Ich habe ja nichts gegen Journalistinnen, per se

9. September 2016

Die erfüllen eine wichtige Aufgabe, und wenn sie sie gut machen, können die Ergebnisse total schön und toll sein. Wie bei Bäckern, Ingenieurinnen und Juristen auch. (Ja, was? Es gibt tolle Schriftsätze und RICHTIG gute Gerichtsentscheidungen.)

Ich habe aber was gegen die verbreitete Überzeugung, sie wären inhärent was Besseres, Wichtigeres als diese anderen Berufe, die noch mal erheblich peinlicher wird, weil sie (nur teilweise in der Natur der Sache liegend) vorrangig von Journalisten verkündet wird.

Florian Aigner fällt mir als halbwegs aktuelles Beispiel ein. Kürzlich verkündete er, eine Zeitung sei keine Zahnbürste, und deshalb müsse man irgendwie sicherstellen, dass sie auch dann noch am Leben erhalten werde, wenn sie nicht mehr genug Kundinnen finde, die freiwillig dafür bezahlen wollten. Er schreibt nicht genau wie, aber irgendwie soll das dann wohl vom Staat erzwungen werden, weil wir Zeitungen so dringend brauchen. Wie auch Bananen, Fahrräder und Blumentöpfe, wie er selbst einräumt, aber aus voll guten Gründen, die er nicht so richtig dezidiert darlegt, sollen ihre Herstellerinnen trotzdem nicht denselben Gesetzmäßigkeiten unterliegen wie die anderen, denn „Der freie Markt ist nicht dafür geeignet, die passende, gesellschaftlich nötige Zahl von Zeitungen und Magazinen zu ermitteln„. Jo. Wenn er rausgefunden hat, wer besser dafür geeignet ist, und wie das dann läuft, informiert er uns gewiss. Egal. Ich wollte damit nur die Grundhaltung illustrieren, die ich kritisiere, und an die mich ein kleiner, via 6vor9 im Bildblog gefundener Post des DJV heute erinnert hat:

Der Deutsche Journalisten-Verband warnt alle Journalistinnen und Journalisten davor, sich auf Interviewvereinbarungen mit der deutschen Schauspielerin Martina Gedeck einzulassen

Und nun muss ich zugeben, dass mir das einerseits immer noch viel sympathischer ist als die Haltung von Herrn Aigner, weil der DJV immerhin nur Journalisten warnt und aufruft, statt Zwangsmaßnahmen zu fordern, aber dennoch finde ich das Ganze so massiv putzig, dass ich den Drang verspürte, es kurz zu kommentieren, und das geht ja weder bei 6vor9, noch auf der DJV-Seite.

Frau Gedeck fordert offenbar, dass man Zitate mit ihr abstimmt, die hervorgehoben z.B. in Überschriften verwendet werden sollen, und sie will auch bei der Auswahl der Bilder mitreden. Und der DJV meint:

„Wenn Journalisten zu Werbeträgern degradiert werden sollen, ist Boykott die einzig mögliche Antwort.“

Und ich finde halt… Also, ich finde natürlich, dass es jeder Journalistin bzw. überhaupt allen Menschen völlig freisteht, zu entscheiden, unter welchen Bedingungen sie bereit sind, Gespräche zu führen, oder nicht. Wenn jemand mit Frau Gedeck nicht reden will, soll ers gerne lassen. Aber die Empörung, die da aufwallt („zu Werbeträgern degradiert“), die finde ich erbärmlich, weil sie aus diesem oben dargestellten peinlich aufgeblähten Verständnis der eigenen konstitutiven Bedeutung für die Gesellschaft und die Würde des Menschen an sich oder so fließt. Herrgott, ihr interviewt eine SCHAUSPIELERIN! Das Produkt, das dabei rauskommt, ist Werbung, obs euch passt oder nicht, da könnt ihr euch eure staatstragende Verantwortungshysterie wirklich klemmen. Bei Politikerinnen können wir drüber reden, aber bei Schauspielern echt nicht.

Und außerdem wisst ihr als Journalisten ganz genau, wie zum Beispiel Gala, Bild und die aktuelle arbeiten, und wenn ihr dann trotzdem noch so tut, als wäre es eine völlig unbegreifliche Anmaßung von einer Interviewpartnerin, den Inhalt des veröffentlichten Produkts im Vorhinein möglichst genau kennen und mitbeeinflussen zu wollen, dann ist das eine Form von Heuchelei, für die sich jede Ingenieurin mit ein bisschen Selbstachtung schämen würde. Und ihr so?


