Boah, sag mal

16. Oktober 2012

Meinen die das eigentlich noch ernst, die bei der FAZ, oder veröffentlichen die schon mit Absicht Artikel, um ihre Leser zu verwirren?

Ein Plagiat, also „geistiger Diebstahl“, ist ein Vergehen und kann nach §106 des Urheberrechtsgesetzes mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe geahndet werden. Bei nachgewiesenem Plagiat handelt es sich also nicht um eine Bagatelle oder ein Kavaliersdelikt. Abwegig ist, wenigstens zurzeit, deshalb die Auffassung, wie sie im Grundsatzprogramm der Piratenpartei deutlich wird, wonach das geltende Urheberrecht eine unzumutbare Beschränkung der „aktuellen Entwicklung“ darstelle, da es „auf einem veralteten Verständnis von so genanntem geistigem Eigentum“ basiere.

eröffnet Wolfgang Bittner dort seinen Artikel anlässlich der aktuellen Plagiatsdiskussion um Frau Dr. Schavan (die mich übrigens nicht die Bohne interessiert).

Die Sätze sind ein bisschen verschachtelt und nicht ganz unkompliziert, aber wenn wir sie mal für etwas schlichtere Gemüter umformulieren, dann steht da:

Das geltende Urheberrecht sieht Strafen für Plagiate vor, deswegen ist es abwegig, das geltende Urheberrecht zu kritisieren.

Müsste nicht sogar bei der FAZ jemand gemerkt haben, dass das unfassbarer Blödsinn ist? Lesen die ihren Kram noch, bevor sie ihn veröffentlichen?


Wir auch.

10. Mai 2012

Wenn über hundert prominente Künstler sich gegen Angriffe auf das Urheberrecht zur Wehr setzen (allein diese Formulierung schon), dann erwartet man als Ergebnis gewiss ein eindrucksvolles Meisterwerk der Rhetorik, ein Fanal für Recht, Freiheit und das Gute im Menschen, ein Feuerwerk durchdachter Argumente, mitreißend vorgetragen und auf den Punkt gewählte Worte, die … Ja, ich weiß, so naiv sind wir in Wahrheit natürlich alle nicht.

In Wahrheit dabei herausgekommen ist www.wir-sind-die-urheber.de, und wer das dort hinterlegte Dokument gelesen hat, der hofft für die Beteiligten (soweit sie denn überhaupt Wortkünstler sind), dass sie es nicht selbst verfasst haben, denn sonst müsste man um ihr Überleben fürchten.

Ich kann das nicht oft sagen, und ich glaube, mir fällt sonst sogar kein einziges öffentlich diskutiertes Thema ein, zu dem das in diesem Umfang gilt, deswegen koste ich meine Position aus, so gut ich kann: In Bezug auf das Urheberrecht habe ich keine Meinung. Ich bin wirklich vollständig neutral. Auch wenn ich selbst hoffe, eines Tages mal von meinen Geschichten leben zu können, bin ich bis auf Weiteres nicht davon überzeugt, dass es dabei auf eine bestimmte Ausgestaltung des Urheberrechts ankommt. Ich gehe also wirklich unvoreingenommen an diese Diskussion heran und freue mich über jede Chance, etwas dazu zu lernen.

Das Dokument von “Wir sind die Urheber” ist keine solche Chance. Es ist nicht einmal ein nützlicher oder auch nur ein sinnvoller Beitrag zur Diskussion. Es ist gar nichts. Es enthält nichts Neues, es enthält keine Information, es enthält keine Argumente, es enthält nicht mal einen ernstzunehmenden Appell an meine Sympathie für Künstler. Ich würde es als bittere Enttäuschung bezeichnen, wenn ich glaubwürdig behaupten könnte, in dieser Debatte noch irgendeine Erwartung an neue Beiträge zu haben.

Wer trotzdem mehr wissen will und Lust auf ein bisschen Blödelei hat, der folge mir bitte hinter den Trennbalken.

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Und Brecht muss es ja wissen.

18. April 2012

Ich weiß nicht, ob ich nur zynisch und paranoid bin, aber ich habe derzeit den Eindruck, dass die faz nicht nur Freude daran hat, möglichst viel gehässigen Unsinn über die Piratenpartei zu schreiben, sondern sich dabei außerdem noch eines besonders armseligen Mittels bedient: Des Konsensinterviews. Ich weiß nicht, ob es dafür schon einen anderen Begriff gibt, aber bis auf Weiteres bleibe ich bei meinem, und es gibt eigentlich kaum eine Form von Journalismus, für die ich mich als Journalist mehr schämen würde.

