Zu lang für Twitter, zu kurz fürs Blog

22. Februar 2017

*springt mit lautem Klirren durchs Fenster, perfekte Dreipunktlandung*

*hebt seine Axt zum Himmel, im Hintergrund zucken Blitze*

*brüllt* ICH BIN RICHTER, GESCHWORENE UND HENKER ZUGLEICH!

*nimmt erst mal Platz und befragt den Angeklagten nach Name (Können Sie das buchstabieren?), Beruf und Nettoeinkommen, um gegebenenfalls angemessene Tagessätze festlegen zu können, lauscht der Argumentation von Anklage und Verteidigung, kommt irgendwie mit seinem Diktiergerät nicht ganz klar und überspielt deshalb versehentlich das Protokoll, benennt Gutachter, zieht sich zur Beratung zurück, kann sich nicht einigen, löst sich auf, beruft sich erneut ein, diskutiert tagelang, spricht den Angeklagten schließlich wegen einer Formalie frei*

*packt ein bisschen enttäuscht die Axt wieder ein*

*erstattet natürlich den Schaden am Fenster und gewährt einen angemessenen Ausgleich für die Untersuchungshaft*

*schaut im Geschäftsverteilungsplan nach seinem nächsten Fall*


Schluss mit sanfter Therapie!

20. Februar 2017

Sie misstrauen der Schulmedizin, sind aber zu männlich, um schwuchteligen Zuckerpillen und omihaften Kräutertinkturen zu vertrauen?

Natürliche Wirkstoffe klingen Ihnen zu sehr nach hippiehaftem Bio-Blödsinn?

Sie wollen keine chemische Keule, weil Sie zeitgemäßere chemische Kampfstoffe bevorzugen?

Dann haben wir die Alternative für Sie:

BROmöopathie!

BROmöopathische Präparate auf Schwerölbasis kommen komplett ohne Verdünnung aus. Verdickung ist das Motto der BROmöopathie!

Gleiches mit Gleichem? Vergessen Sie’s! BROmöopathie heilt ALLE Krankheiten mit demselben bewährten Mittel:

Bildergebnis für handgranate

Sie sehen richtig! In der BROmöopathie schwafeln wir nicht von fader Ganzheitlichkeit! Echte Männer haben nichts zu schwafeln. Echte Männer handeln. Deshalb fragen wir Sie nicht nach Ihren Symptomen, wir geben Ihnen die Lösung, und für jedes Problem haben wir die richtige: Handgranaten in Schweröl.

Die brutal unnatürliche Alternative für echte Männer.

Sind Sie hart genug für BROmöopathie? Beweisen Sie es, und bestellen Sie JETZT!

Risiken und Nebenwirkungen sind echten Männern egal, deshalb kommen Sie bloß nicht auf die Idee, irgendwen danach zu fragen, Sie Pisser, wenn Ihnen das hier nicht passt, gehen Sie doch woanders hin, Sie können auch gleich paar aufs Maul kriegen, müssen Sie nur sagen, Sie erbärmlicher Wichser, Sie!

Lasst uns über Patreon reden

19. Februar 2017

Seid ihr es leid, meine brillanten Beiträge zur öffentlichen Debatten- und Literaturlandschaft unentgeltlich zu genießen?

Findet ihr keinen Gürtel, der machtvoll genug ist, die Last des Portemonnaies in eurer Gesäßtasche zu tragen?

Ist der Kontoauszugsdrucker überfordert von der völlig übertrieben massiven Penunze, über die ihr verfügt?

Ist euer Bücherregal schon voll mit Discordia, Inc. und eure Freunde haben euch alle schon anwaltlich aufgefordert, endlich aufzuhören, es ihnen zu schenken?

Ist euch der Postillon nicht lustig genug, übermedien nicht watchdogig genug, die NYT nicht seriös genug, George R.R. Martin nicht trödelig genug und Sascha Lobo nicht … was auch immer Sascha Lobo ist genug?

