Anlagenbetrug

Jaha, was ich verspreche, das halte ich auch, da oben kann man’s sehen.

Letzte Woche Gestern Heute Jetzt hatte ich ein Erlebnis, das einige Fragen aufgeworfen hat und das ich deshalb hier festhalten will. 

Ich hatte mir jemandes Auto geliehen mit der Maßgabe, dass ich es bei der Gelegenheit waschen und den Luftdruck der Reifen prüfen würde. Ich fuhr also zu einer Tankstelle und stellte das Auto so vor die Waschanlage, dass der darin befindliche silberne Opel auch noch wieder rauskommen konnte. (Es war eine Waschanlage, aus der man rückwärts wieder rausfahren muss.) Da die Lufttankstelle gerade von einem Anhängergespann komplett blockiert war, blieb mir kein anderer Zeitvertreib, als schon einmal die Waschkarte zu kaufen. Dabei kam mir unsicheren Ganges ein älterer Herr in einem schmutzigen Wollpullover entgegen, der roch, als hätte er die letzten Tage in einem Spiritusfass treibend verbracht. Als ich zu der Waschanlage zurückkehrte, war er gerade dabei, sich mühsam an seinem Auto entlang zur Fahrertür zu tasten, krabbelte hinein und fuhr sehr langsam weg.

Wäre es meine verdammte Bürgerpflicht gewesen, diesen Mann unter Zuhilfenahme unmittelbaren Zwanges aus seinem Auto zu zerren und ihn vom Fahren abzuhalten? Ich denke schon. Ich habe es trotzdem nicht getan, und ich glaube, ich würde es auch in Zukunft wieder nicht tun.

Ich stieg also wieder in mein geliehenes Auto, ließ den Motor an – und sah dann zu, wie ein anderer alter Mann in einem alten Mercedes schwungvoll direkt von der Straße auf das Tankstellengrundstück und in die Waschanlage hinein fuhr. Ich dachte nicht einmal ernsthaft darüber nach, ihn darauf hinzuweisen, dass ich als erster da gewesen war. So was ist mir irgendwie zu… deutsch. Außerdem war die Lufttankstelle gerade frei, deshalb nutzte ich die Zeit, um den Reifendruck zu prüfen. Ich kam gerade rechtzeitig zur Waschanlage, um zuzusehen, wie der alte Mann nachdenklich um sein Auto herumwanderte und mit sich selbst sprach. Mir drängte sich der Schluss auf, dass dies wohl eine etwas längerfristige Aktion werden würde. Zum Glück kann man coffeeandtv auch auf dem Mobiltelefon gut lesen.

Nachdem das sorgsam ausgesuchte Waschprogramm meines Vorgängers abgeschlossen war und er sich endgültig entschieden hatte, dass dies nun wohl der richtige Zeitpunkt wäre, aus der Anlage herausfahren, ließ ich abermals den Motor an und sah aus den Augenwinkeln gerade noch eine etwas verkniffen wirkende Frau mittleren Alters in einem riesigen Geländewagen zielstrebig auf die Waschanlage zufahren.

Ich weiß gar nicht so genau, was mich geritten hat. Sie sah wirklich so aus, als wollte sie es auf eine Kollision ankommen lassen, aber ich fuhr trotzdem. Vielleicht einfach nur, weil sie so dermaßen unsympathisch wirkte. Vielleicht auch, weil es nicht mein Auto war. Ich gewann unser kleines Angsthasenspiel, allerdings um den Preis, dass ich noch ziemlich umständlich herummanövrieren musste, bevor der Wagen richtig in der Anlage stand. Es klopfte an meiner Scheibe. Ich öffnete.

„So geht das aber nicht, ich warte hier schon ganz lange, ich bin jetzt als nächste dran.“

Sie hatte eine genauso unangenehme Stimme, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich antwortete, selbst ein bisschen grantig:

„Ich war schon vor dem Herrn in dem Mercedes da, und ich wasche jetzt dieses Auto.“

„Das stimmt ja gar nicht! Ich bin jetzt dran! Ich warte hier schon ganz lange!“

Ich schloss das Fenster. Sie schimpfte noch ein bisschen, während sie zu ihrem Geländewagen zurückstapfte. Ende der Geschichte. Was ich damit sagen will? Ich habe manchmal den Verdacht, dass es Situationen gibt, in denen man sich gar nicht richtig verhalten kann.

2 Responses to Anlagenbetrug

  1. Philipp sagt:

    Moin,
    Solche Momente hab ich auch manchmal. Und ich stell mir auch die Frage, ob ichs nicht hätte anders machen sollen. Aber wenn ich die Frage nicht eindeutig beantworten kann, dann ist die Antwort einfach Nein. Du hast es halt so gemacht und kannst es nicht mehr ändern. Wenn du nochmal in die gleiche Situation kommst, kannst du ja zurückdenken und dir überlegen wie du dem Konflikt mit der Geländewagenfrau aus dem Weg gehst (oder vielleicht auch nicht, wie du willst). Aber stundenland den Kopf über eine Frage zerbrechen, die du dann doch nicht beantworten kannst …

  2. […] Wer einmal selbst ganz anschaulich erfahren will, wie dünn und brüchig der Firnis der Zivilisation über der steinzeitlichen Natur des modernen Menschen ist, der muss anscheinend nur eine Waschanlage besuchen. […]

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