Geht sterben (1)

12. September 2011

Ach, FDP, ich will dich doch mögen. Genau wie George R.R. Martins Blog, genau wie Six Feet Under, genau wie den Papst. Aber genau wie die auch alle wehrst du dich mit Händen und Füßen und Zähnen und Klauen dagegen. Du demontierst dich zurzeit mit einer Leidenschaft und einer Professionalität, wie ein ganzes Heer von Marketingberatern sie nicht vermitteln könnte und hast es in kürzester Zeit vom strahlenden (wenn auch damals schon unverdienten) Wahlsieger zur Witzfigur unter den Parteien gebracht, die keiner mehr braucht, es sei denn als Objekt des Mitleids oder des beißenden Spotts. Warum nur, FDP?

Wie stellt ihr euch das mit eurer Führung vor? Wollt ihr mit Herrn Westerwelle noch irgendwas machen, oder soll das alles bleiben, wie es ist, damit Herr Rösler und seine Kollegen weiterhin jemanden haben, von dem sie sich in jedem Interview distanzieren können? Ich verstehe das schon, ohne ihn bestünde ja die Gefahr, dass Herr Rösler sich irgendwie inhaltlich äußern müsste, und das wollen wir wohl alle nicht.

Wie wollt ihr euch neben den anderen Parteien positionieren? Wollt ihr eine liberale Partei sein, oder weiter auf dem Weg zur fünften sozialdemokratischen Bundestagsfraktion bleiben? “Es ist nicht marktwirtschaftlich, wenn Menschen acht Stunden am Tag für Löhne arbeiten, von denen sie nicht leben können“? Raffiniert, Herr Garg. Die unsinnige Gängelei wird gleich viel liberaler, wenn man sie nicht mit Defiziten in der sozialen Gerechtigkeit begründet, sondern ihr Objekt als “nicht marktwirtschaftlich” deklariert. Klar. Die Entscheidungen der Marktteilnehmer sind natürlich nur dann “marktwirtschaftlich”, wenn sie den Wünschen der Regierung entsprechen, und müssen ansonsten per obrigkeitlichem Zwang korrigiert werden. Urliberale Position, das.

Ich meine, ihr müsst das wissen. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die euch genau sagen können, wie ihr euer Programm ändern müsst, um endlich irgendwo mal wieder mehr als 3% zu erzielen. Ich habe keine Ahnung von Wahlkampf. Vielleicht ist es ein Mords-Erfolgskonzept, die kleinste SPD zu werden. Vielleicht macht ihr aus dieser Sicht alles genau richtig.

Ich gehöre aber ganz bestimmt zu den Leuten, denen ihr es mit solchen Manövern noch mal erheblich erschwert, euch wenigstens als das geringste Übel zu empfinden. Was euch wiederum fast egal sein kann, weil ich außerdem zu den Leuten gehören, die euch sowieso noch nie gewählt haben.

Ich mein halt nur.


Weniger reden, mehr zuhören

27. Februar 2010

Ich finde ja, dass ein guter Teil der viel zu hysterischen Diskussionen in diesem Land vermieden werden könnte, wenn man weniger versessen darauf wäre, seine Meinung zu verteidigen, und mehr versuchen würde, die der anderen zu verstehen. Oder mit den Worten von xkcd:

You don’t use science to prove you’re right. You use science to become right.

In diesem Sinne würde ich mit euch gerne über ein paar Themen sprechen, über die ich in den letzten Tagen nachgedacht habe. Zu manchem habe ich schon eine Meinung, zu manchem wirklich noch nicht. Aber bei allen will ich hier nicht rumkrakeelen und sagen, wie’s richtig ist, sondern ich würd’s gerne von euch wissen. Eure Sichtweise interessiert mich sehr, denn meine eigene kenne ich ja schon. Natürlich kann ich es dabei nicht ganz lassen, auch zu verraten, wohin ich tendiere. Ich bin ja auch nur ein Mensch. Ich bilde mir aber wirklich nicht ein, die Antworten schon zu kennen. Ehrenwort.

Versuchen wir also gemeinsam mal einen echten Dialog, statt des sonst üblichen Schreiwettbewerbs, bei denen am Ende keiner mehr weiß, worum es eigentlich ging.

