want the physicist to remind your sobbing mother about the first law of thermodynamics; that no energy gets created in the universe, and none is destroyed. You want your mother to know that all your energy, every vibration, every Btu of heat, every wave of every particle that was her beloved child remains with her in this world. You want the physicist to tell your weeping father that amid energies of the cosmos, you gave as good as you got.

And at one point you’d hope that the physicist would step down from the pulpit and walk to your brokenhearted spouse there in the pew and tell him that all the photons that ever bounced off your face, all the particles whose paths were interrupted by your smile, by the touch of your hair, hundreds of trillions of particles, have raced off like children, their ways forever changed by you. And as your widow rocks in the arms of a loving family, may the physicist let her know that all the photons that bounced from you were gathered in the particle detectors that are her eyes, that those photons created within her constellations of electromagnetically charged neurons whose energy will go on forever.

And the physicist will remind the congregation of how much of all our energy is given off as heat. There may be a few fanning themselves with their programs as he says it. And he will tell them that the warmth that flowed through you in life is still here, still part of all that we are, even as we who mourn continue the heat of our own lives.

And you’ll want the physicist to explain to those who loved you that they need not have faith; indeed, they should not have faith. Let them know that they can measure, that scientists have measured precisely the conservation of energy and found it accurate, verifiable and consistent across space and time. You can hope your family will examine the evidence and satisfy themselves that the science is sound and that they’ll be comforted to know your energy’s still around. According to the law of the conservation of energy, not a bit of you is gone; you’re just less orderly. Amen.

- Aaron Freeman [via I fucking love science]

Schön, oder?

Leider trotzdem Blödsinn. Ich will es kurz fassen, weil ich mir selbst ein bisschen albern vorkomme bei meiner Mäkelei, aber andererseits wäre es nicht fair, nur religiösen falschen Trost zu kritisieren. Was Aaron Freeman hier vorschlägt, ist nämlich auch falscher Trost. Was er sagt, klingt nett, und hat gegenüber religiöser Beschwichtigung den Vorzug, immerhin im technischen Sinne beinahe wahr zu sein, aber es ist trotzdem nicht gut. Ja, wenn ich tot bin, ist alle Energie noch da, und die Atome, aus denen ich bestand, auch größtenteils, zumindest noch sehr sehr lange, und ich bin nur ein bisschen weniger ordentlich – halt. An der Stelle stimmt es nicht. Da ist das das “Beinahe”. Da ist das Problem.

“Ich” bin nicht die Energie. “Ich” bin nicht die Teilchen, und “ich” bin nicht die Wellen. “Ich” war die Anordnung der einzelnen Elemente. Genau das, was jetzt fehlt, das war “ich”. Genau das, was jetzt weg ist. Das andere, was noch da ist, das sind Teilchen, von denen es Unzählige gibt, alle gleich, alle sinn- und leblos. Alles von mir, das zählte, ist weg. Alles, was mich von Guido Westerwelle oder einem Grottenolm oder einem Stein unterschied, ist weg.

Ich habe nichts dagegen, dass ein Physiker auf meiner Beerdigung spricht. Aber ich hoffe, wenn es einer tut, dass ihm was Besseres einfällt, um die verzweifelten Massen zu trösten, die sich ein Leben ohne mich nicht vorstellen können. Und ich hoffe, dass die Trauernden einen besseren Trost finden als wohlfeiles Gefasel darüber, dass ich den Pfad von ein paar Elementarteilchen beeinflusst habe.

Aber eigentlich kann es mir natürlich so oder so egal sein.

Ich bin dann ja nicht mehr da.


Another long and meandering post brought to you by „What’s the harm?“

12. Juni 2012

Ich habe vor langer Zeit angefangen, diesen Beitrag zu schreiben, und ihn dann verworfen, weil er mir zu konfus und – vor allem – zu missverständlich schien. Aber jetzt war hier so lange Pause, und ich habe so wenig Zeit, und an aktuellen Themen fehlt es auch gerade ein bisschen, da dachte ich, eigentlich könnte ich ihn ja doch veröffentlichen, und wer ihn missverstehen will, soll das eben tun, und wer sich an der Konfusion stört, der darf das auch gerne, und wer aber das Thema interessant findet und Ideen dazu beisteuern will, der kann mir helfen, ein bisschen weniger konfus zu werden. (Und das nächste Kapitel Bright Outlook kommt auch schon noch. Sobald ich wieder zum Schreiben komme.) Bitte schön:

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Wild wucherndes Gedankenkonvolut über Skeptizismus, Aberglauben und Diskussionen und Zeug

21. April 2012

Habt ihr gerade ein bisschen Zeit? Schön, dann überlegt euch was Schönes, was ihr damit anfangen könnt. Habt ihr gerade ziemlich viel Zeit und seid wirklich verzweifelt auf der Suche nach einer Beschäftigung? Dann hab ich eventuell was für euch. Hinter dem Endloseswirresgelaberwarnungstrennstrich.