Während Patrick Christian Lindners Bemerkung “Nur weil die Piraten gern gratis Filme, Musik und Bücher aus dem Internet herunterladen, ist das für die Gesellschaft insgesamt nicht gut.” noch eine dumme Gehässigkeit hätte sein können, die wir nur ihm persönlich zu verdanken haben, ist das vorgestrige Interview mit der kulturpolitischen Sprecherin der Grünen Agnes Krumwiede für mich kaum noch anders zu erklären als durch völlig Befreiung von jeglichem Anspruch und Schamgefühl seitens der verantwortlichen Mitarbeiter.

Kurzer Exkurs: Ja, Frau Krumwiede ist auch Pianistin. Ist doch klar, dass ich mich an Künstler wende, wenn ich was zum Urheberrecht wissen will. Wenn es um Jagdrecht geht, ist doch auch ein Hirsch der beste Ansprechpartner.

Konsensinterviews zeichnen sich dadurch aus, dass sie völlig auf investigative Fragen und eigentlich jede Form von Journalismus verzichten, weil es in ihnen nur darum geht, dass die Gesprächspartner einander möglichst nachdrücklich zustimmen. Wenn man noch ein kleines bisschen Respekt vor den Lesern hat, versteckt man das durch Scheinfragen wie:

Brauchen wir ein „neues“ Urheberrecht?

oder

Die Kritiker heben auf die „Verwerter“ ab und sagen, es gelte, deren Interessen auszuschalten, um für die gebeutelten Urheber einzutreten. Geht die Gleichung auf?

(Anscheinend hörte das Interview sehr früh auf, sich auf die Piratenpartei zu beziehen, und drehte sich dann stattdessen um irgendwelche diffusen “Kritiker”. Nicht, dass irgendjemand sich Mühe gegeben hätte, sicherzustellen, dass niemand auf die Idee kommt, es gehe hier um die Position der Piratenpartei.)

Aber man kann natürlich auch völlig enthemmt auf Fragen verzichten und der Interviewpartnerin nur noch Stichwörter geben:

Man kann den Eindruck haben, das Grundsätzliche gerate aus dem Blick.

(Ja, das ist die ganze Frage.) oder:

Es gibt einen erstaunlichen Gleichklang zwischen den Forderungen der Piraten und den Interessen von Internetkonzernen wie Google oder Facebook.

Und diese … naja, Frage fand ich nun schon so perfide, dass mir beinahe die Worte fehlen. The fuck, faz? Ich meine … Bin ich das, oder will Michael Hanfeld hier unterstellen, dass die Piraten in Wahrheit gekaufte Schergen finsterer Konzernbosse sind, traut sich aber nicht, das direkt zu sagen, weil diese Unterstellung sogar für ein FAZ-Interview zu blöde und zu unverschämt wäre?

Frau Krumwiede antwortet darauf jedenfalls einfach mal fröhlich frei:

Forderungen wie nach einer Verkürzung der urheberrechtlichen Schutzfristen bedienen in erster Linie die Interessen großer Internetkonzerne.

Das muss sie natürlich nicht erklären oder begründen, denn es ist ja ein Konsensinterview. So kann sie ganz ungestört weiter erzählen:

Dass Google auch in Berlin ein Institut finanziert zur „unabhängigen“ Erforschung von Internetfragen, bereitet mir Unbehagen.

Unbehagen. Ist klar. Wo kommen wir denn da hin, wenn Unternehmen Forschung betreiben?

Wie unabhängig ist Forschung, wenn sie von einem Internetriesen finanziert wird?

Genau, Frau Krumwiede. Forschung ist natürlich nur dann unabhängig, wenn sie … ähm … nicht finanziert wird. Ansonsten bereitet sie uns Unbehagen. Oder ist es eher so, dass Unabhängigkeit uns nur wichtig ist, wenn sie sich auf Geldgeber bezieht, die wir nicht mögen? Und was hat das jetzt noch mal mit der Politik der Piratenpartei zu tun? Hm. Vielleicht müssen wir darüber noch mal nachdenken. Aber die Hauptsache ist doch:

„Wo die wirtschaftliche Macht ist, verliert der Urheber“, hat Bertolt Brecht erkannt.

Ich schätze, damit ist die Sache klar.

Um Himmels Willen. Ich bin ja nun auch kein Anhänger der Piratenpartei, und ich habe bis auf Weiteres keine Meinung dazu, wie ein vernünftiges Urheberrecht aussehen sollte, aber wenn ich lese, was die FAZ zurzeit so dazu schreibt, bin ich immer ganz ratlos, ob ich die Leute, die dort arbeiten, verachten oder bemitleiden soll, oder ob ich vielleicht doch versuchen sollte, professionelle Hilfe zu organisieren.


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