Darum lass sie Deine Stimme hören, weil jede Stimme zählt

23. Juli 2016

Hey, Moment, habt ihr wahrscheinlich gerade gedacht, ist nicht in Hannover jetzt bald Kommunalwahl? Da habt ihr recht, und wer könnte darüber zuverlässiger und besser informiert berichten als euer persönlicher Hannover-Korrespondent Muriel Silberstreif? So ziemlich jeder andere, wieder richtig. Aber jetzt seid ihr schon mal hier, da könnt ihr doch auch ein bisschen weiter lesen, oder?

Kurze Startbemerkung: Ist euch schon mal aufgefallen, wie blödsinnig schwer es ist, Werbeplakate insgesamt und Wahlplakate speziell übers Internet zu finden? Ich versteh das gar nicht. Wenn ich mir schon die Mühe mache, eine tolle Werbebotschaft für meine Zielgruppe zu gestalten, dann will ich die doch auch möglichst gut und umfassend zugänglich machen. Und ja, wenn man sich die Suchergebnisse anschaut, dann scheint es, als hinge ein Teil dieses Effekts an der recht gelungenen Suchmaschinenoptimierung eines bestimmten systemkritischen Mitbewerbers der etablierten Parteien um die Aufmerksamkeit ihrer Wählerinnen, aber der größere doch sicherlich daran, dass erstere ihre Plakatmotive halt nicht hochladen. Was soll denn das?

An den Straßen, die ich so befahre, sind eigentlich nur CDU, SPD, Grüne und Linke präsent. Von allen anderen Parteien habe ich noch nichts gesehen. Die HAZ hat aber dankenswerterweise ein paar Beispiele dafür online gestellt, und … gütiger Himmel, die FDP ist wild entschlossen, ihren Abstieg jetzt auch im Design zu zeigen, oder? Jessas. Schnell weiter.

Die CDU macht halt, was die CDU so macht. Lasst uns mehr Leute einsperren, dann wird bestimmt alles besser.

Die Linke bleibt erwartbar bei ihren klassischen Kern-Claims:

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Ja gut, ne. Ihr wisst ja, was ich von sowas halte. Zustimmungsfähiger ist dieses Plakat:

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Ich gebe allerdings zu bedenken, dass der durchschnittliche Bezirksrat möglicherweise etwas zu hoch greift, wenn er sich gleich Weltfrieden zum Ziel setzt. Aber ehrenwert natürlich trotzdem, oder sogar gerade deshalb.

Die Grünen haben sich von jeglichen politischen Inhalten verabschiedet und beschränken sich darauf, dass möglichst alles gut sein soll.

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„Weltuntergang: Nicht mit uns!“ „Schönes Wetter: Bitte gern!“ „Gute Laune: Immer doch!“ „Zerstörung der Zivilisation, wie wir sie kennen: Hätten wir eigentlich lieber nicht!“

Und so ungern ich das zugebe: Die SPD hat nach meiner Wahrnehmung eigentlich die … wie will ich sagen? Vielleicht so: anständigsten Plakate. Man erkennt nämlich tatsächlich, was sie machen wollen. Nur so grob natürlich, aber für Wahlplakate echt okay.

Am lustigsten finde ich allerdings dieses hier:

Unbenannt

Hab verpennt, das eigentlich Plakat zu fotografieren, deswegen gibts einen Screenshot von der CDU-Homepage.

Äh. Hm. Das ist jetzt ein bisschen schwierig zu erklären. Also. Erstens muss ich natürlich betonen, dass Herr Kuscher möglicherweise nicht nur ein sehr netter Typ ist, sondern auch ein spitzenmäßiger Politiker und rundum genau der richtige Mann für den Job. Ich weiß gar nichts über ihn. Zweitens muss ich natürlich betonen, dass Namenswitze komplett unter meinem Niveau sind, und unter eurem natürlich erst recht. Drittens muss ich allerdings auch betonen, dass ich jedes Mal, wenn ich ein Plakat von ihm sehe, einen Wahlwerbespot höre, der ungefähr so geht:

„Chefs, Freunde, Partner, Kunden… Sind Sie es leid, vor anderen zu kuschen? Dann wählen Sie Dr. Gerd Kuscher! Dr. Kuscher kuscht für Sie vor Arbeitgebern, Gewerkschaften, Bürgerinitiativen, Behörden, Rassisten, Sozialisten, Wirtschaftsverbänden und Interessenvertretungen aller Art! Wählen Sie Dr. Kuscher! Dr. Kuscher vertritt Ihre Interessen im Bezirksrat. Also, natürlich nur, so gut es eben geht, wenn es keine Umstände macht. Solange es niemanden stört. Dr. Kuscher will ja auch niemandem Arbeit machen. Aber er kann sich schon vorstellen, was für Sie zu tun. Deshalb wählen Sie Dr. Gerd Kuscher!
Wenn Sie wollen. Klar. Also, Sie müssen jetzt auch nicht. Und Sie können natürlich auch gerne die anderen wählen. Dr. Kuscher findet die anderen Kandidatinnen auch alle völlig in Ordnung, und alle anderen Parteien überhaupt. Die sind alle gut. Dr. Kuscher kommt auch ohne Ihre Stimme ganz gut klar. Alles okay. Wirklich. Bloß keinen Ärger bitte.“


Opfer

19. Juli 2016

Nun hab ich mich gerade auf die Seite der Grünen Jugend gestellt, und als hätte ich damit eine Tür geöffnet, kommt gleich die nächste Gelegenheit für ein sonderbares Bündnis: Ich bin einer Meinung mit Renate Künast und Jakob Augstein.

Hm.

Na gut.