Suizid aus Angst vor dem Tod

21. August 2016

Zu den kleinen Ärgernissen, die meinen Alltag begleiten, gehört es, regelmäßig  die Seite Zettels Raum als Referrer in meiner Blogstatistik zu sehen. Warum Ärgernis? Och naja. Zettels Raum ist so ein Blog, das in gewissen Kreisen als Oase der Vernunft gelobt wurde und in den früher von mir öfter mal frequentierten liberalen Blogs hohes Ansehen genoss. Ich konnte das nie richtig nachfühlen, denn mir war es erstens zu konservativ-überheblicher-alter-weißer-Mann, und zweitens, äh, ja. Ich verbinde also von vornherein nichts Gutes mit Zettels Raum und habe den Eindruck, dass es seit dem Tod des Begründers nicht unbedingt besser geworden ist. Trotzdem klicke ich manchmal auf den Referrer-Link, ihr kennt mich ja, und nun fand ich da doch tatsächlich einen Beitrag zu meinem aktuell liebsten Pet Peeve.

Nix wie ran also.

Auf seinem Facebook-Profil postete WELT-Autor Alan Posener kürzlich ein Bild von einer Frau in einem Ganzkörper-Schwimmanzug, das um 1900 aufgenommen sein mag, zusammen mit dem Kommentar „Am besten nachträglich verbieten, was Oma da getragen hat“.

Andreas Döding fährt nun fort, uns zu erklären, warum die beabsichtigte Parallele zum Burka-Verbot schief ist: Weil nämlich damals eine Frau, die ähnlich entkleidet schwimmen gegangen wäre, wie es heute üblich ist, sich Sanktionen ausgesetzt hätte.

wäre damals eine Frau bekleidet mit einem heutigen Bikini in einer öffentlichen Badeanstalt aufgetaucht, wäre sie zweifellos von der Sittenpolizei verhaftet worden.

Das Problem ist also:

Der anything-goes-Liberalismus, für den sich Posener immer wieder stark macht, hat eine zentrale Voraussetzung, nämlich daß er auf prinzipieller Gegenseitigkeit beruht.

Und da muss ich schon sagen, frage ich mich kurz, ob Herr Döding uns verschaukeln will. Weil…

NEIN! Nein, verdammt noch mal, hat er nicht. Also, oder genauer: Ich hab keine Ahnung, wofür Herr Posener sich stark macht, ich kenne ihn nicht, aber wenn ich Liberalismus ernst nehme, dann setze ich eben gerade NICHT (rpt. NICHT) Gegenseitigkeit voraus. Liberalismus heißt, eben NICHT diesem bescheuerten Argument zu folgen „Wenn man in Mekka keine Kirche bauen darf, warum soll man dann in München eine Moschee bauen dürfen?“, sondern darauf zu vertrauen, dass gelebte Freiheit nicht nur das angenehmere, sondern langfristig auch das erfolgreichere, das einzig nachhaltig funktionierende Modell einer kooperativen Gesellschaft ist. Gelebter Liberalismus heißt natürlich nicht, einfach buchstäblich alles hinzunehmen, auch klar, aber wenn ich diese Haltung nur gegenüber anderen Positionen einnehme, die der meinen prinzipiell entsprechen, dann gehört da nicht viel Liberalismus dazu. Hitler kam auch gut mit anderen Nazis klar, also, prinzipiell.

Daß also, um im Beispiel zu bleiben, die Trägerin eines Burkinis (und ihre männliche Begleitung) einer Bikiniträgerin mit der gleichen Toleranz und Offenheit begegnet wie das umgekehrt der Fall sein mag.

Nein, nein, nein! Ich kann gar nicht oft und deutlich genug betonen, wie weit daneben ich das finde. Meine Toleranz und Offenheit sollte NICHT davon abhängen, ob andere mir die gleiche entgegenbringen. Nur weil jemand mich für meine Kleidung verachtet, ist es nicht plötzlich okay, das dieser anderen Person gegenüber genauso zu machen. Eine liberale Haltung äußert sich NICHT (rpt. NICHT) darin, dass ich Offenheit mit Offenheit und Intoleranz mit Intoleranz begegne, sondern dass ich mich stets für eine offene, tolerante Haltung der Gesellschaft einsetze, und zwar unabhängig davon, ob die von der Mehrheit abweichende Meinung oder Verhaltensweise zu meiner passt, oder nicht. Bekannte Verfechter des Liberalismus sollen sich sogar zu der Ansicht haben hinreißen lassen, eine liberale Haltung zeige sich überhaupt erst wirklich gegenüber denen, die ich im Unrecht wähne. So wird beispielsweise Voltaire das geflügelte – und zugegebenermaßen etwas abgenutzte – Wort zugeschrieben „Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie nur sagen dürfen, solange sie auf Gegenseitigkeit beruht“, oder so ähnlich.