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Gastbeitrag: Vom Glauben an die Wissenschaft

13. Februar 2012

Ich weiß nicht, ob ich hier gerade einen Fehler mache. Vielleicht könnt ihr es mir ja sagen. Ich denke, so schlimm kann es nicht sein, deswegen probiere ich’s einfach aus. Thomas hat mir im Anschluss an die Diskussion zu “Was ich nicht verstehe (1)” eine ausführliche Erläuterung seiner Position geschickt. Ich habe begonnen, diese zu lesen, und auf der zweiten Seite beschlossen, dass sie meine Zeit nicht wert ist. Ich werde deshalb auch nichts weiter dazu sagen und mich (voraussichtlich) auch an der Diskussion nicht beteiligen. Zumindest nicht an der inhaltlichen über diesen Text, denn zu dem kann ich mich nun einmal nicht äußern. Wenn ihr über was anderes diskutieren wollt (zum Beispiel darüber, ob es borniert von mir ist, nicht einmal zur Kenntnis zu nehmen, was Thomas zu sagen hat), bin ich natürlich dabei.

Ich will aber auf der anderen Seite euch nicht die Möglichkeit vorenthalten, genauer zu erfahren, wie er meint, was er geschrieben hat, und ihm die Chance geben, sich gegen die teilweise ja sehr deutlichen Angriffe zu verteidigen, die ihr und ich gegen seine Kommentare unternommen haben. (Darüberhinaus habe ich genug Vertrauen in ihn, um davon auszugehen, dass in seinem Text nichts steht, dessen Veröffentlichung mich in Schwierigkeiten bringt.)

Aus diesen Gründen veröffentliche ich nun zum ersten Mal hier einen Beitrag, den ich nicht nur nicht selbst geschrieben, sondern außerdem noch nicht einmal selbst gelesen habe.

Vielleicht habt ihr ja mehr Spaß dran als ich. Los geht’s:

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“ja, eh…”-Woche: Es gibt nur zwei Arten von Menschen

3. Januar 2012

Gestern Abend habe ich “My Name is Khan” gesehen und will über den Film an sich nicht lange reden. Wen es stört, wenn ein Film zu lang und zu albern und gleichzeitig zu pathetisch ist, der sollte keine Bollywood-Filme sehen.

Kurz besprechen möchte ich stattdessen das Motto des Films, das unser Protagonist ziemlich am Anfang von seiner Mutter zum Unterschied zwischen Moslems und Hindus erklärt bekommt:

Es gibt nur zwei Arten von Menschen: gute Menschen, die Gutes tun, und böse Menschen, die Böses tun.

Einerseits erkennt jeder sofort, dass das Unfug ist, wenn er ein bisschen drüber nachdenkt. Aber andererseits ist das so ein Satz, über den viele Menschen wahrscheinlich eben nicht besonders nachdenken, wenn er in diesem Kontext auftaucht.

Wieso, ist doch eine schöne Botschaft? Hindus, Muslime, Atheisten, Scientologen, Republikaner, alles egal, Hauptsache, sie tun Gutes.

Zu dem Problem mit dem Bösen und dem Guten hatte ich ja schon mal was geschrieben, deswegen will ich das hier nicht zu sehr vertiefen, aber kurz gesagt sehe ich das so: Der Begriff “böse” ergibt in sich kaum Sinn. Es gibt keine “bösen Menschen”. Jeder Mensch hat Gründe für das, was er tut. Die können altruistisch sein, oder egoistisch, vernünftig oder völlig banane. Aber diese Gründe basieren natürlich auf dem, was wir glauben, was wir für richtig, und was wir für falsch halten.