Nee, eigentlich nicht. Aber ich bin zumindest irgendwie vage bei ihnen in einer Streitfrage. Ihr werdet mitbekommen haben, dass da ein mutmaßlich verwirrter junger Mann in einem Zug Leute angegriffen hat und von Polizeibeamten erschossen wurde. Ihr werdet mutmaßlich auch mitbekommen haben, dass Renate Künast dazu was getwittert hat:

Nun habe ich mal gelernt, dass das schon rein von der Sache her gar keine besonders kluge Frage ist, weil (ungefähr, ich bin nun wirklich kein Experte) es einfach nicht realistisch ist für so ganz normal ausgebildete Polizistinnen, jemanden angriffsunfähig zu schießen. Erstens gibt es gar nicht so viele Stellen am menschlichen Körper, auf die man im Rahmen des realistisch Möglichen zielen kann, um jemanden zuverlässig nicht zu töten, und zweitens gibt es ja sogar bei gut geschulten Leuten wie SEK-Beamten (die hier anscheinend diejenigen welchen waren, wenn ich das richtig verstehe) eine erhebliche Unsicherheit, wo man einen sich in Bewegung befindenden Angreifer in einer Stresssituation trifft. Aber ich mag mich da dann doch wieder täuschen, und muss zumindest sagen, dass ich auch nach Lektüre der ursprünglichen Meldung darüber nachdachte, warum eigentlich unsere Polizei nicht besser darauf vorbereitet ist, eine doch eher konventionell bewaffnete Person außer Gefecht zu setzen, ohne sie gleich zu töten, und ob das wirklich nicht möglich gewesen wäre. Andererseits hätte ich als Polizist sicher auch eine Grenze dafür, wie viel ich zu riskieren bereit bin, um jemanden zu retten, der mich gerade mit einer Axt angreift, aber jedenfalls soll es darum hier gar nicht gehen, sondern vielmehr um die Reaktionen, zum Beispiel von dem Generalsekretär der CSU (natürlich…) Andreas Scheuer:

oder Bayerns Justizminister Bausback, der offenbar Künast zum Rücktritt aufgefordert hat.

Und da finde ich, ohne mich jetzt von der Krawalligkeit der beiden anstecken lassen zu wollen, dass es unabhängig von der Sinnhaftigkeit von Künasts ursprünglicher Frage andersherum ist. Wer so verantwortungsvolle Positionen im Staat besetzt wie Scheuer und Bausback und es per se schon ganz grundsätzlich unanständig findet, auch die Rechte von Straftätern zu beachten und vielleicht ein bisschen darauf zu achten, dass wir sie nicht unnötig töten, der sitzt falsch und ist eine Schande für das System, das er repräsentiert. Jakob Augstein hat dazu – unglücklicherweise nebst dummem Gelaber von „Netzmeute“ – halbwegs treffend geschrieben:

Nach jedem tödlichen Waffeneinsatz muss die Frage gestellt werden, ob Ausbildung und Ausrüstung der Polizei ausreichen, um möglicherweise gefährlichen Verdächtigen mit nicht tödlicher Gewalt zu begegnen.

Auch ein mutmaßlicher Täter, der noch die Waffe in der Hand hält, ist nur ein mutmaßlicher Täter, ein Tatverdächtiger. Er ist noch nicht verurteilt, nicht einmal angeklagt.

Halbwegs, weil es ja gar nicht so besonders darauf ankommt, ob Täter oder Tatverdächtiger. Wir erschießen nun mal nicht Leute, wenn es sich noch irgendwie vermeiden lässt, das sollte in unserer Gesellschaft doch nun wirklich unverhandelbarer Konsens sein, oder wie?

Und nachdem wir das geklärt hätten, noch eine sehr schöne kleine Bemerkung zu einer Sache, die mich auch immer ein bisschen irritiert:

Ich denke, damit wäre dann wirklich alles Nötige zur Sache gesagt. Oder?


Da ist man mal ein paar Wochen weg

10. Juli 2016

Heieiei, Leute. Ich dachte ja, es ist nicht so schlimm, wenn ich eine Weile nicht so viel schreibe, und die wirklich treuen Leserinnen und Leser werden wissen, dass ich irgendwann schon zurück komme und sie erlöse. Aber jetzt muss ich doch sagen, dass ohne meinen leitenden und ordnenden Einfluss die öffentliche Meinung ziemlich aus dem Ruder gelaufen zu sein scheint. Ich kann mich deshalb nicht länger meiner Verantwortung entziehen und habe entschieden, mal wieder ein paar Worte fallen zu lassen, um die Dinge zurück in geordnete Bahnen … äh, was? Wie bitte? Zweistellig? Naja, aber wenn die dann ihren Freunden und ihrer Familie …? Nee? Na gut, also… Ach, jetzt hab ich mir aber schon was überlegt, jetzt schreib ichs auch, oder? Kann ja nicht schaden.

  1. Ausstieg Großbritanniens aus der EU. Ihr habt das schon richtig gelesen, ich meine das, worüber alle gesprochen haben. Ich weigere mich nur halsstarrig, es so zu nennen. Ich schreib ja auch nicht BrAngelina. Wer bin ich denn? Zur Sache: Ja gut, das war natürlich schade, aber ich fands andererseits nicht verblüffend, und war von den Reaktionen der anderen Seite eigentlich viel enttäuschter. Weil ich denke, sicher, es ist wahrscheinlich für Großbritannien nicht so richtig schlau, die EU zu verlassen, weil die Mitgliedschaft da natürlich verschiedene nicht zuletzt wirtschaftlich sehr relevante Vorteile hat, aber … Also man kanns halt auch übertreiben, oder? Es gibt ja nach meinem Informationsstand erwiesenermaßen Länder außerhalb der EU, in denen die Bevölkerung nicht darauf angewiesen ist, die eigenen Nachkommen zu verspeisen, um zumindest die ärgste Not zu lindern, und die schon eine ganze Weile keine Angriffskriege gegen Deutschland mehr geführt haben. Etwas ernsthafter: Ja, ich sehe natürlich auch, dass es einfach ein mieses Signal ist, dass jetzt so ein eigentlich ganz zivilisiertes Land aus so blödsinnigen Gründen, zu denen offenbar ganz maßgeblich auch schlichte Xenophobie gehört, dieses vielversprechende Projekt verlässt, aber erstens muss man doch auch sagen, dass an der EU wirklich ein paar Sachen nicht so gut geregelt sind, und dass es deshalb zweitens ein ganz interessantes Experiment ist, mal zu sehen, was passiert, wenn jemand rausgeht, weil das ja auch für die anderen Mitglieder anschaulich demonstrieren könnte, wie wertvoll das Ganze entweder ist, oder dass sie sich vielleicht doch noch mal überlegen sollten, wie sie es organisieren. Drittens finde ich so ganz prinzipiell, dass es jedem Club ganz gut tut, wenn ihm bewusst ist, dass seine Mitglieder ihn verlassen können. Und viertens … Ja, viertens:

Zum ersten Mal begrenzt eine Generation die Chancen der Nachfahren, statt sie zu erweitern.