Das Konservative bedrängt und verdrängt auf lange Sicht das Liberale, wenn man es zuläßt.

Und spätestens jetzt wisst ihr, worauf ich mit dem Titel dieses Beitrags anspiele: Herr Döding fürchtet eine Gesellschaft, in der Leute nicht mehr anziehen dürfen, was sie wollen, und schlägt zur Vorbeugung vor, man möge doch den Leuten bestimmte Kleider verbieten.

Der Liberale zieht sich, wenn  ihm etwas unangenehm wird, tendenziell ins Private zurück, überläßt damit jedoch den Illiberalen das Feld. 

Nein, nein, nein! Hier hat Herr Döding noch mal explizit aufgeschrieben, wo er Liberalismus missverstanden hat: Liberalismus ist nicht Gleichgültigkeit. Ist nicht Rückzug und Akzeptanz insbesondere illiberaler Bedingungen in der Gesellschaft. Liberalismus ist das nachdrückliche Eintreten für eine liberale Gesellschaft, GERADE dann, wenn es unangenehm wird. Er zeichnet sich dabei dadurch aus, dass er dafür das mildest mögliche Mittel bevorzugt, also in der Regel gute Argumente, Vorbilder, gutes Beispiel und einfach den Erfolg und Wohlstand, den freie Gesellschaften erfahrungsgemäß erzeugen. Aber er schreckt auch vor der Konfrontation nicht zurück, wenn sie nötig wird, um die Freiheit zu schützen.

Konkreter: Nach meinem Verständnis darf eine liberal eingestellte Person eine Burka kritisieren, insbesondere wenn sie aus schlechten Gründen getragen wird, wie religiöse Vorschriften sie nun einmal darstellen. Dennoch wird sie aber die Burkaträgerin verteidigen, wenn jemand ihr ihre bevorzugte Kleidung gewaltsam streitig zu machen versucht, genauso wie sie einen Bikiniträger verteidigen wird, wenn er wegen seiner freizügigeren Garderobe Schutz vor anderen braucht.

Kann man gesellschaftlichen Liberalismus „verordnen“, indem man Verbote, etwa von Burkinis, erläßt? Nein, verordnen kann man ihn so nicht, aber man kann ihn, vermutlich nur auf diese Weise, schützen.

Und jetzt, wo ich noch mal drüber nachdenke, bin ich wirklich nicht mehr sicher, ob das ernst gemeint sein kann. Gesellschaftlicher Liberalismus lässt sich vermutlich nur schützen, indem wir Leute bestrafen, die sich nicht liberal genug kleiden.

Wow.

Gott, wäre das peinlich, wenn Herr Döding nur einen satirischen Beitrag geschrieben hätte und ich ihm auf den Leim gegangen wäre. Ich müsste mich so schämen.

Aber ich wäre andererseits so maßlos erleichtert.

[Nachtrag: Schau an. Die Oase der Vernunft hat zwar offenbar keine Lust, sich mit mir auseinanderzusetzen, hat mich aber inzwischen aus ihrer Blogroll entfernt, wenn ich das richtig sehe. Joa. Na gut. Ein Ärgernis weniger.]


Berthold Kohler hat es nicht verstanden

20. August 2016

und ich hatte ja gesagt, wir machen das dann so lange noch weiter. Und Jungejunge, es kommt mir prinzipiell auch wirklich nötig vor. Was zurzeit an Meinung für veröffentlichungstauglich gehalten wird, gruselt mich, und ich muss mich bewusst dran erinnern, dass das nicht zwingend ein Trend sein muss, und dass schon immer viel Quatsch durch die öffentliche Debatte kroch, aber ein bisschen besorgt darf man doch wohl sein, wenn Leute sich nicht schämen, so was zu schreiben, und die faz sich nicht schämt, sowas zu drucken:

Gerade wegen der Symbolträchtigkeit der Burka muss der Staat gegen sie vorgehen, bis an die Grenzen des vom Grundgesetz Erlaubten.

Schon diese Formulierung lässt nichts Gutes über die Gesinnung des Verfassers ahnen. Wir hören und lesen die in verschiedenen Varianten zurzeit oft, wenn Herr de Maiziére zum Beispiel meint, ein komplettes Verhüllungsverbot sei nicht ratsam, weil das BVerfG es nicht akzeptieren würde.

