A propos Minarette

1. Dezember 2009

Damit es nicht heißt, ich würde hier nur auf der Schweiz herumhacken:

Art. 139 WeimVerf (Bestandteil des Grundgesetzes gemäß Art. 140 GG): “Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.”

So ist das nämlich. Bei uns ist es verfassungswidrig, wenn der Staat seinen Bürgern nicht verbietet, an vier Sonntagen hintereinander ihre Geschäfte zu öffnen. Wegen der seelischen Erhebung. Bloß gut. Ich kenne ein paar Leute, die Sonntags arbeiten müssen, und ich kann euch sagen, die sind seelisch so dermaßen nicht erhoben, das ist echt unschön.

Gut, den Polizisten, Stewards, Kellnern, Köchen, Tankwarten, Krankenpflegern, Feuerwehrleuten, Taxifahrern, Beleuchtern, Kinomitarbeitern, Bahnangestellten, Ärzten, Bademeistern, Fitnesstrainern, Busfahrern, Straßenreinigern, Bäckern, Kraftwerksmitarbeitern, Justizbeamten, Tierpflegern, Journalisten, Elektrikern, Heizungsmonteuren, Pizzaboten, Call-Center-Agents und zahllosen anderen Leuten nützt es nichts, dass das BVerfG jetzt das Berliner Ladenschlussgesetz als teilweise verfassungswidrig eingestuft hat, aber wenigstens können sie sich darüber freuen, dass die Seelen der Einzelhandelsverkäufer nicht mehr in Gefahr sind. Ausgenommen natürlich die, deren Geschäfte sich in Bahnhöfen oder Flughäfen oder so befinden, die müssen trotzdem arbeiten. Aber immerhin. Also, die meisten Einzelhandelsverkäufer dürfen jetzt nicht mehr an vier Sonntagen nacheinander arbeiten. Und da sage noch mal einer, die christlichen Kirchen würden nichts für uns tun.

Ich habe aber noch einen Vorschlag, den ich den Kirchen hiermit gerne nahebringen würde. Es gibt da nämlich eine Berufsgruppe, die schon seit Ewigkeiten dazu verpflichtet ist, am Sonntag zu arbeiten, obwohl das nicht dringend erforderlich ist. Und die Kirchen hätten es in der Hand, dem ein Ende zu machen. Es wäre ganz leicht. Sie müssten dafür niemanden verklagen, und sie bräuchten kein Gesetz und keine Verfassung. Insbesondere die katholische Kirche könnte aufgrund ihrer zentralistischen Struktur sogar weltweit ohne große Mühe dafür sorgen, dass Tausende Priester und Ministranten den Sonntag so verbringen können, wie Gott es sich mal gedacht hat: Als Tag der Arbeitsruhe, und ohne andere Leute mit unnötigem Lärm zu belästigen.


Offene Läden bringen das kleine Jesuskind zum Weinen

26. Juni 2009

Offenbar klagen die Kirchen gemeinsam mit dem DGB und Verdi vor dem Bundesverfassungsgericht gegen das Berliner Ladenöffnungsgesetz. Sie sind der Meinung, dass die Öffnung der Geschäfte an einigen Sonntagen, insbesondere denen in der Adventszeit, unter anderem das Recht auf freie (gemeinsame) Religionsausübung verletzt und deshalb grundgesetzwidrig ist. Der Sonntag ist schließlich für Gottesdienste da.
Ich will mich hier aber gar nicht groß mit den rechtlichen Argumenten auseinandersetzen, das langweilt die meisten Leser ja bloß. Ich möchte nur mal fragen, was das eigentlich für ein Armutszeugnis ist, dass die Kirchen der Meinung sind, die Menschen kämen nur dann zum Gottesdienst , wenn sie nichts anderes zu tun haben. Dass man den Menschen gesetzlich verbieten muss, am Sonntag einkaufen zu gehen, damit sie stattdessen aus lauter Langeweile und Verzweiflung die Kirche besuchen müssen.

Und sogar, wenn es um die Leute geht, die in den Geschäften arbeiten und die deshalb nicht die Wahl haben: Es macht mich manchmal einfach krank, mit welcher Selbstverständlichkeit die christlichen Kirchen in Deutschland die bevorzugte Behandlung einfordern, die sie gewohnt sind. Andere Religionen haben auch Feiertage, und bloß weil unsere Kirchen es doof finden, wenn am Sonntag gearbeitet wird, ist das noch lange nicht verfassungswidrig. Es will mir sowieso nicht recht in den Kopf, wie der Staat das Grundrecht auf freie Religionsausübung – oder irgendein Grundrecht - verletzen kann, indem er ein ordnungspolitisches Verbot aufhebt. Entgegen dem Anschein, den die Kirchen gern erwecken, wird ja niemand gezwungen, seinen Laden am Sonntag zu öffnen oder am Sonntag einkaufen zu gehen.

Auch bei den Gewerkschaften darf man vielleicht fragen, was das über diese Organisationen aussagt, deren Aufgabe es ist, der starke Verhandlungspartner der Arbeitgeber zu sein und dadurch die Interessen der Arbeitnehmer zu vertreten. Sie sehen sich dazu offenbar in vielen Fällen nur noch in der Lage, indem sie so lange herumheulen, bis der Gesetzgeber sich erbarmt und eine Regelung in ihrem Sinne trifft. Was ist denn aus der Tarifautonomie geworden, war die nicht auch mal ein hohes Gut?


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