Before the end of this year, the Brexit will be seen as the worst decision in the history of the UK.

I don’t think I’ve ever wanted magic more.

Den Vogel abgeschossen hat in meiner Wahrnehmung dieser Kommentar von Martin Walker, zu dem ihr meine Meinung praktischerweise auch gleich drüben bei Facebook lesen könnt, wenn ihr mögt. Aber der Wettstreit darum, wer die Protagonisten des Ausstiegs am nachdrücklichsten zu den schlimmsten Menschen der Welt erklären kann, ist auch spannend anzusehen.

Und ganz egal, wie schlimm es jetzt wird, ganz egal, ob wir die EU für eine tolle Sache oder eher ein Ärgernis halten, ganz egal, ob wir demokratische Entscheidungen respektieren wollen oder nicht, einfach insgesamt ganz egal: So geht’s nicht. Das ist einfach schauderhafter Bullshit. Das ist einfach indiskutabel und ärgerlich. Wir reden über ein Land, das Sklaven gehandelt, ein weltumspannendes Imperium mit Gewalt und ihrer Androhung beherrscht hat, ein Land, das Kriege geführt und Hitler gegenüber eine Appeasement-Politik für eine gute Idee hielt, in einer Welt, in der jeden Tag Kinder verhungern, Millionen auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung sind, und … Ich muss nicht weiter schreiben, oder? Der Ausstieg aus der EU ist weder das Schlimmste, was Großbritannien je gemacht hat, noch ist er in der allgemeinen Verhältnismäßigkeit eine enorme Katastrophe. Und wer so was schreibt wie da oben, den kann ich nicht mehr ernst nehmen, und will ich auch gar nicht, weil ich meine Zeit gerne anders verschwende als mit dem Durchsteigen durch schwachsinnige Hyperbeln und Superlative und Panikmache.

  1. Roboter, ganz gleich ob von Tesla oder von der Polizei: Es ist halt einfach gerade eine Zeit, in der ich mich noch schwerer tue als sonst, meinen Respekt vorm Journalismus nicht insgesamt zu verlieren. Weil hier auch wieder so viel rumkrakeelt und clickgebaitet und mit Superlativen um sich geworfen wird, dass ich mich frage, ob unsere großen Veröffentlichungen vielleicht sogar bewusst nur noch kurzfristig Geld verdienen wollen und die Idee, ein langfristiges Geschäftsmodell auf dem Vertrauen ihrer Kundschaft aufzubauen, schon weitgehend aufgegeben haben. Weil doch letzten Endes die Fragen, die hier aufgeworfen werden, im Detail interessant sein mögen, insbesondere für die betroffenen Personen natürlich, aber doch weder fundamental noch neu sind. Eine Maschine übernimmt Aufgaben von Menschen, und manchmal verhält sie sich dabei so, wie die Menschen es sich gedacht haben, und manchmal nicht. Wer da ganz fundamental neue philosophische und juristische Probleme sieht, hat in meinen Augen ein sonderbares Verständnis von Philosophie und Jura. Aber abgesehen von der oberflächlichen Clickbait-Seite, die alles natürlich nicht besser macht, habe ich hier den Verdacht, dass es noch einen anderen Grund für die unangemessene Lautstärke der Äußerungen gibt: Den Kult, den unsere Gesellschaft meines Erachtens unvernünftigerweise um das Konzept von Schuld veranstaltet, ohne dieses überhaupt vernünftig zu Ende entwickelt zu haben. Denn ohne sie jetzt alle systematisch ausgewertet aufzählen zu wollen, habe ich den Eindruck, dass diese Frage die Schreibenden und Redenden an dem Thema besonders verwirrt. Wenn der Fahrer selbst gar nicht mehr fährt, wer ist denn dann schuld? Jemand muss doch Schuld haben? Wie soll das denn alles weiter gehen, wenn jetzt bald Dinge passieren, an denen wir niemandem die Schuld geben können? Und ich finde, dass das auf zwei Ebenen Blödsinn ist. Erstens, weil es wie gesagt nicht neu ist. Es passieren dauernd Sachen, an denen niemand in dem Sinne schuld ist. Tiere sind ein naheliegendes Beispiel, das nach meinem Eindruck sogar ganz gut übertragbar ist auf den aktuellen Stand von KI. Wenn jemandes Pferd einen Unfall verursacht, fragt ja auch niemand, ob jetzt das Pferd Schuld ist. Man guckt, ob jemand auf das Pferd hätte aufpassen müssen und ob der wiederum seine Pflichten schuldhaft verletzt hat, und so weiter. Zweitens ist das mit der Schuld in meinen Augen sowieso ein blödsinniges Konzept, von dem wir uns zumindest im metaphysischen Sinne dringend verabschieden sollten. Verantwortung kann und sollte man irgendwie zuordnen, und Pflichten muss man in einem funktionierenden Rechtssystem auch irgendwie statuieren, aber Schuld ist doch nur dafür da, dass Feuilleton-Autorinnen und -Autoren sich bedeutungsschwanger mit Anspielungen auf olle Philosophen was über Gehirnforschung und freien Willen zuraunen können. Pah. Und was ist denn eigentlich mit dieser Juraprofessorin los, die für den Guardian sagen darf: „we typically examine deadly force by the police in terms of an immediate threat to the officer or others. It’s not clear how we should apply that if the threat is to a robot„? Öh. Hm? Was ? Es ist für diese Rechtsexpertin unklar, ob tödliche Gewalt angemessen ist, wenn jemand eine Maschine bedroht? Sagt das nicht vor allem was Bedenkliches über ihren Status als Expertin aus?
  2. EM und Flaggen: Ich hab selten Gelegenheit, mit der Grünen Jugend einer Meinung zu sein, deswegen will ich diese weidlich nutzen, und weil Beate drüben in ihrem Blog meinen Kommentar nicht freischalten mochte, übernehme ich ihn einfach hier und finde, damit ist zum Thema Fußball und Nationalismus und so das Wesentliche gesagt.
    „Ja, aber nee. Anderen vorzuwerfen, sie würden die Welt ohne Komplexität sehen, und dann selber Fahnen für unproblematisch erklären und einfach behaupten, Fußball wäre ja nur die guten Dinge, und die schlechten wären halt keiner, das ist … in meinen Augen extrem unterkomplex.Natürlich sind Nationalfahnen problematisch, weil sie für Nationen stehen, und weil sie damit zwangsläufig mit Nationalismus assoziiert sind. Man kann sicher trotzdem entscheiden, dass man es manchmal lustig findet, eine zu schwenken. Ich persönlich finde das komisch, weil das Ding für so viel Scheußliches steht, aber meine Güte, Symbole sind ja nur welche, weil wir sie als solche sehen, und jedem sein Ding.Aber so wie hier gehts in meinen Augen echt nicht. Kritik an Fahnen und dem Nationalismus, der Turnieren wie der EM zwangsläufig inne wohnt, ist was sehr Berechtigtes, und gerade in der heutigen Zeit auch etwas Nötiges. Man muss sich deshalb nicht von allem abhalten lassen, was einem Spaß macht, aber die Kritiker so runterputzen muss und sollte man auch nicht.Find ich.“ Oder?