Was ich damit meine? Naja. Innenminister und Bundestagsabgeordnete sind Leute, die in diesem Land dafür da sind, Gesetze zu machen und auszuführen und ihre Einhaltung zu überwachen und die letzten Endes die ganze Staatsmacht in der Hand halten. Und Berthold Kohler ist immerhin ein Herausgeber einer der größten und national wie international angesehensten deutschen Tageszeitungen. Wenn solche Leute so klar zu erkennen geben, dass sie Grundrechte nicht ihrem Wesensgehalt nach verstehen und akzeptieren, sondern nur als lästige Einschränkungen ihres Handlungsspielraums verstehen, die man so weit wie irgend möglich ausschöpfen und umgehen sollte, dann ist das ein Problem, oder findet ihr nicht?

Und auch ein Problem sind natürlich die abenteuerlich irrationalen Verrenkungen, die die Befürworter eines Verschleierungsverbotes in ihrer Argumentation anstellen. Ich muss zwar zugeben, dass ich mir gar nicht sicher bin, ob ich es nicht vielleicht doch ein bisschen vorziehe, dass sie es noch für nötig halten, ihren xenophoben Mist zumindest noch ein bisschen schamhaft zu, hihi, verhüllen und hinter albernen Scheingründen zu verstecken, aber peinlich ist es andererseits doch.

Die Erregung über den Schleier selbst wird verstärkt durch eine abermals als Zurückweichen wahrgenommene Reaktion in der Politik, die sich häufig so präsentiert: Persönlich bin ich natürlich gegen die Ganzkörperverhüllung – aber machen kann man dagegen nichts.

Noch so ein Zeichen einer besorgniserregenden Geisteshaltung: Man kann nichts dagegen machen, wenn man es nicht verbieten kann. Das sind die zwei Alternativen, die Herr Kohler kennt: Entweder, man kann Leute bestrafen, wenn sie eine Sache tun, die einem nicht gefällt, oder man kann nichts dagegen machen. Dazwischen gibts nichts.

Und wenn nationalistische Populisten versuchen, ihre Anhänger davon zu überzeugen, dass die Stärke einer Gesellschaft sich darin zeigt, dass sie allen, die sich nicht an ihre Gepflogenheiten halten, auch mal richtig einen in die Fresse gibt, dann ist die Antwort der faz nicht etwa, zu erklären, was der Sinn hinter Freiheitsgrundrechten ist und dass die AfD und Pegida und all ihre großen und kleinen Freunde lügen und Panik verbreiten und Hysterie zu sähen versuchen, wo wir Besonnenheit und Vernunft bräuchten, sondern dann ist die Antwort die Forderung nach einem Exempel. Man könnte enttäuscht sein, wenn man Erwartungen gehabt hätte.

Die Burka wird damit zum neuen Symbol für einen schon an seinen Grenzen allzu offenen und machtlos erscheinenden Staat, dessen Repräsentanten den Bürgern predigen, der Einzug von Migranten (mit mitunter befremdlichen Sitten) müsse in einer liberalen Gesellschaft eben hingenommen werden als der Preis der ansonsten segensreichen Globalisierung.

Bevor ihr fragt oder am Ende noch den Link klicken müsst: Nein, das ist alles noch Herr Kohlers Text in der faz. Ich bin nicht versehentlich in den Tab mit der Pegida-Page gerutscht. Das ist die Perspektive eines der Herausgeber der faz. Dass Nichtdeutsche dieses Land betreten und sich hier anders verhalten als die Ureinwohner, ist der „Preis“ der Globalisierung; ist also ein reiner Nachteil, ein Schaden für dieses Land. Ja, ich weiß, er verkauft das nicht als eigene Meinung, sondern als was die Repräsentanten des Staates den Bürgern „predigen“, aber ich muss ja nicht jeden noch so platten Kniff mitmachen, mit dem Leute ihre xenophobe und rassistische Haltung zu externalisieren versuchen.

Doch immer weniger Deutsche sind bereit, diese Behauptung zu akzeptieren.

Und ich würde mich zu ihnen zählen. Aber so meint er das natürlich nicht.

Wenn, was alle beteuern, Integration das Gebot des Jahrhunderts zur Bewältigung der größten Herausforderung seit der Wiedervereinigung ist, die Vollverschleierung aber hinderlich für die Integration (Merkel), dann muss der Staat gerade bei einem symbolträchtigen Thema wie der Burka bis an die Grenzen dessen gehen, was das Grundgesetz erlaubt.

