Es könnte alles so einfach sein

16. November 2011

Als malefue mich bat anwies, einen Artikel über Spiritualität zu schreiben, war ich zunächst sehr einverstanden. Dann wurde mir klar, wie wenig es eigentlich dazu zu schreiben gibt, und ich schob das Projekt erst einmal auf. Aber heute fiel mir ein, dass es sich vielleicht lohnt, einen Artikel draus zu machen, wenn ich ein bisschen abstrakter werden und allgemein darüber schreibe, wie oft Leute sich und anderen das Leben schwer machen, indem sie nicht richtig darüber nachdenken, welche Worte sie wie benutzen, und was sie eigentlich bedeuten sollen.

Spiritualität ist dafür ein gutes erstes Beispiel. Mit diesem Begriff werfen Esoteriker und manchmal auch religiöse Menschen gerne nach Skeptikern und vernebeln damit die Diskussion, denn für mehr ist er nicht gut. Wikipedia sagt:

Spiritualität (von lat. spiritus ,Geist, Hauch‘ bzw. spiro ,ich atme‘ – wie altgr. ψύχω bzw. ψυχή, siehe Psyche) bedeutet im weitesten Sinne Geistigkeit und kann eine auf Geistiges aller Art oder im engeren Sinn auf Geistliches in spezifisch religiösem Sinn ausgerichtete Haltung meinen. Spiritualität im spezifisch religiösen Sinn steht dann auch immer für die Vorstellung einer geistigen Verbindung zum Transzendenten, dem Jenseits oder der Unendlichkeit.

Wir haben hier also einen Begriff, der in zwei… Nein, man kann nicht mal von “Bedeutungen” sprechen, finde ich, sagen wir also: Sinnen gebraucht wird. Einerseits kann er… ähm… so ziemlich alles heißen, was irgendwie mit Geistigem zu tun hat. Also alles. Und andererseits kann er alles heißen, was die Vorstellung von Transzendentem, Jenseits oder Unendlichkeit einschließt. Also alles, aber mit Bezug auf esoterischen oder religiösen Blödsinn.

Wenn nun unser Gläubiger (Ich benutze das von jetzt als Überbegriff für “esoterischer oder religiöser Mensch”) sowas sagt wie: “Was hast du denn gegen Spiritualität? Die ist doch voll wichtig, zur Selbstreflexion und zum Stressausgleich und schadet niemandem und das ist voll gemein, anderen das verderben zu wollen!” dann sind sie dabei bewusst oder unbewusst nicht ganz aufrichtig und machen genau das, was Christen zum Beispiel auch oft gerne mit dem Wort “Glauben” machen. Sie stellen eine Behauptung auf, die sich auf den weiteren Sinn des Wortes bezieht und ziehen daraus eine Schlussfolgerung, um diese dann auf den engeren Wortsinn zu beziehen.

“Spiritualität (im Sinne von allem Geistigen, also auch Meditation, Selbstreflexion, Nachdenklichkeit, Entspannung, Freude an Kunst…) ist etwas Wunderschönes und gut für den Menschen, also ist es unsinnig und engstirnig, gegen Spiritualität (im Sinne von Glaube an irgendwelchen magischen Blödsinn) zu wettern.”

Das ist ein ganz billiger rhethorischer Taschenspielertrick, aber er wirkt immer wieder bei Leuten, die es nicht gewohnt sind, über solche Dinge nachzudenken. Und das sind viele, und oft genug auch Philosophen und solche, die sich dafür halten.

Protipp: Wenn man in einer Diskussion deutlich das Gefühl hat, dass der andere Blödsinn redet, aber nicht erkennt, wo sein Fehler liegt, lohnt es sich fast immer, mal über die Bedeutungen der einzelnen Wörter nachzudenken und ihn zu fragen, was er damit meint.

Das möchte ich nun gleich einmal anhand eines in der Philosophie sehr bekannten Konzeptes darlegen: Der naturalistische Trugschluss ist gar keiner.