  1. Muss natürlich sein: Westerwelle. Ich habe nicht den Anspruch, alles gelesen zu haben, was er so gesagt hat. Aber ich habe seinen Artikel in der Welt gelesen und ihm auch sonst schon hin und wieder zugehört. Und ich frage mich: Woher kommt der Hass? Ist es das Gesamtbild? Oder gibt es tatsächlich einzelne Zitate von ihm, die ich nicht kenne, die die atemberaubende Ablehnung begründen, die ihm zurzeit entgegenschlägt?
    (Um die Sache ein bisschen einzugrenzen: Wir wollen hier nicht darüber diskutieren, ob er mit irgendwas Recht oder Unrecht hat. Ich möchte nur darüber reden, wo er eurer Meinung nach den Bereich der Achtung der Menschenwürde verlassen hat und zum widerwärtigen Hetzer wurde.)
  2. Käßmann. Über die bin ich wirklich noch ganz unschlüssig. Muss man wegen so etwas zurücktreten? Darf man? Ist das ein Vergehen, das nichts mit ihrem Amt zu tun hat? Oder hat sie sich mit diesem Fehler so disqualifiziert, dass sie ihr Amt nicht mehr ausfüllen kann? Verdient der Rücktritt Respekt? Macht er vielleicht sogar das ursprüngliche Vergehen schon wieder wett? Oder ist er nur eine Selbstverständlichkeit und das ganze Hochachtungs-Geschwafel nur Augenwischerei?
  3. Nochmal Käßmann. Einen Schritt zurück. Ich habe so ein Gefühl, dass es unanständig ist, dass diese Verfehlung von ihr dermaßen öffentlich stattfindet. Ein Mensch sollte sowas mit sich ausmachen können. Oder muss die Öffentlichkeit es erfahren, wenn jemand in so exponierter Stellung so entgleist? Wäre es eher unanständig gewesen, die Menschen nicht darüber zu informieren, dass die höchste Repräsentantin der evanglischen Kirche in Deutschland eine… tja, kaum entschuldbare Straftat begangen hat?
  4. Brauchen wir einen öffentlich-öechtlichen Rundfunk in Deutschland? Ist es gut, dass wir einen haben? Darf der auch Sachen ins Internet stellen, oder soll er im Fernsehen bleiben? Wie finanziert man ihn am besten? Sollte es vielleicht sogar eine öffentlich-rechtliche Zeitung geben?

So, ich hoffe, dass da für jeden mindestens ein Thema dabei ist, das ihn interessiert. Ich bin gespannt auf eure Gedanken.


Demaskiert

12. Februar 2010

Viele Menschen können Guido Westerwelle nicht leiden. Sie haben dafür gute Gründe. Ich glaube nicht, dass man Bundesminister werden kann, ohne anderen Leuten gute Gründe zu liefern, einen nicht leiden zu können.

Ich selbst finde Guido Westerwelle noch relativ sympathisch, verglichen mit den anderen Parteivorsitzenden, aber das heißt natürlich nicht viel. Ich habe auch kein Problem damit, wenn man ihn kritisiert, und sogar mir würden ein paar ziemlich dumme Sachen einfallen, die er im Laufe der Zeit von sich gegeben hat.

Was Frédéric Valin aber gerade bei Spreeblick über Westerwelle geschrieben hat, das ist - wenn ich ihn richtig verstehe - Unsinn. Zunächst zitiert er das FDP-Mantra “Leistung muss sich wieder lohnen” lustig. Das ist tatsächlich so ein Spruch, den ich selbst auch nicht mehr hören kann, weil er eigentlich nichts aussagt. Ich bin außerordentlich dafür, sich über diesen bis zur Sinnlosigkeit abgegriffenen Slogan lustig zu machen. Dann aber schlägt der Spreeblicker eine Volte, bei der ich nicht mitkomme. Er zieht eine Verbindung zu Mindestlöhnen, denn die brauche man ja, damit Leistung sicht lohn. Gutes Geld für gute Arbeit und so. Aber Mindestlöhne seien laut Westerwelle Planwirtschaft. Frédéric kommt zum Schluss:

“Leistung muss sich zwar wieder lohnen, aber wenn man tatsächlich etwas dafür tun könnte, dass sie sich wieder lohnt, ist das auch Sozialismus. [...] Sich derart zu demaskieren, das hat seit Rudolf Scharping keiner mehr hinbekommen.”

Was ich von gesetzlichen Mindestlöhnen halte, habe ich schon woanders aufgeschrieben. Hier geht es mir um Frédérics These, Westerwelle sei hier eine politische Selbstdemaskierung gelungen, wie sie seit Rudolf Scharping (!) kein anderer Politiker vollbracht hat. Eine echte Sensation also, schon fast Skandal. Weil er für Leistungsgerechtigkeit ist und gleichzeitig gegen Mindestlöhne. Man ist also für Mindestlöhne, oder man ist gegen Leistungsgerechtigkeit. Beides geht nicht.

Aus meiner Sicht sind dafür nur zwei Erklärungen denkbar:

  1. Frédéric benutzt hier bewusst einen billigen rhethorischen Trick, um seine Leser davon zu überzeugen, dass Westerwelle unehrlich oder ein Spinner ist, und dass außerdem nur durch die Einführung von Mindestlöhnen sichergestellt werden kann, dass Arbeit gerecht entlohnt wird. Er verzichtet bewusst darauf, echte Argumente zu recherchieren – die es sicher gäbe – und verlässt sich stattdessen auf eine rhethorische Nebelwand.
  2. Frédéric hat sich an seiner verständlichen Abneigung gegen Westerwelle so berauscht, dass er es versehentlich nicht mehr geschafft hat, seine Argumentation zu Ende zu denken.

Habe ich noch eine Möglichkeit übersehen? Seid ihr anderer Meinung? Bitte lasst es mich wissen. Vielleicht sehe ich das ja einfach nicht sachlich genug.


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