Genau. Weil der Staat natürlich bei allem, was hinderlich für die Integration ist, bis an die Grenzen gehen muss, zumindest, nachdem Leute wie Herr Kohler und die AfD und die CDU/CSU es mühsam zu „einem symbolträchtigen Thema“ hochgeschrieben haben. Und wo liegen diese Grenzen? fragt ihr euch jetzt vielleicht. Keine Angst, Herr Kohler hat eine Antwort, auch wenn er sie, wer weiß warum, nicht ganz direkt aussprechen mag:

„Eine Funktion“ hat das Zeigen des Gesichts in westlichen Gesellschaften freilich nicht nur vor Gericht, in der Schule und in der Radarfalle. In Frankreich gilt daher ein allgemeines Verschleierungsverbot.

Welche Funktion das ist, und ob alles, was eine Funktion hat, auch gleich unter Strafe erzwungen werden muss, verrät er uns nicht. Dafür hat er aber zum Schluss noch eine andere voll gute Idee, die er mit uns teilen wollte, denn mal ehrlich, was ist schon ein Verschleierungsverbot bei einem so symbolträchtigen Thema? Mit Spatzen auf Kanonen geschossen wäre das. Herr Kohler hat größere Geschütze im Angebot:

Doch kann man mit Bußgeldern der Burka Herr werden? Ganz sicher vor ihr und der Geisteshaltung, für die sie steht, ist man nur, wenn man sie nicht ins Land lässt.

Dazu fällt mir nichts mehr ein, womit ich mir nicht selbst ein Bußgeld einhandeln könnte. Deshalb möchte ich schweigen.

Und ihr so?


Wenn Tanzen, dann bitte nur in der Reihe

14. August 2016

Andreas Evelt hat einen durchaus nicht ganz kurzen Text geschrieben zu dieser Sache von dem Sportler, der sich wohl irgendwie anders verhalten hat als Leute gehofft hatten. Und während ich nicht ganz verstehe, wieso man 2016 für sowas noch Aufmerksamkeit bekommt, mich aber damit abfinden kann, dass es halt so ist – und dass Leute sich sowas 1516 wahrscheinlich auch schon so ähnlich gefragt haben -, versteht Herr Evelt was anderes nicht:

Er sei kein PR-Mensch, sagte der neue Olympiasieger auf der Pressekonferenz nach dem großen Erfolg im Diskusfinale. […]

Und gleichzeitig inszeniert er sich inmitten dieser Maschinerie.

[…]

Dabei musste Harting wissen, dass genau das noch mehr Aufmerksamkeit, noch mehr Öffentlichkeit bedeuten würde.

[…]

Als Person des öffentlichen Lebens, die er – wie er später selbst eingestand – spätestens durch den Olympiasieg ist, hat Harting eine Vorbildfunktion, eine Verantwortung. Die Chance, diese zu nutzen, hat er in den ersten Stunden seines größten Erfolges fahrlässig verstreichen lassen.

Und ich hab natürlich überhaupt keine Ahnung davon, ob Herr Harting sich nun gezielt irgendwie zu inszenieren versucht oder nicht, und ob Herr Evelt tatsächlich so verblüfft ist, wie er tut, und so, aber so ganz grundsätzlich denke ich nach der Lektüre dieses Textes:

Erstens ist das in meinen Augen eine einigermaßen geschmacklose, nicht zuletzt von der Bild-Zeitung bekannte Technik, Leuten quasi vorzuwerfen, sie würden ja schließlich willentlich mit den Medien arbeiten und/oder spielen, und damit wiederum die eigene Berichterstattung inklusive Herumhacken auf diesen Leuten zu rechtfertigen. Gerade im Kontext der olympischen Spiele finde ich, dass das so nicht geht, denn Herr Evelt verkennt, oder lässt ganz bewusst galant unerwähnt, dass man als Olympiasieger ja nun mal gar keine Wahl hat, als „sich inmitten dieser Maschinerie“ zu inszenieren, wenn man denn nicht die Teilnahme ganz sausen lassen will, und dass Harting sicherlich „wissen musste“, dass unkonventionelles Verhalten mehr Aufmerksamkeit bedeutet, dass ja aber andererseits die Medien, die Herr Evelt hier klar repräsentiert, diesen Umstand so erst schaffen durch ihre alberne Überhöhung dieses Ereignisses und das permanente  aufgeregte Getratsche über jeden Quatsch, der irgendwie vage damit im Zusammenhang steht. Dass sie damit andererseits natürlich nur ein vorhandenes Interesse in ihrer Zielgruppe bedienen, ist mir wiederum auch klar, ändert aber nichts dran. Was soll man als Olympiateilnehmerin denn machen, um sich nicht zu inszenieren, irgendwie? Und ist es wirklich erstrebenswert, Leute dahin zu erziehen, dass sie bitte immer schön im vorgesehenen Rahmen bleiben und ja nichts tun, das die Gefahr birgt „noch mehr Aufmerksamkeit“ auf sich zu ziehen? Wäre Harting seiner „Vorbildfunktion“ und seiner „Verantwortung“ gerechter geworden, wenn er sich einfach maximal angepasst, oder sich zumindest hinterher einfach brav entschuldigt und seinen Fehler eingesehen hätte (der genau worin überhaupt noch mal bestand?)?