Loast Beef

31. Mai 2016

Die ersten Tage unserer Japanreise haben wir innerhalb Tokyos verbracht und dabei hin und wieder mal ungefähr das japanische Äquivalent einer S-Bahn benutzt, aber heute stand unsere erste etwas längere Reise in … wohl sowas wie einem Interregio an, und damit auch die erste, bei der wir die 1.-Klasse-Sonderfähigkeit unseres machtvollen Railpass+4 nutzen konnten. Wir waren angemessen aufgeregt und wurden sogar im Großen und Ganzen nicht enttäuscht. Leider haben wir trotzdem vergessen, ein Foto vom Innenraum des Zugs zu machen. Der war nun auch nicht ganz grundlegend anders als der von deutschen Zügen, aber ihr kennt das, es sind die kleinen Unterschiede, die eine Reise spannend machen. Wir fanden es zum Beispiel toll, dass die Mitarbeiterinnen von Japanese Railway sich vor dem Verlassen eines Wagens immer noch mal umgedreht und zu den Reisenden verneigt haben.

Zum Ausgleich haben wir sehr viele Fotos vom Außenraum des Zuges gemacht. Auch wieder nicht, weil da unfassbare Schönheiten zu sehen waren, sondern um einfach mal festzuhalten, wie Japan so aussieht, wenn man durchfährt. Nämlich zum Beispiel so:

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Ein feuchter Händedruck

26. Mai 2016

ist doch nun wirklich nicht zu viel verlangt, findet die Baselbieter Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion (BKSD) und hat deshalb entschieden, dass muslimische Schüler auch weiblichen Lehrpersonen die Hand geben müssen, ob das nun mit ihrer Auffassung ihrer Religion vereinbar ist oder nicht. Wenn sie es verweigern, kann ein Bußgeld gegen ihre Eltern verhängt werden.

Dazu kann man nun einiges schreiben und abwägen, beispielsweise zum Thema Religionsfreiheit und dem öffentlichen Interesse an der Gleichbehandlung von Männern und Frauen und so weiter. Die BKSD hat das auch versucht.

Muss man aber meines Erachtens nicht, denn die Sache ist doch eigentlich ganz einfach: Menschen dürfen selbst entscheiden, welche anderen Menschen sie berühren, und wie. Wenn ich keinen Bock habe, einen anderen Menschen zu berühren, und nicht gerade ein extrem zwingender Grund dazu besteht, dann sollte mich niemand dazu zwingen dürfen, ganz gleich, ob ich gute Argumente dafür habe (Es ist hygienisch-präventionsmäßig einfach evident ein schwachsinniger Brauch, der niemandem was bringt und potentiell durchaus erheblichen Schaden anrichtet.), oder schlechte (Der unsichtbare Zauberer will, dass ich Leute ohne Penis nur berühre, nachdem ich ihnen geschworen habe, mein Leben mit ihnen zu teilen und keine andere Person ohne Penis mehr zu berühren, oder so.), oder einfach welche, die in meinem persönlichen Wohlbefinden liegen (Ich mag es nicht, andere Leute anzufassen.).

Ganz im Ernst. Ich finde, das ist alles, was man für diese Entscheidung braucht: Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass Menschen – und dazu zählen auch junge Menschen – selbst entscheiden dürfen, ob sie von anderen berührt werden wollen oder nicht. Bestraft werden sollten, wenn überhaupt, Leute, die Berührungen zwangsweise durchsetzen; auch und gerade, wenn sie das aus einer staatlich verliehenen Machtposition heraus tun.

Und was denkt ihr?


Was haben Sie angerichtet, Frau Köhler?!

29. April 2016

Eigentlich haben Stefan Niggemeier und Martin Vogel selbst alles Nötige geschrieben zum Streit darüber, ob die VG Wort offenkundig rechtswidrig einen Teil ihrer Einnahmen an die Verlage ausschütten darf, oder ob sie ihrer treuhänderischen Funktion entsprechend die Vergütung an die Rechteinhaber weiterleiten muss, und zu der klärenden Entscheidung des BGH (leider noch nicht im Volltext veröffentlicht) dazu.

Aber nachdem ich nun gestern Abend auf zeit.de Karen Köhlers offenen Brief dazu gelesen habe, fühle ich das dringende Bedürfnis, mich doch noch mal dazu zu äußern. Und wie anders sollte ich das tun als in einem eigenen offenen Brief?