Oder wollt ihr mich vielleicht einfach wie einen dressierten Affen tanzen lassen, auch wenn ihr es euch eigentlich nicht leisten könnt?

Ihr seht, ich bin wie immer am Puls der Zeit, und habe die Lösung für all eure Probleme. Also spendet, spendet reichlich, spendet immer wieder, und alle Herrlichkeit auf Erden wird euch geschenkt sein. Und wenn ihr noch Fragen habt, stellt sie mir gerne. Auch sehr aufgeschlossen bin ich übrigens für Vorschläge für Belohnungen. Wenn ihr also gerade denkt: „Das ist ja alles nix, aber wenn Muriel mir eine individuelle Ansage für meine Mailbox schicken würde, dann bezahl ich dafür doch gern jeden Monat $100“, lasst es mich gerne wissen. Ich bin da verhandlungsbereit. Ihr wisst ja, wie wir Neoliberalen mit dem Profit sind.


Vom Mutigsein

12. Februar 2017

„Lasst uns mutig sein“, beendet [Steinmeier] seine erste Rede als gewählter Präsident. „Dann ist mir um die Zukunft nicht bange.“

Wie ihr vielleicht schon mitbekommen habt, ist mir das mit dem Mutigsein sowieso schon nicht ganz klar, und gerade im Zusammenhang mit einer Bundespräsidentenwahl kommen mir derlei Formulierungen immer besonders absurd vor, weil ich jede solche als ein Fanal der Mutlosigkeit von allen Seiten empfinde, solange keine der Beteiligten es über sich bringt, diese immer noch übliche ehrfurchtsvolle Untertanenhaltung fallen zu lassen und über das unwürdige Spektakel so zu berichten, wie es angemessen wäre, nämlich weit hinten an unauffälliger Stelle, und möglichst spöttisch. Aber ich schätze, darüber können wir lange streiten, und ich bin gerade gar nicht so streitlustig, deswegen setze ich den Fokus dieses Posts mal woanders hin, wo wir mutmaßlich einen Konsens erreichen, nämlich darüber, dass Thorsten Denkler beim Verfassen seines Beitrags für die Süddeutsche Zeitung anscheinend der Mittextremismus soweit durchgegangen ist, dass er die Kontrolle über seine Denk- bzw. Schreibprozesse großteilig verloren hat. Von der oben zitierten Stelle leitet er nämlich über zu:

Wir [sic] schwer das manchen fällt, zeigt sich zwei Stunden zuvor, als Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Eröffnungsrede seinen Dank an den scheidenden Bundespräsidenten Joachim Gauck richtet. Sofort brandet spontaner Beifall auf. Irgendwann stehen alle. Alle, bis auf die Entsandten von AfD und Linken.

Und obwohl ich sicherlich äußerst unverdächtig bin, zu einer dieser beiden Gruppen besondere Sympathie zu hegen, regt sich in diesem Moment doch ein bisschen davon, und ich denke: Immerhin. Herr Gauck ist zwar sicher nicht der schlimmste Mensch der Welt, aber ich wüsste auch nicht, womit er stehenden Applaus verdient hätte, und ich finde, man entwertet diese besondere Beifallsbekundung, wenn man sie an so Leute wie Bundespräsidenten vergibt.

Herr Denkler sieht das anders, und zwar, wie ich finde, wirklich spektakulär originell anders:

Es war ist [sic] merkwürdiges Bild, wie sich da diese beiden Parteien am linken und rechten Rand des politischen Spektrums in der Abneigung zu Gauck vereint zeigen. Sie sind offenbar nicht mal mutig genug, sich aus purer Höflichkeit von den Plätzen zu erheben.

Alter.

Herr Denkler.

Ist es jetzt in Ihren Augen wirklich schon so weit, dass wir unter „mutig“ verstehen, sich so wie alle anderen zu verhalten, nicht aus der Reihe zu tanzen, sich „aus purer Höflichkeit“ dem Gruppenzwang zu beugen und Begeisterung zu heucheln für eine Sache, der man ablehnend bis feindlich gegenüber steht?