Und was ich auch immer wieder denke: Wollen wir nicht überhaupt allmählich mal aufhören, Leuten eine besondere „Vorbildfunktion“ und „Verantwortung“ aufzuhalsen, weil sie eine Scheibe ein bisschen weiter werfen können als andere Leute?


Wir machen das so lange, bis es alle verstanden haben

12. August 2016

Ich weiß, ich hab schon öfter über das Verbot der Verschleierung geschrieben. Aber solange die Süddeutsche Zeitung noch an prominenter Stelle bizarr dumme Artikel zu dem Thema veröffentlicht, ist meine Aufgabe offensichtlich nicht getan. Ans Werk also.

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Zwei Beiträge zum Preis von einem oder das kleinste Restebloggen der Welt, oder wie ihr halt gerne wollt.

8. August 2016
  1. Football

Donald Trump sagt ja nun eine Menge schlechtes Zeug. Gerade deshalb sind die verzweifelten Versuche der Medien, ihn um jeden Preis schlecht dastehen zu lassen, manchmal ein bisschen beschämend mitanzusehen. Irgendwer hat kürzlich auf Twitter sehr treffend gesagt, dass unser ganzes System des politischen Diskurses nur auf Skandale und Lapsus ausgerichtet ist, statt auf Inhalte, aber ich finde den Tweet nicht wieder, weil Twitter halt. Aber darum soll es hier sowieso eigentlich gar nicht gehen, sondern um einen anderen Aspekt der ganzen Sache, den ich schon lange faszinierend finde, aber diesmal ganz besonders.

In den Wahlkämpfen um die US-amerikanische Präsidentschaft geht es ja des Öfteren mal explizit darum, wer wohl das Format hat, mit der enormen Verantwortung umzugehen, über den Einsatz nuklearer Waffen entscheiden zu dürfen. Der berühmte Anruf mitten in der Nacht, ihr kennt das. Diesmal war es Hilary Clinton, die meinte, damit etwas erreichen zu können:

„Stellt ihn euch im Oval Office vor, konfrontiert mit einer echten Krise“, rief Hillary Clinton vorige Woche bei ihrer Parteitagsrede. „Wir können einem Mann, den man mit einem Tweet provozieren kann, nicht unsere Nuklearwaffen anvertrauen.“

Sie hat damit unzweifelhaft recht. Aber andererseits hat sie nur einen Ausschnitt davon, denn ganz umfassend richtig müsste man doch unzweifelhaft sagen: Wir können überhaupt keiner einzelnen Person eine solche Entscheidungsbefugnis anvertrauen. Der Spiegel schildert in dem zitierten Artikel den Ablauf so:

Man kann sich das etwa so vorstellen: Der Präsident erfährt von einem Angriff […]In einem solchen Fall bleiben ihm für einen präventiven Gegenschlag mit einem oder mehreren der 925 nuklearen Sprengköpfe der USA höchstenfalls zwölf Minuten: So lange würden z.B. russische U-Boot-Atomwaffen brauchen, um amerikanisches Festland zu erreichen, heißt es. Aus Zeitgründen wurde die Entscheidungskette also dramatisch verkürzt: Der US-Kongress, der eine Kriegserklärung sonst absegnen muss, wird nicht mehr eingeschaltet.Der Präsident wird sofort mit dem Generalstab verbunden, der seine Befehle weitergibt an die Einsatzkräfte. Er berät sich mit den Militärs, allen voran dem Verteidigungsminister, doch alle sind ihm unterstellt: „Sobald der Präsident einen Angriff befohlen hat, gibt es kein Veto mehr“, sagte der Nuklearexperte Franklin Miller, der 31 Jahre lang für die US-Regierung gearbeitet hat, der „New York Times“. „Nur der Präsident hat die Autorität.“

Und eine kurze oberflächliche Recherche vermittelt mir den Eindruck, dass das ungefähr so stimmt. (Und, das tut hier nicht so viel zur Sache, aber findet noch jemand, dass „präventiver Gegenschlag“ ein merkwürdiges Konzept ist?)