Liebe Frau Köhler,

seit gestern frage ich mich, ob Sie eigentlich wissen, was Sie da geschrieben haben. Ob Ihnen klar ist, wie niederträchtig und unaufrichtig Ihr Beitrag geworden ist, und wie atemberaubend unfair gegenüber seinem Adressaten, Herrn Martin Vogel, oder ob Sie sich vielleicht nur emotional haben mitreißen lassen, und gar nicht richtig verstehen, wie furchtbar das geworden ist. Kann ja mal passieren. Nun nehme ich nicht an, dass Sie diesen Post hier je lesen werden, und auch Martin Vogel wird ihn leider wohl nicht finden – ich wünsche ihm, dass er ihn auch nicht braucht und das wütenden Gegröhle, das jetzt überall gegen ihn erschallt, eher mit Genugtuung denn mit Schmerz wahrnimmt -, aber ich fühle mich trotzdem gedrängt, es zu erklären, und Ihrem Werk etwas entgegenzusetzen, weil ich den Gedanken nicht ertrage, dass es da so unkommentiert im Internet herumsteht. Na gut, unkommentiert stimmt nicht, es stehen ja Kommentare drunter. Aber jedenfalls noch keiner von mir. Außerdem finde ich die Geschichte exemplarisch so interessant, dass ich gerne sicher gehen möchte, dass meine Leser(innen) drüber informiert sind.

Sie schreiben:

ich frage mich, ob Sie sich tatsächlich darüber freuen können, Recht zugesprochen bekommen, aber eine Schneise der Verwüstung in der deutschen Verlagslandschaft hinterlassen zu haben.

Dieser Satz ganz allein illustriert schon fast die ganze Misere, scheint mir. Er ist auf so vielen Ebenen unaufrichtig und gemein und unvernünftig, dass es richtig Arbeit wird, das aufzudröseln. Aber ich bin ja selbst Schuld, ich hab mir das selbst ausgesucht. Ans Werk.

  1. Beginnen wir am Anfang: Die Frage, „ob Sie sich tatsächlich darüber freuen können“ impliziert durch diese Formulierung erstens, dass Herr Vogel das alles nur zum Spaß gemacht haben könnte, und zweitens, dass er sich eventuell tatsächlich über den Schaden freut, den er Ihrer Meinung nach angerichtet hat, nur weil er so gerne recht hat, oder schlicht böse ist.
  2. Sie sind sich natürlich zu schade dafür, Herrn Vogel zuzugestehen, dass er Recht hat. Er hat es in Ihrem Satz nur zugesprochen bekommen.
  3. Die „Schneise der Verwüstung“, wie Sie hier formulieren – danke für die bescheidene Zurückhaltung, immerhin hätten Sie ja auch irgendwas vom Holocaust schreiben können – hat Herr Vogel nicht einmal dann hinterlassen, wenn sie tatsächlich kommen sollte, denn bisher ist sie nicht da, und Sie nennen auch keine Fakten, die klar den Schluss zulassen, dass sie kommen wird, und schließlich, und das ist natürlich das Hauptproblem
  4. sieht Ihre Wortwahl ganz klar einen einzigen Verantwortlichen für diese Verwüstung, nämlich Herrn Vogel, der einfach nur einen Betrag eingeklagt hat, von dem er vollständig zurecht der Meinung war, er stehe ihm zu, und sei ihm vom damit beauftragten Treuhänder rechtswidrig vorenthalten worden. Dass zum Beispiel die VG Wort und die Verlage, die diese schreiend unzulässige Praxis sehenden Auges jahrzehntelang so haben bestehen lassen und dabei keinerlei Bereitschaft zu Gespräch oder Einsicht, geschweige denn irgendeiner Anpassung, gezeigt haben, auch was mit dem Problem zu tun haben, kommt bei Ihnen nicht mal als Möglichkeit vor. Schuld an der Blöße des Kaisers ist in Ihren Augen das Kind, das sie ausspricht. Kommt rüber, warum ich oben von Niedertracht und Unaufrichtigkeit gesprochen habe, obwohl ich ja generell Bescheidenheit in der Wortwahl befürworte?

Bisher habe ich knapp 1.700 Euro von der VG Wort erhalten, mein Verlag also etwa 730 Euro (das weiß ich nicht genau, das habe ich nur errechnet). Soll ich Ihnen etwas sagen: Das finde ich vollkommen in Ordnung. Selbst wenn wir halbe-halbe gemacht hätten, fände ich das immer noch in Ordnung.

Warum dieser rhetorische Kniff unanständig ist, habe ich vor einer Weile schon mal erklärt. Soll ich Ihnen etwas sagen: Sie können Ihrem Verlag weiterhin so viel von Ihrem Geld geben, wie Sie wollen. Niemand möchte oder darf Sie daran hindern. Genausowenig wie es Ihnen zusteht, das Geld anderer Leute deren Verlagen zuzusprechen, nur weil Sie Ihren so gerne mögen. Und um Himmels Willen, wie gerne Sie ihn offenbar mögen:

Viele Aufgaben, die mein Verlag erfüllt, kann und will ich nicht alleine übernehmen. Ich brauche dafür ein Gegenüber. Angefangen bei der ersten Arbeit am Manuskript, dem In-Form-Bringen des Inhalts, bis zur äußeren Form, der Gestaltung und dem Druck des Buches. Dann denke ich weiter an den Vertrieb, an die tapferen Vertreter, die von Buchhandlung zu Buchhandlung tingeln und Inhalte anpreisen, dazu hätte ich gar nicht die Zeit

Auch hier danke ich Ihnen wieder für die Zurückhaltung, die „tapferen“ Vertreter nicht noch durch Schnee und Hagel stapfen und ihre sieben hungrigen Kinder nebst der schwer kranken Ehefrau, die sie sicherlich zu Hause haben, unerwähnt zu lassen.

Dass diese Aufgaben von anderen Leuten, von Spezialisten, übernommen werden, finde ich gut. Und dass diese Spezialisten einen Anteil daran haben, wie erfolgreich ein Buch ist, […] das ist für mich selbstverständlich.

