Mit Verlaub, Herr Haas, Sie sind ein

24. Juli 2011

Mensch der offenbar nicht verstanden hat, was Aufklärung bedeutet, aus irgendeinem mir nicht ersichtlichen Grund Technologie, Wissen und Vernunft als etwas Beängstigendes empfindet und aus ebenso unerfindlichem Grund das Bedürfnis verspürt, dieses debile Ressentiment sogar in etwas so harmlosem wie einer kurzen Rezension einer kurzen Fernsehserie zu propagieren, was ich als sehr unerfreulich und verwerflich empfinde.

Mir schwante schon Übles ob der Einleitung, die Herr Haas für seinen Text zu der BBC-Serie “Sherlock” gewählt hat. Er spielt Überraschung ob der Entscheidung, Herrn Holmes in die Gegenwart zu versetzen:

“Ein Detektiv also, noch dazu ein Erbe der Viktorianischen Epoche? Einer, der stolz mit den Mitteln der Ratio hantiert, als sei die Aufklärung eine rundum glückliche Veranstaltung gewesen?”

fragt er, und ich frage mich an diesem Punkt noch um Offenheit bemüht, wie er das meinen könnte. Will er vielleicht nur sagen, dass die Aufklärung noch lange nicht abgeschlossen ist und sich als vielfach schwieriger herausgestellt hat als ihre naiven Begründer damals erwarteten? Das wäre ja noch verständlich und richtig, aber das kann es nicht sein, denn erstens drückt Herr Haas durch seine Formulierung aus, dass er es für unangebracht hält, stolz mit den Mitteln der Ratio zu hantieren, und damit erhält auch der ambivalente zweite Halbsatz für mich eine klare Richtung: Die Aufklärung war keine glückliche Veranstaltung, sondern eine unglückliche. Davon wusste ich bisher nichts, und nun hoffe ich, dass Herr Haas sich auch weiterhin vom Thema seines Artikels nicht in der Verbreitung seiner stumpfsinnigen kleinen Vernunftfeindlichkeit bremsen lässt.

Ich werde nur halb enttäuscht, wobei enttäuscht nicht das richtige Wort ist, denn es kommt, wie ich es von so jemandem erwarte: Herr Haas lässt sich zwar nicht bremsen, kommt aber auch nicht zur Sache. Er wirft weiter mit bedeutungsschwangeren Andeutungen um sich, ohne uns naive Fortschrittsgläubige in die Hintergründe einzuweihen. Er schreibt zum Beispiel:

In dieser Figur laufen die Konfliktlinien der modernen Wissensgesellschaft zusammen“,

und dann lässt er uns damit hängen, ohne zu verraten, welche Konfliktlinien er meint. Ich will nicht leugnen, dass es die gäbe, aber in den nächsten Sätzen schildert Herr Schächter Haas, dass Holmes “als Virtuose der analytischen Kombinatorik” (Ist klar, ne?) mit den “Instrumenten unserer Kommunikationstechnologien” umgeht (womit wahrscheinlich Computer und Handys gemeint sind), sich aber trotzdem manchmal bewegen muss, am liebsten aber nur noch denken würde. Sieht da jemand die Konflikte unserer Gesellschaft zusammenlaufen? Oder irgendwas anderes? Ich bin für jeden Hinweis dankbar.

Falls ihr mir jetzt noch Vorurteile und übertriebene Empfindlichkeit unterstellt und denkt, es könne ja alles ganz anders gemeint sein: Das hielt ich offen gesagt auch noch für möglich, bis ich diesen Satz las:

Wir wissen, dass die Aufklärung auch die Barbarei ausbrütet.

Und dazu habe ich so ziemlich nichts zu sagen, das Herr Haas nicht als Anlass zu einer Beleidigungsklage nehmen könnte. Deswegen lasse ich es und fordere euch auf, selbst zu überlegen, wie viele Beispiele für Barbarei auf Basis eines aufgeklärten, wissenschaftlich-rationalen Weltbildes euch einfallen. Und wehe, einer sagt Hitler. Dann schreie ich.

(Die Serie könnte aber gut sein. Heute um 21:45 Uhr, ARD. Falls ihr Lust habt.)


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