Und jetzt mal ganz unabhängig davon, ob diese Person nun George Bush, Barack Obama, Hilary Clinton, Donald Trump oder Muriel Silberstreif heißt: Das ist doch eine evident unvernünftige Regelung. Das gehört doch dringend überarbeitet. Ich würde behaupten, dass es auch früher schon ein blödsinniges System war, als der Kalte Krieg noch der Kalte Krieg war, aber heute geht das doch nun wirklich eindeutig nicht so.

Menschen sind generell sehr fehleranfällig, und natürlich gibt es kein System, das uns zuverlässig davor schützt. Aber einer einzelnen Person, die wie wir alle jederzeit aus den verschiedensten Gründen zeitweise mal nicht in der Lage sein kann, klar zu denken, eine so gewaltige Verantwortung zuzutrauen, ist einfach schwachsinnig. Man kann sicherlich darauf hoffen, dass die ausführenden Personen von der Trägerin des Koffers über den Verteidigungsminister zu den Soldaten eventuell die Befehle eines erkennbar geistig beeinträchtigten Präsidenten verweigern würden, aber gerade wenn das unsere Hoffnung sein soll, wäre es doch fein, dafür ein System einzurichten, das diesen Leuten Richtlinien an die Hand gibt, oder Wasweißich, sowas wie einen Richtervorbehalt? Womöglich gibt es sogar eins, das aber auch irgendwie geheim ist, aber das ist dann ja aus offensichtlichen Gründen auch keine Antwort. Man müsste mehr über die (streng geheimen) Einzelheiten wissen, um einen sinnvollen konkreten Vorschlag zu machen, aber „Diese eine Person hat die Entscheidung in der Hand, ob die Welt untergeht, und niemand darf ihr da reinreden“ hielte ich nicht mal für eine gute Idee, wenn ich selbst diese Person wäre. Oder was meint ihr?

2. Homöopathie

Die FAZ hat sich mal wieder gedacht, dass Berichterstattung nicht ausgewogen sein kann, wenn man nicht beide Seiten gezeigt hat:

„Eine zusammenfassende Betrachtung klinischer Forschungsdaten belegt hinreichend einen therapeutischen Nutzen (effectiveness) der homöopathischen Behandlung. Die Ergebnisse zahlreicher placebokontrollierter Studien sowie Experimente aus der Grundlagenforschung sprechen darüber hinaus für eine spezifische Wirkung (efficacy) potenzierter Arzneimittel.“ Laut WissHom gebe es eine Vielzahl von positiven randomisierten klinischen Studien, die eine Überlegenheit der Homöopathie gegenüber Placebos zeigten, „auch wenn nur die methodisch hochwertigen placebokontrollierten Studien zur individualisierten Homöopathie herausgegriffen werden, zeigt sich ein positives Ergebnis“.

Und ich will sogleich zugeben, dass ich mich zeitlich damit überfordert fühle, im Einzelnen darzulegen, wo jeweils die Probleme dieser zahlreichen Studien im Einzelnen liegen und warum sie in ihrer Gesamtheit diesen Schluss nicht zulassen. Knapp zusammengefasst findet ihr dazu hier zum Beispiel ein bisschen was, und hier ein bisschen was mehr. Aber ich finde, es reicht schon, zu wissen, was Homöopathie ist. Und ich erlebe immer wieder erstaunlich oft Leute, die das nicht wissen. Die glauben, dass homöopathische Mittel sich dadurch auszeichnen, dass sie halt sanft sind, oder natürlich, oder sowas.

Homöopathie ist aber was Anderes. Sie basiert knapp zusammengefasst auf zwei Ideen:

a) Was bei Gesunden eine Krankheit auslöst, heilt ebendiese bei Kranken.

b) Je mehr ein Wirkstoff verdünnt wird, desto wirksamer wird er.

Und beide Prinzipien verstoßen gegen so ziemlich alles, was Medizin, Chemie und Physik über das Funktionieren unserer Welt wissen. Auch Homöopathen haben kein tragfähiges Modell zu bieten, das erklärt, wie das sein könnte. Sie glauben es einfach. Ohne guten Grund. Und wenn man sie fragt, dann antworten sie sowas wie Frau Bajic auf ihrer Homepage:

Man kann sich die Wirkung von homöopathischen Heilmitteln vorstellen, als käme der Person eine Nachricht zu, die sie befähigt ihre Selbstheilungskräfte optimal einzusetzen.