Ich will nicht unken, aber ich habe den Verdacht, dass das durchaus die Art Mut sein könnte, an die auch Herr Steinmeier in seiner Rede gedacht hat.

Aber ich hoffe, dass ich ihm Unrecht tue, und dass wir jedenfalls der derzeit doch eher nicht nur strahlend aussehenden Zukunft mit einer anderen Haltung entgegentreten, die meinetwegen nicht mal übermäßig mutig sein muss, aber doch bitte auch nicht so duckmäuserisch, angepasst, unkritisch und mitläuferisch wie manche – Ja, SZ, dich guck ich an! – es sich anscheinend wünschen. Ich würde jedenfalls ganz gerne in einer Gesellschaft leben, in der es als okay und manchmal geboten gilt, sitzen zu bleiben, auch wenn alle anderen stehen, und in der man aufrichtig sagt, wenn man Kasperkram für Kasperkram hält, und sich dafür entscheiden kann, ihn nicht mitzumachen, ohne dafür öffentlich als Feigling beschimpft zu werden.


Meine immigrierte Freundin

29. Januar 2017

[Falls euch die Anspielung nichts sagt, schaut ihr bitte erst mal hier. Findet ihr das eigentlich auch so unmöglich, dass wir in einer Zeit leben, in der man es sich am leichtesten macht, Leuten Musik vorzuspielen, indem man ein Videoportal benutzt und die fünfzigfache Menge der eigentlich nötigen Daten überträgt, weil es sich halt irgendwie durchgesetzt hat? Hm.]

Gestern Nacht ist meine Freundin immigriert.
Ich hatte nicht damit gerechnet, darum ist sie nicht integriert.
Hoffentlich wird sie nicht radikalisiert.
Gestern Nacht ist meine Freundin immigriert.

Täglich liest man in der Zeitung von viel mehr Immigrationen
Man blättert um und denkt im Stillen: Das Schicksal wird mich sicherlich verschonen.
Ich frage Sie (Nee, ich frag Sie!): Wie konnte so etwas passiern?
Mein Baby ist mein Ein und alles – Wird sie mich jetzt islamisiern?
Nicht, dass ich bei Nazis anecke –
wie der von der AfD – Wie hieß er noch? Björn Höcke.

Gestern Nacht ist meine Freundin immigriert –
Ohne linksgrün versiffte Medien wär das sicher nicht passiert.
Refugees Welcome wird an jede Wand geschmiert
Gestern Nacht ist meine Freundin immigriert.

Unverzüglich rief ich beim Bamf an
Und sagte kommse schnell vorbei, Mann
Meine Freundin ist halal,
So wie ein geschächteter Aal
Sie hat vorher kein Wort gesagt.
Kein Wunder, dass ich besorgt bin.
Die Polizei hat schon gefragt:
Ist sie Intensivtäterin?
Ich briet mir ein Schweineschitzel, da gab es einen Knall.
Gerade lags noch hier in der Pfanne – jetzt liegt es überall!
(Im Raum verteilt)

Gestern Nacht ist meine Freundin immigriert,
Das Saarland wählt jetzt Dörr und Hecker – hätt sie die bloß nicht provoziert!
Meine Wohnung ist schon ganz islamisiert,
Gestern Nacht ist meine Freundin immigriert.


Die Sache mit der Verantwortung

20. Januar 2017

Fragt ihr euch eigentlich auch manchmal, wie das passiert ist, dass einen niemand auslacht, wenn man öffentlich davon redet, man habe „Verantwortung übernommen“ für einen Fehler, indem man die betroffene Tätigkeit fallen gelassen und sich nicht weiter drum gekümmert habe? (Im konkreten Fall noch mal besonders niedlich durch den damaligen Zusatz, nicht mal irgendeinen Fehler zuzugeben.)