Auch wenn sie das in den folgenden Sätzen noch erläutern: Das liest sich zunächst, als wollte irgendwer, namentlich Herr Vogel, was daran ändern. Als führte Herr Vogel einen Feldzug zur vollständigen Vernichtung der Verlage und wollte ihnen ihren Anteil wegnehmen, den sie sich doch so selbstverständlich durch ihre unerschütterliche Tapferkeit und Partnerschaft und selbstlose Grundgüte verdient haben. Sie sind professionelle Schriftstellerin, deswegen fällt es mir schwer, Ihnen abzunehmen, dass Ihnen das nicht aufgefallen ist. Dabei wissen Sie ja genau, wie Sie etwas später auch schreiben, dass die Verlage schon ganz unabhängig von der VG Wort „einen Anteil“ daran haben und auch weiterhin haben werden, nämlich den bei Weitem höchsten von allen Beteiligten.

Aus allen diesen Gründen bin ich auch einverstanden, dass ein Teil der VG-Wort-Tantiemen an meinen Verlag fällt. Das ist für mich ein partnerschaftliches Teilen und selbstverständlich.

Und wieder: Okay. Dann teilen Sie, wenn Sie wollen. Sie dürfen das entscheiden, denn es ist Ihr Geld. Nicht entscheiden dürfen Sie über das Geld anderer Leute, genausowenig wie wie die VG Wort, denn es ist weder Ihr Geld, noch das der VG Wort, es ist das Geld der anderen Leute. Und wenn man über das Geld anderer Leute gegen deren Willen entscheidet und verfügt, dann ist das nicht partnerschaftliches Teilen und selbstverständlich, sondern es ist rechtswidrig, und in meinen Augen wäre auch der Begriff „kriminell“ nicht zu überzogen. Dass Sie diesen Unterschied nicht nur ignorieren, sondern auch noch mindestens fahrlässig verwischen, ist in meinen Augen unanständig.

Es mag sein, dass es im wissenschaftlichen Buchbereich um die Idee der Partnerschaftlichkeit nicht ganz so rosig bestellt ist, wo ja oftmals der Druck des einzelnen Werkes vollständig durch die Autoren finanziert werden muss. Dass da ein Gefühl von Ungerechtigkeit aufkommt, kann ich nachvollziehen.

Man kennt das ja. Im Bereich der Belletristik kommt ein solches Gefühl niemals auf, weil es da so schön rosig bestellt ist um die Partnerschaftlichkeit. Fies von diesem doofen Wissenschaftler, dass er das jetzt auch für andere kaputt machen will, nur weil er selbst keine Freude im Leben hat. Oder wie meinen Sie das?

Das liegt vielleicht dann aber nicht an der VG-Wort-Verteilung, sondern an einem Strukturproblem bei Veröffentlichungen innerhalb des Wissenschaftsbetriebes?

Mag sein. Kann aber dahin stehen. Hat nämlich zum Glück absolut nichts mit der Frage zu tun, ob die VG Wort das Geld, das sie für die Urheber treuhänderisch verwalten soll, einfach ohne deren Zustimmung an irgendwelche anderen Leute ausschütten darf. Wenn ich Sie dran erinnern darf: Dass Herr Vogel diesen Prozess geführt hat, weil mal ein Verlag nicht so lieb zu ihm war, war Ihre These. Es ist deshalb keine ganz so triumphale Erkenntnis wie Sie womöglich meinen, dass das keinen Sinn ergibt.

Und dann schreiben Sie noch mal recht viel darüber, wie wunderbar doch gerade die kleinen Verlage sind, die so mutig Risiken mit unbekannten Autoren und möglicherweise nicht so rentablen Projekten eingehen und damit die besondere Vielfalt der deutschen Literatur undsoweiterundsofort, und kommen zu dem Schluss:

Die angebliche Kluft zwischen Verlagen und Autor*innen, die Sie mit Ihrer Klage weiter befeuert haben, ist für mich nur ein Abstand, der sich mit einem Händeschütteln überwinden lässt.

Und ich weiß, ich wiederhole mich, aber weil Sie es ja auch tun, möchte ich es noch mal ganz klar aufschreiben:

Die VG Wort zahlt seit Jahrzehnten Geld, das den Urhebern zusteht, und das sie ihrer Aufgabe nach für diese nur treuhänderisch verwaltet, ohne deren Zustimmung an die Verlage aus, und ist auch nicht bereit, darüber zu reden, ob diese offenkundig unzulässige Praxis vielleicht irgendwie mal überarbeitet werden sollte. Herr Vogel versucht dies trotzdem, und niemand redet mit ihm. Er wird abgeblockt, ignoriert, lächerlich gemacht. Und dann klagt er eben, und bekommt nach Jahren am Ende Recht. Jahre, die weder die Verlage, noch die VG Wort nutzen, um etwas zu verändern, obwohl klar abzusehen ist, wie die Sache ausgeht.

Und Sie haben im Ernst die Dreistigkeit, Herrn Vogel jetzt vorzuwerfen, er hätte eine Schneise der Verwüstung geschlagen und die Kluft zwischen Verlagen und Autor*innen befeuert, auch wenn die Ihrer Meinung nach eigentlich gar nicht existiert? (Ich hätte fast der Versuchung widerstehen können, die Katachrese zu kommentieren, aber ich kanns jetzt doch nicht, weil mir Ihr Text so unsympathisch ist und ich sie gerade wirklich ulkig finde. Pardon.)

Wow. Das gefällt mir nicht. Das gefällt mir sogar überhaupt nicht.

[Offenlegung: Ich habe im Jahr 2015 von der VG Wort 900€ für die Verwertung einer mehr oder weniger wissenschaftlichen Veröffentlichung erhalten.]