Weil wir uns häufig selbst gar nicht genau darüber klar sind, was wir glauben, und was eigentlich die Etiketten bedeuten (sollen), die wir uns aufpappen, ist trotzdem etwas dran an der Botschaft, dass ein Hindu mit einem Moslem mehr gemein haben kann als mit einem anderen Hindu. Aber wer glaubt, dass Weltanschauung keinen Unterschied macht, solange man nur ein guter Mensch ist, der hat eine Meise macht es sich zu leicht. Aus Maos Sicht war die Kulturrevolution eine tolle Sache im Dienste der ganzen Menschheit. Kim Jong-Il hat womöglich wirklich geglaubt, dass er das Beste war, was Nordkorea jemals hätte passieren können. Und die Attentäter vom 11. September 2001 haben sich selbstlos für eine Sache geopfert, die sie für die gerechte hielten.

Das ist ja gerade die Tragödie der Menschheit: Menschen mit den ehrenvollsten Absichten können furchtbare Dinge tun. Tun furchtbare Dinge. Zyniker würden sogar sagen, dass gerade die Menschen mit den ehrenvollsten Absichten oft die furchtbarsten Dinge tun, aber ich schweife ab. Mir geht es darum, dass Gut und Böse keine Eigenschaften sind, die einem Menschen, einer Tat oder einer Sache einfach immanent wären. Gut und Böse sind Urteile, und um sie fällen zu können, muss man die Folgen einer Tat kennen. Und um die Folgen einer Tat zu beurteilen, greift man unweigerlich auf das zurück, was man über diese Welt glaubt, in der wir leben.

Und da macht es unter Umständen einen großen Unterschied, ob ich glaube, dass schon ein Blastozyst von einem allmächtigen Gott mit einer unsterblichen Seele und Menschenwürde ausgestattet wurde, ob ich glaube, dass dieser allmächtige Gott mein Team auserwählt hat, um die Menschheit in sein Heiliges Reich zu bomben, oder ich ich glaube, dass das brennende Fett in meiner Küche sich doch mit diesem Eimer Wasser da hinten prima löschen lassen müsste. Oder abstrakter: Gute Absichten führen in der Regel zu guten Ergebnissen, wenn sie mit realistischen Annahmen über die Folgen unserer Taten einhergehen. Wenn nicht, ist es reine Glückssache. Leider ist es in vielen Fällen schwer abzuschätzen, was die Realität nun eigentlich ist, und was nicht, und leider gibt es auch keinen Satz von ewig gültigen Geboten, denen man einfach nur folgen muss, und alles wird gut, und leider neigt jeder und jede von uns dazu, seine (und ihre) Wahrnehmung dieser Welt von Wünschen und Gefühlen wie Angst und Wut oder auch Liebe und Vorfreude verzerren zu lassen. Und so gesehen gibt es dann eigentlich nur eine Art von Menschen; oder sieben Milliarden. Je nachdem, wie man zählt.

Aber von Annahmen über die Realität gibt es wirklich nur zwei Arten: Wahre, und falsche nicht wahre. Und jeder und jede von uns kann sein Bestes tun, möglichst oft mit wahren zu arbeiten, und möglichst selten mit den anderen. Ihr wisst schon, wie.


Es könnte alles so einfach sein

16. November 2011

Als malefue mich bat anwies, einen Artikel über Spiritualität zu schreiben, war ich zunächst sehr einverstanden. Dann wurde mir klar, wie wenig es eigentlich dazu zu schreiben gibt, und ich schob das Projekt erst einmal auf. Aber heute fiel mir ein, dass es sich vielleicht lohnt, einen Artikel draus zu machen, wenn ich ein bisschen abstrakter werden und allgemein darüber schreibe, wie oft Leute sich und anderen das Leben schwer machen, indem sie nicht richtig darüber nachdenken, welche Worte sie wie benutzen, und was sie eigentlich bedeuten sollen.

Spiritualität ist dafür ein gutes erstes Beispiel. Mit diesem Begriff werfen Esoteriker und manchmal auch religiöse Menschen gerne nach Skeptikern und vernebeln damit die Diskussion, denn für mehr ist er nicht gut. Wikipedia sagt:

Spiritualität (von lat. spiritus ,Geist, Hauch‘ bzw. spiro ,ich atme‘ – wie altgr. ψύχω bzw. ψυχή, siehe Psyche) bedeutet im weitesten Sinne Geistigkeit und kann eine auf Geistiges aller Art oder im engeren Sinn auf Geistliches in spezifisch religiösem Sinn ausgerichtete Haltung meinen. Spiritualität im spezifisch religiösen Sinn steht dann auch immer für die Vorstellung einer geistigen Verbindung zum Transzendenten, dem Jenseits oder der Unendlichkeit.