Mich wundert das jedes Mal ein bisschen. Was ist da schief gelaufen? Empfindet das wirklich jemand so, oder ist das nur so eine Konvention, dass man das halt sagt, um anzuerkennen, dass es ja tatsächlich irgendwie eine gewisse Größe erfordert, einzusehen, dass man für eine bestimmte Aufgabe ungeeignet ist, und sie deshalb jemand anderen machen zu lassen? Aber warum sagt man dann nicht einfach eher was in der Richtung?

Überinterpretiere ich, wenn ich den Eindruck habe, dass da auch ein ziemlich unverschämtes privilegiertes Anspruchsdenken drin steckt, dass jemand findet, er hätte schon alles Notwendige getan, um den angerichteten Schaden wieder gut zu machen, indem er auf einen öffentlich gut angesehenen und ordentlich bezahlten Posten verzichtet?

Verantwortung übernehmen ist doch eigentlich ungefähr das Gegenteil von Zurücktreten, oder? Na gut, natürlich nicht ganz genau, aber ich würde behaupten, wer Ersteres kann, muss Letzteres doch eigentlich nicht tun. So als Faustregel.


Wie konnte das denn passieren?

13. Januar 2017

Ihr müsst jetzt alle ganz, ganz stark sein.

Erinnert ihr euch noch an die Sache mit den Nordafrikanern in Köln? Ja, seht ihr… Das ist so:

Die überprüften Männer würden stattdessen zu einem großen Teil aus dem Irak, aus Syrien und Afghanistan, aber nur zu einem geringen Teil aus Nordafrika kommen. 

Ist das zu fassen? Dabei hat man sich doch solche Mühe gegeben. Ich denke, das lässt sich eigentlich nur damit erklären, dass diese Leute bewusst versucht haben, unsere Sicherheitsbehörden in die Irre zu führen, denn eigentlich weiß man doch, wie ein Nordafrikaner aussieht, oder wie oder was?

Na gut. Aber Herkunft hin oder her, zumindest hat die Polizei doch durch ihr entschlossenes Eingreifen sicher verhindert, dass unschöne Ereignisse wie auf der Silvesterfeier zuvor sich wiederholen, und das ist doch die Hauptsache?

Nach Angaben des Kölner Polizeipräsidenten Jürgen Mathies konnten seine Beamten bislang keine Überschneidungen der Männergruppen aus 2015 und 2016 feststellen.

WAS? Aber … aber…? Aber wie erklären wir uns denn dann…?

Die [Kölnische Rundschau, leider schreibt die Zeit nicht dazu, wo, sonst hätte ich das natürlich direkt verlinkt.] zitiert auch einen Ermittler, wonach es derzeit am wahrscheinlichsten sei, dass viele Männer sich schlicht aus verschiedenen Flüchtlingsunterkünften im Bund oder im Land kannten und sich verabredet hatten, Silvester gemeinsam in der nächstgelegenen Großstadt zu feiern.

Tse. Na, Sachen gibts. Wer hätte das für möglich gehalten? Konnte ja nun wirklich niemand ahnen, oder?

Na gut. Zumindest kann man davon ausgehen, dass nach so viel prinzipiell durchaus erfreulicher Selbstkritik der Kölner Polizei nun bald auch andere nachziehen. Ich rechne zum beispiel morgen mit einer großen Überschrift in der Bild-Zeitung, so ungefähr wie: „NA GUT, EIN PAAR SACHEN VIELLEICHT DOCH NICHT GANZ RICHTIG GEMACHT“ oder „Sensation! Grün-fundamentalistische Intensivschwätzer offenbar viel weniger realitätsfremd als bisher vermutet!“ oder so. Und sicher sind die vielen Internetkommentator(inn)en, die Frau Peters Frage unverschämt und inakzeptabel fanden, auch schon dabei, Richtigstellungen zu tippen. Oder was meint ihr?

[Ja, die Kölner Polizei hat wiederum Teilen der Berichterstattung irgendwie gewissermaßen widersprochen. Führt für mich aber eigentlich nur zu der Frage, ob die sich vielleicht mal jemanden suchen wollen, der sich professionell um die Öffentlichkeitsarbeit kümmert.]