Wahrscheinlich imaginäre Zusammenhänge

24. April 2016

Ich schreibe hier ja zurzeit nicht viel. Ich weiß nicht, ob ihrs bemerkt habt. Jedenfalls sind mir sogar immer wieder Sachen über den Weg gelaufen, bei denen ich sowas dachte wie hmmm, das ist ja eigentlich tolles Material, aber andererseits ist es gewissermaßen schon wieder zu toll. Wisst ihr, was ich meine? Sowas wie dieses hier:

Eine Entscheidungen wie die Abschaffung eines Strafparagrafen brauche jedoch eine Phase des Nachdenkens und der Abwägung, sagte Gauck dem Deutschlandfunk. Mit Blick auf den ebenfalls im Strafgesetzbuch verankerten Schutz des Bundespräsidenten vor Verunglimpfungen sagte er, vielleicht vermittle die bestehende Rechtsordnung eine Ahnung von dem Respekt, den man einander in der Demokratie schuldig sei.

Zeug, das sich ohnehin schon so liest, als wäre es direkt aus The Onion, und zu dem man auch beim besten Willen nichts mehr hinzufügen kann, was es noch unterhaltsamer machen würde.

Oder man könnte halt der siebenhundertvierzehnte sein, der schreibt, dass man darüber eigentlich echt nicht so viel schreiben müsste.

Aber jetzt gerade hab ich gedacht, eine Idee hätte ich, die ich so noch nicht gesehen habe, und die ich euch mal präsentieren will, in dem Bewusstsein, dass es daran liegen könnte, dass sie einfach ein bisschen dämlich ist, aber der Gedanke verfolgt mich, und für genau diese Gedanken ist dieses Blog ja … Schon gut, ich fang jetzt an. Also:

Die Erdoğan-Affäre. Ganz kurz, weil ja vielleicht die eine oder der andere von euch sich für meine Meinung interessiert: Böhmermann kann ich bekanntlich eh nicht leiden, sein Gedicht ist rassistisch und überhaupt furchtbar -istisch und mies, und seine Vor- und Nachrede macht das kaum besser, und vor allem gönne ich ihm halt einfach die Aufmerksamkeit nicht, die er sich damit erklassenclownt hat, weil die bei anderen Themen viel mehr gebraucht worden wäre. Die Abschaffung von §103StGB ist natürlich keine schlechte Idee, aber warum redet (meiner Wahrnehmung nach) denn NIEMAND darüber, dass man dann konsequenterweise auch gleich alle Beleidigungstatbestände abschaffen sollte, zum Beispiel den, der unser das deutsche Staatsoberhaupt speziell schützt, oder gleich überhaupt jeden? Wenn wir schon mal dabei sind?

Das „Satire darf alles“-Gebrüll weckt bei mir immer gewisse unangenehme Assoziationen, eben weil es so spezifisch ist. Warum darf denn ausgerechnet Satire alles, wenn doch sonst nichts und niemand alles darf, und was ist eigentlich Satire? Ich will keiner einzelnen Person sowas unterstellen, aber die Debatte in ihrer Gesamtheit erweckt bei mir den Eindruck, als ginge es nicht darum, dass die deutsche Gesellschaft plötzlich ihre Leidenschaft für Meinungsfreiheit entdeckt hätte, sondern eher … Naja. Wenn ich gemein sein will: Darum, dass wir überhaupt nicht einsehen, dass irgend so ein Kanake einen von uns anzeigen darf, nur weil wir ihn einen Ziegenficker nennen, denn bei uns gilt ja schließlich das Grundgesetz, hat der anatolische Analphabet davon nix gehört? Wäre ja noch schöner, das ist immer noch unser Land hier, und hier entscheiden wir, was witzig ist!

Und wenn ich meinen inneren Böhmermann ein bisschen zügle, bleibt aber zumindest noch: Hey, der ist doch so charmant und originell und im Fernsehen und ich mag den doch, der darf doch nicht für einen dummen Witz bestraft werden, und schon gar nicht für einen über diesen Unsympathen da, der es doch so verdient hat!

Und der Verdacht, dass die Meinungsfreiheit an sich keinen großen Aufschwung erlebt, hat sogar eine Grundlage: Wir diskutieren parallel nämlich über ein Verbot sexistischer Werbung. Und das tun wir auf eine Art und Weise, der ich jedes Mal nur mit offenem Mund staunend zusehen kann, wenn mir ein Beispiel begegnet, weil … Wow. Gefühlte 86% aller Beiträge verkennen schon den grundlegenden Unterschied zwischen sexistischer Werbung und Werbung mit irgendwie erotischen Inhalten, und insgesamt scheint es vorrangig die eine Seite zu geben, die pauschal bestreitet, es gäbe überhaupt ein Problem mit Sexismus in der Werbung, und die andere, die dieses Problem zwar richtig erkennt, daraus aber ohne weitere Zwischenschritte schon die Rechtfertigung für ein Verbot herleiten will. So zum Beispiel:

Alle regen sich auf über das geplante Verbot von Sexismus in der Werbung. Dabei würde es weder Nacktheit verbieten noch die Meinungsfreiheit bedrohen.

Und darunter stehen dann bizarre Satzfolgen wie diese hier:

[Der Staat] hat auch nicht festzulegen, wie Werbetreibende Produkte bewerben.

Er kann und sollte jedoch regulieren, mit welchen Bildern und Slogans die Kaufentscheidung mündiger Verbraucher nicht beeinflusst werden darf. Genau das tut er bereits.

Hö? Äh… Also. Der Staat darf ganz selbstverständlich Werbetreibenden nicht vorschreiben, wie sie Produkte bewerben. Aber er sollte natürlich regulieren, welche Bilder und Slogans sie dabei nicht benutzen. Und das ist für die Meinungsfreiheit völlig unproblematisch, weil … es bereits stattfindet. Klar soweit?

Wie bitte? Was meint ihr? Warum ich euch erst ein Stück vom Böhmermann erzähle und dann plötzlich mit sexistischer Werbung um die Ecke komme? Naja… Schaut doch noch mal in die Überschrift. Ich finde, dass beide Debatten auf mehreren Ebenen zusammenhängen. Einmal geht es in beiden um die Meinungsfreiheit, und die zweite illustriert, dass die in Deutschland immer noch weitgehend nicht angekommen und verstanden ist, und beide zeigen ein Phänomen, das leider kaum explizit thematisiert wird, aber fast immer irgendwo mitschwingt und mich maßlos ärgert:

Es geht um die Hierarchisierung von Äußerungen. Was ein Böhmermann sagt, der Millionen Fans hat, kann doch unmöglich Beleidigung sein. Das ist Satire, und die darf alles, und folgerichtig darf Böhmermann als Satiriker alles. Und genauso bei der Werbung: Natürlich geht es uns nicht darum, Meinungsfreiheit einzuschränken. Nur bei Werbung, da machen wir Verbote. Weil es doch nur Werbung ist. Da gibts doch eh schon Vorschriften. Ist doch egal.