Wir haben hier also einen Begriff, der in zwei… Nein, man kann nicht mal von “Bedeutungen” sprechen, finde ich, sagen wir also: Sinnen gebraucht wird. Einerseits kann er… ähm… so ziemlich alles heißen, was irgendwie mit Geistigem zu tun hat. Also alles. Und andererseits kann er alles heißen, was die Vorstellung von Transzendentem, Jenseits oder Unendlichkeit einschließt. Also alles, aber mit Bezug auf esoterischen oder religiösen Blödsinn.

Wenn nun unser Gläubiger (Ich benutze das von jetzt als Überbegriff für “esoterischer oder religiöser Mensch”) sowas sagt wie: “Was hast du denn gegen Spiritualität? Die ist doch voll wichtig, zur Selbstreflexion und zum Stressausgleich und schadet niemandem und das ist voll gemein, anderen das verderben zu wollen!” dann sind sie dabei bewusst oder unbewusst nicht ganz aufrichtig und machen genau das, was Christen zum Beispiel auch oft gerne mit dem Wort “Glauben” machen. Sie stellen eine Behauptung auf, die sich auf den weiteren Sinn des Wortes bezieht und ziehen daraus eine Schlussfolgerung, um diese dann auf den engeren Wortsinn zu beziehen.

“Spiritualität (im Sinne von allem Geistigen, also auch Meditation, Selbstreflexion, Nachdenklichkeit, Entspannung, Freude an Kunst…) ist etwas Wunderschönes und gut für den Menschen, also ist es unsinnig und engstirnig, gegen Spiritualität (im Sinne von Glaube an irgendwelchen magischen Blödsinn) zu wettern.”

Das ist ein ganz billiger rhethorischer Taschenspielertrick, aber er wirkt immer wieder bei Leuten, die es nicht gewohnt sind, über solche Dinge nachzudenken. Und das sind viele, und oft genug auch Philosophen und solche, die sich dafür halten.

Protipp: Wenn man in einer Diskussion deutlich das Gefühl hat, dass der andere Blödsinn redet, aber nicht erkennt, wo sein Fehler liegt, lohnt es sich fast immer, mal über die Bedeutungen der einzelnen Wörter nachzudenken und ihn zu fragen, was er damit meint.

Das möchte ich nun gleich einmal anhand eines in der Philosophie sehr bekannten Konzeptes darlegen: Der naturalistische Trugschluss ist gar keiner.

Ich meine das so: Grob gesagt, ist der naturalistische Trugschluss die Idee, man könnte aus dem, was ist, Schlüsse ziehen über das, was soll. Imperative lassen sich aber nicht aus Tatsachen herleiten. Also beispielsweise: “Schafe können nicht sprechen, also sollen Schafe nicht sprechen können.” oder weniger offensichtlich dämlich: “Gewalt verursacht Schmerzen, also sollte man keine Gewalt anwenden.” Leute sagen sowas manchmal vereinfacht, aber dabei unterschlagen sie dann eine zweite Prämisse, die wiederum keine Tatsache ist: “Gewalt versursacht Schmerzen und Schmerz sollte man vermeiden, also sollte man keine Gewalt anwenden.”

Klingt soweit unanfechtbar, aber… Moment. Irgendwo müssen die Imperative doch herkommen, die sind doch nicht einfach so da, und außer aus den Tatsachen können sie doch nirgendwo herkommen, denn was gibt es noch außer der Realität? (Gläubige haben darauf eine klare Antwort, aber die hilft uns ja nicht weiter.)

Hier hilft unsere Frage: Was ist denn eigentlich ein Imperativ? Was bedeutete “sollen”? Genau. Ein Imperativ, ein “sollen” ist immer das Gegenstück zu einem “wollen”, also zum Wunsch eines Menschen. Zu meinem, oder dem anderer Mitglieder meiner Gesellschaft. Und das sind wieder Tatsachen. “Gewalt verursacht Schmerzen, und wenn ich jemandem Schmerzen verursache, wird er mir danach nicht mehr besonders gewogen sein und mir vielleicht schanden, und ich will nicht, dass mir jemand schadet, also sollte ich Gewalt gegen andere Menschen vermeiden.”