Ich meine das so: Grob gesagt, ist der naturalistische Trugschluss die Idee, man könnte aus dem, was ist, Schlüsse ziehen über das, was soll. Imperative lassen sich aber nicht aus Tatsachen herleiten. Also beispielsweise: “Schafe können nicht sprechen, also sollen Schafe nicht sprechen können.” oder weniger offensichtlich dämlich: “Gewalt verursacht Schmerzen, also sollte man keine Gewalt anwenden.” Leute sagen sowas manchmal vereinfacht, aber dabei unterschlagen sie dann eine zweite Prämisse, die wiederum keine Tatsache ist: “Gewalt versursacht Schmerzen und Schmerz sollte man vermeiden, also sollte man keine Gewalt anwenden.”

Klingt soweit unanfechtbar, aber… Moment. Irgendwo müssen die Imperative doch herkommen, die sind doch nicht einfach so da, und außer aus den Tatsachen können sie doch nirgendwo herkommen, denn was gibt es noch außer der Realität? (Gläubige haben darauf eine klare Antwort, aber die hilft uns ja nicht weiter.)

Hier hilft unsere Frage: Was ist denn eigentlich ein Imperativ? Was bedeutete “sollen”? Genau. Ein Imperativ, ein “sollen” ist immer das Gegenstück zu einem “wollen”, also zum Wunsch eines Menschen. Zu meinem, oder dem anderer Mitglieder meiner Gesellschaft. Und das sind wieder Tatsachen. “Gewalt verursacht Schmerzen, und wenn ich jemandem Schmerzen verursache, wird er mir danach nicht mehr besonders gewogen sein und mir vielleicht schanden, und ich will nicht, dass mir jemand schadet, also sollte ich Gewalt gegen andere Menschen vermeiden.”

Es kann sehr praktisch sein, Worte wie “Imperativ” oder “sollen” zu benutzen. Ich habe nichts gegen diese Worte, versteht mich nicht falsch. Aber man sollte nicht vergessen, dass sie eigentlich etwas bezeichnen, das nicht im absoluten, objektiven Sinne existiert, sondern nur als eine Vereinfachung.

Nach dem gleichen Muster (Keine Sorge, das ist mein letztes Beispiel.) können wir auch auf die oft gehörte These antworten, die Wissenschaft könne nur Fragen nach dem “Wie” beantworten, für das “Warum” brauche man aber Religion.

Was soll das “Warum” in diesem Kontext sein?

“Warum?” im Sinne einer Frage nach Kausalität ist es sicher nicht, denn in der Kausalität ist die Wissenschaft einigermaßen zu Hause, das würde nicht mal ein Fundamentalist bestreiten wollen.

Wir benutzen die Frage aber auch noch in einem anderen Sinne, nämlich dann, wenn wir fragen, welchen Zweck jemand damit verfolgt, dass er etwas tut. Warum schreibe ich diesen Artikel? Warum lest ihr ihn? Da geht es um unsere Absichten. Und nur, wenn man das “Warum” in diesem Sinne versteht, ergibt die These der reinen “Wie”-Wissenschaft halbwegs Sinn.

Aber wenn man sie zu Ende denkt, dann wird sie doch wieder sinnlos. Denn wenn das “Warum” eine Absicht bezeichnet, dann ist es der Wissenschaft damit erstens natürlich keineswegs verschlossen. Welche Absichten Lebewesen verfolgen, und wie sie darauf handeln, ist selbstverständlich eine wissenschaftlich erforschbare Frage. Und zweitens unterstellt das “Warum” damit völlig unberechtigt, dass hinter dem Universum und unserem Leben überhaupt eine Absicht steckt. Wir haben keinen Grund, eine solche Absicht anzunehmen, und wenn wir es doch täten, hätten wir bis auf Weiteres keine Möglichkeit, sie herauszufinden. Richtig formuliert müsste man also sagen:

Die Wissenschaft kann nur Fragen beantworten, für die wir schon sinnvolle Antworten gefunden haben. Für frei erfundene Antworten auf potentiell sinnlose Fragen braucht man dann Religion.

Und so ist es wieder richtig.


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