Wir stufen Äußerungen in mehr oder weniger schutzwürdige ein, und zwar eben nicht nach ihrem Inhalt, sondern danach, von wem sie kommen. Und gelegentlich finde ich sogar Beiträge, in denen das ganz dreist ausdrücklich steht. In der Zeit zur sexistischen Werbung etwa so:

In den Gedanken der Menschen bleibt Sexismus immer frei. In ihren Äußerungen lässt er sich auch nicht einhegen, aber immerhin zur Rede stellen. In der Werbung ließe er sich jedoch juristisch stellen und als das demaskieren, was er ist: eine unzulässige Diskriminierung.

Nils Pickert meint also, Sexismus lasse sich in Äußerungen von Menschen nicht einhegen, in der Werbung aber schon. Woraus zwanglos folgt, dass er Werbung und Äußerungen von Menschen für völlig diskrete Kategorien hält. Was etwas Bedenkliches über sein Weltbild verrät, wenn ihr mich fragt.

Und in der Böhmermann-Debatte habe ich bei Twitter zum Beispiel diesen interessanten Thread gefunden, in dem es um die (wenn auch wirr geäußerte) These geht, dass wenn ein Satiriker was macht, das schon seine Ordnung haben muss, dafür sei er ja schließlich Satiriker.

Und das ist in meinen Augen ein Problem. Ich finde, wir müssen uns entscheiden. Entweder darf jeder jeden einen Ziegenficker nennen, oder niemand niemanden. Oder zumindest brauchen wir klare, verständliche, möglichst schriftlich fixierte Kriterien dafür, wann man jemanden einen Ziegenficker nennen darf (zum Beispiel, wenn man vorher gesagt hat, dass man es eigentlich nicht darf?), und wann man dafür bestraft wird, und diese Kriterien sollten bitte nicht eine eigene Fernsehsendung beinhalten. Und ich finde, dass wir uns auch bei der anderen Frage ohne Ansehen der äußernden Person entscheiden müssen. Entweder ist Sexismus strafbar, oder er ist es nicht. Oder meinetwegen ist er auch nur unter bestimmten Voraussetzungen strafbar, aber das sollen dann auch wieder vernünftige sein. Warum ist Sexismus in der Werbung denn per se schlimmer als in einer Kabarett-Show oder in einer Glosse oder einem Blogpost?

Und trotzdem dachte ich noch, dass es eigentlich ein bisschen albern ist, das zu schreiben. Zu weit hergeholt. Zu selbstverständlich. Zu wenig Fleisch. Aber dann fand ich diesen Artikel in der Süddeutschen Zeitung, in dem es die Game-Of-Thrones-Fans geht, die drüber streiten, ob Jon Snow gestorben sein darf. Und ich finde, auch der illustriert das gleiche Problem, und zwar auf dermaßen unreflektierte und unverschämte Weise, das ich mich immer noch frage, ob ich was nicht richtig verstanden habe:

Der Aufschrei, der durch die Welt ging, nachdem die letzte Folge der fünften Staffel gestreamt worden war, war ein äußerst vermessener. Es ist dreist, eine kreative Entscheidung der Macher von fiktiven Produktionen zu kritisieren. Es ist eine Unverschämtheit gegenüber den Autoren, die sich über Monate und Jahre eine Story überlegen, die in sich schlüssig, aufregend und unterhaltsam ist.

Jeder Serienkonsument hat das Recht, kreative Entscheidungen infrage zu stellen. Es ist nur furchtbar lächerlich.

[…]

Abgesehen von der Anmaßung, die in der Kritik künstlerischer Entscheidungen steckt, ist sie auch schon aus eigenem Interesse Unsinn. Was wäre denn, wenn sich Macher nun entschieden, jedem Shitstorm, den das Internet heute heraufbeschwört, nachzugeben? Protagonisten würden überleben, Jon Snow säße auf dem Thron, wäre mit Daenarys verheiratet und würde mit seiner Drachen-, Dothraki-, Unsullied-Armee die White Walker aus der Welt pusten, bevor sie Winterfell erreichen können.

Robert Hofmann – übrigens 1987 geboren, das macht es für mich vielleicht noch ein bisschen schlimmer – erklärt hier als Repräsentant einer großen Tageszeitung deren Leserinnen die Welt, wie er sie ja offenbar in seiner Ausbildung und Arbeit dort zu sehen gelernt hat: Es gibt die, die Medien produzieren, und es gibt die, die Schnauze zu halten haben, und zu fressen, was erstere ihnen hinkippen. Und natürlich dürfen sie deren Entscheidungen infrage stellen. Aber es ist furchtbar lächerlich, wenn sie es tun, denn damit verkennen sie nicht nur die ihnen zugewiesene Rolle in der Welt, sie tun sich auch selbst keinen Gefallen, weil sie zu blöd sind zu wissen, was sie wollen.

Und deswegen finde ich es gerechtfertigt, diese drei Debatten in einen Beitrag zusammenzufassen. Nicht nur, weil jede einzelne davon nicht genug hergibt für mich, sondern auch, weil sie alle gemeinsam – natürlich nicht ausnahmslos – ein Prinzip ignorieren, von dem ich mir wünschte, es wäre selbstverständlich: Äußerungen sind nach ihrem Inhalt zu bewerten, und nicht danach, woher sie kommen. Und weil die Teilnehmerinnen es unter anderem deshalb nicht schaffen, eine wirklich rationale Debatte zu führen, sondern größtenteils aneinander vorbei reden bzw. –schreien, wie unsere öffentlichen Debatten das so gerne tun.

Oder was meint ihr?


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