Es kann sehr praktisch sein, Worte wie “Imperativ” oder “sollen” zu benutzen. Ich habe nichts gegen diese Worte, versteht mich nicht falsch. Aber man sollte nicht vergessen, dass sie eigentlich etwas bezeichnen, das nicht im absoluten, objektiven Sinne existiert, sondern nur als eine Vereinfachung.

Nach dem gleichen Muster (Keine Sorge, das ist mein letztes Beispiel.) können wir auch auf die oft gehörte These antworten, die Wissenschaft könne nur Fragen nach dem “Wie” beantworten, für das “Warum” brauche man aber Religion.

Was soll das “Warum” in diesem Kontext sein?

“Warum?” im Sinne einer Frage nach Kausalität ist es sicher nicht, denn in der Kausalität ist die Wissenschaft einigermaßen zu Hause, das würde nicht mal ein Fundamentalist bestreiten wollen.

Wir benutzen die Frage aber auch noch in einem anderen Sinne, nämlich dann, wenn wir fragen, welchen Zweck jemand damit verfolgt, dass er etwas tut. Warum schreibe ich diesen Artikel? Warum lest ihr ihn? Da geht es um unsere Absichten. Und nur, wenn man das “Warum” in diesem Sinne versteht, ergibt die These der reinen “Wie”-Wissenschaft halbwegs Sinn.

Aber wenn man sie zu Ende denkt, dann wird sie doch wieder sinnlos. Denn wenn das “Warum” eine Absicht bezeichnet, dann ist es der Wissenschaft damit erstens natürlich keineswegs verschlossen. Welche Absichten Lebewesen verfolgen, und wie sie darauf handeln, ist selbstverständlich eine wissenschaftlich erforschbare Frage. Und zweitens unterstellt das “Warum” damit völlig unberechtigt, dass hinter dem Universum und unserem Leben überhaupt eine Absicht steckt. Wir haben keinen Grund, eine solche Absicht anzunehmen, und wenn wir es doch täten, hätten wir bis auf Weiteres keine Möglichkeit, sie herauszufinden. Richtig formuliert müsste man also sagen:

Die Wissenschaft kann nur Fragen beantworten, für die wir schon sinnvolle Antworten gefunden haben. Für frei erfundene Antworten auf potentiell sinnlose Fragen braucht man dann Religion.

Und so ist es wieder richtig.


Weil wir was ganz Besonderes sind

1. Oktober 2011

Dumme Menschen sagen dummes Zeug, aber damit kluge Menschen dummes Zeug sagen, braucht man Religion.

schrab ich vor Kurzem hier, und erkannte sofort, dass dieser Spruch sehr bald zu mir zurückkehren würde, um mich in den Arsch zu beißen, wenn ich ihn nicht relativierte, und relativierte ihn flugs. Schon gestern war ich (natürlich nicht zum ersten Mal seitdem) froh drüber. Doppelt froh eigentlich, denn ich freue mich besonders über Gelegenheiten, andere Atheisten zu kritisieren, denn das… kommt mir irgendwie besonders ehrenwert vor, weil ich selbst einer bin.

Ich bin also stolz, euch heute ein fabelhaftes Beispiel dafür zu präsentieren, dass man auch ohne Religion reichlich dummes Zeug reden kann:

Ein falsches Wissenschaftsverständnis hat uns überzeugt, dass wir nicht mehr wären als unsere evolvierten Gehirne.

Jedoch, so argumentiert Neurowissenschaftler und Philosoph Raymond Tallis im folgenden Gastbeitrag für Aufklärung 2.0, bereitet eine umfassendere Philosophie über den Menschen den Gegenschlag vor.

Wer das liest und noch nicht ahnt, dass da nichts Gutes kommen kann, ist weniger vorurteilsbeladen als ich. Herzlichen Glückwunsch. Aber wer mir jetzt in die Schatten der Unargumentation von Herrn Tallis folgt und danach immer noch das Problem nicht erkennt, der ist… herzlich eingeladen, in den Kommentaren mit mir zu diskutieren. *Räusper, Hust*

Schaumamal:

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