Und so funktioniert Wissenschaft nun mal nicht. Ich kann mir nicht einfach irgendeinen Kokolores frei ausdenken und dann fröhlich loslaufen und Experimente an kranken Menschen ausführen. Ich brauche zunächst mal eine Grundlage, eine Basis für die Annahme, dass da sowas wie eine medizinische Wirkung sein könnte. Solange das fehlt, sind Studien Zeitverschwendung. Trotzdem haben wir sie im Fall von Homöopathie in großer Zahl durchgeführt, und wenn man die Datenlage betrachtet, zeigt sie wenig überraschend keinen Beleg für eine über den Placebo-Effekt hinausgehende Wirkung. Wenn nun die FAZ trotzdem jemanden unkommentiert etwas anderes behaupten lässt, und zwar eine Person, auf deren Homepage wir den atemberaubend dreisten Hinweis finden:

Homöopathie hilft bei allen Krankheiten, die keiner chirurgischen oder intensivmedizinischen Behandlung bedürfen. Ein sorgfältig ausgewähltes homöopathisches Arzneimittel heilt schnell, sanft, sicher, nebenwirkungsfrei und dauerhaft auch schwere, akute und chronische Erkrankungen, wie Migräne, Neurodermitis, Asthma bronchiale, Colitis, Rheumatismus u.v.a., für die sonst nur Linderung, aber keine Heilung möglich ist. Dies gilt auch für akute Krankheiten bakterieller oder viraler Natur. Solange der Organismus zu einer Reaktion auf die Arznei fähig ist, kann ein homöopathisches Mittel heilen.

dann ist das in meinen Augen verantwortungslos, weil diese Sätze schon zeigen, dass Frau Bajic offenbar entweder nicht in der Lage oder nicht bereit ist, den Stand der Forschung in dieser Sache aufrichtig darzustellen. Sie ist damit eher keine geeignete Repräsentantin einer satisfaktionsfähigen Position in einer öffentlichen Debatte. Es gibt Fragen, bei denen nicht zwei Seiten mehr oder weniger gleichauf um die Wahrheit streiten, und wenn ein Medium dann aber suggeriert, es wäre doch so, dann täuscht es seine Kundinnen und Kunden. Ich stelle doch auch nicht gleichberechtigt einen Gastbeitrag von einem Staatsanwalt, der erklärt, dass Ladendiebstahl strafbar ist, neben den von einem Ladendieb, der erfreut berichtet, dass er jetzt schon fünfmal nicht erwischt wurde und die Praxis deshalb echt empfehlen kann. Oder wie seht ihr das?


Restebloggen am Wochenende (107)

30. Juli 2016
  1. Jens Spahn von der CDU will in diesem Land keiner Burka begegnen müssen und sie deshalb verbieten. Nun ja, Herr Spahn. Ich will in diesem Land keinen CDU-Politikern bornierten, unerfreulichen Menschen wie Ihnen begegnen müssen, aber ich denke, wir sollten beide akzeptieren, dass der Rechtsstaat nicht das Instrument zur gewaltsamen Durchsetzung solcher persönlichen Präferenzen ist.
  2. Annett Meiritz, findet, Hilary Clinton hätte mehr Begeisterung verdient, und hat deshalb einen Text geschrieben, in dem … Naja … auch keine so rechte Begeisterung aufkommen mag. „Sie war Rechtsanwältin, Senatorin und Außenministerin, ist Mutter und Großmutter. Für dieses Leben und diese Karriere verdient sie Respekt. […] Clinton fehlt das „Change“-Moment und Obamas Charisma. […] Wie oft wurde Angela Merkel vorgeworfen, sie könne Menschen nicht mitreißen? Jetzt ist sie eine der angesehensten Spitzenpolitikerinnen der Welt. Hillary Clinton kann das auch werden. Sie könnte Trump verhindern und ihr Amt fähig gestalten.“ Ich denke, wenn ich deutscher Politiker wäre, würde ich ab jetzt jeden Tag beten, dass Frau Meiritz nicht irgendwann ihre Begeisterung für mich entdeckt, auf dass meine Anhänger nicht aus Verzweiflung ins Wasser gehen.
  3. Und wenn wir mal wieder in Versuchung geraten, zu glauben, in einer aufgeklärten, vernünftigen Gesellschaft und mit unserem Rechtsstaat doch eigentlich ganz zufrieden sein zu können, können wir uns daran erinnern, dass wir Leute wegen geschmackloser Fotos einsperren.
  4. Ich hab ja in letzter Zeit in bisschen auf Twitter rumgekaspert und nun für die unter euch, die das nicht wussten, aber eigentlich wissen wollten, ein paar Beispiele meines Schaffens rausgesucht, auch wenn ich als Fazit nach wie vor daran festhalte, Twitter als eher ärgerliches Phänomen zu empfinden.

     

  5.  

  6. Na gut, eigentlich ist das Schaffen anderer viel beeindruckender. Guckt euch doch zum Beispiel das mal an: